Was ist neu

Jenga

Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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Jenga

Am Morgen hatte sie von weinenden Babys geträumt. Dabei hatten nur die Krähen geschrien, die um den Turm des Personalwohnheims kreisten. Sie wohnten in den alten Buchen, niemals waren sie still. Auch jetzt krächzten sie hoch oben in den Wipfeln.
Mit einer großen Tasche und einem Pezziball im Netz lief Anja über das Klinikgelände. Der Wind trieb ihr Nieselregen ins Gesicht. Auch etwas, was hier niemals aufhörte, der Wind. Sie überquerte die vergitterte Brücke. Das dritte Haus auf der rechten Seite sollte es sein. Oben stand jemand hinter dem gekippten Fenster und rief in regelmäßigen Abständen: „Hallo … hallo … hallo...“. Auf der Wiese eine Wurzel, bemalt mit hunderten von Augen. Hier war sie richtig. Sie suchte den Eingang.
Heike, ihre Chefin, hatte ihr den Weg erklärt. „Mach irgendwelche Spiele. Mensch ärgere dich nicht. Jenga, sowas. Das kennen die auch. Einfach den Geist mit irgendwas beschäftigen, sich mal konzentrieren, weißt du? Struktur geben. Das Personal da dreht gerade ab. Die haben gestern vier Neuaufnahmen gekriegt. Lass dir nicht auf der Nase rumtanzen.“
Der Pfleger, der ihr aufdrückte, nickte, als sie sich vorstellte. Er zeigte ihr den Raum, fing auf dem Weg noch einen Patienten ab. Der sträubte sich, debattierte, aber der Pfleger unterbrach ihn. „Die Gruppe ist für Sie Pflicht und das wissen Sie auch.“
Das Gesicht des Mannes war gerötet wie bei ihrem Mathelehrer früher, die Mimik ausdruckslos, während er unentwegt redete: „ … Sie verstehn das nicht, das hier ist ein falscher Zeitpunkt, der große Bogen fehlt, diese Stunden sind unangemessen ...“
„Das besprechen Sie später mit Doktor Jepsen. Jetzt folgen Sie der Dame mal.“
Anja versuchte ein Lächeln: „Wie ist denn ihr Name?“ Er starrte sie einige Sekunden an, dann sah er zu dem Pfleger. „Ströbel“. Und ging in den Raum. Ungefähr zehn Männer waren schon da, zwei stellten die Stühle von den Tischen, einer öffnete den Schrank und reichte die Spiele heraus, sie verteilten sich. Mensch ärgere dich nicht, Skat, Kniffel. Anja hätte ihren Pezziball in der Ergo-Abteilung lassen können.
Zwei machten nicht mit, der eine war Ströbel, der mit verschränkten Armen am Rand stand und sie beobachtete. Der andere rang die Hände, drehte sich weg, als sie ihn ansprach und ging langsam an den Wänden entlang, zog einen Kreis um die Sitzenden.
Dafür trat Ströbel dicht an sie heran „Lass den mal, der geht nur spazieren, wer sind Sie überhaupt, ich kenn Sie nicht, Sie sind nicht die von letzter Woche, Sie sind neu.“
Sie wandte sich zur ganzen Gruppe: „Ja, hallo an alle, ich vertrete Frau Bünten. Ich bin Frau Mittke.“ Die meisten sahen nur flüchtig hoch, einige lächelten, murmelten: „Moin“ und: „Hallo“, Karten wurden gemischt und Figuren aufgestellt.
Sie wies in den Raum: „Herr Ströbel, möchten Sie vielleicht in einer der Runden mitmachen?“
„Nein, da ist das Kontingent schon erschöpft, das sieht doch jeder.“
Niemand der anderen machte Anstalten, ihn einzuladen. Im Gegenteil, Schultern wurden hochgezogen, Köpfe schoben sich über den Tischen dichter zusammen.
„Okay“, sagte sie, „dann machen eben wir beide ein Spiel.“ Sie ging zum Schrank. „Jenga ist noch da, was halten Sie davon?“
Sie versuchte den anderen Patienten auch noch einmal anzusprechen, aber der lächelte versonnen ohne seine Umlaufbahn zu verlassen.
Vorsichtig zog sie den Karton vom Holzturm ab. Das Spiel mit Ströbel erwies sich als schwierig. Er hielt sich nicht an die Regeln.
„Herr Ströbel, Sie dürfen den Turm aber nicht festhalten. Man darf nur eine Hand benutzen. Nur rausziehen den Stein.“
„Das kenn ich anders, Sie sind mir aber eine, hier einfach die Spielregeln zu Ihren Gunsten … also pass auf, das hat hier Hand und Fuß, was ich mache, denken Sie nicht, Sie können, ich wüßte nicht, denken Sie das nicht, das rate ich dir Mädchen.“
„Die Regel ist aber so, sonst hat das Spiel ja gar keinen Sinn, wenn man den Turm festhalten darf. Das ist viel zu einfach. Versuchen sie es doch einfach mal. Nur mit einem Finger. So rausziehen.“
Sie lächelte und tippte mit dem Finger gegen den Stein, während Ströbel tief Luft holte. Sein Blick flackerte.
„Das ist Quatsch, was Sie sagen! Natürlich darf man. Lassen Sie sich nicht korrumpieren! Das ist eine Frage der Statik, das rechne ich dir durch. Mit diesen kleinen Holzklötzen kannst du alles bauen, alles, den Kölner Dom, die Pyramiden, die Freiheitsstatue. Freiheit. Und Leute brauchst du, Leute, die da mitziehen, die Phantasie haben und Willen, Willen musst du haben, Mädchen! Unten anfangen, Schritt für Schritt immer mit dem Rücken zum Berg, sag ich. Anfangen. Neu denken. So wird das was!“
„Wir sind per „Sie“, Herr Ströbel. Und ich kann Ihnen gerne die Spielregeln zeigen.“ Sie hielt ihm den Karton unter die Nase. „Hier bitte, hier steht’s doch.“
Er schob den Karton beiseite.
„Gib mir Material, richtig viel Material! Nicht tausend, nein Millionen von den Dingern! Ich bau dir die Arche Noah!“
„Ja, aber das hier ist ja jetzt ein Turm ...“
„Ach, Mädchen, ich weiß es doch längst, das hab ich schon kapiert. Aushöhlen soll ich! Zuviel Substanz. Hier in meinem Köpfchen. Viel zuviel Substanz. Das passt nicht in das gepflegte Gesamtkonzept der deutschen Gemütlichkeit!“
Geplatzte Äderchen in seinen Augen. Sie dachte, dass er zu Tode erschöpft war. Und dass sie Struktur geben sollte. Regeln setzen.
„So geht aber das Spiel. Versuchen sie es doch mal!“
Seine Hand zitterte so, dass sie instinktiv zuckte, um den Turm für ihn festzuhalten. Zu spät. Der Turm kippte um. Ströbel holte aus und fegte alle Steine vom Tisch. Sie sprang auf. Alle im Raum sahen hoch. Einer hielt sich die Ohren zu. Dabei war es jetzt vollkommen still. Der Patient, der Kreise gelaufen war, Kreise, die immer kleiner wurden, der schon begonnen hatte um sich selbst zu kreiseln, stand abgewandt, mitten in der Bewegung gestoppt durch das Geräusch der aufschlagenden Steine.
Jemand schob seinen Stuhl zurück. „Ich geh mal eine schmöken.“
„Ich komm mit.
„Ich auch.“
Die Mensch-ärger-dich-nicht-Truppe löste sich auf, vier Leute verließen den Raum. Die Tür schlug und sie drehte sich um. „Jetzt heben Sie die wenigstens auch wieder auf.“
Sie hatte das erste Teil schon ergriffen:„Ich helfe auch mit.“
Der kreisende Mann setzte sich wieder in Bewegung, schob die Klötze mit seinen Füßen vor sich her.
„Ey, pass auf, du Schieber!“ blaffte Ströbel. Der Mann blieb stehen. Ströbel packte ihn am Arm und zog ihn herunter. „Mach mal mit.“
„Moment mal.“ sagte sie vom Boden, „Da hat er doch gar nichts mit zu tun. Sie haben die runtergeworfen.“
Der Kreisende erstarrte in halb gehockter Stellung, seinen Blick gerichtet ins Nirgendwo.
„Bist eh zu blöd, was?“ Ströbel stieß ihn an. „Schieb ab!“
„Herr Ströbel!“ Sie sah seinen Blick und stand schon, bevor er bei ihr war. Er sah sie an und hob die Hand. Sie straffte sich und trat einen Schritt zurück. Ihre zweite Arbeitswoche und sie würde rausrennen, einen Pfleger rufen. Man würde sagen, die kann sich nicht durchsetzen, die ist keine Hilfe für uns, schicken sie jemand anderes.
„Herr Ströbel!“
Er malte eine Spirale in die Luft und stach sanft mit dem Finger in ihre Richtung. „Pick, du bist befruchtet.“
Dann drehte er sich um und ging hinaus.

Sie quetschte sich mit dem Pezziball durch die Tür.
„Sandra ist also krank?“ Der Pfleger stand draußen. Er blies den Rauch zur Seite.
„Ja, aber nur diese Woche.“
„Ich bin übrigens Henning.“
„Und ich Anja.“
„Und wie wars?“
„Gut. Naja, ich kenn die ja alle nicht so richtig. Nächste Woche ist Sandra wahrscheinlich wieder da.“
„Wie lief’s mit Ströbel?“
„Schwierig.“
„Der rannte eben motzend an mir vorbei. Harter Brocken was?“
„Kann man wohl sagen. Ich hab versucht, ihn in ein Spiel einzubinden. Aber er hat geredet und geredet und ich habe das unterschätzt, wie er zittert. Ich kannte ihn halt auch nicht. Nächstes Mal ist Sandra wieder da.“
„Der ist schon das dritte Mal bei uns. Manisch ist der schon anstrengend. Aber richtig schlimm wird’s, wenn er depressiv ist. Dann ist der wie ein schwarzes Loch. Ich habe mir das mal im Nachtdienst angehört, danach hätte ich mich fast selber eingewiesen.“
Sie sah jetzt die feinen Falten um seine Augen. Er war älter, als sie im ersten Moment gedacht hatte, bestimmt schon Mitte dreißig. Sein Kittel hatte an der Knopfleiste einen Fleck. Er trat seine Zigarette aus.
„Schön, dass du die Gruppe gemacht hast. Ist doch schon mal was für die Leute.“
„Ja. Naja. Nächste Woche ...“
„ … ist Sandra wieder da, alles klar. Und wenn nicht, kommste halt nochmal wieder.“ Er zwinkerte ihr zu.

Heike dachte nach. „Vielleicht ist Jenga auch nicht grad das Richtige für jemanden, dem grad sein Leben zusammenbricht. Eine Arche bauen will er, aha. Schade, dass wir auf der Station noch kein Handwerk anbieten können. Nimm ihm doch mal ein Puzzle mit. Ich glaub, wir haben irgendwo was mit Segelschiffen.“
„Das ist ja nicht ganz dasselbe.“ Anja graute davor wieder Vertretung zu machen. Sie hatte inzwischen genug damit zu tun, auf den Langzeit-Stationen Fuß zu fassen, die sie dauerhaft übernehmen sollte. Sie schlief schlecht, kaufte sich morgens am Kiosk für eine Mark ein Snickers zum Frühstück, hundert Namen kreisten in ihrem Kopf, sie sortierte ihren Plan, machte sich Gedanken um das, was sie anbieten wollte. Vor allem graute es ihr vor Ströbel. Aber Heike meinte, die Spielegruppe sei für die Akutstation ohnehin nur Minimalprogramm. Wenigstens das sollten sie gewährleisten. Also machte Anja sich wieder auf den Weg, diesmal mit drei Puzzles zur Auswahl im Beutel. Der rufende Mann stand wieder am Fenster. Eine Frau humpelte mit spastisch steifen Beinen an ihr vorbei. In einer Hand eine Thermoskanne umklammernd hielt sie mit rudernden Armen das Gleichgewicht. Haaaaallo!!“, schrie sie so plötzlich zum Fenster hoch, das Anja zusammenfuhr. Der Mann am Fenster schwieg einige Sekunden länger als sonst, dann setzte er wieder ein. Sie grinste Anja an und antwortete ihm, auf der Stelle balancierend. Wieder das Zögern, bevor er antwortete. Anja lächelte, schaute hoch, aber hinter der spiegelnden Scheibe war niemand zu erkennen. Dann bog sie ab Richtung Eingang. Noch lange hörte sie das Duett der beiden.

Sie hatte gehofft, dass Ströbel krank sei, oder entlassen, aber er betrat mit den anderen den Raum. Die meisten fanden sich in denselben Gruppen wie letztes Mal, nur ein Platz bei der „Mensch ärger dich nicht“ - Runde war frei und auch der Mann, der im Kreis gelaufen war, fehlte. Ströbel zog sich einen Stuhl an die Wand, setzte sich, beide Hände auf die Oberschenkel gelegt und starrte auf den Boden. Obwohl es kühl war im Raum, standen kleine Schweißperlen auf seiner Stirn.
„Möchten sie vielleicht hier mitmachen?“ fragte Anja. Er schüttelte den Kopf.
„Ja, mach doch mit, Jens“, rief einer.
Aber Ströbel schaute auf seine Hände.
„Vielleicht ein Puzzle?“ Sie öffnete die Tüte. „Ich hätte ein Segelboot anzubieten. Sind Sie mal gesegelt, vielleicht?“ Er sah flüchtig hin. Setzte an zu sprechen, stockte, zuckte mit den Schultern: „Warum willste denn, dass ich ein Puzzle mache?“
„Na, einfach mal den Geist mit was beschäftigen. Vielleicht macht es Ihnen ja Spaß.“
„Vielleicht aber auch nicht. Ich guck zu.“
Also setzte sie sich zu der „Mensch ärger dich nicht“ - Runde. Der junge Mann, der Ströbel eingeladen hatte, stellte sich vor, er hieß Mark Jessen. Auch die anderen murmelten ihre Namen. Herr Jessen schubste seinen Nachbarn an, wenn der dran war, rief Sachen wie: “Komm, hau rein!“ Sie war dankbar dafür, musste nur darauf einsteigen, lachen, reagieren, aber sie überlegte, ob er vielleicht gerade ihren Job machte. Gleichzeitig waren ihre Antennen in Richtung Ströbel neben ihr ausgerichtet. Selbst wenn sie nicht hinsah, konnte sie ihn fühlen, seine Stimmung, wie er dumpf vor sich hin brodelte. Sie vergaß zu würfeln, ärgerte sich darüber. Dann ein seltsames Geräusch von ihm und sie fuhr herum. Er hatte den Kopf gegen die Wand hinter sich gelehnt und schnarchte mit leicht geöffnetem Mund.
„Na, da ist aber einer müde,“ sagte Jessen.
„Kein Wunder,“ murmelte ein anderer, „der schleicht die ganze Nacht auf dem Flur rum. Hier, eins, zwei, drei und du bist raus.“
Als sie einräumten wachte Ströbel auf. „So kann man die Stunde auch rumkriegen!“, rief Anja fröhlich.
„Ja“, murmelte er und hustete. Er ließ sich Zeit und trottete mit den Letzten an ihr vorbei, wandte sich in der Tür um. „Hier, kann ich das Puzzle leihen?“
Sie stutzte. „Ich weiß gar nicht, ob wir die Sachen verleihen, ich müsste meine Chefin fragen ...“
„Nee, dann lass mal. Regeln sind Regeln.“
„Na gut,“ sagte sie schnell. „Sie können es ja nächste Woche wieder mitbringen.“
Er klemmte es sich unter den Arm und schlurfte davon.

Heike zuckte mit den Schultern. „Naja, meistens kriegen wir die Sachen nicht vollständig wieder. Also normalerweise verleihen wir nichts, die haben ja auch was auf Station. Aber was solls. Vielleicht gibt ihm das ein bisschen Halt. Wenn er 's überhaupt macht. Sandra kommt nächste Woche wieder, dann muss sie dran denken ihn zu fragen.“

Wer jedoch vier Tage später mit dem Puzzle zum Therapiegebäude kam, war Henning, der Pfleger. Er traf sie an, als sie den Tisch abwischte und sah sich um: „Hier war ich noch nie. Ich dachte, ich nutze die Gelegenheit mal. Hm, riecht neu hier! Anders als unser alter Kasten!“
„Nächsten Monat fangen zwei neue Kolleginnen an. Dann können wir für euch auch mehr anbieten. Hat Ströbel das Puzzle denn gemacht?“ Sie wrang den Lappen im Waschbecken aus und trocknete sich die Hände ab.
„Er nicht, aber sein Sohn.“
„Er hat einen Sohn?“
„Ja. Plietsches Kerlchen. Dem kam das Puzzle ganz recht. Kinder fühlen sich bei uns nicht wohl. Wie auch.“
Er stellte das Spiel ab, lief durch den Raum, bückte sich zu den getöpferten Sachen, die zum Trocknen in den Regalen standen.
„Ich hätte gar nicht gedacht, dass er Familie hat“, sagte Anja.
„Oh ja, noch. Mal sehen, wie lange die Frau das noch durchhält. Oh ha! Sind das alles Aschenbecher?!“
„Leider. Meine Alternativangebote kommen nicht so an. Möchtest du auch einen töpfern?“
„Nein!“, er lachte. „Ich versuch grad weniger zu schmöken. Habt ihr noch mehr Puzzle? Ich hätte vielleicht noch einen für den das passen würde.“
„Habt Ihr denn keine auf Station?“
„Die haben wir neulich weggeschmissen, da fehlten überall Teile. Jaja, ich weiß. Keine Sorge. Ich bring es dir vollständig wieder.“
„Sonst kannst du es auch Sandra geben,“ sagte sie.

Das dritte Mal zog sie los mit dem Gefühl, zweimal davongekommen zu sein. Und sie ärgerte sich, dass sie wieder ja gesagt hatte. „Ich muss lernen mich abzugrenzen,“ hatte sie in ihr Tagebuch geschrieben. Das standen jetzt viele Sätze mit: „Ich muss lernen … „
Der rufende Mann war nicht da und sie überlegte, ob das ein gutes oder ein schlechtes Omen war. Vielleicht hatte er sich mit der Thermoskannen-Frau zusammengetan.
Henning machte ihr auf und nahm sie beiseite. „Wir müssen Ströbel ein bisschen im Auge behalten, sonst schmiert der uns ab. Da sind möglicherweise Suizidgedanken. Also, bei dir ist er ja erstmal unter Aufsicht, aber falls er den Raum verlässt, gib bitte Bescheid.“
Sie schluckte und versuchte professionell zu nicken.
Henning sagte: „Und natürlich auch, wenn du sonst irgendwie Hilfe brauchst.“
Dachte er etwa, sie würde nicht klarkommen?
Ströbel setzte sich wieder auf den Platz vom letztem Mal und sah auf seine Hände. Als sie ihn ansprach, schüttelte er nur den Kopf. Sie legte ein Puzzle neben ihm ab.
Da rief einer hinter ihr. „Aha, „Hallohallo“ ist heute auch wieder dabei!“
Er grinste den Mann an, der beim ersten Mal die Runden gelaufen war und beim zweiten Mal gefehlt hatte.
„Sie sind der Mann am Fenster?“, rief sie.
Er legte den Kopf schräg. „Nein, ich bin doch hier.“ Dann setzte er sich wieder in Bewegung.
Auch die anderen hatten das übliche Ritual begonnen. Die Stunde lief zuerst genauso ab, wie die letzte, nur das Ströbel irgendwann erwachte und das Puzzle sah, das sie ihm hingelegt hatte. Er erhob sich ächzend, ließ es liegen und ging Richtung Tür.
„Sie können das Puzzle auch für ihren Sohn mitnehmen!“, rief sie.
Sehr langsam wandte er sich um. „Den seh ich nicht mehr wieder, den David. Der muss sich jetzt ein Leben ohne seinen Vater aufbauen. Meine Frau kann nicht mehr. Ich hab meiner Familie ein schönes Haus gebaut mit allem drum und dran und hast du nicht gesehen. Und nun hab ich's verzockt, das kommt unter den Hammer.“ Er schnaufte ein paarmal tief durch und setzte zweimal an, bevor er weitersprach: „Ich hab dem Jungen ein Baumhaus gebaut und eine Sandkiste und eine Schaukel und, und, und ... Jetzt will sie mit ihm in die Nähe ihrer Eltern ziehen, nach Freiburg. Ist wahrscheinlich am besten. Für meine Familie bin ich nur eine Last. Für alle. Ist so.“
Herr Jessen machte ihr auffordernde Gesten. Sie überlegte verzweifelt, was sie in der Ausbildung gelernt hatte, Gesprächsführung, Rogers, was sagte man denn jetzt? Und so begann Herr Jessen eine Rede, dass Ströbel trotz allem an seine Familie denken müsse und dass er nicht auf dumme Gedanken kommen solle, weil das für seinen Sohn das Allerschlimmste wäre, wenn er sich jetzt aufgeben würde und dass sich bestimmt manches wieder einrenken ließe und dass er doch nun mal krank sei und gar nichts dafür könne. Und ob er schon einmal daran gedacht hätte zu beten. Er selbst bete und versuche immer in allem das Positive zu sehen. Er presste die Lippen zusammen und wandte sich ab.
Ströbel sah sie an: „Sie sehen so erschrocken aus. Sie wissen doch, was für ein Mensch ich bin. Ein Zerstörer bin ich.“
„Ich verstehe, dass es Ihnen sehr schlecht geht,“ begann sie. Sie holte noch einmal Luft. „Herr Jessen hat Recht. Geben Sie sich doch noch ein bisschen Zeit.“
„Du bist jung und machst alles richtig. Du hältst dich an die Regeln und nichts kann dir passieren. Na, ein bisschen müde siehst du aus, inzwischen. Anstrengend hier, was?
Sie wollte erst den Kopf schütteln. „Ja,“ sagte sie dann, „ist anstrengend hier. Also, nicht wegen Ihnen ...“
„Jetzt hast du mich immerhin zum Lachen gebracht.“
„Sie lachen doch gar nicht.“
„Innerlich. Innerlich lache ich.“
Er ging hinaus und sie lief hinterher, um Henning Bescheid zu sagen.

In der nächsten Woche kam Sandra zurück. Und drei Wochen später erzählte sie, dass es einen Suizidversuch gegeben habe auf der 12 A. Nein, nicht Ströbel, ein junger Mann, er sei wegen Depressionen in der Klinik gewesen, er liege noch auf Intensiv. Sympathischer Mann, sie müsste ihn noch kennen, ein Herr Jessen. Hoffentlich komme er durch.

Ein paar Tage später lief Anja mit Taschen voller Malutensilien übers Gelände, als sie von weitem Ströbel kommen sah. Eine Frau lief neben ihm, sie wirkte größer als er, aber das lag an ihrer Haltung, sie ging aufrecht, während er den Kopf gesenkt hielt. Bei ihnen ein Junge, acht Jahre alt vielleicht, das musste David sein. Wie ein kleiner Satellit umkreiste er die Eltern, griff nach der Hand des Vaters, der Mutter, ließ los, trat Steine. Der Klang seiner hellen Stimme drang schon bald bis zu ihr. Als sie sich begegneten grüßten sie.
„Wer war das?“, hörte sie den Jungen fragen.
„Eine Therapeutin,“ antwortete Ströbel. Für den Bruchteil einer Sekunde war ihr, als meinte er eine andere, eine, die unsichtbar neben ihr herlief. Hinter ihr machte der Junge die Krähen nach, schrie „Krahkrahkrah!!!“ Sie drehte sich um. Er stand auf einem Findling und breitete die Arme aus. „Guck mal, Papa, ich kann fliegen!“

 

Liebe @Chutney,

deine Story gibt mir einen lebendigen Einblick in die Herausforderungen des Klinikalltags, samt Überforderung und Haltlosigkeit. Schon im ersten Satz steckt diese Zerrissenheit und Mehrschichtigkeit. In Anjas Traum werden die Krähen zu Babys. Für mich ist das ein Zeichen für ihre Hilflosigkeit und das drohende Unheil. Man könnte es auch auch als Spannungsfeld zwischen Leben und Tod interpretieren.

Dass dann Herr Jessen derjenige ist, der einen Suizidversuch gemacht hat, obwohl der Fokus vorher auf Herrn Ströbel lag, gibt der Geschichte eine überraschende Wende, zeigt aber auch, wie unberechenbar der Alltag dort zu sein scheint.

Am Schluss taucht der "plietsche" David auf, der fliegen will. Das erinnert wieder an das Anfangsbild mit den Babys und den Krähen. Ich habe überlegt, ob sein Fliegen wollen hier einfach eine kindliche Unbeschwertheit ist oder ein Fluchtgedanke, bzw. der Hinweis darauf, dass auch er die Krankheit des Vaters in sich trägt. Durch den Bezug zum Anfang zeigt es - zumindest für mich - die Kreisbewegung auf, die du im Text ja auch thematisierst. Alles scheint immer um irgendetwas zu kreisen. Anjas Anspruch, ihren Job richtig zu machen, dient weniger der Hilfe der Patienten, als der Angst, im Job zu versagen. Zeitgleich wirkt sie als Anfängerin restlos überfordert, versucht, das erlernte Wissen abzurufen und kann sich gar nicht wirklich einlassen, weil ihr dann die Abgrenzung fehlen würde, die sie sich so mühsam erarbeiten will. Hier kehrt sich das Machtverhältnis für mich um, Ströbel bemerkt ihre Hilflosigkeit, will keine Schiffe puzzeln. (Wer kann es ihm verübeln.) Anja hatte mit dem Ball ja auch einen ganz anderen Plan. Was bleibt, ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität.

Ich habe das gerne gelesen. Wobei "gerne" hier vielleicht das falsche Wort ist, ich fand es eher interessant, einen Einblick zu bekommen.

zwei stellten die Stühle von den Tischen, ei
Hier bin kurz gestolpert. Erst dachte ich, es solle heißen, dass sie die Stühle "vor" die Tische stellten. Vielleicht eher "hoben?" Dann ist es deutlicher.

Sie versuchte den anderen Patienten auch noch einmal anzusprechen, aber der lächelte versonnen ohne seine Umlaufbahn zu verlassen.
Komma nach "versuchte" und vor "ohne."


rate ich dir Mädchen.“
Komma nach "dir."


Versuchen sie es doch einfach
Sie


schicken sie jemand anderes.
Hier auch.


Harter Brocken was?“
Komma vor "was "

So, jetzt versagt mir hier die Technik. Nächstes Zitat:

"Mit einer Hand eine Thermoskanne umklammernd hielt sie ... "

Komma vor "hielt"


Ich muss lernen mich abzugrenzen
Komma vor "mich"

Harter Job. Vor allem für einen jungen Menschen, der noch ganz am Anfang steht. Vielen Dank für diesen Einblick und viele Grüße von mir.

 

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