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Kurz vor Schluss

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Kurz vor Schluss

In dieser Aufnahme sieht man das kleine Zimmer eines Anwesens in Südfrankreich, genauer gesagt der Côte de Nuits, eines der renommiertesten Weinanbaugebiete im Hexagon. Es ist früher Morgen, die warme Sonne scheint in das Zimmer. Die Kameraeinstellung beginnt mit der Ansicht des Rückens meiner ausgestreckt im Bett liegenden Freundin. Sarah. Man sieht ihre Schulterblätter, ihren linken Arm, mit dem sie sich vom Bett abstützt, und das blonde Haar, das ihren Nacken und einen Teil ihrer Schulter bedeckt. Durch das einfallende Licht wirken die Haare golden und die Muskeln ihrer Schulterblätter, als wären sie aus Bronze gearbeitet. Langsam schwenkt die Kamera über die weißen Bettlaken Richtung Fenster, die Schatten der wehenden Gardine huschen über die Laken wie Sand über Dünen. Dann kommt ein Lagotto ins Bild, ein italienischer Trüffelhund. Er liegt entspannt auf dem Bett, die Vorderpfoten wie eine Sphinx von sich gestreckt, und leckt sein Fell. Langsam schwenkt die Kamera zum Holzfenster. Die Aufnahme endet mit einem grellen Licht, welches das gesamte Bild erfüllt und überstrahlt. Fade-out.

Ich wache auf. Im Halbschlaf schweift mein Blick zum Zimmernachbarn. Er schläft noch. Mein blutarmer Freund, denke ich, schlaf weiter, schlaf weiter.
Ich schaue auf den Wecker. Es ist fünf Uhr dreißig, das Tageslicht dringt schon durch den dicken Vorhang und ich höre Vogelgezwitscher. Es kommt mir weit weg vor.
Ich würde aufstehen, wenn ich dazu imstande wäre. Ich könnte unter irgendeinem Vorwand die Schwester rufen, aber sie würde merken, dass ich es nur aus Langeweile und Einsamkeit getan habe und das wiederum wäre mir peinlich. Also gleitet mein Blick durch das sterile Zimmer, sucht sich irgendwann einen Punkt an der Wand und fixiert diesen. Ich falle in einen Schlummer und träume.

Von der Höhe der Baumkrone arbeitet sich die Kamera langsam durch das sattgrün leuchtende Laub nach unten auf den Rasen. Am Horizont, über den Dächern von Paris, erstrahlt ein großer Stern und taucht alles in gleißendes Licht. Es ist Sommer und ich liege mit Nathalie aus Québec im Jardin du Luxembourg.
Ich streiche ihr mit meiner Hand durch das kastanienbraune Haar, immer und immer wieder. „Que tu es belle“, sage ich mit deutschem Akzent und zaubere damit ein Lächeln auf ihr Gesicht. Wenn sie mit mir redet, muss ich genau hinhören, denn das Québecois ist meinen Ohren noch recht fremd. Aber ich höre ihr gerne zu.
Ihr Gesicht ist von Sommersprossen übersät, sie hat einen fülligen, sinnlichen und roten Mund. So fühlt sich also Glück an, denke ich, und behutsam drücke ich meine Lippen auf ihre. Aus dem Off ertönt ‚Just a perfect day‘ von Lou Reed.


So muss es gewesen sein. War es so? Die Erinnerung verblasst, und an ihre Stelle tritt meine Phantasie, sie verleiht der Realität den Charakter einer kinematographischen Elegie.

Ich weiß noch, wie wir uns verabschiedeten. Sie nahm die Metro bei Oberkampf, ich stand auf dem Quai. Unsere Hände erhoben sich zu einem letzten Gruß. Dann verschwand sie mit den anderen Passagieren im schwarzen Tunnel. Ich hab sie nie wiedergesehen.

Frühstückszeit. Mein Zimmergenosse möchte Nutella auf seinem Brötchen. Nur Nutella?, fragt die Schwester. Ja, nur Nutella, sagt er, und seine Stimme verrät, dass er bald ungehalten werden könnte.
Ich entscheide mich für Käse und Salami. Die schwierigste Entscheidung des Tages. Nachdem ich mit Mineralwasser die Medikamente eingenommen habe, schenkt die Schwester mir Tee ein.
Sie ist hübsch, denke ich. Vor zwanzig Jahren, denke ich, vor zwanzig Jahren wärst du mir vielleicht verfallen.
Was soll ich nun mit der ganzen Zeit anfangen? Die Unfähigkeit meines Körpers, sich zu bewegen, gleiche ich mit der Rastlosigkeit meiner Gedankengänge aus. Und über allem hängt das Damoklesschwert meines nahenden Todes.

Ich will weinen. Weinen und mich dabei erinnern. Mit meinen Gedanken versuche ich aus diesem Raum zu flüchten, aber nicht in Phantasien, sondern in wirklich erlebte und gefühlte Szenarien. Ich bin Scorsese, Coppola und Stone in einem, ich führe Regie im Film meines Lebens. Flashbacks sind was Feines!

Wo sind sie jetzt, diese Mädchen, diese Frauen, wo ist ihr Glanz, der mich erfüllte?

Weil ich noch genau ihre Füße vor Augen habe, werde ich mit einer Nahaufnahme davon beginnen. Annemaries Füße. Ihre nackten Füße liefen über Schotter, über Asphalt, über Wiesen, über Teer, über Gras, über Sand und über Kiesel bis zur Nürburg.
Sie war Amerikanerin und Teilnehmerin des ‚language camps’ in der Eifel, ich war einer der, aber nicht ihr Lehrer.
Sie war ein Wildfang aus Denton, Texas, sie sagte immer ‚like‘, ‚you know‘ ‚it’s like’ und ich war drauf und dran, sie für dumm zu halten. Aber zwischen diese Füllwörter presste sie einen Text, der ihr Leben schilderte. Das zerrüttete Familienhaus, das Alleinsein mit ihren drei älteren Brüdern, die Musik, die sie machte und hörte. Ich erkannte mich in ihrem Leben wieder. Szenen unserer Begegnungen: Am Nachmittagstisch, die Hausangestellten deckten schon ab, die anderen Amerikaner waren schon fort, wir saßen nur da und unterhielten uns. Oder vorher: Sie saß unter dem großen Baum auf der Wiese vor dem Hause und las ein Buch von Hemingway. Sie trug ein gelbes T-Shirt und ein Kleid aus bunten Reißverschlüssen, das sie sich selber zusammengenäht hatte. Die anderen Lehrer meinten, sie wäre schon bei den Vorbereitungstreffen in den USA gerne allein gewesen.

Die nachhaltigste Erinnerung: Unser Marsch durch die Eifel. An einem schönen Sommertag machten wir uns daran, zur Nürburg zu laufen. Zu Beginn des Marsches unterhielten wir uns zufällig, dann lief sie mal ein Stück weiter vor mir her, barfuß, und unterhielt sich mit den Anderen. Irgendwann bemerkte ich an mir, dass ich nach ihr Ausschau hielt, sie einzuholen versuchte oder mich zurückfallen ließ, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Und irgendwann bemerkte ich, dass sie genau dasselbe tat.

Wir haben nur geredet. Ich habe sie nicht berührt. Aber da war etwas, ein Gefühl tiefer Verbundenheit. Ich sehne mich manchmal nach diesem Gefühl. Und manchmal kann ich es in Erinnerung an sie künstlich erzeugen.


Er röchelt. Ich drücke an seiner statt den Knopf für die Schwester. Schnell kommen zwei herbeigelaufen, machen ruhig und sicher, aber doch geschäftig, die nötigen Handgriffe um meinen krepierenden Bettnachbarn am Leben zu erhalten. Alles gut! Es war nichts weiter. Er hat sich im Schlaf verschluckt und Panik bekommen. Die Schwestern danken mir für meine Aufmerksamkeit. Ich döse wieder ein, fühle die Nacht, dann entschwinde ich, irgendwie.

Ich stehe an einem Fluss. Es ist warm, ich trage ein Hemd und eine Stoffhose, der Wind flattert hinein. Das Wasser des Flusses plätschert leise vor sich hin, die Strömung ist nicht nennenswert und besonders tief sieht es auch nicht aus. Als ich zur anderen Seite des Flusses hinübersehe, erblicke ich die Mädchen und Frauen meines Lebens. In bunten, leichten Kleidern stehen sie da, ich erkenne Sarahs goldenes Haar, Annemaries tiefschwarze Mähne und Natalies kastanienbraunen Pagenschnitt. Sie winken zu mir herüber und es ist, als forderten sie mich heraus, zu ihnen herüberzuschwimmen. Eilfertig und erwartungsvoll steige ich in den Fluss. Anfangs kann ich noch waten, doch zur Mitte hin muss ich zu schwimmen anfangen. Plötzlich merke ich, wie die Strömung stärker wird. Ich muss gleichzeitig flussaufwärts und geradeaus schwimmen um auf der Höhe der Mädchen und Frauen zu bleiben. In einem kurzen Moment sehe ich nochmal zu ihnen herüber. Sie winken und lächeln immer noch, verdächtig automatisch und seelenlos, wie ich finde.

Dann bekomme ich Wasser in die Lungen. Ich huste, spucke und röchele, aber ich gebe nicht auf. Unter Aufbietung aller meiner Kräfte rudere ich mit den Armen und schlage mit den Füßen. Doch es hilft nichts. Der zuvor gemütliche Fluss hat sich in einen reißenden Strom verwandelt und ich werde abgetrieben. Noch von weitem, als ich schon aufhöre, gegen den Strom anzukämpfen, sehe ich das mechanische Winken und Lächeln der Frauen meines Lebens.


Danke, sagt er am nächsten Morgen.
Kein Problem, erwidere ich.
Wir schauen Fernsehen. Endes ‚Unendliche Geschichte‘.

Das Nichts, das Monster aus dem Film, macht mir plötzlich Angst. Unsichtbare Hände legen sich um meinen Hals, nehmen mir die Luft. Eine weitere Hand greift mein Herz und quetscht es. Ich fühle das Nichts in mir, die absolute Leere und Hoffnungslosigkeit erstreckt sich vor mir wie ein Ausblick auf die nahe Zukunft. Ich bin allein und einsam, jetzt und in der Stunde meines Todes. Alles dreht sich in mir und ich verliere den Blick für die Realität. Statt des Fernsehbildes, statt des Zimmernachbarn, statt der weißen Bettlaken und meinen daraus hervor lugenden Füßen sehe und erkenne ich nun mein eigenes Nichts. Ich stiere an die Wand, wieder einmal, und zwinge mich, Haltung zu wahren. Ohne sich dessen bewusst zu sein, zwingt mein Zimmernachbar mich, die Tränen zu unterdrücken. Erneut keimt der Gedanke an Flucht in mir auf, ich will fort von hier, weit weg rennen, bis ans Ende der Straßen, über den Sandstrand ins offene Meer, hinein in die Kälte. Sie soll mich betäuben, den Schmerz vergessen machen und meine Wanderung ins Jenseits erträglich machen. Eine fließende Bewegung soll mich ins Aus befördern, nicht ein harter Ruck. Nicht schreien, nicht schreien, jetzt reiß dich zusammen, verdammt nochmal.

All this has happened before and will happen again. And again, and again, and again…

Elena, denk an Elena.

Sie war achtzehn und machte gerade Abitur. Ich war zweiundzwanzig. Beide arbeiteten wir im Kabarett, das am Wochenende auch eine Disko war. Zuweilen wurden wir eingeteilt, während der Samstagsdisko zusammen an der unteren Theke zu arbeiten. In Achtstundenschichten zapften wir Bier, mixten Cocktails, schütteten Longdrinks ein und tranken ab und zu selbst einen Schnaps aus Pinneken. Ohne viel zu reden, sondern nur mit Blicken kooperierten wir wie ein eingespieltes Team, meine Handgriffe ergänzten die ihren, meine Bewegungen fertigten die von ihr entgegengenommenen Bestellungen aus. Wir waren, so albern das jetzt klingen mag, beinahe symbiotisch. Und eine Vertrautheit erwuchs, die sich vom Beruflichen ins Private ausdehnte. Ich reagierte auf ihre Stimme, auf ihre Blicke, auf ihre sanften, unwillkürlichen Berührungen, und sie auf meine. Und dann fingen wir an zu sprechen und jedes Gespräch festigte das Fundament unserer entstehenden Liebe. Es war, auch wenn das ebenso albern klingt, magisch, beinahe spirituell.
Aber wir waren auch gleichzeitig traurige Wesen, die nach außen unkompliziert und unbeschwert schienen. Und diese Traurigkeit verband uns solange, bis wir sie mit unseren Fingernägeln von der Haut des anderen abzukratzen versuchten. Dann ging es plötzlich schnell bergab mit uns und endete im Chaos. Aber diese Momente, dieser Moment mit ihr….

Man sieht zuallererst nur ein verschwommenes Bild. Der geübte Kinogänger weiß: Man ist in der Position des Protagonisten, er sieht alles verschwommen. Langsam stellt sich eine gewisse Schärfe des Bildes ein. Man sieht durch ein großes Fenster hereinfallendes Licht, man erkennt die dunkelbraunen Schemen eines Wandschranks, dann tut sich weißes Bettzeug und ein Kissen vor den Augen auf. Die Silhouette eines Kopfes wird erkennbar. Die Gesichtsform und die langen Haare lassen erahnen, dass es sich um eine junge Frau handeln muss. Dann gewöhnt sich das Bild an die Lichtverhältnisse, Schärfe ersetzt Verschwommenheit. Der Protagonist erwacht offensichtlich aus seinem Schlaf. Und dann erkennt man es: das junge, samthäutige, leicht blasse Gesicht eines wunderschönen Mädchens mit dunkelbraunem Haar, mit einem leichten Stich ins Rötliche. Die Augen, offen und ehrlich, grünbraun und groß. Wunderschön, denken die Männer jeden Alters in den Kinosesseln. Die personifizierte Unschuld, Jugend und Schönheit und jeder wäre gerne dieser Mann, der mit ihr aufwachen darf.

Das war Elena und mein bester Moment mit ihr. Als wir nach einer langen Nacht des Küssens morgens in ihrem Bett aufwachten. Noch heute meine ich, mich an den Geruch der Bettwäsche und an den Geruch ihrer Haare und Haut erinnern zu können. Ich würde gerne für immer in diesem Moment leben.

Heute darf ich Rollstuhl fahren. Zwei Arzthelfer hieven mich vom Bett in den Sitz mit Rädern. Ein Arzthelfer fährt mich ein bisschen durch die Gegend.

In einer Sitzecke machen wir Halt. Der Arzthelfer muss sich den Schuh zubinden. Gegenüber sitzt eine junge Frau im Nachthemd. Sie hält ihr Baby im Arm, wiegt es und streichelt ihm ab und zu über den Kopf. Neben ihr sitzt ein junger Kerl, offensichtlich der frisch gebackene Vater des Kindes. In seinem Blick erkenne ich Wärme und Zuneigung für die beiden Geschöpfe. Er hat die Seligkeit eines Schöpfers. Ein Gefühl, das ich nie kennengelernt habe.
„Ich hätte auch einmal fast geheiratet“, erzähle ich unverblümt dem Arzthelfer, als wir weiterfahren.
„Und wieso haben sie es nicht?“, fragt er.
Ich überlege.
„Ich weiß es nicht."
„Aha“, sagt der Arzthelfer und klingt fast gelangweilt. In meinem Kopfkino verpasse ich ihm einen Kinnhaken, der ihn zu Boden streckt. „Ich bin ein Mensch“, schreie ich ihn an, „ich verlange Respekt und Würdigung für mein gelebtes Leben und meine Erfahrungen!“

Als ich wieder im Bett liege, wird mir bewusst, was mich an Krankenhäusern stört. Der Abstrahleffekt. Der Geruch des kranken Körpers strahlt auf alles ab. Das Haus steckt voller kranker Körper, und unsichtbar verströmen sie einen Geruch, einen infernalischen Gestank des Todes, der sich in den Gardinen, den Topfpflanzen, ja selbst im Innern der Holzmöbel festsetzt. Und nur die Kranken selbst fühlen diesen hauchdünnen Film aus tödlichem Gestank auf ihrer Haut, egal was sie berühren. Selbst das Frühstücksbrötchen schmeckt und riecht nach Tod. Ebenso das bereitgestellte Mineralwasser.

*
Es passiert in der Nacht. Ich wache vom Röcheln meines Nachbarn auf. Als es wieder schlimmer wird, drücke ich den Alarmknopf. Eine Schwester kommt. Beim Hereinkommen wirft sie mir einen leicht entnervten Blick zu. Doch als sie meinen alten Freund nebenan erblickt, wird sie geschäftig, leicht panisch. Siehst du, denke ich, ich habe dich nicht umsonst gerufen. Er krepiert. Böser Stolz.

Die Schwester ruft Verstärkung herbei. Der Bereitschaftsarzt kommt herbeigeeilt, einen Assistenten im Schlepptau. Ehe ich mich versehe, reißen sie meinem Leidensgenossen das Hemd vom Leib, und machen Wiederbelebungsversuche. Wenig später springt der Arzt quasi auf das Bett meines Freundes und setzt sich auf seinen Bauch, die Hände übereinander auf seinen Brustkorb gelegt. Pressen, beatmen, pressen, beatmen, pressen, beatmen. Während der Arzt diesem Rhythmus folgt, fahren die Schwester und der Assistent das Krankenbett aus dem Zimmer. Ich horche in den Flur hinein, höre das Echo der Anweisungen des Arztes, dann den sich öffnenden Fahrstuhl. Als er sich schließt, verstummt das Kampfgeschrei und urplötzlich ist wieder alles mucksmäuschenstill. Sie haben das Licht angelassen, aber es gibt einen Schalter am Bett. Ich schalte es aus.

Das Licht des Mondes. Gespenstische Schatten aus raschelnden Ästen mit Blattwerk huschen über meine Bettlaken. Stille. Stille. Stille.

Stille.

Irgendwann schmecke ich das Salz meiner Tränen auf meinen trockenen Lippen. Irgendwann später schlafe ich ein. Irgendwie.
 
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Hallo,


nee, also das is nix.

Es ist Sommer und ich liege mit Nathalie aus Québec im Jardin du Luxembourg.
Ich streiche ihr mit meiner Hand durch das kastanienbraune Haar, immer und immer wieder. „Que tu es belle“, sage ich mit deutschem Akzent und zaubere damit ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Natürlich mit Nathalie aus Quèbec, und selbstverständlich im Jardin du Luxembourg. Und natürlich werden da Lächeln in und auf Gesichter gezaubert. Das ist so Rosamunde Pilcher Niveau, you know?

So muss es gewesen sein. War es so? Die Erinnerung verblasst, und an ihre Stelle tritt meine Phantasie, sie verleiht der Realität den Charakter einer kinematographischen Elegie.
Dann hier dieser unbeholfene Versuch, einen unzuverlässigen Erzähler zu etablieren ... du meine Güte: verleiht der Realität den Charakter einer kinematographischen Elegie. Junge, Junge, damit kannst du vielleicht noch die Aushilfskraft im Golfclub beeindrucken. Das klingt so verkniffen intellektuell, das ist schon unfreiwillig komisch, obwohl es von dir sicher anders intendiert war. Shit happens!

Was soll ich nun mit der ganzen Zeit anfangen? Die Unfähigkeit meines Körpers, sich zu bewegen, gleiche ich mit der Rastlosigkeit meiner Gedankengänge aus. Und über allem hängt das Damoklesschwert meines nahenden Todes.
Ja, das sollte mir die Geschichte erzählen, die Rastlosigkeit, die Unruhe, das sollte der Protagonist mir zeigen, der Text erfüllen. Aber was tut er? Er schwafelt lieber neunmalkluges Zeug, lässt Verflossene Revue passieren, aber alles so respektlos, so kurz zusammengefasst wie eine Tagebuchnotiz, so unpersönlich und allgemein gehalten, und das alles in so einem ekelhaften Alt-Herren-Fantasie-Sprech, der wohl poetisch klingen soll, aber in Wahrheit einfach nur abgeschmackt und distanzlos ist.

Und eine Vertrautheit erwuchs, die sich vom Beruflichen ins Private ausdehnte.
Ja, wahrscheinlich bist du wirklich Beamter, dies hier wäre der Beweis.

Und dann fingen wir an zu sprechen und jedes Gespräch festigte das Fundament unserer entstehenden Liebe.
Noch so einer. Da klingst du fast wie ein Prediger auf der Kanzel. Das Schlimmste ist, dass hier nichts gezeigt wird, hier wird einfach immer nur behauptet. Es gibt nie etwas Konkretes, Eigenes, sondern nur Stückwerke, das ist wie Best-Of Hollywood Schmockbuster, Edition Romance.

Der Protagonist erwacht offensichtlich aus seinem Schlaf. Und dann erkennt man es: das junge, samthäutige, leicht blasse Gesicht eines wunderschönen Mädchens mit dunkelbraunem Haar, mit einem leichten Stich ins Rötliche. Die Augen, offen und ehrlich, grünbraun und groß. Wunderschön, denken die Männer jeden Alters in den Kinosesseln. Die personifizierte Unschuld, Jugend und Schönheit und jeder wäre gerne dieser Mann, der mit ihr aufwachen darf.

Wunderschön. Das sind halt alles nur Allgemeinplätze in deinem Text. Das sind Versatzstücke, die irgendeine Stimmung, eine Atmosphäre, eine Tiefe vortäuschen, und mehr nicht. Weil was passiert hier? Mann liegt sterbenskrank im Bett, Nachbar verreckt langsam, und er denkt filou-mässig an irgendwelche Frauen, mit denen er magische und spirituelle Begegnungen hatte? Im Grunde ist er aber ein ziemlich armseliger, anmaßender Bock - die Ami-Braut ist schon ein wenig dumm, ABER ihre Füße, die über Schotter laufen, die sind ... ja, was eigentlich? Der ist ja zudem auch noch total ohne Eigenschaften. Wäre das jetzt ein ehemaliger Verführer, Typ unwiderstehlicher Franzose a al Jean Gabin oder Alain Delon, der sie alle im Bett hatte, und jetzt aufgrund seines maladen Körpers nichts mehr zustande bekommt, dann könnte ich das nachvollziehen. Dann würde aus Wollust eben Frust, ein stetiger Abstieg, die Physiologie, das Darben, der verfallende Körper. Aber so, was macht deinen Protagonisten denn speziell, warum sollte ich an seinem Schicksal teilnehmen? Er kann die empfundene Magie ja noch nicht einma sich selbst erklären, er behauptet ja ständig nur, es ist wie etwas, das er von jemand anderem erzählt bekommen hat und nun wieder erzählt, aber nur so lauwarm ohne Details. Da ist nichts, was ich an ihm finde, weder positiv noch negativ, wie ein Geist ist der. Ein weinerlicher Bobo, der sich in Selbstmitleid ergeht.

Irgendwann schmecke ich das Salz meiner Tränen auf meinen trockenen Lippen. Irgendwann später schlafe ich ein. Irgendwie.
Der letzte Satz fängt die Misere noch einmal gut ein. Irgendwas mit Tränen, mit Salz, dann die Nacht, irgendwie geht es weiter, ja, schnüff, seufz. Ja, das frisst der Leser schon, der wird sich denken: Boah, Drama, poetisch, tiefgründig, traurig, emotional. Das ist einfach eine riesige Blendgranate, der ganze Text. Da ist nichts Existenzielles, obwohl du hier über Liebe und Magie und Tod schreiben willst, oder es dir zumindest vorgenommen hast. Da gibt es keine Gravität, keine Irritation, keine wirkliche Tiefe, sondern einen Mantel aus glatter Sprache, die keine Emotionen evoziert, die immer nur an der Oberfläche bleibt, flach wie der Balaton.

Für mich ein ärgerlicher Text.

Gruss, Jimmy
 
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Guuhtähn mohrgähn Hähr Lährähr @HerrLehrer

ganz so sehr wie @jimmysalaryman frustriert mich dein Text nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass ich den Mittelteil nur so mückenmäßig hier und dort mit dünnen Beinchen angetitscht habe, da alles irgendwie altbekannt wirkte. Die Rückblenden, die Art der Rückblenden, ihr Inhalt, ihr Ton, alles gesehen, gehört, wieder und wieder, Altmännerroman, irgendwie so ne blinde Apotheose des heutzutage doch eigentlich längst kritisch hinterfragten "male gaze". Ich bin keiner der Menschen, die von Literatur politische Sauberkeit oder auch nur Vorzeigbarkeit einfordern würden. Was ich mir jedoch von jedem Buch und Text wünsche, ist etwas Authentisches, etwas Eigenes. Dies gilt umso mehr, wenn mit stereotypen Erzählelementen gearbeitet wird. So finde ich das ekelhaft poetische Gelechze in Lolita z.B. großartig. Es kartographiert die Abgründe des Erzählers, bevor die eigentlichen Schluchten offenbar werden. Im Gegensatz dazu sind sie in diesem Text lediglich (so scheint mir) unreflektierte (teils geradezu karikatureske [ihr Mund dies, ihre Füße das, und das Sonnenlicht und der Wind und aaargh]) Rückblicke auf das "Verlorene". Und dieses Verlorene kommt dabei irgendwie schleimig daher, wo es doch eigentlich, im Rahmen deiner Konstruktion, die sehr schwierige Aufgabe erfüllen müsste, den wenig neuen Kontrast durch besondere Feinfühligkeit und Intimität zum n-ten Mal auf ein Neues zu beleben.
Zusammenfassend: um inhaltlich interessant zu sein, braucht dieser mMn. Text entweder ein perspektivverschiebendes Element (einen "Twist") oder eine erzählerische Kunstfertigkeit, die weit über die einer durchschnittlichen Erzählung hinausgeht.

Nun muss aber auch gesagt werden, denke ich, dass du geübt schreibst. Ich glaube herauslesen zu können, dass du viel und gerne liest, schreibst, kurz: dass du die Auseinandersetzung mit Literatur genießt. Dieser Verdacht fußt vor allem darauf, dass deine Sprache funktioniert, gebildet, routiniert und in Teilen wirklich gekonnt daherkommt. Nur gefallen mag sie mir nicht. Sie ist, um es mal ziemlich angriffslustig auszudrücken, das was ich als Essenz einer bildungsbürgerlichen Literaturschreibe bezeichnen würde. Hat so n bisschen diesen Abi-Leselisten-Mief, weißte? Aber das muss nix Verkehrtes sein. Ist ja wirklich nur n Geschmacksurteil. Und es gibt genug schnöselige, altbackene Schreiber*Innen deren Zeug trotzdem bockt.
Nabokov wurde ja schon genannt. Der konterkariert das immer so fein mit Bissigkeit und Spielerei. Thomas Mann ist z.B. so einer, der's gar nicht kann. Selbst sein Krull ist noch blutleer. Bücher für die Lücken im Regal. Oder Hesse. Der lesbare Beweis, dass ein Stock im Arsch kein Rückgrat ersetzt. Und dieses ewigblöde Gefühlsgedusele! Anderes Thema.
Ich glaube, und bitte korrigier mich, falls ich falsch liegen sollte @jimmysalaryman , dass dieser Text unter anderem so irritiert, weil er gleichzeitig routiniert geschrieben und staubig erzählt ist. Wär's einfach nur ein großes Gestümper, wäre es weniger anstößig, aber von deiner Sprachgesamtheit erwartet man irgendwie mehr. Mehr als ein bisschen Vokabelgestelze, ein paar Naturmetaphern und allgemeinen Pathos. Und ich glaube, man darf auch mehr davon erwarten.
In diesem Sinne:
Da geht mehr
Herr Leh Rer

Liebe Grüße
Sisorus
 
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Hallo @jimmysalaryman,

und zunächst einmal: vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren und die Beschäftigung mit meinem Text. Ich muss zugeben, bei so einer vernichtenden Kritik fällt es mir schwer, einen Argumentationsansatz zu finden, da weder Textarbeit, Erklärungen oder Rechtfertigungen dein Urteil grundlegend ändern werden. Auf ein paar Aspekte möchte ich aber, wenn du erlaubst, doch eingehen:

Dann hier dieser unbeholfene Versuch, einen unzuverlässigen Erzähler zu etablieren

Nein. Das war nicht meine Intention. Der Ich-Erzähler gesteht sich lediglich ein, dass er Erinnerungslücken hat und diese nach seinen Wünschen durch erdachte 'filmische' Aufhübschungen ersetzt. Selbstbetrug, Eskapismus im Angesicht des nahenden Todes. So wie ich das Prinzip des unzuverlässigen Erzählers kenne, ist es auch eher der Leser, der die erzählte Welt in Frage stellt und nicht der Ich-Erzähler selbst.

Er schwafelt lieber neunmalkluges Zeug, lässt Verflossene Revue passieren, aber alles so respektlos, so kurz zusammengefasst wie eine Tagebuchnotiz, so unpersönlich und allgemein gehalten, und das alles in so einem ekelhaften Alt-Herren-Fantasie-Sprech, der wohl poetisch klingen soll, aber in Wahrheit einfach nur abgeschmackt und distanzlos ist.

Als mein Schwiegervater im Sterben lag und sedierende Medikamente einnahm, hatte er wache Momente, in denen er klar denken konnte. Aber oft passierte es auch, dass er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen und dann meinte: "Da ... schon wieder weg." In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Erinnerungen/ Lügen, die der Ich-Erzähler 'so kurz zusammengefasst wie eine Tagebuchnotiz, so unpersönlich und allgemein gehalten' erinnert.

Und eine Vertrautheit erwuchs, die sich vom Beruflichen ins Private ausdehnte.
Ja, wahrscheinlich bist du wirklich Beamter, dies hier wäre der Beweis.

Und dann fingen wir an zu sprechen und jedes Gespräch festigte das Fundament unserer entstehenden Liebe.
Noch so einer. Da klingst du fast wie ein Prediger auf der Kanzel. Das Schlimmste ist, dass hier nichts gezeigt wird, hier wird einfach immer nur behauptet. Es gibt nie etwas Konkretes, Eigenes, sondern nur Stückwerke, das ist wie Best-Of Hollywood Schmockbuster, Edition Romance.

Diese Kritik empfinde ich als die konstruktivste. Beim nochmaligen Lesen kommen mir diese Formulierungen jetzt auch arg formal und gestelzt vor, und auch meine Begründung, dass es sich um einen alten, klassisch gebildeten Mann handelt, fühlt sich wie eine billige Ausrede an.

Ein weinerlicher Bobo, der sich in Selbstmitleid ergeht.

Ja, ich gestehe einem sterbenden Mann das zu: Rührseligkeit, Weinerlichkeit, Selbstmitleid. Ich frage mich manchmal, wie ich in so einer Situation in den Tod gehen würde und hoffe natürlich: gefasst, unsentimental, ehrlich und klar. Aber ich fürchte: weinerlich, rührselig, selbstbemitleidend und verschwommenen Erinnerungen nachhängend.

Der letzte Satz fängt die Misere noch einmal gut ein. Irgendwas mit Tränen, mit Salz, dann die Nacht, irgendwie geht es weiter, ja, schnüff, seufz. Ja, das frisst der Leser schon, der wird sich denken: Boah, Drama, poetisch, tiefgründig, traurig, emotional. Das ist einfach eine riesige Blendgranate, der ganze Text. Da ist nichts Existenzielles, obwohl du hier über Liebe und Magie und Tod schreiben willst, oder es dir zumindest vorgenommen hast. Da gibt es keine Gravität, keine Irritation, keine wirkliche Tiefe, sondern einen Mantel aus glatter Sprache, die keine Emotionen evoziert, die immer nur an der Oberfläche bleibt, flach wie der Balaton.

Für mich ein ärgerlicher Text.

Da fällt mir keine Entgegnung drauf ein. Außer: ich nehme deine Verärgerung über meinen Text zur Kenntnis und sie lässt mich nicht kalt.

Dennoch: ich danke dir für die Rückmeldung.

Liebe Grüße,

HL
 
Senior
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Aus dem Off ertönt ‚Just a perfect day‘ von Lou Reed.

Manno,

ich fang mal ganz entspannt und ohne Eifer mit der Eifel an, vllt. kennt ja jemand in der erzkatholischen Gegend das Örtchen Prüm. Irgendwo am Stadtrand ist eine Häuserwand mit einer Figur der Madonna mit Kind in ziemlicher Höhe geschmückt.

So was meint jeder zu kennen und irrt: Madonna hat das Kind bäuchlings über ihre Oberschenkel gelegt, hält es mit der linken am Hals (!) und die recht Hand reckt sich gen Himmel und holt offensichtlich zu Prügeln aus …

Daran wurd ich erinnert als Reaktion auf den ersten Kommentar. Nun behaupte ich mal, dass ein guter Erzähler alle Genres beherrschen sollte – also auch ggfs. die Gartenlaube bedienen kann. Aber was mir besonders auffällt, ist Deine Unkonzentriertheit – 15 Fußnoten sind das Resultat,die wir jetzt der Reihe nach abarbeiten,

lieber Herr Lehrer,
(um es mal autobiografisch und minimalst schwermütig einzubringen – der Klassenlehrer an der Realschule hatte meinen Eltern empfohlen, mich auf Lehramt lernen zu lassen, er wurde sehr konkret mit Deutsch und Geschichte, wogegen sich der gerade 16jährige sträubte und heute doch weiß, aus reiner Sturheit hätte er heute eine satte Pension statt einer Rente, an der der halbkrimenelle VW-Manager Hartz nagt.)

Es ist früher Morgen, die warme Sonne scheint durch das Zimmer.
durch“ ist m. E. das falsche Wort, „in“ wäre präziser. Warum? „durh“ (ahd., das „h“ ist noch kein Dehnungs-h, sondern der Laut, den wir heute mit „ch“ umschreiben) meint ursprünglich „hindurch“, „über … weg“, also konkret heute noch lt. Duden „kennzeichnet eine Bewegung, die auf der einen Seite in etwas hinein- und auf der anderen Seite wieder herausführt“, was in einem Zimmer schlecht geht ...
Durch das einfallende Licht wirken die Haare golden und die Muskeln ihrer Schulterblätter[,] als wären sie aus Bronze gearbeitet.
als“ leitet einen vollständigen Satz ein – während hier
Ich falle in einen Schlummer, und träume.
das „und“ das Komma ganz gut vertritt. Also weg mit ihm!

Nicht falsch – aber mir zu viel unwürdiges Gewürde und Hochsaison der Hilfs- und Modalverben

Ich würde aufstehen, wenn ich dazu imstande wäre. Ich könnte unter irgendeinem Vorwand die Schwester rufen, aber sie würde merken, dass ich es nur aus Langeweile und Einsamkeit getan habe und das wiederum wäre mir peinlich.
Wobei schon das erste Vollverb (aufstehen) in seinem Konj. II an die Vergänglichkeit und Zeiteinheit erinnert: „Ich stünde auf, wäre ich dazu imstande. Riefe unter irgendeinem Vorwand die Schwester selbst wenn sie merkte, dass ich es nur aus Langeweile und Einsamkeit getan habe und das wiederum wäre mir peinlich.“

Hier schnappt m. E. die Fälle-Falle zu

Mein Zimmergenosse möchte Nutella auf sein Brötchen.
„auf seinem Brötchen“ (mit „mögen“ als Vollverb) ansonsten wäre der Satz nur scheinbar vollständig, wenn er Nutella auf „sein“ Brötchen haben will (also „möchte Nutella auf sein Brötchen haben/bekommen/etc.“)
Die anderen Lehrer meinten, sie wäre schon bei den Vorbereitungstreffen in den USA gerne für sich allein gewesen.

Ich drücke an seiner Statt den Knopf für die Schwester.
„an seiner statt“, die Präposition bleibt Präposition, selbst wenn sie die Stellung wechselt „ich drücke statt seiner den ...“

In bunten, leichten Kleidern stehen sie da, ich erkenne Sarahs goldene Haar, Annemaries tiefschwarze Mähne …
Da hastu zwo Formulierungen im Kopf gehabt und die unterlegene rächt sich, indem sie Spuren hinterlässt - korrekt: „Sarahs goldenes Haar“oder (unterlegen: „Sarahs goldene Haare“)
Dann bekomme ich Wasser in die Lunge.
In welche? Besser Plural

Aber diese Momente, dieser Moment mit ihr[…]...

„Und wieso haben ie es nicht?“, fragt er.
Ich überlege.

„Ich weiß es nicht“.
Musstu gucken – kommt nun eine kleine Serie entfliehen wollender Abschlusspunkte

In meinem Kopfkino verpasse ich ihm einen Kinnhaken, der ihn zu Boden schreckt.
Kann natürlich sein, dass jemand vor Schreck zu Boden geht ...

Hoffe, dass nicht wieder eine Klammer ein Streichorgie auslöst ...

Tschüss

Friedel
 
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Wortkrieger-Team
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Hallo Herr Lehrer,
ich verfolge diese Geschichte schon lange, weil ich es schade fand, dass jemand, der hier aktiv ist, wenig Komms abkriegt. Als ich dann die beiden Komms las, musste ich schlucken. Das war so absurd, erst wünsche ich dem Herrn Lehrer Kommentare - und dann, ja dann kommen welche, und zwar zwei ordentliche Verrisse. :D
@jimmysalaryman und @Sisorus bitte nicht falsch verstehen, ich will euch nicht in eure Kommentare reinreden, das steht mir gar nicht zu, und in vielem habt ihr Recht. Aber es war halt für mich einfach echt merkwürdig, so eine Art persönliches, absurdes Wechselbad.

Na gut, man merkt schon, mein Urteil fällt etwas anders aus. Und es ist für mich sehr erhellend, wie unterschiedlich mein Urteil zum Urteil der anderen Kommentare ausfällt. Ich kapier das echt gar nicht. Aber gut, manchmal ist das so.
Ich habe deinen Protagonisten als einen älteren Mann wahrgenommen, der sich von seinem Leben verabschieden muss. Er leidet, er ist traurig. Er blickt auf das zurück, was ihm persönlich sehr wichtig war, die Liebe und die Frauen seines Lebens. Ob er in dieser Rückschau jedoch etwas vermisst, anders gewichtet, eine Entwicklung erlebt, eine verpasste Chance entdeckt oder an dem Vergleich mit seinem früheren Leben scheitert, das ist noch sehr unspezifisch.
Ich finde Rückschauen auch rührselig. Bei mir selbst, bei anderen, aber manchmal ist es einfach schwer, diese Rührseligkeit nicht aufkommen zu lassen, ich meine, sie gehört zum Leben dazu und darf deswegen auch in Geschichten Einlass finden. Damit aus der Rührseligkeit aber ein Mehr wird, etwas menschlich Tragisches, das mich als Leser wirklich berührt, braucht es eine irgendwie geartete Brechung. Die gehst du aus meiner Sicht durchaus an, du hast sie drin. Nur eben nicht ausführlich und nicht konsequent genug. Dazu später gleich noch mehr.

Du organisierst diese Brechung momentan, indem du seine Erinnerungen weichzeichnest, schönfärbst, sie idealisierst. Interessant und klug finde ich die Idee, das als Kamerabilder zu inszenieren. Als Kontrast zu seiner derzeitigen Realität.
Was ich da noch nicht so gelungen finde, sind erstens einzelne Passagen, die sehr allgemein klingen. Und zwar hauptsächlich in den Kamerasichten auf die Frauen. Ich glaube, viele solcher Stellen werden bereits in den beiden anderen Kommentaren genannt, ich kann mir also sparen, noch einmal Detailarbeit zu leisten.

Hier eine Stelle, die ich gut, aber noch nicht gut genug fand, weil sie eine Brechung in seinem Lebensprogramm und eine tiefer gehende Charakterisierung anklingen lässt:
„Ich hätte auch einmal fast geheiratet“, erzähle ich unverblümt dem Arzthelfer, als wir weiterfahren.
„Und wieso haben sie es nicht?“, fragt er.
Ich überlege.
„Ich weiß es nicht“.
Sehr gut das alles. Wie er hier fast "angibt" mit seinem fast Heiraten. Da steckt so ein bisschen Bedauern drin. So ein bisschen, ich wäre auch mal fast bürgerlich normal gewesen, aber ich bin etwas anderem nachgejagt. Oder vielleicht auch, einmal fast, hat mich eine Frau so klasse gefunden, dass sie mich direkt mal heiraten wollte. Weiß man gar nicht so genau. Wäre auf jeden Fall ein Ansatz gewesen, dem Protagonisten auf den zahn zu fühlen. Schön auch die Gegenfrage des Arzthelfers und die Antwort des Protagonisten darauf.
Das ist mal so ein kleiner Ausblick auf eine innere Traurigkeit, eine innere Leerstelle, ein mögliches Verpassen, eben nicht die Glorifizierung der Kamerafahrten, sondern ein Innehalten, ein Räsonnieren mit dem, was hätte sein können. Da ist die Realität mit einem möglichen Bedauern erfüllt.

„Aha“, sagt der Arzthelfer und klingt fast gelangweilt. In meinem Kopfkino verpasse ich ihm einen Kinnhaken, der ihn zu Boden schreckt. „Ich bin ein Mensch“, schreie ich ihn an, „ich verlange Respekt und Würdigung für mein gelebtes Leben und meine Erfahrungen!“.
Ja und hier fehlt dann was, du gehst diesem inneren Bedauern gar nicht mehr weiter nach. Du fühlst dem Prot. nicht weiter auf den Zahn. Ich finde es zwar gut, dass er sauer wird, das könnte ja alles so bleiben, aber du vertiefst den Punkt nicht, der da anklingt, diesen so wichtigen Punkt, wenn man ein menschliches Schicksal greifbar machen will, sondern verlierst es wieder. Ich könnte dir noch nicht mal sagen, in welche Richtung sein Bedauern von deinem Text her gehen könnte. In die, die ich oben hingeschrieben habe, auf was ich wegen des Gesprächs mit dem Arzthelfer gekommen bin oder eher in die, die
jimmysalaryman einschlägt. Das bleibt ganz schön vage. :
Wäre das jetzt ein ehemaliger Verführer, Typ unwiderstehlicher Franzose a al Jean Gabin oder Alain Delon, der sie alle im Bett hatte, und jetzt aufgrund seines maladen Körpers nichts mehr zustande bekommt, dann könnte ich das nachvollziehen. Dann würde aus Wollust eben Frust, ein stetiger Abstieg, die Physiologie, das Darben, der verfallende Körper.
Beides wäre möglich, von mir aus auch eine Mischung aus beidem, aber das würde ihn jedenfalls als Menschen erlebbar machen, der tatsächlich auf sein Leben schaut, resumiert, räsonniert, bedauert und leidet und eben nicht nur in schönen Bildern schwelgt. Noch ist er nicht wirklich fassbar und eher Staffage für die Idee mit den Kamerasichten und der Krankenhausrealität.

Die dritte Brechung, die mir auffiel, war diese:
Sie winken zu mir herüber und es ist, als forderten sie mich heraus, zu ihnen herüberzuschwimmen. (...) Anfangs kann ich noch waten, doch zur Mitte hin muss ich zu schwimmen anfangen. Plötzlich merke ich, wie die Strömung stärker wird. Ich muss gleichzeitig flussaufwärts und geradeaus schwimmen um auf der Höhe der Mädchen und Frauen zu bleiben. In einem kurzen Moment sehe ich nochmal zu ihnen herüber. Sie winken und lächeln immer noch, verdächtig automatisch und seelenlos, wie ich finde.

Dann bekomme ich Wasser in die Lunge. (...) Noch von weitem, als ich schon aufhöre, gegen den Strom anzukämpfen, sehe ich das mechanische Winken und Lächeln der Frauen meines Lebens.
Fand ich eine tolle Stelle. Sein bisheriges Lebensziel, die schönen Frauen, das verwandelt sich, er kann ihnen nicht wirklich nahe sein. Es ist nicht Wahrheit, nicht mehr Realität, vielleicht war es das ja aber auch nie so wirklich. Die schönen Bilder eentpuppen sich als Trugbilder, stürzen ihn ins Verderben, lassen ihn ersaufen wie eine junge Katze.
Ich fand das einerseits wie gesagt eine tolle Idee, aber leider gehst du ihr nicht weiter nach. Durch den Aufbau, diese Kamerafahrt ist diese Stelle nämlich nicht die letzte auf die Frauen seines Lebens, kein Kulminationspunkt, sondern danach kommt wieder eine andere, sie reiht sich ein. Du nimmst dadurch diesem Bild hier Kraft und Aussagestärke. Es kann sich gar nicht mehr entfalten, sondern ist beliebig wie die anderen Bilder auch.

Lieber Herr Lehrer, so mein Eindruck zu der Geschichte, die ich insgesamt gerne gelesen habe. Ein bisschen enttäuscht war ich aber auch, weil aus den Ansätzen, die ich weiter oben aufgezählt habe, nicht so richtig was wurde.
Bis denn und alles Gute
Novak
 
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