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Niedere Regungen

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Niedere Regungen

Irisierendes Wasser leckte am Bug unserer kleinen Schale und so sehr ich mich auch bemühte, zu vergessen, dass wir völlig verloren waren, so schaffte ich es doch nicht, meinem aufgesetzten Lächeln nachzufolgen. Chiara schien etwas zu ahnen, denn obwohl die Erschöpfung aus jeder ihrer Bewegungen sprach und selbst ihr Blick schwer und müde am Boden klebte, hörte sie nicht auf, mit der linken Hand kleine Kreise in meinen Unterarm zu streicheln. Hoffnung kann zur Last werden, wenn man außer ihr nichts in Kopf, Blick und Magen hat. Verlassen ist man dann bald von sich selbst, denn man folgt der Hoffnung fort zu all den Formen der Erlösung, die dort an den Horizonten warten mögen, und vergisst darüber völlig den Menschen, der in seiner furchtbar eindeutigen Gegenwart verkümmert.
Elf Tage waren wir nun schon in Bewegung und standen doch still. Richtigerweise sollte ich sagen, dass wir pendelten, einmal äußerlich auf dem Wasser, das erst neckisch, dann höhnisch, schließlich boshaft unsere elende Wiege stieß, aber auch innerlich schwangen wir hin und her zwischen gleichsam hohlen Regungen, deren, und darin lag der eigentliche Stillstand, Mittelpunkt unveränderlich unsere primitive, unförmige Hoffnung blieb. Aber kann ich wirklich für Chiara sprechen, maße ich mir nicht etwas Außerordentliches an, wenn ich behaupte, auch nur andeutungsweise, ihr Innenleben habe dort auf dem Wasser, dem weiten Wasser, dem verdammten Wasser, dem gleichgültigen Wasser meinem geglichen? Chiara und ich waren seit jeher eng miteinander verbunden, das stimmt, aber ich darf nicht verschweigen, dass es stets einen Teil von ihr gegeben hatte, den sie selbst in unseren innigsten Momenten, denen des Rauschs, der Stille, des scheinbar endlosen Einverständnisses vor mir geheim gehalten hatte. Hauste nicht stets etwas in ihr, vielleicht kein ganzes Wesen, aber doch eine Art dämonischer Skizze, deren ich mir zwar bewusst war, die sie jedoch vor mir verborgen hielt und die ich sie auch nie hervorzuholen drängte, da ich spürte, dass dieses Etwas, dieser Dämon, den sie, so ahnte ich doch, sich zu jeder Zeit hätte überstülpen und zu dem sie hätte werden können, mich nicht mit Chiaras gütigen, sanftblauen Augen, sondern einem kalten, gerechten Blick betrachten würde, vor dem ich nicht nur Respekt, sondern Angst hatte, da etwas in mir sich unseres Ungleichgewichts, ich meine, der in das Fundament unserer Beziehung eingeschriebenen Ungerechtigkeit bewusst war? Trümmer unserer gemeinsamen Zeit umringten das Boot und in mir donnerte der Wunsch, Chiara ins Wasser zu stoßen, dort zu den Erinnerungen, den Zweifeln, die sich hinter dem Alltag unserer Jahre verborgen hatten und mich nun so bedrängten, doch ich hielt mich zurück, sagte mir, dass ich dehydriert sei, dass der Wassermangel inmitten des Wassers mir diesen Wahnsinn einflüstere.
Endlich schlief sie dann doch und ich hob ihre sonnenverbrannte Hand wie eine tote Spinne von meinem Arm, betrachtete sie, ihre langen Glieder, die Hautfetzen, die wie feine Haare von den Spitzen standen. Es war scheußlich, Zeuge meines wachsenden Hasses auf Chiara zu werden. Unter anderen Umständen, einem anderen Himmel, an anderen Ufern, irgendeinem Ufer, hätte meine Liebe für sie sich nicht in das Monstrum verkehrt, das nun wie eine Inversion seines Ursprungs zwar immer noch alles auf sie bezog, alles als von ihr ausgehend betrachtete, aber statt Dankbarkeit über ihr auszuschütten, nur noch die Schuld an allem bei ihr sah. Chiara hatte uns das alles eingebrockt, so war es doch, oder etwa nicht? Hämische Teufel tanzten über die Reling, drehten Pirouetten, machten Sprüngen und zeigten auf den zusammengesunkenen Körper vor mir. Ein Schlag nur, ein Stoß und die Sache wäre erledigt, ich wäre frei und eine unermessliche Gnade würde mich aus dieser Hölle entlassen.
Unter gewissen Umständen, so meinte ich jedenfalls vor langer Zeit mal gelesen zu haben, lasse sich rotes Fleisch gefahrlos roh verzehren. Riesige Mengen seien zwar stets problematisch für die Verdauung, aber kleinere Portionen könne der menschliche Magen problemlos zersetzen. Es gab so viele Dinge, von denen ich irgendwann mal gelesen hatte, so viele Dinge, die mir statt Schlaf in den Sinn kamen. Fäden silbrigen Mondlichts schlängelten sich nun durch die Dunkelheit um uns, verschwanden unter der Wasseroberfläche und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Lediglich vor unserem Boot machten sie halt und beließen in absoluter Finsternis. Aber ich sah Chiara dennoch. Chiaras Arme, ihren Rumpf, ihre Schenkel, die unterhalb ihrer schmutzigen, kurzen Jeans mit Kratzern und Gänsehaut übersät waren. Hunger ist ehrlich. Er kleidet sich nicht in schönere Gewänder, um einen zu überfallen, sobald man ihn hereingebeten hat. Nein, er ist stolz und sich seiner Sache bewusst. Kein Mensch leidet jemals Hunger, ohne zu wissen, woran er leidet. Ohne Scham und ohne Gnade tritt er uns entgegen und lässt uns wissen, dass wir seine Knechte sind, dass jede andere unserer Regungen, egal wie teuer sie uns sein mag, ihm untersteht, dem großen König des Seins. Er bestraft keine Widerrede, sondern lächelt geduldig, während wir zu seinen dampfenden Füßen an der Gewissheit verzweifeln, dass wir nur solange Herr unserer selbst sind, wie wir seinen furchtbaren Geboten Folge leisten. Prüfen wir unser Innerstes nach seiner Beschaffenheit, so müssen wir erkennen, dass die sonst so mächtig scheinenden Säulen unseres Selbst auf einem Fundament gefletschter Zähne ruhen. Fressen ist das einzig wirkliche Gebot, Hungern die einzig wirkliche Sünde, denn warum sonst lecken seine Flamen so viel grausamer als alles andere?
Erst als Chiara sanft meine Stirn küsste, erwachte ich. Ein neuer Tag war angebrochen, eine neue, gnadenlose Sonne aufgegangen, doch sie, Chiara, sie legte sich lächelnd zu meinen Füßen und sagte, sie sei trotz allem glücklich. Unbändige Wut platzte aus meinem verkümmerten Magen hinauf, ballte sich zur glühenden Kugel hinter meiner Stirn. Reiner Hass senkte sich über meinen Blick auf die Gestalt, die dort mit geschlossenen Augen in der Sonne vor mir kauerte. Es war mir unbegreiflich, wie sie, diese tumbe Nuss, dieses Stück Fleisch so dreist verleugnen konnte, dass wir uns am furchtbarsten aller Orte befanden und dass auf uns nichts mehr wartete als der qualvolle Hungertod. Ein Moment verstricht, dann der nächste und allmählich übersetzte ich das, womit ich mich die letzten Tage so gequält hatte, ihretwegen so gequält hatte, in die Bilder, deren Verwirklichung mir auferlegt worden war. Ich hatte verstanden, dass wir nicht aus Zufall zusammen dieses Boot bestiegen hatte, dass wir nicht aus Zufall vom Kurs abgekommen waren und dass wir nicht aus Zufall weder Küste noch Rettung am Horizont entdeckten. Niemand würde kommen, nichts passieren, solange ich meine Aufgabe nicht erledigt hatte und so sehr ein Teil von mir sich auch gegen die Ausführung dieser Mission sträubte, so konnte ich nicht leugnen, dass die Mächte, die sie mir aufgetragen hatten, ewig waren, während mein armseliger Widerstand, mein menschliches Gezappel den Zuckungen eines gefangenen Insekts gleichkam. Für Chiara hatte ich gewartet, gelitten, mit mir selbst gerungen und gehungert. Aber was war sie, was war ich, was waren wir angesichts der alten Wahrheiten, die sich mir offenbart hatten und jetzt am Horizont neue Ufer versprachen? Chiara war nichts, ich war nichts, wir waren nichts. Hunderte, tausende kostbarer Opfer standen dieser Gottheiten, die schließlich doch nur eine einzige waren, zu. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder still wurde und erst danach merkte ich, dass ich am ganzen Leib zitterte. Nichts hob sich über den Horizont, nichts schenkte mir Gnade, doch der Akt war auch noch nicht vollzogen. Gurrende Laute, so grausam, gierig und armselig, dass sie mich würgen machten, platzten zwischen den Bissen aus mir heraus. Eine Fülle machte sich in meinem Magen breit und ließ mich leer, verlassen noch vom Hunger selbst zurück. Meine Hände waren besudelt mit ihr. Ununterbrochen tropfte das Leben, das nur kurz zuvor noch ihre Augen aufgeschlagen hatte, das sie zu mir getragen hatte, das sie meine Stirn hat küssen lassen und sie dazu getrieben hatte, mich zu streicheln, sich zu meinen Füßen zu legen und zu behaupten, die Welt könne nicht schlecht sein, solange wir einander doch hätten, ununterbrochen tropfte es von meinen Fingern, dieses elende Leben, dieses kostbare Leben und ich erbrach das wenige davon, das ich verschlungen hatte in die verzerrte Fratze, die das Meer aus mir machte.
Es dauerte nicht lange, bis ein paar Möwen aufmerksam wurden. Tränen liefen über mein Gesicht, während ich versuchte sie mit den Armen, die ich kaum noch heben konnte, zu verscheuchen. Ein Schnabel fand schließlich trotzdem sein grausiges Ziel und riss einen Fetzen aus Chiaras, des Körpers rechter Wange. Rote Tropfen beschrieben ihren Weg hinauf in den gnadenlos klaren Himmel. Golden brannte die Sonne und schlug nach mir mit ihren klaren, scharfen Peitschen, bis die Erschöpfung mich endlich herabzog in die Höllen meiner Fieberträume, die doch so unendlich viel schöner waren, als dieses trostlose Boot.
Rufe rissen mich aus dem Schlaf. Unter mir schlief Chiara und ich versuchte sie zu wecken, denn daran, wie das Meer nach den Stimmen schnappte und ihnen jede zweite Silbe stahl, erkannte ich sofort, dass man uns gefunden hatte. Ein kleines Fischerboot wippte nur wenige hundert Meter weiter auf und ab. Silhouetten zweier Männer standen an der Reling und eine dritte kam hinzu, woraufhin das Geschrei nochmals anhob. Sie änderten den Kurs und kamen auf uns zu, doch Chiara reagierte nicht auf meine Freudenschreie. Erst als mich erhob und strahlend auf sie herabsah, erinnerte ich mich daran, was ich getan hatte. Sodann fiel ich zurück auf die Knie. In keinem Herzen hatte so viel Leid Platz, wie nun das meine zu zerreißen drohte. Sie war tot, die Teile von ihr, die ich nicht mit meinem Körper bedeckt hatte, zerfleddert von den Mäulern der gierigen Vögel, oder … Oder meinem, ich wusste nicht mal mehr, welchen Teil von ihr ich gefressen hatte. Reue spürte ich jedoch keine, nein, auch keine Angst und selbst die Verzweiflung, die mich im ersten Moment zu Boden gedrückt hatte, verflog schnell wieder. Untaten, die wirklich grausamen, erkannte ich, hinterlassen mehr als nur Spuren. Sie verändern uns, sie zerstören uns, sie lassen nur die leere Hülle von uns zurück, in deren Namen wir sie begingen.

 
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Hallo @lerchenbutter ,

willkommen hier im Forum!

Ein eindringlicher Text, durch die kurze Handlung ist es m.E. nicht einfach, bei den Lesern eine Wirkung zu erzielen, da zu dem Protagonisten und seiner Freundin wenig bekannt wird. Ich finde es aber gut gelungen, es geht ums Überleben, seine Liebe zu ihr wird zu Hass, zumindest in diesem Moment.

Es muss nicht unbedingt sein, aber eine Beschreibung "der Tat" fehlt. Plötzlich ist es schon geschehen und er frisst ... der Wechsel war mir hier zu schnell.

Aber insgesamt mMn ein gelungenes Debut. Formal finde ich auch das Stilmittel der langen Sätze gut, um die Gedankengänge des Protagonisten zu schildern, manchmal finde ich sie jedoch schwer lesbar und zu verschachtelt.

Du hast auf jeden Fall eine gute Rechtschreibung, hier noch einige Details:

Irisierendes Wasser leckte am Bug unserer kleinen Schale und so sehr ich mich auch bemühte, zu vergessen, dass wir völlig verloren waren, so schaffte ich es doch nicht, meinem aufgesetzten Lächeln nachzufolgen.
Direkt zu beginn ein Wort, das vielleicht nicht jeder kennt, würde ich noch mal überdenken. Schon der Einstieg in eine Geschichte kann darüber entscheiden, ob Leser interessiert sind, ich würde daher auch diesen Satz weniger verschachtelt schreiben.

Verlassen ist man dann bald von sich selbst, denn man folgt der Hoffnung fort zu all den Formen der Erlösung, die dort an den Horizonten warten mögen, und vergisst darüber völlig den Menschen, der in seiner furchtbar eindeutigen Gegenwart verkümmert.
auf Wortwiederholungen achten (hier: man) ;
m.E. muss es "am Horizont warten mag" heißen

Richtigerweise sollte ich sagen, dass wir pendelten, einmal äußerlich auf dem Wasser, das erst neckisch, dann höhnisch, schließlich boshaft unsere elende Wiege stieß, aber auch innerlich schwangen wir hin und her zwischen gleichsam hohlen Regungen, deren, und darin lag der eigentliche Stillstand, Mittelpunkt unveränderlich unsere primitive, unförmige Hoffnung blieb.
Das Wort "pendelten" finde ich hier unpassend, es geht ja eher um eine schwankende Bewegung.
Ein Satz mit 49 Wörtern ... würde ich entsprechend in mehrere Sätze unterteilen und entschachteln.

Aber kann ich wirklich für Chiara sprechen, maße ich mir nicht etwas Außerordentliches an, wenn ich behaupte, auch nur andeutungsweise, ihr Innenleben habe dort auf dem Wasser, dem weiten Wasser, dem verdammten Wasser, dem gleichgültigen Wasser meinem geglichen?
Ziemlich viel Wasser hier ;)

Hauste nicht stets etwas in ihr, vielleicht kein ganzes Wesen, aber doch eine Art dämonischer Skizze, deren ich mir zwar bewusst war, die sie jedoch vor mir verborgen hielt und die ich sie auch nie hervorzuholen drängte, da ich spürte, dass dieses Etwas, dieser Dämon, den sie, so ahnte ich doch, sich zu jeder Zeit hätte überstülpen und zu dem sie hätte werden können, mich nicht mit Chiaras gütigen, sanftblauen Augen, sondern einem kalten, gerechten Blick betrachten würde, vor dem ich nicht nur Respekt, sondern Angst hatte, da etwas in mir sich unseres Ungleichgewichts, ich meine, der in das Fundament unserer Beziehung eingeschriebenen Ungerechtigkeit bewusst war?
Bei diesem Satz mit 106 Wörtern war ich kurz davor, mit dem Lesen aufzuhören.

Hunger ist ehrlich. Er kleidet sich nicht in schönere Gewänder, um einen zu überfallen, sobald man ihn hereingebeten hat. Nein, er ist stolz und sich seiner Sache bewusst. Kein Mensch leidet jemals Hunger, ohne zu wissen, woran er leidet.
Gute Beschreibung!

Ohne Scham und ohne Gnade tritt er uns entgegen und lässt uns wissen, dass wir seine Knechte sind, dass jede andere unserer Regungen, egal wie teuer sie uns sein mag, ihm untersteht, dem großen König des Seins.
Das zweite "ohne" würde ich streichen ;
du verwendest häufig einen Nebensatzbeginn mit "dass", würde ich etwas reduzieren, hier könntest du das zweite "dass" zum Beispiel einfach streichen

Es war mir unbegreiflich, wie sie, diese tumbe Nuss, dieses Stück Fleisch so dreist verleugnen konnte, dass wir uns am furchtbarsten aller Orte befanden und dass auf uns nichts mehr wartete als der qualvolle Hungertod.
Ich hatte verstanden, dass wir nicht aus Zufall zusammen dieses Boot bestiegen hatte, dass wir nicht aus Zufall vom Kurs abgekommen waren und dass wir nicht aus Zufall weder Küste noch Rettung am Horizont entdeckten.
Auch hier, es wirkt bezogen auf die Formulierungen eher eintönig.

Hunderte, tausende kostbarer Opfer standen dieser Gottheiten, die schließlich doch nur eine einzige waren, zu.
diesen

Gurrende Laute, so grausam, gierig und armselig, dass sie mich würgen machten, platzten zwischen den Bissen aus mir heraus.
ließen

Insgesamt gerne gelesen, dann noch viel Spaß hier!

Viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F

danke Dir fürs aufmerksame Lesen und die ausführliche Rückmeldung! Ich versuche mal, die Punkte einzeln abzuhandeln :)

Es muss nicht unbedingt sein, aber eine Beschreibung "der Tat" fehlt. Plötzlich ist es schon geschehen und er frisst ... der Wechsel war mir hier zu schnell.
Ja, das kann ich gut verstehen. Ist so ein Knackpunkt des Texts, eine Stelle, die mir selbst noch einige Rätsel aufgibt. Vielleicht habe ich damit, sie als Leerstelle zu lassen, einen Fehler gemacht. Oder ich sollte die Leerstelle wirklich leer machen und selbst das Fressen in den Hintergrund verschieben, sodass die Tat nur als dünne Folie über dem Ganzen liegt und leicht übersehen werden könnte.

Direkt zu beginn ein Wort, das vielleicht nicht jeder kennt, würde ich noch mal überdenken. Schon der Einstieg in eine Geschichte kann darüber entscheiden, ob Leser interessiert sind, ich würde daher auch diesen Satz weniger verschachtelt schreiben.
Ja, ich verstehe, was Du meinst. Am "irisierend" hänge ich etwas, da ich das Wort sehr mag, aber es heißt ja nicht ohne Grund "kill your darlings". Das mit dem Verschachteln ist wirklich schwierig, manchmal reißts mich mit und dann winden sich plötzlich solche seitenlangen Buchstabenwürmer auf dem Papier! Ich glaube (wie Du auch, wenn ich das richtig verstanden habe), dass lange und verschachtelte Sätze manchmal starke Stilmittel sein können, aber ich habe es hier stellenweise wohl übertrieben und bin vor allem zu wahllos damit umgegangen, sodass es mich wohl nicht wundern sollte, wenn Leser und Leserinnen sich nach dem dritten Nebensatz irgendwann entschuldigen, um sich angenehmeren Dingen, wie der Überdosierung von Schlaftabletten oder der Selbstverstümmelung zu widmen.

pendelten
Oh ja, da hast Du recht! Das ist mir sogar beim ersten Korrekturdurchgang aufgefallen, aber dann hatte ich's tatsächlich wieder vergessen. Wie peinlich! Danke für den Hinweis, ich suche ein besseres Wort.

du verwendest häufig einen Nebensatzbeginn mit "dass", würde ich etwas reduzieren, hier könntest du das zweite "dass" zum Beispiel einfach streichen
Stimmt. Manchmal ist das bewusst zur Emphase gedacht, aber an einigen Stellen klingt es einfach nur blöd und redundant. Die Herde muss ausgedünnt werden!

Irgendwie bekomme ich es nicht gebacken, Deinen ganzen Willkommensgruß zu zitieren, aber nun ja, Du weißt ja, dass ich mich darauf beziehe, also vielen Dank und bis bald in den Kommentaren!

LG
LB

 
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18.11.2021
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Hallo @lerchenbutter

ein insgesamt gelungener, solider Text, und - wie ich sehe - Debut. Mir gefallen Texte, die mit einer etwas "altertümlichen" Sprache geschrieben sind, ich selbst verfasse viele meiner Texte so.

Allerdings sind doch einige Sätze viel zu verschachtelt, da muss ich mich @Rob F anschließen. Ich kenne das von mir selbst, man möchte mit "Worten ein Gemälde malen", aber darunter leidet dann etwas die Lesbarkeit. Vor allem kommt man schwer in die Geschichte rein, wenn man fast unmitttelbar mit den Innenansichten und beinahe schon philosophischen Gedanken des Protagonisten konfrontiert ist. Z.B. "philosophierst" du schon im dritten oder vierten Satz über die Hoffnung. Es macht vielleicht Sinn, im ersten Abschnitt hauptsächlich die Szene, den Handlungsort der Geschichte, die Situation, in der sich der Protagonist befindet, zu beschreiben, um den Leser erstmal spannungsmäßig in die Geschichte reinzuziehen, und dann nach und nach steigernd in die Gedankenwelt überzugehen. Ich persönlich finde es ein bisschen als Spannungskiller, gleich mit "schwerer Kost" einzusteigen.

Ansonsten finde ich einige Formulierungen und Wortbilder unpassend bzw. nicht so gut gelungen, z.B.:

furchtbar eindeutigen Gegenwart
Was soll eine eindeutige Gegenwart sein?
elende Wiege
Boot = Wiege? Ich weiss nicht...
aber auch innerlich schwangen wir hin und her zwischen gleichsam hohlen Regungen, deren, und darin lag der eigentliche Stillstand, Mittelpunkt unveränderlich unsere primitive, unförmige Hoffnung blieb.
Sehr "schwerer Satz" ;-) unförmige Hoffnung, finde ich auch nicht so gut
während wir zu seinen dampfenden Füßen
Du meinst den Hunger, nicht? Wieso hat der Hunger dampfende Füße?

Das nur einige Beispiele, du bringst so viele Wortbilder, dass ich nicht auf jedes einzelne eingehen kann.

Der Satz mit den 106 Wörtern geht natürlich nicht :-) Den musst du splitten.
Auch der hier:

Ununterbrochen tropfte das Leben, das nur kurz zuvor noch ihre Augen aufgeschlagen hatte, das sie zu mir getragen hatte, das sie meine Stirn hat küssen lassen und sie dazu getrieben hatte, mich zu streicheln, sich zu meinen Füßen zu legen und zu behaupten, die Welt könne nicht schlecht sein, solange wir einander doch hätten, ununterbrochen tropfte es von meinen Fingern, dieses elende Leben, dieses kostbare Leben und ich erbrach das wenige davon, das ich verschlungen hatte in die verzerrte Fratze, die das Meer aus mir machte.
Viel zu lang, da verliert man den Faden.

Insgesamt eine gute Idee, und dir gelingt es, eine unheimliche, bedrückende Atmosphäre zu schaffen. An den Wechseln zwischen "Gedankenwelt" und "physischer Beschreibung des Situation" würde ich noch ein wenig feilen, manchmal kommen sie sehr abrupt. Ich denke: Ah, endlich geht es in der Geschichte mal weiter nach diesen "schweren Gedanken", und plötzlich ist man wieder in den Gedanken :-) Keine Verschnaufpause :-) Ich finde die Geschichte ein wenig zu überladen mit den Gedanken des Protagonisten.

Dennoch eine spannende Kurzgeschichte in der du beweist, dass du gut mit Sprache "spielen" kannst.

Gruß Philipp

 

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