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Mein Freund Ibrahim

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13.12.2016
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Mein Freund Ibrahim

Gerade als ich mit meinem Frühstück beginnen möchte, höre ich den Briefträger an meiner Haustür. Ich lege die Morgenzeitung wieder beiseite und schlüpfe in meine alten Pantoffel, die unter dem Tisch stehen. Im Briefkasten liegt ein grauer, ziemlich mitgenommener Brief mit einer ausländischen Marke. Neugierig taste ich nach meiner Brille. Marokko!

Ich lächle unwillkürlich. Er ist von Ibrahim, meinem besten Freund. Mit meinem Frühstücksmesser schlitze ich das Kuvert vorsichtig auf.
Erschrocken starre ich die Schrift an, und die wenigen Zeilen auf dem weißen Blatt Papier.
Sie sind von Zara, Ibrahims Frau. Eine dunkelhäutigen Schönheit, das Sinnbild aller Weiblichkeit. Ungläubig lese ich ihre Worte. Ibrahim ist tot. Ich schließe die Augen. Nein, dass kann nicht sein. Er und seine Geschichten können nicht einfach weg sein. Mein Herz kommt aus dem Takt. Die Tränen fließen ungewollt aus meinen Augen. Zitternd sitze ich auf meinem Sessel, schiebe den Kaffee zur Seite. Meine Trauer ist unendlich.
Ich sehe ihn vor mir, wie beim ersten Mal. Einen schmächtigen Körper, darüber ein dunkler Wuschelkopf mit braunen Knopfaugen. Seine Haut so dunkel wie Mahagoni.

Unser Mietshaus war nichts für feine Leute und er passte wunderbar hierher. Ich war ein Schlüsselkind, meine Eltern arbeiteten in der Fabrik. Und so langweilte ich mich oft. Dann setzte ich mich draußen auf die Mauer vor dem Haus, und beobachtete die Menschen. Interessiert betrachtete ich den neuen Jungen aus dem Haus. Hier gab es nicht viele Kinder.
Ibrahim hatte eine weite weiße Hose an, und ein blaues Hemd. In seiner Hand hielt er einen roten Apfel. Er schlenderte auf mich zu, setzte sich zu mir. Holte aus seiner Hosentasche ein Taschenmesser, schnitt den Apfel durch und gab mir die Hälfte. Das war der Beginn unserer Freundschaft.

Von diesem Tag an, war mir nie mehr langweilig. Jeder Tag mit ihm war ein Abenteuer. Nein, nicht das wir Sachen anstellten. Unsere Abenteuer erlebten wir in unseren Köpfen und das war alleine Ibrahim zu verdanken. Er war nämlich schon damals ein Geschichtenerzähler. Mit ihm flog ich auf fliegenden Teppichen zu Schlössern und in fremde Länder. Wir besuchten Piraten und Räuberhöhlen. Er hatte eine unermessliche Fantasie und nichts konnte ihn stoppen. Ich war süchtig nach seinen Geschichten und keine war wie die andere. Schon nach einigen Wochen hatte er einen richtigen Fanclub. Sämtliche Kinder unseres Viertels saßen um Ibrahim. Er war nie allein. Sobald er seine Schritte nach draußen lenkte, war er umringt von Kindern, die alle seine Freunde sein wollten.
Doch ich Jonas, war sein allerbester Freund. Er hatte eine ganz besondere Gabe. Er wusste immer, wie die Stimmung seiner Zuhörer war, und dementsprechend waren dann seine Geschichten Als mein Großvater starb denn ich sehr geliebt hatte, da erzählte er mir von einem Land, in das Opa gegangen war. Von wunderbaren Regenbogen und Vögeln. Er beschrieb es in so schönen Farben, dass jeder der noch lebte, Sehnsucht danach bekam. Am Ende der Geschichte beneidete ich meinen Großvater, und wäre auch gerne dort gewesen. Sein Gesicht war das ausdrucksstärkste das ich jemals gesehen hatte. Aber auch das ehrlichste.
Ibrahim log niemals. All diese Geschichten die er erfand, waren in seinem Kopf und somit real. Viel später erfuhr ich, dass er diese Gabe in seinen Genen hatte. Sein Urgroßvater war Märchenerzähler auf dem Gauklermarkt in Marrakesch gewesen.
Frau Meier-Lüdenstein liebte Ibrahim über alles. Sie war unsere Deutschlehrerin. Wenn wir einen Aufsatz schreiben mussten, wusste er im Voraus wie das Befinden unserer Lehrerin war. Danach richtete er auch den Ausgang seiner Geschichten. Ich glaube, unsere Lehrerin konnte wie wir, nicht genug von ihnen bekommen.
Einmal im Jahr fuhr er mit seinen Eltern nach Marokko zu seinen Verwandten. Sie wohnten direkt in Marrakesch, in einem Viertel nicht weit vom Gauklermarkt. Natürlich konnte Ibrahim die Sprache seines Großvaters perfekt. Und so saß er dann, meist in den Sommerferien, sechs Wochen dort, und hörte sich die wunderbarsten Geschichten an.
Für uns war es jedes Mal öde und leer in dieser Zeit, aber wenn er wiederkam dann war das für uns ein Highlight. Die farbige Welt Arabiens brachte er uns näher wie kein anderer.
Wenn man ihn fragte, was sein Berufswunsch war, antwortete er nie. Er lächelte nur sanft. Und ich konnte die Antwort in seinen Augen lesen.
Ibrahim war nie ein Teenager wie wir. Er ging nicht aus, trank kein Bier im Park und kiffte auch nicht nur zum Ausprobieren. Es gab eine Zeit, da fand ich ihn und die Dinge die er mir erzählte langweilig. Er hatte Verständnis. Auch wenn er so anders war als wir, die Mädchen waren hinter ihm her, wie der Teufel hinter der armen Seele. Er verstand es, sie durch seine Geschichten an ihn zu fesseln. All unsere Halbstarken Allüren waren nichts gegen ihn. Wir beneideten ihn glühend. Obwohl er zu einem nicht besonders gutaussehenden jungen Mann heranwuchs, waren die hübschesten Mädchen ihm verfallen.
Es lag an seiner Stimme und seiner Mimik. Die Stimme streichelte die Seele und er erreichte es sogar, dass ich mir vor Angst in die Hose machte, als er einmal eine besonders spannende Geschichte erzählte. Alleine durch seinen Blick, der mir durch Mark und Bein ging wurde er für mich und alle anderen Zuhörer, zum König, zum Piraten, zum Schmuggler oder zum Bettler. Man vergaß dann einfach sein wahres Gesicht.
Natürlich konnte Ibrahim hier in Deutschland kein Geschichtenerzähler werden. Wohl vielleicht ein Schriftsteller. Aber er meinte, als wir dies zum Thema hatten, niemals wolle er seine Geschichten zu Papier bringen. Nur beim Erzählen könne man seiner Fantasie freien Lauf lassen und sie beliebig immer wieder verändern. .
So wurde er Altenpfleger. Das Heim in unserem Dorf hieß Sankt Katharina und ich glaube, keiner der Mitarbeiter war so beliebt wie Ibrahim. Er gab den alten Menschen Trost und Wärme wie kein anderer. Oft traf ich ihn im Garten sitzend, umringt von alten Menschen, die gebannt an seinem Gesicht hingen. Seine Fähigkeit, Stimmungen und Befindlichkeiten zu erkennen, machte es ihm möglich zu jedem Zugang zu finden, er war ein Zauberer.
Der schlimmste Tag im Leben dieser alten Menschen war, als Ibrahim kündigte. Seine Eltern waren kurz hintereinander gestorben, und er wollte in die Heimat seines Urgroßvaters zurück um dort als Märchenerzähler auf dem großen Platz zu sein.
Bei einem Bier, das er ab und zu mit mir trank, erzählte er mir von seinem Entschluss. Danach schilderte er mir sein weiteres Leben in solch schillernden Farben, dass ich fast alles hingeschmissen hätte, um mit ihm dieses Leben zu führen. Ibrahim eben.
Ich hatte inzwischen geheiratet, eine Frau die meinen Freund genauso verehrte wie ich. Aber ich glaube, sie hatte zu viele Geschichten von Ibrahim gehört über Prinzen und Schlösser. Irgendwann war sei einfach gegangen. Zu einem anderen Mann, den sie für einen Prinzen hielt.
Ibrahim war in dieser Zeit nie eine Verbindung mit einer Frau eingegangen. Obwohl er die Märchenbraut in den schönsten Farben beschreiben konnte, hatte er seine noch nicht gefunden.
Fünf Monate, nachdem mein bester Freund den Flieger bestiegen hatte, besuchte ich ihn. Nie hätte ich erwartet, all diese Märchen aus 1001 Nacht einmal live zu sehen. Ich fühlte mich wie in einem Traum. Diese Farben und Gerüche. Jeden Morgen, den Ruf des Muezzins über weißen Dächern und strahlendblauem Himmel.
Oft fuhren wir mit seinem Jeep einfach hinaus in die Wüste. Ibrahim kannte kleine Oasen und Seen. Dort verbrachten wir die Nächte, die bitterkalt aber wunderschön waren. Nirgends war ich den Sternen so nahe wie hier.
Inzwischen war er auch ein fester Bestandteil auf dem berühmten Platz in Marrakesch.
Beinah hätte ich geschmunzelt, als ich ihn zum ersten Mal auf dem Gauklerplatz sitzen sah. Inzwischen, sah er selbst aus wie eine Gestalt aus seinen Geschichten. Langes weißes Haar, eine imposante Nase in dem schmalen dunklen Gesicht. Und ein wallender Bart. Außerdem trug er einen dunkelblauen Umhang verziert mit glitzernden Sternen und Mustern. Ich hätte meinen Freund beinahe nicht erkannt. Es waren die faszinierten Gesichter, die mir sagten dass er hier sein müsse.
Und er hatte eine Überraschung für mich. Zara, seine Frau. Seine Märchenprinzessin. Sie war entzückend. Sie war seine erste Zuhörerin gewesen auf dem Gauklermarkt. Stumm sah sie ihn mit großen dunklen Augen an. Und ihr Lächeln war so schön „wie eine Rose in der untergehenden Sonne“, so seine Worte.
Mit dem Erbe seiner Eltern, hatte er sich hier ein kleines Haus mit einem wunderbaren Innengarten gekauft. Springbrunnen zierten die Wege und überall gab es Ruhebänke und bunte Glaskugeln. Ich beneidete ihn sehr um sein kleines Paradies.
Da meine Frau mich seit geraumer Zeit verlassen hatte, fuhr ich mindestens einmal im Jahr zu ihm und lernte Marrakesch und seine Menschen wirklich zu lieben.
Manchmal wenn wir bei Pfefferminztee auf dem Dach seines Hauses saßen, erzählte er mir wie früher eine Geschichte. Zara servierte uns kleine Kuchen und süße Datteln und flatterte wie ein bunter Schmetterling um uns. Es waren immer die schönsten Wochen meines Lebens.
Einmal kam ein Scheich und bot Ibrahim viel Geld. Er wollte, dass dieser seinem kranken Töchterchen seine Märchen erzählte. Ibrahim lehnte das Geld ab. Er flog aber mit dem Scheich nach Dubai, umsonst. Dort verbrachte er sechs Wochen lang, jeden Tag am Bett des kleinen Mädchens. Dann kam er traurig zurück. Das Mädchen war gestorben. Aber der Scheich war nicht böse. Sie war mit einem Lächeln in eine andere Welt gegangen, weil Ibrahim es ihr leicht gemacht hatte.
Für mich war er ein Heiliger. Ich bin nicht gläubig. Aber dieser Mann und seine Freundschaft waren wirklich etwas ganz Besonderes für mich.
Seufzend erhob ich mich von meinem Frühstückstisch. Inzwischen war es schon Nachmittag geworden. Draußen schien inzwischen die Sonne als wäre nichts gewesen. Und ich erinnerte mich an Ibrahims Beschreibung der Welt in die mein Großvater damals gegangen war. Stellte mir vor, wie er dort an goldenen Bächen und bunten Vögeln vorbeispazierte und vielleicht meinem Großvater schöne Geschichten erzählte.
Seine Geschichten kann ich nicht aufschreiben, sie gehören Ibrahim. Aber über das Glück, Ibrahims Freund zu sein, werde ich heute Abend schreiben Dann werde ich ein Flugticket buchen und zu Zara fliegen. Vielleicht hilft es ihr, wenn ich ihr die Geschichte unserer Freundschaft erzähle.
 
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Eine schöne, aber auch traurige Geschichte! Ich würde auch gar nicht viel ändern:

Nein, nicht das wir Sachen anstellten.
... dass ...

Als mein Großvater starb denn ich sehr geliebt hatte,
Als mein Großvater, den ich sehr geliebt hatte, starb ...

Ach ja, und vor dem vorletzten Satz fehlt ein Punkt.
 
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Liebe Nina,

danke, das du meine Geschichte gelesen hast. Ist nicht so einfach, in diesen erlauchten Kreis einzudringen :)
 
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16.04.2016
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Hallo Pilgerin58,

Der Schreibstil ist ordentlich. Lässt sich locker lesen. Der beschriebene Charakter ist auch halbwegs interessant. Aber so richtig packt es mich nicht. Hier wird keine wirklich spannende Geschichte erzählt, sondern eher eine Personenbeschreibung geliefert. Die Figur entwickelt sich kaum weiter und so wird es nach der Hälfte etwas dröge. Sein Talent wird nur an verschiedenen Lebenssituationen angepasst, aber es passiert nichts neues.
Für mich ein typischer Fall von Konfliktmangel. Hinzu kommt, das der Typ keine Kanten hat. Er hat was von Jesus; Immer lächelnd, verständnisvoll und will allen nur Gutes geben.
Mir ist das zu wenig.

Eine inhaltliche Anmerkung:
Viel später erfuhr ich, dass er diese Gabe in seinen Genen hatte.
Das ist molekularbiologisch gesehen Quatsch. Im übertragenen Sinn funktioniert es auch nicht so gut, weil die "Gene" eine wissenschaftliche Aussage suggerieren. Unverfänglicher wäre eine Standard Formulierung wie: Es lag ihm im Blut, o. ä.

Grüße
Kellerkind
 
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13.12.2016
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Danke für deine Kritik. Ich bin aber nicht sicher, ob es bei einer Kurzgeschichte so wichtig ist, Charaktere in diesem Umfang herauszuarbeiten. Ich denke sonst wird es vielleicht ein Roman. Aber ich werde mich bessern - bei der nächsten Geschichte. LG Angi
 
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28.12.2009
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Hallo,

dieser Text ist bestenfalls eine Skizze. Das wirkt wie in fünf Minuten geschrieben, um sich nachher nochmal hinzusetzen und das Ganze mit Details und Leben zu füllen. Das ist so husch, husch, feddich. Ibrahim - warum sind ihm die Mädchen verfallen? Warum gibt es da keine Szene, die mir das zeigt? Warum keine Dialoge? Der ganze Text ist eine einzige Behauptung, nichts was im Text implementiert ist, muss sich beweisen, wird greifbar, das ist alles leer.

Also, sorry, für mich ist das nichts. Das liest sich wie eine Anekdote, und gerade in einer Kurzgeschichte ist es doch die Kunst, durch die Auswahl der richtigen Details und Szenen einen Charakter zu erschaffen, der wahrhaftig und echt ist.

Gruss, Jimmy
 
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10.07.2015
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Liebe Pilgerin

Vielen Dank für die sanfte aber auch traurige Geschichte. Ich konnte mir Ibrahim und sein Freund gut vorstellen. Ich brauche keine Details um die Charaktere zu erfassen. Nach dem Tod seines Freundes finde ich die Erinnerung schön und die Gefühle kommen bei mir an.
Ich habe noch einen kleinen Fehler gefunden.

Irgendwann war s i e einfach gegangen.

Herzliche Grüsse Silea
 
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15.09.2008
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Hallo Pilgerin58,

ich bin der Meinung, dass dein Text eher ein Lebensbericht, als eine Kurzgeschichte ist und möchte mal versuchen, den Unterschied zu präzisieren:

Als Leser erfahre ich nur durch die Behauptung des Ich-Erzählers, dass Ibrahims Geschichten schön sind.
Ich muss demnach einfach glauben, dass Ibrahim in Deutschland und auch in seinem Heimatland als Erwachsener die Zuhörer mit seinen Geschichten begeistern konnte.
Der Ich-Erzähler setzt mich lediglich davon in Kenntnis, aber er zeigt es mir nicht, und deshalb kann ich es weder spüren noch nachvollziehen oder entscheiden, ob er und seine Geschichten mich begeistern würden.

Dein Text ist eher ein fast chronologisch erzählter Lebensbericht des Geschichtenerzählers Ibrahim. (So war das Leben meines Freundes.)

Eine Kurzgeschichte wählt einen kurzen Lebensabschnitt eines oder mehrerer Protagonisten und setzt bei einem Konflikt an.
Der/die Protagonisten stehen praktisch an einem Scheideweg, also in einer Lebensphase, in der eine Entscheidung getroffen werden muss.
Der Konflikt bestimmt dabei die weitere Handlung.
Am Ende einer Kurzgeschichte zeichnet sich dann ab, wie der Scheideweg beschritten wurde und somit erfährt oder ahnt man die Lösung des Konflikts.
Anbahnung oder Lösung des Konflikts heißt dabei nicht, dass es ein gutes Ende nehmen muss.

Die Todesnachricht, die dein Erzähler zu Anfang deines Textes per Post erhält, reicht zu einem Handlungs-Konflikt nicht aus, weil sie zwar ein interessanter Einstieg ist, dann aber mit der weiteren Schilderung des Lebensverlaufs von Ibrahim nicht für den Handlungsstrang der Geschichte relevant ist.

Die Todesnachricht könnte nur dann einen Konflikt für den Ich-Erzähler darstellen, wenn er wegen dieser Nachricht sein Leben umgekrempelt würde oder müsste, z.B. Millionen-Erbschaft, die schöne Witwe heiraten, am Tod von Ibrahim schuld sein, etc.

Bei dir aber weckt die Todesnachricht lediglich Erinnerungen. Du schilderst, wie das ganze Leben (von Kindheit bis Tod) des Protagonisten in Deutschland und seinem Heimatland so wunderbar und erfüllend verlaufen ist.
Selbst, wenn der Lebensbericht beinhalten würde, dass der Geschichtenerzähler in seinem Land später Schiffsbruch erleidet oder angefeindet wird, sein Leben also nicht schön verlaufen wäre, ergäbe das noch keine richtige Kurzgeschichte, sondern bliebe ein nett und lebendig geschriebener Lebensbericht.

Bitte fass‘ meinen Kommentar nicht als klugscheißerisch auf, ich habe das so ausführlich geschrieben, weil ich (obwohl du – wie du im Profil schreibst, schon Preise in Literaturforen gewonnen hast) auch durch das Lesen deiner anderen Geschichte gestern, den Eindruck habe, dass die Kriterien einer Kurzgeschichte in deinen Texten noch nicht richtig umgesetzt werden.
jimmysalaryman und Kellerkind hatten ja auch ähnliches angemerkt.


Mit einem lieben Willkommensgruß
kathso60
 
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HSB

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29.12.2015
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Hallo Pilgerin58,

deine Geschichte könnte viel besser sein, wenn sie detailreicher wäre und einen echten Spannungsbogen hätte. Die Idee vom fantasievollen Geschichtenerzähler an sich finde ich gut, aber Ibrahim wird nicht lebending und die bunte arabische Welt, von der er berichtet, bleibt blass. Hier verschenkst du jede Menge potential. Nimm den Leser mit auf die Reise! ;-)

Ein Beispiel für mangelnden Detailreichtum:
Die farbige Welt Arabiens brachte er uns näher wie kein anderer.
Wie sieht diese Welt denn aus? Wie riecht es dort? Was erzählt Ibrahim? Hier verschenkst du die Chance, phantasievoll zu sein.
Wie von anderen bereits erwähnt, wird Ibrahim nicht richtig lebendig. Was er fühlt, warum er so anziehen ist, etc. Hier kannst du ruhig etwas weiter ausholen.


Seine Eltern waren kurz hintereinander gestorben, und er wollte in die Heimat seines Urgroßvaters zurück um dort als Märchenerzähler auf dem großen Platz zu sein.
War das sein großer Traum? Hat er darunter gelitten, dass er in Deutschland nicht "Geschichtenerzähler auf dem großen Platz" sein konnte? Hier verschenkst du Konfliktpotential. Und Konflikt ist sehr wichtig für eine interessante Geschichte.
Lass diesen Ibrahim leiden, wie einen Straßenköter. ("Oh, ich mag Deutschland doch so sehr. Es ist so sicher und komfortabel hier. Aber ich kann nicht Geschichtenerzähler sein. Oh, ich bin sooo traurig" ==> Und dann lässt du ihn Alkoholiker werden, Knast, Läuterung, Marroko, Happy End ;-) ).


Ich bin aber nicht sicher, ob es bei einer Kurzgeschichte so wichtig ist, Charaktere in diesem Umfang herauszuarbeiten.
Der Leser muss zumindest ein Bild von der Hauptfigur bekommen. Optisch, mental und emotional. Und das bitte nicht über Adjektive, z.B. Er war groß, schlau und fühlte sich immer gut ;-) Nein, du musst diese Attribute anhand der Handlungen der Figur beschreiben. Ist sie ängstlich? Dann rennt sie vielleicht weg. Ist sie mutig? Dann kämpft sie vielleicht.
Der Leser muss sich unauffällig selbst eine Meinung bilden können.


Zum Spannungsbogen: Es passiert ja eigentlich nichts in der Geschichte. Es wird nur beschrieben, was Ibrahim in Deutschland gemacht hat.
Mein Vorschlag: Erkläre erst am Ende, dass Ibrahim tot ist. Lass den Erzähler erst den Brief lesen, dann sich an Ibrahim erinnern, dann am Ende Tod und Trauer. Wenn Ibrahim bis zum Ende im Kopf des Lesers zu einer sympathischen, plastischen Figur geworden ist, dann fühlt er auch mit dessen Tod mit.

Aber es sei zu sagen, dass das natürlich sehr platt ist (erst die Figur schmackhaft machen, dann sterben lassen). Einmal kann man das aber schon machen ;-)
 
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27.05.2004
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Insgesamt gesehen ist es auch so, dass bei ganz schön vielen Projekten und Literaturzeitschriften Prosatexte mit nicht mehr als 8.000 Zeichen gesucht werden. Das ist ungefähr die Länge dieses Textes. Durch die "Verlängerung" würde meiner Ansicht nicht sonderlich viel dazugewonnen werden und ich glaube auch nicht, dass von der Thematik her das Ganze unbedingt in Konkurrenz zu längeren Erzählungen treten kann. Dagegen so, Literaturzeitschrift, die kurze Texte sucht, dazu fahren derzeit auch viele darauf ab, was Positives über gewisse andere Nationalitäten zu berichten. - Dass das mit dem nach Hintensetzen der Todesnachricht gut funktionieren würde, kann ich mir aber vorstellen.
 
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28.12.2009
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Durch die "Verlängerung" würde meiner Ansicht nicht sonderlich viel dazugewonnen werden und ich glaube auch nicht, dass von der Thematik her das Ganze unbedingt in Konkurrenz zu längeren Erzählungen treten kann.

Durch eine Verlängerung würde dem Text Leben eingehaucht. Und hier sind wir in einem Forum, einer Textwerkstatt, und nicht bei einer Literaturzeitschrift. Also gelten doch hier ganz andere Kriterien.
 
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06.04.2013
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Grüß dich,

ich bin beeindruckt! Eine wunderschöne Geschichte, die du hier geschrieben hast, über die Freundschaft und enge Beziehung zwischen zwei Menschen und einer Figur, die durch das wohl älteste Handwerk der Menschheit, das Geschichten erzählen, seine Umwelt bereichert und Leben versprüht, wo er auftaucht!

Das einzige, was vielleicht, ich sage bewusst vielleicht, man hätte ändern können, wäre die "Überreizung" des Punktes, das er Geschichten Leuten erzählte. Wenn man dies immer wieder erzählt, dann verliert das an Bedeutung und an Interesse, verstehst du?

Was ich fragen wollte: Ibrahim macht einen sehr geistlichen Eindruck, wie ein Prophet, vor allem dadurch, dass die Menschen ihm zuhören, ihm gar Geld zahlen wollen, dass er seine Geschichten erzählt. Hattest du religiöse Aspekte bei dieser Geschichte im Hinterkopf?

Was ich interessant finde, ist, dass durch die Beschreibung von Ibrahim´s Geschichten es teilweise Abschweifungen in die Märchenwelt gibt, so habe ich es zumindest empfunden.


Hat mir sehr Spaß gemacht, es zu lesen!

LG Niklas
 
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13.12.2016
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Hallo ihr Lieben, ich danke euch allen sehr. Und ich merke schon jetzt bei meiner neuen Geschichte, wie ich versuche, einige eurer Tipps anzuwenden. Auch wenn solche Anmerkungen, das die Geschichte platt wäre, mich ziemlich schlucken lassen. Aber ich freue mich auch, wenn nicht alle so denken. LG Angi

PS: Ich war schon in Marrakesch und der Gauklerplatz ist ein Ort, an dem man schon an Märchen denken kann. Aber an Propheten hab ich dabei nicht gedacht.
 

HSB

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29.12.2015
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Hallo ihr Lieben, ich danke euch allen sehr. Und ich merke schon jetzt bei meiner neuen Geschichte, wie ich versuche, einige eurer Tipps anzuwenden.
Die Idee dieses Forums ist, dass man den Text verbessert, nachdem man eine Reihe von Rückmeldungen bekommen hat. Jimmy hat es oben bereits erwähnt: wir sind hier in einer Textwerkstatt.
Von daher wäre es schön, wenn du deine Geschichte erst einmal überarbeiten würdest, bevor du eine neue anfängst.


Auch wenn solche Anmerkungen, das die Geschichte platt wäre, mich ziemlich schlucken lassen.
Jeder Autor hält seinen eigenen Text für das Non-plus-ultra. Von daher sind derartige Rückmeldungen natürlich erst einmal ein Nackenschlag. Aber keine Sorge, das ging allen hier so :lol:
Wichtig ist, dass du versuchst, das Kritisierte erstens, zu verstehen, und zweitens, zu verbessern. Sonst wirst du dich immer auf dem gleichen Niveau bewegen. Nur durch Kritik wird man besser. Halt, nicht alleine dadurch. Sondern dadurch, dass man versucht, etwas daraus zu lernen.
 
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