Was ist neu

Kopfüber

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07.09.2014
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Kopfüber

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist. Zwei Stunden richtig ranklotzen, dann wäre immerhin schon mal das Gestrüpp vom letzten Winter entfernt. Das denke ich jedes Mal, wenn ich hier auf der Fußmatte stehe. Die müsste übrigens dringend erneuert werden. Das denke ich auch jedes Mal. Und jetzt bleibt auch noch die Klingel hängen, schrillt einfach weiter, ein fieser Ton, wo gibt es noch solche Klingeln, ich drücke darauf herum, bohre meinen Fingernagel in die Ritze, ist die laut, das klingt so entsetzlich dringend, als würde ich sturmklingeln, als wäre was Schreckliches passiert. Mir bricht der Schweiß aus. Und der Fingernagel ab. Aber da reißt die Belugi schon die Tür auf, ruft „Oh weia!“, pult mit einer Haarnadel oder sowas am Klingelknopf und endlich ist Ruhe. Sie entschuldigt sich lachend. Ihr ist doch wohl klar, dass mich so was in die Nähe einer Ohnmacht bringt, oder? Ich wanke hinter ihr her.
Als ich mich setze, habe ich alles vergessen, was ich erzählen wollte. Nein, nicht alles.

„Zwölfmal“, sagt Frau Jensen, während ich noch damit beschäftigt bin, die Nadel wieder im Haar zu befestigen. Sie wirft mir die Zahl vor die Füße wie einen Fehdehandschuh, zwölfmal ist es diese Woche passiert. Die Flitterwochen unserer Therapiebeziehung sind vorbei, die erste große Entlastung, als sie mir stockend gestand, was sie denkt, wenn ihr Kind am allerniedlichsten ist, schon ein paar Wochen her. Und die Dankbarkeit darüber, dass ich nur genickt habe. Sie hat akzeptiert, dass ein Gedanke noch keine Tat ist, nicht mal eine Absicht, sie hat gegoogelt und da stand dasselbe, was ich gesagt habe, und sie hat sich „voll wiedergefunden“ und mir ausführlich erklärt, was mit ihr los ist. Sie hat mich gefragt, ob ich Verhaltenstherapie mache wie im Netz empfohlen und ich habe einen kleinen Augenblick gehofft, dass sie bei mir aufhört und zu der Theimer wechselt oder dem Hansen. Ich finde sie anstrengend und das liegt nicht an den Phantasien, die sie quälen, sie könnte ihr Kind verletzen.
„Zwölfmal?“, frage ich. Sie nickt langsam und guckt mich vorwurfsvoll an.
Dummerweise habe ich es nicht mehr geschafft, mir die Aufzeichnungen von der letzten Stunde durchzulesen. Die zehn Minuten, die ich vor der Sitzung eingeplant hatte, habe ich mit Aufwischen verbracht. Schade um den Kaffee, den hätte ich gut gebrauchen können. Ich schaue sie an. Die zuckenden Muskeln an ihrem Kiefergelenk. Meine Güte.
„Sagen Sie, haben Sie abgenommen?“, frage ich.

Sobald Maja bei ihrer Tagesmutter ist, renne ich. Fahre zur Marienhölzung, hab die Klamotten schon drunter und laufe los, ein oder zwei Stunden. Mark findet das nicht witzig, er meint, dass wir so wenig Zeit zusammen haben, weil ich abends auch nochmal eine Stunde laufe, wenn er Maja nehmen kann. Er sagt, er hat gar nichts gegen ein bisschen Speck auf den Rippen, dabei geht es doch gar nicht darum. Aber, wenn ich recht überlege, er hat sich schon lange nicht mehr beschwert. Die Belugi guckt besorgt.
„Ich jogge ziemlich exzessiv. Ich glaube, das habe ich auch noch. Ich bin laufsüchtig.“
„Das haben Sie auch noch?“ Sie lächelt. Dann holt sie zweimal Luft, denkt nach, lächelt mich an, überlegt. Ich will jetzt wissen, was die ausbrütet.
„Wenn Sie irgendeine Idee haben, was mir helfen würde, immer her damit“, sage ich und lache.

Sie hat eine Art aufzulachen, dass ich zusammenzucke. In den ersten Stunden gab es das ständig, ein Satz, einen Lacher. Sie macht Druck, das verunsichert mich. Wie sie wohl auf ihre Angestellten gewirkt hat? Ich schicke mein kleines, schusseliges Mädchen, das Angst hat zu versagen, auf den Spielplatz. Geh schaukeln, sage ich zu ihr. Lass mich das machen.
Die Läuferin. Damit könnte man vielleicht anfangen.
„Wie fühlt es sich an, das Laufen?“, frage ich. Sie schlägt die Beine übereinander und richtet sich auf. Die Frage gefällt ihr.
„Beim Laufen werden ja Endorphine freigesetzt. Es entsteht ein Rausch, eine Euphorie, ein Flow. Man kriegt Flügel.“ Sie zögert. „Manchmal breite ich die Arme aus, wenn keiner in der Nähe ist und hebe beinahe ab. Aber nur kurz, irgendwie fühle ich mich doch beobachtet.“
„Von wem?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht ist da irgendwo eine Drohne.“ Sie lacht und ich zucke zusammen. Dann schwärmt sie weiter vom Laufen, von der Kraft, die sie fühlt, von der Natur. Ich müsste auch wieder mit Gymnastik anfangen, schon allein für den Rücken. Ich sitze zu viel.
„Manchmal laufe ich so lange, dass ich mich übergeben muss“, sagt sie und schaut mich an, ein kleiner Test, ob ich merke, wie zwiespältig dieses Laufvergnügen ist. Ob ich ihren Schmerz bemerke. Ja, ich bemerke ihn.
„Die Läuferin“, sage ich, „die Läuferin die läuft und läuft, die in einen Rausch kommt, die läuft, bis sie erbrechen muss – wo spüren Sie die im Körper?“
„Ja, in den Beinen logischerweise.“ Sie lacht und ich zucke nicht zusammen. Ich konzentriere mich.
„Nehmen Sie sich ruhig noch einen Moment Zeit. Ist es wirklich nur in den Beinen? Wie fühlt es sich an?“ Sie wippt mit dem übergeschlagenen Fuß, zögert, nickt.
„In den Beinen, in der Lunge, in den Armen. Da ist so eine Kraft, eine Spannung. Unruhe.“
„Und wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass Sie dieses Körpergefühl zu einem Bild formen, haben Sie da eine Vorstellung von der Läuferin, vielleicht eine Farbe, eine Figur oder ein Tier?“ Ich male mit den Händen amorphe Formen in die Luft und sie guckt mich zweifelnd an.
„Dann sehe ich mich, wie ich da laufe.“
Sie überlegt.
„Wie eine Amazone.“
Das ist doch schon was.
„Bleiben Sie ruhig noch einen Moment bei ihr und schauen Sie ihr zu. Was trägt sie, wie guckt sie, wo läuft sie?“
„Die rennt, während die Landschaft an ihr vorbeipfeift. Man sieht nur so grüne Schlieren. Ihr Blick ist voll fokussiert. Sie hat was Indianisches an, so braunes Leder. Mit Fransen.“ Jetzt blitzen ihre Augen und wir freuen uns beide über das Bild, das sie mir serviert.
„Und was für ein Gefühl haben Sie gegenüber dieser Amazone?“ Ich sehe es ihr schon an.
„Ich finde sie toll. Sie ist so stark.“
„Vielleicht mögen Sie ihr das mal sagen, dass Sie sie toll finden?“
„Das müsste ich ihr schon hinterherrufen, so schnell ist die.“ Sie lacht und ich auch, diese Amazone bringt hier gerade Leichtigkeit rein.
„Ja, rufen Sie nur. Sie brauchen das nicht laut zu machen, nur in Ihrer Vorstellung.“
„Okay ...“
„Hat sie Sie gehört?“
„Ich weiß nicht. Ja, vielleicht.“
„Bleiben Sie noch bei ihr. Schauen Sie ihr zu. Nehmen Sie sich Zeit für sie.“
„Gut.“
Sie schaut an mir vorbei aus dem Fenster und auch ich wende den Blick ab, damit sie sich nicht angestarrt fühlt. Manchmal schließen Klienten die Augen, aber sie nicht. Ich bin verblüfft, wie schnell sie in ihre Bilder hineinkommt.
„Puh“, sagt sie schließlich, „das reicht.“
„Was passiert gerade?“
„Das ist total anstrengend.“
„Sie spüren, wie anstrengend das für die Amazone ist, die ganze Zeit zu rennen.“
„Ja.“
„Schauen Sie sie weiter an. Vielleicht haben Sie irgendeinen Impuls, wenn Sie sie so sehen?“
Ihr Blick beginnt im Raum zu wandern und ich fürchte, dass sie ausgestiegen ist.
„Mögen Sie ihr einmal sagen, dass Sie sehen, wie anstrengend das ist, das Laufen?“
Sofort schweift ihr Blick aus dem Fenster, in die Ferne, über die Felder. „Okay“,
„Hört sie Sie?“
„Das hat sie gehört.“
„Woran merken Sie, dass sie das gehört hat?“
„Sie hat den Kopf weggedreht. Sie will davon nichts wissen.“
„Sie will davon nichts wissen, wie anstrengend das ist?“
„Nein.“ Sie lacht. „Wie ich.“
„Können Sie die Läuferin einmal fragen, was sie befürchtet, wenn sie anhält und Pause macht?“
Sie schaut immer noch aus dem Fenster. „Also ich habe sie jetzt gefragt ...“
„Aha?“
Sie spricht sehr langsam. „Jetzt sehe ich sie ganz schlecht. Das ist wie ein Nebel, der zieht das Bild weg.“
„Ein Nebel?“
„Ja. Und jetzt sehe ich die Läuferin nicht mehr. Weg.“
„Und der Nebel?“
„Auch weg. Irgendwie bin ich raus.“ Sie sieht mich an, wach und frustriert.

Tja, so ist das bei mir. Ich hätte schon gerne gewusst, was mit meiner Läuferin ist, warum ich so unter Spannung stehe. Aber denkste Puppe. Nichts dahinter. Ich kann sowas nicht. Bestimmt ist die Belugi jetzt enttäuscht. Aber ich bin ja auch nicht hier, um sie glücklich zu machen. Sie soll mich glücklich machen. Ist ja auch nicht ganz billig hier. War das jetzt Hypnose? Das ist jedenfalls neu. Ich habe noch die Liste von letzter Woche in der Tasche, pro und contra, weg vom Homeoffice, wieder mal raus, Maja länger zur Tagesmutter. Ich hab fleißig mitgearbeitet und danach nicht mehr draufgeguckt. Das ist es nicht. Irgendwie bringt es das alles nicht.
Sie ruckelt das Kissen im Rücken zurecht. Sag was, Frau Belugi.

Ich lächele ermutigend. „Das war doch schon einmal ein guter Einstieg. Eine Sache noch. Könnten Sie sich einmal noch bei der Läuferin bedanken, dass sie sich gezeigt hat?“
„Nur bedanken? Soll ich was sagen?“
„Sagen Sie ihr einfach danke. Das können sie auch innerlich sagen.“
„Okay ...“ Sie schaut kurz aus dem Fenster, dann zu mir.
„Hat sie es gehört?“, frage ich.
„Ich glaube ja. Sie hat abgewunken.“
„Sehr beschäftigt, die Läuferin.“
„Ja, die will weiterkommen.“
„Könnten Sie sich jetzt noch bei dem Nebel bedanken?“
„Bei dem Nebel? Der hat doch alles versaut.“
„Er wird schon wichtig sein, der Nebel. Er hat sich gezeigt. Dafür ist es gut, danke zu sagen.“
„Okay ...“
Diesmal ist der Blick länger draußen, sehr lange. Ich warte. Frage schließlich leise: „Was passiert gerade?“
„Da blitzen so Bilder auf.“
„Bilder?“
„Ein kleines Mädchen, das hängt kopfüber an einer Kletterstange.“
„Wie beim Schweinebaumeln?“
„Es wirkt nicht so wie ein Spiel ... Meinen Sie wirklich, das hat was zu bedeuten? Vielleicht habe ich vor drei Tagen was im Fernsehen gesehen, oder so. Ich hab viel Phantasie.“
„Vielleicht können wir herausfinden, ob es was zu bedeuten hat. Wenn Sie mögen, dann schauen Sie dem Kind einen Moment zu.“
„Das führt doch zu nichts.“
„Da meldet sich jetzt so ein skeptischer Teil ...“
„Allerdings.“
„Vielleicht können Sie ihn einmal ansprechen und ihn bitten, ob er bereit wäre für einen Moment beiseite zu treten, damit Sie zu dem Mädchen hinschauen können?“
Sie schüttelt den Kopf. „Also den kann ich jetzt richtig klar sehen. Erstaunlich.“
„Wie sieht er denn aus, der skeptische Teil?“
„Das ist ein Mann mit Igelhaarschnitt. Der verdreht die Augen. Und beiseite treten will der definitiv nicht.“
„Vielleicht können Sie ihm sagen, dass es gut ist, wenn er skeptisch bleibt. Er kann in der Nähe bleiben und sich einmischen, wenn er das wichtig findet. Aber es wäre trotzdem gut, wenn er ein bisschen Platz lässt, damit wir zu dem Mädchen schauen können.“
„Okay … ja, er geht ein bisschen zur Seite.“
„Gut. Können Sie jetzt noch einmal zu dem Mädchen schauen?“
Ihr Gesicht verschließt sich. „Ja, ich seh sie.“
„Was nehmen Sie an ihr wahr?“
„Sie hängt da, ziemlich steif mit dem Kopf nach unten. Die Arme sind so merkwürdig an den Körper gefaltet. Ihre Haare hängen nach unten. Rote Haare. Ich hatte als Kind rote Haare.“
„Was noch?“
„Tja. Die hängt da halt so rum.“
„Was für ein Gefühl haben Sie gegenüber dem Mädchen?“
Sie zögert. „Ich mag sie nicht.“
„Sie mögen sie nicht.“
„Nein, sie nervt mich irgendwie, wie sie da hängt, so starr. Meinen Sie wirklich, dass das was zu sagen hat?“
„Da meldet sich wieder der skeptische Teil, stimmt's?"
„Ja, stimmt. Der ist skeptisch, auf jeden Fall.“
„Mögen Sie ihn einmal fragen, was er befürchtet, was passiert, wenn wir uns mit dem Mädchen beschäftigen?“
„Der sagt, das ist einfach nutzlos. Spökenkiekerei. Der schimpft so rum.“
„Okay, und wenn Sie ihm so zuschauen, wie er rumschimpft, was für ein Gefühl haben Sie ihm gegenüber?“
„Ich finde den gut. Der ist so handfest. Aber er stört auch. Ich würd das schon mal ausprobieren mit dem Mädchen. Vielleicht bringt es ja was.“
„Würden Sie ihm das einmal sagen, dass Sie ihn gut finden, dass Sie seine handfeste Art mögen, das ist doch so?“
„Ja, das stimmt.“
„Sagen Sie ihm das ruhig.“
„Ja. … er nickt.“
„Und vielleicht könnten Sie ihn nun einmal fragen, was er befürchtet, wenn Sie sich mit dem Mädchen beschäftigen?“
„Da kommt sofort: Steiger dich nicht in irgendwas rein.“
„Können Sie ihn mal fragen, was er mit „Reinsteigern“ meint?“
„Dass ich traurig werde, wegen nichts. Dass ich was erfinde.“
„Er fürchtet, dass Sie traurig werden?“
„Ja, ich glaube schon.“ Sie schluckt.
„Können Sie ihm mal sagen, dass Sie sehen, wie sehr er sich anstrengt, um Sie zu schützen?“
„Was?“
Ich wiederhole den Satz und sie nickt langsam. „Ja, okay.“
„Hört er Sie?“
„Ja, er hört zu.“ Sie lehnt sich zum ersten Mal an die Rückenlehne an. „Ich glaub, das tut ihm ganz gut.“
„Vielleicht können Sie ihm auch sagen, dass wir aufpassen werden, dass die Traurigkeit Sie nicht überflutet.“
„Ja. Er ist skeptisch, aber er sagt ja.“
„Er darf gerne weiter skeptisch sein.“
„Okay.“
„Gibt es einen Platz, der gut für ihn wäre?“
„Ja, er steht so ein Stück neben mir.“
„Gut. Würden Sie nun noch einmal zu dem Mädchen schauen?“
„Die hängt immer noch da. Wie bestellt und nicht abgeholt.“ Sie lacht hart auf.
„Was für ein Gefühl haben Sie jetzt gegenüber dem Mädchen?“
„Ganz ehrlich: Ich bin wieder gereizt.“
„Gut. Der gereizte Teil ist nicht der skeptische Teil von eben?“
„Nein.“ Ihre Stimme verändert sich, wird gepresst. „Mir bleibt richtig die Luft weg.“
„Sie spüren das körperlich?“
„Ja.“
„Im Brustkorb?“
„Ja, wenn ich das Mädchen ansehe.“
„Gibt es für diesen Teil, der Ihnen gerade die Luft nimmt, auch ein Bild?“
„Eine schwarze Pfütze. Nein, ein schwarzer Stein. Ich könnte ihn nehmen und dem Mädchen an den Kopf werfen. Schrecklicher Gedanke.“
„Das ist der gereizte Teil, der den Stein in der Hand hält und das Mädchen bedroht, oder?“
„Ja, ich sehe ihn, wie er auf das Mädchen zielt, ein schwarzer Mann.“
„Können Sie ihn einmal fragen, was ihn so wütend macht?“
„Er sagt nichts.“
„Können Sie ihn fragen, wie alt er ist?“
„Er spricht nicht mit mir.“ Sie hat die Augen aufgerissen.
„Wie lange gibt es ihn schon?“
„Ich glaube, schon immer.“
„Schon immer?“
„Ja.“
Auf einmal bin ich total ratlos. Ich sehe einen schwarzen Mann und ein hängendes Kind in jahrelanger Erstarrung und weiß nicht mehr weiter. Während ich versuche wieder Boden unter die Füße zu bekommen, höre ich meine Ausbilderin: „Ihr dürft euren Klienten vertrauen.“ Also mache ich einfach weiter, mit der Standardfrage.
„Wenn Sie die beiden so anschauen, das Mädchen und den Mann, was fühlen Sie den beiden gegenüber?“
„Ich fühle mich total hilflos“, murmelt sie. „Das ist so schrecklich.“
„So schrecklich?“
„Ich fühle mich so hilflos.“
Ich murmele auch: „Vielleicht können Sie den hilflosen Teil auch noch einmal zur Seite bitten? Sie können ihm sagen, dass er nichts tun muss. Dass es nicht darum geht, jetzt eine Lösung zu finden. Dass Sie einfach nur hinschauen wollen.“
„Ja, der geht. Eigentlich ganz erleichtert. Ich gucke nochmal.“ Sie schaut aus dem Fenster. „Der Spielplatz hinter unserem neuen Haus. Meine Eltern haben doch damals dieses Haus gebaut. Und ich habe ein paar Spielgeräte in den Garten bekommen. Als erstes diese Stange zum Turnen. Da hängt das Mädchen.“
„Ist sie alleine da?“
„Ja. Sie ist so bewegungslos. Wie eine Puppe.“
„Hat sie die Augen geöffnet?“
„Nein.“
„Merkt sie, dass Sie sie anschauen?“
„Nein.“
„Mögen Sie sie ansprechen?“ Ich merke sofort, dass das zu schnell war. Sie schüttelt den Kopf.
Und so frage ich wieder: „Was für ein Gefühl haben Sie ihr gegenüber?“
„Ich finde sie unheimlich. Das ist so eine Horror-Puppe. Jetzt meldet sich übrigens auch wieder der Skeptiker. Sagt, was für ein Kokolores. Steiger dich nicht rein.“
„Da ist der Skeptiker. Und ein ängstlicher Teil, der eine Horror-Puppe sieht. Beide wollen nicht, dass Sie da länger hingucken, oder?“
„Nein. Ich weiß schon. Ich bitte sie mal, ob sie beiseite treten können.“ Sie schweigt. Nickt dann.
Ich überlege. „Wenn Sie jetzt wieder zu dem Mädchen hinschauen …“
„Moment … sie hat sich ein bisschen bewegt. Den Kopf, sie hat den Kopf bewegt.“
„Sie ballen ihre Faust. Ist das wieder der schwarze Mann?“
Sie wird blass. „Mir ist übel.“
„Vielleicht ist der schwarze Mann auch ein Teil von Ihnen, den wir kennenlernen sollten. Verstehen, was er will, was er braucht.“
„Das ist kein Teil von mir. Der sieht so aus wie der Sensenmann. Oder bin ich das doch? Vielleicht habe ich den Tod in mir. Bin ich gefährlich?“
„Wäre es möglich, auch diesen ängstlichen Teil, der das denkt, einmal beiseite zu bitten?“
Sie lacht auf, schüttelt den Kopf, schaut aus dem Fenster und zuckt mit den Schultern.
„Ich versuch's.“ Sie ringt eine ganze Weile. Dann sagt sie: „Ich kriege ein klitzekleines bisschen Abstand.“
„Ein klitzekleines bisschen reicht. Der schwarze Mann wird in dem Moment bedrohlich, wenn das hängende Kind sich bewegt, oder?“
„Ja.“
„Schauen Sie bitte noch einmal auf die Situation und sagen Sie dem Mann, dass wir verstehen wollen, was er da tut.“
„Er kann nicht mit uns reden, er muss das Kind beobachten.“
„Sagt er das, oder denken Sie das?“
„Er sagt, er darf das Kind niemals aus den Augen lassen.“
„Was passiert denn, wenn er nicht aufpasst?“
„Das weiß er nicht mehr. Etwas Schlimmes.“
„Fragen Sie ihn mal, ob er weiß, wie alt Sie sind?“
„Nein.“
„Sie wollen ihn nicht fragen?“
„Nein, er weiß nicht, wie alt ich bin. Er kennt mich nicht. Das ist ganz schön abgedreht. Hab ich zu viel Phantasie?“
„Können Sie ihm mal sagen, dass Sie ...“, ich gucke schnell auf meine Karte, “dass Sie zweiunddreißig Jahre alt sind? Und dass Sie an seiner Seite stehen? Dass Sie sich jetzt auch um das Kind kümmern? … Frau Jensen?“

Ein muffiger Geruch schlägt mir entgegen. Er tut komische Gewürze in sein Essen und er hat die Heizung immer auf drei.
„Du schon wieder“, sagt er und lächelt hinter seinem Bart.
„Ich will dich ein bisschen ärgern.“ Ich hüpfe hinter ihm her durch den Flur. Sein Rolli surrt leise. Er fragt mich, wie es meinen Eltern geht und ich sage gut. Als ich bei ihm geklingelt habe, klapperten die Briefkästen. Ich mag die Postbotin nicht. Briefe sind
unsere Feinde. Wenn Papa wütend ist, hat er so Kräusel zwischen den Augen. Bei Mama ist es ein Dreieck aus Falten. Der Küchentisch voll mit Papier. Aber jetzt bin ich hier. Ich hüpfe wieder ein bisschen. „Hier stinkt's!“, rufe ich. Er lacht. „Na, dann mach mal das Fenster auf Kipp.“
„Was passiert gerade?“ Die Belugi legt den Kopf auf die Seite, eine Haarnadel hängt halb aus den Locken. Ich versuche, nicht dahin zu starren, überlege.
„Mir fällt gerade unser Nachbar ein. Ich glaube, ich schweife ab. Bevor wir ins Haus gezogen sind, da war ich oft bei unserem Nachbarn im Erdgeschoss.“
Jetzt guckt die Belugi beunruhigt. Gibt es sowas wie Nebel im Zimmer? So sieht es gerade aus. Ich werde müde.
„Sie haben ihn oft besucht, den Nachbarn?“
„Fast jeden Tag.“
„Aber da waren sie doch schon in der Schule.“
„Das war 2020, da ging das ja los mit den Coronajahren. Ich hatte keine Schule und meine Eltern waren froh, wenn sie mich mal vom Hacken hatten. Obwohl, ich glaube, mein Vater mochte ihn nicht besonders.“
In seinem Wohnzimmer liegt ein orientalischer Teppich. Ich fahre mit dem Finger die Ranken nach. Tiere sind dort eingeknüpft, Vögel, Schlangen, Löwen. Er erzählt, wie er den Teppich gekauft hat. In Marrakesch. Wie die Augen des Verkäufers geleuchtet haben, weil er viel zu viel bezahlt hat. Er kann nämlich nicht gut verhandeln. Auch das Schachbrett war zu teuer. Aber er lacht darüber. In seinem Sekretär sind lauter kleine Fächer. Steine, Edelsteine. „Ich bin ein Sammler“, sagt er. Mama und Papa finden, er ist ein Messie. Ich bin sieben Jahre alt und ich sortiere alles für ihn. Lege die Steine auf die Felder vom Schachbrett, erfinde Muster. Er schaut mir zu. Ein Stein ist übrig.

Mir wird mulmig. Offen bleiben. Vielleicht schweift sie wirklich ab, vielleicht wieder ein Wächter, der uns von diesem Mädchen wegführen will. Vielleicht aber auch das Mädchen selbst, dass uns seine Geschichte erzählt. Vielleicht gibt es etwas zu bezeugen.
„Und wie ging es Ihnen damit?“
„Super.“ Sie sagt es so lahm.
„Wirklich?“
„Ja wirklich. Er war sehr klug. Schon steinalt für mich, vielleicht um die siebzig. Er saß im Rollstuhl und hatte viel Zeit.“
„Wie hieß er denn?“
Sie öffnet den Mund und schaut mich überrascht an. „Ich weiß es nicht mehr. Ich habe so lange nicht an ihn gedacht. Aber ich habe ihn manchmal Meister Eder genannt, das weiß ich noch. Und ich war der Pumuckl. Die Filme habe ich bei ihm geguckt. Kennen Sie die noch? Das war doch mehr Ihre Generation, oder?“
Meister Eder und sein Pumuckl. Ob das wirklich so harmlos war? Irgendetwas stimmt da nicht.
„Sie wirken so traurig, wenn Sie über ihn sprechen.“
„Meine Eltern wollten mich irgendwann nicht mehr zu ihm lassen.“
„Sie durften ihn nicht mehr besuchen?“
„Nein. Er war ja Risikopatient. Die Zahlen waren gestiegen. Wahrscheinlich deshalb.“ Sie schweigt.
„Das war also so schlimm für Sie. Konnten Sie denn Kontakt halten? Telefonieren?“
„Ich durfte nicht hin. Aber ich habe ihn trotzdem besucht. Er hat sich immer gefreut.“ Sie zupft an ihrem Halstuch, zupft und zupft. „Und dann hat es uns erwischt, das Virus. Wir waren drei Wochen zu Hause. Es war ätzend, obwohl wir ganz gut durchgekommen sind. Ich jedenfalls. Aber in dieser Zeit ist unser Nachbar ins Krankenhaus gekommen. Ich habe ihn nie mehr gesehen.“
Sie hat immer schneller geredet und jetzt lehnt sie sich mit Schwung in den Sessel zurück, schlägt die Beine übereinander, guckt hoch zur Decke und dann zu mir.
Ich räuspere mich. „Glauben Sie, dass Sie ihn angesteckt haben mit dem Virus?“
„Das liegt nahe, oder?“
„Wissen Sie es?“
„Nein.“
„Aber Ihre Eltern, haben sie ...“
„Meine Eltern haben nur gesagt, dass er doch schon so krank war. “
„Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen, dass Sie Angst hatten, ihn anzustecken?“
„Nein. Ich habe ihnen nicht mal gesagt, dass ich drüben gewesen war. Obwohl, ich glaube, ich habe es versucht. Vielleicht wollten sie es nicht wissen. Könnte doch sein, oder?“
„Sie scheinen sehr mit ihren Problemen beschäftigt gewesen zu sein.“
„Ja.“ Sie fährt sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Ja, das waren sie.“
„Wie ging es Ihnen damals?“
„Beschissen. Ich habe Asthma bekommen, vielleicht als Folge meiner Infektion. Ich habe so viel gehustet, obwohl ich es schon hinter mir hatte.“
Wir schweigen eine Weile. Dann sage ich: „Möchten Sie vielleicht noch einmal zu dem Mädchen hinschauen, das an der Stange hängt?“
„Okay.“ Sie schließt die Augen.
„Ich habe das Gefühl, ich muss zu ihr. Sie wird so weich, sie rutscht bald ...“
„Ja, tun Sie das!“
Sie blinzelt. „Ich habe sie aufgefangen.“
„Gut“, flüstere ich.
„Ich sage ihr, dass das alles so traurig ist.“
„Ja.“
„Unsagbar traurig.“
„Ja.“
Sie seufzt.
„Halten Sie sie noch im Arm?“
„Ja.“
„Und was macht sie?“
„Sie ist noch immer ein bisschen angespannt. Sie lauscht irgendwie.“
„Gibt es noch etwas, was Sie ihr sagen möchten?“
„Dass sie nichts dafür kann.“
„Ja, sagen Sie ihr, dass sie nichts dafür kann.“
„Ich sag es ihr … sie weint.“ Jetzt weint auch Frau Jensen. Sie zieht sich ein Taschentuch aus der Box und spricht schluchzend weiter. „Sie glaubt mir nicht so recht. Sie sagt, sie weiß ja, dass sie bei ihm gewesen ist.“
„Vielleicht mögen Sie ihr sagen, dass sie sieben Jahre alt war und das gar nicht überblicken konnte? Dass er erwachsen war und das für sich entschieden hat? Dass er sie gerne bei sich haben wollte?“
Sie weint, nickt und atmet tief aus. „Jetzt beruhigt sie sich etwas.“
„Gut.“
Sie seufzt noch einmal und schaut auf. „Eigentlich bin ich auch wütend.“
„Wütend?“
„Er konnte das doch überblicken. Er hätte mich nicht reinlassen dürfen. Aber ich will nicht wütend auf ihn sein. Viele Großeltern haben damals Kontakt zu ihren Enkelkindern gehabt und es ist gutgegangen. Und manche haben halt Pech gehabt.“
Sie schaut aus dem Fenster. „Ich habe ihn so vermisst. Keiner hat über ihn gesprochen. Ich hatte Angst über ihn zu sprechen, weil ich dachte, dass jemand sagt, ich sei schuld.“
„Und ihre Eltern?“
„Auch nicht. Für meine Eltern war es nicht so schlimm, dass er gestorben ist. Die waren immer völlig erledigt, wegen dem neuen Haus. Haben sich mit der Baufirma gestritten. Jahrelang. Und dann haben sie miteinander gestritten. Am Ende haben sie sich getrennt und das Haus wurde verkauft.“
„Sie hätten jemanden wie ihren Nachbarn gebraucht, in der Zeit.“
„Ja. Einmal haben wir in der Stadt die Frau getroffen, die seine Wohnung immer sauber gemacht hat. Ich weiß noch, wie sie auf mich zugestürmt ist und die Arme nach mir ausgestreckt hat. Ich bin zurückgeschreckt. Umarmen ging damals gar nicht. Sie hat sich entschuldigt und gerufen, ach, der Herr Rosenberger hat dich immer so gern gehabt. Ich war wie erstarrt und meine Mutter hat sich verabschiedet und mich weitergezogen.“
„Herr Rosenberger hieß er?“
„Ja, jetzt hab ich's wieder. Herr Rosenberger.“

Der Stein ist tiefblau und er passt genau in meine Hand. „Der ist so schön“, rufe ich. Er sagt, dass das ein Lapislazuli ist und dass daraus früher Farbe gemacht wurde, kostbare Farbe. Ich mache meine Pumucklstimme, fordere und bettele.
„Nu leg ihn mal schön wieder in die Schublade“, sagt er.
„Aber Meister Eder, das ist doch ein Pumucklstein!“
Er lacht. „Nee, nee, aber wer weiß, irgendwann hast du ja Geburtstag.“

 
Verwendete Wörter
kopfüber, Lapislazuli, Flügel, Rollstuhl, Zeuge
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06.02.2021
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Hi Chutney

Mich hast du jedenfalls mit deiner Geschichte eingefangen. Mir gefällt die zeitliche Distanz. Ich mag deine Wendung. Am Anfang weiß ich nicht wohin Du willst. Ich folge Dir ins Ungewisse. Deine Dialoge funktionieren (für mich). Die Therapie rauscht und zieht einen in den Bann. Und dann kommt ein alter Bekannter, die Jetzt-Zeit als Vergangenheit. Deine Geschichte stellt viele Fragen. Brauchen wir eine Gesellschafts-Psychotherapie? Welche Spuren wird das Geschehen bei uns hinterlassen? Und natürlich die liebe Frage nach der Schuld?

Danke für das Intelligente-Lesevergnügen.

G.

 
Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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871

Hallo @G. Husch ,
herzlichen Dank für deinen schönen Kommentar und dass du mir ins Ungewisse gefolgt bist. Besonders freue ich mich darüber:

Die Therapie rauscht und zieht einen in den Bann.
Denn ich hatte doch etwas Sorge, dass das Ganze zu lang(atmig) geworden ist. Ich glaube, jeder Einzelne hat sein eigenes Erleben, die Belastungen der Pandemie verbinden sich mit persönlichen Themen. Bestimmt muss da noch vieles verarbeitet werden, auch gesellschaftlich. Dafür ist auch Kunst und Kultur wichtig und eben Geschichten.

Schön, dass mein Text bei dir funktioniert hat.:)
Liebe Grüße von Chutney

 
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31

Hi Chutney

Na, ich bleibe sprachlos und schließe zu meiner Sprachlosigkeit gleich einmal ein paar Worte an. Danke... Doch dazu anderswo.
Wir sind von dem Thema im Augenblick durchdrungen, dass macht es richtig schwer eben den Abstand zu finden und einen Text zu schreiben der literarisch mit dem Geschehen umgeht. Du hast es geschafft. Es tut mir leid das ich mich (noch) nicht in die Feinkritik hinein wage. Ich muss mich erst in und auf die Seite einspielen.

Ich wünsche Dir alles Gute... und viele schöne Stunden

G.

 
Monster-WG
Seniors
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04.03.2018
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1.226

Liebe @Chutney,
es hat eine ganze Weile gedauert, bevor ich orientiert war und wusste, worum es geht in diesem Text. Zum Teil liegt das auch daran, dass ich in den ersten Absätzen nicht weiß, wer erzählt. Dann irgendwann hatte ich es, Frau Belugi: Therapeutin, Frau Jensen: Patient, alles klar. Könntest Du vllt. klarer machen indem Du Belugi über das Klingelschild schreibst und anfangs die Namen häufiger erwähnst. Am Besten schon im ersten Absatz.
Ungewöhnlich finde ich das, was Du machst. Du erzählst eine Geschichte im Deckmantel von Therapiesitzungen und webst dabei nicht nur die fünf Begriffe geschickt ein, sondern auch die Corona-Lockdown-Problematik. Kontaktverbot wegen positivem Test, Quarantäne und die möglichen bösen Folgen, wenn sich ein Kind heimlich darüber hinwegsetzt und so den Tod eines Risikopatienten im Rollstuhl herbeiführt. Da steckt was drin an vergrabener Tragik.
Dem Verlauf der Therapiesitzungen bin ich mit Interesse gefolgt, fand das schon spannend, auf welchen Punkt das hinausläuft und wie die Therapeutin das an Tageslicht befördert. Das spürt der Leser auch deinen therapeutischen Background, wobei ich dachte, der hätte einen anderen Schwerpunkt? Ehrlich gesagt bin ich vorwiegend drangeblieben, weil Du den Text geschrieben hast und ich Deine Texte immer gerne lese, denn so ganz mein Thema ist das Therapeutische und die Methoden nicht. Dein Stil ist so, ja wie denn, natürlich vielleicht, ich habe beim Lesen nichts markiert, das Ganze ist von Anfang bis Ende gleich im Flow, sehr angenehm und gut geschrieben.
Zuerst habe ich Missbrauch befürchtet, weil der schwarze Mann hinter ihr stand, wenn sie kopfüber an der Schaukel hing. Das hat sich nun anders geklärt und das ist gut, weil Missbrauch ein Thema ist, dass schnell alles andere überschattet. Meister Eder und Pumuckel, wer hätte das gedacht? Großvater und Enkel fast. Das ist schön, wie gut sie sich verstehen und tragisch, dass sie ihn so weit verdrängte, dass sie weder seinen Namen, noch überhaupt um seine Existenz wusste. Gut gemacht.
Peace, linktofink

 
Wortkrieger-Team
Seniors
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21.04.2015
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1.372

Liebe @Chutney,

mir ging es anfangs ähnlich, nach den ersten paar Absätzen, ich glaube bei Absatz 4, habe ich dann geschnallt, was das für eine Grundsituation ist. Kann aber auch daran liegen, dass mein Hirn gestern schon ein wenig ausgelaugt war und ein bisschen arbeiten kann man ruhig mal beim Lesen einer Geschichte :) Und heute wirkt der Anfang viel klarer für mich, weiß jetzt nicht genau, ob das an meinem Hirn oder aber schlichtweg daran liegt, dass ich die Geschichte nun schon kenne, aber eigentlich steht da ja alles, von daher alles fein, denn den Einstiegssatz finde ich herrlich neurotisch:

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.
Find ich 'n geilen ersten Satz, weil der irgendwie schon ne Menge sagt. Da geht jemand zu einem anderen, um sich Rat zu holen (auch wenn man hier noch nicht weiß, welchen), denn es ist von Kompetenz die Rede. Gleichzeitig scheint der Ratholende klare (Ordnungs)Prinzipien zu haben, nach denen er Menschen einsortiert, was ja schon ein wenig zwanghaft wirkt. Also gut gemacht, ich mochte das sofort.

Und jetzt bleibt auch noch die Klingel hängen, schrillt einfach weiter, ein fieser Ton, wo gibt es noch solche Klingeln, ich drücke darauf herum, bohre meinen Fingernagel in die Ritze, ist die laut, das klingt so entsetzlich dringend, als würde ich sturmklingeln, als wäre was Schreckliches passiert. Mir bricht der Schweiß aus. Und der Fingernagel ab.
Herrlich :D

Ich finde sie anstrengend und das liegt nicht daran, dass sie zwölfmal in der Woche Bilder im Kopf hat, wie sie ihrem Kind etwas antut.
Auch den Satz find ich gut. Eigentlich sollte es ja reichen, jemanden unangenehm zu finden, der mehrfach am Tag daran denkt, sein Kind zu verletzen. Aber das ist nicht mal das Schlimmste an Frau Jensen :eek::D Vielleicht ist mein Humor zu schwarz, aber da musste ich echt schmunzeln.

Das Therapiegespräch anfangs an Frau Jensens übermäßigem Laufen aufzuhängen, fand ich passend und logisch. Ich hab das bei mir seit Corona auch beobachtet - ich mache viel mehr Sport und brauche das tatsächlich mittlerweile, vor allem das Laufen, weil ich sonst nervös werde, nicht weiß, wohin mit meiner Energie. Auch als Ausgleich ist das wie ein Heilmittel, letztens bin ich ultra aggro von der Arbeit heimgekommen, bin ne Dreiviertelstunde um den Block gerannt wie ne arme Irre, weil ich wusste, ich muss diese negative Energie loswerden - und dann kamen die Endorphine. Dieses Gefühl danach ist echt wie 'ne Minidroge. Nun bin ich ja psychisch nicht sonderlich instabil, aber wenn da was ins Wanken gerät, hab ich schon oft davon gehört, dass Sport zu einer Sucht werden kann, man nennt das glaub ich Kompensation in der Psychologie. Oder so 'ne Art Ersatzzwang, lieber rennen, bevor sie diesen dunklen Gedanken folgt, die ihr Kind betreffen.

„Ich finde sie toll. Sie ist so stark.“
„Vielleicht mögen Sie ihr das mal sagen, dass Sie sie toll finden?“
„Das müsste ich ihr schon hinterherrufen, so schnell ist die.“ Sie lacht und ich auch, diese Amazone bringt hier gerade Leichtigkeit rein.
„Ja, rufen Sie nur. Sie brauchen das nicht laut zu machen, nur in Ihrer Vorstellung.“
„Okay ...“
„Hat sie Sie gehört?“
„Ich weiß nicht. Ja, vielleicht.“
Davon habe ich schon mal gelesen (ich wollte tatsächlich mal Psychologie studieren ...), also von dieser Form der Therapie, dieses aktive Gedankenspiel, in dem man Dinge, Erinnerungen oder Teile von sich visualisiert und dann mit ihnen spricht. Finde das total abgefahren, weiß gar nicht, ob ich das könnte. Also mich darauf einlassen. Aber wie sich das entwickelt, das fühlt sich logisch an, also wie dieses Therapiegespräch weiterläuft, wie man immer einen kleinen Schritt näher kommt an das, was da brodelt.

„Wenn Sie jetzt wieder zu dem Mädchen hinschauen …“
„Moment … sie hat sich ein bisschen bewegt. Den Kopf, sie hat den Kopf bewegt“
„Sie ballen ihre Faust. Ist das wieder der schwarze Mann?“
Sie wird blass. „Mir ist übel.“
„Vielleicht ist der schwarze Mann auch ein Teil von Ihnen, den wir kennenlernen sollten. Verstehen, was er will, was er braucht.“
„Das ist kein Teil von mir. Der sieht so aus wie der Sensenmann. Oder bin ich das doch?
Vielleicht habe ich den Tod in mir. Bin ich gefährlich?“
Womit wir beim Kern wären. Dieser schwarze Mann. Für mich das schlechte Gewissen, der Schatten, der irgendwo tief begraben saß und Frau Jensen über all die Jahre nicht loslässt. Erst dachte ich, er ist eine Art Beschützer, aber als dann die Stelle kommt:
„Er sagt, er darf das Kind niemals aus den Augen lassen.“
„Was passiert denn, wenn er nicht aufpasst?“
„Das weiß er nicht mehr. Etwas Schlimmes.“
da dachte ich, hmm, das ist was anderes, das ist Schuld.

Als dann der Teil mit Corona kommt, ihre Erinnerungen an den Nachbarn und das hier:

Ich durfte nicht hin. Aber ich habe ihn trotzdem besucht.
da war ich kurz überrascht. Voll dumm von mir, weil das natürlich super aktuell ist und natürlich Stoff für unzählige Geschichten gibt, aber irgendwie hab ich damit nicht gerechnet.

Ja, ich muss ehrlich zugeben, von der Seite habe ich das noch nicht betrachtet. Also was das in Kindern auslösen kann, weil ich irgendwie der Meinung bin, dass die Kleinen auch schnell wieder weitermachen, also diese Zeit gerade nicht so traumatisch ist, wie ja oft im Raum steht.
Keine Ahnung, ich denke immer so, klar, is scheiße, aber is ja jetzt nicht so, als wäre hier Krieg und wir müssten alle verzweifelt um unser Leben kämpfen. Ich versuche das immer relativ zu sehen, um nicht in diese Schiene zu geraten, in der einige schon sind - nämlich das ständige Meckern, sich beschweren, durchdrehen, negative Energie halt. Da hab ich einfach keinen Bock drauf, weil ich immer denke, Mann, ja, is echt Mist gerade, aber dennoch muss ich doch versuchen, das Beste draus zu machen, das ist schließlich Lebenszeit, die da läuft und die geschätzt werden muss.
Aber klar, du sprichst da was an, das wichtig ist, finde ich echt gut, dass du das zum Thema deiner Challenge-Geschichte gemacht hast. Ist schon hart, wenn man als Kind mitbekommt, da ist ein Virus, der kann töten, und ich hab den evtl. zum Nachbarn geschleppt und ihn somit in Gefahr gebracht oder sogar getötet. Ist natürlich jetzt hart ausgedrückt, denn natürlich hat Frau Jensen niemanden umgebracht, aber ich kann mir gut vorstellen, wie da unterschwellig in einer Kinderpsyche was brodeln kann, nicht richtig einsortiert, nicht verarbeitet, und somit bis in Erwachsenenalter sein Unwesen treibt.

„Herr Rosenberger hieß er?“
„Ja, jetzt hab ich's wieder. Herr Rosenberger.“
Sie schaukelt ein wenig hin und her. Und ich kann es jetzt sehen, das kleine Mädchen auf ihrem Arm.
Gutes Ende, wobei für mich das Gestrichene entbehrlich wäre, das ist mir 'n Tick too much.

Was ich nicht so ganz verstehe, da muss ich noch drauf rumdenken, ist, inwiefern die Geschichte mit Herrn Rosenberger und Frau Jensens Schuldgefühle damit zu tun haben, dass sie ihr eigenes Kind verletzen will. Ist das eine Art Neid? Von wegen - DU hast eine viel leichtere Kindheit? Oder ist das eine Art Projektion? Von wegen - Kinder bringen Übel? Das muss ich noch ein bisschen sacken lassen.

Hab ich gerne gelesen!
Liebe Grüße
RinaWu

 
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07.09.2014
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Hallo @G. Husch ,

vielen Dank für's nochmalige Melden.

Ich muss mich erst in und auf die Seite einspielen.
Ja, lass dir bloß Zeit und finde dich in Ruhe ein. Das wird!:)

Liebe Grüße von Chutney


Lieber @linktofink,

herzlichen Dank für den schönen Kommentar. Ich freu mich, dass du da gut durchgekommen bist, obwohl es eigentlich nicht dein Thema ist. Ich hatte den Gedanken schon länger im Kopf, es mal mit einer Therapiestunde zu versuchen und die Challenge hat mir den entscheidenden Schubs verpasst. Wobei die Worte auch sehr gut ausgewählt und inspirierend waren.

es hat eine ganze Weile gedauert, bevor ich orientiert war und wusste, worum es geht in diesem Text. Zum Teil liegt das auch daran, dass ich in den ersten Absätzen nicht weiß, wer erzählt.
Das schreibt @RinaWu auch und ich denke inzwischen, es liegt daran, dass der Sprachduktus der beiden Frauen zu ähnlich ist, jedenfalls an der Stelle. Andererseits gefällt mir auch der Schwung, den das hat. Ich habe überlegt, die Klingel noch von Frau Belugis Seite aufzugreifen, aber ich wüsste nicht wo. Und das Ganze formal zu lösen, durch Einrücken z.B. da bin ich auch nicht so glücklich mit. Also, da habe ich noch keine Lösung.
Du erzählst eine Geschichte im Deckmantel von Therapiesitzungen und webst dabei nicht nur die fünf Begriffe geschickt ein, sondern auch die Corona-Lockdown-Problematik.
Ich bin immer zurückgeschreckt, einen echten Fall zu nehmen und so funktionierte es relativ gut, erstaunlicherweise, dass zu verbinden.
Das spürt der Leser auch deinen therapeutischen Background, wobei ich dachte, der hätte einen anderen Schwerpunkt?
In den letzten Jahren verschiebt sich mein Schwerpunkt immer mehr Richtung Erwachsene mit psychischen Problemen, da habe ich mich dann auch weitergebildet. Ich bin ja Ergotherapeutin, und so habe ich diesen Text noch einmal von vier PsychologInnen gegenlesen lassen, die u.a. mit ähnlichen Methoden arbeiten.
Zuerst habe ich Missbrauch befürchtet, weil der schwarze Mann hinter ihr stand, wenn sie kopfüber an der Schaukel hing. Das hat sich nun anders geklärt und das ist gut, weil Missbrauch ein Thema ist, dass schnell alles andere überschattet.
Ja, und einer der großen Aha-Effekte ist für mich immer wieder, wie wichtig es ist, offen zu bleiben, das geht oft in ganz andere Richtungen, als man anfangs denkt. Wie eben auch bei einer guten Geschichte.
Das ist schön, wie gut sie sich verstehen und tragisch, dass sie ihn so weit verdrängte, dass sie weder seinen Namen, noch überhaupt um seine Existenz wusste.
Sie wusste schon noch um seine Existenz, aber eben so wie man lieber nicht an etwas Schmerzhaftes denkt, weil das Ende alles überschattet hat. Seinen Namen wusste sie nicht mehr.
Linktofink, ich danke dir sehr, auch für das Ausrichten dieser Challenge. Sonst wäre das wieder nichts geworden bei mir. ;)

Liebe Grüße von Chutney


Liebe @RinaWu ,
auch dir ein dickes Dankeschön fürs Lesen und deinen Zuspruch. Zwei Dinge habe ich jetzt noch einmal verändert.

Auch den Satz find ich gut. Eigentlich sollte es ja reichen, jemanden unangenehm zu finden, der mehrfach am Tag daran denkt, sein Kind zu verletzen. Aber das ist nicht mal das Schlimmste an Frau Jensen :eek::D Vielleicht ist mein Humor zu schwarz, aber da musste ich echt schmunzeln.
Das ist ein bisschen tricky, denn sie beabsichtigt nicht wirklich, ihr Kind zu verletzen, sie hat Zwangsgedanken und je mehr sie sich davor erschreckt, desto öfter drängen sie sich auf. Es ist eher die Angst, sie könnte ihr Kind verletzen, die immer stärker kontrolliert wird, eigentlich will sie alles besonders gut machen und liebt ihr Kind. Es ist eher eine Überforderung, als ein direkter Impuls. Ich habe den Satz jetzt noch einmal verändert und hoffe, es ist ein bisschen klarer.
Das Therapiegespräch anfangs an Frau Jensens übermäßigem Laufen aufzuhängen, fand ich passend und logisch.
Ja, das Thema drängt sich gerade echt auf. Ich jogge neuerdings auch.
Oder so 'ne Art Ersatzzwang, lieber rennen, bevor sie diesen dunklen Gedanken folgt, die ihr Kind betreffen.
Ja, es geht um das Thema Zwanghaftigkeit , die verbundene Anspannung.
Aber wie sich das entwickelt, das fühlt sich logisch an, also wie dieses Therapiegespräch weiterläuft, wie man immer einen kleinen Schritt näher kommt an das, was da brodelt.
Das freut mich.:)
Womit wir beim Kern wären. Dieser schwarze Mann. Für mich das schlechte Gewissen, der Schatten, der irgendwo tief begraben saß und Frau Jensen über all die Jahre nicht loslässt. Erst dachte ich, er ist eine Art Beschützer, aber als dann die Stelle kommt:
„Er sagt, er darf das Kind niemals aus den Augen lassen.“
„Was passiert denn, wenn er nicht aufpasst?“
„Das weiß er nicht mehr. Etwas Schlimmes.“
da dachte ich, hmm, das ist was anderes, das ist Schuld.
Ich sehe ihn tatsächlich als eine Art Beschützer, der den Schmerz, den das Kind trägt, nicht hochkommen lässt. Da steckt natürlich auch etwas Kontrollierendes vielleicht Bestrafendes drin. Es ist auch immer etwas in diesen Figuren, was man nicht vollständig greifen kann, so empfinde ich das. Die Therapiemethode an sich geht davon aus, dass alle inneren Teile im Grunde etwas Gutes wollen.
Keine Ahnung, ich denke immer so, klar, is scheiße, aber is ja jetzt nicht so, als wäre hier Krieg und wir müssten alle verzweifelt um unser Leben kämpfen. Ich versuche das immer relativ zu sehen, um nicht in diese Schiene zu geraten, in der einige schon sind - nämlich das ständige Meckern, sich beschweren, durchdrehen, negative Energie halt.
Ich erlebe da alle möglichen Reaktionen um mich herum, je nach Wohn- und Lebenssituation. Auch echt viel tapferes Durchhalten. In der Geschichte geht es ja um einen speziellen Fall.
st natürlich jetzt hart ausgedrückt, denn natürlich hat Frau Jensen niemanden umgebracht, aber ich kann mir gut vorstellen, wie da unterschwellig in einer Kinderpsyche was brodeln kann, nicht richtig einsortiert, nicht verarbeitet, und somit bis in Erwachsenenalter sein Unwesen treibt.
Ja, so meinte ich das.
Gutes Ende, wobei für mich das Gestrichene entbehrlich wäre, das ist mir 'n Tick too much.
Du hast recht, das war zu salbungsvoll, ist gestrichen.
Was ich nicht so ganz verstehe, da muss ich noch drauf rumdenken, ist, inwiefern die Geschichte mit Herrn Rosenberger und Frau Jensens Schuldgefühle damit zu tun haben, dass sie ihr eigenes Kind verletzen will. Ist das eine Art Neid? Von wegen - DU hast eine viel leichtere Kindheit? Oder ist das eine Art Projektion? Von wegen - Kinder bringen Übel? Das muss ich noch ein bisschen sacken lassen.
Tja und da komme ich vielleicht an meine schriftstellerischen Grenzen. So eine direkte Kausalität würde ich da gar nicht unbedingt sehen. Die Sache mit dem Nachbarn war ja auch deshalb so schlimm, weil ihre Eltern gerade in einer großen Krise waren, da ist ganz viel Bedrohliches und viel zerbrochen. Zwänge sind ja ein Versuch etwas zu kontrollieren, besonders die eigenen Gefühle. Die Verantwortung für ein Kind löst ja auch oft große Ängste aus, das Gefühl, vielleicht nicht gut genug zu sein. Aber deshalb habe ich den Satz noch einmal verändert, damit deutlich wird, dass sie über diesen Gedanken erschreckt. Also, es geht mehr um die Angst, als Mutter zu versagen, die ihr diese Gedanken eingibt, als dass es ein wirklicher Impuls wäre. Es geht um eine Überforderung. Diese Therapiestunde sehe ich als einen Baustein, sie zu entlasten, etwas in ihr zu erlösen, was verbannt war und damit Kraft gekostet hat.

Vielen Dank, liebe Rina, das war wichtig für mich,

Gruß, Chutney

 

MRG

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Guten Abend @Chutney,

habe mich über deinen Kommentar gefreut und mache direkt den Gegenbesuch. Ich finde deinen Text interessant. Mich hat vor allem gefesselt, was für eine Therapieform sie anwendet. Verhaltenstherapie fällt raus, okay. Dann fragt sie nach dem Laufen, geht in eine lösungsorientierte Richtung. Später kommt dann eine Anteilsarbeit und dann denkt die Therapeutin, dass sie ihrer Klientin vertrauen kann, das geht für mich dann in Richtung personenzentriertem Gesprächsstil nach Rogers. Auffällig ist auch, dass sie viel paraphrasiert und die Worte der Klientin verwendet. Ja, das fand ich echt interessant. Am Ende geht es dann in Ursachenforschung, also eher tiefenpsychologisch, wenn ich das richtig sehe. Sie wendet meiner Einschätzung nach ein breites Spektrum an, integriert mehrere Ansätze. Korrigiere mich da gerne. Allerdings hat deine Geschichte für mich auch gerade im Mittelteil ihre Längen. Es hat mich ein bisschen an das Buch von Peter deJong und Insoo Kim Berg erinnert - "Lösungen (er)finden". Da werden auch beispielhaft Gesprächverläufe geschildert und beim ersten Mal lesen, habe ich diese ganzen Wiederholungen als etwas langweilig empfunden. Keine Frage, es ist wohl in einem Therapie oder Coachinggespräch etwas ganz anderes, wenn man selber in diesem inneren Erleben ist. Doch von außen betrachtet, hat das auf mich schnell redundant gewirkt. Genau hier sehe ich Verbesserungspotential für deine Geschichte. Ich denke, dass du den Mittelteil etwas verkürzen könntest. Sie geht dann ihre Anteile durch und ist im Erleben, nach meinem Geschmack hätte das etwas kürzer sein können. Mir war da zu wenig Abwechslung. Deshalb fand ich dann den kursiven Einschub auch sehr interessant. Vielleicht könntest du damit spielen, denn ich als Leser habe zwar gehört, was ihre Anteile denken, aber ich habe es nicht so richtig erlebt. Das hätte ich allerdings total spannend gefunden. Was lösen die Fragen der Psychologin aus, welche Erinnerungen, Assoziationen kommen hoch? Ich finde, dass davon gerne mehr in deinem Text hätte sein dürfen.
Insgesamt hat mich dein Text jedenfalls gut abgeholt und Faszination ausgelöst, sehr interessante Thematik, die du dir da ausgesucht hast. So, ich gehe in der Textarbeit detaillierter darauf ein:

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist. Zwei Stunden richtig ranklotzen, dann wäre immerhin schon mal das Gestrüpp vom letzten Winter entfernt. Das denke ich jedes Mal, wenn ich hier auf der Fußmatte stehe. Die müsste übrigens dringend erneuert werden.
Ich hatte mir erst einen nörgelnden Mann vorgestellt, der sich über alles beschwert und extrem negativ ist. Das hast du dann hier geschickt verändert:

Mir bricht der Schweiß aus. Und der Fingernagel ab.
Ah ja, es ist eine Frau, mochte ich, dass du es mich selbst hast herausfinden lassen.

„Zwölfmal“ sagt Frau Jensen
Kleinigkeit: Komma fehlt.

Die Flitterwochen unserer Therapiebeziehung sind vorbei, die erste große Entlastung, als sie mir stockend gestand, was sie denkt, wenn ihr Kind am allerniedlichsten ist, schon ein paar Wochen her.
Ich habe mich erst etwas schwer getan mit dem Perspektivenwechsel. Und ich frage mich, ob es nicht spannender wäre, wenn du nur die Perspektive der Klientin schildern würdest mit einem Fokus auf ihrem inneren Erleben. Andererseits wären dann die Impulse der Therapeutin weg und gerade die fand ich spannend. Mein Lösung war, dass ich mich dann einfach auf den Perspektivwechsel eingelassen habe und es hat mich dann auch nicht mehr gestört.

Sie hat mich gefragt, ob ich Verhaltenstherapie mache, wie im Netz empfohlen und ich habe einen kleinen Augenblick gehofft, dass sie bei mir aufhört und zu der Theimer wechselt oder dem Hansen.
Interssant, Verhaltenstherapie ist es nicht. Finde ich eine der besten Stellen in deinem Text, weil du damit nämlich in mir als Leser die Frage anregst, um was genau es sich denn handelt. Und ich finde du gibst da auch immer wieder Hinweise, sodass ich da richtig gut auf Spurensuche gehen konnte. Das hat mir sehr gut gefallen.

Ich schaue sie an. Die zuckenden Muskeln an ihrem Kiefergelenk. Meine Güte.
„Sagen Sie, haben Sie abgenommen?“, frage ich.
Das "Meine Güte" und die Frage nach dem abnehmen hat mich etwas gewundert, ich habe es als ein Urteil gelesen. Da macht die Therapeutin auf mich einen unprofessionellen Eindruck, so etwas kann ja auch ziemlich nach hinten losgehen, die Frage nach dem Gewicht.

Sobald Maja bei ihrer Tagesmutter ist, renne ich.
Ich weiß nicht, ob du das so geplant hast, aber der Name Maja hat mich in dem Kontext direkt an Maja Storch denken lassen. Das hat dazu beigetragen, dass diese Frage, welche Therapieform sie anwendet verstärkt worden ist. Denn du gehst später ja auch auf die Bilder ein und ich hatte kurz gedacht, dass es vielleicht auch in die Richtung Selbstmanagementtraining, und Ressourcenarbeit gehen könnte, was ja genau von Maja Storch auch im Zürcher Ressourcenmodell vertreten wird. Ja, interessant, wie du da mit mir als Leser gespielt hast. Habe ich genossen.

Die Läuferin. Damit könnte man vielleicht anfangen.
„Wie fühlt es sich an, das Laufen?“ frage ich.
Das ging für mich Richtung lösungsorientiertem Ansatz, sie versucht den Fokus und die Aufmerksamkeit weg von Problemtrance hin zur Lösungstrance zu legen. Interessant fand ich das, höchst spannend.

„Die Läuferin,“ sage ich, „die Läuferin die läuft und läuft, die in einen Rausch kommt, die läuft, bis sie erbrechen muss – wo spüren Sie die im Körper?“
Finde hier die Paraphrase optimal angebracht, sie zeigt damit an, dass sie ihr wirklich zuhört und sie versteht.

„Und wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass sie dieses Körpergefühl zu einem Bild formen, haben sie da eine Vorstellung von der Läuferin, vielleicht eine Farbe, eine Figur oder ein Tier?“
Bei dem Tier musste ich dann direkt wieder an Maja Storch und ZRM denken, da gibt es ja genau diese Bilderwahl.
„Können Sie die Läuferin einmal fragen, was sie befürchtet, wenn sie anhält und Pause macht?“
Sie schaut immer noch aus dem Fenster.
Es geht es um Anteilsarbeit, wenn ich das hier richtig sehe. Hier hätte ich mir das innere Erleben geschildert gewünscht. Später machst du das ja mit dem Nachbarn, aber hier eine Beschreibung ihrer inneren Welt hätte ich als Leser gut gefunden.

War das jetzt Hypnose? Das ist jedenfalls neu.
Ich habe mich gefragt, ob sie das wirklich fragen würde. Denn unter Hypnose wird ja eher verstanden, dass man mit den Augen einem Pendel folgt und "Wunder passieren". Ich konnte mir nicht richtig vorstellen, dass sie die sprachliche Unterschiedsbildung so direkt als Hypnose benennen kann, also das würde mich schon wundern.

„Wie sieht er denn aus, der skeptische Teil?“
„Das ist ein Mann mit Igelhaarschnitt. Der verdreht die Augen. Und beiseite treten will der definitiv nicht.“
Ich habe das als Beispiel genommen, weil ich das etwas redundant fand. Als Leser fehlt mir da das innere Erleben, ja sie sagt es, aber ich kann das noch nicht so richtig nachempfinden.

„Dass ich traurig werde, wegen nichts. Dass ich was erfinde.“
„Er fürchtet, dass Sie traurig werden?“
„Ja, ich glaube schon.“ Sie schluckt.
Das paraphrasieren wirkt auf mich als Leser von außen auch etwas redundant, klar das ist eine Technik, allerdings finde ich, dass du das etwas kürzen könntest und stattdessen stärker die innere Welt darstellen könntest. Aber das kann auch nur an meinem Lesegeschmack liegen.

„Nein“ Ihre Stimme verändert sich, wird gepresst.
Kleinigkeit: Punkt hinter "Nein".

Auf einmal bin ich total ratlos. Ich sehe einen schwarzen Mann und ein hängendes Kind in jahrelanger Erstarrung und weiß nicht mehr weiter. Während ich versuche wieder Boden unter die Füße zu bekommen, höre ich meine Ausbilderin: „Ihr dürft euren Klienten vertrauen.“
Den Klienten vertrauen, das dürfte ja dann Richtung Carl Rogers gehen. Die Beziehung die eine heilsame Wirkung hat und sich die aktualisierende Tendenz ihren Weg bahnen kann. Ich mochte diese kleinen Hinweise, das bringt da eine weitere Ebene hinein, die ich sehr genossen habe.

„Moment … sie hat sich ein bisschen bewegt. Den Kopf, sie hat den Kopf bewegt“
Deine Dialoge sind sehr gut, ich habe das hier mal als Beispiel rauskopiert. Liest sich für mich ausgesprochen authentisch.

„Schauen Sie bitte noch einmal auf die Situation und sagen Sie dem Mann, dass wir verstehen wollen, was er da tut.“
Hier geht es dann etwas mehr um Ursachenforschung, ja sie hat eine bunte Mischung an Methoden dabei, wenn ich das richtig bewerte.
Ein muffiger Geruch schlägt mir entgegen. Er tut komische Gewürze in sein Essen und er hat die Heizung immer auf drei.
Großartig, das fand ich sehr stark. Genau davon hätte ich mir im Mittelteil bei den Anteilen auch etwas gewünscht. Ich finde, dass das noch einmal Tiefe reinbringt und ich komme der Klientin so näher, weil ich ihr inneres Erleben stärker fühlen kann.

Mama und Papa finden, er ist ein Messie. Ich bin sieben Jahre alt und ich sortiere alles für ihn. Lege die Steine auf die Felder vom Schachbrett, erfinde Muster. Er schaut mir zu. Ein Stein ist übrig.
Du bereitest hier das Wort Lapislazuli vor, ja das ist clever gemacht. Die Worte sind auch gut eingebaut, sie sind nicht als Fremdkörper aufgetaucht, hat gut funktioniert für mich.

„Sie durften ihn nicht mehr besuchen?“
„Nein. Er war ja Risikopatient. Die Zahlen waren gestiegen. Wahrscheinlich deshalb.“ Sie schweigt.
„Das war also so schlimm für Sie. Konnten Sie denn Kontakt halten? Telefonieren?“
„Ich durfte nicht hin. Aber ich habe ihn trotzdem besucht. Er hat sich immer gefreut.“
Finde ich eine richtig gute Stelle, hat mich emotional angesprochen und du hast auch den Bezug zur heutigen Situation drin.

„Ja“
Kleinigkeit: Bei diesen drei "Ja" fehlt ein Punkt, oder hast du das so beabsichtigt und ich übersehe etwas?

„Ich habe ihn so vermisst. Keiner hat über ihn gesprochen. Ich hatte Angst über ihn zu sprechen, weil ich dachte, dass jemand sagt, ich sei schuld.“
Das Schuldthema, ja ich finde das passend.


Insgesamt eine faszinierende Geschichte, die mich vor allem auch durch die kleinen Hinweise und der Ebene mit den unterschiedlichen Methoden gepackt hat. Im Mittelteil fand ich etwas lang und da hätte ich mir ein wenig Abwechslung gewünscht, indem du das innere Erleben der Klientin stärker zeigst.


Beste Grüße
MRG

 
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Hey @Chutney,

bin gespannt auf deine Geschichte! Ich lege los:

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.
Der Einstieg gefällt mir. Nicht nur der erste Satz, sondern der ganze Absatz. Meine Gedanken gehen Richtung Neurose, ich frage mich, was sie (aus irgendeinem Grund nehme ich an, dass die Prota eine Frau ist) bei der Vorgarten-Frau will, zum Ende hin denke ich: Psychotherapie. Mag ja sein, dass der Vorgarten etwas über die dort lebende Person aussagt, aber das muss ja nichts Negatives sein. Auf jeden Fall sagt die Reaktion einiges über die Prota aus. Ich bin gespannt, wie's weitergeht.

Die Flitterwochen unserer Therapiebeziehung sind vorbei
Schön :)
Aha, die Prota selbst ist also die Therapeutin, und die Gedanken am Anfang waren demnach über sich selbst. (falsch, merke ich ein, zwei Absätze später...)

Schade um den Kaffee, den hätte ich gut haben können.
Hier macht mein Kopf "gut gebrauchen können" draus.

„Wenn sie irgendeine Idee haben,

„Und wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass sie dieses Körpergefühl zu einem Bild formen, haben sie da eine Vorstellung von der Läuferin,

„Woran merken SieKOMMA dass sie das gehört hat?“

Im 4./5. Absatz habe ich jetzt endgültig verstanden, dass die Ich-Perspektive zwischen den beiden wechselt. Man ahnt schon im 2. Absatz, dass da irgendwas wechselt, aber vielleicht liegt es auch an meinem verschlafenen Kopf... Bin dann nochmal ein wenig zurückgesprungen, um die Dinge in meinem Kopf zu ordnen.
Im Prinzip finde ich das gut, so einen subtilen Perspektivenwechsel, allerdings hat es bei mir dadurch etwas gedauert, richtig reinzukommen. Dann bin ich nochmal auf diese Stelle gekommen (beim Zurückspringen):
Sie macht Druck, das verunsichert mich. Wie sie wohl auf ihre Angestellten gewirkt hat? Ich schicke mein kleines schusseliges Mädchen, das Angst hat zu versagen, auf den Spielplatz. Geh schaukeln, sage ich zu ihr. Lass mich das machen.
Das gefällt mir gut. Jetzt ist mir klar, die Belugi hat großen Respekt bzw sogar Angst davor, diese Frau therapieren zu müssen (ich habe bei der Klientin ein Bild von einer etwas älteren, schroffen Frau, obwohl sie ja offensichtlich Mutter eines kleinen Kindes ist, also vielleicht doch nicht so ganz alt - das mit den Angestellten also nicht, weil sie so alt ist und in Rente, sondern weil sie nicht mehr arbeiten kann?, frage ich mich). Sie schickt also ihr innerliches schusseliges Mädchen auf den Spielplatz: sehr schön!

Aber denkste Puppe.
Hab ich tatsächlich noch nie gehört - ist das regional?

Diesmal ist der Blick länger draußen, sehr lange. Ich warte. Frage schließlich leise.
„Was passiert gerade?“
Hier wirds spannend.

„Es wirkt nicht so wie spielen
Spielen glaube ich groß; oder aber "Es wirkt nicht wie ein Spiel..."

„Nein“ Ihre Stimme
Da fehlt ein Satzzeichen.

„Gibt es für diesen Teil, der Ihnen gerade die Luft nimmtKOMMA auch ein Bild?“
Klingt nach einem Nebensatz, der beendet werden muss mit nem Komma.

„Ja“
Satzzeichen.

„Du schon wieder,“ sagt er und lächelt hinter seinem Bart.
„Ich will dich ein bisschen ärgern,“ Ich hüpfe
Die Zeichen sind verdreht und beim zweiten sollte es wohl ein Punkt werden.

vielleicht um die siebzig.
Oben haste 32 als Zahl geschrieben. Eine Kleinigkeit, aber mir springt sowas sofort ins Auge..

„Aber ihre Eltern, haben sie ...“

„Möchten Sie vielleicht noch einmal zu dem Mädchen hinschauen, dass an der Stange hängt?“

„Ja“
„Unsagbar traurig.“
„Ja“
Sie seufzt.
„Halten Sie sie noch im Arm?“
„Ja“
Da fehlen ein paar Satzzeichen.

Meister Eder und sein Pumuckl. Ob das wirklich so harmlos war? Irgendetwas stimmt da nicht.
Ein kleiner Sprung zurück: Das gefällt mir sehr gut, du lässt die Leser das Offensichtliche denken (Stichwort Straßenkehrer auf dem Spielplatz von CoK), aber ich finde es gut, dass es nicht das ist...

Ich bin zurückgeschreckt. Umarmen ging damals gar nicht.
:D

Ein sehr schönes Ende - du greifst den übriggeblienen Stein auf, der nicht mehr aufs Schachbrett gepasst hat. Demnach wirkt es auch natürlich mit dem Lapislazuli, und nicht angehängt. Ein kleines Aha-Erlebnis am Ende quasi.

Hat mir sehr gut gefallen. Schön, wie du unsere aktuelle Situation behandelst in diesem Therapie-Setting, das finde ich sehr kreativ. Ich war auch zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, im Gegenteil, ich war gespannt, was dahinter steckt, war die ganze Zeit gebannt und fand es spannend.
Im Grunde hat das dann ja verdammt schnell geklappt mit dem erfolgreichen Ausgang der Therapie - Frau Jensen war ja erst ein oder zwei Wochen da, ich weiß es nicht mehr genau. Aber warum auch nicht, denke ich, muss ja nicht immer endlos sein und zäh sein, so eine Therapie. Jedenfalls ein schönes Erfolgserlebnis für die Belugi!

Was den Perspektivenwechsel angeht - ich hab bei den anderen Kommentaren gesehen, dass andere auch Orientierungsschwierigkeiten hatten. Könntest du natürlich versuchen, da noch etwas einzubauen, in den ersten Absätzen, das die Zuordnung eindeutig macht. Klar ginge es auch über Sprache, zB wenn sich die beiden einfach stark unterschiedlich ausdrücken würden, aber dann müsstest du wohl den ganzen Text anpassen.

Schöne Geschichte, die Begriffe gut eingebaut (nur beim "bezeugen" ist es mir aufgefallen, vielleicht ein bisschen ähnlich wie bei meiner Geschichte - macht aber nichts!).

Liebe Grüße,
rainsen

 
Monster-WG
Beitritt
20.08.2019
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524

Liebe @Chutney

was für eine schöne Geschichte! Sie hat mich sehr berührt, ich hab immer noch Gänsehaut. Der Einstieg ist sehr gelingen, zieht mich sofort in den Sog und ich muss weiterlesen und weiterlesen. Schön, wie Du die Emotionen rüberbringst. Ich bin voll in den Szenen drin, fühle mit. Die Dialoge sind toll und so flüssig. Das rutscht geradezu. Sprachlich hab ich nichts zu meckern, da ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Auch von der Logik her passt alles. Ich habe die Geschichte genossen.

Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Silvita

 
Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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Lieber @MRG,
herzlichen Dank für deinen Gegenbesuch, für dein Lob und die interessanten Hinweise. Du hast meine Geschichte mit einem besonderen Blick gelesen und ich nehme an du studierst Psychologie oder evtl. Pädagogik? Jedenfalls wurde es für dich noch auf andere Weise zum Rätselplot, als von mir geplant:

Mich hat vor allem gefesselt, was für eine Therapieform sie anwendet.
Eigentlich ist es nur eine einzige Therapieform, die sich jedoch aus verschiedenen Einflüssen entwickelt hat, bestimmt auch aus denen, die du benennst. Letztlich geht es darum die Kommunikation im inneren System zu verbessern und dafür systemische Sichtweisen aus der Familientherapie zu nutzen. (IFS-Modell nach Dr. Richard C. Schwartz) Ich habe schon vor langem begeistert die Kurzgeschichten von Irvin D. Yalom gelesen, der ja Analytiker ist und wollte mal mit meinen Mitteln probieren, eine gelingende Therapiestunde darzustellen.
Allerdings hat deine Geschichte für mich auch gerade im Mittelteil ihre Längen.
Ich denke, dass du den Mittelteil etwas verkürzen könntest. Sie geht dann ihre Anteile durch und ist im Erleben, nach meinem Geschmack hätte das etwas kürzer sein können. Mir war da zu wenig Abwechslung. Deshalb fand ich dann den kursiven Einschub auch sehr interessant.
Vielleicht könntest du damit spielen, denn ich als Leser habe zwar gehört, was ihre Anteile denken, aber ich habe es nicht so richtig erlebt. Das hätte ich allerdings total spannend gefunden.
Ja, das kann ich mir vorstellen. Problem ist, dass es in der Realität oft noch so einige "Umdrehungen" mehr gibt. In dem Prozess, den ich mir ausgedacht habe, kommen viele typische Elemente vor, aber das kann noch viel zäher sein. Und dieses Zähe gehört da eigentlich auch rein. Im Grunde finde ich es gar nicht so schlecht, dass man bis zu dem Zeitpunkt, wo echte Erinnerungen einsetzen, schon etwas durchhalten muss.
Ich finde die Idee interessant, das Erleben der Anteile selbst zu zeigen, muss ich noch einmal drüber nachdenken. Tatsächlich habe ich für mich selbst mit der Sicht des "hängenden Mädchens" begonnen, das hat mich inspiriert. Doch am Ende habe ich diesen Abschnitt wieder gestrichen. Ich finde es gut, dass das Kursive dann echte Erinnerung ist. Und ihr Erleben, z.B. des skeptischen Teils, habe ich ja durchaus in ihren Gedanken gegenüber der Therapeutin drin.
Was lösen die Fragen der Psychologin aus, welche Erinnerungen, Assoziationen kommen hoch? Ich finde, dass davon gerne mehr in deinem Text hätte sein dürfen.
Das ist auf jeden Fall ein Punkt, das könnte man noch intensivieren. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist es ja wirklich nur Dialog.
Insgesamt hat mich dein Text jedenfalls gut abgeholt und Faszination ausgelöst, sehr interessante Thematik, die du dir da ausgesucht hast.
Dankeschön!:)
Ich habe mich erst etwas schwer getan mit dem Perspektivenwechsel. Und ich frage mich, ob es nicht spannender wäre, wenn du nur die Perspektive der Klientin schildern würdest mit einem Fokus auf ihrem inneren Erleben. Andererseits wären dann die Impulse der Therapeutin weg und gerade die fand ich spannend. Mein Lösung war, dass ich mich dann einfach auf den Perspektivwechsel eingelassen habe und es hat mich dann auch nicht mehr gestört.
Ich hatte erst nur eine Perspektive. Aber das wurde irgendwie sehr zäh, da hätte ich es beinahe ganz gelassen. Mit dem Perspektivwechsel habe ich dann wieder Lust auf die Geschichte bekommen.
Finde ich eine der besten Stellen in deinem Text, weil du damit nämlich in mir als Leser die Frage anregst, um was genau es sich denn handelt. Und ich finde du gibst da auch immer wieder Hinweise, sodass ich da richtig gut auf Spurensuche gehen konnte. Das hat mir sehr gut gefallen.
Da bist du ein spezieller Leser. ;)
Das "Meine Güte" und die Frage nach dem abnehmen hat mich etwas gewundert, ich habe es als ein Urteil gelesen. Da macht die Therapeutin auf mich einen unprofessionellen Eindruck, so etwas kann ja auch ziemlich nach hinten losgehen, die Frage nach dem Gewicht.
"Meine Güte" denkt sie ja nur und ihre Frage nach dem Abnehmen sehe ich eher als Sorge, denn als ein Urteil. Ich finde es schon wichtig, zu äußern, was man wahrnimmt.
Ich weiß nicht, ob du das so geplant hast, aber der Name Maja hat mich in dem Kontext direkt an Maja Storch denken lassen.
Huch, das war aber unbeabsichtigt.
Denn du gehst später ja auch auf die Bilder ein und ich hatte kurz gedacht, dass es vielleicht auch in die Richtung Selbstmanagementtraining, und Ressourcenarbeit gehen könnte, was ja genau von Maja Storch auch im Zürcher Ressourcenmodell vertreten wird.
Davon habe ich schon Positives gehört, vom ZRM aber nein, die Maja war hier nicht gemeint. Klingt so, als hätte ich eine kleine Schnitzeljagd veranstaltet. :D
„Können Sie die Läuferin einmal fragen, was sie befürchtet, wenn sie anhält und Pause macht?“
Sie schaut immer noch aus dem Fenster.
Es geht es um Anteilsarbeit, wenn ich das hier richtig sehe. Hier hätte ich mir das innere Erleben geschildert gewünscht. Später machst du das ja mit dem Nachbarn, aber hier eine Beschreibung ihrer inneren Welt hätte ich als Leser gut gefunden.
Das wäre noch eine weitere Ebene gewesen und ich bin mir noch nicht sicher, ob es sich wirklich gelohnt hätte, weil es den Text auch noch länger gemacht hätte. Vielleicht nehme ich die Idee mal für einen anderen Text auf.
War das jetzt Hypnose? Das ist jedenfalls neu.
Ich habe mich gefragt, ob sie das wirklich fragen würde. Denn unter Hypnose wird ja eher verstanden, dass man mit den Augen einem Pendel folgt und "Wunder passieren". Ich konnte mir nicht richtig vorstellen, dass sie die sprachliche Unterschiedsbildung so direkt als Hypnose benennen kann, also das würde mich schon wundern.
Okay, das habe ich einfach behauptet. Mein Gedanke ist, dass sie das aus ihrem Zustand nimmt. Wenn man in diese inneren Bilder geht, ist man leicht ein bisschen in Trance. So ähnlich wie beim Schreiben.;)
„Wie sieht er denn aus, der skeptische Teil?“
„Das ist ein Mann mit Igelhaarschnitt. Der verdreht die Augen. Und beiseite treten will der definitiv nicht.“
Ich habe das als Beispiel genommen, weil ich das etwas redundant fand. Als Leser fehlt mir da das innere Erleben, ja sie sagt es, aber ich kann das noch nicht so richtig nachempfinden.
Vielleicht habe ich auch noch nicht richtig verstanden, was du meinst. Sie packt ja ihr inneres Erleben in dieses Bild.
Den Klienten vertrauen, das dürfte ja dann Richtung Carl Rogers gehen. Die Beziehung die eine heilsame Wirkung hat und sich die aktualisierende Tendenz ihren Weg bahnen kann. Ich mochte diese kleinen Hinweise, das bringt da eine weitere Ebene hinein, die ich sehr genossen habe.
Freut mich. :)
Großartig, das fand ich sehr stark. Genau davon hätte ich mir im Mittelteil bei den Anteilen auch etwas gewünscht. Ich finde, dass das noch einmal Tiefe reinbringt und ich komme der Klientin so näher, weil ich ihr inneres Erleben stärker fühlen kann.
Das meint jetzt den ersten kursiven Teil. Meinst du, dass davor auch schon Erinnerungen hätten auftauchen sollen? Andererseits hat es ja auch einen gewissen Effekt, das hier eine ganz neue Farbe hineinkommt.
Du bereitest hier das Wort Lapislazuli vor, ja das ist clever gemacht. Die Worte sind auch gut eingebaut, sie sind nicht als Fremdkörper aufgetaucht, hat gut funktioniert für mich.
:)
Insgesamt eine faszinierende Geschichte, die mich vor allem auch durch die kleinen Hinweise und der Ebene mit den unterschiedlichen Methoden gepackt hat. Im Mittelteil fand ich etwas lang und da hätte ich mir ein wenig Abwechslung gewünscht, indem du das innere Erleben der Klientin stärker zeigst.
Ich freue mich sehr über deine Einschätzung und auch über die anderen Stellen, die du lobend erwähnt hast. Über das Thema "inneres Erleben" werde ich noch weiter nachdenken.
Vielen Dank, lieber MRG,
herzliche Grüße von Chutney

 
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Hallo @Chutney,

danke für deine Geschichte. :)

Du wechselst von Absatz zu Absatz die Perspektive. Das ist riskant. Aber du hast das clever konstruiert, indem du z.B. die Namen dicht beieinander nennst oder jeweils mit einem figurenspezifischen Detail endest und beginnst, wie der Haarnadel oder der Erwähnung der Tochter. So wusste ich immer bei wem ich gerade bin. Tiptop.

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.
Hah. Guter Einstieg, der bereits etwas von der Persönlichkeit preisgibt.
sie hat gegoogelt und da stand dasselbe, was ich gesagt habe und sie hat sich „voll wiedergefunden“ und mir ausführlich erklärt, was mit ihr los ist.
Man soll doch keine Symptome googlen. Und macht es dann doch. Die ab und zu einschlafenden Finger, Verspannung oder doch ein Gehirntumor?
Ohje. Die Belugi tut mir leid.

„Ich jogge ziemlich exzessiv. Ich glaube, das habe ich auch noch. Ich bin laufsüchtig.“
Ah, das auch noch. Schön überspitzt. :]
„Manchmal laufe ich so lange, dass ich mich übergeben muss,“ sagt sie und schaut mich an, ein kleiner Test, ob ich merke, wie zwiespältig dieses Laufvergnügen ist. Ob ich ihren Schmerz bemerke. Ja, ich bemerke ihn.
Das gefällt mir. Plötzlich ist Ruhe. Kein aufgesetztes Lachen mehr.
„Die rennt, während die Landschaft an ihr vorbeipfeift. Man sieht nur so grüne Schlieren. Ihr Blick ist voll fokussiert. Sie hat was Indianisches an, so braunes Leder. Mit Fransen.“ Jetzt blitzen ihre Augen und wir freuen uns beide über das Bild, das sie mir serviert.
Jetzt haben sie eine gemeinsame Basis, auf der sie aufbauen können. Schön, wie sich Frau Jensen öffnet. Dass sie sich selbst in dieser Vision als starke, wilde Amazone sieht, könnte ein Sinnbild für den täglich erlebten Druck(selbst- oder fremdauferlegt) sein.
„Sie hat den Kopf weggedreht. Sie will davon nichts wissen.“
„Sie will davon nichts wissen, wie anstrengend das ist?“
„Nein.“ Sie lacht. „Wie ich.“
Starke Stelle. So dicht an einer möglichen Erkenntnis. Und dann wieder dieses aufgesetzte Lachen ihrer Unsicherheit. Und ist sie raus.
„Sie hat den Kopf weggedreht. Sie will davon nichts wissen.“
„Sie will davon nichts wissen, wie anstrengend das ist?“
„Nein.“ Sie lacht. „Wie ich.“
Logo. Bloß kein Stillstand.
„Ja, er hört zu.“ Sie lehnt sich zum ersten Mal an die Rückenlehne an. „Ich glaub, das tut ihm ganz gut.“
Jetzt bekommt der Text eine neue Richtung, ernster, tiefer, traumahaft.
„Was für ein Gefühl haben Sie jetzt gegenüber dem Mädchen?“
„Ganz ehrlich: Ich bin wieder gereizt.“
Oh. Deswegen hat sie diese Gefühle manchmal auch gegenüber Maja, oder? Das brodelt etwas aus der Vergangenheit ganz weit unten.
„Aber da waren sie doch schon in der Schule.“
„Das war 2020, da ging das ja los mit den Coronajahren.
Boah, Chutney. Jetzt wird’s für alle Leser mit Schulkindern wirklich gruselig. Jahre?!
Mir wird mulmig.
Mir auch.
„Okay.“ Sie schließt die Augen.
Jetzt kann sie ihre Augen schließen, hat endlich Vertrauen zu ihrer Therapeutin.
Jetzt weint auch Frau Jensen. Sie zieht sich ein Taschentuch aus der Box und spricht schluchzend weiter.
„Sie glaubt mir nicht so recht. Sie sagt, sie weiß ja, dass sie bei ihm gewesen ist.“
Wie schrecklich, so viele Jahre mit der Schuldfrage zu leben. :/

Textkram, bei dem ich das Zitieren vergessen hatte:

„Wie fühlt es sich an, das Laufen?“ frage ich.
-> Komma von Redebegleitsatz fehlt.

„Manchmal laufe ich so lange, dass ich mich übergeben muss,“ sagt sie und
-> Komma hinter die WR

„Die Läuferin,“ sage ich
-> hier auch

„Da meldet sich wieder der skeptische Teil, stimmt's?
-> WR Zeichen am Ende fehlt.


Rückblickend öffnete sich die verschlossene Frau Jensen vielleicht etwas plötzlich so ganz komplett. Ich stell mir vor, dass das in Wirklichkeit mehr Zeit braucht. Aber gut, das ist auch keine Roman-Challenge. Deine Geschichte hat mich berührt. Da bleibt auf jeden Fall was hängen, auch für Corona-Gespräche mit den Kids.

Sehr gern gelesen.
Viele Grüße
wegen

 
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Monster-WG
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Hey @Chutney ,

hab mich richtig gefreut, dass so kurz vor Fristende dann doch noch ein bekanntes Gesicht mitreingehüpft ist. Was Flusen angeht, beziehen die sich fast alles auf dasselbe: Du schreibst sehr, sehr viel Dialog. Finde ich super, mache ich selbst gerne. Ich finde aber, dass du dabei mit den Absätzen ein wenig durcheinander kommst. Ich erläutere es weiter unten. Mein (inhaltlicher und einziger) Hauptkritikpunkt ist, dass ich zu lange brauche, um zuzuordnen, wer wer ist. Das geht gar nicht um die Namen, sondern eher um die Absätze. Manchmal wird nicht deutlich, wer in welcher Rolle gerade spricht. Zwischendurch wechseln immer wieder die Perspektiven, oder? Die Erinnerungen sind aus der Sicht der Klientin, die Dialoge aus der Sicht der Therapeutin. Ich finde die Wahl interessant, weil du dadurch vor allem einen Fokus auf das Äußere, die Erscheinung der Klientin hast. Man schaut ihr quasi gleichzeitig vor und in den Kopf. Das hilft beim Vorstellen, bringt mich aber gelegentlich aus dem Konzept.

Sofort schweift ihr Blick aus dem Fenster, in die Ferne, über die Felder.
„Okay“, sagt sie.
„Auch weg. Irgendwie bin ich raus.“
Sie sieht mich an, wach und frustriert.
Ich lächele ermutigend.
„Das war doch schon einmal ein guter Einstieg. Eine Sache noch.
„Okay ...“
Sie schaut kurz aus dem Fenster, dann zu mir.
Sie schüttelt den Kopf.
„Also den kann ich jetzt richtig klar sehen. Erstaunlich.“
Ihr Gesicht verschließt sich.
„Ja, ich seh sie.“
Sie zögert.
„Ich mag sie nicht.“
Also mache ich einfach weiter, mit der Standardfrage.
„Wenn Sie die beiden so anschauen, das Mädchen und den Mann, was fühlen Sie den beiden gegenüber?“
„Ja, der geht. Eigentlich ganz erleichtert. Ich gucke nochmal.“
Sie schaut aus dem Fenster.
„Der Spielplatz hinter unserem neuen Haus. Meine Eltern haben doch damals dieses Haus gebaut.
„Das war 2020, da ging das ja los mit den Coronajahren.

Boah bitte nicht.

Sie öffnet den Mund und schaut mich überrascht an.
„Ich weiß es nicht mehr. Ich habe so lange nicht an ihn gedacht.
„Ich durfte nicht hin. Aber ich habe ihn trotzdem besucht. Er hat sich immer gefreut.“
Sie zupft an ihrem Halstuch, zupft und zupft.
„Und dann hat es uns erwischt, das Virus. Wir waren drei Wochen zu Hause.
Wir schweigen eine Weile. Dann sage ich:
„Möchten Sie vielleicht noch einmal zu dem Mädchen hinschauen,
Sie blinzelt.
„Ich habe sie aufgefangen.“
Sie seufzt noch einmal und schaut auf.
„Eigentlich bin ich auch wütend.“
Und manche haben halt Pech gehabt.“
Sie schaut aus dem Fenster.
„Ich habe ihn so vermisst. Keiner hat über ihn gesprochen.

Das sind alle Stellen, wo ich das Gefühl hatte, dass die Umbrüche nicht nötig sind. Meist spricht die Person direkt weiter. Hin und wieder machst du es auch anders im Text, dann kommt Dialog, Beschreibung und wieder Dialog und alles in einem Absatz. Mich hat es beim Dialog selbst so ein wenig verwirrt, weil ich mir dann unsicher war, wer da jetzt eigentlich weiterspricht; durch die Fragensturkur ist ja eigentlich die Dynamik klar. Therapeutin fragt, Klientin antwortet. Trotzdem hat mich das hin und wieder aus dem Konzept gebracht. Irgendwo hab ich auch ein kleingeschriebenes Sie gesehen, aber ich habs verloren. Wenn ich es doch noch finde, sag ich Bescheid.

Mehr hab ich nicht. Deine Geschichte ist sicher einer der längeren bei der Challenge. Hat mir gefallen, der Dialog zwingt zu einer Form, die sich trotz der Strecke fließend lesen lässt.

Liebe Grüße
Meuvind

 
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Hey @Chutney ,

schön, mal wieder was von dir zu lesen. Mir ging es mit dem Reinkommen wie L2f und RinaWu, denke ich. Ich mache da auch gleich nochmal Vorschläge. Ich will auch etwas vom Lob bei L2f abkupfern. Ich finde auch, dass du einen ruhigen, zielsicheren Schreibfluss hast, liest sich gut. Erstmal diese Zitate beackern:

Sie wirft mir die Zahl vor die Füße wie einen Fehdehandschuh

gefällt mir

Die Flitterwochen unserer Therapiebeziehung

das auch, obwohl es auch konventionell ist, weil die Metapher sich ja auch ohne viel Hinterfragen am Sprachgebrauch und Konzept Ehe und indirekt auch an traditionellen Rollenbildern etc. bedient, wo sie das nicht müsste. Frau Jensen scheint ja auch in einer traditionellen Hetero-Beziehung zu sein. Wo es schon etwas tiefer in diese Konfliktlinien gerät, hat es für mich eben schnell das Geschmäckle des Traditionellen, was ich bei Texten und auch sonstiger Kunst eher nicht mag. Ja, warum erzähle ich das eigentlich? :D Ich mag die Formulierung ja gerade.

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.

Für mich dürfte es hier mehr Klarheit haben. Begründung: Du merkst, dass das bei vielen, auch erfahrenen Lesenden sich nicht sofort ergibt. Wäre allein nicht so schlimm. Allerdings ist dein Text sprachlich jetzt auch nicht, was ich experimentell oder zumindest unkoventionell nennen würde. Die Sprache ist im Gegenteil sehr klar. Analog muss auch der Inhalt nicht verschachtelter sein als eben nötig, finde ich. Das ist für sich kein schlagendes Argument, aber vielleicht eine Rechtfertigung für etwas, finde ich, offensichtlich Sinnvolles. Nämlich die Klärung. Mein Vorschlag dazu:

Ich weiß nicht, ob ich auf die therapeutische Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.

Den Therapiekontext habe ich nämlich auch erst im dritten Absatz oder so gerafft und das muss, finde ich, hier einfach nicht sein.

pult mit einer Haarnadel oder sowas am Klingelknopf und endlich ist Ruhe. Sie entschuldigt sich lachend. Ihr ist doch wohl klar, dass mich sowas in die Nähe einer Ohnmacht bringt, oder? Ich wanke hinter ihr her.
Als ich mich setze, habe ich alles vergessen, was ich erzählen wollte. Nein, nicht alles.

„Zwölfmal“, sagt Frau Jensen, während ich noch damit beschäftigt bin, die Nadel wieder im Haar zu befestigen. Sie wirft mir die Zahl vor die Füße wie einen Fehdehandschuh, zwölfmal ist es diese Woche passiert.


Diese Wechsel sind das zweite 'Problem', ist ja eigentlich etwas Schönes, erzählerisch was zu wagen. Es ist, finde ich, nämlich immer schwierig aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Beim Roman kann man sich des einfachen Tricks der Titelgebung bedienen. Dann heißt das Kapitel Frau Jensen und das nächste eben Belugi. Hier hast du das nicht, da ist dein einziges Mittel die Abgrenzung über mehr oder hier vor allem weniger subtile Details im Text. Das man hier herausgefordert wird passt – analog zu meiner Beschreibung weiter oben – für mich nicht zur Klarheit des übrigen Textes. Allein der Umstand, dass fast alles Dialog ist ... Eine Form, die ja oft vor allem deswegen gewählt wird, weil sie den Lesenden entgegenkommt; was sie auch tut.

Hatte darüber nachgedacht zwischen den Absätzen Sternchen (*) zu setzen. Aber ob es das wirklich besser macht? Ich finde L2fs Vorschlag hier eigentlich ganz gut. Die Namen gleich öfter erwähnen. Oder einfach noch mehr distinguierende Details am Anfang. Ansonsten könnte ich damit auch leben, wenn ich dann wenigstens durch eine Änderung des ersten Satzes wüsste, dass das ein Therapiekontext ist. Dann wäre es vom Ratespiel-Level für mich in Ordnung :D das ist natürlich subjektiv.

Ich finde es geschickt, wie du die Therapeutin charakterisierst. Und das gleich über den Garten zu Anfang. Ich fühle mit Frau Jensen. Ich denke, Vielen geht es mit so einer Grundskepsis ähnlich, das holt ab. Vor allem aber brichst du dann sehr schön mit der Erwartung. Das ist wirklich toll. Diese Frau Belugi macht ja dann so ziemlich alles richtig (zumindest behauptet und beweist diese Geschichte das – unabhängig davon, dass ich persönlich von der hier geschilderten Therapie-Methode nicht so viel halte).

Super finde ich auch, dass deine Sprache so klar ist und du so viel Dialog schreibst. Hier kommt ein Aber. Es ist mir zu viel. Gerade die sehr langen Absätze hatten runterscroll-Potenzial (nicht böse sein, ich habs nicht getan ...). Es fällt mir schwer, da genau auf einzelne Stellen zu zeigen. Aber der Text kommt mir etwas gedehnt vor für das, was passiert. Ich würde schauen, wo du da noch entschlacken könntest.

Ansonsten gern gelesen :gelb:
Gruß
Carlo

 
Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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Lieber @rainsen,

wie schön, dass wir uns gestern noch per Bildschirm kennengelernt haben. Und herzlichen Dank für deinen tollen Kommentar.

Der Einstieg gefällt mir. Nicht nur der erste Satz, sondern der ganze Absatz. Meine Gedanken gehen Richtung Neurose, ich frage mich, was sie (aus irgendeinem Grund nehme ich an, dass die Prota eine Frau ist) bei der Vorgarten-Frau will, zum Ende hin denke ich: Psychotherapie.
Da hat für dich der Anfang funktioniert und du hast die richtigen Schlüsse gezogen. Schön.
Schön :)
Aha, die Prota selbst ist also die Therapeutin, und die Gedanken am Anfang waren demnach über sich selbst. (falsch, merke ich ein, zwei Absätze später...)
Und da es hier auch noch anderen so ging, habe ich im zweiten Absatz sofort noch einmal die Haarnadel ins Spiel gebracht: „Zwölfmal“, sagt Frau Jensen, während ich noch damit beschäftigt bin, die Nadel wieder im Haar zu befestigen.
Ich hoffe, dass ich damit den Perspektivwechsel klarer mache.
Hier macht mein Kopf "gut gebrauchen können" draus.
Danke, das habe ich übernommen, auch weil es irgendwie gemächlicher klingt und sich mehr von Frau Jensens Art abhebt.
Im 4./5. Absatz habe ich jetzt endgültig verstanden, dass die Ich-Perspektive zwischen den beiden wechselt. Man ahnt schon im 2. Absatz, dass da irgendwas wechselt, aber vielleicht liegt es auch an meinem verschlafenen Kopf... Bin dann nochmal ein wenig zurückgesprungen, um die Dinge in meinem Kopf zu ordnen.
Wie gesagt, das habe ich versucht, deutlicher zu machen. Inzwischen kamen da noch unterschiedliche Rückmeldungen zu. Schon interessant.
ich habe bei der Klientin ein Bild von einer etwas älteren, schroffen Frau, obwohl sie ja offensichtlich Mutter eines kleinen Kindes ist, also vielleicht doch nicht so ganz alt - das mit den Angestellten also nicht, weil sie so alt ist und in Rente, sondern weil sie nicht mehr arbeiten kann?, frage ich mich
Ich hatte den Gedanken, dass sie momentan wegen Maja nicht arbeitet, bzw. stundenweise von zu Hause aus Homeoffice macht, ganz konventionell.
Sie schickt also ihr innerliches schusseliges Mädchen auf den Spielplatz: sehr schön!
Ja, sie nutzt die Methode auch gerne für sich. ;)
Hab ich tatsächlich noch nie gehört - ist das regional?
"Denkste Puppe", kommt mir ziemlich verbreitet vor, eigentlich. Kein besonders neuer Spruch. Hm.
Ein kleiner Sprung zurück: Das gefällt mir sehr gut, du lässt die Leser das Offensichtliche denken (Stichwort Straßenkehrer auf dem Spielplatz von CoK), aber ich finde es gut, dass es nicht das ist...
Ja, ich auch.
Ein sehr schönes Ende - du greifst den übriggeblienen Stein auf, der nicht mehr aufs Schachbrett gepasst hat. Demnach wirkt es auch natürlich mit dem Lapislazuli, und nicht angehängt. Ein kleines Aha-Erlebnis am Ende quasi.
Freut mich, dass es dir gefällt. :D
Hat mir sehr gut gefallen. Schön, wie du unsere aktuelle Situation behandelst in diesem Therapie-Setting, das finde ich sehr kreativ. Ich war auch zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, im Gegenteil, ich war gespannt, was dahinter steckt, war die ganze Zeit gebannt und fand es spannend.
Und das freut mich natürlich besonders, weil sich hier offenbar die Geister scheiden und manche den Mittelteil als zu langatmig empfinden.
Im Grunde hat das dann ja verdammt schnell geklappt mit dem erfolgreichen Ausgang der Therapie - Frau Jensen war ja erst ein oder zwei Wochen da, ich weiß es nicht mehr genau. Aber warum auch nicht, denke ich, muss ja nicht immer endlos sein und zäh sein, so eine Therapie. Jedenfalls ein schönes Erfolgserlebnis für die Belugi!
Das war eine erfolgreiche Stunde, die eine gewisse Entlastung gebracht hat und ich habe mit Frau Jensen eine Frau beschrieben, die viel mit der Methode anfangen konnte. Jedoch wäre es möglich, dass sich an dieses Thema noch mehr anschließen. Der Herr Rosenberger war für sie ja auch deshalb so wichtig, weil zu Hause vieles schwierig war. Und in ihrer Ehe deutet sich auch noch Konfliktstoff an. Ich habe halt versucht jemanden darzustellen, die nicht schwertraumatisiert ist, aber eben dennoch sehr belastet. Insofern würde ich das nicht als letzte Therapiestunde sehen, nach der jetzt plötzlich alles gut ist.
Schöne Geschichte, die Begriffe gut eingebaut (nur beim "bezeugen" ist es mir aufgefallen, vielleicht ein bisschen ähnlich wie bei meiner Geschichte - macht aber nichts!).
Ja, das "bezeugen" klingt künstlich, ist aber tatsächlich ein Begriff aus dem Modell, deshalb war ich ganz entzückt, das einfach übernehmen zu können.

Vielen herzlichen Dank, rainsen, auch für die ganzen Fehler, die du entdeckt hast. Ich habe sie alle korrigiert und wünsche dir noch viel Spaß bei der Challenge.:)


Liebe @Silvita,

herzlichen Dank, dein Kommentar ging ja runter wie das sprichwörtliche Öl. Du bist offenbar genau die richtige Leserin für diese Geschichte.

was für eine schöne Geschichte! Sie hat mich sehr berührt, ich hab immer noch Gänsehaut.
Oh, dankeschön!
Der Einstieg ist sehr gelingen, zieht mich sofort in den Sog und ich muss weiterlesen und weiterlesen.
Also keine Durststrecke in der Mitte offenbar. Das freut mich sehr.
Du wechselst von Absatz zu Absatz die Perspektive. Das ist riskant. Aber du hast das clever konstruiert, indem du z.B. die Namen dicht beieinander nennst oder jeweils mit einem figurenspezifischen Detail endest und beginnst, wie der Haarnadel oder der Erwähnung der Tochter. So wusste ich immer bei wem ich gerade bin. Tiptop.
Bei dir hatte ich schon die Wiedererwähnung der Haarnadel drin und das hat offenbar gereicht, um den Wechsel klar zu machen. Toll, dass es für dich funktioniert.
Liebe Silvita, das war sehr ermutigend. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und mache mich bald auf zu einem Gegenbesuch.

Herzliche Grüße von Chutney


Liebe @wegen,

auch dir ein herzliches Dankeschön für deinen tollen Kommentar und die Gedanken, die du dagelassen hast.

Man soll doch keine Symptome googlen. Und macht es dann doch. Die ab und zu einschlafenden Finger, Verspannung oder doch ein Gehirntumor?
Da fällt mir ein, dass sich noch keine/r beschwert hat, dass ich einfach unsere Welt mehr oder minder in die Zukunft packe. In fünfundzwanzig Jahren, ob wir da noch googeln? Aber ich habe ja auch darauf verzichtet, die Belugi als Hologramm einzusetzen.
Ohje. Die Belugi tut mir leid.
Ja, da ruckelt es anfangs ein wenig. Sie haben es beide nicht leicht.
Jetzt haben sie eine gemeinsame Basis, auf der sie aufbauen können. Schön, wie sich Frau Jensen öffnet. Dass sie sich selbst in dieser Vision als starke, wilde Amazone sieht, könnte ein Sinnbild für den täglich erlebten Druck(selbst- oder fremdauferlegt) sein.
Ja, und auch ein Bild für die positive Kraft, die sie hat.
„Aber da waren sie doch schon in der Schule.“
„Das war 2020, da ging das ja los mit den Coronajahren.
Boah, Chutney. Jetzt wird’s für alle Leser mit Schulkindern wirklich gruselig. Jahre?!
Naja, zwei Jahre wären ja auch schon Jahre, aber ehrlich, es wirkt doch eher so, als bleibt uns das Thema noch erhalten.:sick:
Rückblickend öffnete sich die verschlossene Frau Jensen vielleicht etwas plötzlich so ganz komplett. Ich stell mir vor, dass das in Wirklichkeit mehr Zeit braucht.
Häufig ja, aber es gibt auch tatsächlich so Stunden, wo es sehr schnell sehr tief geht. Für so eine kurze Geschichte war es jetzt erst einmal am einfachsten, so eine Stunde zu konstruieren.
Aber gut, das ist auch keine Roman-Challenge. Deine Geschichte hat mich berührt. Da bleibt auf jeden Fall was hängen, auch für Corona-Gespräche mit den Kids.
Dankeschön, liebe wegen. Eigentlich lasse ich es ja auch ein bisschen offen, ob es wirklich Frau Jensen war, die Herrn Rosenberger angesteckt hat. Es ist halt auch das Schweigen darüber, was sie belastet hat. Und ich bekomme im Moment auch Situationen mit, wo es Ärger gibt, wer wen angesteckt hat, und die Kinder "hängen" dabei, in einer Situation, die schon für die Erwachsenen schwer fassbar ist.
Ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut, wegen.:)

Herzliche Grüße von Chutney

 
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Mahlzeit @Chutney,

also bei mir ist es so: Je chaotischer der Garten, desto heimeliger fühle ich mich. Alles muss wachsen, wie es gerne wachsen würde, alles darf fliegen, graben, bohren und dort ein Zuhause haben. Mit nem Rosenspaliertunnel und Laube unter russischem Wein. So muss das.

Eine sehr spannende Geschichte, sauber hingedrechselt über das Herangraben an das Betrachter-Ich. Von Anfang bis Ende gern gelesen, weil frisch und locker vom Hocker. Hut ab.

Griasle
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Liebe @Chutney

es läuft ja gerade auf Arte eine französische Serie, die episodenhaft Therapiesitzungen schildert. Musste ich sofort dran denken, als ich das Setting kapiert habe.
Gleichzeitig verhandelt der Text Schuld, Coronanachwirkungen und eben, wie man so mit dem Garten umgehen sollte. Trotz der Länge bin ich den Text bis zum Ende aufmerksam gefolgt, weil es eben nicht nur die erste Ebene gab.
Die Geschichte ist ja dystopisch: dass sich in zwanzig Jahren nichts wesentliches geändert hat, bis hin zu der Art Therapie, die du schilderst, auch dass die Seuche einfach verschwindet, auch dass der Klimawandel keine Auswirkungen auf den eigenen Garten hat, wundert mich, mag aber der Struktur des Textes geschuldet sein, der sich doch eher im Hierundjetzt ansiedelt.
Die Dialoge wirken frisch und teilweise witzig, gerade so, dass sie an der Satire vorbeischlittern.

Paar Stellen:

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.
wer ist eigentlich für akkurat gemähte Vorgärtenrasen verantwortlich, Männer oder Frauen? Und welch Geistes Kind ist man, wenn man den Rasen mit der Nagelschere schneidet?
Sie hat eine Art aufzulachen, dass ich zusammenzucke. In den ersten Stunden gab es das ständig, ein Satz, einen Lacher. Sie macht Druck, das verunsichert mich. Wie sie wohl auf ihre Angestellten gewirkt hat? Ich schicke mein kleines schusseliges Mädchen, das Angst hat zu versagen, auf den Spielplatz. Geh schaukeln, sage ich zu ihr. Lass mich das machen.
Die Läuferin. Damit könnte man vielleicht anfangen.
klingt echt manipulativ
„Und wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass Sie dieses Körpergefühl zu einem Bild formen, haben Sie da eine Vorstellung von der Läuferin, vielleicht eine Farbe, eine Figur oder ein Tier?“ Ich male mit den Händen amorphe Formen in die Luft und sie guckt mich zweifelnd an.
kürzlich habe ich vom Fliegen geträumt, wenn ich nur wüsste, ob ich da ein Vogel war?
„Ich finde den gut. Der ist so handfest. Aber er stört auch. Ich würd das schon mal ausprobieren mit dem Mädchen. Vielleicht bringt es ja was.“
„Würden Sie ihm das einmal sagen, dass Sie ihn gut finden, dass Sie seine handfeste Art mögen, das ist doch so?“
„Ja, das stimmt.“
„Sagen Sie ihm das ruhig.“
„Ja. … er nickt.“
„Und vielleicht könnten Sie ihn nun einmal fragen, was er befürchtet, wenn Sie sich mit dem Mädchen beschäftigen?“
ich bin überhaupt nicht therapieaffin, aber immer wenn ich probiert habe, mich mit Therapeuten zu unterhalten, kamen Fragen auf, die ich entweder nicht beantworten konnte oder wollte
„Ich finde sie unheimlich. Das ist so eine Horror-Puppe. Jetzt meldet sich übrigens auch wieder der Skeptiker. Sagt, was für ein Kokolores. Steiger dich nicht rein.“
„Da ist der Skeptiker. Und ein ängstlicher Teil, der eine Horror-Puppe sieht. Beide wollen nicht, dass Sie da länger hingucken, oder?“
Voodoo-Puppe schätze ich
Ich weiß noch, wie sie auf mich zugestürmt ist und die Arme nach mir ausgestreckt hat. Ich bin zurückgeschreckt. Umarmen ging damals gar nicht. Sie hat sich entschuldigt und gerufen, ach, der Herr Rosenberger hat dich immer so gern gehabt. Ich war wie erstarrt und meine Mutter hat sich verabschiedet und mich weitergezogen.“
„Herr Rosenberger hieß er?“
„Ja, jetzt hab ich's wieder. Herr Rosenberger.“
merkwürdig, weiß nicht, ob du den Namen unbewusst oder bewusst setzt, ist aber ein jüdischer Nachname
Ich mache meine Pumucklstimme, fordere und bettele.
„Nu leg ihn mal schön wieder in die Schublade“, sagt er.
„Aber Meister Eder, das ist doch ein Pumucklstein!“
Er lacht. „Nee, nee, aber wer weiß, irgendwann hast du ja Geburtstag.“
sehr süß, die Pumucklstimme!

viele Grüße mit Blick auf den Garten, in dem die Rosenstöcke knospen
Isegrims

 
Seniors
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08.01.2002
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Hallo @Chutney,

ich bin bei deiner Geschichte nicht entschieden, ob ich sie mag oder ob ich sie nicht mag.
Das liegt daran, dass ich mich durch jede Menge Veränderungen im Verlauf des Gesprächs zwischen Therapeutin und Patientin gekämpft habe und am Ende nicht weiß, ob die anfänglichen Fäden überhaupt weiter verfolgt wurden. Ich würde eher sagen, nein, sie wurden nicht weiter verfolgt.
Ich gestehe, dass ich tatsächlich anfangs dachte, du schreibst eine Satire und so habe ich auch die ersten Absätze gelesen und mich durchaus amüsiert und die entsprechenden Zitate rausgesucht gehabt. Die folgen auch noch gleich.

Aber im Laufe des Lesen wurde mir das alles viel zu durchgeknallt. Anfänglich kommt die Patientin ja zur Therapeutin, weil sie öfter über den Tag verteilt Phantasien hat, ihr Kind zu verletzen, nicht wahr?
Aus diesem Ursprung wird dann eine obsessive Läuferin, die dann ein Kind sieht, welches sich an einer Turnstange kopfüber nicht bewegt, es treten weitere Personen, die stören, hinzu und am Ende wird daraus die Patientin selbst, die einen Rollstuhlfahrer-Nachbarn besucht und ihn vermutlich infiziert haben könnte und sich schuldig fühlt.
Und das soll dann den Bogen zu der Befürchtung der Patientin schließen, dass sie glaubt, sie würde irgendwann ihr eigenes Kind verletzen? Mir kommen Zweifel.

Bist du sicher, dass so eine Therapiesitzung abläuft? Ich fand das alles würde sich nach wie vor als Satire eignen, dann aber müsste doch so hie und da etwas gekürzt werden und es mehr auf ein Wortgeplänkel der beiden Figuren hinauslaufen.
Denn anfänglich hatte ich das Gefühl, da sind zwei angetreten, um sich gegenseitig an der Nase herum zu führen. Und die Frage, wer hier wen am Ende übertrumpft, fand ich sehr reizvoll.

Ich bin aber nicht vom Fach, um beurteilen zu können, ob so Sitzungen wirklich auflaufen.
Die, die ich selbst erlebt habe, liefen anders. Aber ich sag es ja, ich bin halt nicht fachlich in der Lage, das beurteilen zu können.

Vielleicht kannst du verstehen, dass mich deine Geschichte somit am Ende dann doch enttäuscht hat, weil ich anderes erwartet hatte.

Ich versuche mal, aufzuzeigen, wie ich es anfänglich gelesen und verstanden habe:

Ich weiß nicht, ob ich auf die Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.
Super guter Einstieg, der mir wegen dieser Wertung richtig gut gefällt, er macht neugierig auf diejenige, die ihren Vorgarten nicht im Griff hat.

„Zwölfmal“, sagt Frau Jensen, während ich noch damit beschäftigt bin, die Nadel wieder im Haar zu befestigen. S
Ich muss gestehen, dass ich hier stockte und nochmals von vorne anfing zu lesen, weil ich zunächst nicht verstand, dass es zwei Personen sind, die hier interagieren und du deren jeweiligen Gedanken darstellst. Diese Verwirrung hat sich aber danach gelegt.
Die Flitterwochen unserer Therapiebeziehung sind vorbei,
Herrlich dieser Vergleich. Und ich denke immer noch, ja das wird jetzt eine Satire, nach dieser Bemerkung.
Ich finde sie anstrengend und das liegt nicht an den Phantasien, die sie quälen, sie könnte ihr Kind verletzen.
Hier wird es auf einmal ernst und ich werde stutzig. Aber dann folgt z.B. dies hier:
„Sagen Sie, haben Sie abgenommen?“, frage ich.
Ha, denke ich, die Patientin gewinnt einen Punkt, vor ihr eine Therapeutin, die nicht weiter weiß und den radikalen fliegenden Themenwechsel anpeilt. Ablenkungsmanöver gelungen, weil bei so einer Frage, reagiert jede Frau normalerweise direkt. :shy:
„Ich jogge ziemlich exzessiv. Ich glaube, das habe ich auch noch. Ich bin laufsüchtig.“
Ja, immer noch Satire. Die Patientin spielt das Spiel, was sie noch alles so anzubieten hat an Fehlern und Macken und trumpft mit ihrer Laufkarte auf. Nach dem Motto: dir zeig ich es, dir Therapeutin, da leg ich noch was drauf, damit du es nicht so einfach hast mit mir. So hab ich es gelesen, wohlgemerkt, bin immer noch im Satiremodus.
Die Läuferin,“ sage ich, „die Läuferin die läuft und läuft, die in einen Rausch kommt, die läuft, bis sie erbrechen muss – wo spüren Sie die im Körper?“
„Ja, in den Beinen logischerweise.“
Zack und noch ein bisschen Erbrechen drauf, weil nur exzessiv laufen ist ja ein bisschen wenig, wenn man seine Gegenspielerin herausfordern möchte.
„Wie eine Amazone.“
Ja, sie hat auch keine Probleme über das Ziel hinaus zu schießen und sich selbstüberschätzend als Amazone zu bezeichnen. Herrlich, hier packt sie noch ein Pfund in Bezug auf den Schwierigkeitsgrad drauf, indem sie noch narzisstische Züge anbietet und man kann mittlerweile die Therapeutin gut verstehen, dass sie sich wünscht, die Patientin würde woanders hingehen, um sich helfen zu lassen.
„Vielleicht mögen Sie ihr das mal sagen, dass Sie sie toll finden?“
Und für mich ist dieser Satz und all diejenigen, wo es immer um die Aufforderung geht, mit der jeweiligen Figur zu reden, der absolute Gegenschlag der Therapeutin. Sie lässt ihre Patientin schön fett auflaufen und fordert sie auf, noch mehr zu spinnen. Ich bin immer noch in der Satireabteilung.
„Das ist total anstrengend.“
Ah, die Therapeutin hat einen Siegpunkt errungen, die Patientin steigt aus ihren Spinnereien aus.
„Auch weg. Irgendwie bin ich raus.“
Genau, sie hat grad keine Muniton mehr, um ihre therapeutische Gegenspielerin an die Wand zu spielen.
„Das war doch schon einmal ein guter Einstieg.
Die macht aber munter weiter mit dem Spiel und motiviert vordergründig. Immer noch Satire.
„Er wird schon wichtig sein, der Nebel. Er hat sich gezeigt. Dafür ist es gut, danke zu sagen.“
Zweiter Siegpunkt der Therapeutin, die Patientin aufzufordern, dem Nebel danke zu sagen. Das ist so ein Punkt, an dem musste ich schwer schmunzeln. Und ich hab mich gefragt, wie weit sie gehen wird. Für mich ist das der Griff in die Esoterikkiste, dem Nebel danke zu sagen und eine satirische Steigerung.
„Der sagt, das ist einfach nutzlos. Spökenkiekerei. Der schimpft so rum.“
Patientin steigt schon wieder aus. Aber in einer Satire erholt sie sich wieder, um zum richtig fetten Gegenschlag auszuholen, hoffe ich nun.
Auf einmal bin ich total ratlos.
Und untermauert das mit ihrer Ratlosigkeit.


Und ab jetzt wird es leider nur noch ernst und schwierig und zäh mit den beiden und ich verliere so langsam, aber sicher das Gefühl für die Satire. So schade.
Ich weiß, du schlägst jetzt bestimmt die Hände über dem Kopf zusammen, dass ich das bis hierhin so interpretiert habe und es tut mir auch Leid, dass ich dir da nichts anderes als Leseerlebnis schildern kann.

Da in den nachfolgenden Absätzen sich die Sache immer weiter weg bewegt, es immer ernster wird und vor allen Dingen immer weniger spritzig, hab ich nicht mehr so viel Freude dran gehabt und dementsprechend würde mein Wunsch, zu kürzen, auch hier ansetzen. Vorher nicht.
Aber der Kürzungswunsch bezieht sich selbstredend auf deine Satire, was diese Geschichte scheinbar nun mal nicht ist.,

Ich hoffe, du kannst trotzdem mit meinem Feedback was anfangen.


Lieben Gruß

lakita

 
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Lieber @Meuvind,

wie schön, dass du auch mitmachst. :) Deinem Eismädchen will ich mich auch noch widmen, aber jetzt bin ich hier schwer im Verzug und muss erst einmal ein paar Kommentare beantworten, während das Haus wackelt, weil es draußen so stürmt.

Du schreibst sehr, sehr viel Dialog. Finde ich super, mache ich selbst gerne. Ich finde aber, dass du dabei mit den Absätzen ein wenig durcheinander kommst. Ich erläutere es weiter unten. Mein (inhaltlicher und einziger) Hauptkritikpunkt ist, dass ich zu lange brauche, um zuzuordnen, wer wer ist. Das geht gar nicht um die Namen, sondern eher um die Absätze. Manchmal wird nicht deutlich, wer in welcher Rolle gerade spricht. Zwischendurch wechseln immer wieder die Perspektiven, oder?

Ich glaube, so etwas habe ich auch noch nicht oft gemacht und es hat mir geholfen, den protokollartigen Gesprächsteil aufzulockern.
Eigentlich ist es ja recht klar strukturiert, nach jedem Absatz folgt ein Wechsel und zusätzlich gebe ich jedes Mal in den ersten beiden Zeilen noch einen Hinweis. Nur zwischen den beiden Erinnerungen von Frau Jensen und dem Text dazwischen, der auch zu ihrer Perspektive gehört, waren bisher ebenfalls Absätze. Die habe ich jetzt probehalber auch einmal weggelassen und den Satz danach ein bisschen verändert.
Ich hüpfe wieder ein bisschen. „Hier stinkt's!“, rufe ich. Er lacht. „Na, dann mach mal das Fenster auf Kipp.“
„Was passiert gerade?“ Die Belugi legt den Kopf auf die Seite, eine Haarnadel hängt halb aus den Locken. Ich versuche, nicht dahin zu starren, überlege.
Hoffentlich ist es so noch klarer. Vielleicht ist es ein Text, den man lieber mit zwei Sprecherinnen vorlesen sollte.

Das sind alle Stellen, wo ich das Gefühl hatte, dass die Umbrüche nicht nötig sind. Meist spricht die Person direkt weiter.
So und jetzt habe ich endlich geblickt, was du mit den Zeilenumbrüchen meinst.:idee: Da stand ich ja völlig auf der Leitung. Vielen, vielen Dank für die ganze Arbeit, die du dir gemacht hast. Ich habe das verändert, bin den Text auch nochmal durchgegangen und habe noch ein paar mehr überflüssige und verwirrende Zeilenwechsel entdeckt. Ich glaube, jetzt ist es doch deutlich lesbarer, du hast recht!

Ich danke dir sehr für deine Hilfe, Meuvind, das muss ich mir wirklich für die Zukunft merken, zumal ich gerade den Verdacht habe, dass das schonmal Thema war.
bis bald und herzliche Grüße,
Chutney


Lieber @Carlo Zwei ,

Die Flitterwochen unserer Therapiebeziehung
das auch, obwohl es auch konventionell ist, weil die Metapher sich ja auch ohne viel Hinterfragen am Sprachgebrauch und Konzept Ehe und indirekt auch an traditionellen Rollenbildern etc. bedient, wo sie das nicht müsste.
Immerhin gibt es ja jetzt schon die Homo-Ehe. Aber, hast schon recht, sowas sollte man immer hinterfragen. Der Ausdruck stammt von einem alten Analytiker, und der hat "Honeymoon" gesagt. Ich wollte hier elegant den Stand der Therapiebeziehung bezeichnen und immerhin taucht hier schon zu Beginn des zweiten Abschnitts das Wort "Therapie" auf.
Ich weiß nicht, ob ich auf die therapeutische Kompetenz einer Frau vertrauen kann, deren Vorgarten in so einem Zustand ist.

Den Therapiekontext habe ich nämlich auch erst im dritten Absatz oder so gerafft und das muss, finde ich, hier einfach nicht sein.

Danke für den Vorschlag, aber das finde, einen Abschnitt lang darf man doch im Unklaren sein, worum es geht.
Diese Wechsel sind das zweite 'Problem', ist ja eigentlich etwas Schönes, erzählerisch was zu wagen. Es ist, finde ich, nämlich immer schwierig aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Beim Roman kann man sich des einfachen Tricks der Titelgebung bedienen. Dann heißt das Kapitel Frau Jensen und das nächste eben Belugi. Hier hast du das nicht, da ist dein einziges Mittel die Abgrenzung über mehr oder hier vor allem weniger subtile Details im Text. Das man hier herausgefordert wird passt – analog zu meiner Beschreibung weiter oben – für mich nicht zur Klarheit des übrigen Textes. Allein der Umstand, dass fast alles Dialog ist ... Eine Form, die ja oft vor allem deswegen gewählt wird, weil sie den Lesenden entgegenkommt; was sie auch tut.
Ich habe noch eine Stelle verändert und dadurch wechselt die Perspektive jetzt wirklich gnadenlos nach jedem Absatz. Mir liegt wirklich nicht daran, das schwerer verständlich zu machen, als nötig.
Hatte darüber nachgedacht zwischen den Absätzen Sternchen (*) zu setzen. Aber ob es das wirklich besser macht? Ich finde L2fs Vorschlag hier eigentlich ganz gut. Die Namen gleich öfter erwähnen. Oder einfach noch mehr distinguierende Details am Anfang. Ansonsten könnte ich damit auch leben, wenn ich dann wenigstens durch eine Änderung des ersten Satzes wüsste, dass das ein Therapiekontext ist. Dann wäre es vom Ratespiel-Level für mich in Ordnung :D das ist natürlich subjektiv.
Sternchen finde ich nicht so schön. Und ich bilde mir ein, dass es inzwischen wirklich zu Beginn jeden Absatzes ein distinguierendes Detail gibt.
Ich finde es geschickt, wie du die Therapeutin charakterisierst. Und das gleich über den Garten zu Anfang. Ich fühle mit Frau Jensen. Ich denke, Vielen geht es mit so einer Grundskepsis ähnlich, das holt ab.
Oh, wie schön, dass du hier auf Frau Jensens Seite bist. Da bist du der Erste und ich dachte schon, das ist zu sehr Holzhammer, ihre etwas zwanghafte Art anzudeuten. Natürlich bildet man sich ja ein Urteil über die Umgebung. Und es gibt diesen Hinweis, dass Frau Belugi eher etwas nachlässig ist, vielleicht ihr Leben auch nicht so ganz im Griff hat. Die einen entspannt das, die anderen lässt es zweifeln.
Super finde ich auch, dass deine Sprache so klar ist und du so viel Dialog schreibst. Hier kommt ein Aber. Es ist mir zu viel. Gerade die sehr langen Absätze hatten runterscroll-Potenzial (nicht böse sein, ich habs nicht getan ...). Es fällt mir schwer, da genau auf einzelne Stellen zu zeigen. Aber der Text kommt mir etwas gedehnt vor für das, was passiert. Ich würde schauen, wo du da noch entschlacken könntest.
Mein Problem war hier, dass ich gleichzeitig einen Prozess zeigen wollte, wie ich ihn schon oft erlebt habe, ohne die Leser an Punkten zu verlieren, wo es durchaus auch recht zähe Phasen geben kann. Und die gehören natürlich auch dazu. Das Ergebnis ist für mich gerade noch glaubhaft, gehört aber eindeutig zu den zügigeren Prozessen. Eigentlich hätte ich auch noch alle zwei Sätze. "Langes Schweigen" schreiben müssen. Also inhaltlich ist es einfach schwierig, da noch Abstriche zu machen. (Und ich finde es ganz lieb von dir, dass du nicht runtergescrollt hast.;))

Lieber Carlo, ich danke dir sehr, da waren wichtige Punkte für mich dabei.

Herzliche Grüße von Chutney


Lieber @Morphin,

auch dir herzlichen Dank, dafür, dass du deinen Eindruck dagelassen hast.

also bei mir ist es so: Je chaotischer der Garten, desto heimeliger fühle ich mich. Alles muss wachsen, wie es gerne wachsen würde, alles darf fliegen, graben, bohren und dort ein Zuhause haben. Mit nem Rosenspaliertunnel und Laube unter russischem Wein. So muss das.
Ich bin gartenmäßig im Frühjahr Frau Jensen, grabe, säe und pflanze Blumen und Gemüse und wandele mich dann im Laufe des Jahres zu Frau Belugi. Rosen haben wir auch. Mit Ackerwinde.
Eine sehr spannende Geschichte, sauber hingedrechselt über das Herangraben an das Betrachter-Ich. Von Anfang bis Ende gern gelesen, weil frisch und locker vom Hocker. Hut ab.
Vielen Dank, lieber Morphin! Das freut mich sehr.

Herzliche Grüße von Chutney:)

 
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Lieber @Isegrims,

wie schön, dich unter meiner Geschichte zu sehen. Und interessant, welche Gedanken dir dazu kommen.

es läuft ja gerade auf Arte eine französische Serie, die episodenhaft Therapiesitzungen schildert. Musste ich sofort dran denken, als ich das Setting kapiert habe.
Ja, "In Therapie". Da geht es um einen Analytiker. Sehr spannend, die Kombination von Klienten zur Zeit des Bataclan-Anschlags und die Abgründe des Therapeuten. Ich habe bisher die ersten paar Folgen gesehen.
Gleichzeitig verhandelt der Text Schuld, Coronanachwirkungen und eben, wie man so mit dem Garten umgehen sollte. Trotz der Länge bin ich den Text bis zum Ende aufmerksam gefolgt, weil es eben nicht nur die erste Ebene gab.
Das freut mich.
Die Geschichte ist ja dystopisch: dass sich in zwanzig Jahren nichts wesentliches geändert hat, bis hin zu der Art Therapie, die du schilderst, auch dass die Seuche einfach verschwindet, auch dass der Klimawandel keine Auswirkungen auf den eigenen Garten hat, wundert mich, mag aber der Struktur des Textes geschuldet sein, der sich doch eher im Hierundjetzt ansiedelt.
Ja, in der Beziehung hätte ich vielleicht auch "seltsam" taggen können. Sci-Fi ist überhaupt nicht meins und ich habe gedacht, ich fange gar nicht erst an, mir irgendwelche technischen Zukunftssachen auszudenken, das nimmt mir keiner ab. Über das Klima wird ja im Text nicht soviel gesagt. Ich habe kurz überlegt durch das Fenster einen Olivenbaum zu zeigen, oder so etwas, aber das wäre auch so halb gewesen. Und es wird vielleicht auch in fünfundzwanzig Jahren noch Leute geben, die auf dem Land vor sich hinleben und Garten haben.
Die Dialoge wirken frisch und teilweise witzig, gerade so, dass sie an der Satire vorbeischlittern.
@lakita ist da ja noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Lesart. Aber auch für dich ist es nah dran. Ich versuche halt, dass Ganze auch ein bisschen spritzig zu gestalten. Ein gewisses Augenzwinkern darf da schon mal sein, aber ansonsten meine ich den Text ernst.
wer ist eigentlich für akkurat gemähte Vorgärtenrasen verantwortlich, Männer oder Frauen? Und welch Geistes Kind ist man, wenn man den Rasen mit der Nagelschere schneidet?
Dieser Vorgarten beschäftigt wirklich viele Kommentatoren.
Sie hat eine Art aufzulachen, dass ich zusammenzucke. In den ersten Stunden gab es das ständig, ein Satz, einen Lacher. Sie macht Druck, das verunsichert mich. Wie sie wohl auf ihre Angestellten gewirkt hat? Ich schicke mein kleines schusseliges Mädchen, das Angst hat zu versagen, auf den Spielplatz. Geh schaukeln, sage ich zu ihr. Lass mich das machen.
Die Läuferin. Damit könnte man vielleicht anfangen.
klingt echt manipulativ
Was meinst du hier speziell? Die Art der Therapeutin mit sich selbst umzugehen, oder den letzten Satz?
kürzlich habe ich vom Fliegen geträumt, wenn ich nur wüsste, ob ich da ein Vogel war?
Wenn du geleuchtet hast, warst du vielleicht ein Glühwürmchen.:D
ich bin überhaupt nicht therapieaffin, aber immer wenn ich probiert habe, mich mit Therapeuten zu unterhalten, kamen Fragen auf, die ich entweder nicht beantworten konnte oder wollte
Wirklich "aber"? Warum nicht "denn"?
merkwürdig, weiß nicht, ob du den Namen unbewusst oder bewusst setzt, ist aber ein jüdischer Nachname
Mit der Figur in meiner Geschichte hat der "echte" Herr Rosenberger eigentlich nur den Namen gemeinsam, aber ich habe überlegt, ob es so eine freundliche großväterliche Figur in meinem Leben gab.
Herr Dr. Rosenberger hatte ein großes Kakteenhaus im Garten, welches mein Vater verglast hat. (Wir hatten einen Handwerksbetrieb) Bei der Gelegenheit hat mein Vater ihm erzählt, dass ich, (damals so zwölf), mich schwer für Kakteen begeisterte. Also wurde ich eingeladen und habe ihn mehrfach besucht, für eine jeweils ausführliche Besichtigung. Ich hab das sehr genossen, zumal ich jedesmal einen kleinen Karton mit Kakteen mitbekommen habe.
Dass der Name jüdisch ist, war mir damals nicht bewusst. Da steckt ja auch schon wieder eine Geschichte drin.
sehr süß, die Pumucklstimme!
:)
viele Grüße mit Blick auf den Garten, in dem die Rosenstöcke knospen
Dann grüße mir die Rosen und herzlichen Dank für deinen Kommentar, Isegrims!

Liebe Grüße von Chutney

Liebe @lakita,

Ich gestehe, dass ich tatsächlich anfangs dachte, du schreibst eine Satire und so habe ich auch die ersten Absätze gelesen und mich durchaus amüsiert und die entsprechenden Zitate rausgesucht gehabt. Die folgen auch noch gleich.
Na, da hast du ja eine interessante Perspektive ins Spiel gebracht. Tatsächlich war es nicht als Satire gedacht. Und schon gar nicht als Machtkampf. Aber das hast du ja dann auch festgestellt. Ich frage mich, ob deine Lesart vielleicht auch damit zu tun hat, dass du Juristin bist, während ich mich doch eher in einem Umfeld von Sozialberufen bewege. Aber das ist reine Spekulation und du leitest deine Interpretation ja eindeutig aus den entsprechenden Zitaten her. Ich glaube, jegliche Therapiemethode eignet sich prinzipiell dazu, daraus eine Satire zu machen. Das, was dich auf diesen Weg gebracht hat, war vielleicht mein Wunsch, den Einstieg spritzig zu gestalten und beide Frauen mit ihren jeweiligen Macken zu zeigen. Es läuft anfangs nicht glatt, da ist auch viel Unsicherheit im Spiel.
Aber im Laufe des Lesen wurde mir das alles viel zu durchgeknallt. Anfänglich kommt die Patientin ja zur Therapeutin, weil sie öfter über den Tag verteilt Phantasien hat, ihr Kind zu verletzen, nicht wahr?
Aus diesem Ursprung wird dann eine obsessive Läuferin, die dann ein Kind sieht, welches sich an einer Turnstange kopfüber nicht bewegt, es treten weitere Personen, die stören, hinzu und am Ende wird daraus die Patientin selbst, die einen Rollstuhlfahrer-Nachbarn besucht und ihn vermutlich infiziert haben könnte und sich schuldig fühlt.
Und das soll dann den Bogen zu der Befürchtung der Patientin schließen, dass sie glaubt, sie würde irgendwann ihr eigenes Kind verletzen? Mir kommen Zweifel.
Letztlich will ich einen Ausschnitt aus einem Therapieverlauf zeigen, den ich für glaubhaft halte. Und da wird nicht innerhalb von einer Stunde alles logisch hergeleitet. Eher geht es darum, zu verstehen, wo es Belastungen gibt und einen Zugang dazu zu bekommen, auf eine Weise, die zu mehr Selbstfürsorge führt. Welche alte Geschichte da auftaucht, das entscheidet letztlich die Patientin so halbbewusst. Hier, in der Geschichte, findet auch etwas Entlastendes statt, weil ihre Ängste und ihre Trauer einen Raum bekommen, wo damals ein Tabu war.
Natürlich könnte es sein, dass es einen Bezug gibt, möglicherweise weckt bei Frau Jensen die Liebe zu ihrem Kind ein altes Entsetzen, jemandem, den sie liebt, ungewollt zu schaden. Aber es ist immer ein Gesamtpaket und selten ist es ein einziges Trauma, welches zu einem bestimmten Symptom führt.
Bist du sicher, dass so eine Therapiesitzung abläuft? Ich fand das alles würde sich nach wie vor als Satire eignen, dann aber müsste doch so hie und da etwas gekürzt werden und es mehr auf ein Wortgeplänkel der beiden Figuren hinauslaufen.
Denn anfänglich hatte ich das Gefühl, da sind zwei angetreten, um sich gegenseitig an der Nase herum zu führen. Und die Frage, wer hier wen am Ende übertrumpft, fand ich sehr reizvoll.
Ich bin aber nicht vom Fach, um beurteilen zu können, ob so Sitzungen wirklich auflaufen.
Die, die ich selbst erlebt habe, liefen anders. Aber ich sag es ja, ich bin halt nicht fachlich in der Lage, das beurteilen zu können.
Ja, ich bin sicher, dass eine Therapiesitzung mit dieser Methode durchaus so ablaufen kann. Ich war schon bei so vielen dabei, als Klientin, als Therapeutin, als Beisitzerin. Und ich kenne einige, auch approbierte TherapeutInnen, die dieses imaginative Verfahren nutzen. Aber es gibt viele andere Therapieverfahren. Man muss halt das finden, was zu einem passt, als Therapeutin und als Klientin.
Vielleicht kannst du verstehen, dass mich deine Geschichte somit am Ende dann doch enttäuscht hat, weil ich anderes erwartet hatte.
Ja, das kann ich gut verstehen.
Und ab jetzt wird es leider nur noch ernst und schwierig und zäh mit den beiden und ich verliere so langsam, aber sicher das Gefühl für die Satire. So schade.
Ich weiß, du schlägst jetzt bestimmt die Hände über dem Kopf zusammen, dass ich das bis hierhin so interpretiert habe und es tut mir auch Leid, dass ich dir da nichts anderes als Leseerlebnis schildern kann.
Das Gute am Forum ist ja, dass man gerade Rückmeldungen aus so unterschiedlichen Lebenswelten bekommt. Und ehrlich, ich kann schon auch nachvollziehen, dass dir das Ganze durchgeknallt vorkommt. (Trotzdem habe ich natürlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.:D)
Da in den nachfolgenden Absätzen sich die Sache immer weiter weg bewegt, es immer ernster wird und vor allen Dingen immer weniger spritzig, hab ich nicht mehr so viel Freude dran gehabt und dementsprechend würde mein Wunsch, zu kürzen, auch hier ansetzen. Vorher nicht.
Aber der Kürzungswunsch bezieht sich selbstredend auf deine Satire, was diese Geschichte scheinbar nun mal nicht ist.,
Ein bisschen komme ich mir vor, wie diese Leute, die ungewollt komisch sind. Man denkt, man sagt was ganz Normales und alle liegen auf dem Boden vor Lachen. Vielleicht sollte ich mich davon inspirieren lassen und mal wieder was Lustiges schreiben. ;)

Vielen herzlichen Dank, Lakita und liebe Grüße von Chutney

 

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