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Klonkrieg

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03.01.2001
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Klonkrieg

Daniel Polster

Klonkrieg

Majestätisch und tosend krachten die Wellenberge gegen die Kaimauer. Die See war stürmisch und ein Gewitter schien jeden Augenblick losbrechen zu wollen. Die Sonne stand im Zenit, doch vermochten ihre Strahlen nicht, die dichte Wolkendecke zu durchdringen. Nebel zog vom Festland her auf und reduzierte die Sicht auf ein Minimum. Die Fischer der nahen Ortschaften hatten sich schon längst in die Sicherheit der Häfen und Kaianlagen begeben. Bei diesem Wetter schwammen die Fische ohnehin zu tief, was das Auslaufen der Kähne nicht nur lebensgefährlich, sondern auch sinnlos machte.
Doch etwas abseits gelegen herrschte geschäftige Betriebsamkeit. Die gewaltige Brandung zerschlug sich an den Stahlgerüstträgern der Marinewerft der Vereinigten Staaten von Amerika. Zubringerboote kreuzten regelmäßig und brachten Material und Leute vom Festland. Vor Wochen hatten die Arbeiten begonnen, und es schien nicht, als ob sie in naher Zukunft abgeschlossen sein würden. Die Angelegenheit erweckte den Anschein, dass die US Navy irgendein Großprojekt am Laufen hatte, doch wusste niemand, inwiefern dieses Projekt auf irgend jemanden irgend welche Auswirkungen haben würde, oder worum es sich überhaupt handelte.
Mit einem leichten Stoß kam das kleine Patrouillenboot vor der südlichen Anlegestelle zum Stehen. Ein Arbeiter sprang herab und griff sich ein Bündel elektronischer Ersatzteile ehe er die Werftanlage betrat. Das gesamte Gebiet war durch hochfrequente Niedrigenergielaser gesichert, was bedeutete, dass jeder ausländische Spionagesatellit, der das Areal passierte, "geblendet" wurde, und vom betreffenden Gebiet keine Bilder senden konnte. Aus diesem Grund hatte die GRU auch einen Agenten beauftragt, sich die Werft aus den Nähe anzusehen. Die Tarnung als Arbeiter war nahezu perfekt, die Ausweise wiesen keinerlei Mängel auf, und der russische Kundschafter passierte ohne Probleme die Sicherheitskontrollen und betrat den inneren Brüstungsring. Im Inneren der Anlage war die Sicht wesentlich besser als außerhalb, Flutlichtscheinwerfer durchstachen die Dunkelheit und sorgten für Beleuchtung wie zur besten Mittagszeit. Als sich der Wind beruhigt hatte, schob der Agent seinen Gesichtsschutz ein wenig zurück und blickte auf. Vor Schreck weiteten sich seine Augen, sein Unterkiefer klappte nach unten. Keuchend holte er Luft.
Die Stahlgerüste von etwa dreißig Flugzeugträgern prangten wie gigantische Kolosse im Zentrum des Gebietes. Mehrere Dutzend Kreuzer und Schlachtschiffe schwammen teilweise fertig gestellt an den äußeren Kaimauern und verstärkten das Gefühl von Hilflosigkeit und nahendem Unheil in dem Agenten. Er brachte die Elektronikteile an die richtige Stelle und fuhr zurück zum Festland. Dort angekommen setzte er sich mit seinem Kontaktmann in Verbindung und erstattete Bericht.

"Meine Damen und Herren, was halten Sie von der Sache?", fragte der russische Präsident und ließ die Zusammenfassung dieses und einer Vielzahl anderer Reporte auf den Tisch fallen. Auch die anderen Mitglieder des Komitees für Auslandsangelegenheiten saßen mit zusammengefalteten Händen und einem Gesichtsausdruck, der von schockiert bis entsetzt reichte, über Kopien der Berichte. Ab und zu hörte man ein Stöhnen oder einen leise gemurmelten Fluch, doch war der Raum ansonsten totenstill, was auch perfekt die allgemeine Gemütslage widerspiegelte. An einer Wand prangte eine Gedenktafel, auf der einige russische Worte in grüner Schrift angebracht waren und täglich aktualisiert wurden: "1023 Tage ohne dass ein Schuss im Krieg abgefeuert wurde. Nicht vergessen: Frieden ist kein Zufall".
"Ich fasse also zusammen", ergriff der Verteidigungsminister das Wort. "Die Amerikaner haben ihre sämtlichen Geldreserven mobilisiert und in die Rüstung gesteckt. Zur Zeit wird eine Flotte gebaut, welche die Anzahl aller am Zweiten Weltkrieg beteiligten Schiffe um ein Vielfaches übersteigt. Die Panzer- und Handwaffenproduktion hat sich verzehnfacht, und in kürze werden etliche Geschwader F24 - Jäger und B3 - Bomber einsatzbereit sein, wahrscheinlich für die Träger. Doch etwas wundert mich! Woher, zum Henker, nehmen die Amis die ganzen Truppen? Nach unseren Berechnungen bauen sie zur Zeit Waffen und Ausrüstung für über fünfzig Millionen Soldaten, das ist mehr als ihre erwerbstätige Bevölkerung Mitglieder zählt. Selbst eine Rekrutierungsrate von einhundert Prozent, was hieße, dass jeder Erwerbsfähige eingezogen werden müsste, würde nicht genügend Männer und Frauen zur Verfügung stellen. Außerdem würde dann die gesamte Wirtschaft zum Erliegen kommen. Was also haben die Amerikaner vor?" Mit gehobenen Augenbrauen blickte der Minister in die Runde und las die Ratlosigkeit in den Gesichtern seiner Kollegen. "Ganz zu schweigen", fuhr er fort, "dass sie seit Monaten absolute Flaute in ihren Akademien haben. Unseren Informationen zufolge werden in diesem Jahr nur etwa eintausend Absolventen die höhere militärische Ausbildung abschließen. Woher kommt all das Fachpersonal, das für die neuen militärischen Einheiten benötigt wird?"
Eine lange Minute des Schweigens folgte. Plötzlich seufzte der Chef des Ersten Hauptdirektorats des KGB und schob seinen Stuhl zurück. Er stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab und stand auf. "Was wissen die Anwesenden über das Projekt <Silbergen>?", fragte er leise. "Sicher nur das, was allgemein bekannt ist. Doch die Dechiffrierung menschlicher Erbinformation ist nicht das einzige, was im Forschungsgelände an der Lena durchgeführt wird." Er seufzte wieder. "Das Projekt begann auf Geheiß des früheren Präsidenten und wurde damals dem Ersten Direktorat unterstellt. Unterhalb der Silbergen - Anlage befindet sich ein weitreichendes Tunnelsystem mit einer Vielzahl von Kavernen. In jeder dieser Höhlen befinden sich mehrere Tausend Klonzylinder, das sind Nährstoffbehälter, die zum Heranwachsen von ungeschlechtlich gezeugten Menschen benutzt werden. Vor zwei Jahren gelang uns der Durchbruch und die Wissenschaftler fanden die menschlichen Gene, die für die Intelligenz, die Stärke und moralische Integrität, den Kampfeswillen, das Ehrgefühl und die Ergebenheit zuständig sind. Geeignete lebende Kandidaten gaben Zellproben ab und vor genau fünfzehn Monaten wurden die Zylinder mit Erbgut bestückt. Im Moment wachsen dort Hunderttausende von Elitesoldaten für die unterschiedlichsten Aufgabenbereiche heran. Während der Wachstumsphase werden den Klonen über neuronale Bahnen alle Informationen und jedes Wissen zugeführt, das sie gebrauchen können, wenn sie dann in sechzehn Jahren aus den Zylindern entlassen werden und ihrem Bestimmungszweck zugeführt werden." Er machte eine Pause, um die Worte auf die restlichen Komiteemitglieder einwirken zu lassen. "Es besteht die Möglichkeit, dass die Amerikaner schneller waren als wir!"
Der Präsident gewann als erster wieder die Fassung und brüllte den KGB-Chef zusammen. "Soll das heißen, dass wir in Sibirien Übermenschen heran züchten? Nicht genug, das unser Volk Fehler gemacht hat, müssen wir auch noch die von anderen Nationen übernehmen?"
"Verzeihen Sie, aber diese Soldaten könnten unsere einzige Chance sein, wenn das der Fall ist, was ich befürchte. Und das Zweite Hauptdirektorat hat den neuen amerikanischen Präsidenten schon immer als reaktionär angesehen. Als er noch Gouverneur war, führte er in seinem Staat die Todesstrafe wieder ein und räumte gnadenlos mit den Kriminellen auf. Auch unter der ausländischen Bevölkerung hat er wie ein Irrsinniger gewütet. Der Kerl ist ein Faschist, wie er im Buche steht. Und die Amerikaner scheinen das auch noch zu tolerieren!"
"Ich weiß. Ansonsten hätten sie ihn nie zu ihrem Präsidenten gewählt. Die Wahlquote von 95 Prozent zeigt, dass die Amerikaner wie ein Fels hinter ihm stehen. Das Volk hatte sich wahrscheinlich von der rasch sinkenden Kriminalitätsrate blenden lassen, doch hatte solche Erfolge auch schon Hitler zu verzeichnen gehabt. Um dieses Problem müssen wir uns unbedingt kümmern, gerade jetzt, wo wir wissen, womit wir es wahrscheinlich zu tun haben. Aber das ändert nichts an meiner Meinung! Wir würden unsere Vorväter verraten, wenn wir unser Leben jetzt in die Hände von Übermenschen legen würden."
"Aber die Klone sind allesamt Abkömmlinge der besten Speznas - Kämpfer, die wir haben. Sie sind genauso zuverlässig und ehrbar wie unsere Elitetruppen. Bei allem Respekt, aber ich glaube, dass wir ohne die Klone keine Chance haben!"
Jetzt kochte Wut im Präsidenten auf. "Beenden Sie das Projekt! Das Amerikaproblem muss auch anders lösbar sein! Die Sitzung ist hiermit beendet!", schrie er und durchbohrte den Nachrichtendienstler mit seinen Augen. Dieser schluckte und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Krachend schlug die radargelenkte Hawkeye - Rakete in die Betonmauern des isländischen Militärstützpunktes Kevlavik ein, drückte Stahl und Zement auseinander und zerriss die Radarzentrale in Millionen Splitter, als der Gefechtskopf detonierte. Hunderte Flächenbomben passten in der Zwischenzeit die umgebenden Gebäude dem Erdboden an und pflasterten die Flugbahnen und Kasernen. Soldaten rannten aus ihren Unterkünften, brüllten knappe Befehle und liefen zur Dockanlage. Einige Marines versuchten mit tragbaren Raketenwerfern und ein paar Dutzend Stinger - Raketen den amerikanischen Jägern Herr zu werden, doch erstickte ein Feuerstoß aus den Geschützen eines der F24 - Jäger die hoffnungslose Aktion im Keim. Ein isländisches Hubschraubergeschwader war aufgestiegen, hatte Luft-Luft-Raketen auf die amerikanischen Bomber abgefeuert und konnte erste Erfolge verbuchen, als Geschosse durch die Pilotenkanzeln rasten und ein Helikopter nach dem anderen als glühender Feuerball ins Meer stürzte. Truppentransporter schoben sich auf den flachen Geröllstrand und mehrere Divisionen Infanteriesoldaten sprangen an Land. Die Isländer lieferten den Amerikanern ein kurzes Gefecht, dann begannen sie einen schnellen aber kontrollierten Rückzug. Am Horizont schimmerten die Silhouetten von drei Flugzeugträgern im Dunst des späten Nachmittags, während immer mehr Transporter am Land anlegten, und die isländischen Inseln von amerikanischen Truppen überrannt wurden. Die verbliebenen Einheiten hatten sich auf in eine kleine, geschützte Bucht zurückgezogen, aus der kurz darauf einige Luftkissenboote starteten und Richtung Osten liefen - geradewegs in einen Sperrgürtel aus zwanzig Schlachtschiffen, die begonnen hatten, das Gebiet vom Rest der Welt abzutrennen. Wenige Stunden später befand sich der ehemalige isländische Staat unter amerikanischer Kontrolle.

Hubschrauberwellen jagten über die Wälder des kolumbianischen Berglandes hinweg. Wenige Kilometer entfernt hatten Aufklärungsflugzeuge Artilleriefeuer gezeigt, welches durch die Helikopter ausgeschaltet werden sollte. Infanterie- und Panzerdivisionen näherten sich ebenfalls aus drei Richtungen den Mauern der Zitadelle und warteten nur auf das Angriffssignal der Luftunterstützung. Zwei Minuten später war es dann soweit. Eine Breitseite aus den schweren Hubschraubergeschützen hatte die meisten Abwehrbatterien außer Gefecht gesetzt und die Bodentruppen setzten sich in Bewegung. Eine Patriot - Raketenstellung, die sich im Wald versteckt hielt, holte drei Helikopter vom Himmel, ehe sie erspäht und von einem Trupp Marines in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Panzer hatten die Festungsmauern erreicht und hämmerten ununterbrochen auf die Stahlbetonwände ein. Die kolumbianischen Verteidiger mähten mit schweren Maschinengewehren die Angreifer reihenweise nieder, doch waren es zu viele, um die Schlacht gewinnen zu können. Tausende Soldaten quollen aus den dichten Wäldern hervor und nahmen die Zitadelle innerhalb von Minuten ein.

Im Gleichschritt marschierten die Soldaten durch die Straßen von Tokio. Japanische Bürger säumten die Fußwege und beobachteten den Aufzug oder verkrochen sich in ihren Wohnungen. Das geschäftige Treiben, das sonst so typisch für die Innenstadt der japanischen Metropole war, kam fast völlig zum Erliegen. In Reih und Glied tauchte Trupp um Trupp in den Straßen auf und schloss sich den Marschierenden an. Erst bei näherem Hinsehen merkte man, dass keine rote Sonne, das Symbol der Söhne von Nippon, sondern ein blauer Stern auf weißem Untergrund die Uniformen der Soldaten zierte. Auch überragten sie mit ihren ein Meter fünfundachtzig Körpergrößen die Japaner um ein weites. Seltsamerweise hatten sogar alle Soldaten die selbe Größe, was statistisch eine absolute Absurdität bedeutete. Auch die restlichen Körperproportionen waren vollkommen identisch. Selbst die Tatsache, dass alle blond waren, schien niemand zu bemerken, oder die, die es bemerkten, zogen es vor zu schweigen, aus Angst die neuen Herren der Insel könnten mit Säuberungen anfangen.
Die amerikanischen Truppen erreichten soeben den präsidialen Palast. Die Leibwächter des japanischen Regenten waren nach wenigen Sekunden neutralisiert und das Gebäude wurde von den Elitesoldaten gestürmt. Zwei Minuten später wehte das Sternenbanner an Stelle der Nippon - Sonne auf dem Dach des Hauses.

Leuchtkugeln schwebten zu Boden und tauchten die Nacht in ein gespenstisches Halbdunkel. Der russische Soldat rannte zwischen den schwirrenden Granaten hindurch und suchte Schutz im Einschlagsloch eines Panzerabwehrgeschosses. Der noch glühende Stahlrumpf des getroffenen Panzers, bot genügend Deckung vor den anstürmenden Amerikanern. Vor nunmehr einem Monat hatte das Oberkommando gemeldet, dass amerikanische Divisionen die südlichen Kontinente überrannt hatten und Europa und Asien einkesselten. Sein Trupp hatte das damals gar nicht glauben wollen, woher sollten die Amerikaner auch die ganzen Einheiten nehmen, hatten sie gedacht. Doch vor sechs Stunden hatte eine motorisierte Abteilung, die in Tadschikistan auf Streife war, gemeldet, dass sie unter heftigem Beschuss unbekannter Aggressoren stand. Kurz darauf war die Verbindung abgebrochen, ebenso zu einer Reihe von Posten an der gesamten russischen Grenze. Eine Blitzmeldung der Chinesen, die um Unterstützung baten, traf zur selben Zeit ein, und der Krieg hatte begonnen. Wieder einmal drohte dem russischen Reich eine Invasion, und wieder einmal würden die vereinigten Kräfte des Volkes die Angreifer gnadenlos zurückschlagen und ihnen einen saftigen Denkzettel verpassen, dessen war sich der russische Soldat absolut sicher. Auch wenn im Moment Kamerad um Kamerad fiel, würde die innige Verbundenheit der Russen dem Feind einen Strich durch die Rechnung machen.
Ein Amerikaner sprang in seinen Krater und suchte mit dem Gewehr die Umgebung ab. Der Russe packte sein Jagdmesser und rammte es dem Invasor in den Nacken. Zufrieden nahm er das Gurgeln war, als der Feind röchelnd und Blut spuckend zu Boden ging. Er drehte ihn um und sah sich sein Gesicht an. Das typische Gesicht eines Imperialisten, dachte er. Eine Kugel schlug in sein rechtes Bein ein und ließ ihn herum wirbeln. Er erstarrte. Ich muss seinen Zwillingsbruder erwischt haben, schoss es dem Russen durch den Kopf, als er den zweiten Amerikaner sah, der sich ihm mit gezogener Pistole näherte. Kurz darauf strauchelte dieser und fiel, als eine Kugel seine Schädeldecke durchschlug und seine Kleidung mit Blut und Hirnmasse tränkte. Japsend und vor Schock noch teilweise gelähmt versuchte der Russe mit schnellen, ruckartigen Bewegungen seiner Arme von dem Blutbad wegzukommen. Die militärische Ausbildung in den ehemaligen Sowjetstaaten war zwar gründlich gewesen, doch hatte er für seinen Geschmack genug Tote an einem Tag gesehen. Ihm traten Tränen in die Augen, als er daran dachte, dass eine Familie heute gleich zwei Söhne verloren haben musste. Wieso ließen die verdammten Amerikaner auch Geschwister in den selben Schlachten kämpfen? Die Chance, dass einer den anderen überlebte war dadurch fast Null. Vielleicht war ja genau das auch der Plan gewesen.
Eine Gruppe Feindsoldaten jagte an seinem Loch vorbei und befand sich auf dem Rückzug. Die Speznas-Truppen schienen endlich angekommen zu sein und räumten unter den Amerikanern auf. Eine Salve streckte die Nachzügler der Flüchtenden nieder und einer von ihnen fiel einen Meter neben den Russen und schlug so ungünstig mit dem Kopf auf, dass sich dieser dem Soldaten mit dem Gesicht zuwandte. Ein eiskalter Schauer lief dem Russen über den Rücken, als er das Antlitz erkannte. Dass Drillinge im Krieg alle im selben Krater starben, konnte er nicht glauben. Was zum Henker, befand sich dann in diesem Moment vor ihm. Das konnten keine normalen Menschen sein. Eine Fieberwelle durchlief seinen Körper und brachte ihn zum Zittern. Das Bild verschwamm vor seinen Augen und kehrte erst im entfernten medizinischen Notfalllager der Speznas wieder.

"General", sprach der russische Präsident den Chef des Ersten KGB-Direktorats an. "Wie lange brauchen unsere Klone noch, sagten Sie?"
Ein überraschtes Gesicht blickte ihm entgegen. "Ich weiß nicht, was Sie meinen. Das Programm <Silbergen> wurde vorschriftsmäßig beendet."
Der Präsident lächelte. "Das stimmt schon, doch wundert mich, wieso letzten Monat ein Projekt mit den Namen <Tartarus> gestartet wurde. Also, wie lange?"
Sein Gegenüber schluckte. "Wie ich bereits sagte, dauert es noch mindestens fünfzehn Jahren, bis die Soldaten voll ausgereift sind. Allerdings..." Er stockte.
"Allerdings was?"
"Man kann den Wachstumsprozess beliebig verkürzen."
"Und welche Nachteile hätte das?"
"Da den Klonen dann die langwierige geistige Entwicklung fehlt, wären sie psychologisch vollkommen instabil. In gewisser Weise wären sie Irrsinnige mit dem Wissen eines Topstrategen. Das Wachstum der Körperzellen können wir innerhalb von wenigen Tagen bewerkstelligen, doch braucht der Geist die kompletten achtzehn Jahre bis er ausgereift ist. Unter Umständen könnte man den Prozess auch auf vierzehn oder fünfzehn Jahre abkürzen. Doch die Klone schon nach zwei bis drei Jahren zu entlassen, wäre der größte Fehler, den wir im Moment machen könnten. Außerdem werden unsere Truppen doch ganz gut mit den Amerikanern fertig."
"Aber nur, weil die Vereinigten Staaten im Moment einen Krieg an dreiundvierzig Fronten überall auf der Welt führen. Was bezweckt ihr Präsident damit?"
"Er hat die Möglichkeit, die Erde unter seiner Kontrolle zu vereinigen. Und er ist einer derjenigen Menschen, die sich so eine Chance nicht entgehen lassen."
Der russische Präsident schwieg einige Sekunden. Dann straffte er sich und blickte dem KGB-Vorsitzenden tief in die Augen. "Lassen Sie die Klone raus!" Mit diesen Worten entfernte er die Gedenktafel von der Wand.

Ein rhythmisches Stampfen brachte den Boden zum Erzittern. Hunderte Megawatt pumpten Stunde um Stunde Tonnen von Sauerstoff und Nährlösung durch das weitgefächerte Netzwerk aus Kabeln und Kanülen. Die Flüssigkeiten zirkulierten ununterbrochen und passierten auf ihrem Weg durch die ausgedehnte Tunnelanlage Dutzende von gewaltigen, riesigen Kammern, teilweise natürlich entstanden, teilweise mit dem Schweiß und Blut örtlicher Gulag-Insassen gebaut. Jede dieser Höhlen wurde an wenigstens zwei Seiten und in mindestens drei Reihen im Inneren von mächtigen Stahlgestellen geziert, welche als Haltemedium für Tausende zylindrische Glaskörper dienten. Jeder dieser Zylinder war mit einer rosigen Flüssigkeit gefüllt, welche durch das Kanalsystem ständig ausgetauscht und erneuert wurde.
Im Inneren jedes Glasbehälters schwamm ein menschlicher Körper im Alter von etwa 18 Jahren - 18 biologischen Jahren; in Wahrheit waren die Insassen noch nicht einmal drei Erdzyklen alt. Dem entsprach auch ihre intellektuelle Entwicklung. Vollgestopft mit dem Wissen der besten Topstrategen ihrer Zeit, besaßen die Klone die Sicht und das Verständnis der Welt eines Dreijährigen.
Mit einem Mal erstarb die gewaltige Maschinerie und Licht überflutete die Höhlen. Sämtliche Zylinder öffneten sich und die - plötzlich zu aktivem Leben erwachten - Körper wurden von mechanischen Greifarmen nach draußen gehoben.

Geräuschvoll gab die innere Struktur der Säulen nach. Die Stützpfeiler splitterten unter dem Beschuss der Mörser und donnerten lautstark zu Boden. Der Triumphwagen schlingerte, schien sich einen Moment alleine in der Luft halten zu können und folgte dann dem restlichen Brandenburger Tor auf seinem Weg nach unten. Eine Staubwolke stieg auf und legte den ganzen Platz in völlige Dunkelheit. Gespenstisch und unheilvoll marschierten einige Gestalten aus dem Nebel, bellten kurze Befehle und schossen auf jeden, der ihnen in den Weg kam. Die Straßen von Berlin waren in den letzten Minuten merklich leerer geworden, zum einem durch die einsetzende Massenflucht, zum anderen durch die anhaltenden radikalen Exekutionen. Die Soldaten durchkämmten die Straßen und pflügten Schneisen des Todes durch bewohnte Gebäude und rennende Menschengruppen. Der Bezirk Pankow lag bereits in Schutt und Asche und der Rest der Stadt würde bald folgen. Einer der Soldaten erklomm die Spitze des Haufens, der einst das Wahrzeichen Berlins gewesen war und hisste eine rote Flagge mit gelbem Stern, Hammer und Sichel. Ein bösartiges Lachen erscholl und bahnte sich seinen Weg durch die rauchgeschwängerte Luft.
Die 107. Amerikanische Klonarmee erreichte die Berliner Grenze und traute ihren Augen nicht. Die Felder und Wiesen der Brandenburger Ackerlandschaft gingen nahezu nahtlos in ein kraterübersätes, schwellendes, mondähnliches Areal über. Die Soldaten, allesamt Abkömmlinge eines Navy Seals, konnten nicht glauben, was sie da sahen. Die Seals waren zwar im Vietnamkrieg als Todesschwadronen eingesetzt worden, doch übertraf der Anblick, der sich den Klonen in diesem Moment bot, jedes vietnamesische Lager, das von den Seals besucht worden war. Menschen lagen zusammengekrümmt, aus Tausenden von Wunden blutend, teilweise ohne Arme und Beine und mit zerrissenen Brustkörben zwischen Trümmern, Wrackteilen, Feuer und Rauchschwaden, Familienangehörigen und Freunden.
Bedächtig schritten die Soldaten über die Leichen hinweg und folgten der Spur der Verwüstung. Den gellenden Schrei, der plötzlich neben ihnen erklang, bemerkten sie erst viel zu spät. Russische Truppen sprangen zu Hunderten hinter Trümmern und unter Toten hervor und rannten auf die verdutzten Amerikaner zu, die zwar schnell reagierten, doch nicht schnell genug. Die ersten Russen hatten die 107-te bereits erreicht und verwandelten sich in einen Feuerball. Sprengsätze, die in Brust und Bauch verankert waren, wurden gezündet und brannten den Amerikanern die Haut von den Knochen, während die russischen Kamikazeklone durch die Explosion zerfetzt wurden. Die geistig stabilen, amerikanischen Klone formierten sich eilig neu und begannen wie wild auf die zu Tausenden auftauchenden Klone zu schießen, die sich mit einem irrsinnigen Lachen und Heulen immer neue Opfer suchten. Ein russischer RPG-Spezialist war mit seinem Raketenwerfer aufgetaucht und nahm das Zentrum der Schlacht unter Beschuss, ungeachtet der riesigen Verluste, die er unter seinen eigenen Leuten anrichtete.
Die Amerikaner kämpften gut, doch fehlte den russischen Klonen jede Spur von Ehrfurcht, Rationalität und Fairness. Blind vor Irrsinn metzelten sie gnadenlos alles nieder, was in ihrer Reichweite war - ob Freund oder Feind. Dreißig Minuten später war die gesamte 107-te ausgelöscht, einhunderttausend amerikanische sowie knapp dreihunderttausend russische Soldaten pflasterten schwelend und blutend die Erde.

Nach einer Woche war der amerikanische Vormarsch gestoppt. Die Klone gingen trotz ihrer schier unendlichen Vielzahl dem Ende zu. Millionen russische Klone überrannten die Erde und beseitigten ohne jede Hemmung jedes Dorf und jede Stadt, die auf ihren Zugwegen lagen. Die USA entsandt eine zweite Welle Klone, gerade mal vier Wochen alt, um dem russischen Kreuzzug ein Ende zu setzen. Die Verluste auf beiden Seiten stiegen sprunghaft an. Welle um Welle von Klonen wurde ausgeschickt. Innerhalb eines Jahres starben mehr Menschen, als in den drei Millionen Jahren menschlicher Existenz zuvor dahingeschieden waren. Der amerikanische Präsident wurde durch einen Militärputsch gestürzt, und um die prekäre Lage zu beseitigen, wurde ein Friedensvertrag mit der russischen Führung verabschiedet. Doch die Klone, allesamt durch eine mangelhafte Aufzucht vollkommen verrückt und unzurechnungsfähig, führten ihren privaten Djihad weiter, selbst nicht wissend, wie dessen Ziel aussehen sollte.

Zwölf Jahre später.
Der eisige Wind fegte einen ausgedörrten Holunderbusch durch die verlassenen und ausgebrannten Straßen Londons - vorbei an den Ruinen der Westminster Abbey und des Buckingham Palastes. Seit Jahren war der Himmel nicht mehr blau gewesen. Milliarden Tonnen Ruß und Staub hatten sich über das Antlitz der Erde gelegt und hielten auch die engagiertesten Strahlen der Sonne zurück. Inmitten der Düsternis erklang eine Stimme - unruhig und von Panik erfüllt. "Die Klone kommen! Bringt die Frauen und Kinder hier weg! Sie haben uns entdeckt!" Die Worte wiederholten sich ein paar Mal ehe sie in einem gurgelnden Geräusch untergingen. Eine kleine Gruppe Menschen rannte zwischen den eingefallenen Häusern hin und her, und versuchte die Stadtgrenze zu erreichen. Ein Soldat der Königlichen Armee trieb sie zu immer größerer Eile an. "Ich versuche sie so lange wie irgend möglich aufzuhalten!", schrie er und fiel in der Flüchtlingsgruppe zurück. Er entsicherte sein Gewehr und verschwand hinter der nächsten Ecke. Zehn Sekunden später wehte der Wind das Geräusch eines einzelnen Schusses herüber.
Die überlebenden Menschen beschleunigten ihre Schritte noch weiter. In circa zehn Minuten sollten sie das Themseufer erreicht haben, wo ein Schiff der Armee auf sie warten würde. Die Flucht verlief bis dahin auch ohne weitere Zwischenfälle, doch bot sich ihnen am Fluss angekommen, ein erschreckender Anblick. Die Brücke des Schlachtschiffes war nur noch zu erahnen. Riesige Löcher klafften in der Stahlwand des Kolosses und der Geruch von frischem Blut lag überall in der Luft. Vom Schock gelähmt, bemerkte niemand die dunklen Schemen, die sich aus allen Richtungen näherten. Ein irres Lachen ließ die Gruppe herumfahren - doch war es schon zu spät. Ein verbliebener Soldat schoss sein Magazin auf die erste Gruppe Klone leer, dann wurde er von einer großkalibrigen Flinte niedergestreckt. Die anderen Menschen wurden gefangengenommen und in ein Areal tief unter der Erde gebracht - wo sie im Londoner Klonlabor als DNA-Spender für Millionen neue Klone dienen würden.
Das Ende des Krieges war in nicht mehr allzu weite Ferne gerückt. Und mit dem Krieg würde auch die menschliche Zivilisation aufhören zu existieren.

 
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23.06.2001
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Hab` zwar noch nicht alle Geschichten im S/F-Teil gelesen, aber bisher finde ich diese hier am herausragendsten.

 
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17.02.2001
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Zu dieser Geschichte gibt es schon ein paar Kritiken im Archiv (Link folgt!).
Britta

 
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23.06.2001
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Der Link funzt nicht und auch wenn man die ganze Addresse eingibt, geht`s nich`.

Btw.: bin neu hier und konnte es eh nicht wissen ;)

 

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