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Nächtliche Korrekturen
Toine stieß mit nacktem Zeh gegen die Holzverstärkungen unter seinem Bett. Sie waren notwendig geworden, nach einem nicht enden wollenden Winter aus Kräuter-Baguette, Schoko-Trunk und Pistazieneis. Toine liebte Pistazieneis. Aber jetzt brauchte sein Bett Holzverstärkungen, an denen er sich mit seinem Zeh stoßen konnte und das mochte er nicht, dieses Gefühl, dass sein Zeh – er tat ihm ja nicht einmal weh – aber dass er ihm wehtun könnte, dass er sich den Zehennagel einreißen könnte an dem Holz. Toine schüttelte sich und legte sich in das breite King-Size-Bett, zog die Bettdecke bis ans Kinn und wartete. Er ließ das Licht brennen, sie sollte ruhig sehen, dass er noch auf sie wartete. Er lauschte dem Rauschen aus dem Bad, den verschiedenen Geräuschen, die ihre Bewegungen machten, lauschte dem Abschminken, dem Zähneputzen, auch dem Urinieren. Nur mit der Reihenfolge kam er durcheinander, man putzte sich doch erst ganz zum Schluss die Zähne, oder nicht? Und was war das jetzt für ein Geräusch? Machte sie sich noch die Haare?
„Mandy?“, rief er schließlich, weil er wusste, dass sie es hasste. „Mandy, Baby, kommst du?“
„Gleich, mein Wonnepröppchen“, flötete es aus dem Bad. Toine zuckte zusammen, zog den Bauch ein, löschte zornig das Licht und beschloss, auf der Stelle einzuschlafen! Und Toine schlief.
Als er aufwachte, war es noch mitten in der Nacht, drei Uhr behauptete der Wecker. Ach, er war schon wie ein alter Mann, konnte keine Nacht mehr durchschlafen, ständig war irgendwas, aber was diesmal? Auf den Topf musste er nicht und er hatte doch auch gar nichts Fettiges gegessen. An irgendwelche Träume konnte er sich jedenfalls nicht erinnern. Toine griff neben sich ins Bett. Leer. Und vor ihm, der Fernseher am Fuße des Bettes, das schwarze Viereck: Vier weiße Buchstaben leuchteten im Schwarz auf: „L A U F“.
Toines Kopf ruckt zur Seite, etwas klatschte von außen gegen das Schlafzimmerfenster, so als hätte jemand einen Schwamm gegen eine Tafel geworfen. Einen Schwamm mit einem Maul, mit reißenden Zähnen. Nadelscharf. Toine wuchtete sich aus dem Bett und duckte sich, als er das Knirschen vom Schlafzimmerfenster hörte. Ein Kauen und Reißen. Toine war schon an der Tür, als er den Luftzug im Nacken spürte und das feuchte Platschen hörte, irgendetwas war auf dem Boden hinter ihm gelandet. Toine riss die Tür auf, zwängte sich hindurch und warf sie hinter sich ins Schloss, lehnte sich dann mit dem Rücken gegen die Tür und atmete durch. Sein Herz raste. Und hinter ihm klatschte ein Schwamm mit nadelspitzen Zähne gegen die Tür. Holz splitterte in seinem Rücken. Und Toine lief.
Toine hetzte barfuss über den Asphalt seiner Straße. Die Nacht war ohne Sterne, nur die Straßenlampen spuckten ein wenig Licht aus, aber nicht genug. Nicht genug. Keine Türen auf der Straße, keine Bäume, keine Autos, nur Asphalt und Toine und das hinter ihm. Hunde, dachte Toine. Wiesel. Nur Beine und Mäuler. Langgezogene, pfeilschnelle Dinger. Ein ganzes Rudel, dachte Toine und lief. Lief von Straßenlampe zu Straßenlampe, im Schein immer weiter, barfuss, seine Knie taten weh, schon bald, seine Muskeln verkrampften sich. Waren wie Stoßdämpfer, die unter der Last seines Körpers ächzten und krächzten bei jedem Schritt, aber die Wiesel, Toine schaute über die Schulter, sie jagten ihm nach, kamen näher, die nächste Lampe vor ihm, seine Augen tränten, das Herz zersprang in seiner Brust. Mehr Wiesel, geifernde Mäuler. Vor ihm: Ein Zaun, Toine sprang hoch, seine fleischigen Finger krallten sich in den Maschendraht, zogen den zu schweren, viel zu schweren Leib nach oben, er spürte sie unter sich, seine Arme waren lahm, tausend Nadeln stachen in seine schwachen Muskeln, er blickte nach unten, die Hunde mit ihren Mäulern, blutlechzende Zähne, Kiefer, Krallen, er spürte sie in seinem Fleisch. Toine zog sich nach oben, seine Muskeln – die Hunde, ihre Zähne tief in seinem Fleisch. Und Toine fiel.
„Schatz, Schatz. Was ist denn?“
„Hä?“ Toine schlug die Augen auf.
„Ich dachte schon, du schreist die ganze Straße zusammen“, sagte Mandy.
Das Licht brannte, Toine sah in die dunklen Augen seiner Frau.
„Du bist ja schweißnass.“
Toines Kehle war trocken, er griff neben das Bett zum Schoko-Trunk.
„Ja, trink erstmal was.“
Doch als die klumpige Brühe seine Zunge berührte, setzte Toine die Flasche angewidert ab, wischte sich über die Stirn und stand auf.
„Schatz? Was ist denn?“
„Nichts“, sagte Toine mit leiser Stimme und ging ins Bad. Er schaute sich im Spiegel an, konnte die kleinen Tröpfchen auf seiner Stirn sehen, wie bei einem Schwein, er füllte sich den Zahnputzbecher mit Wasser und trank, zwickte sich in den Bauch und warf zwei Hände Wasser in sein Gesicht.
Mandy stand in der Badezimmertür. „Was ist denn?“
„Nichts“, sagte Toine und schenkte sich einen frischen Zahnputzbecher ein. Im Spiegel sah er, dass sich Mandy hinter ihn gestellt hatte, er sah ihre zarten Finger an den Seiten seines Bauches, aber sie berührten sich nicht. Er spürte ihre Brüste in seinem Rücken und den Atem in seinem Nacken.
„Denkst du an deinen Vater?“, fragte sie leise.
Toine sagte nichts.
„Du bist jetzt so alt wie er damals, als er den Herzin-“ Sie verstummte.
Toine sagte: „Ich geh laufen.“ Und Toine lief.
Amanda griff nach der Schachtel Zigaretten, die sie hinter ihren Dosen mit Haarspray versteckt hatte, zündete sich eine an, setzte sich auf den heruntergeklappten Klodeckel und rauchte. Sie sah dabei den kleinen Wölkchen nach, die gegen die Decke trieben wie Schafe am Himmel. Sie nahm noch einen letzten Zug, stand auf, klappte die Brille hoch, warf die Zigarette hinein, spülte, schloss den Deckel und sprühte Haarspray im Bad umher. Dann ging sie zum Bett, öffnete die oberste Schublade des Nachttischschränkchens und nahm den Walkman hinaus, die Kopfhörer waren noch feucht von Toines Schweiß. Amanda nahm die Kassette aus dem Walkman.
Toine machte noch seine Übungen bevor er ins Bett ging. Zwanzig Rumpfbeugen, vierzig Liegestütze und sechzig Sit-Ups, das Übliche. Die Holzverstärkungen hatte er vor drei Wochen abmontiert. Dann schlüpfte er unter die Dusche und hörte Mandy nach ihm rufen: „Kommst du, Schatz?“
„Gleich“, rief Toine gegen das Wasser an. „Bleib so!“ Doch als er fertig geduscht war und nackt und nass zu ihr ins Bett schlüpfte, war sie schon eingeschlafen. Toine lauschte ihrem Atem, ihrem gelegentlichen Husten und als er sich ganz sicher war, dass sie tief und fest schlief, griff er heimlich, wie ein Dieb in der Nacht, zum Nachttischschränkchen, strich ihre Haare zurück und setzte ihr den Walkman auf. Toll, was es so alles gab. Im Schlaf mit dem Rauchen aufhören. Er musste nur wach bleiben, um ihr rechtzeitig die Kopfhörer abzunehmen. Na ja, in der Zeit konnte er ja noch ein bisschen was für seine Figur tun.
Und Amanda lief.
) und Pistazieneis (börks), und sie raucht heimlich auf dem Klo. Und dann kommt der Sinneswandel, er will halt nicht wie sein Vater enden und macht Sport. Und dieser Walkman hat also irgendwas mit dem Sinneswandel zu tun aber ich bin hier wieder die Dumme vom Dienst und darf rumrätseln, also äh, dieser Traum den Toine zu Beginn hat, wird der ausgelöst durch den Walkman, den ihm seine Frau im Schlaf aufgesetzt hat? Also war das alles ihre Strategie, auch dass sie ihn nochmal an seinen Vater erinnert und so. Und er macht das dann genauso wie sie, um ihr das Rauchen abzugewöhnen? 

Also nur dieser eine Satz natürlich, damit wir uns nicht falsch verstehen.
Also echt, Technik die begeistert! So langsam hab ich es auch kapiert, ich wüsste bloß gern, was auf der Kassette so drauf ist, dass man jemanden im Schlaf so manipulieren kann. Und dass man noch dazu weiß, welche Träume das bei demjenigen auslöst.