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Josef - Meine Weihnachtsgeschichte

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Josef - Meine Weihnachtsgeschichte

Die Luft, die durch meinen Körper strömt, ist kalt, aber ich friere kaum. Ein kleines Feuer brennt in meiner Brust und noch ist es stark genug, meinen Körper warm zu halten. Ein runder Ausschnitt des Himmels spiegelt sich an der Oberfläche der kleinen Pfützen, die der Regen der letzten Tage hinterlassen hat, und ich zähle die Sterne, die im schwarzen Wasser funkeln. Erinnerungen spuken wie Gespenster durch die Dunkelheit, durch meinen Kopf. Die Nacht ist ein großes Gedächtnis, in sie lausche ich hinein, wenn ich müde bin und mir die Kraft fehlt, gegen das Vergessen anzukämpfen.
Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, ist nicht meine eigene, mein Schicksal ist uninteressant. Gott ist es, der unsere Geschichten erfindet und mich hat er zu keiner großen Figur gemacht. Ich habe für jemand anders gelebt. Die Geschichte, die sich immer wieder in meinem Kopf wiederholt, ist nicht meine eigene. Sie ist deine, Maria, und ich erzähle sie dir, denn du bist es, die ich vor mir sehe, wenn ich die Augen schließe.
Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag, aber etwas sagt mir, dass es heute vor vielen Jahren gewesen sein muss. Ich habe die Nacht nie vergessen, in der wir in Bethlehem ankamen, ich denke an den kleinen Stall, in dem wir Zuflucht vor der Kälte fanden, und empfinde nichts als Glück und Dankbarkeit. Es war eine einfache Herberge, aber für uns gab es keinen schöneren Ort, anzukommen. Wir waren müde und erschöpft, als wir in das weiche Stroh sanken und froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Es ist plötzlich ganz still und ich kann deinen Atem rauschen hören, gespeichert im Gedächtnis der Nacht. Aber wenn ich die Augen wieder öffne, bleibe ich alleine zurück.
Ich war dazu bestimmt, einen Teil deiner Last zu tragen und ich bin bis zum Ende nicht von dir gewichen. Heute weiß ich. Was ich getan habe, habe ich aus Liebe zu dir getan, nicht um Gott zu gehorchen. Ich bin nie eine Spielfigur Gottes gewesen. Ich bin ein Mensch und mein Schicksal habe ich mir selbst erwählt. Ich habe mich dazu entschieden, dein Begleiter zu sein, wenn ich auch wusste, dass du mich eines Tages nicht mehr brauchen wirst.
Ich trage keinen Groll in mir. Ich habe mich damit abgefunden, kein Teil deiner Familie zu sein und ich habe dich losgelassen, wenn du dich zurückzogst, um mit Gott zu sprechen. Dein Sohn ist fortgezogen und auch für mich war es an der Zeit, meinem eigenen Weg zu folgen. Und so wandere ich durch den Tag, bis ich abends unter dem Dach der Sterne ankomme. Über die Jahre habe ich mich daran gewöhnt, ein einsames Leben zu führen. Ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, an irgendeinen Ort zu gehören und zu wissen, dass dort jemand auf mich wartet. Noch heute denke ich oft an dich, Maria. Du bist einer der Schatten, die mir heute Nacht Gesellschaft leisten und die mir helfen, mich zu erinnern, wenn sie im Vorüberziehen über meine Haut streifen. Ich wüsste gerne, was aus dir geworden ist, und ich frage mich, ob du mich als teil deiner Geschichte in Erinnerung behalten wirst, oder ob auch ich nur noch ein Schatten für dich bin.
Heute ist der Himmel klar und ich habe freien Blick auf das Firmament. Die Sterne sagen mir nichts, sie sind einfach da, wie sie es immer schon waren und wie sie es auch nach mir sein werden. Unter ihrem Dach bin ich damals gestanden, und habe auf ein Zeichen Gottes gewartet, während du im Stroh geschlafen hast. Und auch heute stehe ich hier, als hätte sich nichts verändert. Aus den Sternen lese ich meine Erinnerung, sie verbinden mich mit meiner Vergangenheit. In ihnen ist der weite Weg eingezeichnet, der hinter mir liegt.
Es ist spät geworden, ich bin müde und sehne mich nach Schlaf. Die Sterne, die sich an der Wasseroberfläche spiegeln, zittern wie kleine Flammen, wenn der Wind darüber streift und ich habe Angst, er würde sie auslöschen. Sie sind meine Kerzen, in dieser langen Dezembernacht halten sie mir die Dunkelheit vom Leib.
 
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Hallo! Dies ist eigentlich kein Text, den ich von mir aus schreibe. Ich habe ihn für ein Projekt geschrieben, bei dem es darum geht, die Weihnachtsgeschichte aus der Perspektive einer bestimmten Figur zu erzählen. (Wobei ich keine genauen Vorgaben habe.) Dass der Text an manchen Stellen vielleicht etwas kitschig ist, ist mir bewusst - aber das lässt in diesem Fall schwer vermeiden. Ich habe ihn nun öfter überarbeitet, Teile gelöscht bzw. ersetzt... Nun komme ich aber nicht mehr weiter. Es würde mich sehr interessieren, wie er auf den Leser wirkt, bevor ich ihm den "letzten Schliff verleihe." Ich bin für jede ehrliche Rückmeldung dankbar!


Hallo @Melanika
Deine Anmerkungen (siehe oben) habe ich in den Thread verschoben, weil sie nicht direkt mit dem Text zusammenhängen.
Willkommen hier!
viele Grüße
Isegrims
 
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09.12.2019
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Hallo @Melanika ,

willkommen hier im Forum!

Zum Inhalt kann ich hierbei ja im Prinzip nichts kommentieren, ist ja eine nicht so ganz unbekannte Handlung ;)

Aber es wird dir dabei ja dementsprechend eher um deine Art der Darstellung gehen und ich finde es durchgehend gut formuliert aus der Ich-Perspektive. Bei einem anderen Thema hätte ich das ein oder andere tatsächlich etwas kitschig gefunden, hierfür finde ich deine Sätze aber passend gewählt.

Habe deinen eher kurzen Text also gerne gelesen, folgende formale Anmerkungen habe ich noch:

Die Luft, die durch meinen Körper strömt, ist kalt, aber ich friere kaum.
Vorschlag für einen weniger verschachtelten Anfang:
"Kalte Luft strömt durch meinen Körper, aber ich friere kaum."

Ein runder Ausschnitt des Himmels spiegelt sich an der Oberfläche der kleinen Pfützen, die der Regen der letzten Tage hinterlassen hat, und ich zähle die Sterne, die im schwarzen Wasser funkeln.
"runder" würde ich streichen, vielleicht beginnst du hier eher mit: "Der Himmel spiegelt sich ..."
(warum ein "runder" Ausschnitt?) ;
"kleinen" würde ich ebenfalls streichen, diese Information ist nicht unbedingt notwendig ;
außerdem würde ich einen Punkt nach "hat" setzen, "und" streichen und dann mit groß "Ich" weiter, sonst ist der Satz zu lang

Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, ist nicht meine eigene, mein Schicksal ist uninteressant.
Punkt nach "eigene", damit hebst du die Aussage des Folgesatzes deutlicher hervor.

Ich habe für jemand anders gelebt.
anderes (sonst könnte man meinen, dass sie "anders" gelebt hat)

Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, ist nicht meine eigene, mein Schicksal ist uninteressant. Gott ist es, der unsere Geschichten erfindet und mich hat er zu keiner großen Figur gemacht. Ich habe für jemand ander(e)s gelebt. Die Geschichte, die sich immer wieder in meinem Kopf wiederholt, ist nicht meine eigene.
Wortwiederholungen vermeiden

Sie ist deine, Maria, und ich erzähle sie dir, denn du bist es, die ich vor mir sehe, wenn ich die Augen schließe.
Punkt nach "dir"

Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag, aber etwas sagt mir, dass es heute vor vielen Jahren gewesen sein muss.
"heute" streichen, das ist auch so klar

Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag, aber etwas sagt mir, dass es heute vor vielen Jahren gewesen sein muss. Ich habe die Nacht nie vergessen, in der wir in Bethlehem ankamen, ich denke an den kleinen Stall, in dem wir Zuflucht vor der Kälte fanden, und empfinde nichts als Glück und Dankbarkeit.
Punkt nach "ankamen" ; Wortwiederholung, beim Satzanfang variieren

Es war eine einfache Herberge, aber für uns gab es keinen schöneren Ort, anzukommen.
Das letzte Wort könntest du streichen

Es ist plötzlich ganz still und ich kann deinen Atem rauschen hören, gespeichert im Gedächtnis der Nacht.
"plötzlich" würde ich streichen

Ich war dazu bestimmt, einen Teil deiner Last zu tragen und ich bin bis zum Ende nicht von dir gewichen.
Das zweite "ich" streichen

Heute weiß ich. Was ich getan habe, habe ich aus Liebe zu dir getan, nicht um Gott zu gehorchen.
Ein Doppelpunkt nach "ich" ; den Nebensatz mit einem anderen Wort beginnen, z.B.:
"..., war aus Liebe zu dir, nicht um ..."

Ich bin ein Mensch und mein Schicksal habe ich mir selbst erwählt.
"mir" streichen

Ich war dazu bestimmt, einen Teil deiner Last zu tragen und ich bin bis zum Ende nicht von dir gewichen. Heute weiß ich. Was ich getan habe, habe ich aus Liebe zu dir getan, nicht um Gott zu gehorchen. Ich bin nie eine Spielfigur Gottes gewesen. Ich bin ein Mensch und mein Schicksal habe ich mir selbst erwählt. Ich habe mich dazu entschieden, dein Begleiter zu sein, wenn ich auch wusste, dass du mich eines Tages nicht mehr brauchen wirst.
Ich trage keinen Groll in mir. Ich habe mich damit abgefunden, kein Teil deiner Familie zu sein und ich habe dich losgelassen, wenn du dich zurückzogst, um mit Gott zu sprechen.
Ziemlich Ich-bezogen hier! ;)

Und so wandere ich durch den Tag, bis ich abends unter dem Dach der Sterne ankomme.
Schöner Satz!

Du bist einer der Schatten, die mir heute Nacht Gesellschaft leisten und die mir helfen, mich zu erinnern, wenn sie im Vorüberziehen über meine Haut streifen.
das zweite "die" streichen ; würde den Satz in zwei Sätze unterteilen

Ich wüsste gerne, was aus dir geworden ist, und ich frage mich, ob (...)
Kein Komma nach "ist" ; "ich" streichen

Unter ihrem Dach bin ich damals gestanden, und habe auf ein Zeichen Gottes gewartet, während du im Stroh geschlafen hast.
Kein Komma nach"gestanden" ; ggf, "schliefst" statt "geschlafen hast"

Es ist spät geworden, ich bin müde und sehne mich nach Schlaf. Die Sterne, die sich an der Wasseroberfläche spiegeln, zittern wie kleine Flammen, wenn der Wind darüber streift und ich habe Angst, er würde sie auslöschen.
"auf" statt "an" ; Punkt nach "Flammen" ; der letzte Satz dann:
"Wenn der Wind darüber streift, habe ich Angst, er würde sie auslöschen."

Viele Grüße!
Rob
 
Mitglied
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26.11.2020
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Lieber @Rob F , ich danke Dir für deine Rückmeldung! LG Melanika
 
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