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Mit Ihr
Er erzählte ihr nicht was draußen vor sich ging. Warum sollte er auch.
Sie hustete, wieder öfter und regelmäßiger als normal. Wenn sie sich zur Seite beugte, um den blutigen Auswurf in die Schüssel, die er hingestellt hatte, zu spucken, konnte er Tränen in ihren Augen sehen. Sie kamen nicht von ihren Schmerzen. Sie schämte sich für ihren Zustand. Das konnte er spüren. Sie musste sich nicht schämen, dass hat er ihr tausendmal gesagt, sie müsse sich für überhaupt nichts schämen. Doch er wusste, wie oft er es auch sagte, die Scham würde weiter an ihr nagen. Er konnte ihr da nicht helfen. Und wenn er es nicht konnte, konnte es niemand.
„Wo gehst du hin?“ fragte sie, und mühte sich, aufrecht auf dem Bett zu sitzen.
„Ich hole deine Medizin, ich bin nicht lange weg. Kommst du solange zurecht?“
„Mir geht es gut“, sagte sie, und er wusste nicht ob er lachen oder weinen sollte.
„Was willst du mit dem Hammer?“ Sie konnte sehen, wie er sich das Werkzeug zwischen Gürtel und Hose klemmte.
„Ich hatte ihn von Thomas geliehen und bring ihn auf dem Weg gerade zurück. Ich hatte vergessen, wo unser Werkzeug lag.“, murmelte er.
„Wenn du es nochmal brauchst, es liegt im Keller oben auf dem grünen Schrank“
„Achjaaa,“ sagte er, fasste sich an den Kopf und lachte, „Da siehst du mal, wie ich ohne dich dran wäre“. Sie versuchte zu lächeln, er hätte sich am liebsten für den Satz geohrfeigt.
„Ich muss gehen“.
Draußen war es still. Es war immer still.
Er schloss die Haustür hinter sich und ging durch den Vorgarten zu seinem Auto. Über ihm hing eine nüchterne, weiße Wolkendecke. Früher fand er solch ein Herbstwetter deprimierend, inzwischen hat er andere Sorgen.
Während er in Richtung Stadt zum Krankenhaus raste, suchte er mit seinem Autoradio ein Signal. Nur rauschen. Er legte die CD ein, die er ihr mal gemacht hatte. Er sah auf die Uhr des Amaturenbretts, und beschleunigte.
Im Krankenhaus war es still. In Gebäuden war es immer bedrückender, intensiver. Es schien immer eine Spannung in der Luft zu liegen, als ob jemand jeden Moment um die Ecke springen würde um ihm „BUH!“ ins Gesicht zu brüllen. Aber das passierte nie.
Die Glasscherben knirschten unter seinen Füßen, als er zu den Medizinschränken scheiterte. Er wusste nicht warum, aber er war immer sorgsam der Reihe nach umgegangen. Jetzt hatte er endlich mal daran gedacht, einen Hammer mitzunehmen, trotz das ihm alles zur Verfügung stand, hatte er immer zu lange nach etwas suchen müssen, mit dem er die Glasscheiben einschlagen konnte.
Vorsichtig nahm er das Fläschchen mit den Tabletten aus dem Schrank und steckte sie ein. Den Hammer legte er auf einen kleinen Tisch neben den aus den Angeln hängenden Türe.
Er betrachtete die getrockneten Blutflecken auf dem Boden. Von der Aktion, die Türe aufzubrechen, war eine kleine Narbe zurückgeblieben. Als sie fragte, hatte er gesagt, er wäre mit einem unvorsichtigen Fahrradkurier zusammengestoßen.
Als er das Krankenhaus verließ, sah er sie. Die Kinder. Junge und Mädchen, beide müssten so 8-10 Jahre alt sein. Er trug ein rotes T-Shirt und eine schwarze Hose, sie ein lilanes Kleid. Sie standen da, regungslos auf der anderen Straßenseite, im Schutze des Schattens des Gebäudes.
Die Kinder waren immer da. Sie standen immer woanders, aber jeden Tag sah er sie. Wie sie hießen, wusste er nicht. Wer sie sind, wusste er nicht. Er wusste gar nichts über sie. Vor einigen Tagen hatte er ihnen einen eigenen Namen gegeben. Arschloch und Eva.
Er hatte alles versucht. Stundenlang hat er versucht, mit ihnen zu reden. Hat ihnen Unterkunft geboten, Süßigkeiten, Kleidung. Sie sagten nichts. Er hatte versucht, sie mit Gewalt in sein Haus zu zerren, aber sie standen da, regungslos und unbeweglich und schwer wie ein Betonklotz.
Der ungewöhnliche Namen für den Jungen stammt aus seinem neuesten Versuch, aus den Kindern eine Reaktion zu locken. Bei dem Mädchen brachte er es nicht übers Herz, alte Werte noch zu sehr verankert, aber den Jungen behandelte wie er Dreck. Nannte ihn Arschloch, beleidigte ihn, bewarf ihn mit Abfall. Er reagierte nicht. Sie sahen ihn nur an. Sie standen da und sahen ihn immer nur an.
Er wollte gerne mehr wissen, wissen wo sie herkamen, wo sie hin gingen. Wie sie ihn gefunden hatten. Aber sie war wichtiger. Darum stieg er in den Wagen und fuhr los.
„Ich bin wieder da“, grüßte er sie. Sie antwortete nicht. Als er das realisierte, eilte er zu ihr. Sie war schweißgebadet.
„Oh Gott,“ stöhnte er.
Sie sah ihn mit glasigen Augen an. „Sch...merzen“ keuchte sie, mehr brachte sie nicht heraus.
6:37 Uhr, zeigte der Radiowecker neben ihrem Bett. Eine gefühlte Ewigkeit hatte er an ihrem Bett gewacht, während sie sich durch den Schmerz kämpfte. Aber inzwischen ging es ihr besser. Sie drehte ihren Kopf zu ihm, und versuchte ein schwaches Lächeln hervorzubringen.
„Du bist immer für mich da“
„Immer“ antwortete er, trocken, aber sanft.
„Danke“.
Er strich ihr mit seiner Hand über ihre Stirn: „Du solltest versuchen zu schlafen.“
Sie fasste nach seinem Handgelenk.
„Liebst du mich?“ fragte sie mit brüchiger Stimme.
„Immer“.
Er liebte sie so sehr, dass er es nicht realisiert hatte. Seit sie erkrankte, hatte er sich um nichts anderes gekümmert. Seinen Beruf, seine Freunde, seine Famile. Manche hatten es verstanden, andere nicht, ihn hatte nichts von beiden interessiert.
Er war nur für sie da gewesen, selbst, als auch er merkte, wie es nach und nach immer weniger Leute auf der Straße zu sehen gab. Bis irgendwann niemand da war. Außer sie.
Er ging heraus, er brauchte frische Luft. Es war still. Es war immer still.
Neben ihm, unter dem Schatten des Vordachs seines Nachbarhauses, standen die Kinder. Regungslos sahen sie ihn an, wie sie es immer taten.
„Sie wird nicht mehr lang durchhalten“, sagte er, als er zu den Kindern ging.
„Dann gibt es nur noch euch und mich.“, er seufzte und rieb sich die Augen.
„Wie wird es dann weitergehen?“. Die Kinder antworteten nicht.
„Ist das das Ende?“. Keine Antwort.
„Warum seid ihr hier?“. Das fragte er sich immer wieder, aber er bekam nie eine Antwort.
Er stand auf und blickte auf den Jungen herunter.
„SAG ETWAS“ schrie er und packte das Kind. Keine Reaktion. Er ohrfeigte ihn. Einmal, zweimal, immer wieder von einer Seite zur anderen, immer schneller. Angestaute Wut quoll aus ihm heraus und fixierte sich auf das Kind. „SAGETWASSAGETWASSAGETWAS GOTTVERDAMMT NOCHMAL!!“. Jetzt griff er nach der Kehle des Jungen, und drückte zu, als ob er den Hals des Kinds abbrechen wolle. Immer fester drückte er zu, nur noch fixiert auf seine Wut. Seine Atmung wurde immer schwerer. Dann, auf einmal, musste er husten. Der Reflex schnürte ihm die Luft ab, und er löste seine Hand von der Kehle und taumelte einen Schritt zurück. Er spürte etwas auf seinen Lippen, und tastete mit seinen Fingern danach. Noch bevor er es sah, wusste er es: Seine Fingerkuppen glänzten in einem feuchten Rot.
Mit einem verblüfften Gesicht blickte er die Kinder an. Er wusste es. Er brauchte keinen Arzt, niemanden um es zu bestätigen. Er war selber darüber verwundert, aber ein Gefühl der Erleichterung fiel über ihn. Das Mädchen nickte.
Er ging zurück ins Haus, und ein sanftes Lächeln legte sich für einen Moment auf seine Lippen.
Bald würde sie sterben. Und er mit ihr. Zusammen.


Aber letztlich interessieren mich die Antworten nicht wirklich, weil die Geschichte gut ist, so, wie sie dasteht. Du kannst ja vielleicht bei der nächsten Story etwas mehr auf die Logik achten.