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Möge das Chi mit dir sein

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Möge das Chi mit dir sein

Vor sechs Wochen, an einem Mittwoch nach der Tagesschau, kam Frau Bruse eine folgenschwere Idee.
Am Abend zuvor sah sie eine dieser Pseudodokumentationen in denen sich irgendwelche Menschen mit viel Zeit aber wenig Talent als Laiendarstelleranfänger versuchen. Eine sehr dicke, kettenrauchende Arbeitssuchende war total unglücklich, weil ihr Gatte Schorsch, ein sehr dünner, kleiner Aushilfskellner den vertraglich zugesicherten ehelichen Beischlaf verweigerte. Schorsch saß lieber jeden Abend in „Mutters Stübchen“, einer Kneipe um die Ecke, wo man noch Rauchen darf und jeder jedem ungefragt die Meinung sagt und auch mal ein kostenloses Veilchen verteilt wird. Dort hat er die dünne Inge kennengelernt und nach dem sechsten oder siebenten Bier beschlossen, zweimal in der Woche der Inge einen Hausbesuch abzustatten, weshalb er nun noch seltener zu Hause war.

Unter anderem weil er im Schlaf spricht, blieb der Frau vom Schorsch diese Intrige nicht verborgen. In ihrer Not wandte sie sich an den Experten für Lebensfragen eines privaten Fernsehsenders. Der Experte war dort zwar Beleuchter und manchmal auch fürs Catering zuständig, was ihm aber noch mehr Lebenserfahrung verlieh.
Der Experte erkannte sofort wo des Pudels Kern verborgen war. Es sei ja kein Wunder, dass der Schorsch allabendlich in „Mutters Stübchen“ saß. In der räudigen Herberge die sie ihr Zuhause nannte, wollte selbst der Experte nicht länger als zehn Minuten verweilen. Er fand die Wohnung so unheimelig wie einen seit Jahren verlassenen Bahnhof an der polnischen Grenze.
Aber er hatte eine Lösung anzubieten. Mit Feng Shui werde alles anders, meinte er, besser. Sie solle sich nach den Feng Shui Regeln einrichten und der Schorsch würde wieder auf dem heimischen Sofa mit ihr kuscheln und Matetee trinken.

Am Ende der Sendung sah das Wohnzimmer aus wie ein Wellnesstempel in dem ein weiblicher Buddha thronte und ein dünnes Männlein glücklich ans Dekolletee presste, bis kaum noch etwas von diesem zu sehen war.

Diese Sendung hat Frau Bruse sehr berührt und sie beschloss, auch um ihr Eheleben ein bisschen aufzufrischen, die Wohnung neu einzurichten, getreu den Regeln des Feng Shui. Nun wollte Frau Bruse aber nicht gleich an Stelle des Teppichs einen Zengarten anlegen oder die Türklingel mit der schönen Polkamelodie durch eine Klangschale ersetzen. Sie hatte gelernt, dass es ja mitunter schon reichen würde, die Möbel neu auszurichten. So darf sich die Couch nicht in der Türlinie befinden, da der hereinkommende Qi-Fluss angreifen und Gesundheitsprobleme, insbesondere Herzprobleme, auslösen könne.
Um das Wohlbefinden zu steigern, muss der Fluss des Chi gefördert werden, damit er ungehindert durch all Räume strömen kann. Frau Bruse sah schon ihren Gatten vor sich, neu aufgeblüht mit der Kraft des Chi versehen und wild entschlossen mit ihr noch ein paar Heldensöhne zu zeugen.
Also verschob sie die Couch auf den Platz des Fernsehers, den Fernseher hinter die Essecke, die Kommode auf den Platz des Sessels und so weiter. Am späten Abend des nächsten Tages stand nichts mehr am alten Fleck und Frau Bruse hatte zwei Kilo abgenommen, wofür sich die Plackerei schon gelohnt hatte.

Kurz vor Mitternacht schreckte Frau Bruse aus ihrem Erschöpfungsschlaf. Im Wohnzimmer schepperte und krachte es und ein Schrei war zu hören. Zuerst dachte sie an einen Einbrecher, aber ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es die Zeit war, zu der ihr Mann nach Spätschicht und anschließendem Kneipenbesuch nach Hause zu kommen pflegte.
Herr Bruse zog sich wie üblich, im Dunkeln und leicht beschwipst, bereits auf dem Weg vom Flur zum Schlafzimmer aus, um dann nur noch aufs Bett zu fallen. Diesmal aber war alles anders. Als er sich auf der Musiktruhe abstützen wollte, griff er ins Aquarium. Zusätzlich durch seine halb heruntergelassene Hose behindert, verlor er das Gleichgewicht und fiel in das Bücheregal, welches seinem Gewicht nicht stand hielt und zusammenbrach. In Folge riss er die Kommode um und der gute alte Röhrenfernseher landete auf seinem Kopf.

Frau Bruse versuchte den Privatsender zu verklagen ob der heimtückischen Tipps die dort gezeigt wurden. Erwartungsgemäß lehnte man jegliche Mitschuld am tragischen Tod ihres Gatten kategorisch ab: „Unsere Script Reality Formate handeln von fiktiven Problemen fiktiver Personen. Da wir keine Ratgebersendungen produzieren und nicht zu einer Kennzeichnung verpflichtet sind, außerdem im Abspann ausdrücklich auf die erfunden Handlung hinweisen, können keine Rechtsansprüche aus dem Sendungsinhalt abgeleitet werden.“

Heute nun steht die Todesanzeige im Tageblatt. Die Hinterbliebenen trauern um den plötzlich und unerwartet verstorbenen Herrn Bruse. Auf der gleichen Seite nur unwesentlich tiefer findet sich eine große, bunte Werbeanzeige.

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Hey reborn,

der Text enthält Humorelemente. Dazu kann ich nur sagen, mich besticht der Witz im Einzelnen nicht so, was aber nichts heißt. Ich bin sicher, dass du damit deine Zielgruppe erreichst. An welche Leser*innen richtet sich dein Text?
Ich musste ein bisschen an Kishon denken, obwohl ich da mehr lachen kann. Ich glaube, es würde mir helfen, zu wissen, was du so für humorvolle Bücher liest. Was ich jetzt bei dem erwähnten Kishon schätze, er führt sich selbst auch als handelnde Figur ein. Er verspottet seine Mitmenschen, aber genau so verspottet er sich selbst. Dadurch kann man es ihm eher nachsehen. Ähnlich bei Woody Allen und vielen dieser Komiker, die sich so eines klassischen Erzählers im Hintergrund bedienen. Bei Dick und Doof gibt es das nicht. Da macht die Figurenzeichnung den Spott ein wenig wett. Man findet die beiden einfach auch niedlich und nicht nur blöd. Bei deiner Story ging es mir so, dass ich die Figuren wirklich vor allem doof fand. Vielleicht hilft es da auch, dich als Autor einfach nochmal selbst zu fragen: »Haben die etwas, dass sie auch sympathisch erscheinen lässt? Wie kann ich sie sowohl als Vollidioten, als auch als gütige Menschen, Bauernschlaue etc. darstellen.« So ein Spott macht sich immer über jemanden lustig, aber die Spielregeln legt nicht der Spottende fest, sondern das Publikum, indem es lacht oder nicht. Lies den Text mal deinen Freunden und Bekannten vor, achte auf ihre Reaktionen. Wenn sie es lustig finden und du das Gefühl hast, sie lachen nicht nur, um dir einen Gefallen zu tun, sondern ehrlich, dann hast du alles richtig gemacht.

LG
Carlo
 

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