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Copywrite Nesnah

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02.09.2015
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Nesnah

Es war nie still. Tag und Nacht bohrten sich die Maschinen in den Fels. Aber nicht der Abbau des Eisenerzes raubte Artep den Schlaf, sondern der knurrende Magen ihrer Zwillingsschwester.

Artep presste die Lippen zusammen. Sie hatte es Oma versprochen. In der Nacht, in der die Ratten zum ersten Mal in ihr Nest gekommen waren.
Ihre kleine Familie war aufgescheucht zum zweiten Ausgang gerannt, aber Oma war schon zu alt für die Flucht. Sie kauerte sich auf den Boden, die knöchrigen Finger gruben sich in Arteps Haut. »Pass auf deine Schwester auf. Sie ist schwach und krank. Sie braucht deine Hilfe. Versprich es mir.«
Artep hatte geschrien, an der Oma gezogen, aber sie war nicht von der Stelle zu bewegen. Schließlich hatte sie das Versprechen abgegeben. Aber die Erinnerung brannte in ihr: Die knochigen Hände, die sich lösten. Brüllende Ratten und Oma, die mit letzter Kraft ein Schlaflied sang.

Mit kalten Händen tastete Artep über den schroffen Boden. In Gruppen umherfliegende Glühkäferchen glimmten in der Nacht. Endlich bekam sie den aus alten Tüchern geknoteten Beutel zu fassen. Stoff war in den Eisenerzhöhlen ein rar gesätes Gut. Aber Artep war eine Sammlerin. Sie fand nicht nur alte Säcke, die zu mürbe für den Transport des Eisenerzes waren, sondern in den Mulmhöhlen auch stets die größten Würmer, Maden und Käfer. Sie zog den Beutel auf. Etwas Kühles ringelte sich um ihren Zeigefinger. »Hier, iss noch etwas!« Sie schob der halbschlafenden Schwester das Tier in den Mund.
Ein leises Kauen, Schlucken und Stöhnen drang an Arteps Ohr. Ydnam atmete schwer. Oma hatte etwas von Epilepsie gesagt. Eine Krankheit, die nur Homo sapiens befiel, die aussterbende Art in diesem Universum. Homo sapiens wurden krank, taugten allein für die Arbeit in den Höhlen der Homo universalis und ernährten sich von dem, was zu finden war: Die Chicks von Insekten und die Ratten von …

»Meinst du, sie kommen wieder heute Nacht?« Die Stimme von Ydnam klang heiser.
Artep versuchte nicht zu laut zu sein. »Sie holen sich jemand Kräftigeren. Ganz sicher.« Sie konnte die Schwester nicht belügen. Seitdem die Ratten ihr Nest gefunden hatten, kamen sie immer wieder und schnappten sich so viele Chicks, wie sie brauchten. Die abgenagten Knochen lagen dann einige Tage später in den hinteren Tunneln herum.
»Oma war auch nicht kräftig.« Die Stimme Ydnams klang resigniert. »Weißt du noch, wie sie uns von Nesnah erzählte?«
»Nesnah ist eine Mär. Das gibt es nicht.« Eine Welt außerhalb der Höhlen, in der Homo sapiens frei lebten und immer genug zu essen hatten, nicht die qualvollen Arbeiten im Erzabbau verrichten mussten.
Diese Geschichten dienten doch nur dazu, Hoffnung vorzugaukeln. In den Höhlen gab es nur noch Chicks, die Androiden der Homo universalis, die sie überwachten, und die Ratten.
»Oma wusste so viel. Ich vermisse sie. Die Sonne, von der sie erzählte, ich glaube, das sind Tausende von Glühkäferchen auf einem Haufen und um sie herum ist alles blau«, sagte Ydnam.
Vermissen. Das Gefühl kannte Artep zu gut und da war noch ein anderes Gefühl, ein Gedanke, den sie nicht verdrängen konnte. Sie hätte Oma retten sollen und nicht Ydnam, die ihr nur Sorgen machte und für die sie die Verantwortung tragen musste.
Artep griff nach der Hand der Zwillingsschwester, welche wieder ruhig atmete. Dann knarrte es, Stimmen waren zu hören. Es trampelte in den Gängen. Schreie! Ratten!
»Du darfst jetzt nicht einschlafen.« Sie rüttelte an Ydnams Schulter. »Wach sofort auf! Sie kommen.«
Es wurde unruhig im Nest. Auch die anderen Chicks hörten die Gefahr. Überall flüsterte und zischte es: »Komm, komm!«, »Schnell, schnell!«, »Ratten!«
»Wir müssen uns beeilen. Wir dürfen nicht die Letzten am Loch sein.« Artep packte die schlaftrunkene Ydnam am Arm. Sie stöhnte auf, ließ sich aber torkelnd Richtung des zweiten Nestausgangs zerren.
Das Getrampel hinter ihnen wurde lauter. Jemand stieß Artep zur Seite. Hastete an ihnen vorbei. Die Glühkäferchen zickzackten durch die Dunkelheit. Blitzten hier und da auf, ließen den Weg nur erahnen, den Artep mit geschlossenen Augen kannte.
An dem engen Loch zur Mulmhöhle drängten sich die Chicks. Mit Ellenbogen und Fäusten versuchte Artep sich vorzudrängen; Ydnam stieß sie mittlerweile vor sich her. Sie hörte die ersten Chicks im Nest laut aufschreien. Schädelknochen barsten unter den Keulen der Ratten.
»Schnell!«, rief sie Ydnam zu, als sich das Loch vor ihnen zeigte. Sie gab der Schwester einen Stoß, bevor sie sich selbst in den gegrabenen Gang presste. »Jetzt mach schon!«

Schließlich plumpste sie hinter Ydnam einen halben Meter in die Tiefe und landete auf weiches Moos. Mit einer geschickten Bewegung rollte Artep sich und Ydnam über den Boden, weg von dem Loch, aus dem der nächste Chick stürzte.
Es roch feucht und lebendig. Überall knisterte es. Ein dicker Käfer flog sie an. Mit einer geschickten Bewegung fing Artep ihn und stopfte sich das Tier in den Mund. Die Panzerung zerbrach knackend zwischen den Zähnen, der Geschmack von süßlichem Fleisch machte sich auf der Zunge breit.
Ydnams Gesicht wirkte im Schein der Glühkäferchen blasser als sonst. »Sind sie weg? Sie kommen nicht hinter uns her, nicht wahr? Sag, dass sie weg sind.« Tränen flossen der Schwester über das Gesicht.
»Die Ratten sind zu groß für das Loch.« Sie wusste nicht, ob das stimmte, aber sie fürchtete, Ydnam könnte einen neuen Anfall kriegen, wenn sie sich aufregte.

Ein lauter Schrei ließ die Zwillingsschwestern zusammenzucken. Es war die alte Atreb, die am Ausgang der Mulmhöhle in Richtung des Seilzugs zu den Tunneln stand. Und ehe die beiden begriffen, was geschah, stürmte eine Horde halb nackter Gestalten mit Beuteln und Keulen in die Höhle.
»Ratten!«, entfuhr es Ydnam. »Sie sind überall. Wir werden sterben.«
Fassungslos sahen die beiden zu, wie drei Ratten die schreiende Atreb packten, sie mit Händen und Füßen an einen Eisenstab banden und sie verschleppten.
Derweilen krochen weitere Angreifer durch den Zugang zum Nest.
Entsetzt blickte Ydnam nach oben. »Du hast gesagt, sie kämen nicht durch das enge Loch.«
Artep sah sich hektisch um. Hier irgendwo unter dem Moos hatte sie kürzlich ein überwuchertes Rohr gefunden, fast wäre sie hineingestürzt. »Komm«, flüsterte sie. »Wir müssen uns verstecken, so gut es geht.«
Die Chicks rannten wild durcheinander auf der hoffnungslosen Flucht vor den Ratten, die mit Keulen und Netzen nach ihnen jagten.
»Hier entlang. Bleib bloß am Boden.« Artep zog Ydnam hinter einen verrotteten Baumstumpf, auf dem Pilze und Käfer zur Nahrung gezüchtet wurden. Dann wies sie die Schwester mit einer Handbewegung an, mit ihr in die hintere Ecke der Mulmhöhle zu kriechen. Ihre Hände tasteten über das feuchte Moos. Hier irgendwo musste es sein. Sie klopfte leise den überwucherten Boden ab.
»Was suchst du?« Ydnams Stimme zitterte. Um sie herum war es laut. Immer mehr Chicks wurden Opfer des Angriffs der Ratten. Gefesselt lagen sie auf dem Boden, wimmerten und schrien. Zwischen all dem toten Holz hatten sie die Schwestern noch nicht entdeckt, aber es war eine Frage der Zeit.
»Ich …« Artep griff ins Leere. »Hier ist es.« Sie schob das Moos weg und legte das Rohr frei. Ein modriger Duft strömte ihnen entgegen. Spinnweben klebten überall. Würmer und Käfer krochen Arteps Arm hoch.
»Da rein?«, fragte Ydnam und schüttelte den Kopf.
»Ja. Und steck dir noch ein paar von den Würmern in die Taschen.« Artep strich das Getier vom Arm und warf es in Ydnams Beutel.
Widerwillig kroch die Schwester in das Rohr, das vertikal in die Erde ging. Sie passte so eben rein. Hoffentlich bekommt sie keinen Anfall, dachte Artep, versetzte Ydnam einen Stoß, die einen erstickten Schrei von sich gab.
Gerade als sie der Schwester folgen wollte, raschelte es neben ihr. Vor ihr stand eine Ratte. Für einen Moment starrten sich beide an. Unter der Gesichtsbemalung meinte Artep, das Gesicht eines Jungen zu erkennen. »Verschwinde«, zischte sie.

Der Junge fletschte die Zähne. »Ganz sicher nicht, Chick!«
Artep tastete nach einem Stein, umgriff ihn mit der Hand und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die Ratte. Für einen Moment sackte der Junge zusammen. Artep nutzte die Ablenkung und quetschte sich in das Rohr. Zunächst war es schwer, aber dann gewann sie an Fahrt wie das Eisenerz auf der Rutsche zur Fertigung.
»Du entkommst uns nicht, Chick!«, hörte sie den Jungen schreien. Aber seine Stimme wurde leiser.

Ein wenig Angst überkam Artep, wohin sie das Rohr bringen würde. Sie wollte nach Ydnam rufen, doch fürchtete, die Ratten könnten sie hören, dem Jungen zur Hilfe kommen.

Mit einem Ruck stoppte die Rutschfahrt. Das Rohr war entscheidend enger geworden. Artep stöhnte, als sie merkte, dass sie feststeckte. Ydnam war so mager, dass sie durchgerutscht sein musste. Artep biss die Zähne zusammen und quetschte sich mit aller Gewalt weiter durch das Rohr nach unten. Die Enge schnürte ihr die Luft ab. Sie kam kaum noch voran, als sie ein Geräusch hinter sich hörte, dazu ein Fluchen. Es musste der Rattenjunge sein. Offenbar steckte auch er fest.

Plötzlich zogen sie Hände an den Beinen nach unten. Artep drückte sich weiter runter und landete schließlich mit einem Plopp hart auf einem Haufen Steine. Vor ihr lag Ydnam völlig außer Atem. Sie lachte. »Wir haben es geschafft, nicht? Ich dachte schon, ich kriege dich fettes Chick da nicht raus.«
Artep versuchte sich zu sammeln. »Wo sind wir hier?« Sie blinzelte. Etwas war hier anders, ihre Augen schmerzten. Sie mussten tief unter der Erde sein, aber von irgendwoher drang ein helles Licht zu ihnen durch.
Ydnam zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist es Nesnah.« Sie schaute mit zusammengekniffenen Augen nach oben, direkt ins Licht. »Siehst du das Blau dort? Das muss die Oberfläche sein. Und das Licht, der Glühkäferchenball, die Sonne! Der Ort, von dem Oma immer sprach.«
Arteps Blick folgte dem der Schwester. Sie waren in einer rundlichen Höhle. Anstatt einer Decke jedoch war weit über ihnen eine Öffnung, durch welche die Helligkeit kam. Tatsächlich konnte man etwas Blaues sehen mit weißen Nebelschwaden, wie jene, die sie aus den Fertigungsmaschinen kannte. Artep hielt sich die Hand mit leicht gespreizten Fingern vor die Augen, die zu tränen begannen. Was immer es war, es war zu weit oben. Die glatten Höhlenwände würden sie nicht hinaufkommen. »Nesnah gibt es nicht.« Mit einer abwehrenden Bewegung rappelte sich Artep auf. »Das war doch nur so eine Geschichte von Oma.«
Das Gesicht der Schwester verzog sich. Artep schaute sich um. Der Raum, in dem sie standen, war klein. Nirgendwo war ein anderer Ausgang ersichtlich, als das Rohr und dieses unheimliche Loch über ihnen. Wie bloß sollten sie …?

Es rumpelte. In Artep spannte sich jeder Muskel an. »Diese Ratte muss mir gefolgt sein. Ich habe jemanden hinter mir gehört.«
Ein Fluchen drang zu den Schwestern durch. »Scheiße, holt mich hier raus. Verdammt!«
Artep runzelte die Stirn. »Verrecke, Ratte!«
»Verfluchtes Chicken-Pack!« Die Stimme aus dem Rohr klang wirklich wie die eines normalen Jungen. Aber er war eine Ratte, der Fressfeind.
Ydnam wurde zittrig. Artep hielt die Schwester an der Hand. Diese fing an zu schluchzen. »Sie haben Oma getötet, Atreb und die anderen verschleppt.«
Ein Stöhnen kam aus dem Rohr. »Ich habe ganz sicher niemanden getötet. Das machen nur die Jäger. Jetzt helft mir hier raus.«
»Aber du hast sie gegessen!«, rief Ydnam, deren Hand eiskalt wurde.
»Vielleicht.« Die Stimme des Rattenjungen wurde schwach.
»Es gibt ein Problem«, flüsterte Artep. »Er verstopft das Rohr und es ist unsere einzige Möglichkeit, aus dieser Höhle zu kommen. Wir müssen ihm helfen.«
»Nein, ist es nicht.« Ydnam schaute wieder nach oben. »Wir klettern da hoch.«
»Das schaffen wir nicht. Das schaffst du nicht«, sagte Artep. »Das Rohr ist zwar steil, aber es ist auch glatt. Notfalls ziehe ich dich einfach hinter mir her, aber da hoch … und wer weiß, was uns oben erwartet.«
»Ich gehe nicht dahin zurück.« Ydnam verschränkte ihre Arme und setzte sich auf einen Stein. »Früher oder später werden wir dort sterben. Entweder, weil wir bei der Arbeit zusammenbrechen oder die Ratten uns fressen. Nesnah …«
»Hey!« Es klopfte aus dem Rohr. »Macht schon, ich kriege hier drin keine Luft.«
Das Rohr ist die einzige Möglichkeit, dachte Artep. »Okay, wir helfen dir da raus, wenn du uns ziehen lässt.«
Ydnam gab ein Seufzen von sich. »Du willst doch nicht einer Ratte vertrauen?«

Artep biss sich auf die Lippen. Mit diesem Jungen würde sie schon fertig werden. Dann griff sie in das Rohr, tastete nach der Ratte und zog sie an den Fußgelenken mit einem Ruck heraus. Von einem Schreien begleitet, landeten sie beide unsanft auf dem Steinhaufen.
»Verdammt, sei ruhig. Du machst die anderen auf uns aufmerksam.« Artep wischte sich den Schweiß vom Gesicht. »Du hast versprochen, uns nicht zu verraten.«
Der Junge stöhnte, nickte aber schließlich. Seine Gesichtsbemalung war verwischt. Er schaute sich um, während er seinen Arm rieb. Blut tropfte auf die Steine. »Wo sind wir?«
»Ich denke, es ist der Weg nach Nesnah«, sagte Ydnam. In ihren Augen leuchtete etwas auf.
»Nes… was?« Der Junge rieb sich die Augen.
»So eine Mär unserer Oma über Homo sapiens, die es schafften, den Höhlen und der Sklaverei zu entkommen, um an der Oberfläche frei zu leben.«
»Nie von gehört.« Mit einem Satz richtete der Junge sich auf. »Ich bin Speed. Und – danke.«
Artep beäugte ihn misstrauisch. »Artep, und das ist meine Schwester Ydnam. Sie ist krank. Du wirst mir helfen, sie das Rohr hochzuziehen.« Sie sah Speed auffordernd an.
Er lachte auf. »Da wieder hoch? Ich glaube nicht, dass ich noch einmal durch das Rohr passe. Und ehrlich gesagt, du siehst auch nicht so aus, als würdest du da durchflutschen. Außerdem: Es ist steil und glatt. Nein, – wir müssen da hoch!« Er zeigte nach oben, woher das Licht kam.
»Das sage ich doch.« Ydnam umgab ein Strahlen. »Nesnah wartet auf uns, Artep. Du weißt doch, was Oma erzählte, dass es dort genug zu Essen gibt, die Androiden uns dort nicht finden können. Wir keine Angst mehr haben müssen vor den Ratten.«
»Und wie sollen wir da hochkommen?« Artep verschränkte die Arme.
»Klettern«, sagte Speed. In seiner Stimme lag etwas Entschlossenes. »Aber vorher sollten wir uns stärken.« Er setzte sich auf einen der Steine.

»Vielleicht hast du recht.« Artep packte einen Wurm aus ihrem Stoffbeutel und reichte ihn Speed. Sie könnten es wenigstens versuchen. Bloß um zu scheitern. Dann würde Ydnam schon sehen, dass das Rohr der einzige Weg raus war. Wenn dieser Junge unbedingt hochklettern wollte, dann sollte er doch auf halber Strecke abstürzen. Ydnam hätte ohnehin nicht die Kraft, weiter als zwei Meter hochzukommen.
Der Junge machte ein angeekeltes Gesicht. »Eure Würmer pickt einmal schön alleine. Ich habe etwas Besseres.« Er kramte aus seinem Beutel grüne Kügelchen hervor, steckte sich eine in den Mund und machte Kaubewegungen. »Hier probiert einmal.«
Artep und Ydnam waren näher gekommen.
»Was ist das?«, fragte die Schwester mit großen Augen. Artep hielt einen Arm vor sie.
»Erbsen.« Speed lachte. »Ganz harmlos. Aber sie werden euch Kraft fürs Klettern geben. Sie wachsen da, wo ich herkomme.«
»Und wo ist das?«, wollte Artep wissen. Ihr Blick verfinsterte sich. Aber trotzdem war sie neugierig und der Junge aß davon.
»Oh, weit weg von den Nestern.« Speed hielt ihnen einige der Erbsen hin, während er sich eine zweite in den Mund steckte.

Artep beäugte ihn kritisch, aber sie hatte Hunger und griff nach einer. Etwas Abwechslung zur Käferkost konnte nicht schaden. Die Erbse fühlte sich glatt an. Ganz anders als alles andere, was sie bisher gegessen hatte. Sie steckte sie sich in den Mund. Lutschte daran. Sie schmeckte nach nichts. Dann biss sie drauf. Die Erbse zerkrümelte, schmeckte leicht bitter.
Nun nahm auch Ydnam eine. Sie zitterte, aber schob sie sich zwischen die Lippen, während sie nach oben blickte, als würde sie träumen. Artep sah, wie die Wangen der Schwester rosiger wurden.

Gleichzeitig fühlte sie sich auf einmal ganz leicht, als könnte sie fliegen. Sie sah, wie Speed zur Felsenwand ging und ein Stück weit hochkletterte. Er winkte ihnen zu. »Kommt, kommt!«
Artep nahm Ydnam bei der Hand und zog sie hinter sich her. Sie berührte den Fels, der weich wie Schaumstoff wurde. Es war viel einfacher nach oben zu klettern, als sie gedacht hatte. Ydnam folgte ihr, überholte sie auf halber Strecke. Dem Licht entgegen. Umso näher sie der Öffnung kamen, desto heller wurde es. Erst jetzt sah sie, dass grüne Gewächse sich an dessen Rand hinab schlängelten. Es duftete frisch und kribbelte in der Nase. Speed war bereits oben, hielt ihr die Hand entgegen. Wärme schoss durch ihren Körper. Die Sonne! Nesnah!

Speed spuckte die grünen Kugeln auf den Boden. Er nahm aus seinem Beutel den Kommunikator. »Speed hier. Ich bin in Schacht Sieben. Holt mich hier ab. Ah, und bringt Seile und Netze mit. Ich habe zwei betäubte Chicks hier, die müssen wir raufziehen.« Er lachte. »Ja, das gibt heute ein leckeres Mae-Chutney.«

 
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Hallo @Robert Yves Vauxelle ,

und sorry, dass meine Antwort etwas gedauert hat. Ich habe mich sehr über Deinen Kommentar gefreut. Auch, wenn es der Natur nach schwierig ist, auf Kritik fundiert zu antworten, die auf das Erzählen einer anderen Geschichte abzielt.

Ja, natürlich könnte ich eine andere Geschichte erzählen, aber mache es ganz bewusst nicht. Die Chicks leben ein monotones Sklavenleben ohne Aussicht auf Befreiung. Sie sind die letzten ihrer Art, sodass auch diese keine Zukunft mehr hat. Damit wollte ich ganz bewusst ein Gegenmodell zu Chutneys Vorlage schaffen, in der die Hühner am Ende wirklich so etwas wie Befreiung finden, vor allem vor dem gefürchteten Kochtopftod.
Deswegen musste meine Geschichte enden wie sie endet, und auch die einzige Hoffnung zerstören, die die Chicks hatten: Das bessere Leben auf der Oberfläche, das nur eine Illusion ist. Selbst, wenn sie nicht gestorben wären, hätten sie eine trostlose Welt vorgefunden, in der einige Menschen Zuflucht gefunden haben, aber darauf angewiesen sind, ihresgleichen zu jagen und zu essen, um zu überleben. Da zählt nur noch Chick oder Ratte.

Das war meine Intention. Insoweit weiß ich gar nicht, ob das wirklich so negativ ist, dass Du Dir Hoffnungen auf diese “bessere Welt” gemacht hast. Mit dieser Hoffnung spiele ich ja, um sie zu enttäuschen.

an Stil und Sprache ist mir nach einmaligem Lesen nichts mehr zu bemängelndes aufgefallen. Die Figuren sind mir ein wenig zu blass gezeichnet, um wirklich größere Sympathie für sie entwickeln zu können
Das freut mich. Und danke für den Hinweis. An den Charakteren kann ich vielleicht noch etwas schrauben, wenn ich die Geschichte vielleicht einmal irgendwo einreiche.
bei. Da, wo die eigentliche Handlung beginnen könnte, beendest du sie in Drogenhalluzinationen (was an sich ein passabler Schluss ist, aber die Geschichte auf einen kurzen Alptraum reduziert).
Hm. Na ja, eigentlich nur das Ende.
Wie du die Welt deutlich machst, ohne sie zu beschreiben oder zu erklären ist technisch sehr gelungen.
Danke! Daran habe ich auch ganz schön gesessen, die komplexe Welt irgendwie kurzgeschichtengerecht darzustellen.
Denn die Welt ist eben einfach mehr, als nur eine Höhle mit ständig lauernden Gefahren

Diese Welt nicht. Und unsere vielleicht auch nicht. Ich glaube, dass es Fliege war, die Parallelen zur Legehennenhaltung sah. Ich hatte das Bild gar nicht einmal im Kopf, aber an dem Vergleich ist sehr viel dran. Die Hennen sitzen im engen Käfig, legen Eier, irgendwann werden sie geschlachtet. Und ich fürchte, dass auch viele unserer Mitmenschen ein trostloses Leben fristen, z. B. all die Frauen, die als Teenager zwangsverheiratet werden, aus religiösen Gründen kaum das Haus verlassen dürfen und bewusst “dumm” gehalten werden. So weit weg ist das nicht von meiner Dystopie, auch wenn nicht ausgeschlossen ist, dass sie sich über einen sonnigen Tag freuen so wie meine Protas über einen Wurm.

Lieben Dank für Deine Anregungen, und dass ich noch einmal über die Geschichte nachdenken durfte.

Mae

 

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