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Irgendwie

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15.07.2001
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Irgendwie

Er war alt. Er merkte es jedes Mal, wenn er zu schnell die Treppe hochgegangen war. Dann stand er da, in seinem alten Mantel und keuchte. Keuchte und fluchte über sein Alter. Natürlich half das nichts. Aber es verschaffte ihm Genugtuung. Wie ein kleines Kind, das das Tischeck schimpft, an dem es sich den Schädel angeschlagen hat. Albern. Vielleicht ein wenig verschroben. Ein alter Mann. Mit der Zeit entwickelten sich gewisse Macken. Einige verschwanden, die hartnäckigen verfestigten sich und führten dazu, daß Außenstehende so oft den Kopf über ihn schüttelten. Wenn sie ihn überhaupt wahrnahmen. Er hatte sich daran gewöhnt. Es fiel ihm nicht auf. Die Jahre hatten seinen Blick getrübt. Mein Gott waren es viele. Wie viele genau? 77? 78? Egal. Was änderte es? Nichts. Mit solchen Dingen beschäftigte er sich nicht mehr. Er wollte sich nicht eingestehen, daß sein Gedächtnis nur noch ein Schatten seiner selbst war.
Wie viele Eier mußte er kaufen? Da, schon wieder. Einen Kuchen wollte er backen. Für den besten Freund, den er je gehabt hatte. Den einzigen. Heute war sein Geburtstag. Wäre sein Geburtstag gewesen. Wenn er nicht vor wie vielen Jahren gestorben wäre? Elf Jahre war er ihm nicht von der Seite gewichen. Treu und ergeben. Anpassungsfähig. Bis er eines Tages mit Schaum vor dem Mund durch die Wohnung hetzte und wie von Sinnen gegen die Wand donnerte. Es klang, als würde man eine Autotür zuschlagen. Auf. Zu. Wenigstens konnte er sich die Kosten fürs Einschläfern sparen. Hatte alles auch Vorteile.
Seitdem pilgerte der alte Mann einmal ihm Jahr zu der Stelle, wo sein bester Freund begraben lag. Mit dabei die rote Kunstledertasche. Darin schwitzte der Geburtstagskuchen in der Tuppadose . Den hatte er so gerne gefressen. Gut war es nicht für ihn gewesen. Sein Gebiss glich am Ende einer Ruine.
Vor der Kühltheke. Das Licht war grell. Er mußte die Augen zusammenkneifen, um irgendetwas zu erkennen. „Entschuldigen Sie, wo kann ich den Diätjoghurt finden?“ Die fragende Dame war zu ungeduldig, als daß er Zeit gehabt hätte, ihr zu antworten. Er hatte noch nicht einmal zu Ende gezögert, da war sie bereits hinter dem nächsten Regal verschwunden. Hätte es sowieso nicht gewußt. Diätjoghurt. Die rote Nase wanderte tiefer in Kühltheke. Ein Schmunzeln huschte über seine Lippen. Er sah nun wirklich nicht wie ein Verkäufer aus. Diätjoghurt. Tststs. Den ganzen Einkaufswagen voll mit Schokolade und Chips, eine Figur wie ein Nilpferd, aber Diätjoghurt. Weil es darauf noch ankommt.
Er hatte nichts gegen übergewichtige Leute. Nein, wirklich nicht. Außer sie waren zu dick. Früher war das sein Lieblingswitz. Manchmal, in besonders höflicher Gesellaschft, erntete er zaghaftes Geläachter. Kaum wahrzunehmen. Denn er hatte sie übertönt. Die eigenen waren die besten.
Er griff sich eine Zehnerpackung Eier und bettete sie in seinen Wagen. Zehn Eier. Obwohl er nur fünf brauchte. Egal. Später sollten sie alle verfaulen. Als ob es nicht genug stinken würde. Hatte er alles? Er griff in seine Manteltasche nach der Liste. Nichts. Nur einige Pfefferminzpastillen, die sich seit dem letzten Regenspazierung zu einer klebrigen Gemeinschaft zusammengefunden hatten. Im Innenfutter? Nichts. Dafür ein großes Loch durch das seine Finger hervorlukten. Nein, der Zettel war nicht herausgefallen. Er lag auf dem Küchentisch. Vergessen. Er schob den Wagen zur Kasse. He, zur Kasse! Daß die keine anständigen Einkaufswagen herstellen können! Der rollte überall hin, nur nicht dahin, wo er sollte. Ungeschickt bugsierte der alte Mann sein Gefährt durch die Reihen aus Cornflakes und Shampoo. Ach ja, Haarspray brauchte er noch. Leider daneben gelangt. Das ist Haarschaum. Die beiden Dosen sahen sich aber auch zu ähnlich.
Bevor er zum Zahlen kam, fiel noch einiges in seinen Wagen. Zwei Packungen Linsen. Im Angebot. Einwegrasierer, Butterkekse, Zahnpasta mit Erdbeergeschmack, 200 Gramm gekochter Schinken, eine Flasche Birnensaft. Ein Päckchen Kaugummi. So aufdringlich angebracht, daß er von selbst ihn den Wagen hüpfte. Raffiniert.
Alles Dinge, die er nicht brauchte. Nur eine Frage der Aufmachung. Hie und da ein Schild auf das jemand in kindlicher Schrift „Sonderangebot“ geschrieben hatte. Viele Mühe hatte er sich dabei nicht gegeben. Die beiden letzten Buchstaben waren verschmiert. Unsauber ausgeschnitten war es auch. Seine Hand hätte so etwas nicht verlassen. Sorgfalt, Ordnung, darauf legte der alte Mann großen Wert. Seine Welt bestand aus neunzig Grad- Winkeln.
„Sechsunddreißig Mark und dreiundsiebzig.“ Erschrocken fingerte er nach seinem Portemonnaie. Bist doch noch gar nicht dran. Seniler Heini. Hast nicht einmal deine Sachen auf das Band gelegt.
Es dauerte eine Weile, bis er es merkte. Erst als die Dame vor ihm nach passenden Münzen kramte, fiel es ihm auf. Sie schnaubte ungeduldig, weil die Kassiererin nicht sofort reagierte, als sie ihr das Geld entgegenstreckte. Mit einem Blick auf die Armbanduhr gab sie zu verstehen, daß sie es eilig hatte. Sehr eilig. Und daß sie es überhaupt nicht verstand, warum der Supermarkt keine fähigen Leute anstellen konnte. Zugegeben. Die Frau an der Kasse stellte sich ungeschickt an. Tückisch, diese Kassenrolle. Währendessen inspizierte der alte Mann das riesige Plakat das über ihm baumelte. Ein eher nackte Frau streckte den Kunden ihren Hintern ins Gesicht. Wartezeitversüßung für den männlichen Part. „Watch your skin“, stand darauf. Daneben eine Tube Sonnencreme. Sonnencreme, im November? Unwichtig. Troztdem war er davon angetan. Sehr angetan, wie ein Blick auf seine Hose verriet. Peinlich. Dabei war es ganz natürlich. Den anderen erging es sicherlich nicht anders. Irgendwo hatte er gehört, daß ein ähnliches Plakat , das an einer vielbefahrenen Kreuzung hing, abgehängt werden mußte. Zu viele Unfälle. Also, ganz normal. Kein Grund zur Besorgnis.
Er war dran. Schade. Gern hätte er sich das Bild länger angesehen. Die kleinen Freuden des Lebens. Immer zu kurz. Der alte Mann zahlte und ging. Eine Tüte in jeder Hand trottete er aus dem Laden.
Es gab viele Dinge, die er nicht wußte. Zum Beispiel, daß er zu diesem Zeitpunkt noch genau drei Stunden, sechs Minuten und siebenundvierzig Sekunden zu leben hatte. Selbst wenn er es gewußt hätte, es hätte nichts geändert. Er hätte sich nicht geändert.

 
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03.01.2001
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"Er hatte nichts gegen übergewichtige Leute. Nein, wirklich nicht. Außer sie waren zu dick. Früher war das sein Lieblingswitz." :D

Erinnert mich an die Bemerkung mit der Größe 46-Unterwäsche in deiner anderen Geschichte. :)

Ich finde solche Geschichten absolut herrlich. Wenn du noch mehr davon hast, dann nur heraus damit!!!

Nur das Ende fand ich ein wenig makaber.

Viele Grüße, Daniel

P.S.: Ich hab heut auch mein Fenster angeschrien, als ich mir den Kopf dran eingerannt habe. <IMG SRC="smilies/punch.gif" border="0"> Ich finde das berechtigt, und kein bisschen albern. <IMG SRC="smilies/smilewinkgrin_ron.gif" border="0">

 

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