Was ist neu

Lila

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Anmerkungen zum Text
Ich habe oft sehr merkwürdige Träume. Manche sind so merkwürdig, dass ich sie aufschreibe. Nachfolgend einer davon ...

Lila

Es war eine Stadt wie eine Arena. Quadratisch, von hohen Mauern umringt. Man konnte problemlos von einer zur anderen Seite sehen. Außerhalb der Wände war nichts. Nur karge, ebene Wüste.

Die Hochhäuser waren nur Attrappen, fensterlose graue Bauklötze. Es gab eine große Straßenkreuzung im Zentrum, aber kein Auto weit und breit. Die Verkehrsschilder waren willkürlich aufgestellt, an völlig sinnlosen Stellen, teilweise der Straße abgewandt. Die Ampeln funktionierten nicht. Die Grünflächen bestanden aus Kunstrasen und Plastikblumen.

Wir waren eine kleine Gemeinde, mit einem König an der Spitze. Der König war ein chauvinistischer Tyrann, hatte fünf oder sechs Frauen und ein starkes Alkoholproblem. Doch es wurde ein neuer gewählt, quasi das genaue Gegenteil: respektvoll, besonnen und interessiert an der Bevölkerung. Doch auch er fand keine Lösung für das, was die Stadt regelmäßig heimsuchte.

Es war ein zwei Meter großes Monster, das irgendwo außerhalb der Mauern lebte. Manchmal kletterte es auf einen der Betonklötze – den einzigen, der knapp hinter der Grenze stand – und ließ seinen Blick über die Arena schweifen, als überlegte es, wie es sich diesmal durch die Gassen bewegen würde. Denn das Ganze hatte System. Es passierte alle paar Stunden. Nicht immer kam das Monster auch wirklich nach unten in die Stadt. Aber wenn, dann kündigte es sich mit einem durchdringenden Heulen an, einem Gemisch aus Löwengebrüll und Sirene. Es war der Startschuss für die nächste Runde. Die nächste Runde von was?

Ich ging gerade unweit der Mauer entlang, als ich das Monster auf dem Hochhaus erspähte. Seine Krallen blitzten im Sonnenlicht, seine Mähne selbst sah aus wie die Sonne. Ich erstarrte und hielt die Luft an. In der Stadt war es totenstill. Das war es eigentlich immer. Aber jetzt konnte man sogar die Stille hören.

Dann kam das Heulen – es ging los. Mit einem Satz landete das Monster zwischen den dicht aneinandergereihten Betonklötzen. Schnell suchte ich eine Leiter, die mich auf einen der kleineren Quader führte, vielleicht zehn Meter hoch. Von dort konnte ich das Biest wild durch die Straßen preschen sehen. Seine Löwenmähne und sein zorniges Gesicht, seine Reißzähne und Pranken. Warum nur trug es menschliche Kleidung?

Das Monster schlug Haken um die perfekt rechtwinkligen Gassen, bahnte sich seinen Weg ins Zentrum der Stadt: zu der breiten Hauptstraße mit den Grünflächen. Hier war alles eben, es war der einzige Ort, an dem die Sicht nicht durch die Hochhäuser gebrochen wurde. Und hier befanden sich im Moment auch die einzigen, wenigen Menschen.

Ich stieg die Leiter hinab und lief in die Mitte. Auf der Straße lag eine blutende Frau, um sie verstreut standen die Bewohner, vielleicht zehn Leute. Ein Arzt kniete bei der Verletzten. Niemandem waren diese Situationen unbekannt. Es gehörte einfach dazu. Selbst das Monster, so wild und blutrünstig es schien, war eigentlich nur ein Teil des ganzen Rätsels. Es war in einiger Entfernung zu sehen, im Schatten der Hochhäuser, schlug seine Pranken in den Boden und beobachtete. Beobachtete.

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Ich komme einfach nicht dahinter“, sagte er. Die Frau, um die er sich gekümmert hatte – oder hatte er überhaupt etwas gemacht, außer neben ihr zu knien? – sah mit leerem Blick zu ihm hoch. Nicht schmerzverzerrt, nicht verzweifelt. Nur ernüchtert. Als hätte sie akzeptiert, dass es dieses Mal eben sie war. Nächstes Mal dann eben ein anderer.

Wir unterhielten uns eine Weile über das Problem. Aber weder konnte es irgendjemand recht in Worte fassen, noch gab es auch nur den Hauch einer Idee, was das Monster war und wieso es regelmäßig einen von uns holte. „Das ist doch alles die Schuld vom König!“, grölte irgendein Mann. Der Vorwurf schien aus der Luft gegriffen.

Der Arzt, der eine Weile mit dem Rücken zu uns gegrübelt hatte, trat nun an die Gruppe zurück. „Ich gehe rein“, sagte er. „Ich finde irgendetwas.“ Wie alles andere löste auch das kaum eine Reaktion in der Menge aus. Alles wurde mit einem Schulterzucken quittiert, einem Kopfschütteln abgetan. Als zählte nichts mehr und als wäre nichts wirklich aussichtsreich oder es wert, es überhaupt zu versuchen. Doch ein kleines bisschen Neugierde blitzte in den Augen der Leute auf. Und so folgten alle dem Arzt, als er die sterbende Frau auf die Arme nahm und zu dem Monster herübertrug.

Das Monster war inzwischen in einen Zustand der Metamorphose übergegangen. Es klebte an einem der Betonklötze, seine löwenartige Erscheinung nur noch in Ansätzen erkennbar. Es pulsierte und leuchtete. Auch dieser Anblick war nicht neu. Aber er stellte uns mit Abstand vor die meisten Rätsel.

Der Arzt ging auf das formlose Etwas zu, hielt die Frau fest umklammert. Die anderen standen im Halbkreis um ihn herum. Manche tuschelten, die meisten schwiegen. Das Monster öffnete sich. „Jetzt frisst es sie“, sagte ein Mann. Doch es war kein Fressen. Es war mehr ein Vereinigen.

Fühler wuchsen aus dem Wesen hervor, tasteten nach der Frau. Normalerweise war die betroffene Person um diese Zeit bereits tot. Aber der Arzt hatte den Prozess verkürzt, indem er sie zum Monster hingetragen hatte. Vielleicht dachte er, das änderte irgendetwas. Vielleicht erschöpften sich auch unsere Optionen.

Als die Frau anfing zu schmelzen, bat der Arzt um seinen Koffer. Ich reichte ihn ihm. Er nahm ein Skalpell heraus und trat an das Monster heran. Wartete aber noch.

Das wabernde Etwas stülpte sich mit immer größeren Geschwülsten über das, was einmal die Frau gewesen war. Sie ging in ihm auf, dehnte sich wie Gummi, zerfloss in alle Richtungen. Ihre Haut wie ein Anzug abgestreift, das Gesicht wie eine Maske, eine Maske mit Löchern, wo Augen und Mund sein sollten. Unmöglich zu erkennen, welche Emotion es gerade zeigte. Wie in einer Lupe tauchten einzelne Körperteile auf, grotesk vergrößert. Ich erkannte zwei riesige Zungen, die sich feucht ineinander schlangen. Dann ein Ohr, einen Finger. Ich hörte weit entfernte Stimmen, die sich miteinander unterhielten. Nichts davon war echt, oder? Das Monster wollte uns nur etwas zeigen, das wir nicht zu entschlüsseln vermochten.

Es änderte jetzt auch seine Farbe. Beziehungsweise nahm es zum ersten Mal eine wirkliche Farbe an. Es wurde lila. Aus einem Wirbel aus „Leuchten“, einem astralem Licht, wurde ein plumpes, homogenes Lila. Seltsam homogen. Fest und fleischig. Wie ein perfekt glatter, prall gefüllter Schlafsack. Hier und da beulte es sich noch, als wollte etwas aus dieser zähen Masse herausbrechen. Aber abgesehen davon kam es zur Ruhe. Zu einer schweren, trägen Ruhe.

Der Arzt setzte das Skalpell an und nahm einen Einschnitt vom einen bis zum anderen Ende des lila Sacks vor. Die Klinge drang problemlos ein, hinterließ aber keinen sichtbaren Schnitt in dem gummiartigen Material. Doch es wuchs nicht einfach wieder zusammen. Es war gar nicht erst beschädigt. Der Sack wurde geöffnet, und aber auch nicht. Er war prall gefüllt, und aber auch leer. Trotzdem gelang es dem Arzt, seine Hände in die unsichtbare Ritze zu schieben und in das Ding einzutreten. Es umschlang ihn mit lila Tentakeln, machte knautschende Geräusche. Der Arzt hantierte weiter mit dem Skalpell. Ich konnte von der Seite sehen, wie er die Stirn runzelte und sich umsah, als betrachtete er eine defekte Maschine, deren Fehler er einfach nicht finden konnte. Mehr und mehr verschwand sein weißer Kittel im makellosen Lila, das hässlich und widerlich war. Als verspottete es sämtliche Ästhetik, als wäre es das Pendant zu Schönheit und Farbe an sich.

Irgendwann hatte sich das Ding komplett um den Arzt geschlossen. Einzelne Leute traten näher heran, berührten die Oberfläche mit spitzen Fingern. „Konnten Sie etwas finden, Doktor?“, fragte eine Frau und hielt sich die Hand an den Mund, als riefe sie in eine Höhle hinein. Der Arzt lehnte seinen Oberkörper nach hinten aus der Masse heraus, sie ließ ihn heraus, trat auseinander, legte sich um ihn herum. Seine Hüfte und Beine steckten immer noch irgendwo da drin, der Rest baumelte nach außen. Sein Kopf hing im Nacken, der Mund oben, die Brauen unten. Er suchte Augenkontakt, aber fand ihn nicht. Sah irgendwo zwischen die Leute. Lag da Angst in seinem Blick? Sorge? Wissen? Zuversicht? Vielleicht ein bisschen von allem. Vielleicht gar nichts von irgendwas.

Den einen Satz, den er sagte, sagte er zumindest so ausdruckslos wie immer: „Wir sehen uns zuhause.“ Dann war er weg.
 
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Hallo @DK-Denz ,

ich finde deine Geschichte von der Erzählart her schwer einzuordnen. Sie wirkt, als würde sie entweder ein Kind oder eine emotionslose Person erzählen. Was sie jedoch m.E. ganz interessant macht, wenn man sich einmal darauf einlässt. Ein deutlicher Gegensatz zwischen den Ereignissen und dem sachlichen/beobachtenden Erzählton.

Der Text wird wohl eher Lesern gefallen, die eine seltsame/skurrile Handlung gut finden und bereit sind zu akzeptieren, dass nicht alles erklärt wird.

Den Anfang finde ich inhaltlich nicht ganz stimmig, siehe nachfolgende Details, aber insgesamt eine ... seltsam-unterhaltende Geschichte, oder so ähnlich ...

Es war eine Stadt wie eine Arena. Quadratisch, von hohen Mauern umringt. Man konnte problemlos von einer zur anderen Seite sehen. Außerhalb der Wände war nichts. Nur karge, ebene Wüste.
Wie das, wenn sich Hochhäuser in der Stadt/Arena befinden?
Den vorletzten Satz würde ich streichen, anscheinend ist ja doch etwas außerhalb der Mauern. Die Wüste, das Monster ...

Die Hochhäuser waren nur Attrappen, fensterlose graue Bauklötze. Es gab eine große Straßenkreuzung im Zentrum, aber kein Auto weit und breit. Die Verkehrsschilder waren willkürlich aufgestellt, an völlig sinnlosen Stellen, teilweise der Straße abgewandt. Die Ampeln funktionierten nicht. Die Grünflächen bestanden aus Kunstrasen und Plastikblumen.
Hier würde ich beim Satzbeginn mehr variieren.

Ich erstarrte und hielt die Luft an. In der Stadt war es totenstill. Das war es eigentlich immer. Aber jetzt konnte man sogar die Stille hören.
Was meinst du mit dem markierten Satz? Ist es nun immer still oder nicht? Das Wort "eigentlich" würde ich grundsätzlich vermeiden, was soll es aussagen?

Niemandem waren diese Situationen unbekannt.
Eine interessante Formulierung, doppelt negativ ;)
Also könntest du auch einfacher schreiben: "Alle kannten diese Situation."

Als die Frau anfing zu schmelzen, bat der Arzt um seinen Koffer. Ich reichte ihn ihm.
Vielleicht findest du für den zweiten Satz eine bessere Endung als "ihn ihm".

Wie in einer Lupe tauchten einzelne Körperteile auf, grotesk vergrößert.
"unter" statt "in"

Es änderte jetzt auch seine Farbe. Beziehungsweise nahm es zum ersten Mal eine wirkliche Farbe an.
... überhaupt eine Farbe an.

Der Sack wurde geöffnet, und aber auch nicht. Er war prall gefüllt, und aber auch leer.
"aber" reicht jeweils nach dem Komma

Viele Grüße,
Rob
 
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Hi @Rob F ,

vielen Dank für Dein Feedback. Besonders interessant finde ich Deinen Eindruck, dass der Text von einem Kind oder einer emotionslosen Person stammen könnte. Tatsächlich schreibe ich meine Träume automatisch immer in diesem Ton nieder, warum auch immer. Freut mich aber, wenn es zumindest neugierig gemacht hat.

Auch danke für die textlichen Anmerkungen. Du hast hier gute Punkte herausgegriffen. Werde mich weiter verbessern.

DK
 
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