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Kukuckskind remake

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20.02.2021
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Kukuckskind remake

Der Waffenladen war der erste Zwischenstopp. Als Tango dem Kassierer sagte, welche Munition er benötigt, wirkte alles entspannt. Er überreichte seinen Ausweis und den Waffenschein. Zusätzlich schob er eine Plastikkarte mit seinem Bild über die Theke. Der Verkäufer erkannte sie sofort an und tippte etwas in den Computer ein.

„Ihre Identitätskarte hätte gereicht.“

Tango erhielt seine Dokumente zurück und bewunderte den sauberen Fußboden. Das Licht reflektierte, weil er gut geputzt war.

„Warum benutzen Sie eine alte Beretta?“, fragte der Verkäufer.

Tango schaute hoch.

„Hm?“

„Wieso nichts moderneres?“

Schulterzuckend legte Tango die Dokumente in die Jackentasche.

„Sie würden sogar einsparen, wegen dem Rabatt. Es ist nicht leicht, Kugeln für ein Auslaufmodell zu bekommen.“

Der Mann gab ihm Zeit zum Überlegen. Von der Seite zog er einen Katalog hervor und schlug die Seite mit einem Glock-Modell aus dem Vorjahr auf, das in Kaliber und Lauflänge Ähnlichkeit hatte.

„Mit Ihrer Schusserfahrung würden Sie sicher viel Spaß mit diesem Ding haben. Im Magazin ist genug Platz für 20 Kugeln. Günstigere Munition, einfach aus dem Internet bestellbar, geringes Gewicht!“

Tango schüttelte den Kopf.

„Kein Zwang, ich nahm nur an, dass jemand vom Militär vielleicht...“

„Ich bin nicht mehr beim Militär“, unterbrach Tango.

Der Kassierer beobachtete aufmerksam, wie Tango erneut die Identitätskarte aus der Jackentasche holte. Sie landete direkt vor seinem Gesicht. Tango hielt sie hoch und zeigte auf das Veteranensymbol. Als der Verkäufer etwas eingeschüchtert lächelte, verschwand die Karte wieder in der Jacke und es ging weiter mit dem Datenabgleich.

„Ich entschuldige mich. Wenn ich unter Zeitdruck stehe, zeige ich mich nicht immer von meiner besten Seite.“

„Aber bitte, ich stehe auch manchmal unter Strom. Ein Jammer, dass Sie an der alten Technik festhalten! Diese Beretta ist ein schönes Ding, aber wir haben vieles mit mehr Vorzügen.“

„Ich hoffe, die Waffe nicht gebrauchen zu müssen“, sagte Tango, während er den Pin seiner Bankkarte eingab.

„Ich hoffe ebenso“, erwiderte der Verkäufer mit einem gefälligem Nicken.

„Wenn alles klappt...“

Tango steckte die Bankkarte in die Geldbörse. Der Verkäufer schaute ihn lange an. Eine leichte Zornesfalte bildete sich und die Neugier quellte über.

„Kommt immer auf das an, was Sie vorhaben. Was ist der Plan?“

„Gar nichts“, antwortete Tango schnell.

Die Munitionsschachtel landete in einer weiteren Innentasche der Jacke. Ein blauer Stoffbeutel, den Tango um sein Handgelenk trug, prallte gegen die Theke. Es klonkte für einen Moment. Der Verkäufer tippte mit dem Finger mehrmals auf den Tisch, unfähig, mit ihm Blickkontakt herzustellen.

„Wenn ich mich einmischen dürfte, Herr Beck?“, begann der Verkäufer und wartete einen Augenblick, bis Tango ihm in die Augen schaute, „Eine Waffe holt man sich nicht, um sie zu benutzen. Einmal an, gibt es kein Zurück.“

Tango schüttlte sachte den Kopf.

„Ich will Sie nicht aufhalten. Die Waffe stammt übrigens von meinem Großvater“, sagte er und lief zum Ausgang.

„Dann lassen Sie sich nichts zu Schulden kommen! Einen schönen Tag!“, rief ihm der Kassierer hinterher.

„Ich doch niemals! Hab das Ding nicht einmal ausprobiert.“

Durch die Ladentür flog Tango aus und durchstreifte eine hochbeschäftigte Straße. Die Menschen waren meist mit sich selbst beschäftigt. Selten schaute ihn jemand an. Das gefiel ihm heute sehr. Niemand sollte erfahren, dass im Beutel eine Pistole war und er gerade Munition geholt hat. Sein Weg führte ihn zu einer großen Kreuzung mit Sicht auf ein Gelände, das vom Militär bewacht wurde. Von weitem sah er zu, wie die Fahne am Mast wehte. Er schaute auf die Uhr, 14:30. Hinter ihm war ein Restaurant, in dem er sich häufiger aufhielt. Die Kellnerin grüßte ihn herzlich. Sie erlaubte ihm, die Toilette zu aufzusuchen. Das Herrenklo war ein abschließbares Zimmer. Hier konnte er in Ruhe die Waffe laden. Es ist lange her, dass Tango Kugeln in der Hand hatte. Das Klicken der Waffe bereitete ihm etwas Unruhe. Er atmete tief ein und schaute nach, ob sie noch gesichert war. Alles in Ordnung! Hätte er es früher erfahren, wäre es nie soweit gekommen, dachte Tango. 14:34 Uhr. Der Geruch war nicht so angenehm. Es lag unbenutztes Toilettenpapier herum. Doch Tango überlegte, ob er nicht länger in der Toilette warten sollte. Er setzte sich auf den Klodeckel und strich kurz über die Pistole.

Gut, erfahren hatte er es nach dem Koma. Über Wochen war sein Verstand aus. Schonend brachte man ihm bei, dass seine Mutter, immerhin über achtzigjährig, als erste davon erfuhr. Wie überladen mit Energie rief sie seinen besten Freund Frank an. Sie meinte, dass draußen ein junger Startup-Unternehmer herumläuft, der aussieht wie Tango. Frank musste es mit seinen eigenen Augen prüfen. Er fuhr zu ihr nach Hause und setzte sich neben sie. Sie holte einen Artikel hervor und zeigte ihm das Foto. Dann der Name! Frank begann, ihre Aufregung zu teilen. Ihr Sohn war nachgewiesen unfruchtbar. Sie übergaben dem Klinikarzt alles, was sie zum jungen Mann herausfinden konnten. Er war auf einigen Messen unterwegs. Der Arzt ließ über das Kollegium Nachforschungen anstellen und allmählich verließ die Nachricht die Räumlichkeiten der Komastation.

Erwachsener Klon lebt unter uns – Wer ist David Beck?“ „Beweise für einen geklonten Mensch – Die Regierung schweigt!“ „Wie verhält sich der erste erwachsene Klon der Welt?“

Nachdem Tango aus dem Koma erwachte, waren seine Mutter und Frank ständig an seiner Seite. Doch als der Arzt eines Tages sich einen Stuhl schnappte, stand seine Mutter augenblicklich auf und verließ das Zimmer.

„Ich schaffe es nicht“, sagte sie auf dem Weg nach draußen und brach in Tränen aus.

Frank entschied sich, zu bleiben. Mittlerweile fand Tango, dass der Arzt und sein Kumpel einen guten Job gemacht haben, die richtigen Worte zu finden.

„Sie haben in Ihrer Militärzeit an einem Projekt teilgenommen. Ist Ihnen bekannt, dass Ihre DNA-Spende transferiert wurde?“, fragte der Arzt.

Tango schaute in verschiedene Ecken des Raumes und schließlich wieder zum Arzt.

„Falls Ihre Antwort negativ sein sollte, hat Ihre Mutter entschieden, das Sie es unter ärztlicher Beobachtung erfahren, um einen möglichen Schock zu behandeln. Denn nach dem langen Koma mussten Sie einiges wieder aufholen.“

Dann war es an Frank, ihm die Fotos und Videos zu zeigen. Zum ersten Mal sah Tango den jungen Mann mit der gleichen länglichen Nase wie er sie hatte, mit dem breiten frechen Mund und den haselnussbraunen Augen. Der Klon schien eine schlankere Konstitution zu besitzen. Lockiger wirkten die Haare und sie waren noch braun.

„David Beck?“, fragte Tango mit brüchiger Stimme.

In einem Nachrichtenvideo hieß es, dass David der Klon eines unbekannten Mannes sei. Bleich wurde Tango und pausierte das Video.

„Jetzt ist es raus“, sagte der Arzt.

„Du musst doch einen Brief oder irgendwas bekommen haben?“, fragte Frank.

„Nein“, erwiderte Tango.

„Hätten Sie damit gerechnet?“, fragte der Arzt.

„Wir waren im Pilotprojekt. Ehrlich gesagt habe ich nicht einmal das Kleingedruckte aufmerksam gelesen. Keiner rechnete damit, dass es weitergeht. Es hieß, man lässt sie in verschiedenen Stadien absterben. Das wars.“

Das Sprechen strengte ihn an. Der Arzt empfahl ihm, mit niemandem zu reden. Auch Frank und seine Mutter sollten schweigen. Schließlich wollte jeder wissen, wer der Stammvater war.

„Dass ich so etwas noch erleben darf! Wir haben immer davon geträumt und dann bist du und er… also, Wahnsinn!“, freute sich Frank, bis er die traurigen Augen seines Freundes sah.

„Ich muss ihn sehen“, entschied Tango.

Der Wunsch half ihm durch die Rehabilitationsphase. Tango lernte, wieder richtig zu sprechen, zu laufen und kehrte in sein altes Leben zurück. Über die Jahre wurde er immer gefragt, ob er den Staat nicht verklagen wolle. Man hatte sein Erbgut für dieses Experiment genutzt und dem Jungen denselben Nachnamen gegeben, ohne zu fragen. Tango malte sich die Chancen schlecht aus. Mehrere Hypothesen entwickelte er über den Grund, warum David überhaupt entdeckt werden konnte. Entweder es handelte sich um einen Fehler im System und das Militär verlor dank der Medien die Kontrolle. Das bedeutete möglicherweise mehr erwachsene Klone. Die Vorstellung beunruhigte ihn, denn es gehörte zur Militärdevise, Fehler zu beseitigen. Oder es war Davids eigener Wunsch, gefunden zu werden. Dies hätte erklärt, warum er in derselben Stadt wohnte. Überprüfen wollte Tango diese Hypothese, als sich die Chance bot, ihn in einer Galerie zu treffen. Sie teilten ein Interesse, die Fotografie. Es wurde bekannt, dass David eine Auszeichnung erhalten werde. Tango schnappte sich Frank und fuhr hin. Intuitiv ordnete er das Foto aus all den Beiträgen korrekt zu. Es kam ihm vor als hätte er es selbst geschossen. Ganz nah kam er an ihn heran, wurde aber von einer Soldatin in Ausgehuniform gebeten, David in Ruhe zu lassen.

„Er hat gerade viel zu tun. Keine Interviews!“

Wut schäumte in Tango auf. In jenem Moment verstand er es noch nicht: Die Soldatin verkörperte alles, was in den 22 Jahren schief gelaufen war. Natürlich richtete sich der Hass auf die Militärangehörigen. Mit Aggressionen konnte Tango besser umgehen als seinem Klon in die Augen zu schauen. Zwei Behauptungen stellte er auf. Erstens, er wolle für das Foto ein Angebot machen. Zweitens, er wolle David wenigstens gratulieren. Die Soldatin versuchte zu vermitteln. Es war David, der in dem alten Mann seinen DNA-Spender wiedererkannte und den Kontakt ablehnte.

„Ich möchte auch in Zukunft nicht mit dir sprechen. Bitte geh!“

Noch heute schnitten Davids Worte ins Seelenfleisch. Sein Blick war schwer zu deuten. Er wirkte angeekelt und doch schwer einzuordnen. Kurz darauf trafen mehr Soldaten in Ausgehuniform ein. Frank legte die Hand auf die Schulter seines Freundes.

„Ich möchte keinen Ärger, komm!“

Tango starrte David hinterher, wie dieser in Begleitung der Soldatin die Flucht ergriff. Vor ihm? Ein anderer Soldat sprach ihn an und fragte, ob er sich ausweisen könne.

„Dazu bin ich nicht verpflichtet, Herr Oberfeldwebel! Ich ziehe mich zurück“, erwiderte er zur Überraschung des Soldaten.

Seine zweite Hypothese war folglich falsch. Dies war der einzige Tag, an dem Tango mit David in Kontakt treten konnte. Er musste die Verhältnisse akzeptieren. Vor 22 Jahren erschuf man ein Kind aus seinem Erbgut. In all der Zeit wuchs der Junge in Obhut des Staates auf und erfuhr vermutlich durch die Presse von seiner Besonderheit. Auf einen Schlag wusste er, dass seine leiblichen Eltern ihn niemals sehen wollten. Manchmal wünschte Tango sich, niemals aus dem Koma erwacht worden zu sein. In seinen Fantasien kroch er auf den Knien und flehte David an, ihm zu verzeihen. Sein Groll auf den Staat wuchs exponentiell. Zeitweise bezahlte er die Mahlzeiten irgendwelcher studierender Anarchisten, ohne sie großartig zu kennen. Bei den Friedensdemos marschierte er mit Gesichtsmaske weit vorne mit.

„Wenn er mich nicht sehen will, kann ich nichts tun. Er hat sein eigenes Leben, verdonnert zu leben. Umbringen darf er sich nicht. Dafür war er bestimmt zu teuer“, sagte Tango.

„Du könntest vielleicht einen Brief schreiben. Er hat viele Verehrer“, schlug Frank vor.

„Bestimmt landen die im Offizierszimmer im Schredder.“

So vergingen einige ruhige Jahre. David trug eines Tages immerzu ein Baby auf dem Arm. So etwas erfuhr Tango zwischendurch, weil ihn die Presse ausfindig machte und mit Informationen ködern wollte. Tango freute sich heimlich für Davids Vaterglück und wünschte ihm alles Gute. Sie lebten weiterhin in Abstand zueinander. Das Kind, das heranwuchs, machte einen sehr gepflegten Eindruck. Das Gerücht ging um, dass sein Name Romeo sei, jedoch nicht Beck. Auch Davids Nachname sei nun anders. Wie er lautete, wusste niemand. Es interessierte ihn schon, was mit den beiden ist, doch Tango sagte stets, sich nicht einmischen zu wollen. Sich mit etwas anderen zu beschäftigen, helfe mehr, fand er. Vor einem halben Jahr änderte er seine Meinung. Im Postfach landete ein Brief ohne Absender. Darin stand, dass Romeo ein weiterer Klon sei. David wollte aus unbekannten Gründen einen eigenen haben. Dies sei ihm mit Romeo geglückt. Das Militär habe dabei geholfen und die beiden auf dem Anwesen einer Stiftung angesiedelt. Die Adresse stand im Brief. Tango glaubte nicht, dass es ein Scherz sein könnte. Jedes Wort wirkte auf ihn authentisch. In seiner Nervosität fuhr er sofort zu seiner Mutter und suchte bei ihr Rat. Sie war nun fast 90 Jahre alt und hatte Schwierigkeiten, den Kopf zu heben. Doch die Freude über Romeo gab ihr vorübergehend mehr Kraft.

„Das Kind gehört zur Familie. Du musst mit ihnen sprechen. Lad sie ein! Vielleicht kann ich mitkommen“, sagte sie.

Zweifel hatte Tango. Noch immer war David in Begleitung des Militärs. Das würde ihn niemals in seine Nähe lassen. Er recherchierte zu der genannten Stiftung. Nach eigenen Aussagen sah sich die Stiftung als unabhängiger Lernort, die die Führungskräfte von morgen ausbildete. Sie existiere dank Spenden, habe weder vom Militär noch von der Regierung eine Förderung erhalten. Das Portfolio war jedoch pro Militär. Tango entwickelte eine dritte Hypothese. Was ist, wenn David entdeckt werden sollte, um ihm einen Stresstest auszusetzen? Tango war selbst in einer Spezialeinheit gewesen und durchlief einen der Stresstests. In der normalen Ausbildung hackte man auf den Rekruten herum. Die richtigen Psychospielchen begannen aber in den Spezialeinheiten, wenn die Familie mit hineingezogen wurde. Plötzlich ergab so vieles Sinn, fand Tango. Deswegen lehnte David die Nähe zu ihm ab. Tango war überzeugt, dass man damit rechnete, ihn eines Tages wiederzusehen. Er wusste, wenn es soweit käme, gibt es nur wenig Zeit. Im Verlauf der letzten Monate observierte er die Zugänge des Stiftungsanwesens. Immer gegen 15 Uhr trafen David und Romeo ein. Sie würden vor dem Tor aussteigen und nach der Begrüßung der Wache die hundert Meter zum Stiftungshaus laufen. Tango wusste nicht, wohin sie in der Früh fuhren. Doch er war sich sicher, vor Ort mit David reden zu können.

Heute sollte es soweit sein. Tango verließ das Restaurant mit einer Sonnenbrille auf der Nase. Etwa hundert Meter vor dem Tor wartete er. Es war inzwischen 14:42 Uhr. Für alle Fälle parkte sein Auto nah. Wie Tango in Sichtweite des Zaunes stand, die Wache beobachtend, lief er auf und ab. Gelegentlich fasste er sich an den Nacken und suchte krampfhaft nach einer glaubhaften Beschäftigung. Noch einmal in den Kiosk, wo er angeblich etwas vergessen hat. Am Buchladen warten, weil ihm im Schaufenster etwas gefiel. Vorbeikommende Passanten schaute er flüchtig an. Militärangehörige fuhren an ihm vorbei und er vermied es, ihnen das Gesicht zuzudrehen. Es war bereits 15:03 Uhr. Sein Blick wanderte die Straße hinunter. Noch immer entdeckte er nichts auffälliges. Das Herumtigern fällt langsam auf, dachte er. Eine Militärlimousine bog gegen 15:07 Uhr in die Straße ein. Tango klammerte seinen Beutel fest, machte eine steinerne Faust. Nach der kurzen Aufregung beruhigte sich der Atem wieder. Mit gemäßigten Schritten näherte er sich dem Anwesen. Die Limousine und ihn trennten noch etwa 40 Meter. Zwei Wachleute standen am Zaun, einer saß im Häuschen, einer stieg aus dem Auto und öffnete die rechte Wagentür; alles, wie Tango es kannte. Zuerst stieg David aus, dann der Junge. Die Wache schloss die Tür. Es gab ein kurzes Pläuschen. Jetzt fehlten knapp 30 Meter. Tango griff unauffällig in den Beutel und stellte mit der anderen Hand sicher, dass der Beutel nicht verrutschte. Auf einmal schaute David nach hinten. Tango blieb mit der Hand im Beutel stehen. Auch Romeo und der Wachmann erblickten ihn.

„Wer ist das?“, fragte der Wachmann und fasste an seine Dienstwaffe.

„Nicht!“, erwiderte David und griff Romeos Hand.

Als wäre nichts, lief David mit dem Kind in die Richtung des Tores und ließ den nervösen Wachmann allein. Romeo drehte sich mehrfach um, bis David ihm vermutlich sagte, dass es hinten nichts zu sehen gebe. Das Tor war im Begriff, sich zu öffnen. Mit einem Satz rannte Tango auf die andere Seite der Limousine am Wachmann vorbei. Dieser rannte hinterher.

„David!“, schrie ER schrill und alarmierte das andere Wachpersonal.

„Stehen bleiben!“, befahl ihm der Wachmann und zog seine Pistole.

Alle schauten auf Tango. Er ist stehen geblieben und holte aus dem Beutel die Pistole hervor. Das Kind hielt sich am Bein von David fest. Das Personal am Tor bewegte sich nicht. Seine Waffe war auf Romeo gerichtet.

„Bitte lass ihn nicht im Stich!“, schrie Tango.

„Sie stehen in der Schusslinie.“

Tango wusste es bereits. Der Wachmann hinter ihm war schnell genug, die Dienstwaffe zu zücken. Natürlich war Tango auf einen Schusswechsel vorbereitet. David hob Romeo hoch. Sein Blick war schwer zu entziffern, wie in der Galerie damals. Haselnussbraun konnte unglaublich kühl wirken, fand Tango.

„Romeo, ich bin dein Opa. Komm mit mir!“

Das Kind vergrub das Gesicht in Davids Brust. Hin und her flitzten die Blicke: Davids zur Wache, die der Wache zur anderen Wache, Davids zu Tango, Tangos zur Wache. Erneut schaute David zu ihm und dieses Mal, glaubte Tango, war es ein warnender Blick. Es machte klack und das Tor öffnete sich. Verstärkung stand an der Tür des Gebäudes. Vermutlich sollten sie sich auf Anweisung Davids nicht nähern. Eine Wachfrau am Tor lief mit den beiden mit. Ihr Partner stellte sich schützend in den Weg.

„Sie haben es mir nie erzählt. Ich hatte keine Ahnung“, rief Tango.

Die Wachleute befahlen, Tango solle die Waffe niederlegen und sich ergeben. Doch er dachte nicht daran. Diese Schlacht wollte er kämpfend beenden. Ihre Stimmen klangen für ihn wie das Bellen von Hunden. Auf der Uhr des Wachhäuschens war es 15:17 Uhr. Nach einer erneuten Aufforderung, sich zu ergeben, traf ihn von hinten ein Schuss in die rechte Schulter. Der Fahrer der Limousine eilte herbei. Man umzingelte ihn, hielt seinen Arm nach oben, um ihn am Schießen zu hindern. Trotz des Schmerzes ließ Tango den Blick nicht von den beiden ab. Ein Würgegriff hinderte ihn am Sprechen. Man riss ihn zu Boden. Noch immer drückte Tango gegen die Wachleute, die er als die eigentlichen Angreifer betrachtete. Tango grunzte und spuckte, während eine Hand vergeblich den Kopf unter den Asphalt zu pressen versuchte. Sie versperrten ihm die Sicht auf die beiden. Es raubte ihm den Verstand. Er entwickelte plötzlich Kräfte, die sie zu viert nur bändigten, indem sie ihn bewusstlos schlugen. Die Zeit war vorbei.​

 

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