Mohnblume
Ich sah sie am Straßenrand. Ein roter Fleck im grünen Gestrüpp. Das Bild war falsch. Mohnblumen gehören nicht an eine viel befahrende Straße. Sie gehören an überhaupt gar keine Straße. An Feldwege, höchstens.
Mich überkam ein Gedanke. Ein Bild von einem Weizenfeld. Gelb und golden in der warmen Abendsonne. Vielleicht auch später Nachmittag. Die Halme wiegen sich in der leichten Brise, die den Duft der schweren Körner trägt. Stroh, mit viel Phantasie sogar die Einbildung von frisch gebackenem Brot. Dazu ein Hauch von Holz und Gras, der von den Bäumen und dem Wiesenstreifen herrührt, die den sich windenden Bach, ein Stückchen entfernt, säumen. Das seichte Wasser plätschert angenehm über Steine und durch Wurzeln, webt mit den raschelnden Blättern, Gräsern, Ähren eine Melodie. Teppich für das Solo eines Vogels, der hoch in einer Baumkrone thront. Über den von der Sonne gewärmten Kiesweg huscht eine Eidechse, so flink, dass sie kaum zu erkennen ist. Und dort in dem goldenen Meer schwimmen rote Flecken, tanzen im gleichen Takt wie die rauschenden Wellen, die sie umgeben.
Ich werde aus meiner Trance gerissen. Beißender Gestank von heißem Teer sticht mir in die Nase. Erst jetzt bemerke ich wieder den Höllenlärm, der von der Autobahnbaustelle herüber dröhnt. Wie konnte ich den bloß überhören? Dazu die kreischenden Autos und LKWs. Ich steige wieder in mein eigenes Auto, habe keine Zeit mir die Beine noch länger zu vertreten. Ich lasse den Motor an und fahre vom Rastplatz, um mit den anderen mitzukreischen. Im Rückspiegel sehe ich noch kurz den roten Fleck am Straßenrand.
Es ist ein falsches Bild. Und dennoch wächst die Blume dort.
