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Novemberregen

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Novemberregen

Ich bewegte mich in völliger Dunkelheit, um mich herum ein bedrohliches Rauschen. Mit der linken Hand ertastete ich den Ziegelstein, mit der rechten verteilte ich schleimigen Mörtel auf der rauen Oberfläche. Hatte ich zu viel Wasser hineingemischt? Würde sie trotzdem halten? Schweiß rann mir die Stirn hinab, als ich einen weiteren Stein auf die Mauer hievte, die sich direkt vor der Wand meiner ehemaligen Speisekammer befand. Plötzlich schwoll das Rauschen an, erhob sich zu einem Tosen. Ich zuckte zusammen. Der Ziegelstein entglitt mir, zerbarst auf dem Boden. Zitternd ging ich in die Hocke und brach in Tränen aus.

Zum ersten Mal war er im Oktober gefallen, an einem düsteren Herbsttag. Damals quälte sich ein kühler Wind durch die Straßen und schleppte ihn in jeden Winkel der Stadt. Noch am selben Abend warnten sie im Fernsehen vor ihm. Der Regen sei stark ätzend, sagten die Nachrichtensprecher, schon nach kurzem Kontakt tödlich. Eine saure Flüssigkeit, die Fleisch in Sekunden zersetzte und kaum Überlebenschancen ließ. Zunächst waren ihre Mienen ernst, danach routiniert, am Ende betont zuversichtlich. Es würde wohl bald aufhören und man würde alles wiederaufbauen, genauso wie es einmal gewesen war. Ein aufgesetztes Lächeln. Dann fiel das Bild aus, der Kontakt brach ab. Inzwischen war es November und der Regen fiel noch immer.

Mein Rücken schmerzte vor Anstrengung, doch die Mauer war fertig. Ich saß auf dem kalten Fliesenboden und starrte in die Finsternis, dahin wo ich meine Konstruktion vermutete. Einst hatte sich dieser Raum in der Mitte meines Hauses befunden, doch nun war nur er geblieben. Zuerst hatte sich der Regen das Dach geholt, dann die Obergeschosse und die äußeren Räume des Erdgeschosses. Nur der Rückzug war mir geblieben, in jene fensterlose Kammer, deren Wände und Decke das Einzige waren, das noch zwischen mir und dem Draußen stand. Ich lauschte, wie der Regen auf die Außenwelt prasselte. Manchmal klang es schwächer, dann wieder stärker, doch es hörte niemals auf. Mir schien, als sammelte er sich in den ruhigeren Momenten, nur um sich im nächsten Augenblick noch heftiger auf mich niederzustürzen.

Ich öffnete eine Konserve und schüttete den Inhalt nach und nach in meinen Mund. Die Dunkelheit machte es unmöglich zu lesen, was sie enthielt, doch als ihr Inhalt meine Lippen berührte, musste ich lächeln. Linseneintopf. Damals, vor dem Regen, als Anne und ich frisch in dieses Haus gezogen waren, hatten wir uns wochenlang aus solchen Dosen ernährt. Der Eintopf hatte schon damals furchtbar geschmeckt, doch wir hatten das Beste daraus gemacht. Ich musste an ihr Lachen denken, bei dem ihr ganzes Gesicht strahlte, bei dem sich Falten unter ihren Augen bildeten. Ich knallte die leere Konserve auf den Boden, um die Gedanken durch den lauten Aufschlag zu vertreiben. Dann legte ich mich auf die modrige Matratze, die sich auf meinen Steinvorräten befand. Die Erinnerungen an meine Frau kämpften sich immer wieder hoch, doch ich versuchte mich gegen sie zu wehren, mich auf andere Dinge zu konzentrieren.
„Wenn die Niederschlagsmenge pro Stunde 15 bis 25 Millimeter beträgt, dann fallen pro Minute 0,25 bis 0,42 Millimeter, also 0,0042 bis 0,007 Millimeter pro Sekunde.“
„0,007, 0,014, 0,021, 0,028, …“
In solchen Situationen blieb mir nur das Rechnen. Ein Akt gefühlskalter Konzentration, eine Hoffnung auf etwas Schlaf.

Ich wählte die Nummer ihres Handys. Ein vergeblicher Versuch, denn der Anruf kam nicht durch. Plötzlich sah ich ihren silbernen Toyota auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhalten. Wusste sie schon von dem Regen? Ich hämmerte gegen die Scheibe, doch sie hörte es nicht, also riss ich das Fenster auf und schrie. Doch es war schon zu spät, denn sie öffnete die Fahrertür und stieg aus dem Wagen. Für eine Sekunde stand sie da und sah mich verdutzt an. Ich brüllte mit einer Kraft, die sich aus reiner Verzweiflung speiste.
„Zurück ins Auto!“
Ihre Augen weiteten sich unnatürlich, ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. Die blonden Haare fielen auf den Boden. Begriff sie, was passierte? Jedenfalls begann sie in Richtung Haus zu rennen. Ihr Gesicht war eine glatte Fläche aus dunklem Rot. Ich stand nur da, unfähig mich zu bewegen, sah zu, wie sie mit jedem Schritt weniger wurde. Auf der anderen Straßenseite befand sich die rettende Haustür. Sie hatte sie niemals erreicht.

Als ich erwachte, hörte ich den Regen. Das unaufhörliche Prasseln, das den kurzen Moment der Hoffnung, indem ich dachte, dies alles könnte nur ein Traum gewesen sein, vernichtete. Unter den unbarmherzigen Einschlägen der Regentropfen wurde jedes Aufwachen zur Enttäuschung. Ich lag noch eine Weile auf der Matratze und presste das Gesicht in das schweißnasse Kopfkissen, doch mein Körper ließ mich nicht mehr schlafen. Also richtete ich mich auf und betrachtete die frisch errichtete Mauer. Sie war schief und voller Lücken, durch die der Regen einfallen konnte. Der Anblick war wie ein Schlag in den Magen, denn dieses Konstrukt würde mich nicht vor ihm schützen. Erst dann begriff ich, dass ich etwas sehen konnte. Durch kleine Löcher in der Zimmerwand drang schwaches Licht. Fahle Strahlen, die sich durch die Finsternis kämpften. Ein chemischer Gestank brannte mir in der Nase. Wie er mir bis dahin entgangen war, blieb mir unerklärlich. Ich sprang auf und warf meine Matratze beiseite, um meine Steinvorräte freizulegen. Ein Energieschub durchflutete meinen Körper. Der Regen würde mich nicht bekommen. Niemals! Er prasselte so laut wie noch nie. Ich hörte jeden einzelnen Tropfen in der Wand einschlagen, spürte, wie er sich weiter zu mir durchfraß. Unaufhörlich. Er wurde nicht müde, brauchte keine Pause, sondern existierte einzig und allein, um mich zu vernichten. Und doch würde ich mich ihm nicht ergeben. Vielleicht war ich der letzte Mensch auf Erden, vielleicht war ich der Letzte, der ihm noch entgegentreten konnte. Ich rührte hektisch den Mörtel an. Dann setzte ich Stein an Stein, mauerte solange, bis keine Materialien mehr übrig waren.

Schweiß stand mir im Gesicht und ich atmete schwer, als ich die letzte Wand hochzog. Meine Matratze lehnte nun aufrecht hinter mir. Der Raum endete nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht. Ich hatte eine meterdicke Barriere erschaffen, doch der Preis dafür war hoch, denn mir blieb kaum noch Platz für mich selbst. Es war mir nicht einmal mehr möglich, mich zu setzen. Natürlich war mir klar gewesen, dass ich meine Bewegungsfreiheit einschränkte, aber zu welchem Ausmaß, hatte die Dunkelheit, die nach der ersten Steinschicht eingebrochen war, vor mir verborgen. Schon bald schmerzten meine Beine vom Stehen und ich versuchte mich von meinen Knien tragen zu lassen, die ich dafür gegen die Wand presste. Für einen kurzen Moment verschaffte dies eine Linderung, doch nur solange, bis auch sie nicht mehr konnten. Der Kraftakt des Mauerbaus hatte mich völlig energielos zurückgelassen. Immer wieder nickte ich kurz ein, nur um vom brennenden Schmerz in meinen Beinen aufgeweckt zu werden. Die Luft in meiner Kammer wurde immer stickiger und schwerer. Ich fühlte mich, als ob ich lebendig begraben worden war, über mir Tonnen von Stein und Erde. Mein Atem wurde schneller, ich schnaufte heftig. So sehr ich mich auch hin und her wand, es war unmöglich eine andere Haltung zu finden. Meine Knie drohten zu zerbrechen.
„Ruhig bleiben, ruhig, ruhig, ruhig.“
Ich brauchte klare Gedanken. Das Bild von der lückenhaften Wand vom heutigen Morgen kam mir in den Sinn. Löcher! In völliger Dunkelheit tastete ich die Mauer ab, doch fand nichts. Schwachstellen? Ich tastete weiter. Meine Bewegungen wurden hektischer.
„Nein, nein, nein.“
Da war nichts. Keine Lücke, kein Loch, keine Schwachstelle. Diese Mauer war mein Meisterstück. Tränen liefen mir die Wange hinunter. Nun blieb nur noch die Verzweiflung. Sie packte mich mit eiskalten Fingern. Schieben. Schieben. Es blieb nur die Mauer wegzuschieben. Ich legte meine ganze Kraft in die Arme und drückte. Sie zitterten vor Anstrengung, doch versagten. Ich war verloren. Begraben. Am Ende.
„Verdammt!“
Ein letztes Aufbäumen meines Willens, ein letzter Schrei, den die Schwärze verschluckte. Nichts. Nichts um mich herum reagierte darauf. Nur er antwortete mit jenem unnachgiebigen Rauschen. Der Regen. Hoffnung flammte in mir auf. Vielleicht würde er die Mauer zersetzen. Vielleicht würde er mich retten.
„Komm! Komm her! Befreie mich!“, schrie ich ihm entgegen.
Das Rauschen wurde leiser. Ein Schleier totaler Ruhe legte sich um mich. Die Luft fühlte sich in meinen Lungen an wie warmes Wasser. Meine Augenlider wurden schwer, ein Kampf gegen ihr Gewicht war aussichtslos. Sie fielen zu, umschlossen mich vollständig. Das gemächliche Prasseln draußen lud mich zum Ausruhen ein. Ich war so müde.
 
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Hi @Klamm

Dein Name passt zu deiner Geschichte, ich fühlte mich während dem Lesen auch etwas klamm. Das soll aber nichts Schlechtes bedeuten. Mir hat die Idee gefallen, die Du hier verarbeitet hast. Jemand mauert sich selbst ein, weil er von einem sauren Regen bedroht wird. Das hat was. Allerdings führt es nicht wirklich irgendwo hin, das Ende fand ich etwas schwach. Das er sich selbst eingemauert hat, war cool, auch das sein Feind zu seinem vermeintlichen Erlöser wird, aber das er am Schluss einfach einschläft? Mmmh, weiss nicht, hatte mir irgendwie doch etwas mehr erhofft für das Finale. Ich finde, deshalb bietet die Geschichte ingesamt für ihre Länge etwas zu wenig. Machen wir uns mal auf den Weg:

Ich bewegte mich in völliger Dunkelheit, um mich herum ein bedrohliches Rauschen. Mit der linken Hand ertastete ich den Ziegelstein, mit der rechten verteilte ich schleimigen Mörtel auf der rauen Oberfläche. Hatte ich zu viel Wasser hineingemischt? Würde sie trotzdem halten? Schweiß rann mir die Stirn hinab, als ich einen weiteren Stein auf die Mauer hievte, die sich direkt vor der Wand meiner ehemaligen Speisekammer befand. Plötzlich schwoll das Rauschen an, erhob sich zu einem Tosen. Ich zuckte zusammen. Der Ziegelstein entglitt mir, zerbarst auf dem Boden. Zitternd ging ich in die Hocke und brach in Tränen aus.
Ich fragte mich sogleich, ob es wirklich möglich ist, in vollkommener Finsternis eine Mauer zu konstruieren? Kommt die nicht völlig schief raus? Ich kenne mich auf dem Gebiet nicht aus, bin kein Maurer, trotzdem glaube ich zu wissen, dass selbst bei hellem Tageslicht das Maurerhandwerk seine Tücken hat. Dann habe ich mich noch etwas an dem "schleimigen" Mörtel gestört. Ich weiss nicht, ob "schleimig" wirklich passt. Andererseits hat er wohl zuviel Wasser beigemischt, von daher ist das, denke ich, schon okay. Aber hält die Mauer dann auch? Wieso aber mauert er überhaupt Wände und baut sich nicht ein stabiles Dach? Der Regen kommt doch von oben, oder? Für mich klingt das nicht ganz sinvoll, wenn er die Mauer um sich herum baut, weil er eben m.M.n. auf ein verstärktes Dach seinen Fokus legen sollte ...

Zum ersten Mal war er im Oktober gefallen, an einem düsteren Herbsttag. Damals quälte sich ein kühler Wind durch die Straßen und schleppte ihn in jeden Winkel der Stadt. Noch am selben Abend warnten sie im Fernsehen vor ihm. Der Regen sei stark ätzend, sagten die Nachrichtensprecher, schon nach kurzem Kontakt tödlich. Eine saure Flüssigkeit, die Fleisch in Sekunden zersetzte und einem Benetzten kaum Überlebenschancen ließ. Zunächst waren ihre Mienen ernst, danach routiniert, am Ende betont zuversichtlich. Es würde wohl bald aufhören und man würde alles wiederaufbauen, genauso wie es einmal gewesen war. Ein aufgesetztes Lächeln. Dann fiel das Bild aus, der Kontakt brach ab. Inzwischen war es November und der Regen fiel noch immer.
Dieser Abschnitt gefällt mir. Mich störten aber die beiden unterstrichenen Stellen. Ich denke, "Benetzten" könntest Du auch einfach weglassen, es klingt etwas seltsam. Dann die zweite Stelle: "genauso wie es einmal gewesen war" ist etwas gar vereinfacht und könnte hier stärker akzentuiert werden. Vielleicht so: Es würde wohl bald aufhören und man würde alles wiederaufbauen, den Menschen die Stadt in ihrer alten Pracht zurückgeben. Naja, oder halt so was ähnliches ... ;) Dann noch: Kann sich der Wind durch die Strassen "quälen"? Das habe ich so noch nie gehört, auch wenn mir die Ausdrucksweise an sich eigentlich nicht schlecht gefällt ...

Mein Rücken schmerzte vor Anstrengung, doch die Mauer war fertig. Ich saß auf dem kalten Fliesenboden und starrte in die Finsternis, dahin wo ich meinen Bau vermutete.
Was für ein Bau ist hier gemeint? Seine Konstruktion, also die Wand? Oder ist mit Bau seine alte Behausung gemeint?

Einst hatte sich dieser Raum in der Mitte meines Hauses befunden, doch nun war nur noch er geblieben.
Ist zwar ein Füllwort, trotzdem würde ich hier ein "noch" einfügen, der Satz klingt dann runder, finde ich.

Mir schien, als sammelte er sich in den ruhigeren Momenten, nur um sich im nächsten Augenblick noch heftiger auf mich niederzustürzen.
Das gefällt mir. Würde nur eine kleine Umstellung vornehmen. Also das "nur" einfach nach das Komma veschieben. Liest sich besser.

Ich öffnete eine Konserve und schüttete den Inhalt nach und nach in meinen Mund. Die Dunkelheit machte es unmöglich zu lesen, was sie enthielt, doch als ihr Inhalt meine Lippen berührte[,] musste ich lächeln.
Komma vergessen.

Dann legte ich mich auf die modrige Matratze, die sich auf meinen Vorräten befand.
Befinden sich diese Vorräte in Vorratskisten? Ansonsten fände ich diese Stelle etwas komisch, weil er würde ja sonst seine Lebensgrundlage zerdrücken ...

In solchen Situationen blieb mir nur das Rechnen. Ein Akt gefühlskalter Konzentration, eine Hoffnung auf etwas Schlaf.
Auch hier: Gefällt mir gut!

Ich brüllte mit einer Kraft, die nur Verzweiflung meinen Stimmbändern ermöglichen konnte.
Klingt etwas gestelzt. Vielleicht: Ich brüllte mit der Kraft der Verzweiflung.

Ihre Augen weiteten sich unnatürlich, ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. Die blonden Haare fielen auf den Boden. Begriff sie was passierte? Jedenfalls begann sie in Richtung Haus zu rennen. Ihr Gesicht war eine glatte Fläche aus dunklem Rot. Ich stand nur da, unfähig mich zu bewegen, sah zu, wie sie mit jedem Schritt weniger wurde. Auf der anderen Straßenseite befand sich die rettende Haustür. Sie hatte sie niemals erreicht.
Die Stelle musste ich mindestens zweimal lesen. Also theoretisch ist sie nicht schwierig zu verstehen, aber vor allem der zweite Satz irritierte mich. Sie rennt auf die Haustür zu und ihr Körper wird unterwegs vom Regen aufgelöst, ich denke, dass ist es, was Du hier ausdrücken willst, richtig? Auch die Stelle "wie sie mit jedem Schritt weniger wurde", finde ich nicht so ganz gelungen. Das ist zu abstrakt. Könntest Du hier nicht ein etwas schärferes Bild zeichnen? Es muss ja nicht gleich so drastisch sein, dass ihre Haut aufplatzt oder sie Körperteile verliert ... Auch wenn ich persönlich nichts dagegen hätte :lol:

Als ich erwachte, hörte ich den Regen.
Ich dachte erst, der vorhergehende Abschnitt sei eine Rückblende. Aber offenbar war es ein Traum? Oder war es gar beides zusammen? Denn danach schreibst Du:

Das unaufhörliche Prasseln, das den kurzen Moment der Hoffnung, indem ich dachte, dies alles könnte nur ein Traum gewesen sein, vernichtete.
Zu umständlich formuliert. Vorschlag: Ich dachte, dies alles könnte nur ein Traum gewesen sein. Das unaufhörliche Prasseln jedoch vernichtete den kurzen Moment der Hoffnung.

Ich lag noch eine Weile auf der Matratze und presste das Gesicht in das schweißnasse Kopfkissen, doch mein Körper ließ mich nicht mehr schlafen.
Wieso? Was ist mit seinem Körper?

Also richtete ich mich auf und betrachtete die frisch errichtete Mauer.
Ich nahm bis hierhin an, dass es stockdunkel ist. Die Geschichte beginnt ja auch genau mit dieser Aussage. Wie kann er plötzlich etwas erkennen?

Sie war schief und voller Lücken, durch die der Regen einfallen konnte.
Aha, hat er eben doch schief gemauert ;) Hier frage ich mich, wieso die Lücken so schlimm sind, m.M.n. kommt der Regen immer noch von oben. Klar, bei starkem Wind ist das was anderes, aber der Wind pfeifft ja nicht durch die Lücken, von daher ...

Erst dann begriff ich, dass ich etwas sehen konnte.
Mmmh, okay, jetzt erst schreibst Du, dass er etwas sehen kann. Würde ich vorziehen, den der Leser weiss es schon vor dem Prota und das ist nicht so geschickt und führt m.M.n. zu Verwirrung.

Wie er mir bis dahin entgangen war, blieb mir unerklärlich.
Vorschlag: Wie er mir bis dahin hatte entgehen können, blieb mir unerklärlich.

Ich sprang auf und warf meine Matratze beiseite, um meine Steinvorräte freizulegen.
Vorher lag die Matratze noch auf seinen Vorräten (also ich dachte an Essen) und jetzt plötzlich sind da die Mauersteine? Oder meintest Du mit Vorräten ebenfalls die Steine?

Ein Energieschub durchflutete meinen Körper. Der Regen würde mich nicht bekommen. Niemals. Er prasselte so laut wie noch nie. Ich hörte jeden einzelnen Tropfen in der Wand einschlagen, spürte, wie er sich weiter zu mir durchfraß. Unaufhörlich. Er wurde nicht müde, brauchte keine Pause, sondern existierte einzig und allein, um mich zu vernichten. Und doch würde ich mich ihm nicht ergeben. Vielleicht war ich der letzte Mensch auf Erden, vielleicht war ich der Letzte, der ihm noch entgegentreten konnte. Ich rührte hektisch den Mörtel an. Dann setzte ich Stein an Stein, mauerte solange, bis keine Materialien mehr übrig waren.
Woher der plötzliche Energieschub? Von wo zieht er seine Kraft? Der Regen scheint ihm ja eigentlich noch mehr zuzusetzen als sonst. Nach "Niemals" könntest Du ein Ausrufezeichen setzen, damit es stärker betont wird.

Schweiß stand mir im Gesicht und ich atmete schwer, als ich die letzte Wand hochzog. Meine Matratze stand nun aufrecht hinter mir.
Wortwiederholung.

Natürlich war mir klar gewesen, dass ich meine Bewegungsfreiheit einschränkte, aber zu welchem Ausmaß, hatte die Dunkelheit, die nach der ersten Steinschicht eingebrochen war, vor mir verborgen.
Ich bin mir sicher, dass hätte er doch früher bemerken müssen? Klingt nicht ganz logisch. Offensichtlich hat er ja praktisch GAR KEINEN Platz mehr. Ich finde, während dem Arbeiten hätte ihm das schon auffallen müssen, dass er kaum mehr Bewegungsspielraum hat.

Der Kraftakt, der der Bau der Mauer für mich gewesen war, hatte mich völlig energielos zurückgelassen.
Etwas viel "der" ;) Und es holpert auch sonst ein wenig. Versimplifizieren. Vorschlag: Der Bau der Mauer war ein Kraftakt gewesen und liess mich völlig energielos zurück.

Meine Knie drohten zu zerbrechen.
Da muss aber ein grosser Druck auf den Knien lasten. Vielleicht: Meine Knie drohten einzuknicken.

Nun blieb nur noch die Verzweiflung. Sie packte mich mit eiskalten Fingern.
Weiss nicht so genau, ob hier "eiskalte Finger" wirklich passt ... Das würde ich eher mit Angst in Verbindung bringen, nicht mit Verzweiflung.

Ein letztes Aufbäumen meines Willens, ein letzter Schrei, den die Schwärze verschluckte. Nichts. Nichts um mich herum reagierte darauf.
Dein Einwortsatz würde ich rausstreichen. Erwartet er denn, dass irgendjemand oder irgendetwas auf seinen Schrei reagieren sollte? ;)

Nur er antwortete mit jenem unnachgiebigen Rauschen. Der Regen.
Würde ich kombinieren: Nur der Regen antwortete mit seinem unnachgiebigen Rauschen.

Hoffnung flammte in mir auf. Vielleicht würde er die Mauer zersetzen. Vielleicht würde er mich retten. Der, der mir einst das Wichtigste genommen hatte, würde er mich erlösen?
„Komm! Komm her! Befreie mich!“, schrie ich ihm entgegen.
Ich finde, die Geschichte könnte auch schon hier aufhören. Es wäre m.M.n. das bessere Ende.

Die Luft fühlte sich in meinen Lungen an wie warmes Wasser.
Das Bild geht nicht ganz auf. Oder erstickt er hier?

Meine Augenlider wurden schwer, ein Kampf gegen ihr Gewicht war aussichtslos. Sie fielen zu, umschlossen mich vollständig.
Die Augenlider umschlossen ihn vollständig? Ich denke, Du merkst selbst, das hier etwas nicht stimmen kann ...

Das war's. Ich habe deinen Text gerne gelesen und wurde trotz meiner Kritikpunkte soweit gut unterhalten. Danke dafür!

Regnerische Grüsse,
DM
 
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Hallo @Klamm

ein paar Gedanken zu einem mMn sehr bemerkenswerten Debüttext hier im Forum. Warum sage ich das? Weil ich finde, dass die Geschichte ein literarisches Bild aufbaut, das mehrere Bedutungsebenen zulässt, die Verletzlichkeit des Menschen zeigt, aber auch den Mut, einen letzten Kampf zu führen, auch wenn er womöglich zu nichts führt.
Sprachlich passt die Form recht gut zum Inhalt.


Zunächst waren ihre Mienen ernst, danach routiniert, am Ende betont zuversichtlich. Es würde wohl bald aufhören und man würde alles wiederaufbauen, genauso wie es einmal gewesen war. Ein aufgesetztes Lächeln. Dann fiel das Bild aus, der Kontakt brach ab. Inzwischen war es November und der Regen fiel noch immer.
mm, hier stellt sich mir die Frage, wie realistisch, bzw. nachvollziehbar die Szenerie ist. Klingt für mich zu nahe an Katastrophenfilmen: irgendeine Umweltkatastrophe bricht aus, das Gebiet wird isoliert und Alleingelasse, ist mir zu gängig.

Zuerst hatte sich der Regen das Dach geholt, dann das Obergeschoss und die äußeren Räume des Erdgeschosses.
Ja, okay, aber warum sollten dann die Mauer halten?

Ich wählte die Nummer ihres Handys. Ein vergeblicher Versuch, denn der Anruf kam nicht durch. Plötzlich sah ich ihren silbernen Toyota auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhalten. Wusste sie schon von dem Regen?
Handy funktioniert, echt?

Ein letztes Aufbäumen meines Willens, ein letzter Schrei, den die Schwärze verschluckte. Nichts. Nichts um mich herum reagierte darauf. Nur er antwortete mit jenem unnachgiebigen Rauschen. Der Regen. Hoffnung flammte in mir auf. Vielleicht würde er die Mauer zersetzen. Vielleicht würde er mich retten. Der, der mir einst das Wichtigste genommen hatte, würde er mich erlösen?
klingt sehr pathetisch, fast schon verkitscht, da könntest du was rausnehmen.

Meine Augenlider wurden schwer, ein Kampf gegen ihr Gewicht war aussichtslos. Sie fielen zu, umschlossen mich vollständig. Das gemächliche Prasseln draußen lud mich zum Ausruhen ein. Ich war so müde.
starker Schluss!

Wäre super, wenn du an dem einen oder anderen Punkt feilst, wird sich lohnen.
Ja, richtig guter Text, freue mich mehr von dir zu lesen.
Willkommen hier

Novemberabendgrüße
Isegrims
 
Monster-WG
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Lieber @Klamm

deine Geschichte hat mich tief berührt. Sie ist düster, beklemmend und aufwühlend. Du schreibst flüssig und ich bin immer nahe bei Deinem Protagonisten.

Hier ein paar Anmerkungen:

Zuerst hatte sich der Regen das Dach geholt, dann das Obergeschoss und die äußeren Räume des Erdgeschosses.

Total unheimlich. Ich leide mit!

Wusste sie schon von dem Regen? Ich hämmerte gegen die Scheibe, doch sie hörte es nicht, also riss ich das Fenster auf und schrie.

Da habe ich mich gefragt, warum sie das nicht weiß. Es kam ja in den Nachrichten. Selbst wenn sie in einem anderen Land leben würde, solche News laufen doch weltweit.

Ihre Augen weiteten sich unnatürlich, ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. Die blonden Haare fielen auf den Boden. Begriff sie, was passierte?

Nach sie kommt glaube ich ein Komma.

Da war nichts. Keine Lücke, kein Loch, keine Schwachstelle. Diese Mauer war mein Meisterstück. Tränen liefen mir die Wange hinunter. Nun blieb nur noch die Verzweiflung.

Die verzweifelte Lage nimmt mich total mit. Er versucht alles, um sich vor dem Regen zu schützen und dann sehnt er ihn sich als Retter herbei. Echt krass Deine Story.

Liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita
 
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08.11.2020
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Hallo @DissoziativesMedium,

vielen Dank für deinen sehr detailreichen Kommentar. Einige Sachen scheinen nicht ganz so rübergekommen zu sein, wie ich das geplant hatte. Das Ende soll beispielsweise auf einen Erstickungstod hindeuten. Umso mehr freut es mich, dass dir die Geschichte trotzdem gefallen hat und dass du sie gerne gelesen hast, was ja am Ende vermutlich das Wichtigste ist.


Ich fragte mich sogleich, ob es wirklich möglich ist, in vollkommener Finsternis eine Mauer zu konstruieren? Kommt die nicht völlig schief raus? Ich kenne mich auf dem Gebiet nicht aus, bin kein Maurer, trotzdem glaube ich zu wissen, dass selbst bei hellem Tageslicht das Maurerhandwerk seine Tücken hat. Dann habe ich mich noch etwas an dem "schleimigen" Mörtel gestört. Ich weiss nicht, ob "schleimig" wirklich passt. Andererseits hat er wohl zuviel Wasser beigemischt, von daher ist das, denke ich, schon okay. Aber hält die Mauer dann auch? Wieso aber mauert er überhaupt Wände und baut sich nicht ein stabiles Dach? Der Regen kommt doch von oben, oder? Für mich klingt das nicht ganz sinvoll, wenn er die Mauer um sich herum baut, weil er eben m.M.n. auf ein verstärktes Dach seinen Fokus legen sollte ...
Ich finde es sehr hilfreich, dass du deine Gedankengänge so genau darlegst. So kann ich gut nachvollziehen, was die Geschichte so alles ausgelöst hat. Die Frage, ob man eine Mauer im Dunkeln konstruieren kann und ob sie trotz schleimigem Mörtel hält, beantwortet sich dann ja weiter unten. Im besten Falle, könnte diese Fragestellung ja dazu führen, dass der Leser Interesse entwickelt und deshalb weiterlesen möchte. Weiß nicht, ob das klappt oder ob es eher aus dem Text herauswirft.
Der Einwand mit dem Dach macht schon Sinn, da hatte ich auch drüber nachgedacht. Am Ende habe ich mich für die Wand entschieden, weil ich es irgendwie unglaubwürdig finde, dass ein Laie im Dunkeln einfach mal so eine neue Decke baut. Außerdem bräuchte man dafür spezielle Werkzeuge, denke ich. Vielleicht könnte ich das umgehen, in dem ich schreibe, dass das Haus indem er wohnt einmal viele Stockwerke hatte.


Dieser Abschnitt gefällt mir. Mich störten aber die beiden unterstrichenen Stellen. Ich denke, "Benetzten" könntest Du auch einfach weglassen, es klingt etwas seltsam. Dann die zweite Stelle: "genauso wie es einmal gewesen war" ist etwas gar vereinfacht und könnte hier stärker akzentuiert werden. Vielleicht so: Es würde wohl bald aufhören und man würde alles wiederaufbauen, den Menschen die Stadt in ihrer alten Pracht zurückgeben. Naja, oder halt so was ähnliches ... ;) Dann noch: Kann sich der Wind durch die Strassen "quälen"? Das habe ich so noch nie gehört, auch wenn mir die Ausdrucksweise an sich eigentlich nicht schlecht gefällt ...
Benetzt werde ich tatsächlich rausstreichen. Das Wort fällt ein bisschen raus, da hast du recht.

Dein vorgeschlagener Satz passt nicht so ganz in die Situation rein, finde ich. Ich denke, dass ein Nachrichtensprecher nicht das Wort Pracht benutzen würde. Muss nochmal drüber nachdenken, ob ich meinen Satz verändere.


Was für ein Bau ist hier gemeint? Seine Konstruktion, also die Wand? Oder ist mit Bau seine alte Behausung gemeint?
Der Begriff Bau ist hier etwas doppeldeutig, ja. Die Wand ist hiermit gemeint. Ich ersetze das mal mit "Konstruktion".


Das gefällt mir. Würde nur eine kleine Umstellung vornehmen. Also das "nur" einfach nach das Komma veschieben. Liest sich besser.
Komma vergessen.
Übernehme ich beides so.


Befinden sich diese Vorräte in Vorratskisten? Ansonsten fände ich diese Stelle etwas komisch, weil er würde ja sonst seine Lebensgrundlage zerdrücken ...
Das sollen die Steine sein. Ich hatte ursprünglich das Wort "Ziegelsteinvorräte" drinnen, fand das dann aber so sperrig, dass ich es gekürzt habe. =D Ich entscheide mich für die goldene Mitte und nehme "Steinvorräte"


Klingt etwas gestelzt. Vielleicht: Ich brüllte mit der Kraft der Verzweiflung.
Auch hier hast du recht. Ich verändere den Satz etwas.


Die Stelle musste ich mindestens zweimal lesen. Also theoretisch ist sie nicht schwierig zu verstehen, aber vor allem der zweite Satz irritierte mich. Sie rennt auf die Haustür zu und ihr Körper wird unterwegs vom Regen aufgelöst, ich denke, dass ist es, was Du hier ausdrücken willst, richtig? Auch die Stelle "wie sie mit jedem Schritt weniger wurde", finde ich nicht so ganz gelungen. Das ist zu abstrakt. Könntest Du hier nicht ein etwas schärferes Bild zeichnen? Es muss ja nicht gleich so drastisch sein, dass ihre Haut aufplatzt oder sie Körperteile verliert ... Auch wenn ich persönlich nichts dagegen hätte
Hmm, gerade diese abstrakte Beschreibung gefällt mir eigentlich ganz gut. Ich denke da haben wir beide einfach unterschiedliche Geschmäcker. Es ist ja ein Traum des Protagonisten und ich denke, dass ein "schärferes" Bild da nicht so ganz reinpassen würde.


Ich dachte erst, der vorhergehende Abschnitt sei eine Rückblende. Aber offenbar war es ein Traum? Oder war es gar beides zusammen? Denn danach schreibst Du:
Es soll ein Traum sein, der aber wirklich passiert ist. Die Idee dahinter ist, dass der Protagonist von dieser Begebenheit traumatisiert ist und sie ihn in den Träumen verfolgt. Vielleicht müsste ich das irgendwo klarer machen. Hmm.


Wortwiederholung.
Wird geändert.


Etwas viel "der" ;) Und es holpert auch sonst ein wenig. Versimplifizieren. Vorschlag: Der Bau der Mauer war ein Kraftakt gewesen und liess mich völlig energielos zurück.
Verändere ich auch.


Die Augenlider umschlossen ihn vollständig? Ich denke, Du merkst selbst, das hier etwas nicht stimmen kann ...
Der Text ist ja aus der Sicht eines Ich-Erzählers, deshalb geht es eher um das Gefühl, das er hat, als den tatsächlichen Vorgang. Außerdem wollte ich dieses Umschlossensein durch die Mauer in diesem Vorgang spiegeln.


Ich habe einige der Anmerkungen jetzt nicht explizit angesprochen. Über die muss ich mir nochmal Gedanken machen.

Ich danke dir nochmal vielmals für deinen Kommentar! Er war sehr aufschlussreich und hat mir weitergeholfen.

Beste Grüße
Klamm
 
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09.12.2019
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Hi @Klamm ,

eine sehr atmosphärische Erzählung, hat mir gut gefallen!

Ich finde auch das Ende gelungen, die Ironie, dass er den vernichtenden Regen als seine einzige Möglichkeit auf Rettung empfindet.

Diese Handlungsidee ist mir bisher so noch nicht untergekommen, der ätzende Regen, und jemand stirbt durch den Versuch, sich zu retten. Sieht den eigentlichen "Todbringer" als letztmöglichen Retter.

Ziemlich gute Geschichte zum Einstand hier!

Noch ein paar Details zum Text:

Ich bewegte mich in völliger Dunkelheit, um mich herum ein bedrohliches Rauschen.
Vielleicht fällt dir noch etwas detailliertes ein, wodurch das Rauschen bedrohlich wirkt?

Zum ersten Mal war er im Oktober gefallen, an einem düsteren Herbsttag.
Das Hilfsverb entfernen:
"Zum ersten mal fiel er im Oktober, an einem düsteren Herbsttag."

Dann fiel das Bild aus, der Kontakt brach ab.
Den Nebensatz könntest du streichen.

Ich saß auf dem kalten Fliesenboden und starrte in die Finsternis, dahin wo ich meine Konstruktion vermutete.
Ein Komma nach "dahin", glaube ich ...

Einst hatte sich dieser Raum in der Mitte meines Hauses befunden, doch nun war nur er geblieben.
Einst befand sich dieser Raum in der Mitte meines Hauses. Nun war nur er geblieben.

Manchmal klang es schwächer, dann wieder stärker, doch es hörte niemals auf.
Vorschlag:
"..., doch niemals hörte es auf."

Der Eintopf hatte schon damals furchtbar geschmeckt, doch wir hatten das Beste daraus gemacht.
Auch hier würde ich die Hilfsverben entfernen (schmeckte / machten)

Ich musste an ihr Lachen denken, bei dem ihr ganzes Gesicht strahlte, bei dem sich Falten unter ihren Augen bildeten. Ich knallte die leere Konserve auf den Boden, um die Gedanken durch den lauten Aufschlag zu vertreiben.
Das zweite "bei dem" könntest du streichen ; beim Satzbeginn variieren

Ich wählte die Nummer ihres Handys. Ein vergeblicher Versuch, denn der Anruf kam nicht durch.
Der erklärend Nebensatz ist inhaltlich nicht notwendig.

Plötzlich sah ich ihren silbernen Toyota auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhalten.
Vielleicht findest du einen besseren Satzbeginn als mit "Plötzlich"

Doch es war schon zu spät, denn sie öffnete die Fahrertür und stieg aus dem Wagen.
"denn" streichen

Ich wählte die Nummer ihres Handys. Ein vergeblicher Versuch, denn der Anruf kam nicht durch. Plötzlich sah ich ihren silbernen Toyota auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhalten. Wusste sie schon von dem Regen? Ich hämmerte gegen die Scheibe, doch sie hörte es nicht, also riss ich das Fenster auf und schrie. Doch es war schon zu spät, denn sie öffnete die Fahrertür und stieg aus dem Wagen. Für eine Sekunde stand sie da und sah mich verdutzt an. Ich brüllte mit einer Kraft, die sich aus reiner Verzweiflung speiste.
Satzbeginn ; diese Szene finde ich sehr gut und spannend geschrieben!

Ihre Augen weiteten sich unnatürlich, ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz.
wie weiten sich Augen denn "unnatürlich" ... ? ; "das" Gesicht

Begriff sie was passierte?
Komma nach "sie", vermute ich auch hierbei :) (bin nicht so der Komma-Experte)

Jedenfalls begann sie in Richtung Haus zu rennen.
Jedenfalls begann sie, zum Haus zu rennen.
(diese Formulierung klingt jedoch recht undramatisch, für das was ihr passiert!)

Sie hatte sie niemals erreicht.
"nicht" statt "niemals"

Das unaufhörliche Prasseln, das den kurzen Moment der Hoffnung, indem ich dachte, dies alles könnte nur ein Traum gewesen sein, vernichtete
Ziemlich verschachtelter Satz, vielleicht stattdessen in diese Richtung:
"Das unaufhörliche Prasseln zertörte den Moment der Hoffnung, in dem ich alles nur für einen Traum hielt."

Sie war schief und voller Lücken, durch die der Regen einfallen konnte.
Der erklärende Nebensatz ist nicht unbedingt notwendig.

Der Anblick war wie ein Schlag in den Magen, denn dieses Konstrukt würde mich nicht vor ihm schützen.
Auch hier, lass den Leser selbst seine Schlüsse ziehen!

Ich sprang auf und warf meine Matratze beiseite, um meine Steinvorräte freizulegen.
die Matratze / die Steinvorräte

Er wurde nicht müde, brauchte keine Pause, sondern existierte einzig und allein, um mich zu vernichten.
Er wurde nicht müde, brauchte keine Pause. Existierte einzig und allein, mich zu vernichten.

Ich hatte eine meterdicke Barriere erschaffen, doch der Preis dafür war hoch, denn mir blieb kaum noch Platz für mich selbst.
Ich hatte eine sichere Festung geschaffen, doch der Preis dafür war hoch. Totale Finsternis, kaum Platz, mich zu bewegen.

Natürlich war mir klar gewesen, dass ich meine Bewegungsfreiheit einschränkte, aber zu welchem Ausmaß, hatte die Dunkelheit, die nach der ersten Steinschicht eingebrochen war, vor mir verborgen.
"gewesen" streichen ; ich würde den Satz etwas "entschachteln"

Schon bald schmerzten meine Beine vom Stehen und ich versuchte mich von meinen Knien tragen zu lassen, die ich dafür gegen die Wand presste.
Die abscließende Infmormation ist nicht unbedingt notwendig.

Für einen kurzen Moment verschaffte dies eine Linderung, doch nur solange, bis auch sie nicht mehr konnten.
Auch hier könnten Informationen entfallen.

So sehr ich mich auch hin und her wand, es war unmöglich eine andere Haltung zu finden. Meine Knie drohten zu zerbrechen.
wandt


Nur er antwortete mit jenem unnachgiebigen Rauschen. Der Regen. Hoffnung flammte in mir auf. Vielleicht würde er die Mauer zersetzen. Vielleicht würde er mich retten.
Finde ich wie eingangs erwähnt eine sehr gute Idee, die Ironie dieser Gedanken!

Viele Grüße!
Rob
 
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Monster-WG
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Hey Klamm

Der Text kämpft ein wenig mit dem Verhältnis von Realismus und allegorischen, gleichnishaften Elementen. Du willst die Situation konsequent zuspitzen, meterdicke Mauern, schreibst du an einer Stelle, der Prot mauert sich so sehr ein, dass er sich nicht mehr bewegen kann, etc. Kann man machen, mich hat das ein wenig an die Situation erinnert, in der wir uns alle befinden, an Menschen, die an Einsamkeit sterben und nicht am Virus.

Weil du aber so konsequent zuspitzt, stellen sich dem Leser, zumindest mir, mehr und mehr technische Fragen. Weshalb eine Mauer und keine Decke? Wo zieht er diese Mauer hoch? Mitten im Raum? Weshalb verstärkt er nicht einfach die gegebenen Wände? Wie hat er das ganze Material hergebracht? Lag das einfach so im Haus herum? Und hat der Mann keine Verdauung? Also, vor allem die Sache mit der Mauer statt der Decke hat mich die ganze Geschichte über geplagt. Was ist denn das für ein Regen, der von der Seite kommt, habe ich mich gefragt. Wenn er nämlich ätzend ist und von oben fällt, dann frisst er sich doch einfach durch das Dach und die Decken der Geschosse.
Am Ende habe ich mich für die Wand entschieden, weil ich es irgendwie unglaubwürdig finde, dass ein Laie im Dunkeln einfach mal so eine neue Decke baut.
Die Unglaubwürdigkeit, die du dir mit deiner Entscheidung einhandelst, ist in meinen Augen wesentlich grösser.

Ich fand den Text sehr solide erzählt, leider aber nicht besonders atmosphärisch, mir fehlte da ein wenig die konkrete Sinnlichkeit. Du fokussierst vor allem auf innere Zustände und greifst häufig auf Standardformulierungen zurück, schneller Atem, Schweiss auf der Stirn, ganze Kraft, brennender Schmerz, Tränen über die Wange, ein Gefühl, als wäre er lebendig begraben. Auch die Umwelt: Ein bedrohliches Rauschen, die Luft stickig und schwer, ein fahler Lichtstrahl. Ich hätte mir das an der einen oder anderen Stellen spezifischer, detaillierter gewünscht, sodass ich nicht das Gefühl gehabt hätte, Altbekanntes zu lesen.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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So, nun weiter mit den Antworten. Sorry, wenn ich etwas länger brauchen sollte, ich bin neu im auf-Kommentare-zu-Kurzgeschichten-antworten-Business.

Hallo @Isegrims

Erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar und die netten Worte.

mm, hier stellt sich mir die Frage, wie realistisch, bzw. nachvollziehbar die Szenerie ist. Klingt für mich zu nahe an Katastrophenfilmen: irgendeine Umweltkatastrophe bricht aus, das Gebiet wird isoliert und Alleingelasse, ist mir zu gängig.
Das Thema Realismus haben ja einige Kommentatoren angesprochen. Ist jetzt natürlich Auslegungssache, inwiefern eine solche Naturkatastrophe realistisch und nachvollziehbar erscheint. Zwar existiert saurer Regen, aber natürlich nicht in dieser zugespitzten Form. Ich denke auch, dass diese Stelle Parallelen zu Katastrophenfilmen aufweist. Auf der anderen Seite scheint mir das aber schon eine nachvollziehbare Reaktion der Gesellschaft auf ein solchen Problem zu sein.

Ja, okay, aber warum sollten dann die Mauer halten?
Irgendwann sind die Mauern natürlich auch weg, aber es existiert ja immer die Hoffnung, dass der Regen irgendwann aufhören könnte. Es geht darum dem Regen so lange wie möglich standzuhalten.

Handy funktioniert, echt?
Diese Anmerkung verstehe ich nicht ganz. Das Problem entsteht ja gerade dadurch, dass das Handynetz nicht mehr funktioniert. Ist vielleicht nicht ganz aus dem Text hervorgegangen, dass diese Rückblende/Traum direkt nach dem Anfang des Regens spielen soll?

klingt sehr pathetisch, fast schon verkitscht, da könntest du was rausnehmen.
Ich habe mich bei einigen Textstellen gefragt, ob sie nicht zu dick aufgetragen sind. Auf der anderen Seite ist es natürlich ein Ich-Erzähler, für den es um sein Leben geht, also ein bisschen dramatisch kann es wohl schon sein. In dem konkreten Fall hast du recht, denke ich. Da werde ich etwas rausnehmen.

starker Schluss!
Danke dafür.

Wäre super, wenn du an dem einen oder anderen Punkt feilst, wird sich lohnen.
Ich gebe mir Mühe. :) Die Kommentare sind alle sehr hilfreich dafür.



Hallo @Silvita

auch dir vielen Dank für deinen Kommentar.

deine Geschichte hat mich tief berührt. Sie ist düster, beklemmend und aufwühlend. Du schreibst flüssig und ich bin immer nahe bei Deinem Protagonisten.
Freut mich sehr, dass sie etwas in dir ausgelöst hat, auch wenn düster, beklemmend und aufwühlend vielleicht nicht der beste Start in den Tag sind. :)

Da habe ich mich gefragt, warum sie das nicht weiß. Es kam ja in den Nachrichten. Selbst wenn sie in einem anderen Land leben würde, solche News laufen doch weltweit.
Der Gedanken war, dass diese Rückblende direkt nach dem Anfang des Regens spielt. Also der Regen beginnt, nach einigen Minuten kommen Sondersendungen, aber wenn man in diesem Moment gerade keinen Zugriff auf Medien hat, weiß man noch nichts. Der genaue Zeitpunkt scheint beim Lesen nicht so ganz rüberzukommen, auch Isegrims ist über diese Stelle gestolpert. Da werde ich wohl noch etwas verändern müssen.

Nach sie kommt glaube ich ein Komma.
Das habe ich nun eingefügt. Danke für den Hinweis.

Beste Grüße und vielen Dank für die Kommentare!
Klamm
 
Mitglied
Beitritt
05.09.2020
Beiträge
45
Hi @Klamm,

ich habe deine Geschichte gerne gelesen, mir gefällt die Idee und die düstere Atmosphäre.
Dass er die Sache mit Anne träumt, habe ich zuerst auch nicht verstanden...

Hier noch ein paar Details:
Es würde wohl bald aufhören und man würde alles wiederaufbauen, genausoKOMMA wie es einmal gewesen war.
Wenn ich mich nicht täusche, muss da ein Komma rein (da Nebensatz).
Ich saß auf dem kalten Fliesenboden und starrte in die Finsternis, dahinKOMMA wo ich meine Konstruktion vermutete.
Dito.
Damals, vor dem Regen, als Anne und ich frisch in dieses Haus gezogen waren, hatten wir uns wochenlang aus solchen Dosen ernährt.
Intuitiv hätte ich gedacht, es hieße "von solchen Dosen" (auch wenn streng gesehen keins von beidem wirklich Sinn macht).
Das unaufhörliche Prasseln, das den kurzen Moment der Hoffnung, indem ich dachte, dies alles könnte nur ein Traum gewesen sein, vernichtete.
Sollte glaube ich "in dem" (getrennt) sein, oder?
Ich hörte jeden einzelnen Tropfen in der Wand einschlagen, spürte, wie er sich weiter zu mir durchfraß. Unaufhörlich.
Das "Unaufhörlich" würde ich an den ersten Satz per Komma anschließen, ist aber sicherlich Geschmackssache.
Dann setzte ich Stein an Stein, mauerte solange, bis keine Materialien mehr übrig waren.
so lange

Übrigens (glaube ich schon von den vorigen Kommentatoren erwähnt) war ich auch etwas verwirrt, dass die Mauer am Ende auch zum Dach wurde!?
Für einen kurzen Moment verschaffte dies eine Linderung, doch nur solange, bis auch sie nicht mehr konnten.
siehe oben
Nur er antwortete mit jenem unnachgiebigen Rauschen. Der Regen.
Die beiden Sätze könnte man doch wunderbar durch einen : verbinden :)
("...Rauschen: der Regen.")

Schönen Abend,
rainsen
 
Monster-WG
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
282
Lieber @Klamm

auch dir vielen Dank für deinen Kommentar.

Gern geschehen.

Freut mich sehr, dass sie etwas in dir ausgelöst hat, auch wenn düster, beklemmend und aufwühlend vielleicht nicht der beste Start in den Tag sind.

Das passt schon :)

Der Gedanken war, dass diese Rückblende direkt nach dem Anfang des Regens spielt. Also der Regen beginnt, nach einigen Minuten kommen Sondersendungen, aber wenn man in diesem Moment gerade keinen Zugriff auf Medien hat, weiß man noch nichts. Der genaue Zeitpunkt scheint beim Lesen nicht so ganz rüberzukommen, auch Isegrims ist über diese Stelle gestolpert. Da werde ich wohl noch etwas verändern müssen.

Ah ok. Ja, das kam nicht so rüber.
Bin gespannt, wie Du das veränderst.

Beste Grüße und vielen Dank für die Kommentare!

Gern geschehen.

Ich wünsche Dir einen guten Wochenstart.

Liebe Grüße,
Silvita
 

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