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Kinderseelen

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20.03.2021
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Anmerkungen zum Text

Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob dies wohl als eine Serie geeignet wäre. Das Ende ist doch etwas abrupt und als Cliffhanger besser geeignet, als für ein Solo-Stück.

Kinderseelen

"Nun beginnt der Ernst des Lebens" und "Das Spielen ist jetzt vorbei." - hat man mir gesagt, mit sieben Jahren. Viele meiner Freunde sind mir, als sie sechs waren oder wurden, bereits vorausgegangen. Für sie begann der Ernst früher als für mich und ich habe sie darum nicht beneidet. Ich war gerne im Kindergarten. Da waren alle meine Freunde, Mädchen und Jungen und die Erwachsenen dort waren auch nicht übel. Ich konnte den ganzen Tag spielen, alleine oder mit den anderen. Es gab Essen, ein Dach über uns und ein wenig Natur und Spielplätze draußen. Es fehlte mir also an nichts. Zuhause gab es auch keinen Stress. Nun, jedenfalls nicht mit mir. Meine Mama war alleine und ständig am Arbeiten, auf der Suche nach Arbeit oder hat Seminare besucht um sich auf dem Markt behaupten zu können. Geld war das einzige was wir nicht genug hatten und was meiner Mama oft Sorgenfalten ins Gesicht zauberte. Ich verstand diese Sorgen damals nicht. Wir hatten doch alles, was wir brauchten?

Nun war es soweit, ich würde eine mir unbekannte Frau treffen, die mich zunächst körperlich untersucht. Sie hört meinen Herzschlag und meinen Atem mit ihrem Stethoskop ab. Ich muss kichern, da es noch ganz kalt ist und es mich auf der Haut kitzelt. Sie misst meinen Blutdruck und Puls. Sie will, dass ich auf einem Bein stehe oder mich verbiege. Sie tastet mich ab. Dann stellt sie mir Fragen, die ich alle richtig beantworten konnte: Wie viele Beine hat ein Hund? Vier. Ist ein Apfel Obst oder Gemüse? Obst. Alles richtig! Und am Ende doch: Sie sagte zu meiner Mama, ich seie noch nicht reif genug. Ich sei albern, kindisch, ich lache zu viel, wenn mich andere anfassen. Meine Mama widerspricht ihr. Sie will, dass ich eingeschult werde! Ich bin ja bereits ein Jahr zurückgestellt worden. Es wird Zeit für den Ernst des Lebens.

So war dies mein letztes Jahr im Kindergarten. Ich hatte Angst. Die meisten meiner Freunde würden ebenfalls eingeschult werden. Bei meinem ersten Gespräch mit meiner zukünftigen Schulleiterin - mir wurde die nächstgelegene Schule zugewiesen, wie auch meinen Freunden - wurde ich gefragt, mit wem ich gerne in einer Klasse wäre. Ich nannte meine Freunde aus dem Kindergarten, daher hatte ich keine Angst meine Freunde zu verlieren.
Ich habe versucht, mit groβen Augen und gespitzten Ohren, nochmal alle Eindrücke aus dem Kindergarten mitzunehmen. Ich saβ drauβen und beobachtete die Marienkäfer, wie sie flogen und sich setzten, auf Blätter, auf Stöcke, auf meine Hand und mein Hemd. Wie viele Punkte sie hatten, welche Farbe ihr meist roter Panzer hatte. Ich trat Bälle in die Luft zu meinen Freunden, die sie annahmen und zurücktraten. Ich fuhr Dreirad und Roller und buddelte im Sandkasten. Ich habe mit allen Farben gemalt, gemalt und noch mehr gemalt. Nicht für andere, aber für mich. Wir sangen Lieder mit den Erwachsenen, wir aβen und tranken zusammen, auch wenn ich den Tee niemals trinken konnte. Er schmeckte einfach eklig.
Zuhause wurde ich langsam auf die Schule vorbereitet. Mir wurden einige Zahlen gezeigt. Das ist eine 1, das ist eine 2. Und Buchstaben: A, B, C,...
Als wir bei meiner Tante waren, haben mir meine Cousinen, die alle schon viel länger in der Schule waren, ebenfalls ihre Schulsachen gezeigt. Ich verstand es leicht, doch wusste ich nicht, wofür ich dies jetzt gerade brauchen würde.

Alle meine Verwandten kamen, man hat mir eine spitze Tüte in die Hände gelegt, ich stand auf der Treppe meiner Schule, wo die Lehrer und alle anderen Fotos von mir und meinen Mitschülern machten. Ich erkannte einige meiner Freunde in den Reihen, aber viele kannte ich gar nicht. Ich wollte da nicht rein! Ich wollte weiter spielen. Habe ich denn nicht schon viel gelernt, auch ohne Schule? Alles was man mir zeigte, Buchstaben und Zahlen und die ersten Plus-Aufgaben, habe ich doch ohne Schule verstanden, obwohl ich sie vorher nie gebraucht hatte. Es gingen alle, auch meine zukünftige Klassenleiterin, zusammen in das Schulgebäude. Sie zeigte uns den Weg zu unserem Klassenzimmer. Wir betraten einen Raum: hell, mit vielen Bänken aus Holz und Metall und Stühlen aus demselben Material. Es gab ein paar Schränke und einen gröβeren Tisch mit gepolstertem Stuhl für unsere Lehrerin. Wenn die Eindrücke nicht so viel gewesen wären, hätte ich wohl jetzt schon erkannt, dass dieser Raum langweilig war. Ich will hier nicht sein!
Die Lehrerin setzte uns an unsere Plätze, die bereits mit einem kleinen Namensschild versehen waren. Neben mir saβ ein Mädchen, welches ich noch nicht kannte. Meine Freunde waren überall im Raum verteilt und saβen neben Kindern, die ich aus meiner Kindergartenzeit nicht kannte und sie wohl auch nicht. Wir begannen unsere allererste Schulstunde. Ich erinnere mich nicht mehr, an deren Inhalt. Ich war noch mit der Beobachtung meiner Klassenkameraden, des Zimmers, meines harten Stuhls und kalten Tisches beschäftigt. Als es überstanden war, dachte ich mir nur, ob das die nächsten Jahre weiter so bleibt oder noch besser wird. Meine Familie und ich gingen mit meiner Schultüte nach Hause, wir aβen Kuchen, die Erwachsenen tranken Kaffee, die Kinder tranken gesüβte Getränke. Sie fragten immer wieder grinsend, wie es gewesen sei, so als ob sie an meine Antwort eine Erwartung geknüpft hatten. “Nun beginnt der Ernst des Lebens und das Spielen ist vorbei.” Da war sie wieder. Was bedeutete diese Aussage? Es würde doch wohl nicht die nächsten Jahre ohne jedes Spielen und so langweilig wie heute weitergehen?

Meine Mama brachte mich früh am morgen auf einem denkbar kurzen Weg zur Schule. Ich sollte mir den Weg merken, da ich ihn in ein paar Tagen alleine gehen müsse. Ich trug auf meinem Rücken einen schweren Ranzen, indem sich allerhand Hefte und Bücher, sowie meine Federtasche befanden. In mir drinnen trug ich lediglich den Wunsch, wieder in den Kindergarten zu gehen. Es war noch dunkel, doch sah ich - ganz typisch für diese Art Städte - keine Sterne. Es ging vorbei an den Plattenbauten unterschiedlicher Höhe. Das eine fünf, das andere zwölf Stockwerke hoch. Kurz durch ein kleines Wäldchen, was noch das erfreulichste an meinem Weg war. Eigentlich war es kein Wald, lediglich eine kleine Oase inmitten des Beton, wo sich, trotz der frühen Stunde, einige Männer trafen, Zigaretten rauchten die mir in der Nase brannten und Biere tranken bis die ganze Oase danach stank.
Und als wir aus diesem kleinen Baumgarten traten, sah ich zuerst Zäune, wie ich sie schon von meinem Kindergarten kannte. Gelb, wo der Lack noch nicht abgeplatzt war, ansonsten Rost-Braun. Das Geschrei der anderen Kinder war Ohrenbetäubend. Meine Mama verabschiedete sich von mir mit einem Kuss und wünschte mir viel Erfolg. Ich versuchte mich an den Weg zu erinnern, den wir bei unserer Einschulung gingen, doch so früh am morgen, unter all dem Geschrei und dem überall gleich grauen Beton gelang es mir nicht. Ich suchte daher meine Freunde und fand sie bald. Wir versuchten gemeinsam, jeder einen Teil des Weges sich erinnernd, unser Klassenzimmer zu finden.
Wir hatten es geschafft und jeder ging zu seinem Platz, mit seinem Schildchen. Es plapperten alle durcheinander. Wer hatte die gröβere Tüte gehabt, wer die meisten Süβigkeiten? Hatte einer die Lieblingssorte des andern und könne tauschen? Die Schulglocke ertönte über den Lautsprecher über der Tür des Zimmers. Unsere Klassenleiterin begrüβte uns und wir grüβten im Chor zurück. Auch sie erzählte uns von dem, mir unbekannten, Ernst des Lebens der nun begönne und das sie uns die nächsten vier Jahre begleiten werde, ehe wir in der fünften Klasse auf eine andere Schule wechseln. Ihr Lächeln lieβ sie mir sympathisch erscheinen, doch machten mir ihre nach unten, zur Nase gerichteten Augenbrauen und die tiefen Falten dazwischen Angst.
Wir begannen zunächst mit dem Alphabet. Sie fragte, ob jemand den ersten Buchstaben schon kenne und schrieb ihn gleich an die Tafel. Sie fragte, ob jemand den nachfolgenden Buchstaben kannte und lobte den Schüler. Und so ging sie noch einige Buchstaben durch, bis ich sie nicht mehr kannte, aber alle anderen scheinbar schon. Nie zuvor hatte ich gefragt, ob jemand besser Marienkäfer beobachten könne als ich oder schneller mit dem Dreirad fahren konnte oder den Ball viel höher schoss als ich. Doch hier bemerkte ich: Alle kannten mehr Buchstaben als ich. Manche taten gar ganz gelangweilt, als ob sie ihr ganzes Leben nie keinen unserer Buchstaben kannten! Mein Magen verkrampfte sich, was bei der nachfolgenden Stunde noch schlimmer wurde: Mathematik. Wie viele Zahlen kannten wir schon? Sie kannten alle die Zahlen bis Zehn und manch einer hat demonstrativ zwei große Zahlen miteinander addiert, woraufhin unsere Lehrerin ihn stark lobte. Es trieb mir die Schamesröte ins Gesicht obwohl niemand bemerkt zu haben schien, dass ich keine Antworten gab. So konzentrierte ich mich, zum ersten mal bewusst, ganz und gar auf die grüne Tafel, die weiβen Buchstaben und Zahlen aus Kreide, lauschte den Worten der Lehrerin und versuchte eifrig zu lernen. Es gelang mir zunächst leicht den Stoff zu verstehen. Doch schon bald wanderte meine Aufmerksamkeit durchs Fenster nach drauβen. Da ein Baum der sich sanft im Wind wog, die Blätter lustig tanzend. Ein Rabe, schwarz wie der nächtliche Himmel, krächzte seine Lieder. Eine Mutter fuhr ihr kleines Kind im Kinderwagen den Gehweg entlang: Oh wie ich dieses Kind beneidete! Die Luft im Klassenzimmer schien jeden Tag weniger zu werden. Dieses Kind im Wagen aber darf drauβen sein, darf atmen und wohl auch schlafen. Wäre ich eingeschlafen am Tisch, ich wäre wohl zum Arzt geschickt worden. Das ist jedenfalls mal jemandem so ergangen, so sagte man in den Pausen, welche mir manchmal kein Trost waren. Am Anfang war es schön einfach mit seinen alten Freunden weiter zu spielen. Doch irgendwann kamen Schüler der fünften Klassen und älter, die uns üble DInge zu riefen oder auch Schüler derselben Klassenstufe, die ihr trauriges Leben von Zuhause an uns auslebten (man vermutete bei einigen ja, dass der Vater wohl zu viel trinkt und die Hand eher locker sitzt).

Zuhause war ich nun noch weniger als zu meiner KiTa-Zeit. Ich ging zur Schule, dann zum Hort - meine Mama hat ja wieder gearbeitet - dann musste Zuhause noch für die Schule gelernt werden. Es gab öfter Streit mit meiner Mama, weil ich nicht mehr lernen wollte. Ich warf Stifte durch die Küche, weil ich dieses eine Wort nochmal richtig schreiben sollte, obwohl meine Gedanken schon lange nur noch als Nebel wahrnehmbar waren und meine Augen es partout nicht zustande brachten auf diesen Zettel zu fokussieren. Und meine Mama begann mein Verhalten, welches ich schon immer so wahrnahm, zu kritisieren. Ich wäre faul, ein Träumer, ich könne das doch alles und sie verstünde nicht, warum ich es nicht abrufen kann. Sie bezog sich dabei wohl auf meine ersten Zeugnisse, in denen meine Klassenlehrerin grundsätzlich zu schreiben schien, dass ich mehr könne, wenn ich mich nur anstrengen würde. Ich will mich gar nicht anstrengen! Ich will wieder spielen und sei es alleine.
So war der Hort meine letzte Zuflucht. Hier war alles wie im Kindergarten, nur dass wir Hausaufgaben machen mussten und die einen Erwachsenen uns halfen wo sie nur konnten und die anderen uns nur beobachteten und wollten, dass wir leise sind. Ansonsten waren wir, war ich frei. Ich spielte wieder wie zuvor mit meinen Freunden und mit neuen Freunden. Ich beobachtete Schmetterlinge und Grashüpfer, kletterte auf Gerüsten und buddelte in Sandkästen. Doch meine gröβte Freude war es, meine eigenen Welten zu erschaffen. Ich fragte meine engsten Freunde ob wir etwas spielen wollen, doch uns ist nichts eingefallen. Dann begann ich von einer anderen Welt zu erzählen aus der ich kam und wo mein böser Zwillingsbruder noch wohnte. Er versuchte mich zu fassen, weil er nur mit mir seine volle Kraft entfalten könne. Meine Freunde begannen sogleich sich mit Stöcken zu bewaffnen um diesem Ziel einhalt zu gebieten. Über Monate, wenn nicht gar ein ganzes Schuljahr tauchten wir in meine Fantasie ein. Ich entwarf Zuhause Karten und Hinweise, die wohl aus dieser anderen Welt stammten, um zu belegen, dass sie wirklich existiert. Es wurden immer mehr Mitstreiter, bis sich einige wohl vom Sog meiner Welt befreien mussten: Sie sagten mit lauter, angespannter Stimme, dass das nicht echt sei! Fortan hatte ich nur noch wenige Freunde und verstand nicht recht woran es lag. Früher haben wir doch immer so gespielt? Haben uns immer ausschweifend unserer Fantasie hingegeben? Ist dies der Ernst des Lebens, den ich in meinen Freunden bemerkte?

 

Ich danke für die Kritik und werde meine Geschichte, denke ich, noch Mal überarbeiten. Ich kann dem meisten zustimmen, the dead frog!

Wie ist da der Gang in diesem Forum? Bearbeite ich meinen Text oben oder Stelle ich ihn als Kommentar hier noch Mal ein (quasi als Gegenüberstellung), wenn es doch wohl größere Änderungen sind?

 

Hey @Emptiness ,

und hallo erstmal. Also wie ich das kenne, ist es hier zunächst so, dass es gewünscht ist, sich mit den Kommentaren der anderen intensiv auseinanderzusetzen. Das bedeutet, dass du dich mit einzelnen angesprochenen Aspekten schriftlich auseinandersetzt und mit den Kommentierenden richtig in Dialog trittst. Das kann bei einem so ausführlichen Kommentar wie dem von DeadFrog bedeuten, dass deine Antwort auf diesen Kommentar einen ähnlichen vielleicht sogar größeren Umfang einnimmt. Es wird nicht nach Zeichen gezählt, keine Sorge ;) aber ein bisschen mehr als "Danke. Werde es wohl nochmal überarbeiten" sollte es schon sein, das ist, so wie ich das hier kenne, Konsens. Das ist, finde ich, das Commitment, auf das man sich mit dem Upload eines Textes hier einlässt. Vor allem aber tut das auch der Reflexion über das Kommentierte und über deinen Text gut, ist letztlich das Kerngeschäft der Textarbeit und eine gute Übung, falls du mal mit Lektoren und Lektorinnen arbeitest. Es geht auch um die Frage, was kann ich im einzelnen annehmen? Wo widerspreche ich und warum?

Zu deiner eigentlichen Frage. Linke Seite unter deiner Geschichte ist der "Bearbeiten"-Button. Da draufklicken und dann Änderungen oder eben die umgeschriebene Version reinladen. Nicht als Kommentar (das 'nicht' nur deshalb unterstrichen, weil das ein verhextes Wort ist).

VG

 

Ich möchte Carlo Zwei's Rat gerne annehmen und werde auf die Kommentare hier eingehen. Danke für den sehr einleuchtenden Hinweis. Mir scheint es wohl eine Frage des Respekts zu sein, dem anderen zu zeigen, dass man sich mit seinen Aussagen/Vorschlägen beschäftigt hat.

Also zunächst Mal zu Rob F.:
Dein Beitrag hatte sehr viel Lob für meine Geschichte. Dafür danke ich und ich schätze es in einem so kritischen Forum sehr!

Ich hatte überlegt, diese Fantasiewelten noch mehr auszugestalten. Von der Sache her könnte man auf die Art wohl einen ganzen Roman füllen, aber wie the dead frog schreibt, wäre das wohl zu viel geworden und hätte zu sehr von der eigentlichen Charakterentwicklung abgelenkt.

Leider hat es sich für mich so gelesen, als hättest du zu viel in den Text hineinbringen wollen.
Ja ich sehe wie du zu dieser Aussage kommst.
Die Ärztin halte ich jedoch für wichtig. Ich finde es insofern relevant, da die Ärztin vom medizinischen Standpunkt aus attestiert, dass der Charakter (noch) gar nicht für den Ernst des Lebens geeignet ist. Das mag man auf zweierlei Art deuten: Einerseits, dass er hätte länger in der Kita bleiben müssen, weil das Schulleben noch nichts für ihn ist (Entwicklungsverzögert?). Oder andererseits, dass er charakterlich (was man ja schwer ändern kann) überhaupt nicht für die Schule geeignet ist, egal wie oft man ihn testet und wie lange man wartet.
Die Mutter muss als engste Bezugsperson wohl bleiben. Aber Tante und Cousinen kann ich wohl rauslassen. Der Effekt dieser Charaktere auf die Geschichte ist wohl zu klein.

Irgendwie kommt es mir so vor, als wärst du in der Zeit verrutscht.
Vielleicht findest du auch eine Möglichkeit, das etwas einfach zu schreiben.
Ich habe eine Erklärung ganz weggelassen, die da noch fehlte und diese Stelle aufklären würde: Der Charakter wurde ja bereits ein Mal von so einer Ärztin zurückgestellt, daher ist er auch bereits sieben Jahre alt, als der erste Schwung seiner Freunde mit 6 eingeschult wurde. Solche Untersuchungen fanden zu meiner Zeit jedes Jahr statt, bei allen Kindern die das sechste Lebensjahr erreicht haben. Würde das, was ich eben zu der Ärztin schrieb, noch mal mehr hervorheben?
ich für mich auch unrund. "Am Arbeiten" ist nicht falsch, ich hab extra nachgeschaut(!), aber es liest sich nicht gut.
Z. B. "Meine Mama arbeitete ständig, wenn sie nicht arbeitete, dann besuchte sie Seminare, um sich auf dem Markt behaupten zu können."
Da bin ich wohl in meinen "Slang" gerutscht ;)

Wir hatten doch alles, was wir brauchten?

Das ist meiner Meinung nach eine Aussage, keine Frage.
"Hatten wir nicht alles, was wir brauchten?"
Einverstanden!

Irgendwie bin ich da wieder über die Zeiten gestolpert.
Ich auch, wo du es jetzt sagst. Werde es überarbeiten.
Ich habe versucht, mit groβen Augen und gespitzten Ohren, nochmal alle Eindrücke aus dem Kindergarten mitzunehmen.

Keine Ahnung, ob sich ein Kind wirklich so verhält. Das wirkt sehr erwachsen auf mich. Zumal, wie soll der Erzähler wissen, dass er den Kindergarten vermissen würde? Ja, er hat Angst, aber wie bewusst ist man als Kind wirklich?
Gedacht war es von mir so, dass der Protagonist durch den Spruch, dass das Spielen jetzt vorbei sei, eben dieses noch Mal so richtig genießen wollte. So in etwa habe ich es auch selber in Erinnerung. Vielleicht muss ich diesen Spruch noch etwas penetranter wirken lassen, quälender?
Das ist ein bisschen viel. Liest sich, als wäre der Kindergarten eine Marienkäferfarm.
Ach, das kommt schon vor in der Gegend wo ich aufgewachsen bin. Da fliegen dann tausende Marienkäfer über einem her und wo sie landen ist alles komplett rot-schwarz. :)
Aber vielleicht ist das eine zu spezielle Beobachtung, ich werde Mal über andere Krabbeltiere nachdenken.
Ich fuhr Dreirad und Roller und buddelte im Sandkasten.

Die Wiederholung von "und" klingt etwas kindlich, ist das Absicht?
Ich schreibe eher nach Gefühl... Es fühlte sich wohl richtig an, an dieser Stelle, aber bewusst entschieden habe ich das nicht. Stört es den Lesefluss?

Ich würd das umdrehen.
Ich werde diese Szene vielleicht streichen (siehe oben) und allgemein schreiben, dass der Charakter einige Dinge schon gezeigt bekommen hat, bevor die Schule los ging.
Ich verstehe, was du damit sagen willst. Aber du verkaufst es mir nicht. Der/die Kleine will nicht in die Schule, also auf was scheißt er als Erstes? Auf das Zeug in seinem Schulranzen.
Ich wollte einen Kontrast herstellen zwischen Realität und Wunsch. Der schwere Ranzen eignete sich hervorragend als Sinnbild oder Metapher, aber ich sehe, dass ich es anders ausdrücken sollte.
Der Satz ist einfach ein Monster. Das würde ich einfacher formulieren. Mach da ruhig mehr Sätze draus. Außerdem, wieso merkt der Kleine nichts? Der läuft einfach mal so durch eine Grünanlage mit Besoffenen und alles, was passiert, es brennt in seiner Nase?

Wie wäre es, wenn die Besoffenen rumpöbeln, schreien und sich raufen, dem Erzähler Angst machen, immerhin muss er da ja bald alleine durch.

Hab schon eine grobe Idee wie ich es schreiben kann. Die Betrunkenen, die ich so auf der Straße sehe, verhalten sich sehr sehr selten so, wie du es hier schreibst. Von daher werde ich es furchteinflößender schreiben, aber nicht auf der Schiene.
Da wäre für mich wieder eine Gelegenheit, etwas Gefühl einzubauen. Hat er Angst vor der Klasse blöd dazustehen, wenn er das Zimmer nicht findet? Will er es vielleicht gar nicht finden?
Wo trifft er seine Freunde? Ist er erleichtert? Haben sie vielleicht sogar Spaß daran, das Klassenzimmer zu suchen? ...
Da hab ich den Leser wohl alleine gelassen. Gefühl beim Schreiben ging eher in Richtung "Ich will nicht dumm da stehen und gehe einfach mit meinen Freunden mit. Entweder wir kommen an oder sind alle gemeinsam die Dummen."

Ich glaube, da fehlt was. Aber das macht es vom Sinn her nicht besser. Was genau meinst du damit? Ist es der kompetitive Gedanke, der ihm fremd ist? Das Gefühl, das alle anderen "schlauer" sind als er? ...
Ich find die Idee richtig gut. Das er eigentlich viel mehr Spaß an dem ungezwungen hatte und jetzt auf einmal merkt, dass es so was wie "mehr" und "weniger" Wissen gibt.
Von der Sache her der kompetitive Gedanke, ausgelöst durch das Lob der Lehrerin und das Angeben seiner Klassenkameraden. Vielleicht auch durch die Mutter, die an dieser Stelle gar nicht erwähnt wird? Und der Charakter dachte wohl auch, mit der Vorbereitung, die er davor hatte, hätte er bereits einen Vorsprung den anderen gegenüber.
Es gelang mir zunächst leicht den Stoff zu verstehen. Doch schon bald wanderte meine Aufmerksamkeit durchs Fenster nach drauβen.

Das würde ich anders schreiben. Der erste Satz liest sich wie von einem Hochbegabten, der zweite wie von jemand mit ADS. Schließt sich sicher nicht aus, trotzdem wirkt es komisch.

[...]

Falls dir das ähnlich geht und das mehr autobiografisch ist, versuch das unbedingt auszuformulieren! Auch wenn ADS/ADHS schon fast zum guten Ton gehört, haben doch viele keine konkrete Vorstellung, wie das sein kann.

Ich habe undiagnostiziert ADS (nur fachärztliche Vermutung) und man hat mich von zurückgeblieben bis hochbegabt schon eingeordnet...
In dem Buch "Ganz normal hochbegabt" (Titel ist mir nicht mehr ganz im Gedächtnis) wird ein möglicher Zusammenhang von beidem hergestellt.

Das Beschriebene ist mir durchaus so ergangen und kann ich gerne noch genauer veranschaulichen.

Früher haben wir doch immer so gespielt? Haben uns immer ausschweifend unserer Fantasie hingegeben?

Das hättest du vielleicht erwähnen sollen. Das ist ja schon etwas mehr als Räuber und Gendarm. Missversteh mich nicht, ich würde das überhaupt nicht als "seltsam" abstempeln, ich finde die Idee wundervoll, aber das hätte ein schönes Grundkonzept für die ganze Geschichte abgegeben. Als Thema für seine Träumereien, die Schüler aus den oberen Klassen wären Schergen seines bösen Zwillingsbruders. Die Proleten in der Oase, gemeine Riesen usw. usw.
Wie oben beschrieben wäre das von der Idee her wohl sogar Roman-füllend, aber dann würde wohl die grundlegende Botschaft untergehen?
Ich würde es im Zuge dieser Kurzgeschichte noch Mal in die Kita-Zeit einbauen, um den Kreis mehr zu schließen.

 

Hallo @Emptiness
und auch von mir ein herzliches Willkommen hier.

Vorab: Ich finde die Idee und die Gedanken dahinter schön!

"Nun beginnt der Ernst des Lebens" und "Das Spielen ist jetzt vorbei." - hat man mir gesagt, mit sieben Jahren.
Mein Vorschlag: das zweite Zitat weglassen. Es würde den roten Faden mehr fokussieren und Du verlierst eigentlich nichts an der Aussage - es würde dadurch "straffer" werden. Ansonsten ja ein schöner erster Satz für die Idee - man kommt sofort rein.

Bei den nächsten Sätzen wusste ich nicht so ganz, wer das erzählt (bzw. wann). Manche Aussagen sind aus den Kinderaugen, manche sind aus längerer, eher nostalgischer Sicht erzählt. Mir gefällt dieser Mix nicht so ganz. Als Beispiel:

Ich verstand diese Sorgen damals nicht. Wir hatten doch alles, was wir brauchten?
Der erste Satz entlarvt den Erzähler als Erwachsenen, der zweite Satz ist aber aus der Sicht des Kindes. Das passt für mich nicht recht zusammen.

Das zieht sich ja so durch den Text, deshalb gehe ich nicht weiter ins Detail ein. Ich finde, beide Varianten haben ihre Vorzüge. Aus den Kinderaugen erzählt kann es rührseelig werden - ist aber sicher als Autor "schwer" kindergerechte Gedanke so zu schreiben, dass der Soziale Aspekt - den das Kind womöglich noch nicht versteht - für den Leser trotzdem verständlich zu machen.
Die Nacherzählung aus erwachsener Perspektive ist sicher einfacher, aber ich fürchte auch etwas langweiliger.

Ich hoffe Du kannst damit was anfangen
dennoch: gern gelesen
Gruß
pantoholli

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Emptiness ,

herzlich willkommen im Forum! :gelb:

Vorab: Ich hab keinen der anderen Komms gelesen, es könnte sich also was doppeln.

Deinem Text liest man ein Händchen fürs Detail, gute Beobachtungsgabe und eine Lust am Erzählen an. Das macht auf jeden Fall neugierig und hat viele Bilder geweckt, die mir lebendig vorkamen und die ich vielleicht mit der Zeit als etwas erinnere, dass sie mir von jemanden direkt im Gespräch erzählt wurden. Das alles ist ja schon die halbe Miete.

Ich komme aber auch mit ein paar kritischen Anmerkungen in deinen Thread. Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen.

Obwohl da ein paar wirklich starke, eindrückliche Szenen waren, fühlte ich mich recht schnell - nämlich bereits im ersten Absatz - versucht, im Quickread drüberzugehen. Und die Geschichte kam mir dann sicher vier oder fünf Mal so lang vor, als sie eigentlich ist. Das lag an:
- Kein eindeutiger Fokus auf das Erzählte, auf das, was Konsequenzen haben wird.
- Perspektivfehler: Du erzählst einmal mit dem Vokabular / Register eines Kleinkindes, um dann wieder wie ein Erwachsener zu analysieren, in die Retrospektive zu gehen. Das finde ich sehr irritierend und hat mich immer wieder mit der Nase drauf gestossen, dass der Text konstruiert ist (vs: ich erlebe alles beim Lesen mit).
- Ein Plot ist letztlich schwer auszumachen. Es ist wie im Leben: erst passiert das, dann das und dann das. Für Prosa ist das aber kontraproduktiv, weil man sowas wie einen Spannungsbogen erwartet, wie eine Charakterentwicklung, eine Konsequenz, Wandlung, Einsicht.

Ich gehe mal im ersten Absatz ins Detail, stellvertretend für den Gesamttext.

"Nun beginnt der Ernst des Lebens" und "Das Spielen ist jetzt vorbei." - hat man mir gesagt, mit sieben Jahren.
Eines der Zitate würde ich streichen, du verwässerst mit der Auswahl dein Bild.
Syntax: Hat man mir mit sieben Jahren gesagt (Hier wäre der, der das sagt, sieben Jahre alt) -> Hat man mir gesagt, als ich sieben Jahre alt war.
Viele meiner Freunde sind mir, als sie sechs waren oder wurden, bereits vorausgegangen.
Das ist ein ziemlich verquaster Satz für eine so einfache Aussage. Zumal 'vorausgegangen' recht unklar ist. Kurz fragte ich mich, ob du 'von uns gegangen' meinst, und dass die anderen Kids tot sind.
Viele meiner Freunde waren mir in der Entwicklung voraus. (Auch nicht schön, aber so ungefähr.)
Ich konnte den ganzen Tag spielen, alleine oder mit den anderen.
Das Wort gibt es nicht mit e (kann man nur in Dialogen machen, weil manche Leute es so sprechen): allein.
Es gab Essen, ein Dach über uns [Komma] und ein wenig Natur und Spielplätze draußen.
Was ist "ein wenig Natur"? Wenn es ein Garten ist, ist es eigentlich keine Natur. Würde ich durchaus konkret benennen: eine kleine Wiese o.ä.
Zweimal und klingt so, als hättest du was vergessen und es atemlos noch angehängt. Man könnte es sogar elliptisch lösen: Es gab Essen, ein Dach über uns (Oder: Wir hatten genug zu essen, ein Dach über uns / über dem Kopf). Einen kleinen Garten und Spielplätze draußen (in der Nähe / Nachbarschaft).
Meine Mama war alleine und ständig am Arbeiten
Sehr umgangassprachlich (oder Dialekt, von dem man aber sonst nix merkt): immer auf der Arbeit. Könnte man auch benennen: im Büro, im Blumenladen ...
Geld war das einzige[Komma] das was wir nicht genug hatten
Geld war das einzige, das uns fehlte. (Positive Aussagen sind schneller zu erfassen als Verneinungen.)
und was meiner Mama oft Sorgenfalten ins Gesicht zauberte.
Falsche Kollokation: Ein Lächeln ins Gesicht zaubern ist eine stehende Redensart, und bedeutet grundsätzlich etwas Positives.
Ich nehme nicht an, dass das hier gegen die Mutter gerichteter Zynismus ist. Deine Konstruktion ginge nur als Sarkasmus in einem Humortext.
Ich verstand diese Sorgen damals nicht. Wir hatten doch alles, was wir brauchten?
So richtig höre ich aus dem zweiten Satz keine Frage raus. Vllt. lieber einen Punkt setzen, oder: Hatten wir nicht alles, was wir brauchten?
Mama = Sicht des Kindes.
Damals = Reflektion eines Erwachsenen (eventuell sogar betagten Erwachsenen).
In dieser Kombination klingen die Passagen aus Kindersicht (z.B. auch das 'ich spiele mit meinen Freunden'), als wäre der Erzähler debil. Das tut deinem Text nicht gut. Ich gehe mal davon aus, dass er keine eingeschränkten intellektuellen Kapazitäten haben soll, oder?

So könnte ich deinen gesamten Text durchgehen, aber du siehst sicher, was ich kritisiere.

Zum Plot: Wie schon gesagt, mir fehlt ein roter Faden, mir fehlt eine Leserführung anhand dessen, was deine Prämisse und dein Thema ist. Momentan sind hier sehr viele Erlebnisse (fiktive oder autobiographische, das spielt in Prosa keine Rolle) gleichwertig nebeneinander gestellt. Mit jedem Absatz baue ich eine Erwartung auf, wohin die Reise gehen könnte und bekomme dann nur noch mehr kleine, gleichwertige Szenen.
Vor allem, wenn eigentlich retrospektiv erzählt wird, sollte deutlich werden, worum es dir geht.

Szenen, die mir sehr gut gefallen haben, waren:
- die Szene bei der Untersuchung
(Das hatte fast was Unheimliches, Bedrohliches), da haben sich einige Erwartungen aufgebaut, doch dann kam nur: Ich wurde zurückgestellt. Schade.
- Die Szene, in der er die Käfer beobachtet, weil das seine Sicht auf die Welt sehr individuell zeigt, auch in In-sich-versunken-Sein.

Ich denke, die Geschichte würde sehr gewinnen, wenn du auf diesen naiven Tonfall, das simple Vokabular und die überaus schlichten Satzstrukturen (und ich machte und dann machte ich und dann kam mein bester Freund und machte was ...) verzichten würdest. Und alles einfach ehrlich aus Erwachsenensicht passend zur Retrospektive im Alter erzähltest.

Das Ende ist für mich kein Abschluß, sondern ein weiteres Im-Kreise-Drehen, Hin- und Herwenden, das mich etwas verwirrt zurücklässt.

Ist selbstverständlich Einstellungssache, aber: Ich sehe nicht, was die Geschichte mit dem Titel zu tun hat. Auch brauchst du dafür Leser, die an Paranormales (eine Seele) glauben, aber nichts an dem Text selbst weist auf etwas Spirituelles hin - du analysierst ja mehr das Erwachsenenwerden. Das geht ja potenziell ebenso die Realisten unter uns an.

Ich wünsche dir noch viel Spaß im Forum, beim Lesen, Schreiben und Kritisieren (man sieht ja bei Fremdtexten viel leichter, was für einen funktioniert und was nicht).
Herzliche Grüße,
Katla

 

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