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Oratio Sanguinis

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21.03.2021
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Oratio Sanguinis

I​

Turbulenzen rüttelten an der Frachtmaschine.
Donner krachte, unglaublich nah. Shepard öffnete die Augen.
Ein Blitz zuckte herab, das weisse Logo auf den Kisten leuchtete für den Bruchteil seiner Existenz auf. Stilisiertes Rechteck, im Zentrum ein Äskulapstab.
Erneuter Donnerschlag. Gottes Artilleriebeschuss.
Ein Klappern durchlief den Rumpf des Transportflugzeugs. Etwas knarzte metallisch. Nicht gut.
William Shepard saß auf einem der unbequemen Stahlsitze. Die Hände im Schoß, das Colt M4 Carbine Sturmgewehr zwischen den Knien.
Er versuchte noch einmal, einzuschlafen. Die nächste Turbulenz presste ihn an die Bordwand.
Eingeweide vs. Gleichgewichtssinn. Keine Chance.
Shepard öffnete erneut die Augen.
Ihm gegenüber saßen fünf Zivilisten im Halbdunkel. Vier Männer, eine Frau. Sie alle suchten Halt an den Rändern ihrer Sitze, einer – besonders blass, krallte seine Finger in das rote Transportnetz hinter sich. Ihrer Mimik nach wären sie jetzt gerne woanders.
Das Dröhnen der Turboproptriebwerke machte jede zivilisierte Unterhaltung unmöglich.
Shepard nahm sich einen Moment, musterte die Reihe.
Schlaue Köpfe, Wissenschaftler.
Ihr Teamleiter, Dr. Richard Scenoferu, ein Mann in den Vierzigern. Schmales Gesicht, Glatzkopf, rundes Kassengestell. Von den Vieren machte er auf Shepard noch den gefasstesten Eindruck.
Ganz am Rand saß die Dolmetscherin, Katjana Miller. Auch sie schien den Landeanflug auf Bukarest nicht gerade zu genießen. Den Kopf gesenkt, das schulterlange rote Haar unter einer Basecap verborgern. Shepard konnte ihr Gesicht nicht sehen, hoffte jedoch, dass sie nicht noch alles vollkotzte.
Alle fünf trugen Multifunktionskleidung in khaki und olivgrün, alle fünf waren unbewaffnet.
Was man vom Wolfsrudel nicht sagen konnte.
Direkt neben Shepard überprüfte Doc den Sitz seiner Schutzweste. Der Griff seiner Mossberg JIC Shockwave, Kaliber 12, ragte hinter der Schulter hervor. Das JIC stand bei der kompakten Pumpgun für Just in Case. Als Feldsanitäter war es Docs Devise, Leben zu retten, statt es auszulöschen.
Einen Sitz weiter schärfte Bär sein Bowiemesser.
Blitzschlag. Donnerhall. Ein weiteres Luftloch.
Leise strich die Klinge immer wieder über den Abziehriemen.
Auf und ab. Auf und ab. Auf und ab.
Das Navajo-Halbblut schien Shepard dabei wie in Trance, die Augen folgten bloß noch dem Weg der Schneide.
Auf und ab. Auf und ab. Ein Lächeln umspielte Bärs Mundwinkel.
Fasziniert sah Angel ihm vom Nachbarsitz aus zu. Als einzige Frau im Team besaß sie bei weitem weniger Masse als Doc oder Bär. Angel besaß Geheimnisse. Angeblich Ex-CIA. Ausgebildet in Fort Jackson, danach Westpoint. Drei Einsätze in Afghanistan. Dann die Farm. Irgendwann der geheimnisvolle Rausschmiß. Angeblich. Sie redete nicht darüber. Tat sie nie. Eine Heckler & Koch MP5 Maschinenpistole hing an einem Trageriemen von ihrer Schulter, drei geladene Reservemagazine vorn in der taktischen Weste.
Als letzter in der Reihe, schien Beau tatsächlich zu schlafen. Den Kopf im Nacken, hing er mit offenem Mund entspannt in seinem Sitz. Der Triebwerkslärm übertönte sein Schnarchen. Die Arme voller Tattoos, lagen schlaff in seinem Schoß. Seine Waffe befand sich in einer Schutzhülle zu seinen Füßen. Das M40A3 Remington Scharfschützengewehr hatte eine Schmidt & Bender Zieloptik montiert und war zu sensibel, als dass der gutaussehende Söldner es der Umwelt des Flugzeugs aussetzte.
Shepards Blick richtete sich wieder nach vorn.
Doc. Bär. Angel. Beau. Seine Brüder. Seine Schwester. Das Wolfsrudel.
Er hatte vergessen, wann, oder von wem die Taufe vollzogen worden war. Zu lange arbeiteten sie schon zusammen, zu lange passten sie aufeinander auf. Doch der Name gefiel und so blieb er bestehen.
Ein Knistern in seinem Kopfhörer. Der Pilot, per Funk.
»Wir haben es fast geschafft Leute. Landung in zehn.«
Shepard rollte die Schultern, lockerte die Nackenmuskulatur. Er stand auf.
»Okay, es ist soweit«, rief er in die Runde. »Ausrüstung checken und bereit halten«, an das Rudel gewandt. Vierteldrehung zu den Wissenschaftlern. »Mr. Scenoferu, wir landen in wenigen Minuten. Ich hoffe, die Fahrzeuge stehen bereit.«
»Es heißt Dr.«, sagte der Zivilist und sah ihm dabei in die Augen. »Sie werden da sein, keine Sorge.«

Tatsächlich standen bei ihrer Ankunft am Flughafen Bukarest-Otopeni zwei schwarze Jeep Wrangler, sowie ein Mercedes-Transporter mit offener Ladefläche auf dem Rollfeld. Der Transporter trug bereits Ladung. Regentropfen nieselten auf ein hohes Rechteck, für neugierige Blicke verborgen unter einer Plane. Das Gewitter zog ab, der Himmel klarte langsam auf.
»Was ist das denn?«, rief Beau von der Rampe der Frachtmaschine beim Anblick des Transporters und sprach damit Shepards Gedanken laut aus.
Während die Söldner die Ausrüstung aus dem Bauch des Flugzeugs holten, umrundete er die Geländewagen. Dr. Scenoferu hatte sich mit seinem Ausstieg beeilt, er hatte die Dolmetscherin am Arm gefasst und zügig aus der Maschine geleitet. Jetzt sprachen beide abseits mit einem bärtigen Mann in Uniform.
Flecktarn-Kampfanzug. Schwarzes Barett. Rumänisches Heer. Ein Offizier.
Rangabzeichen auf der Schulter, Drei Punkte. Unterstrichen. Ein Hauptmann.
Shepard ging auf die Gruppe zu. Anscheinend wurden Ms. Millers Dienste nicht mehr benötigt, sie kam ihm entgegen, vermied es jedoch, Shepard in die Augen zu sehen. Sie ging vorbei.
Er bekam noch mit, wie zwischen Doktor und Soldat ein kleines Bündel den Besitzer wechselte. Doch als er Shepard kommen sah, verabschiedete sich der Hauptmann und ging schnellen Schrittes weg.
»Alles in Ordnung?« Shepard stellte sich neben den Wissenschaftler.
»Jetzt schon. Zoll, Einreise und Abfertigung sind kein Thema. Es sind vier Stunden bis zum Kastell, wir sollten los«, antwortete Scenoferu und wollte gehen. Shepard hielt ihn am Arm fest.
Er sah dem Offizier hinterher, dieser setzte sich gerade in einen Wagen der Militärpolizei.
»Doktor … was befindet sich unter der Plane auf dem Transporter?«
Bei der Frage huschten Scenoferus Augen zu dem Mercedes.
Zögern.
»Das braucht Sie nicht zu interessieren.«
»Oh, und wie mich das interessiert. Mein Team ist auf dieser Mission für die Sicherheit verantwortlich, Doktor. Jede Neuigkeit, jede Planänderung, jedes mehr an Ausrüstung ist von uns für Interesse. Also, zum letzten Mal. Was ist unter der Plane?«
Der Doktor seufzte. »Wissenschaftliche Technik.«
»Welcher Art?«
»Das würden Sie nicht verstehen.«
Shepard setzte ein Lächeln auf. Arroganter Wichser. »Versuchen wir´s mal.«
Erneutes Seufzen. »Es handelt sich dabei um eine Gerätschaft, welche am Abschluss unserer Forschung zum Einsatz kommen soll. Eine Apparatur, dessen Geheimhaltung Mr. Luttvig als oberste Priorität ansieht.« Der Glatzkopf sah ihm dabei erst in die Augen, dann wanderte der Blick auf Shepards Hand, an seinem Arm.
Nicolai Luttvig. Industriemagnat, Multimilliardär, angeblich letzter seiner Dynastie.
Und ihr Auftraggeber.
Shepard entließ den Wissenschaftler aus seinem Griff. Dieser ging wortlos weg.
»Dr. Scenoferu!«, rief er ihm hinterher. Der Doktor drehte sich um.
»Danke für Ihr Vertrauen!« Shepards Lächeln war weg.
Scenoferu antwortete nicht, aber sein Blick sprach Bände.
Er hatte keinen neuen Freund gefunden.

Shepard folgte ihm zu den Fahrzeugen, wo Bär und Doc gerade die letzten Plastikcontainer aufluden. Scenoferu stieg in einen der Geländewagen. Seine Kollegen warteten bereits auf ihn. Doc sprang von der Ladefläche des Mercedes, sein Blick wechselte von den Zivilisten zu seinem Anführer.
»Probleme?«, fragte der Senegalese.
»Wird sich noch zeigen. Wie weit sind wir?«
»Bereit, wenn du es bist.«
»Dann los.«
Doc hieb mit seiner Rechten zweimal auf das Wagendach des Transporters.
»Wir rücken ab!«


II​

Eine asphaltierte Landstraße führte den Konvoi gen Nordosten. Am Horizont rückten die Karpaten näher. Dunkle Regenwolken sammelten sich über den Hängen der Gebirgswälder, mächtig und unheilvoll, als würden sie bloß auf die Ankunft der Fremden warten.
Im Wageninneren herrschte Schweigen. Doc saß am Steuer, er drosselte das Tempo. Ein Einheimischer trieb seine Ziegenherde vor ihnen von der Straße, nervöses Meckern, als der Jeep die Tiere passierte.
»Ms. Miller«, brach Shepard vom Beifahrersitz aus das Schweigen. »Wie viele Fremdsprachen beherrschen Sie, wenn ich fragen darf?«
Die Dolmetscherin saß hinter ihm, neben ihr schaute Angel aus dem Fenster.
»Sieben … Fünf davon fließend.« Miller sprach mit leiser Stimme, der gutturale Hauch eines osteuropäischen Akzents.
»Das ist beeindruckend«, meinte Shepard. Unterbewusst rief er das eigene Repertoire ab. Passables Spanisch und Französisch. Ein paar Brocken Arabisch und Japanisch.
»Arbeiten Sie schon lange für Mr. Luttvig?«, schob er hinterher.
»Seit etwas über zwei Jahren.«
Stille.
Nicht wirklich der gesprächige Typ. Irgendwie seltsam, bei der Berufswahl.
»Wie ist er so?«, klinkte sich Angel in die Unterhaltung ein. »Stimmt es, was die Medien über ihn sagen?«
Shepards Augen suchten den Rückspiegel, die beiden Frauen tauschten einen Blick.
»Was genau meinen Sie?«
Angel strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr. »Na ja, was man so liest, soll er als Arbeitgeber ... schwierig sein.«
Wohlwollender Euphemismus, dachte Shepard. Der nächste John Paul Getty, laut Time Magazine.
»Dazu kann ich nichts sagen. Ich wurde ihm nie persönlich vorgestellt.«
Das ergab durchaus Sinn. Bei Luttvig Enterprises handelte es sich um riesiges Konglomerat, zig Tochterunternehmen ...
»Fanden Sie das nicht seltsam?«, wollte Angel wissen. Shepard sah auf. Seine Kameradin schaute Miller jetzt unverwandt an.
Kurzes Zögern.
»Man sagte mir, er wäre seit längerem schwer krank. Ginge nicht mehr unter Leute. Also nicht mehr, als in seiner Stellung notwendig. Würden Sie dann jeder neuen Mitarbeiterin die Hand schütteln wollen?« Die Dolmetscherin klang mit einem Mal gereizt.
»Hmm … weiss man, was er hat?«
Im Spiegel fanden Angels Augen seine eigenen. Was wusste sie?
»Da müssen Sie die Ärzte fragen.« Millers Lippen waren jetzt bloß noch ein dünner Strich. Die Dolmetscherin drehte den Kopf weg und starrte aus dem Fenster. Diskussion beendet.
»Ich sehe die Tankstelle«, meldete Doc kurze Zeit später und verringerte das Tempo.

»...was soll da schiefgehen?« Beau schlug die Wagentür des Transporters zu und grinste Bär über die Motorhaube hinweg an.
»Hmpf.« Der große Söldner warf den geflochtenen Zopf dicker schwarzer Haare über seine Schulter zurück.
Sie waren ausgestiegen, um aufzutanken und sich die Beine zu vertreten. Die Wissenschaftler blieben in ihrem Jeep, Ms. Miller verschwand zur Suche nach den Toiletten.
Irgendwo in näherer Umgebung schrie eine Ziege, mit einem erstickten Laut verstummte das Tier.
Beaus Redefluß nahm Fahrt auf. » …, wenn du kein Black Jack magst, auch gut. Ich meine, es ist unser Laden, wir machen die Regeln. Hey, was hälst du eigentlich von einer Happy Hour?«
Shepard streckte sich, seine Gelenke knackten. Wie lange sein Körper diese Spielchen wohl noch mitmachte? Ein paar Jobs wie dieser, und er würde in den Ruhestand gehen können. Bei dem Gedanken daran, nahm er Beaus euphorisches Geschwafel gar nicht mehr wirklich wahr. Sein Blick verlor sich in den nahen Wiesen und Feldern. Kleine Inseln aus dunkelvioletten Blumen, wie Farbtupfer, auf einer Leinwand aus Gras. Der Wind sandte ein Rauschen durch die Bäume und dezenter, leicht süßlicher Duft war so schnell wieder vergangen, wie er aufzog. Die tief stehende Sonne ließ den wolkenfreien Himmelstreifen über den Karpaten erglühen.
Donnergrollen in der Ferne.
Ruhestand. Eine Hütte am Flathead Lake in Montana. Ausschlafen. Angeln. Alt werden.
Doch wer würde das Rudel dann anführen? Würde es ohne ihn weiter bestehen?
Gelächter riss ihn in die Gegenwart zurück.
»Stell dir das nur mal vor Bär!«, rief Beau gut gelaunt. »Den ganzen Tag bloß heiße Squaws in Ledertangas. Und Feuerwasser bis zum Abwinken. Das wird der Hammer!«
Shepard streifte die schweren Gedanken ab, er konnte sich ohnehin nur schwer ein Grinsen verkneifen, seit Wochen schon ging der Scharfschütze dem großen Halbblut mit seinem Plan des eigenen Indianercasinos auf die Nerven.
Bärs Ausdruck verfinsterte sich, doch der Schönling war voll in seinem Element. » …, denn die Bank gewinnt am Ende immer! Wir werden in Dollar schwimmen, mein Großer! Und wir nennen das Ganze ...«
Beau zog die Arme auseinander, die Hände gehoben, Daumen abgespreizt.
Titelschrift im Panorama.
Dramatische Pause.
»… Beaus und Bärs Wigwam der Gewinne …!«
Er hielt die Pose, strahlte übers ganze Gesicht.
»Nein.« Ur-Amerikanischer Stoizismus in Reinform.
»Wie … Nein? Okay, hör zu, wenn du willst dass dein Name an erster Stelle steht dann...«
Shepard wandte sich schmunzelnd ab. Er sah Angel und Doc nebeneinander aus der Tankstelle schlendern, sie verstaute gerade das Wechselgeld. Seine Augen überflogen das Gelände.
Wo blieb Miller? Er lief ein paar Schritte, schaute, ob er irgendwo die sanitären Anlagen entdecken konnte. Fehlanzeige.
Langsam umrundete er die Tankstelle. Rückwärtig war ein weiteres Gebäude angebaut, es sah jedoch bereits ziemlich heruntergewirtschaftet aus. Von der schmutzigen Fassade bröckelte an vielen Stellen der Putz. Stimmengemurmel hinter der Hausecke. Und der Geruch nach Kupfer.
Frisch vergossenes Blut.
Dort stand Miller, mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem halben Dutzend Rumänen. Ein Stück weiter weg hing der Kadaver einer geschächteten Ziege. Das Blut des Tieres sammelte sich unter der aufgeschlitzten Kehle, ein Rinnsal floss in Richtung der Einheimischen. Diese umzingelten die Dolmetscherin jetzt regelrecht.
Unrasierte Gesichter. Trainingsanzüge und muskulöse Schultern in Unterhemden. Die Art von Muskelmasse, welche nicht im Studio gezüchtet, sondern durch das Leben auf der Straße gehärtet worden war. Wilde Hunde. Straßenköter.
Sie hatten Shepard noch nicht bemerkt, einer von ihnen, der Größte, redete auf Miller ein.
Shepard sprach kein Rumänisch.
»Ms. Miller!«
Sieben Köpfe wandten sich um. Sieben Blicke. In einem lag Angst.
Er hatte ihre Aufmerksamkeit. Der Große trat vor.
Ein Schwall fremdländischer Worte. Fordernd, aggressiv. Alphatier.
»Ich verstehe Sie nicht«, in Richtung des Mannes. »Ms. Miller, wir fahren.« Er streckte den rechten Arm in ihre Richtung. Sie machte einen Schritt, doch der Alpha hielt sie zurück.
Ein weiterer Schwall. Lauter. Bedrohlich. Plötzlich war da ein Messer in der Hand des Rumänen.
Sein Blick fixierte den Alpha. »Ms. Miller, ich gehe davon aus Sie verstehen diese … Gentlemen?«
Verängstigtes Nicken.
»Wären Sie wohl so freundlich und übersetzen, was ich sage?«
Bestätigt.
»Okay.« Deeskalation. Er streckte die Arme zu den Seiten. »Wo liegt das Problem, Freunde? Was wollt ihr von uns?«
Fließend schnell gesprochenes Rumänisch. Dann die Antwort des Alphas. »Wir wissen, dass ihr zur Ruine in der Nähe der Wälder wollt«, übersetzte Miller. »Es ist verboten dort hinzugehen. Dieses Land ist verflucht.« Der Rumäne gestikulierte mit dem Messer.
Echt jetzt? Abergläubische Folklore? Lang ist´s her. »Verboten? Von wem?«
Kurzer, rumänischer Wortwechsel. »Das ist schon immer so. So lange es die Steine gibt. Niemand der dort hingeht, kehrt wieder zurück.«
Shepard zögerte. Im Blick des Rumänen lag etwas, dass er nicht sofort deuten konnte. War das … Bitten? Auch die Körpersprache der restlichen fünf Männer wirkte mit einem Mal defensiver.
»Nun, mein Freund, wir werden dort hingehen. Das ist unser Auftrag, damit verdienen wir unser Geld. Und wir werden ganz bestimmt wieder zurückkehren.«
Rumänische Verunsicherung. Sie redeten kurz untereinander, ein Augenpaar stets auf ihm. Alle drehten sich wieder in seine Richtung.
Eine Entscheidung, vorgetragen vom Alpha. Miller erblasste.
»Das … werden wir nicht zulassen«, übersetzte sie.
Es kam Bewegung in die Gruppe, Shepard wechselte den Stand. Grundstellung. Zenkutsu-Dachi.
In diesem Moment bog der Rest des Rudels um die Häuserecke. Und auch wenn Bär, Beau, Doc und Angel ihre großen Kaliber in den Autos gelassen hatten, die Hände lagen auf den Holstern an jeder einzelnen Hüfte. Magnum, Beretta, Sig-Sauer und Glock.
Besser als Jiu-Jitsu.


III​

Die Rumänen ließen sie ziehen. Kluge Entscheidung. Shepard sah sie im Seitenspiegel kleiner werden, die Gruppe schaute dem Konvoi bei der Abfahrt hinterher.
Er registrierte bei Miller ein leichtes Zittern, auch ihre Gesichtsfarbe hatte sich noch nicht wieder normalisiert. Doc kümmerte sich, Angel fuhr.
Koffeinhaltige Limonade für den Kreislauf. Beruhigendes Zureden. Aktives Zuhören.
Laut eigener Aussage hatten die Rumänen ihr nichts getan, bloß mit Fragen bedrängt und ein wenig mit dem Messer vor ihr rumgefuchtelt. Was für Fragen, wollte Shepard wissen?
Warum seit ihr hier?
Was wollt ihr dort?
Wer schickt euch?

Er griff nach dem Funkgerät an seiner Schulter. »Aufklärung, hier Teamleader. Kommen.«
Beaus Stimme, blechern. »Hier Aufklärung. Kommen.«
»Wiederhole Details unserer Informationen zum Einsatzort. Kommen.«
»Eine Sekunde. Kommen.«
Shepard sah vor seinem inneren Auge, wie der Mann im Transporter seinen taktischen PDA aus dem Rucksack kramte.
»Teamleader, ich hab`s. Kastell Breţcu. Es gibt nicht viel. Eine Ruine in der tiefsten Provinz. Archäologischen Berichten zufolge handelt es sich um die Überreste eines römischen Trupplagers. In der Nähe gibt es wohl Überreste einer Burg, erbaut im 17. Jahrhundert. Letzte Forschungen vor Ort im Jahr 2010. Dabei wurden Sedimentuntersuchungen mittels Phoshpatkartierung durchgeführt. Kommen.«
»Okay danke, das reicht mir. Ende.«
Verfluchtes Land. Volkstümlicher Aberglaube. Andere Länder, andere Ängste. Schauergeschichten, von zahnlosen Großmütterchen an ihre Enkel weitergereicht. Im Kern war es immer das Gleiche, egal, in welchem unterentwickelten Teil der Welt sie sich im Einsatz befanden. Ob Leichenfresser in Südostasien, böse Geister im persischen Raum oder die Asanbosam in Ghana.
Afrikanische Vampire. Klar doch.
Und doch schaffte er es nicht, Millers nachhallende Worte in seinem Kopf auszublenden, während die Wagenkolonne tiefer ins Hinterland eindrang.
Niemand der dort hingeht, kehrt wieder zurück.

Sie erreichten ihr Ziel bei Sonnenuntergang. Zuvor waren sie von der Landstraße auf einen Feldweg gewechselt, er endete in einem Waldstück. Ein hohes Gatter stoppte die Fahrt.
Obenauf Stacheldraht. Eine dicke Eisenkette, Vorhängeschloss. Ein Blechschild. Rumänische Schrift. Durch das Gatter sah man im Zwielicht ein weitflächiges Feld, ein Stück weiter weg erhoben sich zahlreiche Erdhügel.
Shepards Hand legte sich auf den Türgriff, da kam ihm ein Wissenschaftler aus dem anderen Jeep zuvor. Der Mann ging zum Tor und machte sich am Schloss zu schaffen. Es dauerte nicht lange, er zog die Eisenkette ab und schob die beiden Flügel des Gatters auf. Der Konvoi setzte sich wieder in Bewegung.
»Ms. Miller?«
»Ja?«
»Können Sie mir sagen, was dort auf dem Schild am Tor steht?« Shepard wandte sich auf dem Sitz um, zeigte nach draußen.
Blick aus dem Fenster. Zögern. »Es ist eine Warnung. Betreten verboten
Fast schon flehende Augen. Lüge.
»Sie wirken nervös. Ist alles in Ordnung?«, fragte Shepard.
»Ja. Es ist nur … diese Männer … sie … haben mir Angst gemacht.«
»Verstehe. Sie haben sich gut geschlagen, Ms. Miller. Mr. Luttvig hat offenbar ein Gespür für kompetente Mitarbeiter.«
Miller antwortete nicht, doch ihr Gesichtsausdruck war ihm Antwort genug, er drehte sich wieder nach vorn. Was verschwieg sie?
»Bill, hab ich ganz vergessen«, sagte Angel neben ihm. »Ich soll dir Grüße bestellen.«
»Von wem?«
»Mr. Schmidt. Aus Myanmar.«
Angel hatte es also auch bemerkt. Es gab keinen Mr. Schmidt in Myanmar. Also, nicht mehr. Du denkst, du kannst das Wolfsrudel über den Tisch ziehen, die Bezahlung für dich behalten? Keine gute Idee, Johann.
Lag Angel mit ihrer Vermutung richtig? Drohte ihnen hier das gleiche?
»Danke. Bestell ihm Grüße zurück. Er soll auf Zack bleiben, sonst geht sein Business noch den Bach runter.«
Während die Fahrzeuge weiterfuhren, konnte er im schwindenden Licht gerade noch die Überreste des Kastells vor ihnen erkennen. Erdwälle, mit Gras überwuchert, vor hunderten Jahren von römischen Soldaten errichtet. Unweit stach die Kontur einer Burgruine hervor, dunkelgraue Steine ragten in die Höhe, wie ein verfaulter Zahn. Der Konvoi stoppte. Ziel erreicht.

Eine Stunde später stand das Lager. Vier Zelte im Halbkreis, am Fuße der Steine. Drei Ruhepole, ein Arbeitsbereich.
Wolken belagerten den Himmel, als Lichtquelle am Boden dienten LED-Lampen, eine vor jedem Zelteingang. Dr. Scenoferus geheimnisvolle Apparatur lag noch immer unter der Plane, unberührt auf dem Transporter. Der Teamleiter hatte Shepards ersten Eindruck von sich verfestigt, indem er seine Leute im herrischen Ton umherscheuchte, selbst jedoch nicht mithalf.
Die Ausrüstung war abgeladen und ihrer Funktion entsprechend auf die Schlafstätten verteilt worden. Der größte Teil befand sich im provisorischen Labor.
Hinter der Klappe Lichtschein. Stimmengemurmel. Auch Miller war dort hinein verschwunden.
Doc trat neben Shepard. Das Weiß der Augen stach hervor, sein Gesicht beinahe von der Nacht verschlungen.
»Du solltest vielleicht mal mit Bär reden«, meinte er leise.
»Ist was passiert?«
»Das soll er dir selbst sagen.« Der Sanitäter wies an den Zeltwänden vorbei ins Dunkel. Dort erkannte Shepard die Umrisse des Hünen, er hatte ihnen den Rücken zugedreht und bewegte sich nicht.
Er wollte gerade gehen, da stoppte Doc ihn mit einer Handbewegung.
»Bill?«
»Hm?«
Sein Kamerad antwortete nicht sofort. Er sah sich um, als könne er in der abseits der Lichter liegenden Schwärze etwas erkennen. »Ich … hab … irgendwie ein mieses Gefühl bei dem Ganzen hier.«
Shepard nickte. »Sag Beau, er soll die Restlichtverstärker griffbereit halten. Danach suchst du Angel. Ihr beide lauft eine Patrouille, in einem halben Klick Radius. Ich rede mit Bär.«
»Ist gut.« Er wendete sich zum gehen.
»Doc.«
»Ja?«
» … seid vorsichtig, verstanden?«
»Zu Befehl.«

Bär stand regungslos hangabwärts. Die Konturen seines Maschinengewehrs M249 ragten zu beiden Seiten der Silouette heraus. Shepard näherte sich, pfiff einmal leise durch die Zähne.
Keine Reaktion.
Der Große stand einfach nur da, starrte auf die Waldgrenze. Was sah er?
In etwas über dreißig Schritt begann sie, diese verwilderte Finsternis. Eng zusammenstehende Nadelbäume, deren Stämme in der vordersten Reihe heller hervortraten. Dahinter tiefstes Schwarz. In Shepards Nacken kribbelte es.
»Bär«, flüsterte er.
Nichts. Die Augen des Mannes huschten hin und her, als könne man im finsteren Tann Bewegung ausmachen. Er schwitzte.
»Bär.« Ein wenig lauter.
Eine Hand des Halbbluts lag auf dem Griff seines Messers, mit der anderen entsicherte er jetzt die Waffe.
Klick.
»Jack!«, nannte Shepard ihn laut bei seinem richtigen Namen.
Das half. Der Kopf flog herum, sein Blick hart, wie ein Peitschenhieb.
»Schhh.« Bloß ein Laut. Universell.
»Was?«, flüsterte Shepard und fasste den Griff seines M4 fester.
Für einen Moment Stille, Bärs Augen wanderten nach oben, zum Himmel.
»Hörst du das?« Fragender Bariton.
Shepard lauschte erneut, doch er hörte nichts. Und wie er so dastand, kroch ein Gefühl sein Rückgrat hinauf. Etwas, dass er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Kalt und Böse. Er hörte wirklich absolut nichts. Kein Knacken im Unterholz, keine nachtaktiven Vögel, noch nicht einmal Insekten, welche im Schutz der Dunkelheit jagten.
»Nein. Nichts.«
»Genau«, erwiderte Bär leise. Er wendete sich wieder der Schwärze hinter den Tannen zu. »Dieser Wald ... ist tot.«
Millers Worte, in Shepards Kopf.
Dieses Land ist verflucht.
»Und doch ist da etwas«, sagte Bär jetzt. Er hob das MG sachte an. »Es beobachtet uns.«
»Was ist es?«
Starrende Pause. »Kann ich nicht sagen.« Der Hüne leckte sich die Lippen.
»Hör zu, wir müssen...«, begann Shepard, plötzlich knisterten die Funkgeräte.

IV​

»Teamleader, hier Basis. Kommen.« Angel. Angespannt.
Ein Blick zu Bär, ein Griff zum Ohr. »Hier Teamleader. Kommen.«
»Teamleader, besser ihr kommt sofort her, wir kriegen Probleme. Kommen.«
Drehung zum Lager, Laufschritt. »Basis, was für Probleme? Kommen.«
»Der Kunde wird schwierig … «, hörte er Angel noch sagen, unterbrochen von Scenoferu, im strengen Ton.
» …, Ms. Belmondo! Sie arbeiten für uns! Was fällt Ihnen ein …, « Statisches Knacken.
»Basis, wir sind sofort bei euch. Kommen.« Shepard lief schneller, Bär hielt Schritt.
LED-Schimmer in der Nacht. Auf die Zeltumrisse zu, zwischen ihnen hindurch.
Laute Stimmen. Nachrichtendienst gegen Privatwirtschaft.
Da waren sie alle. Ms. Miller einen Schritt abseits am Rand, die einfachen Wissenschaftler nah bei einander. Auf der anderen Seite Doc und Beau, Waffen in Bereitschaft.
Im Zentrum stritt Angel mit Dr. Scenoferu.
» …, wenn ich Ihnen sage wir gehen, dann gehen wir!« Der Doktor schrie jetzt beinahe.
Shepard trat in den Lichtschein. »Was zum Teufel ist hier los?«
Scenoferu atmete hörbar aus. »Ah, Mr. Shepard …, «
»Mit Ihnen habe ich nicht gesprochen. Angel?«
Seine Kameradin ließ den Forschungsleiter stehen und trat dicht an Shepard heran. Bär ging zu seinen Waffenbrüdern. Scenoferu zischte etwas Unverständliches und mischte sich unter den Rest der Wissenschaftler.
»Was ist passiert?«, fragte Shepard in gesenktem Ton.
»Doc und ich wollten gerade zur Patrouille. Da kamen sie in voller Montur aus dem Labor.«
Kurzer Seitenblick. Prall gefüllte Rucksäcke und Taschen zu den Füßen der Männer. Auf jedem Gepäckstück das rechteckige Logo der sich windenden Schlange. Luttvig Research.
»Dr. Anstrengend war der Meinung, sie müssten jetzt sofort zur Burgruine, um mit ihrer Arbeit zu beginnen. Auf meine Frage, warum das nicht bis Tagesanbruch warten kann, ist er ausgeflippt.«
Shepard dachte einen Augenblick lang nach, dann nickte er. »Okay. Gut gemacht.«
Bewegung, in Angels Augen. Laborzelt, Wissenschaftler, Rumänische Finsternis.
»Bill?« Er kannte diesen Blick. Sie wusste etwas. Ex-CIA. Angeblich.
»Ja?«
»Erst dachte ich, es geht um unsere Entlohnung. Du weisst schon … Myanmar …?«
»Ich glaube nicht, dass … «, setzte Shepard an, doch Angel bot ihm mit einer flüchtigen Geste Einhalt.
»Das ist es nicht. Nicht mehr. Hier läuft was anderes.« Angel wisperte jetzt beinahe.
Er schwieg. Sie kaute kurz auf ihrer Unterlippe. Das war neu.
»Es gibt … gemeinsame Bekannte, die haben Nicolai Luttvig seit einiger Zeit unter besonderer Beobachtung«, presste sie hervor.
Zeig mir einen Multimilliardär mit weisser Weste. »In welcher Hinsicht?«
Jetzt druckste sie wirklich herum. Augenrollen. »Ich kann nicht glauben, dass ich das sage.« Ein längerer Blick. »Okkultismus.« Ausatmen.
Shepard sah sie an. Wie lange kannten sie sich jetzt? Lange genug. Kein Scherz.
»Mr. Shepard! Hätten Sie wohl die Güte?« Scenoferus Ton von der Seite. Geforderte Satisfaktion.
»In einer Minute, Doktor«, sagte er, nahm den Blick dabei jedoch nicht von Angels Antlitz. »In Ordnung.« Dankbarkeit in ihren Zügen. »Geh und sprich mit den Jungs. Sag ihnen, was sie deiner Meinung nach wissen müssen. Ich bin sofort bei euch.«
Er drehte sich um, dort stand bloß noch der Forschungsleiter, dessen Kollegen und Miller waren verschwunden. Scenoferu hatte ein Grinsen aufgesetzt, er hielt Shepard ein klobiges Satellitentelefon mit kurzer, dicker Antenne entgegen.
»Für Sie.« Sardonische Freude.
Shepard nahm ihm das Gerät ab.
»Hallo?«
»Spreche ich mit William Shepard?« Heiser und brüchig. Ein kranker Greis.
»Mr. Luttvig, nehme ich an?«
Rasselndes Lachen, das in Husten überschlug. Pfeifende Atemzüge.
»Jetzt hören Sie mir gut zu Bill …, Sie werden tun, was Dick von Ihnen verlangt ... Andernfalls sorge ich dafür …, dass Sie ..., Ihr Team ..., Familien und Freunde ..., jeder der Ihnen nahe steht ..., Job und Haus verliert und …, niemals wieder Arbeit finden wird. Sie wissen ..., dass ich dazu fähig bin.« Hustenanfall. Geräuschvoller Auswurf.
Shepard schwieg, ein Wangenmuskel zuckte. Er starrte Scenoferu nieder. Der Doktor sah weg.
Milliardenschwerer Fehler, Hurensohn.
»Haben Sie verstanden?«, krächzte es aus dem Lautsprecher.
Er überreichte das Telefon Scenoferu, ließ es jedoch nicht los, als dieser danach griff.
Vier Augen. Keine Bewegung.
»Ich kann ab sofort nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren, Dick.« Er ließ los.
»Tun Sie einfach, wofür wir Sie bezahlen«. Er drehte sich weg, nahm das Telefon ans Ohr. »Ja Sir, ich kann Sie hören … ja Sir, danke Sir, wir legen sofort los …, Ja Sir, ich bin mir sicher dass …, « Der Klang seiner Stimme versickerte hinter der Zeltklappe, als er im Labor verschwand.

Lagebesprechung im vordersten Zelt. Viel Zeit blieb nicht, die Wissenschaftler würden in wenigen Minuten aufbrechen. Das Wolfsrudel bildete einen Kreis, in der Mitte ein Campingtisch, darauf eine Karte der Umgebung. Angel brachte Shepard auf Stand.
»Meine Kontakte sind der Meinung, um Luttvigs Gesundheit stehe es alles andere als gut. Irgendeine seltene Blutkrankheit. Keine Behandlung schlägt an, also geht er seit fast zwei Jahren …, unorthodoxe Wege. Er pumpt wohl beträchtliche Summen in die Erforschung okkkulter Rituale und Heilpraktiken. Wie du dir denken kannst, scheut er sich dabei nicht, Grenzen zu überschreiten.«
»Der Typ greift nach jedem Strohhalm«, flüsterte Beau.
Es entstand eine kurze Pause, in der das Rudel bloß Blicke tauschte.
Doc ergriff als erstes wieder das Wort.
»In Afrika, besser gesagt in einem Tiefland-Becken des Kongo, gibt es noch heute Stämme, die Kannibalismus praktizieren. Sie glauben, das essen der Gehirne ihrer Feinde überträgt die Essenz derer Seelen. Und verlängert somit das eigene Leben.« Er sah nacheinander in die Runde. Bärs Hand wanderte abwesend zum Griff des Bowiemessers.
»Denkst du, das läuft hier?«, fragte Beau. »Wollen die uns fertigmachen und unsere Gehirne für den alten Sack sammeln?«
Seufzen. »Nein man, ich meine ...«
»Schluss damit.« Shepards Ansage. Alle Augen auf ihm. »Bis wir wissen, was läuft, gilt, volle Konzentration. Wir müssen mit denen zur Ruine. Luttvig macht Ernst, der hat die Mittel und die Motivation.« Seine Augen glitten hinunter zu der Umgebungskarte. »Aber wir schalten einen Gang höher. Doc, du bleibst hier und hälst die Stellung. Wenn wir weg sind, schaust du nach, was sich unter der Plane auf dem Mercedes befindet.« Tausch eines Blickes, Nicken zur Bestätigung. »Angel, Bär, ihr sichert die Flanken.« Er zeigte auf der Karte an beiden Seiten der Ruine entlang. »Rufzeichen Oscar …, « rechte Flanke, » ... und ... Whiskey«, linke Flanke. Angel nickte, Bär starrte auf den Lageplan. »Beau, du suchst dir eine erhöhte Feuerposition, sondierst das Gelände und deckst, falls nötig, unseren Rückzug. Bär, was haben wir an schwerem Gerät dabei?«
Der Hüne reagierte nicht, leerer Blick. Seine Hand streichelte den Messerknauf.
»Bär?«, wiederholte Shepard.
Angel stieß ihn mit dem Ellenbogen an. Er blinzelte. Grunzte.
»Hmm?«
»Sprengstoff. Was haben wir?«
Räuspern. »Fünf offensive M67, fünf M84 Flashbang. Und vier Claymore.«
Shepard nickte. »Packt die Granaten ein, die Minen bleiben wo sie sind.« Er sah in die Runde. »Fragen?« Angel hob die Hand.
»Wo wirst du sein?«
Shepard hob sein Sturmgewehr auf, überprüfte die Verschlusskammer. Metallisches Klacken.
»Ich bin der Babysitter. Also los, packen wir´s an.«

V​

Es schüttete. Der Vorhang ließ die Sicht noch schrumpfen, das Prasseln schluckte die Geräusche.
Aus Trampelpfad wurde Schlammbahn, Shepard erklomm hinter Miller den flachen Hang, hinauf zur Ruine. Die Wissenschaftler liefen vorn, das Rudel hatte sich nach Plan verteilt.
Die Steine rückten näher, er schaute sich um. Nasses Schwarz, überall, bloß die Regenponchos glänzten olivgrün, im Schein der Stirnlampen.
Sie erreichten die Kuppe. Umgeben von Mauerwerk, Umrisse hüfthoch zu ihrer linken und mehrstöckig aufragend gegenüber. Rucksäcke und Taschen wurden abgelegt. Die Wissenschaftler fingen an, metallene Stangen und Werkzeug daraus hervorzuholen.
Shepard nahm eine Signalfackel aus seiner taktischen Weste, ein Fauchen, als er sie anriss.
Das blutrote Leuchten lieh Scenoferus Zügen etwas Dämonisches. Der Forschungsleiter griff unter seinen Umhang, ein einzelnes Dokument kam zum Vorschein. Tropfen perlten einfach davon ab. Laminiert.
»Ms. Miller«, rief der Doktor gegen den Regen an, »wären sie so freundlich?« Als sie näher trat, machte auch Shepard einen Schritt.
Ein genauerer Blick auf das Dokument. Oder besser: Pergament. Fleckig, zerschlissen. Verblasste Schriftzeichen. Fließtext.
Miller und der Leiter tuschelten, der Regen hinderte Shepards Verständnis. Ihre Finger flogen über das Schriftstück. »… wo genau?«, hörte er Scenoferu sagen.
Millers suchender Blick durch den Schleier. Ein Fingerzeig, auf schwarz glänzendes Mauerwerk. »Dort hinten!«
Anscheinend das Stichwort für den Rest der Crew. Sie hatten ein Gestänge aus Metallstreben und Plastikmodulen zusammengebaut. Zentriert in einer Aufhängung, ein klobiger Zylinder. Es erinnerte ihn an eine Transportvorrichtung für Nitroglyzerin. Die Männer bugsierten das Gebilde dicht vor die Ruinenwand.
Shepards Arm schoss vor, packte den Doktor. Der Regen ließ ihn beinahe schreien. »Was ist das?«
Blasiertes Grinsen. »Das sehen Sie gleich.« Er wandte sich ab, Shepard hielt ihn nicht fest.
Scenoferu trat zur Apparatur, fingerte an einer kleinen Konsole herum. Kribbeln, im Nacken.
Eine Bewegung, im Augenwinkel.
Shepard ließ die Signalfackel fallen, riss das M4 in Anschlag. Regen. Schwärze. Nichts.
Beaus Stimme, im Funk. »Teamleader, hier Aufklärung. Kommen.«
»Teamleader hört. Kommen.«
»An der nordöstlichen Waldgrenze tut sich was. Kommen.«
Vierteldrehung, Nordosten. Finsternis. Kein Ziel.
»Aufklärung, was siehst du? Kommen.«
»Kann ich nicht sagen, Boss. Irgendetwas im Wald bewegt sich. Und, es ist verdammt schnell …, Kommen.«
Shepard blinzelte. Eine Woge durchlief seinen Körper. Pumpender Puls. Die Konturen der Ruine, mit einem Mal schärfer, der Pladdern der Tropfen, das Zischen der Fackel, deutlicher.
Bittersüßes Adrenalin.
Angelegt. Nächtlicher Wald im Fadenkreuz. Restlichtverstärkt.
Grün-Schwarzes Nichts. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Griff zum Ohr.
»Oscar, hier Teamleader. Kommen.«
»Oscar hört. Kommen«,
»Was siehst Du? Kommen.«
Funkstille. Shepard beobachtete das regnerische Dunkel. Unmöglich, etwas zu erkennen.
»Teamleader, es ist da. Ich sehe es nicht, aber … es ist da …,«
»In Ordnung, bleib cool, Bär. Aufklärung. Kommen.
»Ich höre dich, Teamleader. Kommen.«
»Bei freiem Schussfeld, schaltest du es aus. Kommen.«
»Verstanden, Teamleader. Das Full House wird der Knaller. Damen und Jungs. Aufklärung Ende.«
Ein Abschuss, ein Tattoo. Die Jugend von Heute.
Mechanische Geräusche, in seinem Rücken.
180°! Die Apparatur war zum Leben erwacht, sämtliche Zivilisten traten zurück.
Anschwellendes Wummern. In Beschleunigung, wie beim Start eines Helikopters. Shepard machte einen Schritt auf Scenoferu zu. Ein feuchtes Klatschen, als der Zylinder im Zentrum des Geräts mit Wucht auf den Hügelboden aufschlug. Kleinteile der Ruinenwand bröckelten ab. Was zum Teufel?
»Es funktioniert«, hörte er einen der Wissenschaftler. Freudige Erwartung.
Ein weiterer Schlag des Zylinders. Die Forscher schauten jetzt alle zur Steinmauer, vier weisse Lichtkegel boten gute Sicht. Ein bogenförmiger Riss, auf Kopfhöhe im Gestein. Nein, kein Riss. Eher eine präzise Linie, wie ein Torbogen. Der nächste Schlag, die Linie wuchs zu beiden Seiten abwärts. Der letzte Schlag, gefolgt von einem einzelnen hohen Impuls. Die Linien verbanden sich zu einem Ganzen und das innen liegende Mauerwerk zerbröselte zu feinen Partikeln. Ein Tor.
Dahinter Schwärze, das Licht der Stirnlampen schnitt hindurch. Gemauerte Wände. Eine schmale Steintreppe führte abwärts. Die Wissenschaftler jubelten, zwei von ihnen klatschten sich ab.
Shepard reichte es jetzt.
»Hey! Was läuft hier? Was…«, setzte er an, plötzlich Docs Stimme, im Funk. Laut. Aufgeregt.
»Teamleader, Teamleader, hier Basis! Kommen!«
»Teamleader hört.«
»Bill, kommt sofort zurück! Auf dem Mercedes … SCHEISSE!« Statisches Knacken.
»Wiederholen, Basis! … Basis, wiederholen!«
Doc antwortete nicht.
Schüsse, im Lager. Füllig und dumpf. Docs Pumpgun. Just in Case.
Verdammte Scheisse.
»An alle, an alle, hier Teamleader. Zuhören!« Er ließ die Zivilisten stehen und rannte los. »Aufklärung, Whiskey, ihr beschützt den Kunden! Oscar, links umfassend zur Basis, ich nähere mich aus nördlicher Richtung! Feuern nach eigenem Ermessen! Kommen!«
Alle drei bestätigten den Befehl. Shepard schlitterte den Hang hinunter, am Fuße stieß er sich wie ein Sprinter ab und spurtete auf den Lichtschein zu. Ein Schrei, beinahe unmenschlich.
Keine Schüsse mehr. Bloß Regen, der auf Zeltplanen prasselte. Shepard verringerte sein Tempo.
M4 im Anschlag, Knie leicht gebeugt. Schleichgang.
Shepard fasste Griff und Frontgriff fester. Zelte. Die Jeeps. Halbschritt, Schwenk nach rechts. Frei.
Auf den ersten Blick, keine Spur von Doc. Dort der Mercedes, Blut an der Hecklappe. Viel Blut.
»Doc«, wisperte Shepard und näherte sich dem Fahrzeug. Auf dem Boden noch mehr Blut. Halbschritt am Transporter vorbei, Schwenk nach links.
Fuck. Nein. Oh, nein, bitte nicht. Shepard senkte das Gewehr.
Eine enorme Pfütze aus Blut, in der Mitte lag Docs rechter Arm, an der Schulter abgetrennt, in der Hand noch die Schrotflinte. Der Rest von ihm fehlte. Ringsherum rotgoldene Hülsen, Kaliber 12. Eine Schleifspur aus Blut und Schlamm führte vom Lager weg, in Richtung des Waldrandes.
Shepard trat an den Rand der Pfütze, zwang sich, hinzusehen. Docs Arm war nicht sauber durchtrennt worden, sondern zerfetzt, aus der Gelenkpfanne gerissen. Das komplette Ende des Knochens stach weiß aus der Schulter hervor, das Fleisch darum, völlig zerfleddert.
Ein Stechender Schmerz in seiner Brust, unsichtbar, schrecklich. Zwölf Jahre. Nein. Oh, nein.
»Doc?« Bär, mit dem MG im Anschlag.
»Es hat ihn mitgenommen«, murmelte Shepard.
»Nein.«
»Verfluchte Scheisse. Er hat ihn mitgenommen.« Zwölf Jahre. Vorbei.
»Nein. Nein. Er lebt noch. Er lebt noch!« Bär stieß einen Laut aus, der ihn schaudern ließ. Der Krieger hob das MG und lief, der Blutspur folgend, auf den Waldrand zu.
»Bär, nicht!« Sie waren wie Brüder. Keine Chance. Nicht die geringste.
Es war viel zu dunkel, um die Fährte zu verfolgen. Shepard rannte hinter ihm her, holte ihn kurz vor der Baumgrenze ein. Bär richtete die Waffe auf den Wald. Sein Schrei animalisch, aus dem tiefsten Innern. Dann Dauerfeuer, ein gesamtes Magazin. Holz splitterte, Äste knackten.
Sechzehn Sekunden Verlustschmerz, eingestellt auf Vollautomatik.
Manchmal, gibt es nicht genug Munition.
Klick. Leer. Shepard legte dem Kameraden und Freund eine Hand auf die Schulter.
In seinen Ohren fiepte es.
»Bär, hör mir zu. Es ist vorbei. Er ist tot. Niemand überlebt...«
Die Ereignisse überschlugen sich.
Angels Stimme, im Funk. »Teamleader, hier Whiskey. Erbitte Lagebericht. Kommen.«
Er konnte es ihnen nicht sagen. Nicht jetzt. Nicht so.
Bär riss die Augen auf. Er hakte das Maschinengewehr aus dem Tragegurt, Klappern, als es auf dem Gras landete, Shepards Hand wurde dadurch abgeschüttelt. Mit seiner rechten Pranke zog er die Magnum Desert Eagle Mk XIX aus dem Holster, richtete sie auf den Wald. »Da ist er.« Mehr Knurren, als Information.
»Teamleader, hier Whiskey. Bill hörst du mich? Was ist los? Kommen.«
Auch Shepard hob das M4. Bär feuerte einmal in den Wald. Und nochmal. Nichts zu sehen.
Griff zum Ohr. »Whiskey, hier Teamleader. Warte Angel. Kommen.«
»Verstanden Teamleader. Wiskey Ende.«
Bär feuerte wieder, dabei lief er jetzt auf die Baumgrenze zu. Er schrie, nicht Herr seiner Sinne. Shepard hörte es knacken und krachen, als Kugeln in umstehende Bäume einschlugen. Ein Zerren in seinem Innern, es dem Kameraden gleichzutun. Lass es raus. Soll der Zorn übernehmen. Zwölf Jahre. Verdammt noch mal. Es ging nicht.
Er setzte sich in ebenfalls Bewegung. »Bär, Feuer einstellen!«
Der Große reagierte nicht, er sprang übers Unterholz, weiter zwischen Bäumen hindurch, tiefer in den Wald. Schoss. Schrie.
»Bär! Feuer ein…«
Da war es. Schwarz. Groß. Unfassbar schnell. Direkt vor Bär, hinter einer Baumgruppe. Zu schnell für ihn.
M4 im Anschlag. ACOG-Visier. Grün-Schwarzer Kampf, auf Leben und Tod. Bär taumelte rückwärts, schoss nicht mehr.
Zeig dich, du Wichser!
Eine Bewegung, so rasch, dass Shepard sie fast nicht als solche erkannte. Ein Hieb, eine Klaue, Bärs Pistole flog ins Unterholz. Shepard jagte einen Feuerstoß in die Baumgruppe. Getroffen? Keine Ahnung. Nein. Doch es fühlte sich gut an. Nochmal. Bär schrie auf, stürzte zu Boden.
»Bill!«
Nein! Ein Sprint zum Waldrand, Hechtsprung über das Unterholz, Zenpo-Ukemi, Judorolle vorwärts. Auf ein Knie, M4 hoch. Feuer!
Treffer. Ein unmenschliches Brüllen. Keine Panzerung, Bastard. Blick durchs Visier. Kein Ziel.
Bär schrie, es packte ihn am Fuß und riss seinen massigen Körper hinter die Baumgruppe, als wäre es nichts. Schreie. Gebrüll. Animalisch. Was zur Hölle war das?
Auf die Füße. Links umfassend, schnell.
Bärs Schreie entfernten sich. Da war er.
Shepard musste mitansehen, wie es den Krieger wegschliff, unbegreiflich schnell. Das Ding war pechschwarz und rannte auf zwei Beinen in den Tann hinein, eine Klaue um Bärs Bein.
Shepard zielte, schoss. Keine sichtbare Reaktion, zu dunkel. Noch ein Feuerstoß. Und noch einer.
Nichts.
Bärs Schreie, weit weg.
Stille.
Ein kurzes Jaulen, wie von einem Hund.
Fuck.
»Bääär! Bäääääääär!«
Nichts. Allein, in der Finsternis.
Niemand der dort hingeht, kehrt wieder zurück.

VI​

Er beeilte sich, den Wald zu verlassen. Auf dem Weg zum Hügel versuchte er, klarzukommen. Am Fuße setzte er sich in den Schlamm, schloss die Augen. Beau würde schon über dieses Areal wachen.
Hämmernder Herzschlag. Rauschen in den Ohren.
Vor langer Zeit hatte ihm sein Großvater, ein altgedienter Marine, eine Reihe von Atem- und Konzentrationsübungen beigebracht. Das Grauen des Todes auflösen, fokussiert bleiben. Am Leben bleiben. Schützengraben-Meditation. Shepard nahm sich einen Moment.
Es half. Wie immer.
Er stand auf, betätigte den Funk.
»Aufklärung, Whiskey, hier Teamleader. Kommen.«
»Teamleader, wir hören dich. Kommen.«
»Ich komme jetzt zu euch, erschießt mich nicht. Kommen.«
»Du allein? Was ist mit Doc … ? Kommen.«
Zwölf Jahre. Da war er wieder, der Stich im Herzen. »Ich bin gleich bei euch. Teamleader Ende.«

Die beiden warteten am neu geschaffenen Eingang auf ihn. Bloß die zwei, Shepard sah grünen Lichtschein am Fuße der altertümlichen Kellertreppe.
Er musste gar nicht viel sagen, sie kannten sich lange genug und so reichte fast schon ein Blick in sein Gesicht. Beau schrie und wirbelte dabei umher, nicht im Stande, es zu ertragen. Angel bewegte sich nicht. Ihr Blick lag auf seinem und eine einzelne Träne löste sich, rann ihre Wange hinunter und verging.
»Es tut mir leid«, sagte sie leise. Ein Beben, des Herzens.
»Mir auch.«
»Was machen wir?«
»Wir verschwinden von hier.«
»Luttvig...«
»Wird bezahlen.«
»Gut.«
Er legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. »Kümmere dich um Beau, ja? Ich hole den Kunden.«
»In Ordnung … Bill?«
»Hm?«
»… Was ist es?«
Shepard überlegte. Schwarz und schnell. So stark, dass es Körperteile pflückte, wie andere Blumen. »Ich weiß es nicht. Kein Mensch. Aber, es fühlt Schmerz.«
Angels Augenbrauen hoben sich unmerklich.
Er drückte ihre Schulter und wandte sich ab. Die Treppe hinab, er musste den Kopf einziehen. Knicklichter, wie grün glühende Stöckchen, im Gang verteilt. Es wurde kühler, ein schwacher Hauch von Honig und Holzkohle.
Der Tunnel führte ihn in ein größeres Gewölbe, gelbe LED-Lampen erhellten den Raum. Köpfe drehten sich, sahen ihn an. Und schnell wieder weg. Die Wände waren von Mosaiken gesäumt. Männer in Rüstungen, mit Speeren und Schwertern, kämpften gegen … schwarze Wesen, mit spitzen Ohren, Klauen und einer Schnauze voller Reisszähne. Ein halbes Dutzend eherne Ablagen enthielten Tongefäße, Mörser und Stößel.
Da war Miller, sie stand mit dem Rücken zu ihm, an einer steinernen Ablage. Sie drehte sich um und sah ihn an. Wissende Schuld.
Scenoferu kam auf ihn zu. Der Doktor hatte, wie der Rest, seinen Regenponcho abgelegt. In der Hand ein metallenes Werkzeug, an dem Dioden blinkten. »Mr. Shepard, Ihre Anwesenheit ist hier unten nicht von...«
Rechter Haken auf die Leber, Neunzig Prozent Power. Er klappte zusammen, ein Klirren, als das Instrument zu Boden fiel.
Shepard packte ihn, zog ihn hoch.
»Sind Sie wahnsinnig…?« Unterbrochener Protest.
Kniescheibe gegen Nasenknorpel, Nasenknorpel verlor. Blut spritzte, Brillengläser knackten.
Die restlichen Wissenschaftler wichen zurück, ein Tontopf zerschellte.
Runde Drei. Auf die Beine, Arschloch.
Im Blick des Doktors lag jetzt Panik. Er wehrte sich nicht, als Shepard ihn vorn an der Jacke griff, gegen die Wand schleuderte und ihn dort festhielt.
»Was fabrizieren Sie hier unten für eine Scheisse?« Gebrüllte Frage, voller Grimm.
»Sie werden bezahlt...«
»Zwei meiner Männer sind tot! Tot!« Shepards Fäuste unterstrichen seinen Zorn, als er den Doktor wiederholt gegen die Wand rammte.
»Sie kannten das Risiko...«
Das reichte. Kopfstoß. Licht aus. Der Doktor sackte wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat, in sich zusammen.
Shepard drehte sich um. Vier Augenpaare. In jedem einzelnen lag Furcht.
»Schnappen Sie sich Ihren Chef. Wir verschwinden von hier. Ms. Miller, sie kommen mit mir.«

Es hatte aufgehört zu regnen. Auf dem Weg zum Lager hielt er die Dolmetscherin fortwährend am Arm, sie leistete keinen Widerstand. Alles was Sie wissen, jetzt sofort. Angel und Beau flankierten die Wissenschaftler, zwei von Ihnen mühten sich mit dem Doktor ab.
Miller wusste nicht viel. Eine Forschungsmission, zur Freilegung eines geheimen römischen Laboratoriums. Sicherstellung der vorhandenen Informationen, Sammeln von Daten, Entnahme von Proben. Das alles in der Hoffnung, auf Basis dieses archaischen Wissens, ein Heilmittel zu finden. Ihre Kenntnisse vom Decodieren altrömischer Formeln, brachte sie an Bord.
Shepard glaubte ihr. Vorerst.

Sie erreichten das Lager. Und waren gefangen.
Zeltplanen lagen in Fetzen am Boden, Ausrüstung weit verstreut. Am schlimmsten jedoch, die Jeeps würden nirgendwo mehr hinfahren. Vier parallel verlaufene Furchen hatten den Stahl aufgeschlitzt, die Reifen zerstört. Ähnliches beim Mercedes, auch wenn die Karosserie des Transporters nicht in Mitleidenschaft gezogen war. Auf der Ladefläche befand sich noch immer das große Rechteck, unter der Plane.
»Sammelt ein, was noch an nützlicher Ausrüstung übrig ist. Und seid wachsam, was immer das hier getan hat, befindet sich vielleicht noch in der Nähe«, befahl er Angel und Beau in leisem Ton mit einem Blick auf die umliegenden Wälder. Angel wirkte entschlossen, in Beaus rotgeränderten Augen lag Trauer. Shepard rief Ms. Miller zu sich.
»Ich will, dass sie sich die Männer nehmen und das Nötigste an Gepäck zusammentragen. In einer halben Stunde treffen wir uns am Transporter.«
Sie wandte sich ab, drehte aber dann den Kopf noch einmal zu ihm.
»Shepard?«
»Ja?«
»Dass Ihre Männer tot sind, tut mir leid.«
Abschätzender Blick. Sie meinte es ernst.
»War nicht Ihre Schuld. Nicolai Luttvig ist der, der sich Sorgen machen sollte.«
Etwas in ihrem Ausdruck veränderte sich, er konnte es nicht deuten. Sie drehte sich um, ging zu den Wissenschaftlern.
Shepard holte Docs Arm aus der Blutpfütze. Er befreite die Flinte aus dem Griff der Finger, legte sie zur Seite und wickelte das Körperteil in ein Stück Zeltplane. Sie würden es beerdigen, als wäre es Doc selbst, nicht bloß ein Teil von ihm. Er legte das Bündel neben die Pumpgun, dann kniete er sich vor Scenoferu. Seine Lakaien hatten den Forschungsleiter aufrecht an eines der Hinterräder des Jeeps gesetzt. Die Augen geschlossen, noch immer bewusstlos.
Er verpasste dem Mann eine kräftige Ohrfeige. Das half, in zweifacher Hinsicht. Flatternde Lider, dösiger Blick. Ein Grunzen.
»Wachen Sie auf.« Noch eine Ohrfeige. Das reichte, er hatte seine Aufmerksamkeit. Shepard zog ihn auf die Füße, schubste ihn in Richtung des Transporters.
»Was ist unter der Plane?«
Scenoferus blutverschmiertes Gesicht, eine Maske der Verachtung, »Das wissen Sie bereits … eine Gerätschaft, welche...«
»Welche am Abschluss Ihrer Forschung zum Einsatz kommen soll, ja, ich weiss.« Shepard streckte jetzt beide Arme aus, in der Hand noch immer das M4. Er sah von links nach rechts. »Sehen Sie sich um. Willkommen auf der Party, ich würde sagen, das Ende Ihrer Forschung ist erreicht.«
Er richtete das Gewehr auf Scenoferu. »Zeigen Sie es mir.«
Kurzer Blick auf die Mündung, »Sie schießen nicht auf mich, Mr. Shepard.«
Shepard schoss ihm ins linke Knie. Der Knall verhallte über dem Lagerplatz.
Ein Kreischen, der Doktor knickte weg, fing sich aber gerade noch und blieb auf einem Bein stehen, die Hände auf der Eintrittswunde.
Kurzes Handzeichen zu Angel, die mit der MP5 im Anschlag unter einer Zeltplane auftauchte. Alles in Ordnung.
»Dank Ihnen sind zwei meiner Freunde tot. Entweder, Sie zeigen mir, was sich unter der Plane befindet, oder ich nehme Sie Stück für Stück auseinander.«
Möglicherweise war es sein Wissen um Darwins Evolutionstheorie, vielleicht aber auch Shepards Gesichtsausdruck ... der Doktor fügte sich. Er humpelte zum Mercedes, schaffte es, unter Schmerzen auf die Ladefläche zu klettern, löste die Verschnürung der Plane und zog sie weg. Ein großer schwarzer Plastikcontainer, auf der Längsseite das weisse Rechteck, zentriert der Äskulapstab. Luttvig Research.
»Aufmachen.« Ein Wink, mit dem Sturmgewehr.
Scenoferu öffnete die an den Ecken anliegenden Bügelverschlüsse, wobei er kurz stutzte, als die vordersten an der Reihe waren. Sein Blick huschte zu Shepard, so schlau wie er war, hielt er jedoch den Mund.
Ja. Doc hat es gesehen. Und dann ist er unter Qualen gestorben. Also halt besser deine Fresse.
Ein letzter Bügel, fertig. Der Doktor machte zwei Schritte zurück und die vier Seitenteile der Verschalung fielen von der Ladefläche.
In diesem Moment verzogen sich die Wolken, der tief stehende Vollmond ließ Scenoferus Geheimnis glänzen.
Luttvig, du kranker Irrer. Freilegung eines römischen Laboratoriums, von wegen. Er ahnte, was das wahre Ziel dieser Mission war.
Auf dem Transporter lag ein silberner Käfig, rechteckig, mit langen Seiten. Ein Gittergeflecht aus Streben, so dick, wie Shepards Unterarm. An beiden Enden befanden sich Metallplatten, an einer auf den ersten Blick komplizierten Aufhängung. In der Mitte des Gebildes sah Shepard eine weitere Platte, in Form einer Wippe.
»Runter da«, schnauzte er Scenoferu an.
»Mein Bein...«
»Ist mir scheissegal. Beissen Sie die Zähne zusammen. Los, jetzt.«
Der Forschungsleiter sprang und schrie auf, als der Boden sein zerschossenes Knie begrüßte. Er fiel in den Matsch, fing an zu heulen.
»Stehen Sie auf ... Aufstehen!«
Scenoferu mühte sich auf die Beine. Shepard verspürte beim Anblick der riesigen Falle auf dem Transporter, wie die schützende Schicht aus Beherrschung, Risse bekam. Er legte auf ihn an.
»Hey...«
»Halt dein Maul, oder ich schiesse dir ins Gesicht.« Gebleckte Zähne.
Der Doktor hob die Hände. »Ganz ruhig...«
»Halts Maul!« Sein Abzugsfinger zitterte, ganz leicht.
Für Doc. Und Bär. Für diese unglaubliche Scheisse.
Aus dem Augenwinkel sah er die Forscher ein Stück abseits, dann kam Miller. Angel und Beau, an seiner linken Flanke. Alle starrten erst zu ihm, dann zum Gebilde auf dem Mercedes.
»Was zum Fick...«, Beau bekam den Mund nicht zu. Shepard atmete einmal tief durch.
»Was ist es, was wollten Sie damit fangen?«, fragte er den Leiter.
»Hören Sie...« Der Versuch einer weiteren Lüge.
Er lupfte das M4 um wenige Zentimeter, feuerte einmal, der Schuss verfehlte Scenoferus erhobene Rechte haarscharf. Die Kahkihose verfärbte sich dunkler.
»WAS. WOLLTEN. SIE. FANGEN?« Er wollte es aus seinem Mund hören.
Los.
Sag es.
Zögern. »Es … ist ein … Lykanthrop.« Beschämter Blick zum Boden.
»Was?«, fragte Beau.
»Ich sagte, es ist … ein …,«
Tu es.
Sag es ihm.
Sag es uns allen.
»… Werwolf«, schloss Scenoferu.
Stille.
Shepard senkte das Gewehr. Der Forschungsleiter ließ die Hände sinken. Niemand sprach. Gleichzeitig unvorstellbar und doch furchtbar real. Es dauerte einen Moment, dann konnte er den Doktor wieder anschauen, ohne den Drang, ihn auf der Stelle zu erschießen.
»Wozu? Warum lebendig?«, fragte er.
Schulterzucken. »Sein Blut. Forschung und Entwicklung. Wenn die Aufzeichnungen stimmen, sprengen die Regenerationskräfte alle bis dato bekannten Erkenntnisse auf diesem Gebiet. Was denken Sie, Mr. Shepard, welchen Preis die Menschen wohl bereit sind, für ewiges Leben zu bezahlen?«
»Die Menschen? Wohl eher Nicolai Luttvig.«
Für den Bruchteil einer Sekunde flogen Scenoferus Augen zu Ms. Miller.
»Das können Sie sehen, wie Sie wollen.«
»Beantworten Sie mir noch eine Frage«, sein Finger zeigte auf die Lebendfalle, »Wie zum Teufel wollten Sie vier dieses Ding da rein locken?« Er brachte es nicht fertig, das Wort Werwolf laut auszusprechen.
Scenoferus Lippen waren dünne Striche. »Die Falle besteht aus Diamantstahl, mit einer Silberlegierung. Einmal drin, kann es unmöglich raus. Wir haben Köder...«
Ein gurgelndes Kreischen, dicht gefolgt von einem Laut, als würde eine Stoffbahn zerreissen.
Schulterblick.
Fuck.
Adrenalin flutete die Schleusen. So schnell und noch so lautlos?
Dann Terror. Schmerzhaft, wie ein blanker Nerv, in Zeitlupe.
Die drei Wissenschaftler, hinter ihnen die Bestie, stehend auf zwei Beinen. Unnatürlich, lange Glieder, struppiges Fell, in schwarzgrauer Färbung.
Alpha.
Es hatte sich den hintersten gepackt, schlug die Fänge in seinen Hals, riss ihn hin und her. Eine mit Klauen bewehrte Pranke griff sich den Ärmel. Das Blut sprudelte nur so aus dem offenen Hals, ein hässliches Knirschen, als der Werwolf den Arm vom Körper trennte. Kakophonisches Gurgeln, Stöhnen und Schreien.
Shepard hob sein M4, Kampfgetümmel, kein freies Schussfeld. Angel warf sich nach rechts, auch ihre MP5 schwieg noch. Beau war nicht zu sehen, Scenoferu, neben Shepard erstarrt.
Das Monster riss die Kehle des Forschers heraus, Hautfetzen hingen ihm aus dem Maul. Achtlos warf es das tote Fleisch in seinen Klauen zu beiden Seiten weg.
Jetzt. »Ziel hoch!«
Shepards Sturmgewehr hämmerte eine Gruppe Treffer in die Schulterpartie des Werwolfs, Angels Maschinenpistole ratterte auf Vollautomatik. Die Kugeln schlugen in den Brustkorb ein. Rote Blüten, in schwarzem Fell.
Der Werwolf schluckte den Beschuss, machte einen rasend schnellen Satz und hieb nach einem der Forscher. Die Wucht katapultierte den Mann in die Luft, er landete auf der Dachkante des Jeeps und klatschte zu Boden. Bewegungslos, wahrscheinlich tot.
»Ausweichen!«, schrie Shepard. Ein weiterer Feuerstoß, Treffer. Seine Kugeln schienen dem Monster nichts anzuhaben.
Angel rollte sich unter ein Auto, er sah sie nicht mehr.
Die Bestie stand jetzt über dem letzten Wissenschaftler. Dieser kroch rückwärts weg, schrie dabei wie am Spieß. Übermenschlicher Griff nach unten, es hob ihn hoch.
Shepard ging in geduckter Haltung rückwärts, musste mitansehen, wie der Werwolf den Kopf des kreischenden Mannes zurückbog. Die Kiefer des Monstrums öffneten sich, weiter immer weiter, Reisszähne, so lang wie sein Zeigefinger. Das Kreischen erstarb, als der halbe Kopf darin verschwand. Knochen knackten, Blut spritzte, Glieder erschlafften.
Shepard spürte Metall im Rücken. Der Mercedes. Er ging in Deckung, lugte an der hinteren linken Ecke hervor. Der Werwolf ließ die Leiche fallen und drehte den Kopf. Es sah ihn nicht.
Nur wir sind noch übrig. Von Scenoferu war nichts zu sehen.
Es drehte den Kopf leicht hin … und her, als würde es sich umschauen. Dann reckte es plötzlich die Schnauze senkrecht in die Höhe und schloß die Augen.
Infernalisches Geheul.
Bei Gott!, durchfuhr es Shepard. Und wir nennen uns Wölfe.
Wir alle, werden hier sterben.

VII​

Shepards Gedanken rasten. Wo war Beau? Lag Angel noch unter dem Jeep? War Miller am Leben?
Er traute sich nicht, den Funk zu benutzen. Das Mistvieh hat übernatürliche Sinne. Kein Risiko eingehen, bei diesen Ohren. Er sah auf das M4 in seinen Händen.
Okay, Plan B.
Kurz um die Ecke gelinst. Es war noch da, stapfte in den Überresten der Forscher herum und streckte die Schnauze immer wieder in den Wind.
Shepard lehnte das Sturmgewehr sachte gegen den Radkasten des Mercedes. Dabei ließ er den Werwolf nicht aus den Augen. Bloß kein Laut.
Behände griff er sich an die taktische Weste, seine Finger suchten nach der Splittergranate. Da war sie. Langsam löste er das kugelförmige Wurfgeschoss. Geschafft. Über Einhundert Gramm Composit B, im Umkreis von fünf Metern normalerweise tödlich. Normalerweise. Fuck.
Mal sehen, wie dir das schmeckt, Bastard.
Er zog den Sicherungssplint, sein Daumen schnickte den Sperrbügel weg.
»Achtung, Granate!«, brüllte er, so laut, dass Angel, Beau und Miller es hoffentlich hörten.
Ein Blick vorbei am Transporter, das Monster hatte bei dem Ruf den Kopf gedreht. Es blickte ihn an. Die Granate kochte ab. Dreiundzwanzig. Zweiundzwanzig ...
Shepard warf, ein perfekter Bogen, der Sprengkörper landete vor den krallenbewehrten Hinterpfoten.
In Deckung.
Trockener Knall, ohrenbetäubend. Fleischklumpen, früher mal Wissenschaftler, und Erde prasselten auf ihn.
Animalisches Kreischen.
Das M4 wieder in seiner Hand, schwenkte Shepard seitlich der Heckklappe herum.
Willst du mich verarschen?
Das Viech stand immer noch, blutete aber sichtbar, aus mehr als einer großen Wunde.
Es sah Shepard, hinter dem Auto. Das war´s dann.
Rasend schnell, ein Satz, ein Sprung. Bloß von seinen Instinkt geschützt, hechtete er rückwärts weg. Die Bestie sprang gegen den Transporter, dabei krachte die Käfigfalle von der Ladefläche, genau an die Stelle, an der er sich noch vor einer Sekunde versteckt hatte.
Abrollen, auf die Füße. Die Falle lag rechts vom Werwolf, sein Kopf ruckte zu dem Geflecht aus Silber herum und er ging auf Abstand. Shepard sah, wie das aufgerissene Fleisch am Körper des Wesens sich bereits wieder zu schließen begann. Das Sturmgewehr in seinen Händen fühlte sich mit einem Mal lächerlich an, wie Kinderspielzeug. Mit ausgestreckten Krallen näherte sich das Monstrum, er sah, wie es zum finalen Sprung ansetzte.
Hey Doc, Bär, wartet auf mich, ich bin gleich bei euch, Brüder.
Nachhallender Mündungsknall. Dumpfes Knacken, als eines der Augen des Werwolfs zerplatzte, wie ein fallen gelassenes, rohes Ei.
Was? Er hatte nicht geschossen. Das Biest jaulte auf.
Eine Sekunde lang perplex, dann jubelte Shepard. Ja. Ja! Beau, du verdammter Teufelskerl!
Ein zweiter Schuss des Sniper zerfetzte der Bestie ihr linkes Ohr. Hätte es den Kopf nicht im letzten Moment bewegt, wohl möglich wäre es das gewesen.
Der Werwolf jaulte erneut, warf sich auf alle Viere und rannte weg vom Lager, so schnell, dass er umgehend mit dem Dunkel verschmolz.
Jaaa! Shepard fühlte es heiß hinter seiner Brust. Er lebte! Einem Impuls nachgebend, entleerte er den Rest seines Magazins in die Finsternis, schrie die Emotion heraus, Tränen in den Augen.

Vorerst in Sicherheit. Das Viech kam nicht wieder. Dafür kehrte Beau zurück, nachdem sie sich über Funk verständigt hatten. Der Scharfschütze erreichte das Lager von Osten her, wo Bär verschwunden war. Beau hatte dort auf einem Baum auf den richtigen Moment gewartet. Shepard war sicher, der Einsatz des Sniper hatte ihnen das Leben gerettet. Ein feuchter Wangenkuss und eine Umarmung von Angel, ließ den Hübschen erröten. So kannte man sie gar nicht. Sie hatte unter dem Jeep ausgeharrt, nachdem ihre Maschinenpistole keine Wirkung zeigte.
Miller krabbelte unter einer Zeltplane hervor, sie stand definitiv unter Schock. Shepard unterdrückte den Drang, die Frau für all das verantwortlich zu machen. Es war nicht ihre Schuld.
Angel ließ sie sich hinsetzen, Limonade war gerade nicht zur Hand.
Von Scenoferu fehlte jede Spur. Auch das Satellitentelefon war weg.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Beau.
Shepard dachte nach, sein Blick glitt über Zeltplanen, zu den Autos und kam auf der silbernen Falle am Boden zum erliegen.
»Wir killen das Mistvieh.«
Beau nickte, er fummelte mit seiner Hand in der Hosentasche herum. Sein Tonfall triefte vor Sarkasmus. »Ja klar, warte, ich hol den thermonuklearen Sprengkopf …« Handfläche traf Stirn, »… so was Blödes, den hab ich in meiner anderen Hose …,« ungläubiges Starren … »hast du gesehen, was das Ding aushält? Eine M67, eine .308er direkt in sein … verschissenes Auge!«, schrie er.
»Wir können es töten, Beau.« Er hatte Verständnis für die Angst. Sie wütete ebenso in ihm.
»Wie!« Herausgeschrien, keine Frage.
»Ich habe einen Plan«, sagte Shepard.
»Den will ich hören«, sagte Angel, hob ihre Maschinenpistole auf und trat an die Seite ihrer Brüder.

Rings um das zerstörte Lager brannten ein Dutzend improvisierte Fackeln, rasch gefertigt aus Zeltüberresten und dem Inhalt zweier Benzinkanister. Alle entspannten merklich, nachdem die Flammen den Platz erhellten. Die vier gruppierten sich um die Ladefläche des Mercedes.
Bestandsaufnahme.
Sechs geladene Magazine für das M4, sechs für die MP5, vierhundert Schuss für das MG 249, fünfundfünfzig Schuss Kaliber .308 für Beaus Remington. Zwei M67 Splittergranaten, drei Flashbangs. Ihr größtes As im Ärmel - Beaus Wortwahl - waren die vier M18A1 Claymore-Landminen.
»Siebenhundert Stahlkugeln hinter einer Platte C4, eingebettet in eine Schicht aus Kunstharz«, erklärte er Miller, die mit ihnen an der Motorhaube des Mercedes stand. Vorderseite Richtung Feind, stand in eingestanzten Wörtern auf dem Sprengsatz.
»Kommen wir zum wesentlichen zurück.« Shepard nahm ihm die Mine aus der Hand und legte sie zu dem Rest der Ausrüstung auf die Fläche. »Wir schieben die Autos zu einer Art Korridor zusammen. An dessen Ende kommt die Falle. Vielleicht können wir sie mit den Tarnnetzen noch ein wenig … unscheinbarer machen.« Ein Seitenblick auf den Käfig, der mit Silber legierte Diamantstahl glitzerte im Lichte des Vollmonds. »Im besten Fall finden wir die Köder, von denen der Doktor gesprochen hat, damit locken wir das Mistvieh an.«
»Und wenn wir sie nicht finden?«, fragte Angel.
»Dann improvisieren wir.«
»Und du glaubst, das funktioniert?« Beau wirkte nicht überzeugt.
»Nein. Wird es nicht.« Verdutzte Gesichter, wohin er auch sah.
»Wir locken es an, direkt vor die Falle. Diese wird von einem Trichter aus Landminen gesäumt. Das Vieh ist nicht blöd, es wird die Claymores auf seinem Weg zu uns erkennen. Wenn es dann da ist, kriegt es unsere gesamte Feuerkraft zu spüren. Du, Beau, hast von deinem Baum aus fünfundfünfzig Versuche, seinen Kopf zum Platzen zu bringen. Blendgranaten sollten ihn verwirren, Angel und ich treiben ihn zusätzlich in Richtung der nahen Minen.« Sie tauschten einen Blick. »Ziel auf den Kopf«, riet Shepard ihr, »den Rest kannst du vergessen.«
»Ich werd’s mir merken.«
»Ms. Miller?«
Augen voll Angst. »J...ja?«
»Sie sind mein MG-Schütze. Sie geben Unterstützungsfeuer.«
Jetzt wurden die Augen plötzlich riesig. »Ich weiss nicht, was das ist.«
»Keine Sorge, es wird Ihnen gefallen.«
Beau konnte sich nicht zurückhalten. »Wenn Bär das noch erlebt hätte, das eine Zivilistin seine Waffe mexikanisch abmunitioniert … gegen einen verfickten Werwolf … Scheisse, dass hätte ihm bestimmt gefallen.«

VIII​

Er sah auf seine Armbanduhr. 11:59 PM. War das zu fassen? Ihre Ankunft am Kastell lag erst drei Stunden zurück. Drei Stunden. Gefühlte Ewigkeit, getränkt im Blut der Kameradschaft, zerrissen von einem Monstrum, das es doch bloß in Märchen und schlechten Filmen geben sollte.
Der Vollmond war mittlerweile hoch aufgezogen, die Wolken verschwunden. Shepard hielt inne und schaute auf, selten hatte ihn der Anblick der Sterne dermaßen berührt, wie in diesem Augenblick.
Fern der Zivilisation. Genau so, wäre es bestimmt des Nachts an dem See in Montana.
Mutter Natur kann unberührt strahlen. Wunderschön. Friedvoll.
Und ohne das gottverdammte Monster, dass es gar nicht geben dürfte, dachte er, wobei dieser Gedanke sein Selbst zurück in die Realität brachte.

Die Falle war fast fertig. Sie hatten die Autos U-förmig aneinander geschoben, in der Mitte lag der Käfig, verdeckt unter Flecktarn. Die Minen waren scharf, ein kleiner Trichter aus Stolperdrähten, weit genug auseinander, dass nicht eine Explosion die anderen auslöste.
Mit grimmiger Befriedigung dachte Shepard an Beau, als dieser die Sprengsätze vorbereitete.
»Was wird das denn?«, er hatte den Scharfschützen unlängst dabei ertappt, wie er gerade mit einem roten Fettstift auf den Minen herumschrieb.
»Wenn wir schon draufgehen, dann wenigstens mit Stil«, antwortete Beau, drehte seine Arbeit zu ihm um und grinste breit.
Vorderseite Richtung Feind Werwolf.
Shepard schmunzelte. Spinner.
Der Sniper wirkte aufgekratzt, Shepard kannte das aus eigener Erfahrung. Ein bevorstehender Kampf, der Verlust von Kameraden. Jede Menge Stresshormone, immer wieder ein und ausgeschaltet, wie ein Kind, an einem Lichtschalter. Das Unterbewusstsein von Soldaten war meist eine selbstsüchtige Hure.
Jetzt sprang der der jüngere Mann von dem Plastikcontainer, zog sein olivgrünes Shirt hoch und grinste. Perfekte Bauchmuskeln. Fast vollständig tätowiert, die Motive mannigfaltig. Die Flossen einer Meerjungfrau schmiegten sich an den Knochen eines Totenschädels, aus dessen Mund eine Schlange hervorkroch, ihr hinterer Leib umwickelte einen Satz Spielkarten, ein Vierling Siebener, der wiederum neben zwei gekreuzten M16…
»Hier, siehst Du?«, grinsend zeigte Beau auf seinen entblößten Adoniskörper. Eine freie Stelle, handtellergroß. »Das Full House kann warten. Wenn wir das Scheißding geschlachtet haben, kommt es genau hierhin … », der Junge gestikulierte mit einer Hand, » … und sein Auge lasse ich am Sehnerv herabbaumeln … das wird so fett...«, murmelte er.
Shepard hatte genickt. »Dann lass uns loslegen, es wird Zeit.«

»Bill?« Angel trat an seine Seite.
»Hm?«
»Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.«
»Die Gute?«
»Miller hat die Köder gefunden.«
»Hervorragend. Und die schlechte?«
»Miller hat die Köder gefunden.«
Stirnrunzeln.
»Komm mit, ich zeig’s dir.«

Pheromone auf dem Lebenköder auftragen, stand in kleiner Schrift auf den silbernen Päckchen. Miller hatte sie in einem Vakuumbehälter zwischen den Resten der Ausrüstung aus dem Forschungszelt geborgen. Jetzt lagen sie vor ihnen, es waren drei Stück.
»Wie …, Lebendköder?« Beau sprach das aus, was Shepard dachte.
Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, die sprießenden Stoppeln kratzten angenehm auf seiner Haut. »So wie ich das verstehe«, sagte er, »benötigt es ein lebendiges Wesen, dass den Duftlockstoff mit seinen eigenen Gerüchen vermischt, damit unser Ehrengast zur Party erscheint ...«
Die anderen sahen ihn aus großen Augen an, » … keine Ahnung, ich kenne mich mit dem Zeug genau so wenig aus, wie ihr.« Er betrachtete für einen Moment die silbernen Beutel. »Schade, dass Scenoferu nicht hier ist.«
»Ja, schade. Dann hätten wir unseren Lebendköder.« Angel scherzte nicht.
Für einen Moment herrschte Stille.
Shepard zeufzte. Die Bürde des Kommandos.
»Okay, ich mache das.«
»Auf gar keinen Fall«, zweistimmiger Protest, zeitgleich.
»Hey, hört mir zu. Beau, du kommst nicht in Frage, du lieferst den Killshot. Angel, ich brauch’ Dich an meiner Seite, falls Miller Probleme mit dem MG kriegt, oder wir irgendwie improvisieren müssen.« Niemals hätte er einem von ihnen diese Last auferlegt.
Frustriertes Schweigen.
»Es muss eine andere Möglichkeit geben«, versuchte Angel, ihn umzustimmen.
»Die gibt es nicht. Ich mache es. Das ist ein Befehl.«
»Das Ding wird nur hinter dir her sein, wie der Jagdhund hinter dem Hasen«
»Ja. Nur dass ich keine Haken zu schlagen brauche, wenn unser Plan funktioniert.«
Ihre Blicke kreuzten sich. Offenbar dachten alle das Gleiche.

Wenig später, traf er sich mit Miller am MG-Nest. Sie hatten in südöstlicher Position, etwa Zweihundert Meter vom Lager entfernt, in Richtung des Gatters, Teile der Ausrüstung zu einem hüfthohen Halbkreis gestapelt, mit einer Scharte in der Mitte. Ein Netz aus Flecktarnung lag darüber.
Die Dolmetscherin benötigte bloß zwei Versuche, dann beherrschte sie die Handgriffe, um das Magazin am Maschinengewehr zu wechseln und durchzuladen. Die Waffe lag, auf ein Zweibein gestützt, am Boden. Miller dahinter.
»Mehr ist es nicht«, erklärte Shepard.
Tapferes Nicken. »In Ordnung«, murmelte sie.
»Sie machen das schon. Denken Sie dran, kurze, kontrollierte Feuerstöße. Treiben Sie das Biest zurück, in den verminten Bereich. Angel und Ich tun dasselbe. Beau verpasst ihm Kopfschüsse, die Claymores erledigen den Rest … und wir gehen alle nach Hause.«
Miller sah auf, schaute ihm in die Augen. »Wenn wir es schaffen …, «
»Wir schaffen es.« Bau sie auf. Gib ihr Zuversicht.
»Okay …,«
Er wandte sich zum Gehen ab.
»Mr. Shepard?«
Schulterblick.
»Zuhause …, werden Sie … Mr. Luttvig … töten?, fragte sie.
Er dachte kurz darüber nach.
»Ich weiss noch nicht, was ich mit ihm machen werde. Wieso, wünschen Sie ihm den Tod?«
Millers Gesicht erblasste, im Lichte des Vollmonds. »Ja«, flüsterte sie.

Zeit, loszulegen.
Beau und Miller waren auf ihren Posten, bestätigten dies per Funk.
Shepard stand mit entblößtem Oberkörper im Mondlicht und riss den ersten Köderbeutel auf. Ein schwacher Duft nach Moschus und Urin mäanderte daraus hervor. Er kippte sich den Inhalt in die Handfläche, grünes Gelee. Das Zeug stank zum Himmel.
Angel trat an seine Seite. Gezogene Grimasse, ein schiefes Grinsen.
»Brauchst du Hilfe?«
»Damit du den Scheiß auch an den Händen hast? Nein, Danke.«
Sie grinste kurz, doch dann flackerte Trauer in ihren Augen.
»Bill, wenn ...«
»Lass’es, Mel. Wir werden es schaffen.«
»Ja …, ich will nur, dass du weisst, dass die letzten Jahre … unser Rudel …,« Sie rang nach Worten, er gab ihr den Raum, während er sich mit dem ekligen Glibber einrieb.
» … es war die beste Zeit meines Lebens. Und du bist der beste Anführer, der beste Leitwolf, den ich kenne. Es war mir eine Ehre, William.«
Shepard beendete die Prozedur. Er sah Angel tief in die feucht schimmernden Augen.
»Die Ehre ist ganz meinerseits. Und jetzt lass’ uns diesen Bastard zur Hölle schicken.«


IX​

Da war er.
Der Alpha.
Sein drahtiger Körper schälte sich aus dem Dunkel des Waldes, auf allen Vieren.
Shepard kniete im Innern der Falle, hinter dem Druckschalter in Wippenform.
»Komm schon, bringen wir’s hinter uns«, murmelte er, mehr zu sich selbst.
Es kam.
Oh, und wie es kam.
Ein schwarzer Fleck, der rasend schnell größer wurde. Es überbrückte die Strecke vom Waldrand, zum Randbereich des Lagers in weniger als zehn Sekunden. Direkt auf ihn zu.
Jetzt, Miller, dachte Shepard.
Miller war auf Zack.
Das MG erwachte furios zum Leben, spieh kurze Feuerlanzen und stoppte den Werwolf.
Brüllend richtete sich das Monster auf.
Angels Stichwort. Sie lag unter dem rechten Jeep, überbrachte dem Bastard Grüße, von Edmund Heckler und Theodor Koch. Salven von drei Schuss, auf den Kopf. Es hob die Hände, schützte die Augen.
»Mach schon, Beau«, murmelte Shepard.
Doch am östlichen Waldrand, blieb es still.
Gleich würde Miller nachladen müssen.
M4 gehoben, zielen, Feuer. Friss das, Wichser!
Auch er visierte die weichen Stellen in der Schnauze an, noch immer von den Unterarmen geschützt. Hautfetzen und Fell flogen davon, hinterließen blutige Schrammen. Die Wunden schlossen sich umgehend.
Angel lud ihre MP nach, Miller hatte sich eingeschossen. Sie konzentrierte den Beschuss jetzt ebenfalls auf den Kopf, verdammt, sie war gut. Das massierte Feuer zeigte Wirkung, der Werwolf jaulte auf und ließ sich auf alle Viere fallen, wich aber noch nicht zurück.
Jetzt mach schon Beau! Warum feuerte der Sniper nicht?
Der Kopf der Bestie ruckte herum. Zum MG.
Oh, nein.
Angel schoss wieder, lenkte den Alpha für einen kurzen Moment von Miller ab. Shepard reagierte instinktiv. Er bewegte sich rückwärts aus der Falle heraus, rannte an der rechten Seite vorbei und rutschte über die Motorhaube des Jeeps, unter dem Angel gerade schoss.
Erneut jaulte der Werwolf. Treffer. Sehr gut, Angel.
Shepard zog seine Flashbang aus der Weste. Ein schwarzer Zylinder, handlich, wie eine Limodose.
Millers MG verstummte. Zweihundert Schuss.
Am Rande seiner Wahrnehmung vernahm er ein vertrautes Geräusch. Weit weg.
Das Monster setzte zum Sprint an.
Diese verschissenen, unwirksamen Pheromone.
Splint gezogen, der Sperrbügel flog.
»Achtung, Granate!«
Der Wurf, nicht schlecht. Shepard drehte sein Gesicht weg. Ein greller Lichtblitz, ein scharfer Knall. Animalisches Jaulen.
Ja! Das Biest war wieder auf zwei Beinen, winselnd. Und es taumelte rückwärts. In Richtung der Minen.
»Jetzt Beau! Schiess doch!« Shepard schrie, so laut er konnte, in Richtung der Bäume. Nichts geschah.
Das darf nicht wahr sein.
Er nutzte die Desorientierung des Wesens und rannte außen am Autokorridor vorbei, zur Kühlerhaube des zweiten Jeeps. Zwischen ihm und dem Monster war jetzt nichts, außer dem Minenfeld.
Das vertraute Geräusch wurde langsam lauter. War das etwa … ein Helikopter?
»Hey … Hey!« Er fixierte den Werwolf, riss die Arme hoch, wedelte damit, über Kreuz … und wieder zurück. Hier bin ich, du verdammter Bastard.
Die Bestie wandte den Kopf. Und sah ihn.
Miller hatte nachgeladen, das MG spuckte wieder heißes Blei. Auch Angel schoss. Shepard winkte, so gut er konnte.
»Komm her! Komm und hol mich!«, schrie er dem Biest entgegen. Der Werwolf dreht sich zu ihm um.
Miller munitionierte mexikanisch ab. Dauerfeuer, auf den Rücken des Wolfs. Angel tat es ihr gleich. Es wirkte, sie trieben ihn einen Schritt weiter auf Shepard zu.
»Du willst mich! Komm schon, ich bin hier!« Wildes Winken.
Es war ein Hubschrauber, das charakteristische Geräusch seiner Rotorblätter stieg hinter den Wäldern im Nordosten auf.
Das MG verstummte. Leer. Auch Angel schoss nicht mehr.
Das Monster hatte ihn fokussiert, es kam langsam auf ihn zu. Es schnüffelte.
Ja gut so. Noch einen Schritt. Komm schon, mach noch einen Schritt.
Sein Blick senkte sich für den Bruchteil einer Sekunde nach unten, der erste Stolperdraht, exakt vor den Krallen des Werwolfs.
Mach schon. Hol mich.
Es stand still. Und sah nach unten.
Nein.
Nein, verdammt.
Es hob den Kopf … und fing an, langsam das Minenfeld zu umrunden. Als es die nadelspitzen Reisszähne entblößte, kam dies einem Grinsen gleich.
Beau, was zur Hölle ist passiert? Lass es mich verstehen.
Angel kroch unter dem Jeep hervor, sprang auf die Füße. Jetzt war sie es, die wild mit den Armen ruderte. Und schrie.
»Hier du Hurensohn! Nimm mich! Ich bin hier! Nimm mich!«
Sie wollte ihn retten. Er liebte sie dafür.
Die Bürde des Kommandos.
»Angel, lauf weg, lauf zu Miller!«, an sie gewandt, »Na dann komm, du Mistkerl. Du willst der Alpha sein? Dann komm her und kämpf’ gegen mich!«, an den Wolf gerichtet.
Der Alpha schaute kurz von ihr zu ihm … und folgte seinem Wunsch. Langsam und vorsichtig, er hatte die Claymores erkannt.
»Neeeiiiin!«, Angels Schrei, ließ sein Herz erbeben.
Jetzt war er da, noch drei Schritte.
Shepard warf das M4 weg, änderte seinen Stand. Grundstellung. Zenkutsu-Dachi.
Bringen wir’s zu Ende.
Tief fliegendes Wummern, dann lautes Dröhnen, über ihren Köpfen. Ein Huey, eine Bell UH-1 Iroquois flog über die Bäume. Die Mitteltüren fehlten, an ihrer Stelle bemannte ein Bordschütze eine Waffenlafette.
Und seine Gatling-Minigun begrüsste das Monster.
Shepard warf sich nach rechts, als der Mix aus Leuchtspurgeschossen und großkalibrigen Kugeln den Boden perforierte. Erdfontänen stiegen auf, dann traf der Bordschütze den Werwolf.
Dreiundachtzig Schuss pro Sekunde röhrten herab, fraßen sich in den Leib des Wesens und drängten es zurück. Hinein in das Minenfeld. Die erste Claymore explodierte, ein Chaos aus Erde, Rauch und Blut. Dann sofort die Zweite, durch die Kugeleinschläge taumelte das Monstrum weiter zurück. Ein Teppich aus Detonationen. Zwei, Drei vier. Betäubend laut und wunderschön.
Die Minigun verstummte, der Helikopter schwebte auf der Stelle, sein Luftwirbel vertrieb den Rauch.
Die Überreste lagen in Fetzen dar. Blutige Klumpen, rauchendes Fleisch.
Es war vorbei.
In den Helikopter kam Bewegung, er drehte ab und flog tief über dem Boden davon. Shepard erkannte auf der Seite des Gefährts ein Logo. Goldener Adler, mit blauem Schild.
Rumänische Luftwaffe.
»Heey!?«, schrie er dem Piloten hinterher. War das sein Ernst?
Er rannte zu Angel, die ihn mit einem befreiten Lachen und Tränen in den Augen kurz und fest in die Arme schloss, dann sprinteten die beiden zu Miller. Die beiden Frauen umarmten sich.
»Aufklärung, hier Teamleader. Kommen«, versuchte er Beau über Funk zu erreichen.
Keine Reaktion.
»Aufklärung, hier Teamleader. Hörst du mich? Kommen.«
»Beau?«
Nichts.
Dafür sahen sie Dr. Scenoferu.
Er lief, vom Burghügel aus, dem Hubschrauber entgegen.

X​

Sie rannten auf den Hubschrauber zu. Der Huey setzte am Fuße des Hügels auf, wenige Meter vom nordöstlichen Waldrand entfernt. Offenbar hatte der Pilot nicht vor, lange zu bleiben, denn er stellte den Motor nicht ab. Scenoferu erreichte die Maschine vor ihnen. Er humpelte heran und klettere ungelenk in den Rumpf.
Das Trio war jetzt nur noch wenige Meter entfernt.
»Erschießen Sie die beiden da!«,kreischte der Doktor den Bordschützen gegen den Lärm des Rotors an. Dabei fuchtelte er in Shepards und Angels Richtung.
Sie waren fast da.
Der Rumäne schaute vom Forschungsleiter zu ihnen, kam der Aufforderung jedoch nicht nach.
Plötzlich war da eine Pistole in Scenoferus Hand, Shepard hatte nicht gesehen, woher der Mann sie so plötzlich gezogen hatte. Sie erreichten den Hubschrauber. Der Abwind ließ sie die letzten Schritte bloß noch geduckt zurücklegen. Scenoferu zielte auf ihn.
»Ms. Miller, kommen Sie her«, schrie er.
Die Dolmetscherin sah ängstlich von Shepard zum Doktor. »Nein!«
»Ihr Vater hat mir klare Befehle gegeben! Jetzt kommen Sie gefälligst her, wir müssen hier weg!«
Ihr Vater? In diesem Moment wurde Shepard vieles klar.
Das Chaos übernahm erneut, zum letzten Mal in seinem Leben.
»Oh Gott!« Angel, die mit starrem Blick etwas im Rumpfbereich des Helikopters entdeckte. Sie stieß ihn nach links zur Seite weg und warf sich in Folge der selben Bewegung gegen Miller.
Im Fallen, sah er es auch.
Die ganze Zeit über ... waren es zwei.
Oh, Beau …, oh nein.
Ein grauschwarzer Schatten, sprang von der Seite des Waldrandes aus in den Hubschrauber. Scenoferu wurde ihnen entgegen geschleudert, er schrie auf. Der Werwolf rammte dem Bordschützen die Kralle von hinten durch den Rücken, sie durchbrach den Brustkorb, roter Schmodder tropfte von den Klauen.
Terror in Zeitlupe, erneut. Sämtliches Adrenalin war verbraucht.
Das Biest zog seine Kralle aus dem Körper des Mannes, die Leiche kippte vornüber von Bord.
Shepard lag am Boden, sein Gehirn weigerte sich, zu verarbeiten, was es sah. Er war nicht im Stande, sich zu bewegen.
Hellere Färbung am Bauch des Wesens, zahlreiche rosa Zitzen schimmerten im Mondlicht.
Eine Fähe.
Ms. Alpha.
Dann war da plötzlich ein Mensch hinter dem Monster, nackte muskulöse Arme, ein großes Messer blinkte auf.
Das war unmöglich ...
Bär.
Neben Shepard hechtete Angel nach rechts weg, in Richtung der Pilotenkanzel.
Das Monstrum und der Krieger stürzten aus dem Hubschrauber, eng umschlungen, ein Knäuel aus menschlicher Haut und grauem Fell.
Scenoferu krabbelte ihm langsam entgegen, in der Hand noch immer die Pistole.
Die Werwölfin stand jetzt aufrecht, Bär hing auf ihrem Rücken. Sie versuchte, ihn mit ihren Krallen zu erwischen, er blockte mit dem Unterarm ab und hieb die Klinge auf ihren Kopf. Das Brausen des Rotors schluckte ihr Gejaule. Bär bleckte die Zähne, über das Antlitz des Navajo lief blutrote Kriegsbemalung.
Shepard sah auf, Scenofero stand mit einem Mal über ihm. Sein Gesicht, eine Fratze des Hasses.
Dahinter Bärs Arm, auf und nieder, immer wieder stach er zu.
Der Doktor hob die Pistole.
»Sie hätten ihren Job machen sollen, Mr. Shepard.«
Bär trieb sein Messer bis zum Anschlag in das Auge der Bestie, ihr Todesschrei, mit dem Maschinenlärm gleichauf.
Scenofero spannte den Hahn.
Da durchlief ein Rucken den Hubschrauber, das Heck schwang herum und schleuderte Bär vom Rücken des Monsters.
Scenofero zerplatzte in einer Wolke aus Blut, als der kleinere Rotor durch ihn hindurchfuhr.
Shepard blinzelte.
Angel, die ihre Glock auf dem Sitz des Kopiloten auf den Rumänen am Steuer richtete.
Er schloss die Augen und atmete durch.
Ausschlafen. Angeln. Alt werden.

Vier Wochen später.
Old Bridge Pub, in Bigfork, Montana.
Die Sonnenstrahlen fielen durchs Panoramafenster. Im Schankraum war es, dank der Klimaanlage, angenehm temperiert.
Shepard nahm einen Schluck von seinem Root Beer. Der würzige Geschmack nach Wachholder rollte über seine Zunge. Herrlich.
Neben ihm knackte Bär eine weitere Erdnussschale, das Häufchen auf dem spiegelblanken Holztresen wurde immer größer.
Angel kam vom Klo zurück. Sie nahm wieder auf dem Barhocker neben ihren Brüdern Platz. Im Fernseher, welcher ihnen gegenüber in der linken Ecke an der Wand hing, begann soeben ein Newsblock.

»Wir beginnen unsere Sendung mit einer traurigen Meldung aus der Wirtschaft. Der Unternehmer Nicolai Luttvig, verstarb am Wochenende friedlich im Schlaf, im Alter von siebenundachtzig Jahren. Luttvig, dessen Vermögen sich zu Lebzeiten auf mehr als drei Milliarden US-Dollar belief, hinterlässt keine lebenden Verwandten. Und nun zu etwas erfreulicherem …, «

Shepard nahm den Blick vom Fernseher und schnalzte mit der Zunge. Er hob die Bierflasche, zum Anstoß. »Auf Doc und Beau. Mögen sie in Frieden ruhen.«
Sie stoßen an und jeder nahm einen tiefen Schluck.
Kurzes Schweigen.
»Weisst Du«, sagte Angel, »dass es heißt, in deinem See haust ein Monster?«
Seitenblick. Emotionslos.
»Ach ja?«
»Yep.« Sie fischte sich eine Erdnuss aus Bärs Vorrat, knackte die Schale. »Angeblich eine Fünfundsechzig Fuß lange Seeschlange … hab ich im Fernsehen gesehen.«
Shepard nahm einen weiteren Schluck Bier.
»Man sollte nicht alles glauben, was die Medien behaupten.«

ENDE

 
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Hallo @Seth Gecko ,

vielleicht übersehe ich was, aber sollte nicht das erste Wort des Titels im Nominativ stehen? Bei dir sind beide im Genitiv sing.: Vocationem und sanguinis
Vermutlich willst du sagen: Der Ruf des Blutes und nicht Des Rufes des Blutes. :)

Ich bin auch nicht sattelfest, aber da würde ich an deiner Stelle besser noch mal nachschauen.

Ansonsten nur kurz was Formales: In Prosa werden Zeilenumbrüche oder Absätze nach Zusammenhang / Verlauf / Sinn gesetzt (oder bei Schauplatzwechseln, Zeitabständen, in Dialogen bei Sprecherwechseln etc.). Bitte nicht nach fast jedem Satz eine Zeilenschaltung, damit zerschiesst sich nicht nur das Format, sondern es gibt den einzelnen Sätzen viel zu viel Gewicht. Da baut sich eine Erwartung auf, die dann nicht erfüllt wird. Finde ich zu anstrengend zu lesen, sorry. Zumal da ne Menge vermeidbarer Phrasen drin sind.

Herzlichst,
Katla

 
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Bei dir sind beide im Genitiv sing.: Vocationem und sanguinis
vocatio Sangunis wäre korrekt, im Genitiv steht vorcationem aber nicht @Katla sondern im Akkusativ, was dann durchaus eine mögliche Variante wäre, allerdings heißt vocatio eher Anruf, besser wäre oratio sanguinis genug geklugscheißert :D

 
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Moin @Katla ,
danke für deinen Kommentar.

sollte nicht das erste Wort des Titels im Nominativ stehen? Bei dir sind beide im Genitiv sing.: Vocationem und sanguinis
Vermutlich willst du sagen: Der Ruf des Blutes und nicht Des Rufes des Blutes
Leider kann ich kein Latein und habe ganz stumpf den Google-Translator angeworfen. Das kam dabei raus. Du hast vollkommen recht, es soll "Der Ruf des Blutes" heißen. Hmmm...:confused:...muss ich schauen, wie ich das noch korrigiere. Vielleicht kann ja einer der Wortkrieger helfen? ;)
Ansonsten nur kurz was Formales: In Prosa werden Zeilenumbrüche oder Absätze nach Zusammenhang / Verlauf / Sinn gesetzt (oder bei Schauplatzwechseln, Zeitabständen, in Dialogen bei Sprecherwechseln etc.). Bitte nicht nach fast jedem Satz eine Zeilenschaltung, damit zerschiesst sich nicht nur das Format, sondern es gibt den einzelnen Sätzen viel zu viel Gewicht. Da baut sich eine Erwartung auf, die dann nicht erfüllt wird.
Okay, danke. Das war mir nicht bewusst. Meiner Ansicht nach hat die Story mit diesem Aufbau genau den richtigen Punch.
Zumal da ne Menge vermeidbarer Phrasen drin sind.
Hast du da ein bis zwei Beispiele für mich?

Vielen Dank und beste Grüße,
Seth

 
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Hallo @Seth Gecko ,

ah, okay, google hab ich mir fast gedacht. Gibt es denn einen Grund, den Titel lateinisch zu haben?
Das kann dann nur Vocātiō sanguinis sein.

@Isegrims In der Tat, man sollte vllt. nicht kommentieren, wenn man in Eile ist. Aber um das nachzusehen, hatte ich ja die Tabellen verlinkt.
Echt, oratio? Ich das nicht eher in Richtung Lobpreisung, Loblied? MAn passt es nicht in diesem Kontext.
Wäre es nicht sinnvoll, Seth, einen Titel zu nehmen, bei dem du genau weißt, wie es gehört und was er sagt? Dann eben auf Deutsch? Das ist doch sonst irgendwie ... naja.

Phrasen nur z.B.

unglaublich nah

wie in Trance

Lächeln umspielte

tiefstes Schwarz
(Pleonasmus)
wie ein Peitschenhieb

Viele Grüße noch mal,
Katla :)

 
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Hallo @Katla ,

hatte die Idee mit dem Lateinischen, da ich fand, es passe gut zur Story. Römisches Kastell, Pergament, in Latein geschrieben, unterirdisches, altertümliches Labor, etc.

Hast natürlich Recht, es ist schon unschön, wenn bereits der Titel fehlerhaft ist. Das geht gar nicht. Da hat Google mich verarscht. :fluch: Ich habe erst vor wenigen Monaten mit dem Schreiben begonnen, bin noch dabei, meinen Stil zu finden und "tobe mich noch ein wenig aus" :rotfl:

Vielen dank für die Beispiele, das hilft mir sehr, für zukünftige Texte.

Beste Grüße,
Seth

 
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Hallo @Seth Gecko ,

hier zumindest ein paar Eindrücke zum ersten Absatz. Der Inhalt hat mich leider nicht dazu verleitet, weiterzulesen.

Es könnte der Beginn eines 80er-Jahre-Actionsfilms sein, da habe ich Arnie und Co. direkt vor Augen.

Du überhäufst jedoch die Leser schon im ersten Absatz mit Personennamen und Details zu Waffen. Auch das ist natürlich Geschmackssache, aber zumindest mich lässt es dann vermuten, dass es von der Erzählart her auch so weitergeht. Ist dann halt nicht so mein Fall, da schaue ich mir lieber nochmal einen der alten Streifen an ...

Noch ein paar Details:

Turbulenzen rüttelten an der Frachtmaschine.
Donner krachte, unglaublich nah. Shepard öffnete die Augen.
Ein Blitz zuckte herab, das weisse Logo auf den Kisten leuchtete für den Bruchteil seiner Existenz auf. Stilisiertes Rechteck, im Zentrum ein Äskulapstab.
Erneuter Donnerschlag. Gottes Artilleriebeschuss.
Durch die markierten Textstellen habe ich schon fast wieder aufgehört zu lesen ... ;
wie leuchtet etwas für den Bruchteil seiner Existenz auf?

Er versuchte noch einmal, einzuschlafen. Die nächste Turbulenz presste ihn an die Bordwand.
Eingeweide vs. Gleichgewichtssinn. Keine Chance.
Auch hierbei. Ist natürlich nur meine Meinung, aber gehst du wirklich davon aus, dass das jemand lesen will?

Ihrer Mimik nach wären sie jetzt gerne woanders.
Hier könntest du ihre Mimik entsprechend im Detail beschreiben, damit der Leser selbst darauf kommt.

Shepard konnte ihr Gesicht nicht sehen, hoffte jedoch, dass sie nicht noch alles vollkotzte.
Wie kommt er darauf, dass sie kotzen muss, wenn er ihr Gesicht nicht sehen kann?

Alle fünf trugen Multifunktionskleidung in khaki und olivgrün, alle fünf waren unbewaffnet.
Allgemein: auf Wortwiederholungen achten

Der Griff seiner Mossberg JIC Shockwave, Kaliber 12, ragte hinter der Schulter hervor. Das JIC stand bei der kompakten Pumpgun für Just in Case.
Was möchtest du mit den vielen Waffendetails erreichen? Soll es eine Geschichte werden, oder eher ein Waffen-Info-Text?

Einen Sitz weiter schärfte Bär sein Bowiemesser.
Blitzschlag. Donnerhall. Ein weiteres Luftloch.
Ich finde es zwar wichtig, auch eine entsprechende Atmosphäre zu erzeugen, aber m.E. übertreibst du es hiermit ziemlich.

Fasziniert sah Angel ihm vom Nachbarsitz aus zu. Als einzige Frau im Team besaß sie bei weitem weniger Masse als Doc oder Bär. Angel besaß Geheimnisse. Angeblich Ex-CIA. Ausgebildet in Fort Jackson, danach Westpoint.
Auch zu den Personen sind es m.E. zu viele tellige Details.

Die Arme voller Tattoos, lagen schlaff in seinem Schoß.
Kein Komma

Das M40A3 Remington Scharfschützengewehr hatte eine Schmidt & Bender Zieloptik montiert und war
Sehr interessant ... :sleep:

»Wir haben es fast geschafft Leute. Landung in zehn.«
Komma nach "geschafft"

Ich glaube, da schaue ich mir lieber nochmal den ersten Predator mit Arnie an, zumindest auf diese Idee hast du mich gebracht. :)

Sorry, für mich war das nichts ...

Viele Grüße,
Rob

 
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Moin @Rob F ,

danke für deinen Kommentar und deine Anregungen.
Schade dass dir bereits der Anfang der Geschichte nicht gefallen hat, tatsächlich scheint sie zu polarisieren. Kurz gehe ich auf ein paar deiner Infos ein:

Es könnte der Beginn eines 80er-Jahre-Actionsfilms sein, da habe ich Arnie und Co. direkt vor Augen.
Dann habe ich etwas richtig gemacht, denn genau so etwas soll es sein. Quasi ein "Expendables meets Creature-Feature" :D
wie leuchtet etwas für den Bruchteil seiner Existenz auf?
Das Logo an den Kisten leuchtet für den Bruchteil der Existenz des Blitzes auf. Vielleicht war der Satz auch bloß schlecht formuliert ...
Auch hierbei. Ist natürlich nur meine Meinung, aber gehst du wirklich davon aus, dass das jemand lesen will?
Yep.
Wie kommt er darauf, dass sie kotzen muss, wenn er ihr Gesicht nicht sehen kann?
Weil sie durch ein heftiges Gewitter fliegen, mit Turbulenzen kämpfen und alle Zivilisten keinen relaxten Eindruck machen ...
Was möchtest du mit den vielen Waffendetails erreichen? Soll es eine Geschichte werden, oder eher ein Waffen-Info-Text?
Es sollte ein Text werden der nahe am >Gun Porn< vorbeischrammt. Hab ich anscheinend geschafft.
Ich glaube, da schaue ich mir lieber nochmal den ersten Predator mit Arnie an, zumindest auf diese Idee hast du mich gebracht. :)
:lol: Na, dann habe ich ja zumindest ein wenig Gutes bei dir erreicht. Viel Spaß mit dem Klassiker und beste Grüße,
Seth

 
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Hallo @Seth Gecko,

denn genau so etwas soll es sein. Quasi ein "Expendables meets Creature-Feature"
Gut, das vorher zu lesen. Da weiß man, worauf man sich einlässt. Aber ob der lateinische Titel da nicht falsche Erwartungen weckt? Nehmen wir einmal ein anderes Soldaten-vs.-Werwölfe-Szenario: Dog Soldiers. Da ist eigentlich klar, worauf es hinausläuft: Testosteron, paar doofe Sprüche, Geballer, Splatter.

Das ist gar nicht abwertend gemeint, wenn man da in dem Moment Bock drauf haut, ist das ja okay, aber es ist halt besser, gleich zu wissen, womit man es zu tun bekommt.

Ich fand die Story vom Ablauf recht professionell, wie ein Mainstream-Film, was eine Stärke und eine Schwäche sein kann. Stärke sind erprobte und bewährte Erzählmuster. Schwäche ist die weitestgehende Überraschungsfreiheit. Eigentlich fehlt ja nur die sich anbahnende Romanze zwischen Obersoldat und schlauer Frau. Oder habe ich die überlesen?

Die Übersetzerin nenne ich mal so, weil das ein weiteres Manko ist: Sehr viele Figuren. Gut charakterisiert ist das schon schwierig, die alle auseinanderzuhalten, und hier bleibt's ja zumeist an der Oberfläche. Das ist in Ordnung, weil es das bekennende, literarische Gegenstück zu Phantom Kommando ist, aber es sind trotzdem viele - zu viele - Figuren.

Das Stichwort Predator fiel schon, die Hommage scheint mir auch recht bewusst zu sein, der abgesäbelte Arm, der noch die Waffe hält, der Indianer, der immer vom Quatschkopp der Truppe vollgesülzt wird, das sind ja so offenkundige Elemente. Der sterbende Milliardär hat mich zudem an The Strain erinnert. Der lässt auch in Rumänien nach ewigem Leben suchen. Da sind's dann Vampire, da hatte ich hier auch erst mit gerechnet.

Das ist an sich kein Problem, wir klauen uns alle unseren Kram aus dem zusammen, was wir selbst cool finden. Allerdings kommt die eigene Note dann meist über Figuren hinein, die sich irgendwie echt anfühlen. Wenn du stattdessen so eine Ansammlung von Schablonen hast - der Superreiche, der Soldat, die Wissenschaftlerin - verstärkt das den Eindruck, das schon zu kennen, und zwar nicht in einer anderen Variante oder auszugsweise einzelne Elemente, sondern tatsächlich genau so.

Was noch? Ach ja, der Waffenfetisch. Schon auffällig. Weiß nicht, ob das in der Form hier so sein muss. Dieses Hypermaskuline ist halt lustig - vor allem, wenn dann homoerotisch über stählerne Bauchmuskeln sinniert wird -, man könnte sagen, das ist Teil davon. Mich hat's teilweise aber auch genervt. Unten mehr.

Trotz alldem habe ich die für dieses Forum lange Geschichte durchgelesen und bereue das auch nicht. Das ist schon gut als das, was es ist, ich nenne das mal Pulp. Die meiste Zeit habe ich beim Lesen gegrinst, wegen der Schlichtheit, der Gewalt, der Stilblüten und dieses Gefühls, ach guck mal, wie in ... Ob jeweils vom Autor beabsichtigt oder nicht, finde ich fast zweitrangig. Du willst hier leicht unterhalten und das tust du auch.

Mal abschließend noch eine Überlegung: Erst vor ein paar Monaten habe ich Vietnam Black gelesen, das kommt stilistisch diesem Ding hier recht nahe. Ich kann dir nicht eine Figur aus dem Roman nennen, auch alles recht oberflächlich, geht um ein Platoon im Krieg, das es mit Riesen-Tausendfüßlern zu tun bekommt. Dafür wird's niemals irgendeinen Preis geben, aber das macht Spaß. Der Punkt ist: Ich habe mir das gemerkt wegen der Riesen-Tausendfüßler. Zumindest ich hab die so in dieser Form noch nie erlebt. An einer von diesen beiden Schrauben musst du glaube ich drehen, um etwas zu schaffen, das ein bisschen hervorsticht. Entweder interessante Charaktere oder, wenn du schon eher so Actionfiguren hast, ein halbwegs originelles Monster (Dein Werwolf ist nicht nur ein Werwolf, sondern wird auch ziemlich genau beschrieben wie der durchschnittliche Film-Werwolf der vergangenen 40 Jahre, lange Extremitäten z. B.). Solltest du die mögliche Fortsetzung (Viech im See) tatsächlich irgendwann umsetzen, würde ich da viel Schmalz reinstecken in die Recherche, was gab es schon, was ist zur Genüge bekannt und wird erwartet (Tentakel, Nessi-Verschnitt) und würde da entsprechend variieren.


Nicht gut.
Da ich ja wusste, was kommt, bin ich bereit, einiges zu akzeptieren, aber diese Hollywood-Drehbuch-Floskel ist für mich echt ein rotes Tuch.

Was man vom Wolfsrudel nicht sagen konnte.
Nur Rudel ist cooler, das mit dem Wolf stößt einen da so unnötig drauf, sowohl auf den Twist als auch darauf, wie unfassbar krass diese Kerle sind.

Der Griff seiner Mossberg JIC Shockwave, Kaliber 12,
Tjo ... ist wohl davon abhängig, wie man selbst auf die Gesellschaft guckt. Ich assoziiere mit dieser Detailverliebtheit hier gerade Amokläufe und Rechtsterrorismus.

Als einzige Frau im Team besaß sie bei weitem weniger Masse als Doc oder Bär. Angel besaß Geheimnisse.
Mir ist klar, dass das so soll, aber für mich klingt's nicht, weil es einmal um etwas Anfassbares geht und das andere Mal nicht. "Maße besitzen" ist auch so ... wesentlich weniger gängig als "Geheimnisse haben."

Rausschmiß
schmiss

Als letzter in der Reihe, schien Beau tatsächlich zu schlafen. ... Die Arme voller Tattoos, lagen schlaff in seinem Schoß.
Bist du dir bei den Kommas sicher? Ich nicht. Mach selbst meist nach Gefühl, aber die sehen echt komisch aus.

als dass der gutaussehende Söldner
Bei allem Mut zur Plattheit ist mir das jetzt etwas sehr viel bzw. wenig, "stahlblaue Augen wie Hollywoodstar blabla" würde auch besser zum Stil passen.

wann, oder von wem
wann oder

Eine Apparatur, dessen Geheimhaltung
deren

beherrschen Sie, wenn ich fragen darf?
Sehr höflich. Passt nicht zu dem Typen, wie er bisher gesprochen hat.

Der Wind sandte ein Rauschen durch die Bäume
Der Wind rauschte durch die Bäume.

ob er irgendwo die sanitären Anlagen entdecken konnte. Fehlanzeige.
Arnold in his prime am Anfang von Predator, mit Sonnenbrille und Zigarre im Gesicht: "Wo sind Ihre sanitären Anlagen, Sergeant? Wenn ich fragen darf?"

Ein Stück weiter weg hing der Kadaver einer geschächteten Ziege.
Islam ist glaube ich nicht so ein dickes Ding in Rumänien.

Unrasierte Gesichter. Trainingsanzüge und muskulöse Schultern in Unterhemden. Die Art von Muskelmasse, welche nicht im Studio gezüchtet, sondern durch das Leben auf der Straße gehärtet worden war. Wilde Hunde. Straßenköter.
Schmierige Mädchenhändlertypen dagegen schon, die sehen da alle so aus.

ich gehe davon aus Sie verstehen diese … Gentlemen?«
aus,

Wir wissen, dass ihr zur Ruine in der Nähe der Wälder wollt«, übersetzte Miller. »Es ist verboten dort hinzugehen. Dieses Land ist verflucht.
verboten, dort. / Mindestens mal der letzte Satz ist zu viel. Ich finde den Twist cool, dass sie Alpha später als Werwolf wiederbegegnen. Allerdings frage ich mich, warum er sie hier so vehement fernzuhalten versucht? Er scheint ja kein Problem mit seinem Werwolfdasein zu haben. Da hat er was zu jagen und zu fressen, passt doch.

Niemand der dort hingeht
Niemand, der

lag etwas, dass er nicht
das

Warum seit ihr hier?
seid

Unweit stach die Kontur einer Burgruine
Unweit davon

in die Höhe, wie ein verfaulter Zahn.
Vergleich, kein Komma vor wie

Jack!«, nannte Shepard ihn laut bei seinem richtigen Namen
Das finde ich auch etwas sehr plump eingewoben. "Jack!" Drei Jahre war es her, seit Shepard ihn zuletzt bei seinem richtigen Namen angesprochen hatte. Damals blabla .... Ein ähnlich mieses Gefühl hatte er jetzt.

Nachrichtendienst gegen Privatwirtschaft.
Da wird dem Leser auch für so eine Geschichte etwas sehr wenig zugetraut.

Er drehte sich um, dort stand bloß
Du machst sehr viele, sehr kurze Sätze. Teilweise ist es mir zu viel, aber hier würd's mal wirklich besser passen: um. Dort

Milliardenschwerer Fehler, Hurensohn.
Assoziiert man mittlerweile automatisch Teenager/Deutschrap mit, würde was anderes nehmen.

In Afrika, besser gesagt in einem Tiefland-Becken des Kongo, gibt es noch heute Stämme, die Kannibalismus praktizieren.
Puh ... schwierig. Unter anderem über Kannibalismusgeschichten haben die Kolonialmächte ihren Herrschaftsanspruch in Afrika begründet. Das sind doch hier nur Wilde ... Ob, wo und in welcher Form es Kannibalismus gibt oder gegeben hat, und nicht nur in Afrika, ist so weit ich weiß wissenschaftlich recht umstritten. Das hier so mit einzubauen, kommt mir auch für so eine Geschichte recht unreflektiert vor.

die Minen bleiben wo sie sind
bleiben,

Shepard nahm eine Signalfackel aus seiner taktischen Weste, ein Fauchen, als er sie anriss.
Hier passt dieses Verblose mal gar nicht, finde ich. / ... Weste. Sie fauchte, als ...

Kribbeln, im Nacken.
Eine Bewegung, im Augenwinkel.
Wenn du beim ersten das Komma weglässt, wiederholt sich das klanglich nicht so.

Und, es ist verdammt schnell …, Kommen.«
Wenigstens ist es nicht verdammt groß.

Eine Woge durchlief seinen Körper
Eine Woge was?

Grün-Schwarzes
s

Ein Stechender Schmerz in seiner Brust, unsichtbar, schrecklich. Zwölf Jahre. Nein. Oh, nein.
stechender. Die Trauer um den Kameraden wirkt mir etwas holprig, teils kitschig:

Sechzehn Sekunden Verlustschmerz, eingestellt auf Vollautomatik.

Und der Höhepunkt:

Ein Beben, des Herzens.
Plötzlich ist Arztroman. Ich würde einen Gang zurückschalten.

Er setzte sich in ebenfalls Bewegung
ebenfalls in

in den Tann hinein, eine Klaue um Bärs Bein.
Reim klingt doof.

dass es Körperteile pflückte, wie andere Blumen
Vergleich

Der Doktor sackte wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat, in sich zusammen.
Der Doktor sackte in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat.

Alles was Sie wissen, jetzt sofort.
Alles,

römischen Laboratoriums.
Antikes Rom? Laboratorium? Wahrscheinlich liegt's an meinen nicht vorhandenen Lateinkenntnissen ...

Und seid wachsam, was immer das hier getan hat,
. Was

Sein Blick huschte zu Shepard, so schlau wie er war, hielt er jedoch den Mund
d. So schlau, wie ...

so dick, wie Shepards Unterarm
Vergleich

wie die schützende Schicht aus Beherrschung, Risse bekam
Komma weg

Wir alle, werden hier sterben.
Kein Komma

zerplatzte, wie ein fallen gelassenes
Vergleich

ließ den Hübschen
ließen

zum wesentlichen
W

Genau so, wäre es bestimmt des Nachts an dem See in Montana.
Kein Komma

das gottverdammte Monster, dass es gar nicht geben dürfte
das es

zweistimmiger Protest, zeitgleich
gleichzeitig

handlich, wie eine Limodose.
Vergleich

Miller munitionierte mexikanisch ab.
Tut er das?

Angels Schrei, ließ sein Herz erbeben.
Kein Komma

Angel kam vom Klo zurück.
Sanitäre Anlagen!

begann soeben ein Newsblock
Ich sehe echt keinen Grund, warum das nicht die Nachrichten sein können.

Der Unternehmer Nicolai Luttvig, verstarb am
Kein Komma


Viele Grüße
JC

 
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Moin @Proof,

danke, dass du dir die Zeit genommen hast meine Geschichte komplett zu lesen UND hier danach auch noch so ausführlich und konstruktiv Kritik zu üben.

Ich fand die Story vom Ablauf recht professionell, wie ein Mainstream-Film, was eine Stärke und eine Schwäche sein kann.
Die meiste Zeit habe ich beim Lesen gegrinst, wegen der Schlichtheit, der Gewalt, der Stilblüten und dieses Gefühls, ach guck mal, wie in ... Ob jeweils vom Autor beabsichtigt oder nicht, finde ich fast zweitrangig. Du willst hier leicht unterhalten und das tust du auch.
Vielen Dank für dieses Lob. Kurz vorher benutzt du die Umschreibung "Pulp", was es mMn am besten trifft. Mehr will die Story gar nicht sein. Ich lerne das Schreibhandwerk gerade noch und bei dieser - im Verlauf ihrer Entstehung immer größer werdenden - Geschichte
war es mein persönliches Ziel, einen geschlossenen Handlungsrahmen zu bauen.

Bei den Waffenbeschreibungen schwebte mir etwas Ähnliches vor, wie in Vergeltung von Don Winslow.
Du schreibst, dass dir zu viele Figuren vorkamen. Das ist hilfreich für zukünftige Geschichten. MMn würde die Story "nur" mit Shepard, dem Doktor als Antagonist und Miller nicht funktionieren. Wie viele Charaktere weniger hätten es dMn sein müssen, damit dieser Eindruck nicht entstanden wäre?

Kommata sind mein größtes Problem, mittlerweile lasse ich jeden Text abschließend einmal durch einen digitalen Schreibassistenten laufen, das war bei diesem hier allerdings noch nicht der Fall.
Ich werde mich demnächst mal hinsetzen, und deine Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge in den Text einarbeiten.
Das von dir genannte Vietnam Black ist direkt auf meine "Noch zu lesen-Liste" gewandert. Danke dafür.

Beste Grüße
Seth

 
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@Seth Gecko

MMn würde die Story "nur" mit Shepard, dem Doktor als Antagonist und Miller nicht funktionieren. Wie viele Charaktere weniger hätten es dMn sein müssen, damit dieser Eindruck nicht entstanden wäre?
Schwer zu sagen. Es gibt Geschichten von dieser Länge mit einer Hauptfigur. Du könntest so auf Kurzroman gehen, 100, 150 Seiten.

Vielleicht ist es auch gar nicht die Länge und zu viel auf zu wenig, sondern dass einem die Figuren zu Beginn nur so um die Ohren fliegen. Versuch doch, die Hauptcharaktere, insbesondere Shepard, ein bisschen hervorzuheben, mit Vergangenheit, Traumata, Motivation etc. Die Figuren, die nur Staffage sind, würde ich auch so behandeln, ein Minimum an Info, damit ich gar nicht in Versuchung komme, sie mir zu merken - und sie dann eben mit Shepard oder einem anderen Wichtigen zu verwechseln.

 

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