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Jahrmarkt

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10.07.2020
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Jahrmarkt

Lainer hasste Volksfeste. Eifrige Ramschverkäufer, pöbelnde Freizeitalkoholiker und immer diese Ansammlungen von Halbstarken. Er verabscheute das ganze Schauspiel. Blöd nur, dass er als Bürgermeister der örtlichen Gemeinde kaum umhinkam, sich auf derlei Veranstaltungen zumindest blicken zu lassen. Am schlimmsten waren dabei jedoch die Erinnerungen.
Es war Margaretas Idee gewesen. „Geh doch mal mit Jonas auf den Jahrmarkt, du weißt doch wie sehr es ihm dort gefällt“, riet ihm seine Ehefrau, obgleich sie sich Lainers Aversion vollends bewusst war. Nicht zum ersten Mal herrschte eisige Funkstille zwischen Vater und Sohn. Die Pubertät halt, das lege sich irgendwann ganz von allein, vernahm Lainer aus seinem Umfeld. Er registrierte es mit einem Achselzucken.
Die meiste Zeit in sein Arbeitsleben vertieft, hatte er die Erziehung zu großen Teilen Margareta überlassen. Eine echte Verbindung zu seinem Jungen verspürte er, wenn überhaupt, in dessen frühen Lebensjahren, kurz nachdem er zur Welt gekommen war. Danach fiel es ihm schwer ihn zu verstehen, den mangelnden Ehrgeiz, die latente Faulheit, die schlechten Schulleistungen und und und. Vereinzelt ließ er den Gedanken zu, ob Jonas überhaupt von ihm sei. Letzterer dagegen litt unter der häufigen Abwesenheit seines Vaters, ständig kämpfend mit dem Gefühl ihm nie etwas recht machen zu können. Es entwickelte sich über die Zeit ein wortkarges Zusammenleben, geprägt von Missverständnissen und mangelhaften Kommunikationsversuchen, selbst Margareta wusste die Spannungen nicht immer auszugleichen.

Und dann war er weg.
Nachdem sie eine halbe Stunde schweigend über den Festplatz getrottet waren, hatten sie elf Uhr als Treffpunkt beim Eingang vereinbart. Zuerst dachte Lainer an einen Scherz, Jonas würde ihm bestimmt eins auswischen wollen. Ein grandioser Einfall dieser Jahrmarktbesuch, der Bengel würde was erleben. Mitternacht ging vorbei, Lainer bekam es langsam mit der Angst zu tun, lief planlos durch das Getümmel. Er fragte bei Jugendlichen nach, die er für Jonas` Freunde hielt. Sie hätten nicht einmal gewusst, dass er heute hier gewesen sei, hatte er nicht Hausarrest?
Lainer versuchte sein Glück bei den Süßwarenständen, klapperte jedes Fahrgeschäft ab. Nichts. Er durchstreifte das große Bierzelt, inspizierte jede Sitzreihe. Die feiernde Meute blickte ihn an als stamme er von einem anderen Planeten. Keine Spur. Von Minute zu Minute wurde er fahriger, fühlte etwas Dickes in seinem Hals heranwachsen, verspürte den Drang sich zu übergeben.
Mit zittrigen Fingern tippte er Margaretas Nummer, erwischte zweimal den falschen Kontakt, beim dritten Versuch entglitt ihm das Handy aus den schweißbenetzten Händen.
Lainer unternahm gar nicht erst den Versuch das in seine Einzelteile zerfallene Mobiltelefon vom Asphalt aufzusammeln, sondern rannte einfach los. Rannte, bis seine Lungen brannten. Rannte durch, bis er zuhause und hoffte beim Eintreten, wie er noch nie auf etwas gehofft hatte.
 
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16.07.2020
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Hallo @Nachtfuchs ,

ich finde du hast eine ziemlich gute Kurzgeschichte geschrieben. Sie beinhaltet einen Wandel:
Zuerst hat der Vater keinen richtigen Kontakt zu seinem Sohn und interessiert sich auch nicht so richtig für ihn... Am Ende ist er dann krank vor Sorge um ihn...Ich finde du hast mit dieser Entwicklung doch perfekt die Leitbotschaft überbracht, wie viel einem die Familie doch bedeutet... Ich finde es sowieso ziemlich gut, dass deine Kurzgeschichte eine klar erkennbare Leitbotschaft hat...Nicht alle Kurzgeschichten haben dies...
Was ist aber ein bisschen verwirrend finde, ist der Sprung, wo Lainer und Jonas auf dem Jahrmarkt sind...

Und dann war er weg.
Das finde ich jetzt ein bisschen plötzlich...Der Übergang ist meiner Meinung nach nicht gut genug vorbereitet... Man versteht nicht direkt, dass sie sich schon beim Jahrmarkt befinden...
Nachdem sie eine halbe Stunde schweigend über den Festplatz getrottet waren, hatten sie elf Uhr als Treffpunkt beim Eingang vereinbart. Zuerst dachte Lainer an einen Scherz, Jonas würde ihm bestimmt eins auswischen wollen.
Hier versteht man auch nicht direkt, dass Jonas weg ist...
Es ist zwar gut, dass du das so ein bisschen "kompliziert" geschrieben hast und sozusagen nicht alle Fakten direkt auf den Tisch gelegt hast, aber das war dann schon zuuu verwirrend...

Das ist jetzt aber nur so meine Meinung... :)

Liebe Grüße chouette :)
 
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21.04.2014
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Hey Nachtfuchs,

ich habe mal in dein Profil geschaut. Dort schreibst du "Feedback" auf die Frage, warum du hier bist. Wäre schön, wenn du das selbst beherzigen würdest und auf Kommentare antwortest, bevor du neue Texte einstellst. Nur so als Tipp. Hier läuft nämlich in der Regel so ein Geben-und-Nehmen-Ding ab, es wird großen Wert auf Textarbeit und Austausch gelegt. Wenn du dich auf der Seite mal umsiehst, wirst du das schnell herausfinden. Dazu gehört auch, Fremdtexte zu kommentieren. Ist unheimlich lehrreich und erhöht mit Sicherheit die Chance auf "Feedback" :) .
Das nur mal am Rande.

Zum Text:

Ich finde, der liest sich eher wie ein Grundgerüst zu einer Geschichte, wie eine Vorlage. Du müsstest ihn jetzt nur noch mit Leben füllen, um Leser mitzunehmen. Hier bieten sich v. a. die klassischen Empfehlungen an: szenisch Schreiben, Show, don't tell ...

„Geh doch mal mit Jonas auf den Jahrmarkt, du weißt doch wie sehr es ihm dort gefällt“, riet ihm seine Ehefrau, obgleich sie sich Lainers Aversion vollends bewusst war.
Das behauptet einfach der Text. Nachvollziehbarer für Leser wird es, wenn du das zeigen würdest. Zudem drängt sich mir hier die Frage nach der Perspektive auf. Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?

Nicht zum ersten Mal herrschte eisige Funkstille zwischen Vater und Sohn.
Zeige das doch, mach' das plastisch, szenisch.

Die Pubertät halt, das lege sich irgendwann ganz von allein, vernahm Lainer aus seinem Umfeld.
Auch hier wieder. Und wer ist dieses Umfeld? Besser konkreter werden, als sich für Allgemeinplätze zu entscheiden.

Eine echte Verbindung zu seinem Jungen verspürte er, wenn überhaupt, in dessen frühen Lebensjahren, kurz nachdem er zur Welt gekommen war. Danach fiel es ihm schwer ihn zu verstehen, den mangelnden Ehrgeiz, die latente Faulheit, die schlechten Schulleistungen und und und. Vereinzelt ließ er den Gedanken zu, ob Jonas überhaupt von ihm sei. Letzterer dagegen litt unter der häufigen Abwesenheit seines Vaters, ständig kämpfend mit dem Gefühl ihm nie etwas recht machen zu können. Es entwickelte sich über die Zeit ein wortkarges Zusammenleben, geprägt von Missverständnissen und mangelhaften Kommunikationsversuchen, selbst Margareta wusste die Spannungen nicht immer auszugleichen.
Auch hier wieder - das zieht sich durch den ganzen Text. Wenn du mich mitnehmen willst als Leser, solltest du mir das alles zeigen. Aus jedem Satz von dir ließen sich problemlos fünfe oder mehr machen. Klar, der Text würde umfangreicher werden, aber hey!, du willst doch unterhalten, mitfühlen lassen, packen, Spannung aufbauen ... Das funzt aber nicht über Behauptungen und Abkürzungen. Da musst du dir schon mehr Arbeit machen.

Er fragte bei Jugendlichen nach, die er für Jonas` Freunde hielt. Sie hätten nicht einmal gewusst, dass er heute hier gewesen sei, hatte er nicht Hausarrest?
Letztes Beispiel, dann breche ich ab. Du wirst nun wissen, warum ich hier zitiere, nicht?

Ich finde, du hast ein gutes Sprachgefühl, also gute Voraussetzungen. Jetzt müsstest du dich an die Arbeit machen. Mein Tipp (noch mal): szenisch schreiben, zeigen, nicht behaupten, sich bewusst für eine Perspektive entscheiden - Vor- und Nachteile abwägen.

Danke fürs Hochladen

hell
 

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