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Kanes Rückkehr

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15.01.2026
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Kanes Rückkehr

Kanes Rückkehr

Sein Herz schlug schneller, als sich die Glastür mühelos öffnen ließ und ihm den Weg in den Eingangsbereich der Turnhalle freigab. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Er hielt den Blumenstrauß mit jedem Schritt fester und für einen Augenblick konnte er sich das vorfreudige Grinsen nicht mehr verkneifen.

Es war ihm immer so wichtig, souverän und abgebrüht aufzutreten, aber hier, kurz bevor er Julia endlich wieder sehen würde, hielt er es beinahe nicht mehr aus, seine Gefühle zu verstecken.

Eine letzte Tür, die ihm den Weg versperrte. Für einen Moment blieb er stehen, zupfte sein Hemd gerade, begutachtete noch einmal den Blumenstrauß und fuhr sich mit der Zunge über die Schneidezähne. Sein Umriss, der sich in der Glastür spiegelt, ließ ihn zögern. Hatte er sich sehr verändert? Bilder schossen ihm durch den Kopf. Waffen und Uniformen. Deckungen und Schützengräben. Leichen, von Feinden und Freunden. Was in einem Jahr alles passieren konnte. Das alles musste er hinter sich lassen. Hier war er ein anderer Mensch. Hier war er kein billiger Kugelfang. Hier hatte er einen Namen. Und vor allem war hier seine Frau.

Er zog an der Tür und sofort verstärkte sich das dröhnende Stimmengewirr. Doch Kanes Fokus galt einzig und allein dem, was seine Augen wahrnahmen.

Sein Blick raste durch die Menge. Er scannte die Gesichter der Menschen seiner Heimatstadt. Junge, wie alte Leute drängten sich an Stehtische, die in der Turnhalle verteilt waren. Sich hier einen Weg zu bahnen fühlte sich beinahe so an, wie sich auf dem Dancefloor bis zur Bar durchzuschieben. Schritt für Schritt drängte er sich zwischen den Menschen hindurch, ohne auch nur eine der Personen anzusehen, die er vorsichtig bei Seite schob.

Endlich erkannte er Julias Hinterkopf. Sie stand mittig vor der Wand gegenüber der Eingangstür und unterhielt sich mit zwei anderen Frauen, die Kane nur vom Sehen kannte. Kane legte einen Schritt zu. Nur noch acht Meter.

Die zwei Frauen, mit denen Julia sprach, erkannten ihn schon aus einiger Entfernung. Doch anstatt Julia darauf hinzuweisen, gefror ihr Lächeln. Kane runzelte die Stirn. Was war da los? Würde Julia sich nicht freuen, ihn wiederzusehen?

Drei Meter, bevor er Julia erreicht hatte und seiner Frau endlich wieder in den Arm nehmen konnte, tauschten die zwei Freundinnen kurz einen Blick aus und verschwanden dann ohne Vorwarnung in der Menge.

In dem Moment drehte sich Julia in Kanes Richtung und noch bevor sie ihn ausgemacht hatte, sah Kane schon die blau-lila Färbung, die sich um ihr Auge zog und ihr komplettes linkes Augenlied umschloss. Kane biss sich auf die Zähne. Was war passiert? Wurde sie geschlagen, oder hatte sie sich nur gestoßen? Augenblicklich schossen ihm tausend Szenarien durch den Kopf, was mit dem Auge seiner Frau passiert sein konnte. Doch im nächsten Moment stand er schon vor ihr und Julia umarmte ihn. Es fühlte sich gut an seiner Frau nach so langer Zeit wieder nahe sein zu können. Doch der Wunsch sie nie wieder loszulassen und das Verlangen, zu erfahren, was mit ihrem Auge geschehen war, rangen um die Oberhand.

„Ich bitte dich.“ Nachdem die beiden sich voneinander gelöst hatten, blickte Julia vorsichtig zu ihm auf. „Ich weiß, dass ich dir nicht verheimlichen kann, was passiert ist. Und ich weiß, dass du tun musst, was auch immer du tun musst. Aber ich bitte dich. Sei nicht zu hart zu ihm.“

Sie hatte ihm die Wahl abgenommen, ob er das Auge ansprechen sollte, oder nicht. Die Hoffnung, dass es nur ein Unfall war, war zerplatzt. Kane schloss für einen Moment die Augen und ballte seine Fäuste. Irgendjemand hatte seine Frau geschlagen. Seine Frau!

„Was ist passiert?“, knurrte er.

„Ich habe einen Schüler in der Oberstufe, der immer wieder aus der Reihe tanzt.“ Julias Blick wanderte zu Boden. „Am Mittwoch hat er einen Klassenkameraden beleidigt und verprügelt. Ich bin dazwischen gegangen und dann hat er zugeschlagen. Es war aus dem Affekt, ich glaube nicht, dass er das tun wollte.“

„Aus dem Affekt?“ Kanes Augenbrauen schossen hoch. „Hat er den anderen Schüler auch aus Affekt verprügelt?“

Julia schwieg.

„Ist der Scheißer hier?“

Nicken.

„Wo?“

Ihr Blick wanderte von ihm auf einen Jugendlichen, der vielleicht 17 Jahre alt war und sich an einem Stehtisch in der Mitte der Halle mit fünf anderen Jungs in seinem Alter unterhielt. „Der mit der Goldkette.“

„Der mit der Goldkette und dem schwarzen T-Shirt?“

„Ja. Aber ich bitte dich. Sei nicht zu hart zu ihm. Er ist noch ein Kind.“

Kane wandte sich von ihr ab. Zielstrebig steuerte er durch die Menge auf den Jugendlichen zu.

„Hey!“, rief ihm ein Mann hinterher, den er mit der Schulter zur Seite gestoßen hatte.

„Psst! Das ist Kane!“

Noch fünf Meter. Schließlich bemerkten auch die Jungs, dass Kane direkt auf sie zu lief.

Noch drei Meter. Der Junge, der seine Frau geschlagen hatte, fixierte seine Augen auf Kane. Interessiert musterte er den Mann, der direkt auf ihn zusteuerte.

Noch zwei Meter. Breitbeinig wartete der Schläger auf Kane, während er seine Hände hinter dem Rücken verschränkte, seine Schultern nach vorne drückte und so seine Nackenmuskeln präsentierte. Die platte Nase, das erhobene Kinn und das überhebliche Grinsen ließen Kane darauf wetten, dass der Junge boxte. Doch Kane hatte zu viel gesehen, zu viel erlebt und zu viele Kämpfe geschlagen, als dass ihn das beeindruckt hätte. Nach und nach richteten auch die anderen Jungs ihre Augen auf Kane, musterten ihn von oben bis unten und wechselten ihren lässigen Stand in eine Pose, die so etwas wie Dominanz ausstrahlen sollte.

Selbstsicher stand der Schläger da und in dem Moment, als er vor dem Jungen zum Stehen kam, wurde Kane klar, dass er viel zu lange weg gewesen war. Dieser Junge hatte überhaupt keine Ahnung, wer er war.

„Weißt du, was du getan hast?“, drangen Kanes Worte durch den Lärm der Menschenmenge hindurch.

Schweigend schüttelte der Junge den Kopf und zuckte mit den Schultern, ohne sein erwartungsvolles Grinsen vom Gesicht zu wischen.

„Dann werde ich es dir erklären.“, begann Kane und machte einen Schritt zur Seite, so dass er den Blick auf die Schneise freigab, die er in die Menschenmenge geschlagen hatte.

Langsam beugte er sich zu dem Jungen vor und zeigte auf Julia. „Siehst du diese blonde Frau da hinten?“

Der Junge schmunzelte. „Du meinst die Hure, von einer Lehrerin, die gemeint hat, sich mir in den Weg zu stellen?“

Ruckartig spannten sich Kanes Kiefermuskeln und er musste sich zurückhalten, um den Schläger nicht vor den Augen aller Anwesenden in den Boden des Saals zu stampfen. Für eine Sekunde schloss er die Augen und atmete durch, bevor er den Mund wieder öffnete: „Diese Frau hast du geschlagen. Weißt du, was das Problem an der Sache ist? Das ist meine Frau. Das ist die Liebe meines Lebens und nichts auf dieser Welt bedeutet mir so viel, wie diese Frau. Und jetzt komme ich heute hier her, nachdem ich sie ein Jahr lang nicht mehr gesehen habe und muss feststellen, dass du meine Frau geschlagen hast.“

„Dann wärst du besser nicht so lange weg gewesen!“, warf der Junge ein.

Kane biss sich auf die Wange und ließ erneut einen Atemzug verstreichen.

„Aus diesem Grund werden wir zwei jetzt diesen Saal verlassen“, entschied Kane und auf dem Gesicht des Jungen wurde dieses überhebliche Grinsen noch breiter. „Willst du das wirklich, alter Mann?“

Kane packte den Jungen am Arm und stieß ihn in Richtung des Notausgangs.

„Du willst es also wirklich.“ Er lachte, zog den Ärmel seines T-Shirts gerade und stolzierte, gefolgt von seinen Freunden, zu der grauen Tür.

Im Vorbeigehen bemerkte Kane einige Blicke, die ihn musterten. Manche nickten ihm zu, andere wendeten sich von ihm ab, als er in ihre Richtung sah. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er keinen halben Tag zurück war und sofort wieder der Mensch war, den er im Krieg hatte zurücklassen wollen. Doch das änderte nichts. Egal, wer er war, niemals würde jemand ungestraft seine Faust gegen Julia erheben dürfen.

„Du hältst dich wohl für sehr gut“, stellte Kane fest, als er den sechs Jungs auf dem ehemaligen Parkplatz gegenüber stand und der Schläger ihn immer noch anlächelte, während er langsam seine Schultern kreisen ließ.

„Schon.“ Der Junge tänzelte ein paar Schritte hin und her, nur um im nächsten Moment seinen Kopf von Seite zu Seite zu bewegen.

„Du hast wirklich keine Ahnung, wer ich bin, oder?“, brummte Kane in die drückende, schwüle Sommerluft hinein.

„Mir doch egal, alter Mann. Du wirst deinen Namen eh gleich nicht mehr aussprechen können. Mit dir werde ich nicht so zaghaft umgehen, wie mit deiner Frau.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass man innerhalb von einem Jahr so viel vergessen kann“, überlegte Kane laut, ohne auf die Drohung seines Gegenübers einzugehen.

Er stand still neben dem immer noch tänzelnden Jungen und blickte in die Büsche, die den Parkplatz überwucherten. „Aber wahrscheinlich warst du letztes Jahr noch zu jung und zu brav, um mich zu kennen. Aber ich will es dir erklären: Vor einem Jahr, da gab es einen Namen, der etwas bedeutet hat. Ein Name dem Respekt gezollt wurde. Der in mancher Munde sogar gefürchtet wurde.“

„Meinst du Kane?“ Der Schläger lachte, blieb jedoch ein wenig überrascht von dieser Erwähnung stehen.

„Ja.“, bestätigte Kane und blickte ihm zum ersten Mal, seit die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, direkt in die Augen. „Ich meine meinen Namen!“

Augenblicklich ließ der Junge seine Fäuste sinken und seine Mundwinkel sackten nach unten. Dann tauchte wieder ein Funke von Belustigung in seinen Augen auf, bevor eine Augenbraue nach oben schoss. Schließlich gab er den Kampf zwischen Belustigung und Angst auf und drehte sich mit gerunzelter Stirn zu seinen Freunden.

„Ich glaube, er ist es wirklich“, behauptete einer von ihnen. „Ich habe mal ein Video gesehen, wie er ein paar Typen verprügelt hat.“

„Also kennt ihr mich doch“, stellte Kane fest, während er dem Jungen dabei zusah, wie das Blut aus seinem Gesicht wich.

„Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder erfährst du am eigenen Körper, wozu ich in der Lage bin, oder du verziehst dich und überdenkst gründlich deine Lebensentscheidungen.“ Kane ging einen Schritt auf den Jungen zu. Einen Schritt, den dieser zurückwich. Einen Schritt, der Kane alles über die nächsten Sekunden verriet.

Kane sah, wie die Unterlippe des Jungen zu beben begann. Er sah, dass sein Kopf krampfhaft nach einer Antwort suchte. Nach irgendetwas, das er erwidern konnte. Doch der Junge blieb still.

„Offensichtlich sind wir uns einig, dass du hier nichts mehr verloren hast.“ Kane legte ein Pause ein und beobachtete die erste Träne, die an der Goldkette des Junge zerbarst und in das T-Shirt einsickerte.

„Worüber wir uns mit Sicherheit auch einig sind, ist dass ich wieder da bin. Und wenn du auf die Idee kommst noch einmal jemanden zu schlagen, dann denk ganz kurz an diesen Moment. An die Angst, mir noch einmal zu begegnen und überlege dir sehr gut, was du tun wirst. Denn ich werde davon hören und ich werde dich finden. Und wenn ich dir das nächste Mal gegenüberstehe, wird es nichts mehr geben, was ich dir noch zu sagen habe.“

 

Hallo @Woltochinon,
noch einmal vielen Dank für deinen Kommentar. Viele von den Punkten, die du angesprochen hast, sehe ich absolut ein und habe versucht sie in meiner ersten Überarbeitung zu verbessern.
Zu den Punkten, die ich nicht verbessert habe würde ich dir gerne meine Gedanken teilen oder zumindest versuchen zu erklären, warum ich das so gelassen habe:

Wenn man sich, nach langer Abwesenheit, wieder trifft: Würde man das an einem Ort tun, an dem man sich suchen muss?
Das ist zwar grundsätzlich ein berechtigter Punkt und ich persönlich würde dieses Treffen vermutlich auch woanders machen. Mir ist auch bewusst, dass der Versuch einen Fakt einfach nur dadurch zu erklären, dass die Story sonst nicht funktioniert, ist ein ziemlich schwaches Argument.
Was würdest du davon halten, wenn ich dieses Treffen nach draußen verlege? Dann müsste ich zwar die Anfangsszene (die Aufregung und Ungewissheit vor dem Treffen) auch an einen anderen Ort verlegen, aber das wäre in meinen Augen die einzige Möglichkeit dieses Problem zu beheben.

Ohne auf die Bewegung des Jugendlichen zu warten, packte ihn Kane am hinteren Kragen seines T-Shirts und schob ihn durch die Menge, bis zu dem Notausgang, der auf den Parkplatz vor dem Saal führte.
Ob er sich das gefallen lassen würde, vor seinen Kumpels?

Diese Szene habe ich zwar geändert, trotzdem einer meiner Initialgedanken dazu:
Ja ich denke, dass der Schläger das aus purer Arroganz mit sich machen lassen würde um zu zeigen, dass er keine Angst vor Kane hat, obwohl dieser bereits seine Hände an ihn gelegt hat. Arrogante Schläger sind nicht unbedingt diejenigen, die groß auf Eigensicherung und Abstand achten. Solange er sein Grinsen behält, denke ich nicht, dass er dadurch sein Gesicht vor seinen Kumpels verliert. Er geht zu diesem Zeitpunkt ja noch davon aus, dass er Kane in den nächsten Minuten in Grund und Boden prügeln würde.

Ich denke, dieser Text hat mehr Potenzial auf der Psychologischen- , als auf der Spannungsebene. Wie sehr muss sich der Protagonist zusammenreißen? Was wäre, wenn er nicht diesen "Namen" hätte?
Das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war tatsächlich ein bisschen überfordert, als ich einen Tag zu dem Text raussuchen sollte.
Der Frage, was wäre, wenn er nicht diesen Namen hätte, werde ich auf jeden Fall einmal nachgehen. Für mich war immer klar, dass er diesen Namen nun einmal hat und das war ja der Grundgedanke dieser Geschichte und das, was ich veranschaulichen wollte.

Ich hoffe, dass ich dich durch meine plumpe erste Antwort nicht abgeschreckt habe und möchte mich noch einmal für dein Feedback bedanken.

Grüße
DripsDrops

 

Hallo @Manuela K. ,

ja, erste Sätze sind so ein Ding. Ich neige dazu die immer etwas zu lang zu ziehen, weil ich am Anfang natürlich immer den Drang habe direkt möglichst viele Informationen Mitzuteilen. Würdest du grundsätzlich erste Sätze eher kurz und kompakt halten, oder gibt es für dich Ausnahmen, wo man direkt am Anfang mal ausschweifen darf?

Grüße
DripsDrops

 

Hallo @Geschichtenwerker ,

es fällt mir ziemlich schwer etwas zu deinem Kommentar zu sagen. Ich habe die ersten Sätze überarbeitet, sowie den Rest des Textes. Ich würde mich freuen, wenn du dem ganzen noch eine Chance gibst. Wenn nicht, dann kann ich das auch verstehen.

Den Tag "Spannung" würde ich gerne ändern, aber ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich nicht weiß, wo.

Grüße
DripsDrops

 

Hallo @Achillus ,

ich möchte mich entschuldigen, dass meine ausführliche Antwort so lange hat auf sich warten lassen.
Deine Hinweise sind allesamt berechtigt und ich danke dir, dass du auch das ein oder andere Positive an der Geschichte gefunden hast.

Zu deinem 2. Punkt würde ich gerne etwas sagen:
Ich weiß, dass dieses Alpha-Typ-Ding nicht für jeden etwas ist. Und ja es ist sehr speziell und oberflächlich. Aber ich werde keine Geschichte schreiben können, die jedem gefällt. Ich wollte genau diesen Kane erschaffen. Ja die Umsetzung lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig, aber das ist meiner Meinung nach eine andere Sache. Mir hat es in diesem Fall einfach Spaß gemacht, Kane so zu schreiben. Es ist natürlich nicht egal, was der Leser gerne hätte und wer das einfach ignoriert sollte nur für sich schreiben. Aber ich muss ehrlich gestehen, ich finde einen solchen Charakter cool. Für eine längere Geschichte mit mehr Handlung reicht das natürlich nicht, das ist mir bewusst.

Der dritte Punkt den du ansprichst kann ich absolut nachvollziehen. Da habe ich es etwas zu gut mit dem legendenhaften Namen gemeint. Ich hoffe, dass dir die überarbeitete Version etwas besser gefällt.

Danke auf jeden Fall für dein Feedback.
Grüße
DripsDrops

 

@DripsDrops
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich nehme mir auch nochmal etwas Zeit, um klarer zu machen, was ich meinte.

Zu den Metern glaube ich war mein Gefühl einfach, dass es eine recht objektive Beschreibung ist. Das hilft, das man sich als Leser ein Bild machen kann, aber der Erzähler ist sonst recht nah an Kane und davon riss es mich etwas weg. Bei den 2 Metern könnte man vielleicht etwas schreiben wie "Die Jugendlichen wichen etwas zur Seite und der, um den sie standen, lächelte Kane herausfordernd an. Ein Schritt noch und er wäre in Schlagreichweite." Das würde mir eher so vorkommen wie es in Kane vielleicht arbeiten würde.

Bei den Beleidigungen: Da wäre meine Vorstellung, dass wenn der Junge Kanes Frau als Hure bezeichnet schon eine Grenze überschritten ist. Auch wenn Kane wohlwollend auf ihn zukommt, würde er sowas auf sich sitzen lassen? Nicht kaputt machen ist die eine Seite, aber sich von so einem Bengel in der Öffentlichkeit auf der Nase rumtanzen zu lassen etwas anderes. Er könnte sich vielleicht beherrschen und dem Jungen so eine wischen, dass er nicht gleich kaputt geht, aber was draus lernt. Und zu seiner Frau, wenn sie sich später bei ihm beschwert, dass er zu hart war, würde ein Kane mit so einem Ruf in meiner Vorstellung vielleicht trocken so etwas sagen wie "Schätzchen, das musst du schon mir überlassen, was in der Situation angemessen war. Er hat das gebraucht und darum gebettelt."

Grüße
Thorstern

 

@ThorStern ah, jetzt verstehe ich, was du mit den Metern meinst. Das ist wirklich ein guter Punkt, da habe ich noch nie so drüber nachgedacht, dass einen das als Leser etwas von Kane wegreißt und den Leser eher über Kane schweben lässt, als ihn direkt zu begleiten.

Zu der Beleidigung noch einen Punkt. Ich verstehe deinen Gedanken und ich denke, wenn Kane nicht sowieso vorgehabt hätte mit dem Jungen die Halle zu verlassen und ihn gründlich einzunorden, hätte er auch an Ort und Stelle etwas dagegen getan. Aber im Vergleich, dass er Julia ja schon geschlagen hatte und Kane deswegen schon etwas tun würde, ist eine Beleidigung das geringere Übel. Und ja, jeder normale Straßenschläger wäre bei dieser Beleidigung ausgerastet und auch Kane lässt das ja nicht komplett kalt. Aber Kane ist eben kein normaler Straßenschläger. Und ich denke, dass der Junge es ja in diesem Moment genau auf Kanes Wut angelegt hatte. Wenn Kane da ausgerastet wäre, hätte er dem Jungen gegeben, was er wollte. Aber Kane wollte die Situation unter seinen Bedingungen klären und sich nicht von dem Jungen in etwas verwickeln lassen, was er nicht kontrollieren kann.

Grüße
DripsDrops

 

Hallo @DripsDrops,

nachdem Du nachgefragt hast und ja schon einige Kommentare bekommen hast, gehe ich mal eine Abstraktionsebene höher und beleuchte, warum Deine Geschichte nach meinem Dafürhalten nicht so gut „funzt“, wie Du es wahrscheinlich gerne hättest.

Die große Schwierigkeit aus meiner Sicht bei der Planung einer Geschichte ist, sich Gedanken darüber zu machen, was man erzählen möchte, welche Botschaft man senden möchte und wie man diese handwerklich am besten umsetzt.

Wenn ich mir den Plot ansehe und auf diese Punkte hin analysiere, kann ich nur feststellen, dass Du das augenscheinlich nicht wirklich geplant hast.

Woran mache ich das fest?

Der Plot ist recht banal: Kriegsveteran kommt zurück und weist Bürschchen in die Schranken.

Du hast jetzt Elemente im Text, die darauf hindeuten, dass es Spannungen gibt, bspw. innerhalb des Protagonisten, die aus der Kriegserfahrung resultieren, andererseits in Bezug auf seine „Frau“ und dann noch in Bezug auf seinen Status und seine Auswirkung.

Da stellt sich unmittelbar, welche Botschaft Du hast? Krasser Typ kommt nach Hause und allein sein Namen weist jungen Burschen in die Schranken?

Kann man machen, aber dann muss man sich überlegen, wie man das am besten umsetzt.

Welche Erzählperspektive nimmt man? Welche Kameraführung? Wie kann man den Lesern diese Botschaft vermitteln, sodass es auch interessant für wird.

Ich habe darauf ad hoc auch keine gute Antwort, weil so ein Plot aus meiner Sicht gar nicht so gut geeignet für eine geschriebene Geschichte ist. Das ist ja so eine Szene, krasser Militärtyp kommt zurück, sieht dass seinem Mädchen etwas angetan wurde und stellt mal klar, dass es so nicht geht. Erinnert ein wenig an die einfachen Actionfilme. Da kann man das in Szene setzen.

Wenn man sich daran orientiert, muss man also diese starke körperliche Präsenz betonen, die Kameraführung so anlegen, dass man das als Leser auch sieht. Reaktionen der Leute einfangen, etc.

Ein völlig andere Geschichte ist es, wenn es um das Innenleben des Protagonisten geht. Dann wäre vielleicht die Ich-Perspektive viel besser und dann natürlich die Ausleuchten der Gefühlswelt. Hier kommt dann „show, don‘t tell“ auch viel stärker und anders zum Einsatz.


Sein Herz schlug schneller, als sich die Glastür mühelos öffnen ließ und ihm den Weg in den Eingangsbereich der Turnhalle freigab. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Er hielt den Blumenstrauß mit jedem Schritt fester und für einen Augenblick konnte er sich das vorfreudige Grinsen nicht mehr verkneifen.

Jetzt nehmen wir mal den ersten Absatz und überlegen uns, wozu das eigentlich passt.

Krasser Typ kommt nach Hause: Glastür lässt sich mühelos öffnen? Herz schlägt schneller? Kühle Luft?

Für mach passt das nicht. So eine Kampfmaschine hat doch eine völlig andere Wahrnehmung. Für den ist die Glastür kein Hindernis. Der ist ja auch nicht in der Arktis. Nimmt so jemand kühle Luft war?

Wenn es Dir ums Innenleben geht, versteht der Leser aber nicht, warum sein Herz klopft, etc.

Wenn Du jetzt also Deine Geschichte besser machen möchtest, dann helfen hier aus meiner Sicht keine kleinen Feinjustierungen, da muss man mal das Grundkonzept überdenken und dann den ganzen Text neu schreiben.

Man könnte sich ja so ein wenig an Tom Clancy anlehnen oder sonst was. Da kann man auch gut mir der Erzählstimme spielen.

Oder man überlegt sich das Psychogramm so eines Protagonisten, wie sein Innenleben aussieht, wie trotz seiner Härte, die er sich durch die Kriegserfahrung angeeignet hat, Probleme mit seinen Emotionen und Bezug auf seine Frau hat.

Da gibt es noch viele andere Möglichkeiten.

Ich habe mir mal überlegt, wie ich einen Einstieg für die beiden Szenarien spontan wählen würde. Siehe mir nach, wenn das nicht perfekt ist. Ich versuche es einfach mal und schreibe es schnell runter.

1. Krasser Typ, wie Actionfilm, flapsige Erzählstimme:

Für Kane fühlte es sich an, wie einer dieser Einsätze, Somalia, Afghanistan, wo auch immer er gebraucht wurde, es spielte nach der langen Zeit keine Rolle mehr.

Er parkte den Mietwagen direkt neben so einer Zivilistenkarre, ökologisch sinnvoll, Kindersitz vollgekrümelt und sah in seinem Kopf diesen Teddybären, den der kleine Junge in Kabul fallen ließ, als die Autobombe hochging. Schweiß lief über Kanes Stirn als er den Blumenstrauß mit seiner Pranke umschloss.

Beim Aussteigen nickte er einem Typen zu, der ihn für eine Sekunde anstarrte und dann seiner Begleitung etwas ins Ohr flüsterte. Kane atmete tief durch und marschierte los, mit dieser Entschlossenheit, der kein Hindernis standhält und die ein Bürschchen im Weg in den nächsten Busch stolpern ließ.

Kane blieb am Eingang stehen und scannte die Turnhalle, die er gleich betreten wollte. Eltern, Lehrer Schüler; alles wuselte, Gesprächsfetzen flogen durch die Luft wie Granatsplitter. Dann sah er diesen Hinterkopf, diese Rundung, diese Haare, dieser sanfte Übergang in den Nacken, den er sooft geküsst hatte und in den er seine Nase bohrte, wenn er Julia liebte.

2. Innenleben, Psychogramm, Ich-Perspektive, Präsens

Ich ging den Einsatz gedanklich immer wieder durch, jeden einzelnen Schritt, seit Wochen und jetzt muss alles laufen wie am Schnürchen. Es darf keinen Fehler geben, nicht die kleinste Abweichung, es muss einfach perfekt sein. Ich blicke in das Familienauto neben mir. Auf dem Kindersitz sitzt ein Teddy. Er sieht fast unbenutzt aus, nicht so wie der in Kabul, von dem kleinen Jungen. Zerschlissen, nur noch ein Auge, keine Arme. Ich sehe Tim vor Augen, wie er dort liegt. Blut, so viel Blut. Meine Hand zittert, als sie nach den Blumen greift. Ich steige aus und lehne mich an das Auto, ziehe die kühle Abendluft tief in meine Lungen. Ein Mann auf dem Parkplatz starrt mich an. Ich starre zurück, er flüstert seiner Begleitung etwas ins Ohr.

Dort drüben ist die Turnhalle, zwanzig Meter entfernt. Eltern und Schüler strömen zur Veranstaltung und ich reihe mich ein. Meine Beine marschieren, so wie sie es immer tun, nur die Blumen stören das Bild und erinnern mich daran, was jetzt kommt. Ich versuche ein Lächeln. Meine Schritte werden langsamer, die Hand greift nach dem Griff an der Glastür, mein Herz hämmert und ich beginnen den Raum zu scannen, währen ein Schweißtropfen an meiner Schläfe nach unten rinnt. Ich spanne alle Muskeln an, bis ich spüre, dass meine Haut die Ärmel vollständig ausfüllt.

Vielleicht hilft das und macht es nachvollziehbarer, was ich meine.

Gruß
Geschichtenwerker

 

Hallo @Geschichtenwerker ,
vielen Dank, dass du dir noch einmal die Mühe gemacht hast, zu erklären, was du meinst und ich muss sagen, dass ich es jetzt tatsächlich besser verstehe.
Ich gebe zu, dass der Text im allgemeinen offensichtlich etwas zu übermütig geschrieben ist. Ich wollte tatsächlich einfach nur diesen Ruf von Kane darstellen, was als Grund für eine Geschichte jedoch zu wenig ist.

Die beiden Varianten, die du aufzeigst finde ich wirklich interessant. Ich persönlich würde eher zu der zweiten Variante tendieren. Ich habe ja schon ein paar von diesen Unsicherheiten und inneren Gefühlen, die man ihm von außen nicht so ansieht, versucht einzuarbeiten. Aber eine Änderung der Erzählperspektive wäre da tatsächlich eine Überlegung wert.

Anhand deines und der anderen Feedbacks sehe ich das mittlerweile genauso, wie du: Ich glaube nicht, dass dieser Text durch kleine Veränderungen zu retten ist. Ich werde mir auf jeden Fall überlegen, ob ich diesen Text noch einmal komplett neu aufziehe, oder ihn als wichtige Lernerfahrung ad acta lege. Ich habe nämlich das Gefühl, dass sich dieses Bild von dem Text, wie er jetzt ist, so sehr in meinen Kopf gebrannt hat, dass ich nicht weiß ob ich jetzt in der Lage wäre diese Geschichte komplett neu aufzusetzen, ohne dabei in die alte abzudriften. Vielleicht sollte ich mich zunächst an einer komplett neuen Geschichte versuchen sollte. Bzw. diesen Text erst einmal abkühlen lassen, das gelernte bei der ein, oder anderen neuen Geschichte vertiefen, und ihn sich dann noch einmal zu Gemüte führen.

Würdest du das erst einmal ruhen lassen, oder sich direkt wieder reinarbeiten?

Grüße
DripsDrops

 

Hallo @DripsDrops,

schwierige Frage und was ich täte, ist vielleicht gar nicht so relevant.

Ich sehe das wie folgt:

Ruhenlassen klingt weise, weil man Abstand zum Text gewinnt. Das ist, glaube ich, eine gute Idee für erfahrene Autoren, die vorher gut geplant haben, genau wissen was sie tun und bei denen es letztlich um den letzten Schliff geht.

Wenn man allerdings - so wie Du - hier eher gerade am Anfang steht, glaube ich, dass dranbleiben die bessere Variante ist. Mit Verlaub, das Argument, dass sich der Text so eingebrannt hat, klingt ein wenig nach Ausrede. Es ist natürlich einfacher, den Text jetzt liegenzulassen, und zu sagen: Super, ich habe etwas gelernt und wende das dann auf den nächsten Text an. Wenn man dann gleich mit dem nächsten Text beginnt, ist das vielleicht eine gute Idee. Aber die Realität wird eher die sein, dass man längere Zeit nichts macht und dann wieder einen Text produziert. Bis dahin sind aber der Lerneffekt und die Erkenntnis, die Du gerade gewonnen hast, verblasst.

Der Text ist ja kurz. Den hast Du schnell, z. B. in die Ich-Perspektive umgesetzt. Wenn Du das machst, wirst Du übrigens unmittelbar erfahren, wo Schwächen in der jetzigen Fassung sind, sodass der Lerneffekt viel größer ist.

Das ist das generelle Problem beim Lernen. Schwarzenegger soll mal auf die Frage, wie man zu solchen Muskeln kommt, sinngemäß gesagt haben: Es kommt auf die letzte Übung an.

Du kannst jetzt also sagen: Okay, ich mache nächste Woche mit dem Training weiter oder ich gehe jetzt zum maximalen Muskelversagen, denn nur dann wird der Muskel auch wirklich wachsen.

Gruß
Geschichtenwerker

 

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