Leon
Er war all das, was ich nicht ausstehen konnte: ein Lügner, ein Spieler, ein diabolischer Zauberer, ein ungerechter Komödiant, ein Mann in der Frau, eine Frau im Mann, aber auch ein unbeholfenes, verwöhntes Kind. Sein Lachen war affektiert, erdfremd, galaktisch tief. Die hellblauen Augen wirkten stupide auf seinem blassen Gesicht eines Gefangenen, eines Drogensüchtigen, der sich in seinem Kokon ungestört und bequem gefühlt haben musste. Er liebte die glitzernde Farbe des Goldes und die giftgrüne Farbe des Geldes. Und trotzdem war er ein armseliger Bettler auf den Straßen der Großstädte und in fremden Betten, welche nach einem Mann und einer Frau und nach einem unbekannten Tier gerochen haben. Er wählte eine Welt ohne Tiefe, ohne irgendeinen Sinn, hat nie etwas gefragt und nie auf eine Antwort gewartet. Es war sowieso alles blöd, grundlos, und alles geschah aus einem Zufall. Wie der Strom hieß, in dem er geschwommen ist, wusste er auch nicht. Er wollte es absichtlich nicht wissen, denn es ist schöner, sich wie ein Stück Holz treiben zu lassen.
Irrtum, Irrtum! Das waren meine voreiligen Gedanken, eine transparente Wahrheit, die im Grunde nicht stimmte. Er war das, was man „anders“ nennen könnte. Er war einmalig. Verrückt in dieser „normalen“ Welt oder normal in diesem Zelt der Verrückten, in der Welt von Einzelgängern und Karnevalisten – oder lebte er in einer Welt der Auserwählten?
Ich traf ihn in einer Fußgängerpassage. Das Erste, was mir auffiel, war sein schläfriger tollpatschiger Gang. Sein großes Individuum trug einen dunklen, langen Mantel. Mein flüchtiger Blick traf sein apokalyptischen Gesicht und glitt an ihm herab bis zu seinen Füßen. Sie waren klein und unproportional zu seinem restlichen Körper. Jetzt war mir sein komischer Gang eindeutiger, auf irgendeine Art, leichter zu entschuldigen. Er konnte nichts dafür, dass seine Füße aus ihm ein groteskes Entlein gemacht haben. Ein paar Tage später traf ich ihn erneut. Diesmal war mir sein Gang uninteressant, sein Gesicht machte mich glühend und neugierig. Frech und direkt, ohne zu zögern suchte ich nach seinen Augen, seinen Gesichtskonturen, seinem Esprit. Seltsam, seine Augen waren nicht hellblau, wie ich sie mir in meiner ungezähmten Fantasie vorgestellt hatte. Sie strahlten bunte und warme Kristalle und lachten eigensinnig aus ihm heraus. Wahrscheinlich lachten sie gerade mich aus. Ich habe nie vorher zwei bunte Augen voller Regenbogenfarben gesehen, in denen sich ein selbstgenügsames, mysteriöses und prunkloses Leben spiegelte. Der Mantelmann blickte gelangweilt zurück als er mich kommen sah, und als unsere Augen sich berührten, überfiel mich ein bizarres Gefühl. Ein Fieber, das mich mit denn Krallen packte und nicht mehr losließ. Seine ganze Erscheinung machte mir Angst und löste bei mir eine strubbelige Gänsehaut aus. Nach diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, als ob ich ihn schon vorher gekannt hätte, aus einem früheren Leben und als ob das Schicksal die Regie für unsere Begegnung führte. Synchron dazu hörte ich einen stillen Gruß, den ich nicht deuten konnte. Eine geheime Mission war im Gange.
Eine Zeit lang machte er sich unsichtbar. Kein Schatten von ihm und keine Wärme seiner Augen in dieser wüstenähnlischen Landschaft, wo doch kleine, unsichtbare und fleißige Wesen am werkeln waren. In meinem Unterbewusstsein war er noch lebendig anwesend, magisch fesselnd, infizierend wie eine Epidemie. Warum, wusste ich es nicht, es war, als ob er verschleiert etwas von mir wollte, als ob eine Botschaft in der heißen Luft schweben würde. Widerspruchsvoll und fremd fühlte ich mich durch zufälligen oder absichtlich gelenkten Gedanken in seiner verworrenen Silhouette - aber auch autonomer, unkonventioneller. Einfach einzigartiger. Als ob ich über den Asphalt schwingen würde, zeichneten sich meine Alltagsmuster plötzlich nicht mehr schwarz-weiß ab, sondern schillernd wie ein Pfau, im Glücksspiel verloren, mysteriös, erwartend, immer noch schlummernd und verborgen in einem gewaltigen Vulkan, welcher jeden Moment loslegen könnte, um seine protzige Kraft in die Luft schießen zu lassen.
An einem schönen Abend, als die Sonne sich müde dem Westen näherte und ein flüchtiger Wind aufkam, bemerkte ich ihn wieder, auf einer Bank sitzend, ruhig wie eine Statue und schön wie ein Gemälde. Der Wind spielte freundlich und melodisch mit seinem Haar in diesem Dämmerlicht. Obwohl überall die Regungslosigkeit zu verzeichnen war, wusste ich nicht, was er machen würde und ob er überhaupt zu einer Bewegung fähig wäre. Würde er lachen, weinen, brüllen, ein Messer aus der Tasche ziehen, sich übergeben, sich eine schmackhafte Zigarette anzünden oder predigen wollen. Feenhafter süßer Duft kitzelte meine Nase. Wie in einem Schneckengang drehte er sich in meine Richtung und seine bunten, ironisch lachenden Mosaikaugen, luden mich ein, mich zu ihm zu setzen. Mein Herz pochte vor Angst, meine Hände zitterten wie Aale im kalten Wasser, meine purpurne Flüsse zirkulierten aufgewühlt und blubbernd wie in einem von Menschen verlassenem Laboratorium. Vor meinen Augen offenbarte sich eine visuelle Diashow, Bilder eines eruptiven Vulkans, die mächtige, heiße Lava herrschte über die schwarz gewordenen Steine, überall hervorquellende, glühende Flüssigkeit, ein Ausbruch, eine virtuose und vollendete Extase. Die Bilder wechselten. In einem runden, weißen Licht öffnete sich die Eingangstür des Paradieses. Friede und Stille waren seine unverkennbare Symbole, grüne Wiesen breiteten sich im Einklang mit Millionen von Blüten aus, ein prächtiger Mammutbaum zeigte stolz seine üppige Krone und trug auf seinem dicksten Arm einen Schaukelstuhl. Liebe und Geborgenheit flatterten im Herzrhythmus. Ein Asyl öffnete ungezwungen seine Tore für Wunder, die geschehen sollen.
Diashow brach ab. Bilder der Illusionen versanken gemächlich im runden, weißen Licht. Sie versteckten sich ohne Scham und ohne jede Versprechung.
„Mein Name ist Leon", sagte der Furcht erregende Mann und gab mir seine Hand. Eine schöne Hand, von einem, uns wohl bekannten Voyeur gemeißelt. Es war so, als ob mich ein starker Stromschlag getroffen und in einen epileptischen Anfall versetzt hätte. Etwas zögerlich nahm ich seine Hand entgegen, unfähig und paralysiert, ihn meinen Namen zu nennen. Das war auch nicht von Bedeutung, einen Namen kann man sich ausdenken, ihn frei wählen, oder nur sagen, ich lebe, ich bin, wie Gott ist, wie Welt ist. Sein dunkelroter, ästhetischer Mund fing an zu erzählen: apostolisch, abartig, obskur, feudalistisch, pompös, prädestiniert und philosophisch in einem federleichten Pianissimo-Präludium der Faszination. Eine Rakete stieg in die von Menschen verunreinigte Atmosphäre. Es knallte und donnerte, Blitze schlugen in meine erstaunten Augen. Zuerst verstand ich gar nichts von seiner Rede. Eine gerade Linie endet immer in einer Rundung.
Wo bin ich? Ein Verrückter, ein Utopist, ein perverser Snob, ein Egozentriker, ein Dramaturg, eine Null, ein Zauberer, ein Engel, zwei Teufel, ein Kind, ein Fanatiker, ein Heiliger. Die Bezeichnungen, die ich ihm anheften wollte, hatten auf meiner Liste kein Ende gefunden. Aber ich erwiderte nichts, gar nichts, verwandelte mich in eine sprachlose Mumie. Er redete ununterbrochen, erzählte Märchen, berichtete über Mögliches und Unmögliches. Meine Ohren wuchsen plötzlich und jedes Wort und jede Handbewegung haben sich in meinem inneren Schwamm aufgegeben. Stundenlanges Sitzen beieinander produzierte eine zeitlose Faszination, als ob uns jemand an diese beflügelte Bank festgeklebt hätte. Jedes Mal ging ich ein wenig neugeborener nach Hause, voll beeindruckt, voller Träume und Wahrheiten, die bisher verkapselt geschlafen hatten. Ein ausgedehnter Horizont öffnete sich von allen Seiten, zwar langsam, spazieren gehend, zögerlich, aber auch hoffnungsvoll. Der schwarzblaue Himmel vermehrte heimlich und unbemerkbar Anzahl seiner majestätisch leuchtenden und schweigsamen Sterne. Morgens, mittags, abends und nachts lebte ich für diese unsere Begegnungen, für diese rätselhaften Zusammenströmungen. Eine barbarisch wilde und rohe Sucht plagte und verteufelte mich gleichermaßen. In der Stille lauschte ich, hörte Stimmen, die nur in meinem Kopf existierten. Keine Langeweile drängte sich dazwischen. Eine blühende Oase näherte sich wie eine Fata Morgana auf mich zu. Leon redete immer viel, lebendig, manchmal in Rätseln und sehr häufig lateinisch. Eine Mumie hörte zu und lernte von ihm. Ein Professor der Philosophie wurde gefunden, ein Professor, der mir in erster Linie außer Wissen auch das Staunen eingetrichtert hatte. Zwei neue Augen hatte er mir gebührenfrei geschenkt, zwei große Kinderaugen. Über Nacht veränderte sich die Welt, wurde neu erschaffen, in noch schöneren Farben, in noch mehr Liebe für menschliche Zusammenführung. Ich war keine Sekretärin mehr, ich wurde zu einer Entdeckerin. Die geheime Botschaft war doch angekommen. Ich habe sie in mich reingelassen.
Leon hat sich plötzlich verzogen. Er wollte nichts von mir, er wollte mir nur eine Nachricht überbringen, mich vorurteilslos, tolerant und liebenswert machen.
Eine Zeit lang sah ich ihn nicht mehr. Die Sehnsucht, noch eine Geschichte von ihm zu hören, war so groß, dass ich fast wahnsinnig geworden wäre. Alles, was ich hasste, liebte ich plötzlich, alles, was ich liebte, veränderte sich, alles, was ich behalten wollte, verschwand, wie die Zeit im Fluss unseres geliehenen Lebens. Ich wurde krank, einheimste mir richtig einen mysteriösen Donnerschlag, erkannte die Facetten meiner Persönlichkeit und die Linien meiner Gedanken nicht mehr. Nur Leons Augen lachten weiter, ironisch, zynisch, frei und beeinflussend. Was ich gewonnen habe, war die wertvolle Zeit, in der ich alles richtig sortieren und deuten könnte, mich an jedes Wort erinnern könnte.
Drei Jahre danach entdeckte ich einen Artikel in der Zeitung. Die Überschrift lautete: "Berühmter Dichter vom LKW überrollt". Vergeblich versuchten die Medien, das Leben eines Genies zu analysieren. Keiner kannte ihn richtig, keiner sah jemals sein armseliges Schloss, seine fliegenden Pferde, seine zarten Blumen und seinen düsteren Wald. Er war ein pathologischer Lügner, ein Betrüger, mit der Fähigkeit, das Schwarz in das Weiß zu verwandeln, das Negative in das Positive, das Bittere in das Süße.
Gott, war ich wütend. Wie konnte er diese Welt so brutal verlassen und mich in eine göttliche Sehnsucht stürzen lassen? Meine Schmerzschreie anvertraute ich dem gnädigen Himmel, meinem einzigen Freund. Drei Jahre lang lebte Leon fort in meinen frischen Gedanken, in meiner Kindesseele und in meinem brennenden Herzen. Jetzt muss ich mich mit Idioten abgeben, verschiedenen Quatschtüten zuhören müssen und meine wertvolle Zeit mit unwichtigen Dingen vertrödeln. Ein ganzes Leben lang habe ich auf ihn gehofft und auf ihn gewartet. Was übrig geblieben war, war seine grau pulverisierte Asche, ein Rückstand des Mannes, der kein Mann war, er war das Leben selbst. Ja, das Leben selbst.
Auf einer Grabplatte aus schwarzem Granit steht: Dichter Leon, geboren irgendwann, gestorben vorgestern. Meine klagende Wut beruhigte sich langsam mit der heilenden Zeit. Auf dem Friedhof höre ich ihm weiter zu. Seine Geschichten sind mein Atem, mein Vorder -und Hintergrund, mein Himmel und meine Hölle gewesen.
Leon war nicht weg, er war lediglich als Vagabund unterwegs. Solche Menschen vergehen niemals, ihre Geschichten sind unsterblich und ein Leben muss stets zurückgegeben werden.