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Nachtleben

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24.08.2007
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Nachtleben

Nur noch ein paar Schritte und er war da. Heute Nacht würde er der Diener von Lady Karmen sein. Von drinnen zeichnete spärliches Licht einen leuchtenden Rahmen um die angelehnte Tür. Das leise Stöhnen einer Frau war zu hören. Der düstere Flur hinter ihm schien sowohl das wenige Licht als auch die Geräusche zu verschlucken. Lady Karmen hatte ihn vor einer halben Stunde angerufen und ihn zu der nächtlichen Sitzung bestellt. Die Strapazen des Tages steckten ihm noch in den Knochen, doch er musste sich zusammenreißen. Sie duldete keine Schwächlinge. Wieder ein Stöhnen, diesmal lauter. Da konnte es wohl jemand nicht erwarten. Er zog seine abgewetzte Lederjacke aus, die der Regen mit dunklen Flecken übersät hatte und warf sie achtlos auf einen Stuhl.
Die Tür schwang geräuschlos auf, als er sie antippte. Eine Geruchsmischung aus frischem Schweiß und Latex schlug ihm entgegen. Gedämpftes Licht erfüllte den Raum. Draußen in der Dunkelheit trommelten dicke Wassertropfen unregelmäßig auf irgendeinem Blech herum. Klong – Klong Klong. Er ging hinein.
Eine Frau lag mit geschlossenen Augen auf dem mattschwarzen Kunstleder der merkwürdig geformten Liege, die fast die Hälfte des Raumes ausfüllte. Sie war nackt bis auf ein knappes T-Shirt und hatte die Beine über zwei seitwärts verlaufende Stützen gelegt. Ausgesprochen hübsch war sie. Die dunklen Locken hingen ihr wild ins Gesicht. Ihr rechter Oberarm wurde von einem mit Dornen besetzten Rosenzweig geziert. Oberhalb ihres rechten Knöchels sah er ein weiteres Tattoo, ein Feuer speiender Drache, der grimmig dreinschaute. Beide Handgelenke steckten in dicken Tuchschlingen, die an den Seiten des verchromten Kopfteils befestigt waren.
Lady Karmen trug Latexhandschuhe, die von dem Öl glänzten, mit dem sie die Frau gerade auf den bevorstehenden Akt vorbereitete. „Hallo.“, bellte sie knapp, als sie ihn bemerkte. Es war warm hier drinnen. Er nickte kurz, öffnete die oberen Knöpfe seines Hemds, schlüpfte in den Kittel der hinter der Türe hing und trat näher an die monströse Liege heran.
Ein kurzer Blick auf die Unterlagen sagte ihm, dass sich eine bisher unauffällig verlaufene Erstschwangerschaft in der neununddreißigsten Woche ihrem Höhepunkt näherte. Die Hebamme, die im Kreise des Kollegiums aufgrund ihres barschen Auftretens Lady Karmen genannt wurde, rollte mit ihrem Hocker ein wenig zur Seite und machte ihm Platz, gerade so viel, dass er etwas hinter ihr bleiben musste. Solange alles glatt lief, sollte sie ruhig das Ruder übernehmen. Sein Einschreiten war nur erforderlich, wenn es Komplikationen gab. Er hatte jedoch so ein Gefühl, dass es heute Nacht schnell gehen würde.
 
Senior
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25.01.2002
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Eine nette kleine Pointen-Kurzgeschichte, die die Leser zunächst bewusst in die Irre führt. Der Titel ist treffend, der stimmige Inhalt bietet kurzweilige Unterhaltung. Hab die Geschichte gerne gelesen. Beim zweiten Mal mit anderen Augen. :)
 
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22.12.2007
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die geschichte ist toll =) hab aber erst die kommentare gelesen und wusste nach ein paar zeilen schon, wie sie ungefähr ausgehen würde^^
trotzdem super! die Länge ist total gut und dein Sprachstil spricht mich auch an =) weiter so!
 
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24.08.2007
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Danke für's Lesen!
Freut mich, dass meine kleine Geschichte gefällt :)
 

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