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Lokal Lapsus
Lokal Lapsus
I.
Nie zuvor hatte es einen Disput gegeben, der die Sundeln in solchen Mengen zusammenströmen ließ. Zum anberaumten Termin hatten einige Zehntausend ihre platten, schildkrötengleichen Leiber dicht an dicht gedrängt am Platz zusammengeschoben.
Ihre Magnifizenz, Doba-Bas telepathierte erregt mit den immer weiter andrängenden Massen und bat sie um eine gleichmäßige Verteilung um den „Platz der beredeten Philosophie“.
Dieser war nicht mehr als ein Sundelnfreier Raum, der kreisrund und gleichsam verlassen im Zentrum der Leiberballung von den Mitarbeitern Doba-Bas abgeschirmt wurde.
Die Sundeln folgten diszipliniert, wenn auch unter Mühen dem Aufruf und gruppierten sich in weiten radialen Umläufen um den Platz. Sie taten es um Teilhaber an dem Spektakel zu werden, dessen Ankündigung seit Wochen ihre Gehirne umtrieb.
In Ermangelung von Organen, die den Austausch von Informationen mit den Mitteln modulierter Schallwellen dienten, hatten die Sundeln mit aufkeimender Intelligenz telepathische Fähigkeit entwickelt. Da Telepathie von ihnen jedoch bald als eine gefährliche, destruktive Art der Kommunikation erkannt worden war, entwickelten sie diese Gabe durch bloße Willenskraft auf rudimentäre Form zurück.
Es ist den Sundeln weiterhin gegeben, mit jedem beliebigen Partner über eine Strecke von bis zu 100 Pants Verbindung aufzunehmen und sowohl einen, als auch unzählige Empfänger anzutelepatieren. Die Fähigkeit eine Kontaktaufnahme gegen den fremden Willen zu bewirken oder ein Eindringen in das Unbewusste des Kontaktierten zu erreichen, ist ihnen jedoch seitdem versagt.
Vielmehr beschreiben die sundelnschen Philosophen diese Form der Telepathie mit der Metapher eines Blickes auf eine Scheibe im fremden Hirn, auf der die gedachten Worte in Bildprojektionen umgesetzt sind.
Die gedankliche Projektion Ihrer Magnifizenz, Doba-Bas mahnte die versammelten Sundeln die Reihen eng zu schließen um Platz zu schaffen für diejenigen, die in den telepathischen Übertragungsradius nachdrängten.
Schließlich hatte auch der letzte Sundel einen Platz gefunden und das Stoßen, Drängen und Schieben ebbte allmählich ab.
Doba-Bas ruhte an der östlichen Stirnseite des „Platzes der beredeten Philosophie“. Wohlwollend ließ er sein in der Spitze eines sich konisch verengenden Dornes befindliches Auge an der homogenen Sundelnmasse entlang gleiten.
Zur Linken und Rechten harrten die treuen Mitarbeiter auf seine Anweisungen.
Mit einem kurzen, gedachtem Augenzwinkern eröffnete Doba-Bas die „Zeit des Disputs“ und erlaubte dem ersten Kandidaten der Wissenschaften in den Kreis zu kriechen.
Der machte seine Sache gut, behandelte das von ihm gewählte Thema „Über die Entstehung der Hellzeit und der Dunkelzeit“ erschöpfend und erhielt für seine Bemühungen den 7. Punkt auf der Strecke zur Weisheit.
Strahlend verließ er den Kreis, das nahe Ziel des 6. Punktes vor dem Auge, der ihn in die Phalanx der Wissenschaftler eingliedern würde.
Es folgten drei weitere Probanden, die ihre Sache ebenso ehrenvoll, wie erfolgreich vertraten und trotzdem machte sich eine merkliche gedankliche Unruhe bei den telepathisch-gaffenden Sundeln breit.
Die bisherigen Ausführungen hatten viele von ihnen ermüdet, schließlich hatte man wegen DES THEMAS den fährnisreichen Weg auf sich genommen und wurde nun mit zweifellos glanzvollen, aber trockenen und daher ermüdenden Monologen gelangweilt.
Doba-Bas spürte die wachsende Nervosität. Sein Geist schnappte hier und da telepathische Fetzen auf, die bedrohlich unschöne Bilder von ihm zeichneten.
Durchaus pragmatisch veranlagt handelte er unverzüglich und strich die nächsten drei Anwärter auf einen „Streckenpunkt“ von der Disputliste. Das tat er so lapidar als möglich, darauf achtend, dass es keinem Sundel entgehen konnte. Dann gab er dem letzten Kandidaten zu verstehen, dass die Reihe an ihm sei.
II.
Ihre Magnifizenz mühte sich angestrengt, seinem Blick unnachgiebige Schärfe angedeihen zu lassen. Er musterte Va-Kasa, den weichwüllstigen Kandidaten auf den 6. Punkt der Strecke zur Weisheit mit zur Demut anmahnender Verachtung.
Dieser glotzte mit seinem augbesetztem Dorn unbefangen zurück und ein kaltes, ziehendes Unbehagen schlich sich in Doba-Bas Tentakeln.
Die platte, am Boden haftende Gesichtsfläche von Va-Kasas mit der Öffnung zur Nahrungsaufnahme auf der einen und dem sich fleischig vorschiebenden Schaft zur Kopulation auf der anderen Seite des Augdorns war Doba-Bas seit ihrer ersten Begegnung vertraut-unsympathisch. Damals schon, vor zwölf Jahrzeitenwechseln bewunderte und haßtehasste er diesen Sundel für seinen überragenden Verstand und fürchtete ihn mehr noch.
Denn kein Postulat, kein Axiom und keine Deduktion waren sicher vor der Art, mit der dieser Bildungsnovize Wissenschaft zu betreiben sich anmaßte. Ganz ohne Scham bekannte sich der junge Schüler zu dem Leitsatz des verpönten Philosophen Zu-Was, der da lautete:
„Hege Zweifel an allem, selbst daran!“
Heute jedoch, so die feste Absicht von Doba-Bas, dem Ersten der Gelehrten, würde er dem Schüler heimzahlen.
Heimzahlen für manche verlorene rhetorische Schlacht, heimzahlen für die Schmach vor den galligen Mitgliedern des „Wissenschaftlichen Rates“ widerlegt worden zu sein, heimzahlen und demütigen.
Der treueste der Mitarbeiter warf einen scharfen, Gehorsam erheischenden Gedanken in die Menge, der Doba-Bas aus seinem rachsüchtigen Grübeln riss und ihn zur Besinnung brachte. Mit einer seines Amtes angemessenen Würde rief er nunmehr Va-Kasa auf sein eigenständig erworbenes Wissen zu benennen und seine Theorie zur Diskussion freizugeben.
Va-Kasa dankte Ihre Magnifizenz kurz und wie es dem deuchte, hämisch und begrüßte bescheiden die in gebannter Aufmerksamkeit erstarrten Zuhörer. Dann fing er an zu erzählen und er tat das mit einer Wucht, ja Gewaltigkeit wie sie nie zuvor und seitdem niemals mehr in die Hirne der Sudeln einbrach.
III.
„Die Ergebnisse meiner Arbeit, werden, so muss ich befürchten, auf Unverständnis, ja brutale Abweisung stoßen. Vieles von dem, was ich beschreiben werde, ist mir selbst rätselhaft und unverständlich. Und macht mir angst.
Doch die hehre Pflicht des Wissenschaftlers erlaubt es mir nicht, vor kleingeistigen Gefühlen zu kapitulieren. Sollte dann, liebe Zuhörer, in wenigen Augenblicken eine Flut von Heiterkeit und Häme über mir zusammenschlagen, bin ich bereit es in der Gewissheit zu erdulden, dass meine Theorie zwar falsch sein kann, aber meine Motive sie ihnen zur Diskussion anzubieten, stets lauter waren und es auch in Zukunft sein werden.“
An dieser Stelle registrierte Doba-Bas ein beipflichtendes, freundliches Gemurmel.
„Wie ihnen bekannt ist, geht die Lehrmeinung davon aus, dass unsere Welt aus zwei dreidimensionalen EBENEN aufgebaut ist. Wie es uns am Punkt 23. der allgemeinen Bildungsstrecke gelehrt wird, unterscheiden wir zwischen den beiden räumlichen Dimensionen Länge und Breite und der zeitlichen Dimension. Ich beschränke mich in meinen Ausführungen jedoch auf die Beschaffenheit des Raumes und nenne ihn deshalb zweidimensional.
Bekanntermaßen repräsentieren die beiden EBENEN zwei nebeneinander existierende Räumlichkeiten, die verbunden sind. Der Fachausdruck VERLEIMTE DUALITÄT dürfte dem ein oder anderen von ihnen durchaus geläufig sein.
Die erste Ebene ist die Fläche die unsere LEBENSWELT abgrenzt und auf der wir uns bewegen. Die zweite Ebene sind wir.
Die LEBENSWELT wiederum erstreckt von der BARRIERE bis zum ORT des SPURLOSEN NICHTS.
Das ist die heutige Sicht unserer Welt.“
Hier unterbrach er, um den geistig schwerfälligeren Zuhörern Gelegenheit zu geben, ihr halbvergessenes Wissen aus den Tiefen des Gedächtnisses aufsteigen zu lassen. Er fuhr erst fort, als er gewiss war, dass man ihn verstanden hatte. Bis hierher zumindest.
„Die BARRIERE und der ORT des SPURLOSEN NICHTS haben mich seit ich das Denken erlernte fasziniert. So beschloss ich vor einigen Wochen eine Expedition auszurüsten und diese beiden Grenzen unseres Daseins zu erforschen.“
An dieser Stelle brandeten Gedanken ungläubigen Staunens auf. Niemals zuvor war ein Forscher von einem jener Orte unversehrt zurückgekommen und jener da behauptete, als sei es nichts, BEIDE Mysterien besucht zu haben.
Vereinzelte bittere Schwingungen erfassten die Sundeln, aber noch hörten sie ihn gierig und äußerlich beängstigend ruhig an.
„Meine erste Reise brachte mich an ORT des SPURLOSEN NICHTS. Wie sie wissen endet hier die LEBENSWELT in einem alles verschlingenden Blau. Pardon, in zwei Blaufarben, einer Hellen, welche die LEBENSWELT begrenzt und einem dunkelbläulichem Farbton, der unsere Ebene abschließt.
Ich hatte zwei Begleiter, die sich mit mir auf diesen gefahrvollen Weg gemacht hatten.
Dun-Bes, mein Freund und Lehrer und meine Lebensgefährtin Sie-Sum folgten meiner Bitte mir zur Seite zu stehen und büßten mit ihrem Leben. Dazu später.
Wir langten am 46 Hellzeit-Dunkelzeit-Wechsel am Rande unserer LEBENSWELT an und erholten uns von den Strapazen der Reise. Wir blickten in das Dunkelblau und Dun-Bes machte die erste bedeutende Entdeckung. Die Konsequenzen waren uns damals nicht klar und hätten wir sie erahnt, wären wir wohl unverzüglich heimgekehrt, ohne jemals über das Gesehene zu berichten. Allein der Tod meiner beiden Begleiter macht es mir unmöglich, nicht auch von den letzten Folgerungen unserer Forschungen zu berichten.
Wie gesagt, Dun-Bes fand etwas in dem dunklerem Blau.
Drei weiße Punkte.
Augenblicke später, wir hatten seine Entdeckung zu überprüfen versucht, nahm das Dunkelblau für die Zeit eines Gedanken die Tönung des Hellblauen, das die LEBENSWELT abschließt, an und wurde wieder Dunkel. Wir glaubten zunächst einer optischen Täuschung aufgesessen zu sein. Doch dann wiederholte sich das Ereignis.
Ich bedauerte zum ersten Mal, dass mein Auge nicht so beschaffen ist, dass es gleichzeitig die beiden blauen Streifen beobachten kann. Sicherlich ist unser Sehorgan das höchstentwickelte Instrument, um die Umgebung wahrzunehmen. Es zeigt uns zuverlässig Länge und Breite jedes Gegenstandes an, aber in diesem Augenblick wünschte ich, ich besäße ein weiteres, um beide EBENEN gleichzeitig im Blick zu behalten.
Deshalb vereinbarte ich mit Sie-Sum, dass sie das dunkle, ich das helle Blau beobachten würde. Leider reichte dieser Kniff nicht aus, das Wesen der Farbveränderung zu erklären. Ich war enttäuscht, dass Sie-Sum mir ständige Farbwechsel des Dunkelblau kundtat, mein Hellblau aber nicht wie vermutet ebenfalls die Farbe wechselte."
An dieser Stelle fiel ihm Doba-Bas in die Gedanken.
„Hellblaue-dunkelblaue Farbwechsel, weiße Punkte, was kommt als nächstes, der Gang ins SPURLOSEN NICHTS ?“, höhnte er.
„Das sind alles nur unwissenschaftliche Hirngespinste. Besinnen sie sich, dass wir keine Reisegeschichten, sondern eine akademische Arbeit erwarten. Ich verlange von ihnen endlich nachvollziehbare Experimente und daraus ableitbare, allgemeingültige Schlussfolgerungen. Deshalb warne ich sie, sollten sie nicht endlich zum Kern der Sache kommen, falls es einen solchen gibt, werde ich den Disput beenden und ihr Ausscheiden aus der Bildungsstrecke fordern.“
Während seiner Rede hatte er demonstrativ an Va-Kasa vorbeigesehen, ohne das ihm entgangen wäre, dass dieser leicht zusammenzuckte und dann resignierend den Dorn nach links pendeln ließ.
Diese Geste des Verstehens und Akzeptierens war in ihrer Unterwürfigkeit Balsam auf die angespannte Stimmung Doba-Bas. Fast schon besiegt und im Staub sah er den verhassten Rivalen, aber er hatte die Zeichen falsch gedeutet und die weiteren Ausführungen Va-Kasas machten ihm dies erschreckend schnell klar.
IV.
„Verzeihen Sie Magnifizenz“, fuhr Va-Kasa leise fort,
„ich werde Ihrem Tadel Ffolge leistend nunmehr erklären, wie wir dem Geheimnis des ORTES des SPURLOSEN NICHTS mit einfachen, nachvollziehbaren Experimenten auf die Spur zu kommen suchten.“
Er legte eine Pause ein, um sich zu sammeln. Der Einwurf von Doba-Bas hatte ihn verwirrt und mahnte ihn, dessen schwelendenm HaßHass keine Nahrung zu geben. Wie alle Schüler der Wissenschaft verehrte er den ersten der Wissenschaftler. Das der ihm nur kalte Ablehnung entgegenbrachte, konnte Va-Kasa in seiner gutmütigen Naivität nicht begreifen.
Und heute, gerade heute war er auf Zuspruch von Doba-Bas so sehr angewiesen.
Nachdenklich setzte er seine Gedanken fort, die sich widerstandslos in die Hirne der Sundeln einfraßen.
„Wir nennen das Ende unserer Welt gedankenlos den ORT des SPURLOSEN NICHTS und vergessen dabei, daßdass es sich hier genau genommen nicht um einen Ort, sondern um eine Grenze handelt, die unbestimmt ist. Bisher ist es keinem Sundel gelungen die Stelle zu bestimmen, an der die LEBENSWELT endet und in das SPURLOSE NICHTS übergeht. Jeder Forscher, der die Grenze zu bestimmen versuchte, ist verschollen.
Wir kennen lediglich einen dieser Grenze angenäherten Bereich, die LETZTE ZONE. Von dieser aus tasteten wir uns vor und nutzten hierfuer einen simplen Trick:
Ich ließ mir von Dun-Bes ein Fraßstück in die LETZTE ZONE schieben.“
Va-Kasa registrierte eine Welle des Schmunzelns, die sich mit Bildern assoziierte, wie er beim Umschließen des Fraßstückes selig mampfend im SPURLOSEN NICHTS verschwand.
„Nein, nein“, unwirsch unterbrach er die Sundeln bei dieser amüsanten Vorstellung.
„ Es lag nicht in meiner Absicht, mit dem SPURLOSEN NICHTS zu Frühstücken.
Aber ich wollte dem SPURLOSEN NICHTS ein Frühstück anbieten.“
Und abermals konzentrierte er sich, um bei der Erinnerung an diesen ersten Sieg des Geistes über die Natur nicht in Überschwang zu geraten. Es gelang ihm nicht, denn statt wissenschaftlich-abstrakten Gedanken übertrug er die Vorstellung, wie er das Stück Nahrung mit seinen Tentakeln vor sich her, näher und näher an das SPURLOSE NICHTS heranschob... bis das Fraßstück verschwand.
Es brauchte eine Weile bis sich die Erregung über das Gesehene legte. Selbst Doba-Bas, übersah, von den erlebten Bildern gefangengenommen, dass Va-Kasa die heilige Regel der wissenschaftlich-klaren Übertragung verletzt hatte. Erst, als Va-Kasa nüchtern in seinem Vortrag fortfuhr kam ihm der Gedanke, dass er wieder einmal von dem Schüler überlistet worden war. Eine unerklärliche Unruhe hielt ihn jedoch ab, Va-Kasa wegen der verletzten Prüfungsvorschrift vom weiteren Disput auszuschließen. Und mit unbändigem Ärger über sich selbst erkannte er, dass er lechzend auf den Fortgang der Beschreibung der Experimente wartete.
„Wir fütterten das SPURLOSE NICHTS mit weiteren Fraßstücken und kamen dem Rätsel um keinen Deut näher. Da hatte meine Freundin Sie-Sum eine geniale Idee, die sie heimlich ausprobierte.
Wie erstaunt waren Dun-Bes und ich, als wir das Fraßstück vor ihr verschwinden und gleich darauf wieder erscheinen sahen!
Was war passiert?
Sie gestand uns, dass sie mit ihrer Tentakel das Fraßstück UMKLAMMERT hatte. Zuerst, so erzählte sie uns, war das Fraßstück und ein Teil ihrer Tentakel verschwunden. Da habe sie Panik ergriffen und sie zog den Tentakel schnell an sich. Und Fraßstück und Tentakel materialisierten sich vor ihrem Auge.“
„Was redet er da?“ fauchte Doba-Bas, sich nur mühsam beherrschend in die empfangsbereiten Gedanken der Sundeln.
„Das widerspricht allen Gesetzen der Natur, die wir kennen und als gegeben erkannt haben. Kein Körper kann sich, wenn er im SPURLOSEN NICHTS verschwunden ist wieder MATERIALISIEREN! Ich verlange...“ aber weiter kam er nicht. Das schleichende Gift, das Va-Kasas Ausführungen innewohnte wirkte in den Sundeln., Sie dürsteten in grenzenloser Gier nach der Wahrheit über das Mysterium und verschlossen ihre Geister gegen die schrillen Gedanken Ihrer Magnifizenz. Tatsächlich hielt dieser verdutzt inne, sodass Va-Kasa fortfahren konnte.
„Mittlerweile war die Hellzeit von der Dunkelzeit verdrängt worden und wir diskutierten noch immer. Dun-Bes entwickelte einige Theorien über das Wesen des SPURLOSEN NICHTS, die sich aber nach kurzem Hinterfragen sämtlich als unhaltbar erwiesen. Sie-Sum versuchte vergeblich das Gefühl ihres Tentakel zu beschreiben, als das im SPURLOSEN NICHTS verschwand.
Irgendwann waren wir von der fruchtlosen Diskussion erschöpft eingeschlafen.
Die nächste Hellzeit brach eben an, da hatten Dun-Bes und ich das Experiment schon wiederholt. Auch unsere Tentakeln verschwanden und materialisierten sich wieder. Übereinstimmend fiel uns eine Kälte auf, die aus dem SPURLOSEN NICHTS über die Tentakeln bis in den letzten Winkel unserer Körper kroch.
Wir waren ratlos. Dieses Phänomen ging über unsere Vorstellungskräfte. Wir rätselten und grübelten, doch fanden wir keine plausible Erklärung und mythisch-nichtrationale Anwandlungen überfielen uns. Fast wären wir vom Pfad der Wissenschaft abgewichen, aber dann besannen wir uns unseres Daseins als Wissenschaftler und streiften die dunstige Hülle des Aberglaubens ab.
Wieder war es Sie-Sum die uns mit einer brillant-verrückten Idee weiterführte. Mit Entsetzen, dass sich mit Bewunderung paarte, starrten wir sie an, als sie den Vorschlag unterbreitete, sich selbst ins SPURLOSE NICHTS vorzuwagen. Natürlich lehnten wir ihr Angebot strickt ab.
Ich selbst nahm statt dessen das Risiko auf mich.“
Hier hatte Va-Kasa Mühe, die aufkeimende Unruhe zu ersticken. Deshalb verstärkte er die Eindringlichkeit seiner Gedanken. Diesmal noch mit Erfolg.
„Wir überschliefen diese Entscheidung bis zur nächsten Hellzeit, soweit wir das konnten. Ich jedenfalls hatte das Gefühl, eine ganze Dunkelzeit lang von bösen Vorahnungen gequält, als hätte sich mein Gewicht vervielfacht und konnte den Schlaf nicht finden.
Gegen Ende der Dunkelzeit muss ich aber wohl doch eingeschlafen sein, den als mich Sie-Sum sanft berührte, ging mir ein eisiger Schauder durch und durch. Ich öffnete das Auge und blinzelte direkt in die zarte Schönheit von Sie-Sum.
Die Hellzeit brannte sich in meine schlafgerötete Pupille. Dun-Bes wirkte sorgenvoll. Richtig, versuchte er mir doch das gewagte Unterfangen auszureden. Vergeblich, wie er resignierend feststellen musste. Auch er hatte böse Träume gehabt.
Schließlich schob ich meinen stärksten Tentakel an den seinen und saugte mich daran fest. Dann schob ich mich vorwärts, und vorwärts und vorwärts. Das letzte was ich hörte war der Schrei von Sie-Sum.
Wenn sie mich fragen, welche Zeitspanne ich im SPURLOSEN NICHTS verbrachte, kann ich nur antworten, dass dort die Zeit keinen uns begrifflichen Ablauf zu haben scheint. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor und doch waren es nur wenig mehr als ein Augenblick. Dun-Bes hatte bei meinem Verschwinden sofort die Tentakel zurückgezogen und mich geborgen.
Aber das panische Entsetzen verlieh seiner Tentakel eine Energie, die ihn das Leben kostete. Er rettete mich, doch der Schwung seiner Tentakel ließ ihn herum wirbeln und in das SPURLOSE NICHTS gleiten.
Ich stand unter Schock. Sie-Sum schrie. Dun-Bes starb.
Drei Hellzeit-Dunkelzeit-Wechsel verstrichen, bis ich mich fähig sah, Sie-Sum meinen Aufenthalt im SPURLOSEN NICHTS zu schildern, wie ich es jetzt noch einmal tun werde.
Es ging damals alles rasend schnell. Das SPURLOSE NICHTS verschlang mich mit einem Schlag, mit der schon bekannten Kälte und... wie soll ich es erklären?
Es ähnelte der Erfahrung, als ich zum ersten Mal mein Geschlechtsteil in Sie-Sum schob. Nur, dass ich diesmal mit dem ganzen Körper in dieser Feuchtigkeit verschwand.
Dann fehlte mir jeder Bezug zu meiner Ebene. Das mag unvorstellbar klingen, aber mein Gefühl sagte mir, dass ich mich, schwerelos, auf unendlich vielen Ebenen bewegte.
Die dritte Dimension, die Zeit, schien hier durch eine andere, eine RÄUMLICHE Dimension ersetzt zu sein. Ehe ich mir ein Bild von der Art dieser Dimension machen konnte, hatte mich Dun-Bes zurückgeholt.“
Va-Kasa legte eine Pause ein, um die telepatischen Worte auf seine Zuhörer wirken zu lassen. Ein Sundel in vorderster Reihe nutzte die Gelegenheit und bat schüchtern um die Übertragung der im Gedächtnis gespeicherten authentischen Erinnerung. Va-Kasa blickte fragend zu Doba-Bas und zu seiner Überraschung blinzelte der zustimmend.
Seufzend öffnete Va-Kasa seine Gedanken und jeder Sundel erlebte die Momente im SPURLOSEN NICHTS wie eine eigene Erfahrung.
Es war ruhig. Denn die Sundeln versuchten das, was sie durch die Gedächtnisaufzeichnung eines der ihren erfuhren, so real als sei es von ihnen selbst erlebt, zu verdauen.
V.
Va-Kasa gab ihnen Zeit und die brauchten sie. Allein die gedankliche Reproduktion in ihren Hirnen bewies ihnen zweifelsfrei, daßdass es sich alles so wie berichtet abgespielt hatte. Sundeln konnten lügen, ja., aber Erlebnisse, die tief in die Hirnstrukturen eingegraben waren, entzogen sich jeder Manipulation.
Er fühlte, dass in dieser Hellzeit ein neues Zeitalter des Verständnisses der LEBENSWELT anbrach.
Das flößte ihm Mut ein und er hub an, von seinem noch gewaltigeren Abenteuer zu künden.
„Sie-Sum und ich verließen den ORT des SPURLOSEN NICHTS und machten uns auf, Antworten auf die gefundenen Fragen bei der BARRIERE zu suchten. Der Weg war lang und beschwerlich und ich fühlte, dass langsam eine Theorie in mir gärte. Ungeduldig trieb ich Sie-Sum zu größter Eile. Trotzdem bedurfte es 121 Hellzeit-Dunkelzeit-Wechsel ehe wir an der BARRIERE anlangten.
Über die BARIERRE braucht man keine Worte zu verlieren. Sie ist ein unüberwindbares Hindernis von unendlicher Länge, ob sie eine Breite hat ist nicht festzustellen. Sie grenzt die LEBENSWELT in Nord, West und Südwest ab und schließt nahtlos im Südwesten und im Nordosten an das SPURLOSE NICHTS an. Im Gegensatz zu diesem liegt die BARRIERE auf der Ebene unserer LEBENSWELT, weshalb sie jedem Vorstoss zur Erkundung ihrer Rückseite, sofern sie nicht sowieso auch in der Breite ins Unendliche strebt, widersteht.
So wird es gelehrt.
Vor der BARRIERE überfiel uns Ratlosigkeit. Die monolithe Struktur, diese festgefügte Undurchdringlichkeit, erweckte in uns das Gefühl, diesem ungelösten Rätsel machtlos gegenüberzustehen. Trotzdem versuchten wir einige Hellzeiten lang, uns durch die Ausstrahlung, die die Barriere auf unseren Geist ausübte, inspirieren zu lassen.
So kam es, dass wir mutlos unsere Tentakeln stundenlang an der Barriere entlang schoben, in der irren Hoffnung eine Öffnung, einen nachgebenden Widerstand, eine winzigen Spalt zu entdecken. Die unnachgiebige Konsistenz der BARRIERE verhöhnte uns,. iIhre feine, aufgeraute Struktur neckte mit lockenden Buchten, die tot endeten. Selbst die braunrötliche Färbung, die mit ihrer bizarrer Musterung bedeutungsschwangere Figuren zeichnete, schien uns boshaft zuzuzwinkern.
Am 73. Hellzeit-Dunkelzeit-Wechsel hatten wir nahezu alle Kraft aufgebraucht und wollten uns geschlagen auf den Heimweg begeben.
Ein letztes Mal glitten unsere Tentakel über die poröse BARRIERE, da packte mich unversehens die Wut. Mit aller Kraft der ich mich befähigt sah, rammte ich meine Tentakel in das unüberwundene Hindernis.
Wie vorauszusehen war schmerzten 5 Tentakel grauenhaft, aber der 6te verschwand! Schlagartig wurde ich an die Erlebnisse am ORT des SPURLOSEN NICHTS erinnert. Die Parallele war nur zu offensichtlich.
Sie-Sum eilte auf meinen Freudenschrei herbei und bestätigte, dass mein Tentakel Nummer 6 in der Mitte wie abgeschnitten war. Ich zog ihn an mich heran und überzeugte mich von seiner Unversehrtheit.
Es dauerte einige Zeit, ehe es uns gelang den Vorgang zu wiederholen. Anscheinend gab es in der BARRIERE nur eine sundelbreite Stelle, in der das Phänomen auftrat. Es gab hier also auch ein SPURLOSES NICHTS.
Leider waren wir damit vorerst am Ende unserer Erkenntnis. Doch uns war neuer Mut eingeflößt, wenn es auch noch weitere Hellzeit-Dunkelzeit-Wechsel brauchte, ehe ich die in mir schwelende Ahnung zu dem Feuer anzufachen vermochte, dass alle Ungewissheit zu Asche verbrannte.
Sie-Sum hörte sich geduldig meine Idee an, schwieg aber.
Ich bat sie um ihre Meinung. Eine Weile setzte sich ihr Schweigen fort, dann gab sie mir ein Bild ein, sehr langsam, sehr bedächtig. Nur ein einziges, glasklares Bild: Dun-Bes.
Mir war klar, das sie mir ihre Angst zeigte, deshalb legte ich meine Tentakeln an die ihren und kopulierte sanft mit ihr.
Später schob ich mich vor sie und sie mich auf die BARRIERE zu. Unsre Tentakeln waren fest ineinander verankert, als ich auf das Hindernis traf. Erst gab es nicht nach, dann aber fühlte ich mich AUF EINE ANDERE EBENE GEHOBEN und spürte Sie-Sums sorgenvollen Gedanken. Ich beruhigte sie und zog sie an mich heran.
Um uns war nichts als BARRIERENmasse und unsere LEBENSWELT verschwunden. Sie-Sum machte einen merkwürdigen Eindruck. Sie war immer schon sensibler als ich. Erst als sie äußerte, dass sie das Gefühl habe, als befinde sich ihr Vorderteil auf einer anderen EBENE als ihr Hinterteil, bemerkte ich selbiges an mir.
Wir sahen uns ins jeweils andere Auge und lachten auf, denn unsere Gesichter sahen verzerrt aus, ohne dass wir beschreiben konnten, worin sich dieses Andersartige manifestierte.
Als unsere Heiterkeit abgeebbt war schoben wir uns weiter. Merkwürdiger weise wusste ich damals, dass wir Ebene um Ebene hinter uns ließen, ohne dass es mich beunruhigt oder nur verwundert hätte. Das Einzige, was mir Sorgen bereitete, war das rare Vorkommen vonFrassstücken.
Der Pfad war beschwerlich. Umgeben von der BARRIERE, eingesaugt in ihre unbegreiflichen Ebenen, die sich ähnelten, wie zwei Sundelzweilinge, nahmen wir Pant um Pant unseren Weg. Ohne Orientierung strebten wir einem unbekannten Ziel entgegen, landeten in Sackgassen, die kein Weiterkommen zuließen und wählten an Kreuzungen den falschen, heimwärts gerichteten Abzweig.
Unsere Kräfte schwanden und weit und breit gab es kein einziges Frassstück mehr.
Wir mochten 30, 60 oder 100 Hellzeit-Dunkelzeit-Wechsel unterwegs gewesen sein, als sich rings um mich die BARRIERE auflöste und jenes DUNKELBLAU, dass ich schon vom SPURLOSEN NICHTS kannte, um mich war. Schnell folgte mir Sie-Sum nach und wir glotzten staunend in das DUNKELBL... nein SCHWARZ mit den ungezählten weißen Punkten. Konnten uns nicht satt sehen und erlebten so den Beginn der Hellzeit.
Unsere Augen erblindeten, als sie schlagartig dem grellen Licht eines Feuerkreises ausgesetzt wurden. Sie-Sum schrie, dass sie durch das geschlossene Lid das Feuer spürte, nur in anderen, in grünen und dunkelroten Farben. Irrsinn war in ihrem Gedanken, der mich an ihrem Schrecken teilhaben ließ.
Krämpfe schüttelten sie und dann... nun wie soll ich es beschreiben... sie WARF sich empor und STAND auf ihren Tentakeln! Ihr Körper hatte sich von der BARRIERE fast gelöst, ragte Ebene über Ebene auf. Wie kann ich es in Worte fassen, dieses Wunder?
Ich begriff es ja selbst nicht, sah nur die Enden ihrer Tentakeln vor mit, wie abgeschnitten und doch lebendig tanzend. Gleichzeitig erlebte ich durch ihre Augen diesen hohnsprechenden Akt der unsere sundelsche Weltsicht wie Staub verblies.
Zu kurz das Glück. Sie-Sum erwachte aus ihrem ekstatischen Taumel und ihre Tentakeln knickten ein, zerbarsten. Sie stürzte um Ebenen zurück und ich erlebte mit ihr den rasenden Ebenenwechsel, bis sie aufschlug. Dann war nichts mehr kein noch so winziger Gedanke erreichte mich.
Besinnungslos drehte ich mich um die eigene Achse und fand sie nicht. Keinen Blick würdigte ich dem Dunkelblau, das seine Farbe verloren hatte und den weißen ausgefransten Fetzen die vorbeizogen.
Ich wimmerte, weinte, betete ihren Namen, doch nur die atemlose Stille antwortete. Wie mit einem glühenden Siegel presste sich mir die Einsicht in meine torkelnden Gedanken, dass Sie-Sum nicht mehr lebte.
Da überkam es mich, überkam mich der Wahnsinn ihrer Ebenen sprengenden Bewegung. Mit ohnmächtiger Wut stemmte ich die Tentakeln von mir und ERHOB mich!
Kaum Herr meiner Sinne bemerkte ich, dass ich meinen Augdorn nicht nur nach Links und Rechts bewegen konnte, sondern auch über EBENEN hinweg.“
Er legte eine kurze Pause ein und das Feuer seiner fast schon ins irrsinnige sich steigernden Erzähling verlosch, schuf Platz für den nüchternden Ton in dem er dann fortfuhr:
„Für die Anordnung der EBENEN verwenden ich folgend zur besseren Unterscheidung die Begriffe OBEN und UNTEN. Analog der Betrachtungsweise von LINKS und RECHTS, die das Gesichtsfeld vom Standort des Auges aus betrachten, bezeichnet OBEN jede EBENE die ich noch nicht erreicht habe und UNTEN, diejenigen, die ich hinter mir ließ.
In stringenter Anwendung dieser Begrifflichkeiten pendelte mein Augdorn nach UNTEN.
Es bot sich mir ein Bild, das sich unvergleichlich tief in meine Erinnerung eingrub. Mit Schmerzen der Seele bezahle ich jedes Erinnern daran. Das was ich weit UNTER mir erblickte, war tatsächlich die GANZE LEBENSWELT, mitund ALLLE SUNDELN die darauf leben!!!“
VI.
Ihre Magnifizenz Doba-Bas unterbrach Va-Kasa scheinbar teilnahmslos. Va-Kasa zeigte sich durch die Störung nicht überrascht. Er hatte es erwartet. Doba-Bas Gedanken perlten zäh wie Gelee heran. Es war ein kurzer aber bedeutungsschwerer Monolog:
„Wir sind soeben Zeugen eines außergewöhnlichen Vortrages geworden. Die Darstellungen des Kandidaten waren sehr beeindruckend und ich bedaure es ehrlich, dass ich die Anhörung an dieser Stelle beenden muss. Aber das Gesagte, auch wenn ihm einige wissenschaftlich wirklich verlockende Indizien innewohnen, kann doch kaum mehr gelten als das Surrogat eines fieberkranken Hirns. Wir alle, so meine Hoffnung, wünschen Va-Kasa eine baldige Genesung und erwarten, dass er nach wenigen Hellzeit-Dunkelzeit-Wechseln erneut vor dieses Gremium treten kann.
Ich schließe hiermit den Tag des Disputs und bitte sie, sich zu entfernen.“
Er hatte geendet und schaute guten Mutes in die orbikulare Wand aus Sundelgesichtern.
Endlich konnte er den Platz im Triumph verlassen, endlich hatte er gesiegt.
Gönnerhaft stupste er den treuesten der Mitarbeiter in die Seite. Doch der reagierte nicht, sondern starrte wie gefesselt auf Va-Kasa. Erst jetzt bemerkte Doba-Bas, dass kein Sundel Anstalten machte, den Platz zu verlassen. Alle, alle warteten gebannt auf das Wenige, dass Va-Kasa noch zu sagen übrig blieb.
Doba-Bas schäumte, hütete sich jedoch es sich anmerken zu lassen.
Um wenigstens ein Funken des euphorischen Gefühl des Sieges in sich retten zu können, machte er noch eine bissige Bemerkung über die Faszination von Lügenmärchen. Und wandte sich dann selbst Va-Kasas Gedanken zu.
„Das ist das Ende meines Berichtes. Wie es die heilige Prüfungsvorschrift vorsieht, werde ich meine gewonnenen Erkenntnisse in eine Theorie zu kleiden versuchen.
Ich behaupte: das althergebrachte System der VERLEIMTEN DUALITÄT ist überholt, denn es ist falsch. Es erwies sich zwar als brauchbar, um unsere eigene, begrenzte Welt zu beschreiben, doch nun hat es ausgedient, ist widerlegt.
Ich setzte meine neue Theorie von der dritten räumlichen Dimension, die ich HÖHE nenne dagegen.
Ich weiß, dass lässt sich kaum erfassen, aber nehmen sie einmal an, sie wären ein Fraßstück.“
Hier brandete vereinzelt Heiterkeit auf, vornehmlich bei denen, die ohnehin nichts mehr begriffen.
„Ein Fraßstück“, wiederholte er „das kein Auge besitzt und, wäre es lebendig, im ganzen Dasein keine Bewegung erfahren hat. Wie würde es die Welt empfinden?“
„EINDIMENSIONAL, es würde sich als Punkt im Nichts fühlen“, raunten die begabtesten Sundeln.
Va-Kasa lächelte. „Richtig, eindimensional, ein Punkt ohne Ausdehnung. Denn es hätte keine Sinne, die es eine andere Dimension wahrnehmen lassen. So geht es uns auch. Wir können die dritte Dimension nicht wahrnehmen, den wir haben nur einen Augdorn, der auf der LEBENSWELT ruht. Sobald wir aber erkennen, dass unendlich viele EBENEN, unendlich viele, nun sagen wir... OBEN und UNTEN existieren, ist die dritte räumliche Dimension nicht abzuleugnen.
Nehmen wir demnach an, dass etwas wie HÖHE Realität ist, lösen sich die Fragen meiner Reise von selbst.
Das SPURLOSE NICHTS ist folgerichtig ein Stoff auf einer anderen, als der unseren HÖHE, ist dichter als das Atemgas und bewegt sich genau wie jenes. Der Farbwechsel des BLAUs könnte demnach dadurch hervorgerufen werden, dass der bewegte Stoff eine andere HÖHE, nämlich die unseres Sehens erreicht und für unser Auge undurchdringlich ist. So wie ich jetzt nur einige wenige Sundeln erblicke, weiß ich doch, dass viele von euch mich anhören.
Die BARRIERE ist gleichfalls Stoff, der messbare HÖHE hat. Der grellgelbe Kreis, meiner Ansicht nach Ursache für die Hellzeit, ist Feuerstoff auf einer bestimmbaren HÖHE. Die weißen Punkte in der Dunkelzeit, sie haben HÖHE. Und befinden sich, so meine Theorie, im RAUM. Den Begriff RAUM habe ich für ein unendliches, in beliebig viele Teile zergliederbares BREITE-LÄNGE-HÖHE-System geprägt, das...“
„Genug“, donnerte Doba-Bas, „genug des Schwachsinns“. Mit Befriedigung registrierte er zaghafte Zustimmung bei den Sundeln, denen sich wie im Schwindel alles drehte.
Va-Kasa verstummte. Doba-Bas holte innerlich zum großen Schlag aus und so entstand ein Gedankenvakuum, dass überraschend gefüllt wurde.
„Bitte“, bat ein sehr junger Sundel, „ich verstehe vieles nicht, von dem was du erklärt hast. Zeige uns die Bilder.“
Jubelnd, wie befreit jauchzten 10.000 Hirne auf.
„Zeige uns die Bilder!
Zeige uns die Bilder!.“ forderten sie in dichtgedrängten telepatischen Impulsen und ohne, dass er sich dagegen wehren konnte, gab Va-Kasas Unterbewusstsein, der Menge wonach sie gierte.
VII.
Die Sundeln sahen alles. Alle erlebten das blendende Licht der Feuerscheibe, erhoben sich mit Va-Kasa in die dritte Dimension und blickten auf ihre LEBENSWELT. Sie sahen das ferne SPURLOSE NICHTS, das sich mit weichem Kamm weiß kräuselte, die hellen Punkte im Schwarz des RAUMES und das Massiv der BARRIERE. Sie sahen alles, alles, alles.
Die meisten Sundeln starben und gingen in Verwesung über. Ihre, unter dem Ansturm der unverdaulichen Informationen verkochten Hirne fingen an zu stinken.
Ihre Magnifizenz, Doba-Bas war auch im Gestank der Erste unter dem Volk der Sundeln.
Unversehrt blieben auch die Überlebenden nicht. In zeitweiliger oder dauernder Umnachtung rotteten sie sich zum Mob zusammen und wälzten sich auf Va-Kasas zu.
Va-Kasa, hatte das Auge geschlossen und ruhte unbeweglich, wie ein Fraßstück in der Mitte des „Platzes der beredeten Philosophie“. Er spürte sie kommen, spürte ihren Wahnsinn, spürte ihr Sterben.
Doch er empfand keine Reue.
Die Menge zog sich einer Schlinge gleich enger und enger um ihn. Tastend schlängelten sich Tentakeln an seinem versteinerten Körper entlang.
Erst weich, beinahe zärtlich. Er dachte an Dun-Bes.
Fester traktierten ihn die Tentakeln. Er dachte an Sie-Sum.
Ganze Stücke seines Gewebes rissen sie ihm aus dem Körper.
Da bäumte er sich auf, stemmte sich empor und im Niedersinken sterbend, stand ihm die Wahrheit als schlicht gemeißelter Monolith auf der Bühne seines Bewusstseins.
Nichts war umsonst gewesen.
Keiner der Sundeln war vergebens gestorben.
Sein Vermächtnis würde weiterleben, die Auslese für die Zukunft war getroffen, er hatte der Evolution einen Sprung ermöglicht!
Es sah es mit der Gewissheit des verlöschenden Lebensfunkens, dass aus seinem Samen ein neues Sundelngeschlecht austreiben würde. Der Anfang war gemacht für die Eroberung einer neuen, einer dreidimensionalen Welt.
Nur schade.
Er hätte es gerne selbst noch erleben wollen.
). Ich meine, jeder kennt Galilei und von da aus kann sich jeder in die Sundeln hineinversetzen (vom Standpunkt der Zweidimensionalität her, aufgrund der Einäugigkeit). Das hast du aber auch gut kaschiert, indem du die einzelnen Orte nicht beim Namen genannt hast (also nicht: an die eine Seite grenzt das Meer und an der anderen die Berge usw., sondern mit Begriffen wie "das Spurlose Nichts" Spielräume für Interpretationen geschaffen ).

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