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Räumlich

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27.07.2001
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Räumlich

Der Raum

Fensterscheiben. Zäher Schleim rinnt herunter von oben herunter, kriecht langsam und unaufhörlich nach unten. Dicke zähre Tropfen rinnen schnell und ziehen eine Wulst hinter sich her. Die Sicht trübt sich. Der Raum wird dunkler, das Licht unwirklich. Grün. Draussen sind nur noch Konturen zu sehen, alles wird schemenhaft. Der Raum zieht sich zu, wird enger, ekliger. Panik frisst sich den Weg ins Bewusstsein, ergreift Besitz, jeder Gedanke an den Raum, die Fenster, die unscharfen Schemen dahinter, das Unvermögen zu sehen machen es nur noch schlimmer. Mit jedem Herzschlag pulsiert der Raum und nur um danach enger zu sein als zuvor. Angst ! Angst, die die Kehle zuschnürt. Die sich wie ein Parasit im Hirn festsetzt. Ein Parasit mit langen starken Tentakeln, der Sich um das Hirn windet und es einwickelt, es zerdrücken will. Das Atmen wird zur Qual, bei jedem Einatmen zieht ein langes elendes Pfeifen durch die Luftröhre nur um danach in einem Schwall von verbrauchter veratmeter Luft in den Raum entlassen zu werden. Der Raum füllt sich. Mit verbrauchter übel riechender Luft. Mit Angst. Mit Gedanken. Die Gedanken schlagen sich überall nieder, fangen an den Raum zu verformen. Grässliche Fratzen grinsen mich aus jeder Ecke an, lechzen danach mich zu sich zu holen, ihre Fänge in meinen schwachen Körper zu treiben und mich auf ewig festzuhalten dort in der Ecke. Ich stöhne, blicke flehend zur Decke, bitte darum, dass es aufhört. Ich bettle. Wimmere. Niemand ist da, um mir zu helfen. Ich bin gefangen, alleine, umgeben von meinen Hirngespinsten die mich verhöhnen, die mit meiner Angst spielen, die nicht aufhören mich zu erniedrigen. Ich bin schwach. Plötzlich reisst der Boden unter mir auf. Ich stürze hinunter, stosse mich hart an den Wänden, schlage mit dem Kopf auf bevor ich in den grünen warmen klebrigen Schleim falle, in dem ich langsam versinke...

Der Nicht-Raum

Fensterscheiben. Ich sitze an meinem Rechner und tippse an einer ziemlich seltsamen Kurzgeschichte herum. Die Luft ist warm und ein bischen zu feucht. Die Fenster könnten eine Reinigung vertragen. Aber das hat noch Zeit.


Der Raum

Fensterscheiben. Butzenglas. Ich schiele durch das Visier meines Helmes durch das Fenster und da sind sie. Der widerliche Gnom mit dem grossen Pickel auf der viel zu langen Nase, der stets in einen langen dunklen Umhang gehüllte Totenwächter und zwei seiner Vasallen. Fast pechschwarze Skelette. Mit furcherregenden Schwerten in den Händen. Der Gnom wackelt eifrig und aufgeregt hin und her. Der Totenwächter wendet sich dem armen an den Stuhl gefesselten Bauern zu. Sein Gesicht ist angstverzerrt als er ahnt, was als nächtes mit ihm passieren wird. Ich zücke mein Schwert und trete mit lautem Gebrüll das Fenster ein...

Der Nicht-Raum

Fensterscheiben. Fensterscheiben ?! Duschen, ich muss noch duschen, sonst wird es zu spät. Gut dass ich Glasscheiben habe und nicht diese eklig klebrigen Plastikvorhänge...

 
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01.07.2001
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Lässt sich nicht so einfach interpretieren, diese Geschichte.
Sehr seltsam auf alle Fälle. Deshalb würde sie wohl auch besser ins 'Seltsam'-Forum passen; aber sie kann natürlich auch unter 'Sonstiges' laufen.

Nun mal ein Interpretationsansatz von meiner Seite:
'Raum' und 'Nicht-Raum' sind gewissermassen gerade vertauscht. Der 'Nicht-Raum' ist die reale Welt und der 'Raum' ist der Text, die Kurzgeschichte, die Prosa, die Fiktion. Diese Umkehrung schiebt die Fiktion in die Mitte des Geschehens und gibt ihr gewissermassen ein Eigenleben und koppelt sie vom Autor ab. So gesehen wird die Geschichte fast philosophisch.

Nun ja, war mal ein Versuch einer Interpretation.

Diese Geschichte hat es in sich.

 
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27.07.2001
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6

Hallo Pirschner,

vielen Dank für Deine Kritik. Die Geschichte - es ist mehr eine Momentaufnahme - hat in der Tat mehrere Ebenen. Und mir hat sich während des Schreibens auch eine Erkenntnis eröffnet, die sich unter anderem darin ausdrückt, dass ich nach dem ersten Absatz weitergeschrieben habe. Interessant finde ich Deine Anmerkung, dass es sich um eine Abkopplung handelt. Auch das hat mehrere Ebenen. Hmm, insofern hat Deine Kririk auch etwas philosophisches :-)

Danke nochmal :-)

 

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