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Letzte Kurve

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03.09.2024
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Letzte Kurve

Hinter der letzten Kurve in dem Graben sitzt er. Zusammengekauert im Matsch. Höchstens dreizehn, vierzehn. Etwa so alt wie mein Sohn, als er noch lebte.
Er zielt mit der Waffe auf mich, ich zeige ihm meine leeren Hände. Seine Tarnjacke ist viel zu groß, die eine Seite zerrissen, das Sturmgewehr hält er mit links, es ruht auf seinen angewinkelten Knien. Der Helm liegt neben ihm.
„Komm nicht näher!“, sagt er. Sein rechter Arm ist bewegungslos.
„Bist du verletzt?“, frage ich.
„Noch einen Schritt!“, warnt er.
„Ich tu dir nichts!“, sage ich.
„Sagen alle, außerdem kannst du nicht, ich schon!“
Meine Hände bleiben oben.
„Willst du Wasser? Ich habe Wasser.“
Er sagt nichts, bewegt die Knie, die Haltung, in der er sitzt, ist verkrampft. Ich sehe, dass er Schmerzen hat. Ich zeige auf die Feldflasche an der Seite meines Gürtels.
„Ich kann dich abknallen, dann krieg ich es auch“, sagt er.
„Ich könnte es dir bringen“, sage ich.
„Du glaubst, ich bin blöd, oder?“
Ich rühre mich nicht.
„Ich habe einen Sohn in deinem Alter. Der ist auch nicht blöd. Der ist ziemlich schlau. Und ein guter Fußballspieler.“
Der Junge dreht seinen Kopf leicht und hustet, ein blutiges Rinnsal läuft aus seinem Mund, aber er lässt mich nicht aus den Augen.
„Welche Position?“, fragt er.
„Linksaußen, Sturm“, sage ich. „Und du?“
Er hustet wieder, versucht seine Knie zu bewegen, ohne dass das Gewehr herunterfällt.
„Defensive“, sagt er. „Auch links.“
Ich nehme langsam die Hände runter.
„Gute Linksverteidiger sind wichtig. Die Rechtsaußen der Angreifer sind meist die stärksten.“
Er nickt, seine Augen sind halbgeschlossen, die Beine zittern.
„Du brauchst Wasser“, sage ich und löse die Feldflasche vom Gürtel.
Er versucht, sich aufzurichten, aber das Gewehr gleitet ihm aus der Hand, fällt auf den schlammigen Boden. Er beobachtet mich, will die Waffe greifen, schafft es nicht.
Tränen laufen über sein Gesicht. Ich gehe langsam auf ihn zu und reiche ihm meine Flasche. Er trinkt hastig, hört nicht auf. Die Hälfte des Wassers läuft aus seinem Mund, weil er den Kopf nicht weit genug zurücknimmt. Ich nehme sie ihm aus der Hand.
„Nicht so schnell!“, sage ich.
Er lehnt seinen Rücken vorsichtig gegen die feuchte Erde des Schützengrabens.
„Tötest du mich?“, fragt er. „Ich habe keine Angst!“
„Ich töte keine Jungs, Fußballer schon gar nicht“, sage ich und gebe ihm die Flasche.
„Lebt dein Sohn noch?“, fragt er.
Ich schaue ihn an, er hat die Augen geschlossen.
„Spielt im Moment nicht, du weißt schon, der Krieg.“
Er zittert am ganzen Körper, als wäre ihm kalt.
„Manchmal haben sie noch Training“, füge ich hinzu.
„Schön“, sagt er leise.
Ich sehe, was sich hinter der zerfetzten Tarnjacke verbirgt. Sein Hinterkopf ist nur von der Seite zu erkennen, oder das, was davon übrig ist.
„In seinem letzten Spiel, das ich gesehen habe …“, fange ich an, aber er macht die Augen nicht auf.
„Erzähl weiter“, flüstert er.
„Naja, sie waren ziemlich gut und hätten gewonnen, wenn es nicht diesen Linksverteidiger gegeben hätte. Sie versuchten es immer wieder, wechselten sogar den Stürmer aus, aber da war kein Durchkommen.“
Er tastet nach meiner Hand, ich halte sie fest und erzähle weiter. Eine Geschichte über meine Frau, meinen Sohn und einen Linksverteidiger, dessen Namen ich nicht erfahren habe.

 

Hallo @Jaylow ,

finde sie ziemlich beeindruckend, deine kleine Kriegsszene. Gerade in ihrer Kürze, die fast wie ein Stilmittel für mich wirkt.
Hie und da würde ich etwas Feintuning machen. Aber es ist nichts Gravierendes.

„Sagen alle, außerdem kannst du nicht, ich schon.“
Ich würde das "du" an prägnantere Stelle setzen, vielleicht so: Sagen alle, ausserdem du kannst nicht, ich schon.
Ich nehme langsam die Hände runter, bewege mich ansonsten nicht.
Ich würde ihn nicht schon hier die Hände runternehmen lassen. Das passt besser später, ich zeige dir die Stelle gleich noch auf.
Er sagt nichts, bewegt die Knie, die Haltung, in der er sitzt, ist verkrampft, ich sehe, dass er Schmerzen hat.
Als Stilmittel würde ich hier zwei Sätze draus machen, weil dann jeder Satz eine tiefere Bedeutung erhält. Also: Er sagt nichts, bewegt die Knie, die Haltung, in der er sitzt ist verkrampft. Ich sehe, dass er Schmerzen hat.
Da du so verkürzt schreibst, was ich hier für diese Geschicht total passend finde, muss jeder Satz sitzen. Da müssen im Grunde genommen in jeder Kurzgeschichte alle Sätze, aber hier fällt es viel prägnanter auf, wenn es nicht der Fall ist. Je mehr man Sachverhalte und Aussagen in ein und denselben Satz setzt, desto mehr verlieren sie an Wirkung. Deswegen mein Rat, zwei Sätze zu bilden.
„Linksaußen, Sturm“, sage ich. „Und du?“
Nach diesem Satz würde ich die Hände runternehmen. Erst hier.
Tränen laufen über sein Gesicht.
Der Satz ist zu allgemein, fokussiere da mehr. Was genau sieht er?
Ich gehe langsam auf ihn zu und reiche ihm meine Flasche.
Dieser Satz wirkt auf mich auch zu ungenau. Wie wär es, wenn er mit der hingestreckten Flasche langsam auf ihn zugeht?
Ich nehme sie ihm weg.
Hier bist du mir zu schnell. Ich wünschte mir, dass du dieses Wegnehmen so darstellst, wie du es gemeint hast: Ein väterliches besorgtes Wegnehmen ist es ja, es hat ein ganz anderes Gewicht und eine andere Bedeutung. "Ich nehme sie ihm weg" klingt zu beliebig, zu hektisch.
„Wirst du mich töten?“, fragt er und sieht mich trotzig an. „Ich habe keine Angst!“
Das würde ich etwas anders tunen, für mich sieht er erst trotzig aus, wenn er sagt, dass er keine Angst hat, nicht schon vorher.
Sein Hinterkopf ist nur von der Seite zu erkennen, oder das, was davon übrig ist.
Mir reicht diese Andeutung in ihrer Grausamkeit vollends aus. Gut gemacht an dieser Stelle.
Aber ich bin auch eine Logikfanatikerin und habe mich an dieser Stelle gefragt, ob er den Kopf noch so nach hinten legen konnte, um aus der Feldflasche zu trinken. Vielleicht, ich kenne ja deine genaue Vorstellung von der Verletzung nicht, könntest du einen beobachtenden Satz, wie quasi eingeschränkt bzw. behindert er aus der Flasche trinkt, weiter oben dazusetzen?

Danke für diese wertvolle Geschichte!

Lieben Gruß

lakita

 

Hallo @Jaylow

Ein Soldat, der sich im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschlichkeit bewahrt hat. Wunderbar, wie er auf den Jungen eingeht, trotz der anfänglichen Gefahr. Das ist wirklich gut beschrieben, finde ich, und durch diese kleine Szene wird die Unmenschlichkeit des Krieges deutlich.

Denn:

„Ich habe einen Sohn in deinem Alter. Der ist auch nicht blöd. Der ist ziemlich schlau. Und ein guter Fußballspieler.“
Das ist so ein Satz, den ich hinterfrage. Aber andere schon? Und wenn der Junge nicht verletzt gewesen wäre und bereit, ihn zu töten? Menschlichkeit kann man sich im Krieg wohl nur begrenzt bewahren.

Der Text liest sich so weg, ohne große Stolperer.
Ich habe nur an zwei Stellen ein überflüssiges Apostroph entdeckt.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Jaylow!

Das ist in meinen Augen ein gut geschriebener, verdichteter und sympathischer Text. Erinnerte mich leicht an die Schützengraben-Begegnungsszene in Remarques "Im Westen nichts Neues", aber es ist keine Kopie. Aus dem Feind wird ein Mensch/ein Kind, aus Bedrohung Hilfeleistung. Die Idee mit dem Fußball ist stark.

Die Situation ist spannend, der Dialog ist spannend. Viel Gefühl auf wenig Raum und das wieder, ohne in Sentimentalität abzurutschen. Das gilt auch für das Ende.

Insgesamt also schon fast fertig.
Ein paar Punkte hätte ich noch zum Überlegen.

Erstens: Ein wenig zu 'gebaut' ist der Dialog schon:

„Ich habe einen Sohn in deinem Alter. Der ist auch nicht blöd. Der ist ziemlich schlau. Und ein guter Fußballspieler.“
Das kommt mir zu schnell. Hier ist die Lage noch unklar, und das ist gut so. Nach diesem Satz ist klar, wie es weitergehen wird. Das nimmt Spannung weg. Außerdem ist der Satz zu lang für die Lage.

Komm´ nicht näher!“, sagt er. Der rechte Arm bleibt bewegungslos.
„Bist du verletzt?“, frage ich.
Noch einen Schritt!“, warnt er.
Da würde ich auch minimal kürzere Sätze erwarten. 'Komm nicht näher' ist in dem Kontext schon als lang einzustufen. „Halt!“ oder „Stehen bleiben!" klingt in meinen Ohren besser.
'Noch einen Schritt!' ist okay, aber „Keinen Schritt mehr!" vlt. einen Tacken direkter.
Nächste Stelle:
Wirst du mich töten?“, fragt er und sieht mich trotzig an. „Ich habe keine Angst!“
Ich töte keine in deinem Alter, Fußballer schon gar nicht“, sage ich und gebe ihm die Flasche.
Ähnlich. Hier klingt „Tötest du mich (jetzt)“ direkter statt der grammatisch glatten Futurform 'Wirst du mich ...'. Die Antwort darauf erscheint mir leicht 'gebaut'. Erst mal würde der Prota bei mir erst mal 'Nein' sagen. Und nicht 'in deinem Alter'. Sondern schnell und direkt:
„Nein. Ich töte keine Jungs. Und Fußballer erst recht nicht.“

Dementsprechend würde ich dir empfehlen, den ganzen Dialog noch mal durchzusehen: auf Direktheit. In dieser Lage hat wohl keiner die Nerven, glatte Sätze zu formulieren.
Auch die Schlussformulierung ist fast zu elegant, nimmt die dreckige Realität auf die Seite.

Ein Logik-Punkt ist die Schwere der Verletzung des Jungen. Also mit halb weggeschossenem Hinterkopf noch so lange Unterhaltungen zu führen, keine Ahnung – das halte ich für nicht möglich. Da wäre ein Bauchschuss wohl anders, allerdings spielen da starke Schmerzen mit. Oder die Verletzung müsste sich schon vorher auswirken, zum Beispiel auf die Fähigkeit des Jungen, sich auszudrücken. So, wie es jetzt ist, kaufe ich es nicht ganz :)

Hoffe, du kannst was damit anfangen,
Gruß
Flic

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Jaylow

Dein Text hat mir insgesamt gut gefallen. Den Fussball als Brücke für Menschlichkeit in einem Kriegszenario zu verwenden, fand ich auf jeden Fall interessant und habe ich so noch nicht gelesen. Auch der reduzierte Stil passt zum Setting. Ich habe trotzdem ein paar Dinge gefunden, die für mich noch nicht ganz rund waren, und liste sie Dir mal auf, vielleicht ist ja was dabei, was Du gebrauchen kannst.

Hinter der letzten Kurve in dem Graben sitzt er.
Der Satz ist grammatikalisch wackelig, holprig. Bspw. Er sitzt im Graben hinter der letzten Kurve wäre straight-foward, näher am Ton des Ursprungssatzes: Im Graben hinter der letzten Kurve sitzt er. Wobei ich finde, ersteres wäre passender, weil Du sonst auch keine solchen Konstruktionen im Text hast.

Schwerer wiegt für mich aber die Bildlogik: Vor allem in Kombination mit dem Titel 'Letzte Kurve', weil ich dachte, er -- der Junge -- sitze in einem Strassengraben und ich, der Leser, befände mich in einem Strassenszenario. Das führte gleich zu Beginn zu einer Fehlorientierung.

Ich könnte dich abknallen, dann krieg´ ich es auch“, sagt er.
„Ich könnte es dir bringen“, sage ich.
Du glaubst, ich bin blöd, oder?
Ich bewege mich nicht.
„Ich habe einen Sohn in deinem Alter. Der ist auch nicht blöd. Der ist ziemlich schlau. Und ein guter Fußballspieler.“
Der Junge dreht seinen Kopf leicht und hustet, ein blutiges Rinnsal läuft aus seinem Mund, aber er lässt mich nicht aus den Augen.
Welche Position?“, fragt er.
„Linksaußen, Sturm“, sage ich. „Und du?“
Der Übergang von der Bedrohung zum Gespräch über Fussball erfolgt sehr abrupt. Der Junge befindet sich in einer extremen Situation und kippt innerhalb weniger Sätze in einen fast schon vertraut wirkenden Dialog. Dadurch verliert die Szene spürbar an Spannung und wirkt konstruiert. Die Grundidee funktioniert, aber der Text nimmt sich nicht genug Zeit, diesen Vertrauensaufbau glaubhaft zu entwickeln.

„Gute Linksverteidiger sind wichtig. Die Rechtsaußen der Angreifer sind meist die stärksten.“
An solchen Stellen, denke ich, wären die Dialoge stärker, wenn sie knapper wären. Hier würde ich den zweiten Satz einfach streichen.

„Tötest du mich?“, fragt er und sieht mich trotzig an. „Ich habe keine Angst!“
Das würde ich auch streichen. Die trotzige Haltung ist in der direkten Rede bereits enthalten (Ich habe keine Angst!), der Zusatz wirkt deshalb redundant.

„Spielt im Moment nicht, du weißt schon, der Krieg.“
Das Unterstrichene liest sich, als würde er dem Jungen erklären müssen, was Krieg bedeutet bzw. für Auswirkungen hat. Das weiss der doch längst selber. Falls der Erzähler das mehr an sich selbst richtet, bzw. an seinen eigenen toten Sohn, kommt das nicht deutlich genug heraus. Würde ich mir überlegen.

Sein Hinterkopf ist nur von der Seite zu erkennen, oder das, was davon übrig ist.
Die Schwere der Verletzung steht für mich nicht im Einklang mit der vorherigen Darstellung. Der Junge ist zuvor noch in der Lage zu zielen, zu sprechen und zu reagieren. Die massive Kopfverletzung erscheint hier auch erst sehr spät und wirkt dadurch nicht wie eine organisch entwickelte Zuspitzung aus dem Text heraus. Ich würde entweder die Art der Verletzung anpassen oder die bestehende besser vorbereiten. So wie jetzt, wirkt es auf mich eher unglaubwürdig.

Beste Grüsse,
d-m

 

finde sie ziemlich beeindruckend, deine kleine Kriegsszene. Gerade in ihrer Kürze, die fast wie ein Stilmittel für mich wirkt.
Vielen Dank @lakita, die Freude ist groß!
Ich würde das "du" an prägnantere Stelle setzen, vielleicht so: Sagen alle, ausserdem du kannst nicht, ich schon.
Hier bin ich nicht sicher, ich denke, ich bleibe bei meiner Version ...
Ich würde ihn nicht schon hier die Hände runternehmen lassen. Das passt besser später, ich zeige dir die Stelle gleich noch auf.
... während diese Stelle besser positioniert werden kann, vielen Dank für deine Idee! Ich habe das umgestellt.
Als Stilmittel würde ich hier zwei Sätze draus machen, weil dann jeder Satz eine tiefere Bedeutung erhält. Also: Er sagt nichts, bewegt die Knie, die Haltung, in der er sitzt ist verkrampft. Ich sehe, dass er Schmerzen hat.
Bin völlig deiner Meinung. Geändert.
Der Satz ist zu allgemein, fokussiere da mehr. Was genau sieht er?
Mit den Tränen weiß ich nicht, er sieht ja nichts, fühlt sich nur hilflos, weil er merkt, dass er aufgrund seiner Verletzung das Gewehr nicht mehr greifen kann.
Hier bist du mir zu schnell. Ich wünschte mir, dass du dieses Wegnehmen so darstellst, wie du es gemeint hast: Ein väterliches besorgtes Wegnehmen ist es ja, es hat ein ganz anderes Gewicht und eine andere Bedeutung. "Ich nehme sie ihm weg" klingt zu beliebig, zu hektisch.
Ich weiß, was du meinst. Dieses "väterliche" ist ja ganz wichtig, hab versucht, das zu mildern, dieses einfach nur "weg".
Mir reicht diese Andeutung in ihrer Grausamkeit vollends aus. Gut gemacht an dieser Stelle.
Aber ich bin auch eine Logikfanatikerin und habe mich an dieser Stelle gefragt, ob er den Kopf noch so nach hinten legen konnte, um aus der Feldflasche zu trinken.
Eigentlich hat mir diese Andeutung auch gefallen, die Frage ist tatsächlich die der Logik. Ich habe die Kopf-Problematik nun bereits beim Trinken erwähnt um vorzubereiten. Vielleicht reicht es aber nicht und ich muss die Art der Verletzung einfach umschreiben.
Danke für diese wertvolle Geschichte!
Großes Lob trotz deiner Kritikpunkte, wie schön! Bei dir darf ich mich für deine wertvollen Hinweise bedanken!

Schönes Wochenende wünscht

Jaylow


Hallo @Sturek,

ebenfalls ein großes Dankeschön fürs Lesen.

Ein Soldat, der sich im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschlichkeit bewahrt hat. Wunderbar, wie er auf den Jungen eingeht, trotz der anfänglichen Gefahr. Das ist wirklich gut beschrieben, finde ich, und durch diese kleine Szene wird die Unmenschlichkeit des Krieges deutlich.
Wenn es so rüberkommt, ist es natürlich toll!
Das ist so ein Satz, den ich hinterfrage. Aber andere schon? Und wenn der Junge nicht verletzt gewesen wäre und bereit, ihn zu töten? Menschlichkeit kann man sich im Krieg wohl nur begrenzt bewahren.
Dein letzter Satz sagt eigentlich alles!
Der Text liest sich so weg, ohne große Stolperer.
Ich habe nur an zwei Stellen ein überflüssiges Apostroph entdeckt.
Freut mich sehr, die Apostroph-Fehler sind bereinigt! Danke für den Hinweis!

Beste Grüße an dich von

Jaylow

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @FlicFlac,

Das ist in meinen Augen ein gut geschriebener, verdichteter und sympathischer Text. Erinnerte mich leicht an die Schützengraben-Begegnungsszene in Remarques "Im Westen nichts Neues", aber es ist keine Kopie. Aus dem Feind wird ein Mensch/ein Kind, aus Bedrohung Hilfeleistung. Die Idee mit dem Fußball ist stark.
Remarque habe ich als Jugendlicher gelesen, leider keine große Erinnerung mehr daran, außer dass ich beeindruckt war.
Die Situation ist spannend, der Dialog ist spannend. Viel Gefühl auf wenig Raum und das wieder, ohne in Sentimentalität abzurutschen. Das gilt auch für das Ende.
Das mit der Sentimentalität ist mir sehr wichtig! Es besteht bei solchen Geschichten ja immer eine gewisse Gefahr. Bin sehr froh, dass du es nicht so empfindest.
Erstens: Ein wenig zu 'gebaut' ist der Dialog schon:
Ich habe mir die Dialoge nochmal angeschaut. Du hast völlig recht, teilweise zu "gebaut". Ich habe bereits ein paar Dinge geändert, aber ich fürchte, da ist noch Luft nach oben.
Das kommt mir zu schnell. Hier ist die Lage noch unklar, und das ist gut so. Nach diesem Satz ist klar, wie es weitergehen wird. Das nimmt Spannung weg. Außerdem ist der Satz zu lang für die Lage.
Denke ich drüber nach, Spannung will ich natürlich nicht wegnehmen.
Da würde ich auch minimal kürzere Sätze erwarten. 'Komm nicht näher' ist in dem Kontext schon als lang einzustufen. „Halt!“ oder „Stehen bleiben!" klingt in meinen Ohren besser.
'Noch einen Schritt!' ist okay, aber „Keinen Schritt mehr!" vlt. einen Tacken direkter.
Bin unsicher: In amerikanischen Filmen sind die Worte, wenn sie dumme Nazis darstellen, immer: "Achtung!", "Halt!". "Stehenbleiben!" ist so ... , weiß du, was ich meine? Mal sehen, ob mir eine kürzere Variante einfällt.
Ähnlich. Hier klingt „Tötest du mich (jetzt)“ direkter statt der grammatisch glatten Futurform 'Wirst du mich ...'. Die Antwort darauf erscheint mir leicht 'gebaut'. Erst mal würde der Prota bei mir erst mal 'Nein' sagen. Und nicht 'in deinem Alter'. Sondern schnell und direkt:
„Nein. Ich töte keine Jungs. Und Fußballer erst recht nicht.“
Futur ist Unsinn, du hast recht, habe ich geändert!
Ein Logik-Punkt ist die Schwere der Verletzung des Jungen. Also mit halb weggeschossenem Hinterkopf noch so lange Unterhaltungen zu führen, keine Ahnung – das halte ich für nicht möglich. Da wäre ein Bauchschuss wohl anders, allerdings spielen da starke Schmerzen mit. Oder die Verletzung müsste sich schon vorher auswirken, zum Beispiel auf die Fähigkeit des Jungen, sich auszudrücken. So, wie es jetzt ist, kaufe ich es nicht ganz
Ja, das ist natürlich die Frage! Ich habe das nun etwas mehr vorbereitet, aber ob das realistisch ist? Ich weiß es nicht. Bei der Fähigkeit zu trinken, habe ich bereits die "Behinderung" angedeutet. Ob es möglich wäre, so eine Unterhaltung zu führen (die allerdings schnell ins Wegdämmern driftet)? Ein bisschen kann ich mir das schon vorstellen (vielleicht nur, weil ich das Überarbeiten scheue?). Ich werde mal rausfinden, wo die kognitiven Fähigkeiten im Gehirn verankert sind, sonst muss halt anders!

Hoffe, du kannst was damit anfangen,
Wie immer jede Menge! Vieles ist bereits geändert, herzlichen Dank für die wichtigen Hinweise und ein sonniges Wochenende wünsche ich dir!

Jaylow

Hallo @deserted-monkey,

Dein Text hat mir insgesamt gut gefallen. Den Fussball als Brücke für Menschlichkeit in einem Kriegszenario zu verwenden, fand ich auf jeden Fall interessant und habe ich so noch nicht gelesen. Auch der reduzierte Stil passt zum Setting. Ich habe trotzdem ein paar Dinge gefunden, die für mich noch nicht ganz rund waren, und liste sie Dir mal auf,
freut mich ausgesprochen!
er Satz ist grammatikalisch wackelig, holprig. Bspw. Er sitzt im Graben hinter der letzten Kurve wäre straight-foward, näher am Ton des Ursprungssatzes
Ja, denke darüber nach, eigentlich gefällt mir das Intro so.
Schwerer wiegt für mich aber die Bildlogik: Vor allem in Kombination mit dem Titel 'Letzte Kurve', weil ich dachte, er -- der Junge -- sitze in einem Strassengraben und ich, der Leser, befände mich in einem Strassenszenario. Das führte gleich zu Beginn zu einer Fehlorientierung.
Hier denke ich tatsächlich, dass spätestens im vierten, fünften Satz die Szenerie klar ist. Ist die Frage, ob der Leser gleich im ersten Satz aufgeklärt sein muss.
Der Übergang von der Bedrohung zum Gespräch über Fussball erfolgt sehr abrupt. Der Junge befindet sich in einer extremen Situation und kippt innerhalb weniger Sätze in einen fast schon vertraut wirkenden Dialog. Dadurch verliert die Szene spürbar an Spannung und wirkt konstruiert. Die Grundidee funktioniert, aber der Text nimmt sich nicht genug Zeit, diesen Vertrauensaufbau glaubhaft zu entwickeln.
Ich fürchte, da ist was dran.
Das würde ich auch streichen. Die trotzige Haltung ist in der direkten Rede bereits enthalten (Ich habe keine Angst!), der Zusatz wirkt deshalb redundant.
Sehe ich auch so, habe ich gestrichen, vielen Dank!
Das Unterstrichene liest sich, als würde er dem Jungen erklären müssen, was Krieg bedeutet bzw. für Auswirkungen hat. Das weiss der doch längst selber. Falls der Erzähler das mehr an sich selbst richtet, bzw. an seinen eigenen toten Sohn, kommt das nicht deutlich genug heraus. Würde ich mir überlegen.
Im Prinzip ist das richtig. An dieser Stelle wollte ich mehr: Zum einen natürlich das Verschweigen des Todes seines eigenen Sohnes, aber nach der Reaktion des verletzten Jungen die weitere Relativierung, um dem Jungen etwas Positives zu vermitteln. Man kann das reduzieren, hier will ich deutlich sein.
Die Schwere der Verletzung steht für mich nicht im Einklang mit der vorherigen Darstellung. Der Junge ist zuvor noch in der Lage zu zielen, zu sprechen und zu reagieren. Die massive Kopfverletzung erscheint hier auch erst sehr spät und wirkt dadurch nicht wie eine organisch entwickelte Zuspitzung aus dem Text heraus. Ich würde entweder die Art der Verletzung anpassen oder die bestehende besser vorbereiten. So wie jetzt, wirkt es auf mich eher unglaubwürdig.
Ja. Ich habe versucht, die Behinderung, verursacht durch die Kopfverletzung, etwas früher anzudeuten; vermutlich reicht das noch nicht. Evtl muss ich tatsächlich die Art der Verletzung anpassen.

Wie immer darf ich mich für deine wertvolle Einschätzung bedanken!

Besten Gruß von

Jaylow

PS: Auch ich möchte dir sehr herzlich zu der Empfehlung für den "Geigenvogel" gratulieren!

 

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