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Mörder

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26.09.2020
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Mörder

"Also, wie viele sollen es sein?" Die Stimme ist kaum zu verstehen. Ein Hauchen und sehr tief. Bedrohlich.
"Zwei. Ja, zwei sollen es sein." Ich schlucke. Die langen alten Äste knarren im Wind, es ist finster und bitterkalt. Das kalte Licht des Mondes zwängt sich hier und da durch das Dickicht und belebt zusammen mit dem Wind unheimliche Schatten. Ich muss so schnell es nur geht fort von hier.
"Gut. So sei es. Du kennst den Preis?"
"Ja. Der alte Schamane hat mir alles erklärt." Den Schamanen fand ich genauso gespenstisch wie die Tatsache, dass ich jetzt hier im tiefsten und unheimlichsten Wald stehe den ich kenne, und obendrein noch mit einem Baum rede.
"Guuut", haucht es durch das Dickicht. "Zwei sollen es sein, zwei Prüfungen musst du bestehen. So soll es geschehen. Und nun geh." Mir ist unwohl. Auf was habe ich mich eingelassen? Das ist doch alles verrückt. Einer der letzten Schamanen der Erde, die Haut ledern und von Falten durchzogen, sonnengegerbt und blinde milchig weiße Augen die ständig in Bewegung sind. Und ein Baum, riesig, so was hab ich noch nicht gesehen.
Ein Stamm von gewaltigem Durchmesser, knorrig vertrocknet. Sieht aus wie abgestorben.
Doch lässt sich im Dunkel der Nacht eine mächtige Krone voller gesunder Blätter erahnen. Und er spricht. Der Schamane hat nicht gelogen.
"Wie geht es denn jetzt weiter?", will ich wissen. "Nun geh. Es nimmt alles seinen Lauf."
Ich bin durcheinander, weiß überhaupt nichts. Was wird denn nun? Langsam entferne ich mich. Bleibe stehen, drehe mich um und traue mich. "Was soll ich denn in den Prüfungen machen?"
Der Wind wird stärker. "Du wirst es begreifen wenn es soweit ist." Und dann ist es nicht weiter ein kaum zu hörendes Hauchen. "Und nun gehhhhh." Ein lautes brutales Fauchen durch die Nacht. Ich erschrecke, mein Herz macht einen schmerzhaften Sprung, pisse mir die Hosen voll und renne davon. Ich werde immer schneller, es läuft mir warm die Beine herab. Weit hinter mir höre ich noch ein grausames gespenstisches Lachen. Ich werde ausgelacht. Was habe ich getan. Unzählige Äste peitschen mir während meiner Flucht durchs Gesicht. Dornenranken zerfetzen zuerst meine Hose und dann meine bepissten Beine. Egal. Tränen laufen meine Wangen hinab, und verschwommen sehe ich meinen Wagen im Mondlicht am Waldrand stehen. Alles läuft wie im Traum ab. Ich reiße die Tür auf, schmeiße mich in die Karre und fahre los als wäre der Leibhaftige hinter mir her. Mein ganzer Körper zittert doch ich komme unfallfrei zu Hause an.
Das ist gut. Die Flasche Rum steht noch an meinem Bett. Gekonnt angesetzt schütte ich mir fast die halbe Flasche in den Wanst, setze ab, schwanke leicht und lass mich aufs Bett fallen. Dieses Lachen hallt noch in meinen Ohren und so schlafe ich dann ein. Geschunden und zerkratzt, bepisst und verschwitzt. Mit der Flasche in der Hand.

Schreie und aufeinander krachender Stahl dröhnen durch meinen Schädel. Mein ganzer Körper schmerzt, ich höre eine grölende und jubelnde Menschenmenge. Der Rest eines Traumes und ich bin kurz vorm Aufwachen? Nein, ich öffne meine Augen und sehe durch ein Blätterdach in einen bewölkten Himmel.
Wo bin ich nur? Ich verstehe gerade, dass ich auf dem Rücken liege, als jemand über mich hinwegspringt. Sand trifft meine Augen, ruckartig springe ich auf. Taumel herum und versuche mir den Sand aus den Augen zu reiben.
Ohrenbetäubender Lärm prasselt von allen Seiten auf mich ein. Ich kenne dieses Getöse. Ich werde angerempelt und stoße mit meinem Rücken gegen etwas hartes und raues. Es zerkratzt mir den Rücken. Also gut, Obenrum scheine ich schon mal nackt zu sein. Mit dem Rücken an der groben Wand reiße ich die Augen wieder auf. Der Sand ist raus, und ich hatte Recht. Diesen Lärm kenne ich. Ich habe genug solcher Filme gesehen. Kampfgetöse, Schlachtenlärm. Es ist eine Arena. Direkt nach dieser Erkenntnis kommt auch schon ein Speer von irgendwo her auf mich zu geflogen. Knapp kann ich mich zur Seite wegdrehen, und er bleibt neben mir in der Wand stecken. Dann sehe ich es. Das ist keine Wand. Es ist der riesige, alte Baum aus dem Wald. Ich Blicke mich schnell noch einmal um, und mir ist sofort klar was los ist. Ich stehe in einer Arena voller Gladiatoren, umringt von einem tosenden Publikum, und mitten in dieser antiken Arena, groß und bedrohlich, steht dieser eine Baum und ragt gen Himmel. Es ist meine erste Prüfung. Und dieser sprechende Holzklotz hat den Besten Platz ergattert um sich das Spektakel anzuschauen. Ein Gladiator rennt mit erhobenem Schwert auf mich zu und schreit sich die Seele aus dem Leib. Reflexartig ducke ich mich unter seinem Hieb hindurch, richte mich wieder auf, und als er sich umdreht um erneut zuzuschlagen nutze ich meine Chance. Nun zahlt sich meine jahrelange Kampfsporterfahrung aus. Mit meinem Ellenbogen zertrümmere ich seinen Kehlkopf. Es knackt und knirscht fürchterlich, er spuckt eine Blutfontäne in den Himmel und geht röchelnd zu Boden.
Meine Aufgabe scheint klar. Überleben. Ich packe mir sein Schwert. Dabei gehen mir die Filme durch den Kopf. Ja, Gladius nennt man diese römischen Schwerter. Und wenn mich nicht alles täuscht, steckt dort ein Pilum im Baum. Dort wo ich eben noch meinen Kopf hatte. Ach scheiß drauf, jetzt wird überlebt. Im Kampfsport war ich bisher immer die Ruhe selbst, nie nervös und immer voll konzentriert. Das wird mir jetzt hoffentlich helfen. Etwas entfernt von mir wird gerade ein Kämpfer von zwei Gegnern zu Boden geschmissen. Ein Dreizack bohrt sich langsam in sein Gesicht, während ein mächtiger Kriegshammer sein linkes Bein zertrümmert. Er schreit wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Nun gut, Regeln gibt es hier wohl kaum. Es sind nicht gerade wenige Gladiatoren. Im Moment zähle ich noch acht, und wohl noch zwei oder drei irgendwo hinter dem fetten Baum. Aber ebenso viele liegen am Boden und tränken den Sand mit ihrem Blut.
Ich brauche einen Plan.

Alle, einschließlich mir, sehen so aus wie man es aus Schulbüchern und Filmen kennt. Manche mit Helm, manche ohne. Mit Schwertern, Dreizack, Speer und Netz bewaffnet. Und noch einige andere Waffen mehr. Von dem mächtigen Hammer dort drüber halte ich mich so lange es geht fern. Das steht fest. Der Typ der ihn schwingt ist ein Untier.
Ich schleiche mehr oder weniger unauffällig durch die Arena. Die Meute tobt, ich weiche einem Netz aus und versuche um den Baum herum zukommen. Der Netzschwinger verfolgt mich nicht weiter. Ich sehe gerade noch wie er einen kleinen runden Schild an den Schädel bekommt, und bevor er zu Boden geht, durchbohrt ein langer Dolch seinen Hals und nagelt ihn an den Stamm meines unheimlichen Freundes. Endlich bin ich um den Stamm rum. Bei der Größe braucht es schon so seine Zeit. Ich bin für den Moment aus dem Blickfeld aller Gegner, und begutachte mich. Oberkörper nackt, kein Helm. Nur eine Art Röckchen an, Ledergürtel und kniehohe lederne Riemenstiefel. Scheiße. Ein wenig mehr Rüstung hätte nicht geschadet. Gut, auf den Helm kann ich verzichten, der würde mich eh nur stören.
Also dann, kaum geschützt aber dafür umso beweglicher. Mir bleibt noch das Kurzschwert. Es liegt wirklich gut in der Hand. Und das scheiß Netz gut über mir. Ich hab ihn nicht kommen sehen. Je hektischer ich versuche mich zu befreien, umso verworrener wird meine Lage. Das Netz ist am Rand zusätzlich mit Gewichten beschwert, die es schön Unten halten. Siegessicher stapft ein behelmter Gladiator auf mich zu. Er greift ins Netz und reißt es samt Inhalt zu Boden. Ich liege auf dem Rücken, und auf meinem Schwert. Der Kämpfer zieht seinen Helm aus und wirft ihn hinter sich. Lachend steht er jetzt über mir und hebt den Fuß. Er macht sich gar nicht die Mühe seinen Speer zu benutzten. Er zielt auf mein Gesicht. Der Fuß saust herab, ich kann ein wenig zur Seite rollen. Mein Gegner trifft meine Schulter. Aber zum Glück nicht voll, er rutscht mit dem Fuß ab und die meiste Kraft seines Trittes bekommt der sandige Arenaboden ab. Ich drehe mich zurück, und nun steht er breitbeinig über mir. Wie schön. Ich grinse. Hier sind Tiefschläge erlaubt.
Mein ausgestreckter Arm findet einen Weg durch die großen Maschen des Netzes. Für einen richtigen Schlag reicht der Schwung nicht aus. Also greife ich zu und ziehe. Jaulend fasst er sich zwischen die Beine, doch ich lasse nicht los. Versuche mich hoch zuziehen. Klappt nicht. Ich höre Gewebe reißen, Blut läuft mir am Arm herab und tropft mir ins Gesicht. Mein Gegner lässt sich fallen, ich lasse los. Nun liegt er mit angezogenen Beinen neben mir auf dem Rücken. Seine Hände versuchen seinen zerrissenen Sack zusammen zu halten. Er schreit und wimmert. Ich bin entzückt. Nach mehreren Handgriffen bin ich endlich das Netz los. Sofort greife ich zum Schwert und springe auf. Ich strecke es hoch in die Luft, und schwinge es in einem Halbkreis nach Unten. Knapp über dem Boden entlang.
Die scharfe Spitze des Schwertes schneidet vom Kopf bis runter zum Bauch. Sein Gesicht und seinen Brustkorb ziert es mit einem tiefen Schnitt, sein Bauch öffnet sich komplett. Ich starre mit weit aufgerissenen Augen auf ihn hinab. Es sieht fürchterlich aus, und es dauert auch nur wenige Augenblicke. Jetzt bekommt meine Nase auch mit was da los ist. Mir wird übel. Ich würge einmal, ich würge zweimal. Dann kotze ich ihm in seine Gedärme. Kurz und schmerzlos, aber viel und widerlich.
Während ich etwas von meinem Inneren in sein Inneres gebe, werden in meiner Nähe zwei weitere Artisten massakriert.
Ich richte mich auf, wische mir mit dem Unterarm über den Mund, und laufe vom Baum weg.
Ich laufe bis zum Rand der Arena. Von hier aus habe ich eine bessere Übersicht.
Keine Überraschungen mehr. Rücken an die Wand.

Das Publikum tobt. Die ersten Sitzreihen befinden sich etwa vier Meter über mir. Entkommen unmöglich. Ich zähle durch. Außer mir sind noch vier übrig. Überall liegen Leichen, teils komplett, teils fehlen Körperteile. Die Arena färbt sich Blutrot. Weiter links von mir wird der Kriegshammer geschwungen. Etwa zwei Meter lang, mit einem mächtigen stählernen Hammerkopf, und am unteren Ende befindet sich eine Art Speerspitze mit langen Widerhaken. Harpunen ähnlich.
Sein Gegner hat die größten Mühen nicht getroffen zu werden.
Und genau mir gegenüber, am andere Ende der Arena sind die anderen zwei beschäftigt. Gut, keiner beachtet mich. Ich greife mir den Speer neben mir im Sand. Der eine dreht mir den Rücken zu. Die Arena ist nicht gerade klein. Ich schätze etwa fünfzig Meter im Durchmesser. Mit voller Wucht schleudere ich den Speer. Es fühlt sich an als ob mir meine Schulter aus dem Gelenk reißt. Im hohen Bogen fliegt er durch die Luft. Die Gladiatoren schlagen aufeinander ein und drehen sich im Kreis. Der Speer senkt seine Flugbahn, und trifft. Genau im richtigen Moment. Einer der Beiden steht nun mit dem Rücken zu mir, und sein Gegner ihm gegenüber. Sehr nahe.
Der Speer schlägt mit voller Wucht ein. Beide lassen ihre Waffen fallen und drehen sich zur Seite. Jetzt sehe ich es genau. Er hat schräg von Oben den Hinterkopf durchschlagen, ist durch den Mund wieder ausgetreten und hat seinem Gegenüber die Brust durchbohrt. Kurze Zeit stehen sie noch so da, dann kippen sie zur Seite und liegen am Boden. Die Massen jubeln und applaudieren. Ein wenig stolz bin ich schon. Ich gehe ein wenig von der Wand weg und drehe mich zum Publikum. Ich reiße die Arme in die Höhe. Sie rasten förmlich aus. Es gefällt ihnen. Hinter mir kracht weiterhin der Kriegshammer in einen Schild hinein. Wieder und wieder. Ich drehe mich um.
Der Muskelbepackte Fleischberg steht vor seinem geduckten Gegner und schwingt den Hammer über seinen Kopf. Dann lässt er ihn nach unten sausen und sein Gegner versucht seinen Schädel mit einem Schild zu schützten. Er hat zwar einen Helm an, aber der wird ihm wohl nicht viel nützen.
Wieder und wieder fällt diese wuchtige Waffe auf den Gegner herab. Ich laufe los. Ich muss ihm helfen. Zu zweit fällen wir dieses Monster, und dann stehen meine Chancen am Ende um einiges besser. Nur noch wenige Meter. Zu spät. Der Hammer kracht auf den Schild. Erst stählernes Scheppern, dann bricht der Unterarm. Es knirscht und splittert. Ein lauter Schrei hallt unter dem Helm hervor. Der Arm sinkt nach unten, der Gladiator richtet sich auf und läuft davon. Doch der Hammer ist lang. Der Koloss dreht sich einmal um die eigene Achse und rammt dem Fliehenden das spitze Ende des Hammerstiels in den Rücken. Dieser reckt die Arme in die Luft, keucht, und geht auf die Knie. Dann reißt er ihm den Hammer wieder heraus, und dank der Widerhaken bleibt ein großes, fleischiges und bluttriefendes Loch im Rücken seines Zieles. Ich stehe da und starre auf die Kampfszene. Der Hammer findet wieder den Weg hoch in die Luft. Sein Gegner kniet immer noch vor ihm. Die Waffe trifft genau von oben auf den Kopf. Es knackt laut, Blut spritzt unten aus dem Helm, dann fällt er zur Seite und rührt sich nicht mehr.
Der Riese dreht sich zur mir, lächelt und kommt langsam auf mich zu. Jetzt werde ich nervös.

Wir sind zwar gleich gut gerüstet, nämlich gar nicht, doch mit dem Kriegshammer und seiner Statur liegen die Vorteile von Reichweite und Kraft auf seiner Seite. Meine Wendigkeit und Geschwindigkeit sind meine einzige Chance hier lebend raus zukommen. Und so ist es auch. Kaum ist er nah genug, schwingt er wild den Hammer. Ja genau, Knüppel aus dem Sack und immer feste drauf. Und ich weiche geschickt in alle Richtungen aus. Wieder und wieder. Die Massen grölen. Es bleibt keiner mehr auf seinem Sitz.
Ich muss nah an ihn ran. Egal wie. Er schlägt zu, ich tauche in Boxermanier drunter her und stehe direkt vor ihm. Ich hole aus und will ihm das Schwert von unten in den Bauch rammen. Mit einer Kopfnuss habe ich nicht gerechnet. Mir platzt die Stirn auf und ein Blutschwall rinnt mir über mein Gesicht. Das Schwert verfehlt sein Ziel und ich taumle zwei Schritte zurück. Der Dreckskerl verspottet mich. Er lacht und dann streckt er mir die Zunge raus. Zu selbstsicher. Mit meiner Linken vollführe ich sofort den Kinnhaken meines Lebens. Die Zunge liegt zuckend im Sand und schreiend spuckt er mir Blut entgegen. Natürlich ins Gesicht. Als ob mein eigenes nicht reichen würde.
Entsetzt starrt der Hauklotz auf den Fleischlappen im Sand. Dann schaut er mir in die Augen.
Die Wut kocht in ihm. Das ist gut. Er rastet völlig aus und schlägt unkontrolliert um sich. Ich muss höllisch aufpassen. Der Hammer verfehlt knapp meinen Kopf, um sofort danach dicht neben mir im Sand ein tiefes Loch zu hinterlassen. Ich halte Abstand. Dann kommt die Gelegenheit. Mit hochrotem Kopf reckt er seine Waffe in die Luft, als wolle er die Erdkugel aus ihrer Umlaufbahn befördern. Ich renne auf ihn zu und er merkt schnell das ich schon fast zu nah bin. Ich blicke ihm direkt in die Augen, lasse mich kurz vor ihm fallen und rutsche mit den Beinen voran zwischen seinen Beinen hindurch. Der Hüne jagt sofort das Widerhaken besetzte Ende seiner grausame Waffe in Richtung Boden. Knapp an meinem Kopf vorbei. Mein Ohr wird zerfetzt, doch ich merke es kaum. Der Hammerstiel steckt tief im Sandboden, ich tauche hinter ihm auf. Springe sofort auf die Beine und ramme ihm mein Schwert von Hinten durch den Rücken. Die Spitze ragt weit aus seinem Bauch heraus. Langsam gehe ich zurück, er stöhnt, wankt und knickt zur Seite weg. Die Menge liebt mich. Applaus und Jubel um mich herum. Der gefällte Riese macht den Blick frei auf die Loge des Kaiser. Oder Königs. Was auch immer. Über der Loge seiner Majestät prangt eine Inschrift.
In Stein gemeißelt. Und wenn der Lateinunterricht in meiner Schulzeit nicht völlig unnütz war, bin ich mir ziemlich sicher. WIR MÜSSEN LEBEN BIS WIR STERBEN.
Dann wird mir schwarz vor Augen.

Mein Schädel dröhnt als hätte ich ein Fass Rum alleine vernichtet. Ich habe die Augen geschlossen und hole tief Luft. Ich liege am Boden und bin noch leicht verwirrt. Dann, wie ein Geistesblitz, ist alles wieder da. Die Arena, die Gladiatoren. Der Schamane und der sprechende Baum. Meine Prüfungen. Ich beiße die Zähne zusammen, springe auf und öffne die Augen. Sofort scheint pures Adrenalin durch meine Adern zu strömen. Den Schmerz in meinem Kopf spüre ich kaum noch.
Ich bin auf alles gefasst.
Vor mir steht der sprechende Baum. Ich stehe wieder im Wald, nur dieses mal ist etwas anders.
Mir ist sofort klar was ich zu tun hab. An seinem Stamm lehnt eine mächtige Axt, und hoch oben
hängt ein Strick an einem stabilen Ast. Die Schlinge um meinen eigenen Hals. Ich hänge dort oben, zappel mit den Beinen und zerre mit beiden Händen an der rauen Schlinge. Das ist meine Aufgabe.
Mich selbst vor dem Tod durch den Strick retten. Mein Ebenbild hängt zu hoch um dranzukommen, aber der Ast sitzt am Stamm tief genug. Dort kann ich ihn zerschlagen. Ich zögere nicht. Renne zum Stamm, nehme die Axt in beide Hände und schwinge sie über meinen Kopf. Bevor ich zuschlagen kann erwischt mich ein langer Ast aus der Krone am Schädel und streckt mich nieder.
Ich hätte es mir denken können. Wäre ja auch zu schön gewesen. Im Augenwinkel sehe ich gerade noch eine Bewegung. Sofort rolle ich mich zur Seite. Der oberarm dicke Spieß rammt sich tief neben mir in den Boden. Ich springe auf, weiche einige Schritte zurück. Der ganze Baum erwacht zum Leben, unzählige dünnere Äste peitschen wie Tentakel überall aus der Krone des Baumes.
Sie erreichen mich jedoch nicht.

Meine Hände umklammern fest den Schaft der Axt. Einer der tiefer hängenden Äste saust von der Seite auf mich zu. Rechtzeitig ducke ich mich weg, doch er versucht es ein zweites mal. Dieses mal schwinge ich meine Waffe. Mühelos durchtrennt die Schneide den Ast.
Mir spritzt etwas ins Gesicht. Blut. Das Mistvieh blutet. Egal, keine Zeit um mir darüber Gedanken zu machen. Ich renne auf den Baum zu und ramme ihm mit aller Kraft den Axtkopf in den Stamm.
Er erzittert, über mir ein wildes Rascheln und Peitschen. Ich reiße an dem Schaft und hole erneut aus. Von beiden Seiten schießen Pfeilspitze Äste auf mich zu. Ich schlage zu und springe sofort zurück. Die Axt steckt wieder tief, Blut so dick wie Harz läuft aus den Wunden im Stamm, und knapp vor mir krachen die hölzernen Speere ineinander und zersplittern. Mein Gesicht wird von Splittern getroffen. Ein Schmerz wie tausend Nadelstiche. Ich schreie auf, ein Splitter zerfetzt meine Unterlippe, ein etwas größerer durchbohrt meine Wange. Ich ziehe ihn raus, meine Wange reißt auf. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr, mein Ebenbild zappelt immer weniger. Ich hechte vor, zerre den Baumtöter aus dem Stamm und schwinge ihn Richtung Ziel. Treffer. Hastig hole ich erneut aus. Zack. Treffer. Ich hole wieder aus. Treffer. Nur es reicht nicht ganz. Der Ast an dem der Strick hängt ist nur zur Hälfte durch. Er knackt und knirscht, aber ich brauche noch einen guten Schlag. Zum ausholen komme ich nicht mehr. Eine mächtige hölzerne Keule trifft mich von der Seite. Es tut so weh. Rippen brechen, ich fliege samt Axt durch die Luft.
Ich krache gegen einen anderen Baum und falle zu Boden. Ich winde mich vor Schmerzen.
Das Adrenalin in meinem Körper hilft. Mühsam stehe ich auf, suche nach meiner Waffe. Sie liegt nicht weit von mir im Laub. Ich hebe sie auf und voller Wut stürme ich auf das Ungetüm zu.
Einige Schritte vor dem Ziel schnellt eine Wurzel vor mir hoch, ich lande wieder im Dreck. Meine Nase knirscht fürchterlich und Tränen schießen mir in die Augen. Ich drehe mich auf den Rücken und halte mir vor Schmerzen das Gesicht. Ich schmecke Blut. Ich schlucke Blut. Viel Blut. Dann schießt mein Oberkörper hoch und ich schreie wie am Spieß. Das trifft es auch ziemlich gut. Erst durchbohrt ein armdicker Ast meinen linken Oberschenkel, dann ein anderer meine rechten. So gut es eben noch geht strample ich mit den Beinen, meine Füße trommeln auf den Waldboden ein. Mit beiden Händen fasse ich zu und versuche sie raus zuziehen. Vergeblich. Eine dünne Wurzel schießt aus dem Boden, umwickelt meinen Hals und reißt meinen Oberkörper zurück. Ich liege auf dem Rücken und komme nicht mehr hoch. Ich schlage wild um mich, doch zwei weitere Wurzeln fassen zu und reißen meine Arme zu Boden. Kaum liegen meine Arme ausgestreckt neben mir, werden sie auch schon von zwei Ästen durchbohrt. Derart auf den Boden genagelt, oder sollte ich besser sagen gekreuzigt, sehe ich keine Möglichkeit mehr es zu schaffen. Mein Mut und all meine Hoffnung machen der Angst und Verzweiflung platz. Ich kann kaum klar denken vor Schmerzen. Nein, unmöglich. Ich schaffe es nicht. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, gibt dieser verfluchte Riesenholzscheit mir den Rest.
Die Wurzel um meinen Hals zieht sich zu, ich schnappe nach Luft. Kaum habe ich den Mund auf, stoßen mehrere kleine Triebe herab und stopfen mir das Maul. Die Wurzel um meinen Hals lässt etwas lockerer, doch das hilft mir auch nicht mehr. Die Triebe wachsen und gedeihen. Unzählige Blätter verstopfen meinen Mund und meinen Hals. Dünne frische Ästchen wachsen aus meiner Nase und kriechen meinen Hals hinab. Ich spüre es genau. Es geht schnell. Sie sind in meinem ganzen Körper. Sie sprießen aus meiner Nase, durchstoßen von Innen meine Augen und meine Ohren. Ich möchte schreien, doch es geht nicht. Sie kriechen aus meinem Schwanz und aus meinem Arsch ans Licht. Ja, bei ihnen geht das Licht an, bei mir geht es aus. Schwärze überkommt mich.
Eigentlich müsste ich mich daran gewöhnt haben. Die Lichter gehen aus, die Lichter gehen wieder an, mein Kopf dröhnt Schmerzen die durch meinen ganzen Körper jagen und wenn ich die Augen öffne bin ich an einem anderen Ort. An so einen Scheiß kann und will man sich aber nicht gewöhnen. Aber es ist so. Ich atme schwer, liege auf einem weichen feuchten Boden. Dieses mal lasse ich die Augen noch geschlossen, und konzentriere mich auf meine anderen Sinne. Meine Ohren hören den Wind der Äste und Blätter zum knacken und rascheln bringt. Meine Nase vernimmt den Duft des Waldes. Die Finger graben sich in den weichen moosigen Grund. Es müsste vorbei sein. Es waren zwei. Ich drehe den Kopf zur Seite, atme tief ein, und öffne meine Augen. Schmerzen. Es dauert eine Weile, doch dann sehe ich ihn im Mondlicht stehen. Diesen Baum würde ich unter tausenden wiedererkennen. Sofort schaue ich hoch. Kein Strick, niemand baumelt dort am Ast. Auch der Stamm hat keine einzige Schramme. Mühevoll stehe ich auf, stelle mich vor den Baum. Noch unsicher auf den Beinen, doch ich stehe.
"War`s das?", frage ich und muss schmerzhaft schlucken.
"Ja, es ist vorüber." Der Schamane kommt hinter dem Baum hervor. Ich schrecke zurück. Er ist einfach ein unheimlicher Scheißkerl. Dem möchte ich nie wieder begegnen. „Die erste Aufgabe hast du gemeistert, an der letzten bist du gescheiter. Das heißt, aus zwei wird nichts, es bleibt bei einer. Und so soll es sein.“
Der alte Indianer bleibt neben dem Baum stehen. Ich warte darauf, dass der Baum zu mir spricht. Nichts. „Was ist...“, beginne ich, werde jedoch schlagartig unterbrochen. Ein ohrenbetäubendes Knirschen und Knacken lässt mich mehrere Schritte zurückweichen. Wie gebannt starre ich auf den Stamm des hölzernen Ungetüms.
Er bricht vom Boden an bis einige Meter in die Höhe auf. Unter lautem Getöse öffnet er sich.
Mir bleibt der Mund offen stehen. Ich bin unfähig mich zu bewegen. Weißes grelles Licht scheint mir entgegen und blendet mich. Er reißt weiter auf. Der Boden zittert und die Äste der Krone peitschen wild um sich. Ich ducke mich und will in Deckung gehen, doch sie haben es nicht auf mich abgesehen. Man könnte meinen, er windet sich vor Schmerzen. Ein letztes Aufbäumen und plötzlich ist es vorbei. Er rührt sich nicht mehr und es ist totenstill im Wald. Selbst der Wind weht nicht mehr. Als ob er sich nicht traut.
Der Schamane steht unbeeindruckt neben dem Stamm, der nun irgendwie einem hölzernen Höhleneingang ähnelt. Das grelle weiße Licht ist erträglicher geworden. Ich schaue zum Indianer.
Keine Regung. Kurz zögere ich noch, dann gehe ich ganz langsam auf die Öffnung zu.
Ich komme nicht weit, bleibe vor Schreck wie versteinert stehen. Mir kommt jemand entgegen.

Im weißen Licht erkenne ich nur schemenhaft wer dort auf mich zukommt. Doch das reicht. Mir läuft es schon wieder warm die Beine runter. Die Gestalt tritt aus der Pforte im Stamm und sofort wird es stockfinster im Baum. Ich breche zusammen, kippe nach hinten und lande auf dem moosig feuchten Boden. So sitze ich nun zitternd vor ihm und starre ihn mit Tränen in den Augen an.
Dort steht er. So wie man ihn kennt. Die schwarze Kutte, die Kapuze die seine Fratze in Dunkelheit hüllt, und sein Werkzeug. Sein scheiß Werkzeug. Mit so einer Sense hat mein Opa damals die Wiesen bearbeitet. „Nein, das kann doch alles nicht sein. Was ist das hier denn nur.“, ich werde hysterisch.
Der Schamane rührt sich. „Nun stell dich nicht so an. Wen hast du denn erwartet?“
Ich bin völlig wirr im Kopf. Schaue hektisch zwischen dem Indianer und dem Tod in Person hin und her. Der Tod steht ohne jede Regung da, von schwarzen Nebelschwaden umringt. Der Alte kommt zu mir, legt mir die Hand auf die Schulter, und sagt mit einer Stimme mit der Eltern ihr Kind beruhigen wollen: „ Das war dein Anliegen. Wer sonst könnte es besser erfüllen als der Gevatter?“
Er lächelt mich an. Dabei kann ich ein wenig seiner Zähne sehen. Ich weiche leicht zurück. Soweit es sein Griff zulässt. Schwarze verfaulte Stummel. Sein Atem stinkt fürchterlich nach Verwesung und Schwefel.
Mir wird schlecht.

Er lacht kurz, und klopft mir auf die Schulter. „ Also dann Bursche. Einer soll es sein.“
Er schaut zum Sensenmann, dieser stimmt mit einem langsamen Kopfnicken zu. Der Indianer schaut zu mir und sieht mir mit seinen blinden Augen direkt in meine. Er wartet. Ich zögere, doch dann akzeptiere ich ebenfalls mit einem Kopfnicken. Tränen laufen meine Wangen herab. So habe ich das nicht gewollt.
„Gut. So sei es. Du wolltest das jemand aus deinem Leben verschwindet, so nenne ihm einen Namen und es wird geschehen.“
Mein Atem stockt, eine gefühlte Ewigkeit vergeht und ich bringe kein Wort über meine Lippen.
Der Schamane brüllt mich an: „Los. Den Gevatter lässt man nicht warten.“ Ich zucke zusammen und schaue ihn verstört an. Und dann wieder leise und verständnisvoll: „Der Tod kann sehr ungehalten werden.“ Er grinst und zeigt mir das ganze faulende Trümmerfeld in seiner ledernen Fresse. Hassenswert. Ich wende mich von ihm ab, gehe langsam einige Schritte auf die dunkle Gestalt zu. Dann ist es eben so.
„Ich wähle John Miller, meinen ehemals besten Freund.
Sofort steigt die Wut in mir hoch. „Er hat mit der Schlampe die sich meine Ehefrau nennt...“, der Gevatter reißt den Arm hoch und unterbricht mich. „Ich weiß. Und falls du dich fragst woher: Nicht nur der Weihnachtsmann sieht alles.“
Mir klappt die Kinnlade runter.
Der schwarze Nebel hüllt den Gevatter ein, lichtet sich und er ist verschwunden. Knarrend und knackend schließt sich der Stamm. Noch ein leises Hauchen: „So soll es geschehen.“, dann ist es vorbei.
Der alte Indianer amüsiert sich. „Immer einen lockeren Spruch auf seinen knochigen Lippen, der Herr Gevatter.“
Ungläubig schaue ich ihn an. Bin völlig fertig. „Ich möchte jetzt nach Hause. Kann ich nun gehen?“
„Natürlich kannst du gehen. Nur das mit dem zu Hause ist so eine Sache.“
Fragend starre ich ihn an. Nachdem ich keinen Ton rausbekomme, spricht er weiter.
„Nun gut. Ich sehe du hast noch nicht begriffen was los ist. Ich werde dich aufklären.“
Er räuspert sich.

„ Selbstverständlich kannst du nach Hause. Du weißt doch, jeder hat ein zu Hause. Auch wenn es Unterschiede gibt. Einer wohnt im Palast, der andere unter einer Brücke. Und doch ist beides ein Zu Hause.“ Er deutet auf den riesigen knorrigen Baum. „Ein gutes Beispiel. Der Baum des Todes. Dort wohnt er. Sieht von Außen kleiner aus als er Innen ist. Glaub mir, es ist ein Palast. Dennoch möchte ich nicht darin leben. Nicht mein Stil. Und die Umgebung, nein Danke. Ich bevorzuge wärmere Regionen. Und was dich angeht, manchmal zieht man eben um.“
Der Schamane grinst, mir stockt der Atem. Er macht eine Handbewegung, der Boden beginnt zu zittern und hinter ihm bricht das Erdreich auf.
So unnatürlich es auch sein mag, mich wundert hier irgendwie gar nichts mehr. Ich hab nicht einmal das kleinste bisschen Angst. Es ist alles zu suspekt und unwirklich. Resignation macht sich breit.
„Lange Rede kurzer Sinn, die Aufgaben waren keine Träume, wie du anscheinend denkst. Nein.
Sie waren real. Du bist hervorragend aus der ersten raus gekommen. Nur eben nicht aus der letzten.“ Er lässt es kurz sacken. Ich begreife es trotzdem noch nicht.
„Du wirst gleich begreifen. Sie waren real. Du bist gestorben. Tot.“
Der Schamane grinst mich an. Ich stehe nur da und glotze ihn an.
Der Boden um den Indianer beginnt zu brennen. Immer höher züngeln die Flammen und hüllen ihn völlig ein. Endlich erwache ich aus meiner Starre. Ich drehe mich um und laufe los. Ich komme nicht weit. Schallendes Hohngelächter hinter mir. Der glühende Dreizack durchbohrt meinen Unterschenkel. Ich gehe zu Boden, lande mit dem Gesicht im Dreck. „Du wohnst nun bei mir.“
Eine Pranke mit langen Klauen reißt mich herum.
„Für Mörder habe ich immer ein Plätzchen frei.“
Ich starre in die brennenden Augen einer roten gehörnten Fratze. Ich kreische: „ Neiiiin. So wollte ich das nicht. Das kann nicht sein. Neiiiiiin“
Er packt mich am Bein. Es sind unerträgliche Schmerzen. Ich schreie, und werde über den Waldboden gezogen. Bis zum Riss im Erdreich und dann eine steinerne Treppe hinab. Die Hitze wird immer stärker, mein Kopf schlägt auf jede Stufe auf. Es riecht nach Schwefel. Ich breche mir sämtliche Fingernägel von den Fingern, bei dem Versuch mich irgendwo festzukrallen.
Bevor ich ohnmächtig werde höre ich ihn noch sagen: „Übrigens, mach dir nichts draus. Die letzte Prüfung hat bisher noch niemand geschafft. Wird auch nie jemand schaffen. Das ist ein kleiner Pakt zwischen mir und dem Gevatter.“

Ich werde ausgelacht. Mir schwinden die Sinne. Der Wind weht durch den Wald, lässt Äste knarren und Blätter rascheln. Ein Riss im moosigen Waldboden schließt sich langsam.
 
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10.07.2020
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Hallo @olgeke!

Willkommen im Forum! Du startest ja gleich mal mit einem großen Text. Respekt für den Mut!

Man merkt deinem Text an, dass du schon länger schreibst - im Guten wie im weniger Guten. Gut ist, dass du eine vollständige Geschichte entwickelst, die du komplett durcherzählst, und das bei mehreren Figuren- und Schauplatzwechseln. Das verlangt Fokus und Ausdauer. Chapeau! Der Text enthält außerdem viele gute Beschreibungen und Bilder.

Bisschen weniger gut ist, dass der Text - meines Erachtens - (a) zu lang und (b) ungünstig konstruiert ist. Hier ein paar Vorschläge:

1. Stell die Motivation deines Protagonisten an den Anfang
Du verrätst erst ganz, ganz am Ende, dass dein Protagonist einen Deal mit dem Tod eingeht, damit dieser seine Frau und deren Liebhaber tötet. Das gehört viel weiter nach oben - denn wenn ich weiß, warum dein Protagonist die Begegnungen im Wald und die Prüfungen auf sich nimmt, werde ich eher mit ihm mitfiebern.

2. Kürze die Prüfungen
Du beschreibst die Prüfungen, vor allem die erste, minutiös. Das ist zu lang. Klar ist es interessant, es ist auch gut beschrieben, aber es bremst die eigentliche Geschichte aus.

EDIT: Ist mir beim Lesen nicht aufgefallen, aber: In der Arena tötet dein Protagonist mehrere Gladiatoren. Als Teil einer Prüfung, damit der Tod dann die Frau und den Liebhaber tötet? Das macht eigentlich keinen Sinn. Wenn der Protagonist so gut im Töten ist (Kampfsporterfahrung und so), warum macht er es dann nicht gleich selbst? Ich glaube, du hast hier zwei Möglichkeiten: Entweder du machst die Prüfungen weniger gewalttätig oder du erklärst irgendwie, warum dein Protagonist die Frau und den Liebhaber eben nicht mal eben selbst meucheln kann.

3. Warum Schamane und Tod?
Eventuell kannst du den Plot noch ein bisschen stringenter machen, wenn du aus zwei Figuren eine machst: den Teufel z.B. (Aber das ist ein bisschen vage gedacht.)

4. Sprache
Deine Sprache ist okay, hat aber Luft nach oben. Das gilt auch für die Rechtschreibung. Es fehlen jede Menge Kommata, Groß- und Kleinschreibung sind öfter durcheinander und ein paar Sätze sind krude konstruiert, z.B. dieser hier:

Einer der letzten Schamanen der Erde, die Haut ledern und von Falten durchzogen, sonnengegerbt und blinde milchig weiße Augen die ständig in Bewegung sind.

Ein paar Mal hast du auch alltagssprachliche Ausdrücke drin, die, finde ich, nicht passen:

Und ein Baum, riesig, so was hab ich noch nicht gesehen.

Also gut, Obenrum scheine ich schon mal nackt zu sein.

Ach scheiß drauf, jetzt wird überlebt.

Nun gut, Regeln gibt es hier wohl kaum.

Lange[r] Rede kurzer Sinn, die Aufgaben waren keine Träume, wie du anscheinend denkst.

Solche Ausdrücke können unfreiwillig komisch wirken, weil sie so gar nicht zum Ton der Geschichte passen. Versuch doch mal, eine Erzählstimme zu kreieren, die du dann konsequent über den gesamten Text durchhältst.

Ich hoffe, das gibt dir ein paar Ideen für die Story. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde den Grundplot sehr solide, viele Beschreibungen sind gut, und dass du schreiben kannst, ist klar. Dieser Text braucht aber, glaube ich, sprachliche Überarbeitung, Kürzung und, womöglich, eine etwas andere Sortierung, damit er richtig funktioniert.

Bitte weiterschreiben - ich freue mich auf mehr!

Viele Grüße

Christophe
 
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26.09.2020
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Hallo Christophe,
vielen Dank für deine umfangreiche Kritik. Ich find es wirklich spannend, was andere zu meinen Texten sagen. Es gibt noch einige andere ältere Texte auf meiner Festplatte und die sind alle irgendwie gleich zustande gekommen: mir kommt eine Idee zu einem Thema, konstruiere das Ende der Geschicht zu erst und überlege dann alles andere, wie es zu diesem Finale wohl gekommen sein könnte. Meist geht's mir darum, den Leser mit dem Ende zu überraschen. Und da ich bisher hauptsächlich für mich selbst geschrieben habe, reichte es mir immer einmal das Korrekturprogramm drüber zujagen. Meine Ideen zu einer Geschichte zu formen war mir bisher das wichtigste.
Ich freu mich schon drauf hier noch einiges zu lernen. Nochmal kurz zur Story :
Die Idee war wohl, daß die erwählten Personen nur aus dem Leben meiner Hauptfigur verschwinden sollten. Es war nicht sein Plan sie töten zu lassen. Die "Überraschung" für den Leser sollte dann am Ende sein, daß der Tot die Finger mit im Spiel hat, und die Haupfigur so zum Mörder wird.
Wie meinst du das denn mit der Länge. Von wegen Kurzgeschicht oder so? Hab da Probleme dies einzuordnen. Habe Texte die von ein oder zwei DIN A4 Seiten reichen, und auch was mit ca. vierzig Seiten. Auch einiges dazwischen. Auch die Genre Zuordnung ist mir meist nicht klar. Ist ja eigentlich kein richtiger Horror. Ich würd eher sagen die Kategorie "wirres Zeug". Auf jedenfall nochmals vielen Dank für deine Tips. Werde nach und nach noch meine anderen alten Texte hochladen und mit dem was ich lerne noch mal überarbeiten.

Viele Grüße
Olgeke
 
Senior
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01.05.2009
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1.925
Hallo @olgeke ,

herzlich willkommen im Forum. :gelb:

Sehr schön, dass es in letzter Zeit hier einige neue Horror /Weird-Schreiber gibt.

Zu deinem Text muss ich sagen, dass ich sehr schnell das Interesse verlor, die ersten Prüfungen im Quickread gelesen und dann bis zum Ende durchgescrollt habe (immer mit einem Auge auf dem Text, ob sich da noch etwas anderes entwickelt) und dann das Ende wieder gelesen habe.

Was mich hier - sorry - wirklich abgestoßen und aus der Handlung gekickt hat, ist diese total nervige ironische Selbstbezogenheit des Protas / Erzählers. Zum einen, wie Christophe auch schon anmerkte, dieses ständige dümmliche Geflapse (á la da steckt ein Speer hinter mir in der Wand, ach, scheiß drauf) und diese faul wirkenden Meta-Referenzen zu allen möglichen Filmen, Games etc.
- Humor (auch wenn er nicht wirkt) ist ein Mittel, um Spannung zu lösen. Je mehr du die Spannung löst, desto weniger ist der Leser engagiert. Horror & Spannung & Humor zu kombinieren ist zweifellos möglich, funktioniert aber nur bei Autoren, die die Basics drauf haben und wirklich jeden Kniff beherrschen. Bei dir ist das (momentan) noch all over the place, und erweckt den Eindruck, du würdest es mit deiner Geschichte selbst nicht so ernst meinen - warum sollte ich es dann tun? (Leseeinsruck btw., keine böse Unterstellung.)
- Auch stark selbstironische Erzähler können in Horror funktionieren (schau dir hier im Forum mal Geschichten von Proof an, der hat ein Händchen für diese Balance), aber wenn das so derart massiv und mit der Keule angewandt wird, kann ich deinen Prota null ernst nehmen, mich interessiert seine Lage / Probleme nicht, und damit ist es mir egal, ob er seine Prüfungen meistert, wie er das schafft und was am Ende dabei raus kommt. Das kannst du jedenfalls nicht wollen.

Es gibt nur drei Szenen im ganzen Text, die etwas Ernsthaftigkeit, eine persönliche Entwicklung und eine düster-interessante Atmosphäre vermitteln (auch wenn man an einigen Formulierungen noch schrauben könnte, aber das kann man ja immer ;-)):
"Also, wie viele sollen es sein?" Die Stimme ist kaum zu verstehen. Ein Hauchen und sehr tief. Bedrohlich.
"Zwei. Ja, zwei sollen es sein." Ich schlucke. Die langen alten Äste knarren im Wind, es ist finster und bitterkalt. Das kalte Licht des Mondes zwängt sich hier und da durch das Dickicht und belebt zusammen mit dem Wind unheimliche Schatten. Ich muss so schnell es nur geht fort von hier.
"Gut. So sei es. Du kennst den Preis?"
"Ja. Der alte Schamane hat mir alles erklärt."
Er lacht kurz, und klopft mir auf die Schulter. „ Also dann Bursche. Einer soll es sein.“
Er schaut zum Sensenmann, dieser stimmt mit einem langsamen Kopfnicken zu. Der Indianer schaut zu mir und sieht mir mit seinen blinden Augen direkt in meine. Er wartet. Ich zögere, doch dann akzeptiere ich ebenfalls mit einem Kopfnicken. Tränen laufen meine Wangen herab. So habe ich das nicht gewollt.
Ich werde ausgelacht. Mir schwinden die Sinne. Der Wind weht durch den Wald, lässt Äste knarren und Blätter rascheln. Ein Riss im moosigen Waldboden schließt sich langsam.
Alles andere liest sich für mich nicht, als ob ich mitten im Geschehen wäre, sondern, als ob mir jemand über seine Film- und Gameexperiences das Ohr abkaut.

Ich kann dir nur raten, dich zu entscheiden: Willst du einen abgefahrenen, albernen Humortext (sprachlich so bei Dude, Where's My Car?) oder eine halbwegs spannende Phantastikgeschichte? Falls Horror, versuche zu erreichen, die Leser nicht ständig mit Referenzen zur (realen) Unterhaltungsindustrie rauszuschmeissen, sondern sie direkt in deine fiktive Welt zu locken, bei der sie a) nicht über Nennungen von Filmen, Schulbüchern & Sportarten immer wieder an ihre eigene Welt erinnert werden und b) deine Welt als eine in sich geschlossenes System wahrnehmen, das seine eigenen Regeln und Konsequenzen hat.
p.s. Ein leider nicht mehr aktiver Autor hier, der Slapstick/Absurdes auch klasse schrieb, ist gnoebel. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Texte mir sehr gut gefielen / welche weniger, aber kannst ja mal schauen, wie er so für dich klingt.

Setting: Erstmal dachte ich (dadurch, dass du nunmal deutsch schreibst) an einen europäischen Wald. Dann kommen da Schamanen, die ich als irgendwas New-Age-iges einordnete. Dann geht es um die römische Antike und letztlich sind wir wohl mit der First Nation in den USA, allerdings plötzlich mit einer durchgehend christlichen Auffassung (Teufel - Hölle - Strafe in einem Jenseits). Wo ist denn da deine spekulative Logik? Christentum, Römer und Wald passten alle gut nach Deutschland, weil das Land bis zur Rheinebene römisch besetzt war und so auch die Konvertierungen erfolgten. Die Indianer haben weder mit Römern noch Christen zu tun, da passt nur die Naturbezogenheit. Da wäre es schöner, alles in einen phantastischen Guss zu bringen, dass die fiktive Welt mehr folgerichtig ist; man sich nicht alle paar Abschnitte lang denkt WTF ist hier los? und sich neu verorten muss.

Ich schließe mich übrigens Christophe ebenfalls in seinem Rat an, die Prüfungen ganz massiv zu kürzen. Vllt. auf ca. 20% des Textes in den Abschnitten.

Zusätzlich: Ich weiß nicht, welches Korrekturprogramm du nutzt, aber es sind noch eine ganze Menge groß/klein-Dreher und Kommafehler drin. Es gibt einen Dudenmentor, da kannst du Texte abschnittweise kostenlos checken lassen, der erkennt schon recht viel.

Ich hoffe, die Kritik schreckt dich nicht ab, sie ist nur als Ansporn gedacht. Wenn du interessiert bist zu lernen, solltest du dich auch mit Komms zu anderen Geschichten hier einbringen, dabei findest du sehr viel schneller heraus, was für dich funktioniert, was nicht und warum. Versuche lieber, das bei diesem Text Gelernte in einem neuen umzusetzen. Eine Reihe bereits geschriebener alter Texte hochzuladen halte ich für wenig sinnvoll. Dies ist auch keine Rezensions-Service-Seite, will sagen: Geben & Nehmen ist das Prinzip. ;-)

Herzliche Grüße, viel Spaß & Erfolg noch beim Lesen, Schreiben und Kommentieren,
Katla
 
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