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Pantragica Lofotae

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13.07.2001
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Pantragica Lofotae

PANTRAGICA LOFOTAE

Svolvær. Die Fähre hat mich gerade aus ihrem rostigen Bauch ausgespuckt und ich stehe etwas hilflos am Hafen herum. Die Jugendgerberge... Wo ist hier die Jugendherberge? Ich lasse meine müden Augen die Gegend abtasten. Vielleicht steht hier irgendwo ein Schild oder so...
Berge! O Gott, gibt es hier viele Berge! Und was für welche! Die seh`n doch schon sowas von schweißtreibend fies aus... Der eine da zum Beispiel... der grinst auch schon so hinterhältig und ich kann ihn förmlich rufen hören: Komm, putt, putt... Besteig mich! Neee, neee, also das mit dem Wandern muß ich mir aber nochmal gründlich überlegen. Da wird man ja beim Hinsehen schon kurzatmig... Also, die steh`n schon mal nicht auf meinem Programm. So, aber wo ist jetzt diese Jugendherberge?
Da entdecke ich ein Zeichen mit einem "i" drauf.
Die Touri-Info! Die müssen das doch wissen. Ich stapfe also mit meinem schweren Rucksack auf dem Rücken zu dem Gebäude mit dem "i", reiße voller Elan die Schwingtür auf und rase ersteinmal in den Hintermann einer riesigen Warteschlange.
Uuups! ´Tschuldigung! Na, macht ja nichts...
Ich bin doch nicht blöd und stell mich da an. Vielleicht gibt`s ja irgendwo eine wahnsinnig tolle Broschüre, in der drinsteht, was ich wissen will. Und siehe da, neben dem Informationstresen, hinter dem eine fesche Norwegerin gerade einem deutschen Touristenpärchen mit goldigem Akzent einen Wanderweg auf einen dieser gräßlich spitzen Berge erklärt (das müssen doch Masochisten sein. Die haben auch irgendsoetwas finsteres an sich), finde ich, was ich suche. Ein kleines Faltblatt verkündet mir die grauenhafte Tatsache, daß die Jugendherberge gigaweit draußen liegt und ich noch eineinviertel Stunden auf den Bus dorthin warten muß. Na prima.
Die Zeit muß vertrieben werden. Ich stelle meinen Rucksack zu zig anderen in einer Ecke der Touri-Info und stiefle wieder hinaus. Was gibt es wohl tolles in Svolvær zu tun? Der Ort ist doch so popelig, klein und tot, daß man es kaum aushalten kann.
Eineinviertel Stunden! Eineinviertel! Na, das kann ja heiter werden...
Ich stelle mich gerade auf eine sinnlose Sightseeingtour durch Svolvær ein und versuche krampfhaft, Interesse für diesen Ort aufzubauen, da sehe ich meine Rettung. Ein Kiosk mit internationalen Zeitungen! Heureka! Das ist doch genau das richtige. Seit zwei Wochen schon bin ich nun unterwegs und es scheint Ewigkeiten her, daß ich mal einen Blick in eine Tageszeitung geworfen habe. Ich spüre, wie mich die Buchstaben magisch anziehen und finde mich im Nu zeitungslesend auf einer Bank wieder, die einladend weiß recht nah am Hafenbecken steht.
Katastrophe hier... Politikkrise da... das Übliche halt.
Und dann passiert`s. Ich belaste mich gerade mit einem Artikel über die Weißkohlernte in Lothringen, da läuft ER an mir vorbei, würdigt mich eines kurzen, aber intensiven Blickes und ist im nächsten Augenblick in der Touristeninformation verschwunden.
Was, frage ich mich,um alles in der Welt, war DAS?
Ich habe gerade GOTT gesehen! ER ist offensichtlich Norweger, hat eine hellblaue Jacke an und ist einfach umwerfend!!!!!
Groß, breit, blond - alles, was man(n) braucht.
Ich glaub, ich muß mal eben abtillen...
Ich versuche gerade, mich wieder zu beruhigen, da geht die Tür von der Touristeninfo - und ES schiebt sich abermals an mir vorbei. Diesmal schauen wir uns so tief in die Augen, daß ich schier das Herzflimmern kriege. Das muß der doch sehen, wie mir der Infarkt tobt, denk ich so und merke, daß sich meine Beine selbständig machen wollen.
Contenance, Röhrig, Contenace!
ER ist an mir vorbei. Ich wage noch mal, so ganz unverbindlich, einen Blick über die Schulter... ER auch!
So, jetzt spätestens bin ich fällig...
Is` das denn die Possibil? Ich meine, da habe ich es gerade mal wieder mit Bravour geschafft, hormongeschwängert durch Stockholm zu laufen und nichts geschehen zu lassen (ich sag nur... der Garten Schweden... seufz!) und dann das hier. Ich blicke mal schnell nach oben und denke: "wenn das jetzt wieder einer deiner kleinen Scherze ist....." Er da oben und ich haben da nämlich so ´n paar kleinere Differenzen und mich beschleicht hin und wieder das ungute Gefühl, daß ich auf der Welt bin, damit er da oben was zu lachen hat. Manchmal stelle ich mir richtig vor, wie er da oben mit dem Finger auf mich zeigt und ruft "Eh, Jesus (den Namen sagt er in einem vorzüglichen Englisch), komm mal, das mußt`e dir unbedingt angucken!" Ja, und dann kommt "Dschïses", guckt, und dann amüsieren sich die zwei...
Gack! Gack! Kreiiisch!
Also bitte, keine Scherze diesmal, o.k.!?
Aber, ach Gott, wieso halte ich mich eigentlich mit sinnlosen Gedanken über meinen kleinen Disput mit dem da oben auf? Hier unten tobt der Krieg der Testikel! Mensch, Röhrig, komm zu dir. Sonst war`s das...
Gut, ich reiß mich also zusammen und packe ersteinmal die Zeitung weg. (Die Weißkohlernte in Lothringen huscht mir ja schließlich nicht vom Papier - und spielt in diesem Zusammenhang ohnedies ü-ber-haupt keine Rolle...)
Ich stehe auf und schaue mich um. Hm, tja. Schade eigentlich. Weg isser. Aber nun bin ich, ehrlich gesagt, ganz froh darüber, daß Svolvær so ein kleines Nest ist. Weit kann ER nämlich noch nicht sein - und ich trotte los - gaaanz unauffällig, natürlich. Ich schaue mal hier, stehe mal da und habe meine Augen zu hochsensiblen Sensoren gemacht, die die Umgebung nach IHM abscannen.
Ha! Und da ist ER schließlich. ER kommt gerade aus der hochmodernsten öffentlichen Toilette herausgedackelt, die Svolvær zu bieten hat.
Ich schmelze dahin.
Schluck!
Wie kann man(n) nur sooo geil sein?
Damit mir das nicht ewig ein Rätsel bleibt beschließe ich, dieses Mal am Ball zu bleiben. Auch ER hat mich offensichtlich gesehen, denn ER blickt unverhohlen zu mir herüber.
War da eben ein Lächeln auf SEINEM Gesicht? Seufz!
Der Typ ist Dynamit.
Porno auf zwei Beinen.
HALT! STOP! Röhrig, die Hormone gehen mit dir durch. Jetzt mach mal halblang... Aber schließlich ist man(n) ja auch nur Mensch...
Ich beobachte, wie ER um eine Ecke biegt.
Schwupps! ist auch der letzte Zentimeter SEINES Körpers verschwunden.
Blitzschnell gilt es nun zu entscheiden. Natürlich muß ich hinterher. Keine Frage. Aber... nicht zu schnell. Ich muß den richtigen Zeitpunkt erwischen. Sonst sieht es allzu sehr danach aus, als würde ich hinter IHM wie hinter einer läufigen Hündin herrennen. Und das will ich natürlich auch nicht. Schließlich hat man(n) seinen Stolz.
Also platziere ich mich strategisch günstig direkt vor einem Schaufenster an der Ecke, um die ER eben gerade verschwunden ist, und bestaune megainteressiert all jene topmodischen Haushaltsgeräte die dort ausliegen.
Gleich werde auch ich um diese Ecke biegen...
Gleich, gleich....
Gleich....
Gl...
"Kennen wir uns nicht?", säuselt da plötzlich eine Stimme in perfektem Süddeutsch hinter mir...
Mir bleibt die Spucke im Halse stecken.
Der Typ hat mich ausgetrickst!? Diese fiese Ratte!
Der Typ ist Deutscher!?
Ich habe das Gefühl, Millionen kleiner Stecknadeln rieseln auf mich herab...
Ich fahre erschrocken herum...
und blicke in das faltige Gesicht meiner Tante aus Stuttgart, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe. Sie grinst mich breit an. Mir bröckelt just in diesem Augenblick der Unterkiefer auseinander.
I don`t believe it! I just DON`T!!!!!
Ich möchte nur eines wissen: Warum?
WA-RUM??
(Später überrascht es mich übrigens nicht, daß ich in diesem Augenblick wirklich an die göttliche Theorie meiner Existenz glaube und daß der da oben sich gerade königlich mit Dschïses über mich amüsiert..)
Ich erlebe soeben mein persönliches Waterloo... Ist das der Welt eigentlich klar? Hach, wahrscheinlich interessiert es sie nicht einmal...geschweige denn, daß ir-gend-jemand auch nur Notiz davon nimmt...
Schnöde Welt!
Die Lippen meiner Tante bewegen sich weiter und lassen eine Menge unsäglicher Wörter heraus. Jedes einzelne ist die schiere Qual. Sie faselt irgendwas von irgendwelchen anderen Verwandten, mit denen sie hier oben auf den Lofoten Urlaub macht... und ach, ist es nicht eine Überraschung und ein Zufall, daß wir uns ausgerechnet hier mal wieder treffen...
Allerdings, denke ich mir und all meine netten Fantasien um IHN fließen gerade traurig dahin...
Ausgerechnet hier auf den Lofoten, denke ich, auf der letzten europäischen Bastion vor dem großen eisigen Nichts, muß ich dich treffen... ausgerechnet hier treff` ich dich. Warum tust du mir das an???
Schicksalsergeben füge ich mich und trotte mit ihr Richtung Café, wo die andere Verwandtschaft sitzt. Ein letzter Blick zu der aufregendsten Ecke, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Dann übergebe ich mich dem Lauf der Dinge.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer versucht noch zaghaft, sich bemerkbar zu machen... vielleicht wird ER ja später auch bei der Jugendherberge sein?!
Ein Blick nach oben, und ich weiß Bescheid...
Letztendlich mache ich mit der Verwandtschaft einige Zeit völlig unbedeutenden Smaltalk über Sachen, die keiner so recht wissen möchte und schaue ungeduldig immer wieder auf die Uhr. Als es soweit ist, hole ich meinen Rucksack ab und hoffe, daß man mir zumindest den Bus ersparen möge und mich geschwind zur Jugendherberge bringt.
Aber ach. Dinge gescheh`n..
Mit einer fast frechen Natürlichkeit bringt mich die reizende Verwandtschaft zum Bus, verabschiedet sich lieb, und rast kurze Zeit später mit ihrem fetten Audi weiter den Urlaubsfreuden entgegen.
Ich komme endlich bei der Jugendherberge an - einem Schulhaus, das im Sommer als Herberge genutzt wird. Ich unterhalte mich später noch mit zwei wirklich netten Typen aus Mannheim bis spät in die Nacht. Aber, ER ist nicht da.
Schade eigentlich.
Ich überlege kurz, ob ich mich nun klein, ungeliebt und bedeutungslos fühlen soll.
Ein Blick nach oben - und alles ist klar.
L \ N

PANTRAGICA LOFOTAE
Mein Erleben des Pantragischen

 
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Wie, das ist das pantragische? Ich glaub', da gibt es weitaus tragischere Ereignisse... ;)

Nun, ganz witzig geschrieben. Bepisst vor lachen hab ich mich nicht, aber das passiert ohnehin nur selten (jetzt mal metaphorisch gesehen :D). Ich würde das eher unter Alltag/Sonstige einordnen, obwohl der "Dschises" mich doch zum Schmunzeln gebracht hat. :)

 

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