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In der U-Bahn

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24.05.2021
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In der U-Bahn

Mai 2021, München

Jonathan verspürte Nervosität, als er an diesem Morgen in die U-Bahn stieg. Seit die Situation in Nahost eskaliert war, wurden in Deutschland vermehrt Menschen jüdischen Glaubens und deren Synagogen angegriffen oder erhielten Hassnachrichten und Drohungen. Seine Schwester Rebecca hatte ihm deshalb verboten, die Kippa weiter in der Öffentlichkeit zu tragen. Doch Jonathan konnte und wollte sie nicht absetzen. Sie war doch ein Teil von ihm. Ein sehr bedeutender Teil. Dennoch hatte er sich an diesem Morgen für eine Kippa in einer ähnlichen Farbe wie seine Haarfarbe entschieden. So fiel er nicht allzu sehr auf.

Jonathan setzte sich auf einen freien Platz in der Ecke und fuhr fort, im Talmud zu lesen. Das tat er immer auf dem Weg zur Arbeit. Es gab ihm Kraft und Motivation für den Tag und er sah nicht ein, dass er das nun ändern sollte, nur weil einige Leute ein Problem mit seiner Identität hatten.

Im Augenwinkel sah Jonathan, wie sich jemand ihm gegenüber setzte. Er beachtete den Anderen nicht, sondern konzentrierte sich weiter auf sein Buch, auch als ihm auf einmal ein Tritt gegen sein Schienbein versetzt wurde.

„Hey du, Jude!“ Erneut ein Tritt.

Jonathan versuchte, den Mann zu ignorieren, aber er merkte, wie er schwitzte und sich Angst in ihm breit machte. Im Stillen hoffte er, dass jemand dazwischen gehen und man ihn in Ruhe lassen würde. Er tat doch niemandem etwas. Er wollte nur etwas Energie tanken, um dann fit und motiviert in den Alltag zu starten.

„Ich rede mit dir!“

Der Mann gab nicht so schnell auf. Und ehe sich Jonathan versah, hatte ihm sein Gegenüber den Talmud aus der Hand gerissen. Er blätterte ihn kurz durch und warf ihn dann verachtend in die Mitte der U-Bahn.

„Hat man dich vergessen, oder was?“

Jonathan schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Dabei klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Er wollte sich nicht wehren, wollte nicht sündigen, wenn er seinem Angreifer ärgerliche Worte an den Kopf warf. Außerdem wäre er in dieser Verfassung sowieso nicht in der Lage dazu gewesen.

Der junge Mann zuckte zusammen, als jemand seine starke Hand auf die Schulter seines Gegenübers warf. Vorsichtig sah er auf und erblickte einen südländisch aussehenden Mann mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Er hielt seinen Talmud in der Hand und bedeutete dem Angreifer mit einer strengen Kopfbewegung aufzustehen.

Widerwillig gehorchte der Mann und der kräftige Fremde half nach, schob ihn bei der nächsten Haltestelle aus der U-Bahn. Er setzte sich Jonathan gegenüber, reichte ihm den Talmud. „Alles okay?“

Jonathan nickte nur und umklammerte sein Buch.

„Wo steigst du aus?“, wollte der unbekannte Helfer wissen.

Jonathan sah ihn an. „Äh…Garching.“

Der Mann nickte. „Gut.“ Er setzte sich bequemer hin und faltete die Hände auf seinem Schoß zusammen.

Jonathan musterte ihn kurz und wandte sich wieder dem Lesen zu.

„Was liest du da?“, erkundigte sich der Andere.

„Den Talmud“, antwortete Jonathan knapp und hoffte dabei, dass der Mann nicht weiterfragte. Er wollte nicht mehr erklären. Die U-Bahn war voll und er hatte das Gefühl, dass ihn plötzlich jeder ansah. Er schämte sich. Für das, was er war. Für seine Kippa. Den Talmud in seiner Hand. Und dabei fühlte er sich schlecht. Er wusste, dass es falsch war, sich zu schämen. Sich selbst, seiner Gemeinde und vor allem Gott gegenüber. Gerade in Zeiten der Anfeindungen mussten sie sich zeigen. Nur so konnte man – vielleicht – den Antisemitismus wieder etwas ausbremsen. Indem man jüdische Symbole offen zeigte, freundlich war…und zeigte, dass man ebenso deutsch war wie alle anderen. Aber es war so schwierig und Jonathan hatte Angst. Diese Tipps waren gut und schön. Doch was halfen sie, wenn er allein in der überfüllten U-Bahn saß und niemand kam, der ihm im Falle einer Anfeindung half?

„Ist der Talmud bei euch so etwas wie bei uns der Koran?“, fragte sein Gegenüber da und Jonathan sah auf. Wie bitte? Sein Helfer war Muslim?

„Nein“, antwortete Jonathan, indem er sein Buch zuklappte und den Mann ansah. „Der Talmud lehrt uns, wie man sich im Leben richtig verhält. Darin enthalten sind zum Beispiel Speisevorschriften oder Erklärungen und Auslegungen der Gebote Gottes.“

„Klingt gut“, kam die Antwort. „Darf ich mal?“

Jonathan reichte dem Anderen seinen Talmud und der blätterte ihn kurz durch. Hier und da las er einige Zeilen und nickte dabei immer wieder. Schließlich gab er ihm das Buch zurück. „Klingt gut. Ich bin übrigens Rashid.“

Jonathan lächelte unter seiner Maske. „Jonathan. Danke übrigens für vorhin. Ich hatte richtig Angst.“

„Schon gut, ich hab das gern gemacht. Ich muss leider an der nächsten Station aussteigen. Kommst du zurecht?"

Jonathan nickte. „Danke.“

Sein Gegenüber erwiderte sein Nicken und stand auf. „Alles Gute! Und den nächsten Angriff würde ich sofort der Polizei melden. Wozu leben wir in einem Rechtsstaat?“ Er winkte Jonathan noch einmal und stieg aus.

Der junge Mann beobachtete, wie er zur Rolltreppe spazierte. Dann gingen die Türen zu und die U-Bahn setzte sich wieder in Bewegung.

Unfreundliche Blicke eines Paares neben ihm ließen Jonathan plötzlich wieder schwitzen. Im nächsten Augenblick standen die beiden auch schon auf und suchten sich einen anderen Platz.

Jonathan sah auf, als eine ältere Frau vor ihm stand. „Darf ich?“, fragte sie freundlich und zeigte dabei auf den Platz ihm gegenüber.

Jonathan nickte. „Bitte.“

„Danke.“ Die Frau setzte sich und nickte auf seine Kippa. „Schön, dass Sie die tragen“, meinte sie. „Das ist wichtig. Sie dürfen sich nicht einschüchtern lassen.“

Jonathan musterte die Frau und da sah er, dass sie Davidsstern-Ohrringe trug.

Die Frau schien seinen Blick bemerkt zu haben. „Nein, ich bin keine Jüdin“, sagte sie. „Aber ich bin gegen jegliche Art der Diskriminierung und trage diese Symbole quasi als Zeichen der Solidarität. Wissen Sie: Früher gehörte ich auch zu denen, die Synagogen beschmierten oder Kippa-Träger anpöbelten. Aber dann lernte ich in meiner Uni-Zeit zwei jüdische Mitstudenten kennen. Wir freundeten uns an. Sie wurden meine besten Freunde – und sind es noch. Deshalb ist mein Motto: Lerne den anderen kennen, bevor du ihn verurteilst. In den meisten Fällen wirst du sehen, dass dein Gegenüber ein ganz normaler Mensch wie jeder andere ist. Nachplappern ohne mitzudenken kann jeder. Aber sich zu öffnen und gegen Hass und Diskriminierung aufzustehen - damit zeigt man Größe. Und tut sich selbst und der Gesellschaft damit etwas Gutes. Meinen Sie nicht?“

Jonathan nickte verwirrt. „Doch.“ Und als er sich etwas gefasst hatte, fügte er hinzu: „Danke, dass Sie sich zu mir gesetzt und mir das erzählt haben. Das hat mich sehr ermutigt. Vorhin habe ich für einen Moment überlegt, meine Kippa abzunehmen und mit dem Talmud in meinem Rucksack zu verstecken. Aber nun… Ich denke, ich werde morgen wieder meine Kippa mit Davidsstern aufsetzen. Wenn sogar Sie unsere Symbole tragen…“

„Tun Sie das!“, erwiderte die Frau erfreut und machte Platz, als Jonathan sich erhob.

„Danke“, erwiderte der. „Ich muss jetzt leider aussteigen. Aber es hat mich sehr gefreut, Sie kennengelernt zu haben.“

„Ebenfalls, junger Mann.“ Die Frau winkte ihm und Jonathan trat aus der U-Bahn nach draußen. Ja, das Leben war wirklich zu kurz, um sich zu verstecken. Und wenn er es sich recht überlegte: Die meisten Menschen hasteten an ihm vorbei ohne sich ihn genauer anzusehen. Sie hatten kein Problem mit ihm. Das heute war eine Ausnahme. Eine traurige, aber dennoch: Es gab bestimmt noch mehr Leute da draußen, die Größe zeigten und aufstanden, wenn jemandem wie ihm Unrecht geschah. Die etwas unternahmen. Er würde seine Kippa jedenfalls weiterhin tragen. Und den Leuten mit seiner Freundlichkeit jeglichen Grund nehmen, ihn zu hassen.

 
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Hi @IsiC

Danke für deine Geschichte. Danke und herzlich willkommen bei den Wortkriegen, von meiner Seite.
Es ist eine schöne aktuelle Geschichte über Rassismus. Sie ist klar und doch Komplex. Ich habe sie gerne gelesen. Ich finde dass Du gut schreibst. Und genau das aufdeckst was im Leben eben entsteht. Wir sind Menschen und es gibt keine klaren Bilder.

Er wollte nur etwas Energie tanken, um dann fit und motiviert in den Alltag zu starten.
würde ich weglassen. Der Satz scheint mir unnötig.
„Ist der Talmud bei euch so etwas wie bei uns der Koran?“, fragte sein Gegenüber da und Jonathan sah auf. Wie bitte? Sein Helfer war Muslim?
Ja, sowie das Leben spielt. Rashid wird wohl ähnliche Situationen auch schon erfahren haben.
Sein Gegenüber erwiderte sein Nicken und stand auf. „Alles Gute! Und den nächsten Angriff würde ich sofort der Polizei melden. Wozu leben wir in einem Rechtsstaat?“ Er winkte Jonathan noch einmal und stieg aus.
Die beiden fühlen sich verbunden, wollen sich helfen.
Jonathan nickte verwirrt. „Doch.“ Und als er sich etwas gefasst hatte, fügte er hinzu: „Danke, dass Sie sich zu mir gesetzt und mir das erzählt haben. Das hat mich sehr ermutigt. Vorhin habe ich für einen Moment überlegt, meine Kippa abzunehmen und mit dem Talmud in meinem Rucksack zu verstecken. Aber nun… Ich denke, ich werde morgen wieder meine Kippa mit Davidsstern aufsetzen. Wenn sogar Sie unsere Symbole tragen…“
Und da kommt noch die dritte im Bunde. Schön. Du zeigst auf, dass es viele Haltungen gibt und Du trittst mit ihr aus der Binarität. Dass gefällt mir. Das Leben ist nicht binär.

Man könnte Dir zwar unterstellen die Figuren absichtlich so dicht in eine Geschichte gepackt zu haben, es kommt etwas gekünstelt, denn du legst eine These als Geschichte dar. Sie hat mir gut gefallen.

freue mich andere Geschichten von Dir zu lesen.
Mir freundlichen Sonntagsgrüßen vom Pfingstmontag.

G.

 
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29.12.2020
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Hallo @IsiC,

eine sehr schöne, aktuelle, wichtige Geschichte!

Jonathan verspürte Nervosität, als er an diesem Morgen in die U-Bahn stieg.
Als erster Satz, der natürlich Neugier wecken soll und zum Weiterlesen animieren soll, würde dieser deutlich besser funktionieren, wenn du nicht nur das Wort “Nervosität“ benutzt, sondern sie beschreibst, zum Beispiel guckt er sich immer wieder um, zittert, atmet schnell, kann sich auf nichts konzentrieren...

Der junge Mann zuckte zusammen, als jemand seine starke Hand auf die Schulter seines Gegenübers warf.
Vielleicht mit “Als jemand...“ anfangen, damit man gleich weiß, dass jetzt eine andere Person da ist.

Allgemein fand ich beim Lesen, dass das Gesagte etwas realistischer sein könnte, zum Beispiel, dass Jonathan fast nichts sagt, nachdem er angegriffen und dann doch “gerettet“ wird. Aber auch, als die Frau plötzlich richtig viel sagt, ist etwas unrealistisch und man merkt, dass das jetzt vom Autor gewollt ist, aber nicht natürlich wirkt.

Interessant wäre es zu wissen, was passiert wäre, wenn niemand ihm geholfen hätte, denn es klingt, als würde Jonathan sich dann nicht wehren. Da dachte ich am Ende der Geschichte, dass das Problem der Judenfeindlichkeit ja nicht gelöst ist, er, oder irgendein anderer jüdischen Glaubens, angegriffen werden kann und was dann? Trotzdem eine relevante Geschichte mit einer guten Message, mag ich!

Viele Grüße!
Max

 
Monster-WG
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Hallo @IsiC :-)

Herzlich Willkommen hier im Forum. Bitte nehme meine Anmerkungen als das, was sie sind: Anmerkungen, mehr nicht, ich lese sehr gerne und schreibe hie und da und gebe meinen Senf dazu.

Die Sprache deiner Geschichte schätze ich sehr. Du schreibst ruhig, bewusst (vielleicht auch zu bewusst), angenehm fehlerfrei und ausgewogen. Mit Ausgewogenheit meine ich: Der Text wirkt in sich geschlossen, kein Text, der von einer besonderen sprachlichen Kreativität lebt - muss er auch nicht. Vielleicht an dieser Stelle -

Jonathan sah ihn an. „Äh…Garching.“
- könntest du das "Äh..." weglassen. Umgangssprache passt nicht zu deinem Text.

Zum Inhalt:

In der U-Bahn
Der öffentliche Nahverkehr dient als beliebtes Motiv für Geschichten des täglichen Alltagsrassismus. Vielleicht, weil Mobilität im Alltag eine der profansten, langweiligsten und notwendigsten Tätigkeiten ist, die ein Mensch in der Öffentlichkeit ausübt. Kennt ja jeder. Man muss ja zur Arbeit. Oder Schule. Oder zum Freund. So alltäglich - ähnlich dem Alltagsrassimus. Sprich so allgegenwärtig. Aber - in der U-Bahn ist ein Mensch einem Angriff ausgesetzt. Er kann nicht fliehen. Er kann nur warten bis zum nächsten Bahnhof. Somit steckt hinter jeder Alltagsrassimus-Story im ÖPNV ein sozialpsychologisches Motiv: Wie reagieren eigentlich die Anwesenden? Schauen die weg? Schauen die hin? Nur sie können in deiner Story die Hilflosigkeit Jonathans auflösen.

Trotz der Kürze weist dein Text eine Vielzahl von handelnden Figuren auf.

- Jonathan
- einen Mann, der ihn rassistisch beleidigt
- Rashid, der Jonathan vor dem Mann beschützt
- eine Frau, die Davidsterne als Ohrringe trägt
- Jonathans Schwester Rebecca, die zu Beginn kurz erwähnt wird

Eine solche "Figurenzahl" bei einem so kurzen Text reduziert natürlich die charakterliche Komplexität. Ich lese in deinem Text keine Figuren oder Charaktere sondern Symbole. Alle Personen, die du erwähnst, stehen für etwas.

Jonathan für das Judentum. Von Jonathan erfahre ich jenseits seiner tiefen Religiösität sehr wenig. Er lebt in München, fährt morgens mit der U-Bahn. Seine Schwester Rebecca scheint Einfluss ausüben zu wollen, sie verbietet ihm das Tragen der Kippa. Auf mich wirkt er sehr ruhig. Kein untypisches Bild für religiöse Menschen, der introvertierte Mensch, der sich in sein eigenes Glaubenssystem zurückzieht und mit hoher Gewissenhaftigkeit religiösen Regeln folgt.

Stell dir mal vor, Jonathan wäre ein richtiges A****. Er schlägt Rebecca, terrorisiert die Familie mit arroganten Sprüchen, setzt sich die Kippa auf, steigt in die U-Bahn und wird antisemitisch attackiert. Das wäre für deinen Text ein ganz anderes Spannungsfeld. Denn ich als Leser müsste zwischen zwei gegensätzlichen Emotionen agieren: Ich will Jonathan als Jude schützen, gleichzeitig empfinde ich aber Abscheu gegen sein unmoralisches Handeln.

Jonathan setzte sich auf einen freien Platz in der Ecke und fuhr fort, im Talmud zu lesen. Das tat er immer auf dem Weg zur Arbeit. Es gab ihm Kraft und Motivation für den Tag und er sah nicht ein, dass er das nun ändern sollte, nur weil einige Leute ein Problem mit seiner Identität hatten.
Hier erklärst du als Autor. Ja, ihm ist der Talmud wichtig. Aber aus meiner Sicht musst du das gar nicht erklären. Durch eine solche Erklärung kann man dem Text eine weitere Figur hinzufügen: Dich als Autor. Wäre dein Text ein Film, du als Autor stoppst den Film und erklärst dem Publikum die Rolle des Talmuds in Jonathans Leben. Sowohl durch die Erklärungen als auch durch den hohen Symbolgehalt der Figuren habe ich deinen Text als sehr "pädagogisch" wahrgenommen. Das ist ein Text, den ich mit Vernunft lese: Ja, so ist das also. Auf eine eigene Weise sehr brav, vielleicht verkopft.
Jonathan schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Dabei klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Er wollte sich nicht wehren, wollte nicht sündigen, wenn er seinem Angreifer ärgerliche Worte an den Kopf warf.
Und Jonathan ist eben ein sehr, sehr braver Mensch. Der Mann greift Jonathan verbal an. Jonathan, in seinem eigenen Glaubenssystem verhaftet, hält eine Reaktion für Sünde. Dazu gehören bereits ärgerliche Worte. So lese ich hier ein überraschend einfaches Bild von Gut vs. Böse.

Der junge Mann zuckte zusammen, als jemand seine starke Hand auf die Schulter seines Gegenübers warf. Vorsichtig sah er auf und erblickte einen südländisch aussehenden Mann mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Er hielt seinen Talmud in der Hand und bedeutete dem Angreifer mit einer strengen Kopfbewegung aufzustehen.
Der Helfer, Rashid, ist natürlich ein Muslim. Er hilft, er fragt freundlich nach. Die Botschaft ist recht klar: Trotz des Nahostkonflikts erkundigt sich ein Muslim freundlich nach dem Talmud. Die scheinbaren Grenzen zwischen den Religionen aufgehoben; Respekt siegt über Gewalt. Das ist eine sehr schöne Botschaft, Lessing zieht den Ring schon auf, sie wird in deinem Text aber sehr, sehr deutlich präsentiert, so deutlich, dass der Text für mich - wie gesagt - pädagogisch, fabel-artig wirkte.

„Ist der Talmud bei euch so etwas wie bei uns der Koran?“, fragte sein Gegenüber da und Jonathan sah auf. Wie bitte? Sein Helfer war Muslim? „Nein“, antwortete Jonathan, indem er sein Buch zuklappte und den Mann ansah. „Der Talmud lehrt uns, wie man sich im Leben richtig verhält. Darin enthalten sind zum Beispiel Speisevorschriften oder Erklärungen und Auslegungen der Gebote Gottes.“ „Klingt gut“, kam die Antwort. „Darf ich mal?“
Ohne zu kritisch zu klingen: Hier spricht nicht Jonathan, hier sprichst du als Autor. Hier sprechen keine Figuren miteinander. Das ist ein hartes Urteil, irgendwo las ich mal: "Typisch deutscher Dialog". Du hast eine weitere Stelle:
„Alles Gute! Und den nächsten Angriff würde ich sofort der Polizei melden. Wozu leben wir in einem Rechtsstaat?
Ist ja auch richtig so. Ein Angriff, ich lebe im Rechtsstaat, das muss man bei der örtlichen Polizeibehörde melden. Dort wird mir ein Formular gegeben, auf dem ich im Feld "Grund der Anzeige" das Kreuzchen bei "Rassistische Attacke" mache. Neben dem Feld trage ich den Ländercode ein. Auf Nachfrage teilt mir der Polizist freundlich mit, dass "antisemtische Attacke" mit "Staat Israel" gleichzusetzen ist und mit einer "21" codiert ist. Es gibt Kaffee und auf dem Schreibtisch steht ein Maiglöckchenstrauß.

Jetzt habe ich ein wenig persifliert, entschuldige. Die Frage lautet: Spricht Rashid so? Sprechen Menschen so? Das ist keine Frage, die ich beantworten kann, aber Rashids Sprache reflektiert auch nur das Milieu, in dem er aufgewachsen ist. Hier spricht Rashid als Lehrer - als einer, der nach einer antisemitischen Attacke einen ruhigen Tipp gibt: Geh mal zur Polizei. Er könnte ja auch zum Angreifer sagen: Hurensohn, verpiss dich und Jonathan Kurse im Krav Maga Institut empfehlen.

Die Frau schien seinen Blick bemerkt zu haben. „Nein, ich bin keine Jüdin“, sagte sie. „Aber ich bin gegen jegliche Art der Diskriminierung und trage diese Symbole quasi als Zeichen der Solidarität. Wissen Sie: Früher gehörte ich auch zu denen, die Synagogen beschmierten oder Kippa-Träger anpöbelten. Aber dann lernte ich in meiner Uni-Zeit zwei jüdische Mitstudenten kennen. Wir freundeten uns an. Sie wurden meine besten Freunde – und sind es noch. Deshalb ist mein Motto: Lerne den anderen kennen, bevor du ihn verurteilst.
Die Frau steht für das Saulus-Paulus-Motiv. Sie war eine Antisemitin und überraschenderweise lernte sie im Studium zwei jüdische Mitstudenten kennen, die ihr zeigten, dass Juden auch nur Menschen sind, aus Feinden wurden beste Kumpels. Das ist oft Stoff für ganze Romane. Ich weiß nicht, ich stehe etwas kritisch zu der Art, wie du das Motiv schilderst. Die sehr korrekte Botschaft des Textes nach friedlichem Miteinander und Solidarität lässt den Abschnitt überraschend oberflächlich wirken. Ich frage mich: Kann die Frau das so vortragen? Sie redet ja wie Rashid. Auch der Lehrer. Mit einem Appell ans Publikum, fett markiert.

Wie gesagt: Reine Anmerkung meinerseits, wenn du das so darstellen wolltest, in Ordnung. Bitte nehme das also nicht zu ernst, was ich hier geschrieben habe. Es sind nur Ideen. Ich finde deine Sprache sehr, sehr gut. Ich glaube jedoch, dass dein Text - wenn die Figuren etwas weniger symbolhaft wirken, etwas weniger politisch korrekt wie politisch inkorrekt agieren, wenn die Botschaft nicht so klar präsentiert, wenn vielleicht ein untypischeres Setting gewählt wird, mehr Leser:innen gewinnen könnte. Aber das nur als Idee. Ich freue mich auf weitere Geschichten von Dir.

Lg
kiroly

 
Seniors
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28.12.2009
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Hallo,

Früher gehörte ich auch zu denen, die Synagogen beschmierten oder Kippa-Träger anpöbelten. Aber dann lernte ich in meiner Uni-Zeit zwei jüdische Mitstudenten kennen. Wir freundeten uns an.

Warum sollte jemand, der schon so radikal antisemitisch handelt, sich überhaupt mit zwei jüdischen Mitmenschen so intensiv befassen, dass er sie sogar befreundet? Da bröselt dein ganzer Text auseinander.

„Ist der Talmud bei euch so etwas wie bei uns der Koran?“, fragte sein Gegenüber da und Jonathan sah auf. Wie bitte? Sein Helfer war Muslim?
Natürlich muss der Retter ein Muslim sein. Es kann gar nicht anders sein. Das ist einfach ein so übles Klischee, so erwartbar, ich weiß nicht ... was soll hier die Aussage sein? Es gibt auch Muslime, die keine Anti-Semiten sind und sich gegen Gewalt einsetzen? Dann wird aber im Text schon wieder mit Stereotypen hantiert: südländisches Aussehen. Was soll das sein? Das ist schon selber ein Klischee in sich.

„Nein“, antwortete Jonathan, indem er sein Buch zuklappte und den Mann ansah. „Der Talmud lehrt uns, wie man sich im Leben richtig verhält. Darin enthalten sind zum Beispiel Speisevorschriften oder Erklärungen und Auslegungen der Gebote Gottes.“
Macht der Koran und jede andere x-beliebige religiöse Schrift nicht genau das? Den Gläubigen Vorschriften machen? Die Muslime dürfen kein Schwein essen, keinen Alkohol trinken etc ... ist sachlich also falsch, deine Aussage.


Jonathan musterte die Frau und da sah er, dass sie Davidsstern-Ohrringe trug. Die Frau schien seinen Blick bemerkt zu haben. „Nein, ich bin keine Jüdin“, sagte sie. „Aber ich bin gegen jegliche Art der Diskriminierung und trage diese Symbole quasi als Zeichen der Solidarität.

Ein wenig wie der White-Savior Komplex in Hollywoodfilmen, nur anders. Warum taucht da diese Frau auf? Welche Funktion hat sie in der Geschichte? Das sie nochmal unterstreicht, dass Gewalt gegen Juden oder insgesamt Gewalt nicht besonders toll ist? Dieser ganze Dialog ist einfach vollkommen unglaubwürdig, das liest sich wie aus einem Schulbuch. So redet niemand. Das sind Pappfiguren und keine echten Charaktere in deiner Geschichte. Die sind nur da, um eine Botschaft zu vermitteln. Mehr nicht.

In deinem Text lauert Agenda. Wenn ich das bemerke, egal bei welchem Text, höre ich auf zu lesen. Literatur muss aus sich selbst heraus funktionieren. "Über etwas" schreiben klappt nie. Das ist wie so eine Aufgabe in Schreibkursen: Heute schreiben wir eine Geschichte über Anti-Semitismus. Die muss natürlich ein gutes Ende haben und auch irgendwie ein Lehrstück sein. Du holst hier aber einfach den dicken Holzhammer raus. Verstehe mich nicht falsch: Anti-Semitismus, wichtiges Thema, aber nicht in dieser zuckrigen, rührseligen Mischung. das ist der Brisanz dieses Themas einfach unangemessen, wie ich finde.

Gruss, Jimmy

 
Seniors
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08.01.2002
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Hallo @IsiC,

herzlich willkommen bei uns Wortkriegern und wie ich grad so bei einem leicht oberflächlichem Blick über meine Vorkritiker sehen konnte, musstest du schon ein bisschen was einstecken.
Leider zu Recht, denn auch ich habe einiges anzumerken, was mir an der Geschichte nicht so gut gefiel.
Ich finde, wenn man gezielt über Rassismus schreiben möchte, dann sollte man unbedingt vermeiden, dass am Ende eine sog. Gutmenschengeschichte draus wird. Mit Gutmenschengeschichte meine ich einen Text, der wie in den leider meisten Hollywoodfilmen dick aufträgt in Bezug auf das bösartige und auf der anderen Seite gutartige Verhalten der Figuren.
Ich sehe ein, dass man beim Thema Rassismus irgendwie nie drum herum kommt, wenigstens eine der beiden Seiten darzustellen, aber sobald es den Touch des Schwarz-Weiß-Malens bekommt, wirkt so etwas unglaubwürdig und man erreicht am Ende womöglich noch, dass der gutgemeinte Ansatz eine Anti-Rassismus-Geschichte zu schreiben, kippt und scheitert.
Du hast du vielleicht zu viel vorgenommen, dennoch ehrt es dich, dass du es versucht hast, das ist für mich gar keine Frage und auch der Grund, weshalb ich diese Kritik schreibe.

Vielleicht helfen dir ja meine und die Bemerkungen der anderen dabei, künftig einfach pfiffiger an das Thema heran zu gehen.

Was mir gefehlt hat, ist eine lebendige Diskussion mit seiner Schwester. Die warnt ihn und er ignoriert das. Aber hier hättest du sehr viele Charaktermomente deines Protagonisten verbraten können. Wie antwortet er ihr, was antwortet er, wie argumentiert er, argumentiert er überhaupt, schweigt er vielleicht nur, wechselt das Thema...was auch immer. Mir fehlt hier die Auseinandersetzung, die im übrigen auch geeignet wäre, die Spannung innerhalb des Textes zu erhöhen.

in Deutschland vermehrt Menschen jüdischen Glaubens und deren Synagogen angegriffen oder erhielten Hassnachrichten und Drohungen.
Ich bin darüber gestolpert, dass du es so als Aufzählung in einen Satz gepackt hast. Dadurch wirkt es nicht mehr so schlimm. Es ist aber mehr als schlimm, dass Synagogen angegriffen werden und ebenso schlimm ist es, dass Hassnachrichten und Drohungen gegen einzelne Personen ergehen. Mein Eindruck ist immer der, dass man die Wuchtigkeit aus den Sachverhalten nimmt, wenn man zu viele davon in einen Satz packt.
Ich würde zwei Sätze draus machen und damit der Aufzählung der Straftaten, die gegen Juden begangen werden, mehr Wuchtigkeit und Bedeutung zu geben.
Es gab ihm Kraft und Motivation für den Tag
Das ist ein sehr nichtssagender Satz. Was gab ihm genau Kraft und Motivation und die Antwort lautet dann nicht: das Lesen des Talmud, sondern was genau läuft da in der Person ab, wenn sie welche Worte liest? Entweder, du lässt diese Aussage ganz weg oder du wirst ausführlicher, aber so ist sie nichtssagend und führt mich nicht näher an Jonathan heran. Er bleibt innerhalb der gesamten Geschichte sehr blass, du verschenkst unter Umständen an dieser Stelle die Möglichkeit, ihn besser charakterlich darstellen zu können.
Außerdem wäre er in dieser Verfassung sowieso nicht in der Lage dazu gewesen.
Mit diesem Satz kippst du das, was Jonathan vorher denkt, wieder um. Er redet sich ja fast mantramäßig ein, dass es Sinn macht, sich an die Regeln zu halten und still und friedlich zu bleiben. Schreibst du aber als nächsten Satz, dass er sowieso nicht dazu in der Lage gewesen wäre, weil ....dann führt das dazu, dass er im Grunde nicht das glaubt, was er denkt, weil er sich noch völlig neue Argumente anderer Art dazu holt. Wolltest du das so?
Sicherlich könnte er ein ganzes Bündel an Gründen haben, und sicherlich könnten auch all diese Gründe und Argumente in solch einer Situation durcheinander wirbeln und zwar völlig ungeordnet. Aber dann müsstest du sein Gedankenchaos auch so darstellen.
Doch was halfen sie, wenn er allein in der überfüllten U-Bahn saß und niemand kam, der ihm im Falle einer Anfeindung half?
An diese Stelle gehört dieser Satz nun wirklich nicht, denn er hat ja gerade ! Hilfe bekommen und das sogar richtig gut. An jeder anderen Stelle des Textes würde ich nicht drüber fallen, hier aber schon.
Der junge Mann zuckte zusammen, als jemand seine starke Hand auf die Schulter seines Gegenübers warf. Vorsichtig sah er auf
Du willst vermutlich vermeiden, laufend den Satz mit Jonathan zu beginnen, aber hier habe ich zweimal lesen müssen, welcher junge Mann gemeint war. Schreib einfach Jonathan.
Der junge Mann beobachtete, wie er zur Rolltreppe spazierte.
Auch hier wirkt es befremdlich, denn wir kennen ihn als Jonathan.
Und wenn er es sich recht überlegte: Die meisten Menschen hasteten an ihm vorbei ohne sich ihn genauer anzusehen.
Wieder so ein Gedankendreher. Eben noch ist er voller Mut und Tatendrang, sich nicht klein kriegen zu lassen, die Kippa zu tragen und den Talmud zu lesen und dann fällt ihm als hilfreiches Argument ein, dass sowieso die meisten Leute ihn gar nicht genauer ansehen?
Denkt er das jetzt wirklich so? Das macht im Grunde seinen Entschluss, mutig zu sein, wieder zunichte, weil er sich auf das Nichtbeachtetwerden stützt.


Lieben Gruß
lakita

 

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