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Lana, die Tochter des Königs

Senior
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08.07.2012
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Lana, die Tochter des Königs

Ein Peitschenhieb riss Lana zurück aus den Nebeln, in denen ihre geschundene Seele für kurze Zeit Zuflucht gefunden hatte. Zurück auf den Tablar, jener Drehscheibe aus Lärchenkern, die man in jedem Bordell von Dargfrost fand. Zurück in die große Halle der Schneefeste, in der das Volk den Sieg über die Herren des Landes feierte.
Bariza, die Droge aus zerriebenem Gerstenkäfer, wirkte noch immer, doch endete jetzt die gnädige Stille des ersten, narkotischen Stadiums - mit einem sengenden Hieb über Lanas entblößte Brüste kam das plötzliche Erwachen in den Schrecken greller Wahnbilder und Visionen.
Tiergesichtige Gestalten glotzten auf sie herab - lüstern, geil, grimmig. Hinter ihnen und den baumhohen Fenstern der Halle tobte der Sturm. Wolken, von rötlichem Leuchten umspielt, trieben festgeballt dahin - ein unter dem Himmel schwebendes Gebirge. Krachenden Blitzschlägen folgte das Donnern unmittelbar. Die Gläser in den Fenstern klirrten, von überall her war ein Knirschen und Ächzen vernehmbar, so wütend warf sich der Sturm gegen die Mauern der Schneefeste.
Dem Getöse des Orkans draußen glich das Spektakel im Inneren der Burg. Nie zuvor hatte Lana in der großen Halle einen solchen Aufruhr erlebt. Überall drängten sich Menschen, aus den Winkeln quoll Stöhnen und Gekreische, die Luft vibrierte unter hämmernden Fasspauken, eine furchtbare Carnyx wurde geblasen, begleitet von Saitenschlägen verstimmter Jochlauten.
"Sie wird wach - die Runde ist eröffnet", brüllte der Zuchtmeister durch den Tumult, stieß mit einem Tritt den Tablar an und ließ erneut die Peitsche knallen. Die Treibschnur fetzte über Lanas Schenkel, zwischen denen in kreisendem Reigen die Gestalten der tiergesichtigen Männer auftauchten. "Packt sie! Leckt sie! Beißt sie!", war der Zuchtmeister zu hören. "Reitet sie!", fauchten im Chor die Stimmen der Tiermenschen, Männer mit Vogelköpfen, Hundeköpfen, Pferdeköpfen, und Lana spürte, wie harte Hände nach ihr griffen, ihre Schultern umklammerten, ihre Knie auseinanderzwangen, an ihren Brüsten zogen.
"Die königliche Hure wird nie wieder so frisch sein, wie heute Nacht!"
Lana zerrte an ihren Fesseln, zwei paar an den Füssen und Handgelenken und keuchte vor Übelkeit. Als sie den Rest des Barizatranks erbrach, drehte der Zuchtmeister schnell ihren Kopf, um zu verhindern, dass sich seine beste Ware selbst beschmutzte, und die Szene zersprang vor Lanas Augen wie das Glas eines Spiegels. Es war nun, als läge sie nicht mehr nur gefesselt auf dem Tablar, sondern stünde gleichzeitig auch neben dem Tisch und schwebte sogar über ihm. Das Geschehen zersplitterte in so viele und so unterschiedliche Perspektiven, dass sie die Orientierung verlor und eine Zeitlang nicht wusste, ob dies alles sich gegenwärtig abspielte oder lediglich Erinnerung war.
Ausgegossen wie Pech schimmerte ihr Haar auf dem silbrigen Lärchenholz. Als der Drehtisch mit einem Ruck zum Stehen kam, wurde das gefällte Los von den Tiermenschen mit Knurren, Zischen und Gegröle bedacht. Der Pferdekopfmensch reckte die Fäuste im Triumph in den Dunst, der die Halle erfüllte – ihm war durch Zufall das Privileg beschieden, die Frucht aufzubrechen.
Lana schrie, als sich der Pferdekopf zwischen ihre Beine senkte und die raue Zunge über die Innenseiten ihrer Schenkel rieb. Ein schwarzes Vogelgesicht hackte auf ihre Brüste nieder und eine verkrüppelte Pangestalt sprang auf den Tablar. Er reckte das Hinterteil in die Höhe, hob den pelzigen Schwanz und ließ seine schweren, warmen Hoden gegen Lanas Lippen klatschen.
"Du sollst sie nicht fressen, sondern ficken!", kläffte der Hundemensch, schlug nach dem Pferdemann und verspritzte – unfähig, seine Lust zu zügeln - Samen und Speichel über die umstehenden Gestalten. Gelächter, Fluchen und ein Handgemenge folgten.
"Disziplin, ihr Maden!", donnerte der Zuchtmeister, und mit einem Schnalzen ging der Lederriemen über die Köpfe von Geier, Hund und Pferd nieder. Der Pan hatte Lana das Quastenende seines Schwanzes zwischen die Lippen geschoben und spielte selig an seinem Glied.
Der Lärm am Tablar erregte das Interesse der feiernden Menge und immer mehr Menschen drängten an den Drehtisch. Polternd schob sich ein gewaltiger Krieger zwischen Hund und Pferdemann, hieb mit schwerer Faust auf die Drehplatte und verlangte das Vorrecht des ersten Stoßes.
"Einen Stoß kannst du haben", schrie die Pferdegestalt und Lana sah, wie der Krieger von einem Huftritt getroffen dem Hundemann in die Arme taumelte. Die Menge johlte, im Hintergrund blies die Carnyx zum Sturm und während der Pferdemann sich auf den Krieger warf, tauchte zu Lanas größtem Entsetzen der Kopf des Geiers mit seinem langen, kahlen Hals zwischen ihren Knien auf. Er starrte sie einen Moment lang an, mit seinen schwarzen, toten Vogelaugen.
Lanas Leib bäumte sich auf, ihre Zähne gruben sich in den Schwanz des Pan, dessen Kreischen durch die Halle jagte und noch mehr Neugierige an den Tablar lockte. Der Zuchtmeister lachte grimmig, öffnete mit einem Splint die verkrampften Kiefer und zog den lädierten Schwanz aus Lanas Mund. Der Pan stürmte jaulend davon und machte so einem fiebrig zitternden Fuchs Platz, der mit einem Satz auf den Tisch sprang und – als müsste er es nicht besser wissen – seinen buschigen roten Schwanz über Lanas Hals, Schultern und Brüste streichen ließ.
Lana schrie vor Angst, bis ihr die Luft ausging. In einem Kaleidoskop berstender Bilder verfolgte sie, wie der Geier - gerade in dem Moment, als er zum Stoß zwischen ihre Schenkel ausholte - vom Pferdemenschen wütend zur Seite gerissen wurde. Die Nüstern des Pferdemannes schäumten vor Zorn und vor Lust - man würde ihn nicht um sein Privileg bringen, als erster die Tochter des Königs zu besteigen. Er zog Lana an den Rand des Tablars und schwang sein mächtiges Glied über den Tisch.

An dem Tag, als der ganze Hof Lanas Volljährigkeit feierte, machte König Gelferich seiner Tochter das besondere Geschenk, Recht zu sprechen in einem schweren Fall von Untreue und Verrat. Angeklagt war ein alter Bauer, der nahe der Schneefeste etwas Land beackerte und den Eintreiber des Zehnten - und mithin den König selbst – um einen Sack Hirse betrogen hatte.
In der großen Halle der Schneefeste waren Adlige und Höflinge zusammengekommen und auch einige Dutzend Bauern, Handwerker und einfaches Volk aus der Umgebung. Die Menschen aller Stände sollten Gerechtigkeit in direkter Anschauung erfahren, bewirkt durch weisen Ratschluss und strenges Urteil, aus dem Munde der erblühenden, künftigen Königin.
Gelferich thronte auf seinem Herrscherstuhl und beobachtete angelegentlich seine Tochter, die vom Sitz des höchsten Richters herab den angeklagten Bauern scharf ins Auge fasste. Der alte Mann kauerte kläglich zu Lanas Füßen und hatte die Hände in einer Geste der Unterwerfung erhoben.
"Du gestehst also, dass du meinen Vater, den weisen König Gelferich, bestohlen hast", fasste Lana ihre Befragung zusammen. "Du hast deinen König und dein Land betrogen, im Stich gelassen und verraten. Welche Strafe wäre wohl der Schwere dieses Verbrechens angemessen?"
Der Bauer stammelte etwas Unverständliches.
"Es widerstrebt mir, deine morschen Knochen zerschmettern zu lassen, doch nicht aus Barmherzigkeit, das kannst du mir glauben", fuhr Lana fort. "Nein, das wäre viel zu milde."
Auf ihr Zeichen hin führten zwei Wachen unter dem Raunen der Menge einen jungen Burschen in die Halle.
"Nichts ist einem Vater unerträglicher, als Qual und Elend seines eigenen Kindes", sagte Lana. Gelferich hob anerkennend die Augenbrauen.
"Und deshalb verfüge ich, man soll - dir zur Strafe - deinem Sohn Arme und Beine brechen, auf dass er für immer als Krüppel und zur Mahnung aller Wankelmütigen sein Dasein friste." Lächelnd hob Gelferich die zarten Hände, um zu applaudieren, denn niemals zuvor hatte man in dieser Halle weiseren Ratschluss vernommen. Doch die noble Geste wurde unterbrochen, als ein Schrei den König zusammenfahren ließ: "Halte ein, Tochter des Königs!"
Gelferich fuhr herum. Ein düsterer Mann, ein Fremder in der Kleidung eines Jägers, war aus der Menge getreten und forderte das Recht der Anhörung. Zwar galt ein solcher Einspruch als gesetzmäßig, doch war seit vielen Jahren kein Gebrauch davon gemacht worden.
Lana wahrte die Fassung. "Sprich, Jäger, oder was immer dein Beruf sein mag. Welche Einwände gegen mein Urteil hast du vorzubringen?"
Der Fremde verneigte sich und sprach: "Die Untertanen des Königs müssen dem Willen ihres obersten Herrn gehorchen. Die Abgabe des Zehnten ist gerecht, denn sie ernährt das gesamte Land. Jeder Mann und jede Frau in Dargfrost müssen ihren Teil zu Wohl und Heil des Reiches leisten."
Lana nickte. "Dann siehst du es wohl ebenso und forderst demnach eine strengere Strafe?"
Der Fremde erwiderte: "Dem gerechten Willen des Königs zu folgen ist die Pflicht aller. Doch ebenso verpflichtet ist jeder Mann und jede Frau, wenn närrischer Willkür Einhalt geboten werden muss."
Unruhe erfasste die Menge. "Das ist ungeheuerlich", schrie einer der Höflinge.
Der Fremde fuhr fort: "Die Abgabe des Zehnten in diesem Jahr ist nicht gerecht, denn der Winter war hart und die Ernte karg. Die Menschen hungern. Die Abgabe muss halbiert werden."
Lanas Kiefern mahlten, als der Fremde zum Schluss kam: "Und da dieser Bauer dem königlichen Eintreiber des Zehnten einen Sack Hirse übergeben und einen zweiten vor ihm versteckt hat, solltest du Lana, Tochter des weisen Königs Gelferich, es dabei belassen und die Schuld als beglichen betrachten."
Stille trat ein. Alle Blicke waren auf Lana gerichtet, die den Fremden mit strenger Miene taxierte.
"Halbieren, sagst du", erwiderte sie schließlich. "Ich werde deinen Einwand berücksichtigen und mein Urteil revidieren."
In den Reihen der Höflinge wurde gezischelt und geflüstert.
"Die Weisheit des Volkes besagt, gemeinsam getragenes Leid sei geringeres Leid." Lanas kalter Blick strich über die Versammelten. "Und da ich dir zwar darin zustimme, dass mein Urteil zu streng ausfiel, nicht jedoch in dem Punkt, dass die Strafe ganz erlassen werden möge, lautet mein endgültiges Urteil, gegen das kein weiterer Einspruch statthaft ist …"
König Gelferich hielt den Atem an. Der Bauer und sein Sohn schauten erwartungsvoll herauf zur schönen Prinzessin. Nur der Jäger starrte finster drein, als wüsste er, dass von diesen lieblichen Lippen keine Gnade zu erwarten war.
"… man soll beiden, Vater und Sohn, die Gliedmaßen brechen, auf dass sie - in ihrem Elend vereint - sich gegenseitig trösten und ihr Leid halbieren mögen."
Entzückt applaudierte der König. Ja, das war ganz und gar seine Tochter. Und auch in der Menge der Adligen und Höflinge rauschte der Beifall. Ja, in dieser Halle wurde Recht gesprochen.
Der Fremde jedoch, halb schon abgewandt, sprach mit lauter Stimme: "Solltest du, Tochter des Königs, es nicht besser wissen? Lehrten Erfahrung und Weisheit dich nicht, den Zorn des Volkes zu fürchten?"

Lana stand auf dem Grabhügel unweit der Schneefeste. Ihr eisiger Blick bohrte sich in die untergehende Sonne, und sie roch das Feuer. Als ihre Füße sich von dem Boden abstießen, in dem die Gebeine ihrer Vorfahren ruhten, lachte die Prinzessin – es war das Lachen der Herrscher von Dargfrost. Lana setzte über einen verwitterten Leichenstein und eilte den Hang hinab, hinein in den Wald. Sie lief durch die Finsternis, zwischen Fichten und Birken hindurch.
Lana kannte das letzte Stadium des Rausches. Es lag ein Fluch auf dem Barizatrank. Die herrlichen Visionen, die erregenden Abenteuer und Ekstasen endeten stets in einem düsteren Traum. So, wie all die lustvollen Gesänge des Lebens schließlich im großen Schweigen verstummten, so wurde Lana vom Gerstenkäfer unweigerlich in die Stille gelockt.
Die Prinzessin fuhr hoch, als der eiserne Handschuh des Hofmarschalls an die Tür ihres Gemachs hämmerte.
"Erhebe dich, Tochter des Königs! Dies ist ein großer Tag. Du wirst Recht sprechen!"
 
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Hallo Achillus,
Ein schönes,saftiges Stück vom alten Fantasy-Braten hast Du da angerichtet. Noch dazu hervorragend angerichtet, perfekt gewürzt und gut bekömmlich. Die Dialoge klingen Old School-mäßig authentisch, was mir sehr gut gefällt. Es gibt eine Menge Klischees und manches streift den Kitsch, aber da hab ich nichts dagegen. Im Gegenteil - ein schöner Kontrast zu Öbszönitäten und Grausamkeiten.
"Sprich, Jäger, oder was immer dein Beruf sein mag. Welche Einwände gegen mein Urteil hast du vorzubringen?"
oder:
"Und deshalb verfüge ich, man soll - dir zur Strafe - deinem Sohn Arme und Beine brechen, auf dass er für immer als Krüppel und zur Mahnung aller Wankelmütigen sein Dasein friste."
Was mir auch gut gefiel:
, so wurde Lana vom Gerstenkäfer unweigerlich in die Stille geführt.
Mutterkornpilz?
Alles in Allem klingt das professionell und druckreif für mich. Respekt.
Kleinkram:
auf den Tablar, jener Drehscheibe aus Lärchenkern,
Müsste vemutlich jene heißen.
unfähig (Komma) seine Lust zu zügeln
verneigte sich würdevoll
Wie verneigt man sich würdelos?
Lanas eisiger Blick strich über die Versammelten.
Ihr eisiger Blick bohrte sich
Naja... Da ich ohnehin Lana Turner vor Augen habe... Ein phantastischer mittelalterlicher (wenn auch kurzer)Trip, der mir Spaß gemacht hat.
Schöne Grüße
Harry
 
Senior
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08.07.2012
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Hallo Harry,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Habe mich gefreut, dass der kleine Text Dir gefallen hat.

Die semantische Nähe zum Mutterkornpilz war in der Tat nicht ganz zufällig gewählt.

Vielen Dank auch für Deine Verbesserungsvorschläge, die ich alle bis auf einen schon umgesetzt habe.

Bei "zurück auf den Tablar, jener Drehscheibe aus Lärchenkern" bin ich mir nicht sicher. Dein Vorschlag "zurück auf den Tablar, jene Drehscheibe aus Lärchenkern" könnte stimmen, aber ich kann die beiden Fälle gerade nicht genau auseinanderhalten. Vielleicht meldet sich ja noch ein Grammatikenthusiast und stellt die Sache klar.

Wann gibt es denn von Dir mal wieder was Neues?

Gruß Achillus
 
Veteran
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01.01.2010
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Hallo Achillus

Starker Text, hat mir sehr gut gefallen.

Ich mochte es, wie du mit dem Bild des Lesers von der Königstochter spielst. Im ersten Abschnitt wird sie von einer Horde wilder Krieger auf brutale Art misshandelt, und weil sie die Tochter des Königs ist, hat man ein ganz bestimmtes Bild von ihr vor Augen, was den Konventionen des Genres entspricht: Sie ist unschuldig, im Grunde gutmütig, und man wartet beinahe auf den strahlenden Helden, der zu ihrer Rettung erscheint.

Im zweiten und dritten Absatz zeigst du uns die wirkliche Figur, die hinter der Königstochter steckt, und zeichnest damit ein Bild, das absichtlich mit den Konventionen bricht. Natürlich gab es auch in anderen Fantasy-Geschichten schon grausame Frauen, aber in diesem Text kam es doch überraschend. In Wirklichkeit nimmt die Prinzessin regelmäßig Drogen - oder etwas in der Art - und ist schier unmenschlich grausam, da relativiert sich dann auch das Mitleid, das man im ersten Absatz vielleicht noch mit ihr hatte.

Es schwingt dann auch ein moralischer Aspekt mit, ich möchte dir aber nicht unterstellen, den in die Geschichte gepackt zu haben, den lese ich eher absichtlich heraus, weil ich Themen wie Verbrechen und gerechte Strafen aus ethischer Sicht interessant finde. Dein Stil ist nüchtern, aber ich frage mich, ob man das Schicksal der Königstochter als gerecht empfinden kann. Denn was du sie im ersten Absatz erleben lässt, ist wirklich harter Stoff. Aber vielleicht geht es auch mehr in die Richtung "Gewalt ruft neue Gewalt hervor", ich habe mich da an das Lied aus Eis und Feuer erinnert, denn da wird etwas ähnliches thematisiert, sinngemäß wird da mal gesagt: "Gegen die Feinde muss der König hart und unerbittlich vorgehen, aber wenn sich das Volk unterwirft, dann muss der König ihm auch wieder aufhelfen." Wenn das eigene Volk auf Dauer geknechtet und diesen unmenschlichen Strafen unterzogen wird, dann haben auch die Herrscher keine große Zukunft. Das schwingt in dem Text auch mit, und es geht nicht klar hervor, wer genau die Peiniger aus dem ersten Absatz sind - Anhänger eines verfeindeten Volkes, oder vielleicht doch das eigene Volk, das aufbegehrt?

Der Stil ist souverän und dem Thema angepasst. Die bedrohliche Stimmung im ersten Abschnitt bringst du gut rüber, ich finde den ziemlich beklemmend. Ich fand den Text auch authentisch, einige schöne Details hast du geschickt in die Geschichte verwoben, wie zum Beispiel hier:

Gelferich fuhr herum. Ein düsterer Mann, ein Fremder in der Kleidung eines Jägers, war aus der Menge getreten und forderte das Recht der Anhörung. Zwar galt ein solcher Einspruch als gesetzmäßig, doch war seit vielen Jahren kein Gebrauch davon gemacht worden

Insgesamt fand ich es echt einen tollen Text, den ich gern gelesen habe.

Grüsse,
Schwups
 
Senior
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19.05.2008
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Hallo Achillus,

was ich schon nach den ersten Zeilen bemerkte, war die sprachliche Wucht gegen oder in die ich hinein gelesen habe. Es war mir vielleicht einen Tick zu viel, aber werte das bitte nicht als negativ, es ist nur so, dass ich Liebhaber des schlichten, unaufdringlichen Stils bin, Fan der leisen Worte, aber wo andere mit Worten um sich werfen und dem Leser nur Angst machen, zielst und triffst du todsicher und erschlägst den Leser fast, und das ist etwas verdammt Gutes. Du bleibst der Sprache durchweg treu, ich konnte keine Stelle finden, die nicht zur Erzählstimme passte, und so hast du mich in eine andere Zeit, in eine alte Zeit entführt.

Ich kann Schwups in allen, nicht in fast allen, sondern in alle Punkten bestärken, deswegen möchte ich mich da gar nicht lange wiederholen, sondern lieber noch auf andere Aspekte eingehen. Ich zitiere nur zwei Stellen von Schwups‘ Kommentar, die ich ausdrücklich unterstreichen möchte:

Schwups schrieb:
Es schwingt dann auch ein moralischer Aspekt mit, ich möchte dir aber nicht unterstellen, den in die Geschichte gepackt zu haben, den lese ich eher absichtlich heraus, weil ich Themen wie Verbrechen und gerechte Strafen aus ethischer Sicht interessant finde.
Schwups schrieb:
Der Stil ist souverän und dem Thema angepasst. Die bedrohliche Stimmung im ersten Abschnitt bringst du gut rüber, ich finde den ziemlich beklemmend. Ich fand den Text auch authentisch, einige schöne Details hast du geschickt in die Geschichte verwoben

Drogenabusus in einem märchenhaften Schleier, ich würde das Datum deines Textes im späten Mittelalter suchen. Dieser Drogenrausch ist, ja, gewaltig inszeniert. Dass dieses tierische Verlangen sich auch in den Gesichtern niederschlägt, fand ich sehr gelungen, auch wenn ich kurz überlegt habe, ob sie Masken tragen, da sie ja ziemlich genau benennen kann, wer wie aussieht und das Tierische nicht so eindeutig identifizierbar gewesen wäre, nehme ich an. Und am Ende frage ich mich, was phantasiert, was geträumt oder sich tatsächlich zugetragen hat, und ich mag es, dann dein Text sich ein bisschen, aber nicht endgültig, festlegt. Beispielsweise sehe ich in dem JÄGER das Gegenstück zu den TIEREN, und es ist tatsächlich auch eine grausame Parodie der Rechtssprechung, wie Moral generalisiert und dann Urteile daraus abgeleitet werden, dieses Hin- und Herdrehen von Sätzen, bis sie richtig liegen. Gut fand ich auch, wie amüsiert und stolz der Vater verfolgt, was Lana, die Tochter des Königs, tut und spricht.

Und: Ich mag den Namen Lana.

Ein paar Anmerkungen:

Tiergesichtige Gestalten glotzten auf sie herab - lüstern, geil, grimmig.
Vielleicht ohne „geil“ – lüstern und grimmig. Finde die zwei Worte eigentlich auch so ziemlich stark. Das Wort „tiergesichtig“ hat mir auch sehr gefallen, schon nach den ersten Zeilen sind da viele Bilder, auch Lärchenkernen, Gerstenkäfer, auch die Namen, Dargfrost zum Beispiel, was sich wie „Dunkler Forst“ anhört, gefällt mir sehr.

Dem Getöse des Orkans draußen entsprach das Spektakel im Inneren der Burg.
Wortwahl: Vielleicht „glich“ statt „entsprach“ (natürlich dann „glich dem Spektakel“)

fauchten im Chor die Stimmen der Tiermenschen, Männer mit Vogelköpfen, Hundeköpfen, Pferdeköpfen, und Lana spürte
Nur ein kleiner Vorschlag, wie man es auch hätte machen können:
Männer mit Köpfen von Vögeln, Hunden und Pferden, dann hast du die Wiederholung von „Köpfen“ nicht drin, die mich ein bisschen stolpern ließ, und die leise Anspielung mit „Vögeln“ – also, das mag sehr billig klingen, wenn ich das so begründe, aber wenn man das liest, denkt man da nicht dran, nimmt es aber unterbewusst war. Die Szene mochte ich: LECKT SIE, BEISST SIE!

"Die königliche Hure wird nie wieder so frisch sein, wie heute nacht!"
Muss „nacht“ hier große geschrieben werden? Ich bin kein großer Fan von Tasy, aber hier hast du mich erwischt, da wollte ich schon weiterlesen. Hab so ein bisschen das Feeling, was ich habe, wenn ich „Game of Thrones“ gucke.

und die Szene zersprang vor Lanas Augen wie das Glas eines Spiegels. Es war nun, als läge sie nicht mehr nur gefesselt auf dem Tablar, sondern stünde gleichzeitig auch neben dem Tisch und schwebte sogar über ihm.
Ich neige dazu, mich oft in Details zu verlieren, und da das der erste Text ist, den ich von dir kommentiere, hoffe ich, dass du mir das nicht übel nimmst. Aber ich möchte dir hier zeigen, dass man Bilder auch konsequent durchziehen muss. Die Szene zerspringt wie das Glas eines Spiegels, und begründet in diesem Satz, was ich dem „Es war nun“ entnehme, schwebt sie über sich. Aber die Splitter des Spiegels schweben nicht, die liegen da. So sind die beiden Bilder für sich genommen gut, aber zusammen widermalen sie sich. Perfekt gelöst wird es dann mit dem folgenden Satz:

Das Geschehen zersplitterte in so viele und so unterschiedliche Perspektiven, dass sie die Orientierung verlor und eine Zeitlang nicht wusste, ob dies alles sich gegenwärtig abspielte oder lediglich Erinnerung war.
Aber dieses Schweben widerspricht der Perspektivzersplitterung irgendwie.

Lana schrie, als sich der Pferdekopf zwischen ihre Beine senkte und die raue Zunge über die Innenseiten ihrer Schenkel rieb.
Reibt eine Zunge?
Vorschlag: „Lana schrie, als sich der Pferdekopf zwischen ihre Beine senkte und die raue Zunge an der Innenseite ihrer Schenkel spürte.“

Ein schwarzes Vogelgesicht hackte auf ihre Brüste nieder und eine verkrüppelte Pangestalt sprang auf den Tablar.
Richtig gut! (Ich fürchte bloß, der Artikel vor Tablar ist falsch, es müsste das heißen, guck mal, ob du das an anderer Stelle auch gemacht hast.)

Er reckte das Hinterteil in die Höhe, hob den pelzigen Schwanz und ließ seine schweren, warmen Hoden gegen Lanas Lippen klatschen.
Solch wunderbar eklig, vulgäre Szene muss man erst einmal so souverän aufs Papier bringen.

"Und deshalb verfüge ich, man soll - dir zur Strafe - deinem Sohn Arme und Beine brechen, auf dass er für immer als Krüppel und zur Mahnung aller Wankelmütigen sein Dasein friste."
Wie unglaublich mies!

Lanas Kiefern malten, als der Fremde zum Schluss kam:
Da hat dein Pinsel ein „h“ vergessen.

In den Reihen der Höflinge wurde gezischelt und geflüstert.
Doch, du lässt dir das nicht nehmen, sind echt viele schöne Wörter dabei, die man viel zu selten zu Gesicht bekommt.

"Und da ich dir zwar darin zustimme, dass mein Urteil zu streng ausfiel, nicht jedoch in dem Punkt, dass die Strafe ganz erlassen werden möge, lautet mein endgültiges Urteil, gegen das kein weiterer Einspruch statthaft ist… "
Am Ende das Leerzeichen vor die drei Punkte setzen.

Der Bauer und sein Sohn schauten erwartungsvoll herauf zur schönen Prinzessin.
„erwartungsvoll“? Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist. Sie fürchten ein härteres oder hoffen auf ein milderes Urteil, im erwartungsvoll steckt beides, aber eben keine Emotion, in welche Richtung diese Erwartung läuft.

"… man soll beiden, Vater und Sohn, die Gliedmaßen brechen, auf dass sie - in ihrem Elend vereint - sich gegenseitig trösten und ihr Leid halbieren mögen."
WIE UNGLAUBLICH MIES, und wie verdammt folgerichtig.

So, wie all die lustvollen Gesänge des Lebens schließlich im großen Schweigen verstummten, so wurde Lana vom Gerstenkäfer unweigerlich in die Stille geführt.
Geführt, oder eher gelockt?

Mir hat diese Entjungferung, dieses Herausreißen aus dem unschuldig Reinen, was dann schlussendlich die Rechtsprechung legitimiert, sehr imponiert. Deine Sprache ist hier sehr souverän, für meinen Geschmack etwas zu stark, aber das ist bloße Geschmacksfrage, hier mochte ich es sehr gerne lesen und du jonglierst ja nicht mit den Bildern, sondern schießt sie auf die Leser, dem allen wohnt tödliches Kalkül inne. Man kann die Geschichte in mehreren Ebenen lesen, die vulgären Szenen kommen nicht billig rüber, im Gegenteil, sie wirken sehr ansprechend und fürchterlich, trotz berauschter Ekstase greifbar nah und am Ende legst du dich nicht fest, was Recht und was Unrecht ist.

Einen Hauch Bariza nehme ich mit!

Beste Grüße
markus.
 
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Senior
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08.07.2012
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Hallo Schwups,

vielen Dank für Deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Ja, in diesem Text habe ich mit der Frage herumexperimentiert, ob und wie sich an den Gefühlen des Lesers der Prinzessin gegenüber etwas im Verlauf der zweiten Szene ändert.

Beim Schreiben ist mir dann selbst aufgefallen, wie stark meine Bewertung einer bestimmten Situation von dem abhängt, was ich als Ursache einer Ereigniskette ansehe. Ist Lana so fies, weil sie sich rächen will? Wird Lana so brutal misshandelt, weil das Volk sich an ihr rächen will?

Deine Einschätzung zur ethischen Dimension der Story teile ich durchaus. Ich frage mich, was es eigentlich mit dem Prinzip "Schuld und Sühne" in unserem Gefühlsleben auf sich hat, also warum es uns (oder den meisten von uns) eine gewisse Genugtuung bereitet, einen Menschen, der Böses getan hat, leiden zu sehen. Ist das dann gerecht?

Vielen Dank für Deine Zeit und Deine Gedanken.
Gruß Achillus



Hallo Markus,

ich habe mich sehr über Deinen ausführlichen Kommentar gefreut und bereits einige Deiner Verbesserungsvorschläge umgesetzt. Die Sprache ist bei dieser kleinen Geschichte wirklich etwas wuchtig geraten, da hast Du recht, aber ich fand es dem rustikalen Mittelalterthema noch angemessen.

Interessant fand ich Deine Überlegung, wie weit hier eigentlich die Phantasien sprich Illusionen gehen. Eine mögliche Lesart wäre ja durchaus, die gesamte erste Szene als masochistische Phantasie von Lana zu betrachten.

Genau wie Schwups interessiert mich das Thema von Schuld und Strafe, vor allem weil sich dort scheinbar ganz rationale Überlegungen (Verbrechen sollten von der Gemeinschaft geahndet werden, um die Menschen zum Guten zu erziehen und "böses" Handeln unattraktiv zu machen) sich bei genauerer Betrachtung als hochproblematisch herausstellen. In welchem Zusammenhang stehen beispielsweise Schuld, Sünde, Vergeltung, Sühne, Rache usw. Das alles ist sehr spannend.

Vielen Dank für Deine Zeit und Deine Mühe.
Gruß Achillus
 
Mitglied
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09.09.2012
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Servus Achillus,

Sprachlich souverän auf das Papier gebracht. Sehr wortgewaltig, was mir gut gefallen hat. Vom Inhalt her hat es mich leider nicht so gefesselt. Eine genaue Begründung kann ich dir leider nicht nennen, es ist einfach ein Gefühl. Irgendwie dachte ich immer an die Gebrüder Grimm.

Im Gegensatz zum Schwups gab es für mich keine überraschenden Wendungen in der Geschichte, was nun nicht als negativer Punkt zu verstehen ist.

Der Bauer stammelte etwas Unverständliches.

Dieser banal formulierte Satz passt nicht zum Stil deiner Formulierungen und unterbrach bei mir den Lesefluss.

"Solltest du, Tochter des Königs, es nicht besser wissen? Lehrten Erfahrung und Weisheit dich nicht, den Zorn des Volkes zu fürchten?"

Warum sollte sie es wissen? Sie ist jung und regieren tut immer noch der Papa. Vielleicht mag sie klug sein, aber Erfahrung und Weisheit ist aufgrund der Geschichte nach nicht klar ersichtlich. Aber dies sagt ja auch der mysteriöse Jäger und nicht der Erzähler ;).

Gibt es irgendeine Verbindung zur Sängerin "Lana del Rey"? Ich hab bei ihren Texten nie richtig zugehört.

viele Grüße
Kroko
 
Senior
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08.07.2012
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Hallo Kroko,

schön, mal wieder von Dir zu lesen. Ich freu mich immer, wenn Du über meine Texte schaust.

Ich denke schon, dass viele Leser vom "zweiten Akt" überrascht werden. Aber ich kann mich irren.

Inhaltlich ist das natürlich keine sonderlich komplexe Geschichte, und ehrlich gesagt habe ich meine Zweifel daran, ob das im klassischen Sinn überhaupt eine Geschichte ist. Ich habe mir ja Mühe gegeben, offen zu halten, wie das Ganze zu lesen oder zu bewerten ist.

Warum sollte sie es wissen? Sie ist jung und regieren tut immer noch der Papa. Vielleicht mag sie klug sein, aber Erfahrung und Weisheit ist aufgrund der Geschichte nach nicht klar ersichtlich.

Die Frage "Solltest du es nicht besser wissen?" lässt sich deuten als Hinweis auf ihre hochentwickelte Einsichtsfähigkeit, als Schmeichelei oder aber als Erinnerung an eine Erfahrung, in der sie schon einmal den Zorn des Volkes zu spüren bekam.

Gibt es irgendeine Verbindung zur Sängerin "Lana del Rey"? Ich hab bei ihren Texten nie richtig zugehört.

Wenn man sich das YouTube Video LANA DEL REY- BORN TO DIE anschaut, mit ihr als der weissen Königin und den beiden Tigern neben dem Thron, dann könnte man auf den Gedanken kommen - aber das ist reiner Zufall.

Beste Grüße
Achillus
 
Senior
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19.05.2008
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Hallo Achillus,

nur ganz kurz:

Beim Schreiben ist mir dann selbst aufgefallen, wie stark meine Bewertung einer bestimmten Situation von dem abhängt, was ich als Ursache einer Ereigniskette ansehe.
Ist zwar aus der Antwort für Schwups, aber das fand ich auch gut an deinem Text. Dass man nicht weiß, was zuerst kommt, ob es eine Entschuldigung ist für ihr Verhalten oder die Rache des Volkes. Und genau dass sich der Text hier nicht endgültig festlegt, macht einen ganz besonderen Reiz des Ganzen aus.

Beste Grüße
markus.
 
Senior
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29.01.2010
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Hallo Achillus

Der erste Satz liess mich mit seinen Formulierungen gleich in die Höhen von Fantasy entschweben.
Beim Zweiten fiel ich vorübergehend jedoch abrupt auf den Boden der Wirklichkeit zurück, da zwei unscheinbare Wörtchen mich aushebelten.

Zurück auf den Tablar, jener Drehscheibe aus Lärchenkern, die man in jedem Bordell von Dargfrost fand.

Erst fragte ich mich, ob es an meiner fehlend praktischen Bordellerfahrung liegen kann, hier von einem Objekt die Rede ist, das meiner Phantasie bis anhin unerschlossen blieb. Doch alles Rätseln und Raten über solche Etablissements half nichts, ich musste die Antwort bei mir finden. Von seinem lateinischen Ursprung tabularium (Archiv) zu tabula (Brett) gelangte ich immer zu der schweizerischen Abwandlung davon, dem Tablar, auch das Tablar und des Tablars (Brett in Regalen, Gestellbrett). Von tabula abgeleitet wird jedoch auch der Begriff Tablett, das u. a. zum Präsentieren dient. Im vorliegenden Fall erscheint es mir als die treffendere Bezeichnung, synonym für Präsentierteller, folglich also das Tablett.
Das jener Drehscheibe, welches Harry hinterfragte, ist m. E. dagegen korrekt.– Doch nun mit grossem Flügelschlag der Fantasy, zurück in die große Halle der Schneefeste.

stieß mit einem Tritt den Tablar an und ließ erneut die Peitsche knallen.

Hier nun: das Tablar oder treffender das Tablett.

Es war nun, als läge sie nicht mehr nur gefesselt auf dem Tablar, sondern stünde gleichzeitig auch neben dem Tisch und schwebte sogar über ihm. Das Geschehen zersplitterte in so viele und so unterschiedliche Perspektiven, dass sie die Orientierung verlor und eine Zeitlang nicht wusste, ob dies alles sich gegenwärtig abspielte oder lediglich Erinnerung war.

Eindrücklich diese Schilderung, wie sie unter dem Einfluss des Bariza, sich mehrdimensional wahrnimmt. Vage erinnere ich mich, wie Albert Hofman über seine Selbstversuche mit dem Mutterkorn berichtete oder Timothy Leary seine wahnhaften LSD-Trips verherrlichte, die mir in ihren Ausartungen jedoch erschreckend erschienen. Bei Deinem Wirkungsstoff weist es sich mehr wie von jenem Gehalt, die unter einer bestimmten Form von Depersonalisierung oder auch extremer Hyperventilation auftreten können, wobei diese nicht multipel sind.

Doch es war mir eine spannende und unheimlich bildhaft starke Geschichte, die ich da aufnahm. Vom Handlungsstrang her wirkt es mir etwas zergliedert. Ich könnte mir vorstellen, dass es noch intensiver wirken würde, wenn der mittlere Teil am Anfang stehen würde. Lana, die unerbittlich Recht spricht. Ihr Alptraum, unter dem Einfluss des Bariza, wirkte für den Leser dann wie kausale Gerechtigkeit. Wie sie am Ende auf dem Grabhügel ihrer Vorfahren steht dann ein verblüffender aber schöner Übergang zur Wirklichkeit, als der Hofmarschall an die Tür hämmert.
Dass das Ende offenbleibt, bewahrt den Lesern ihre Emotionen, ihre Aggression über die Bosheit von Lana, und haftet dadurch wohl länger als Geschichte in ihren Gedächtnissen. :D

Trotz der Annäherung an die Grenzen des Grausamen, eine fantastische Geschichte, die sich mit ihrer realitätszugewandten Auflösung dann als gut inszenierte Fantasy weist.

Gerne gelesen.

Schöne Grüsse

Anakreon
 
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08.07.2012
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Hallo Anakreon, fein, dass Du Zeit für Lana gefunden hast. Vielen Dank dafür.

Bei diesem Drehtisch handelt es sich eigentlich um ein Möbel aus der Fetisch-Szene, den Begriff habe ich aber erfunden und festgelegt als der Tablar. Darin sollte die Bedeutung von "präsentieren" mitschwingen.

Die LSD-Schilderungen kommen nicht von ungefähr. Der Gerstenkäfertrank ist ja in der Geschichte eine stark halluzinogene Substanz, so wie Meskalin oder eben LSD.

Ich hatte die Geschichte ja bewusst so konstruiert, dass eben offenbleibt, ob die Tablar-Szene als Auslöser der Gerichtsszene zu lesen ist oder umgekehrt. Das führt zur Frage, was das in der emotionalen Bewertung der einzelnen Szenen verändert.

Vielen Dank fürs Reinschauen, Anakreon!

Beste Grüße
Achillus
 
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04.08.2002
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Hallo Achillus
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Einer, der ganz wenigen, an denen ich auch gar nichts kritisieren kann. Die ersten Sätze führen sofort mitten ins Geschehen. Eine Geschichte, die bei mir Interesse nach mehr erweckt.
Nur hier habe ich gestzutzt:
jener Drehscheibe aus Lärchenkern,
meintest du Lärchenholz? oder Lärchenkernholz?
lg
Bernhard
 
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08.07.2012
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Hallo Bernhard,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich freue mich, dass Dir die kleine Geschichte gefallen hat.

meintest du Lärchenholz? oder Lärchenkernholz?

Ja, ich meinte das Kernholz der Lärche.

Beste Grüße
Achillus
 
Veteran
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19.02.2006
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Hallo Achillus,

ich forsche gerade in der Fantasy-Abteilung rum und suche nach inspirierenden Geschichten. Neulich habe ich erst deine Jaguar-Geschichte gelesen (Kommentar folgt noch) und davon beeindruckt, musste ich natürlich sehen, in welcher Form du dich hier im Fantasy-Bereich austobst. Und
wow!
Das nenne ich mal echt einen starken Text. Hebt sich deutlich ab von den meisten archetypischen Geschichten hier in der Rubrik. Nicht nur schreibtechnisch absolut top, sondern auch herrlich frisch und dabei heftig dicht und in meinen Augen unverbraucht.
Sehr gekonnt wie du mit dem Bild der Prinzessin spielst. Das ist schon echt mies wie du das drehst und plötzlich eine Wertung umkehrst im Leser. Hat mich echt beeindruckt.
Beide Teile sind sehr stark. Der zweite steigert sich sogar noch mehr, indem du die Grausamkeit mit dem Spruch Geteiltes Leid ist halbes Leid abartig auf die Spitze treibst.

ficken und geil, das sind die Wörter, die mich kurz rausgebracht haben. Bricht für mich aus der ansonsten archaisch passenden Sprache aus.

Äußerst gern gelesen!

grüßlichst
weltenläufer
 
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25.10.2009
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Einige der Kommentare verwirren mich.
Die Gerichtsszene wird von den anderen Lesern als Realität bezeichnet.

Auf mich wirkt sie eher so, als sei sie immer noch Teil des Rausches.
 
Mitglied
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23.02.2014
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Ganz schön intensiver Brocken, der Text. Ganz anders, als ich ihn mir bei dem Titel vorgestellt hatte. Hat mir die Geschichte gefallen?

Ich muss zugeben, dass ich die Gedankenleistung nicht zustande brachte, hier eine von dir gewünschte Reihenfolge der Teile zu rekonstruieren. Der Sinn erschloss sich mir erst, nachdem ich einige Kommentare durchgelesen hatte. Aber das ist ja nichts Schlechtes. Geschichten, die Raum zur Interpretation lassen, wirken meist am stärksten nach.

Positiv fand ich die barocke Sprache. Ich habe eine Schwäche dafür und fand die Wortgewalt sehr passend zu dem Setting. Die Verwendung von Tiermenschen ließ mich an ein Warhammer-Setting denken (wer es nicht kennt, ein Fantasy-Tabletop). Die Gerichtsszene war sehr klassisch gehalten und vorhersehbar. Aber keineswegs schlecht. Obwohl ich schon Zeilen vorher ahnte, wie das für den Bauern ausgeht, blieb das Urteil am Ende effektiv.

Störend fand ich den Namen Lana. Frostgard, König Gelferich ... da wirkte Lana auf mich irgendwie einfallslos. Auch ich musste an Lana Del Rey denken. Sicher nicht die Assoziation, die du beabsichtigt hast.

Es fällt mir schwer, die Geschichte schlussendlich einzuordnen. Der erste Teil ist obszön und düster, der zweite Teil wirkt stellenweise wie das Märchen, das man zuerst hinter dem Titel der Geschichte vermutet. Beide Kapitel stehen im Kontrast zueinander, berühren sich aber anhand der Grausamkeit.

Doch, ich glaube die Geschichte hat mir gefallen. Intensiver Stoff.
 
Senior
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08.07.2012
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Hallo Weltenläufer,

vielen Dank für Deinen Kommentar und das Lob. Ja, diese Fantasy-Geschichte ist recht derb und auch ein wenig grausam ausgefallen, aber man erkennt, glaube ich, dass es hier auch um die Frage geht, wie wir uns als Leser Urteile über Figuren bilden. Das hast Du ja in Deinem Kommentar beschrieben.

Schön, dass Du auch in die Jaguar-Geschichte reingelesen hast. Dein Statement dazu ist natürlich herzlich willkommen.

Beste Grüße
Achillus

Hallo Tashmetum,

auch Dir vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich finde Deinen Hinweis sehr interessant. Gegen die "Hauptwörterei" wenden sich ja auch Schreib-Lehrer und Schreib-Ratgeber. Ich bin da noch nicht ganz fertig mit. Wenn es ein wichtiges Subjekt gibt wie in "sie erwachte" mag das besser sein als "das Erwachen". Aber wenn es um "es krachte" oder "das Krachen" geht, finde ich zweites besser, denn "es" existiert ja nicht als Entität und gibt hier kein gutes Subjekt ab. Vielen Dank für Dein Lob zum Text.

Beste Grüße
Achillus

Hallo Schwarzer Ritter,

ich habe versucht, die Teile so zu konstruieren, dass mehrere Reihenfolgen im Ablauf der Ereignisse möglich sind. Ist die Vergewaltigung ein Ereignis nach dem Gerichtsprozess und vielleicht auch eine Folge/ Konsequenz daraus? Oder ist es umgekehrt? Und was würde das für die Beurteilung der Geschehnisse ändern? Ich gebe zu, dass das vielleicht noch nicht sonderlich geschickt gemacht ist. Es war erst mal ein Versuch.

Beste Grüße
Achillus

Hallo Exilfranke,

ja, das Zusammenstellen der Reihenfolge wollte ich als Option drinhaben, aber nicht als Muss. Ich finde, die Geschichte wirkt auch ohne das Puzzlespiel, denn verblüffend ist ja, dass der Leser Lana in zwei so verschiedenen Situationen und Rollen erlebt.

Mit dem Namen war ich anfangs auch nicht ganz glücklich, aber schlussendlich hatte ich mich beim Schreiben daran gewöhnt.

Was die Sprachgewalt betrifft, da hab ich bei diesem Stück ganz schön reingehauen, was ich sonst eher nicht mache. Aber fand es hier passend. Schön, dass Du damit etwas anfangen konntest. Vielen Dank für Dein Feedback.

Beste Grüße
Achillus
 

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