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Diese Kurzgeschichte habe ich im Jahr 2023 geschrieben.
Nur noch Stolpern
"Du breitest deine Arme aus, schließt die Augen und dann lauf los."
Es war beinahe zehn Uhr abends, als Leonard diesen Satz sagte und mir mit einem breiten Lächeln entgegengrinste. Längst war es dunkel geworden. Graue Wolken schmückten das dunkle Blau, welches näher an tiefes Schwarz herankam als der nächste Morgen der jetzigen Stunde.
Quietschende Reifen, Hupen, erhobene Stimmen, Knallen, Fetzen. Das Leben tobte. Nicht für uns. Wir lauschten allem abseits davon.
Unsere Füße standen auf Beton, elf Stockwerke hoch, unsere Gedanken aber stiegen weiter hinauf in den Himmel. Es war ein unwirklicher Moment. Jeder Schritt in eine falsche Richtung würde mit dem freien Fall in den Tod enden und genau das war uns bewusst.
Leonard schien es nichts auszumachen.
Er genoss das Spiel, den Tanz mit den Seiten, ohne zu wissen, ob es vielleicht die letzte war, die er gerade aufblätterte. Es war ihm egal. Ich hingegen fürchtete mich. Trotzdem tat ich es.
Auch wenn meine Knie weich waren, wollte ich nicht als Angsthase gelten. Also schloss ich die Augen, breitete die Arme wie ein Vogel seine Flügel aus und lief los. Adrenalin, Sehnsucht, völlige Freiheit, Verlust. All das mischte sich in mir zu einem gefährlichen Cocktail, an dem ich nur nippte, während er ihn jeden Tag herunterschüttete.
Abrupt blieb ich stehen und riss die Augen auf. Mir war das zu viel. Leonard liebte es, sich dem Risiko auszusetzen. Ich hasste es. Leonard hing an nichts. Ich an zu vielen Fragen.
"Und wenn du in den Abgrund stürzt?", ich biss mir auf die Zunge, aber es war zu spät. Ich hatte die Frage ausgesprochen und Leonard schaute mich wieder nur breit grinsend an. Dann fing er an zu lachen. "Dort bin ich doch schon längst."
Mich irritierte die Antwort. Zwar wusste ich, was er damit andeuten wollte, aber ich verstand ihn einfach nicht. Nicht mehr. Wir kannten uns schon immer. Wie um alles in der Welt konnten unsere Leben derart verschiedene Wendungen durchlaufen haben?
"Würdest du denn nichts vermissen?“, wollte ich wissen. Leonard schien kurz darüber nachzudenken, dann schüttelte er den Kopf. "Nicht viel." Er stutzte. "Vielleicht dich." Er zuckte mit den Schultern, zwinkerte mir zu. „Bist doch mein bester Freund.“
War ich das noch? Leonard hatte eine merkwürdige Wandlung durchlebt, sein verändertes Wesen war so weit von dem, das er einmal war, abgerückt, dass ich nun befürchtete, ihn gar nicht mehr zu kennen. Wer war er geworden? Weshalb schien sich der einst einfühlsame Junge, der sich von der Zukunft viel versprach, um nichts mehr zu kümmern. Es war ein Balanceakt, wankende Schritte zwischen Gestern und keinem Morgen.
Seit Wochen machte ich mir Sorgen, verbrachte seinetwegen schlaflose Nächte, in denen er durch die Finsternis geisterte. Wie konnte man angesichts dessen ohne Bangen ein Auge zu bekommen?
Und trotzdem war ich gleichzeitig fasziniert, wofür ich mich schämte. Ich, der Verkopfte, bewunderte ihn, den Waghalsigen. Vielleicht zu sehr. Leonard kam der schmalen Kante zur schier endlosen Tiefe beunruhigend nahe. Nur noch Zentimeter, die entschieden, ob seine Augen geschlossen blieben oder nicht.
"Hast du denn keine Angst?", schrie ich ihn an. Zu meiner Erleichterung suchte er den Blickkontakt und ging einige Schritte zurück. Seine Stimme war geruhsam. "Die habe ich immer, das ist es ja.“ Er nahm einen tiefen Atemzug, streckte den Kopf nach oben und deutete auf die Handvoll Sterne, welche in jener Nacht ihr Antlitz vorführten. „Ich möchte einfach mal eine ganze Nacht lang schlafen."
Plötzlich stolperte Leonard über seine eigenen Füße. So wie er immer sein Leben beschrieben hatte. "Ich falle ständig hin, weil ich mir selbst ein Bein stelle."