- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 8
Rein
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nicht wer du bist. Ich weiß nicht, was du von mir willst. Ich weiß es nicht...
Wieso stehst du dort vor mir? Wieso hältst du mir deine Hand entgegen? Zeigst du auf mich? Willst du etwas von mir?
Wer bist du?
Deine Hand...was tut sie? Du reckst sie mir entgegen, hörst nicht auf und bewegst sie keinen Millimeter.
Wieso liege ich? Wieso stehst du? Und wieso ist deine Hand so makellos? So eine reine Hand...keine Falte, wo keine sein sollte...kein Staubkorn, wo keines hingehört...kein Fehler, nirgendwo.
Es ist eine ekelhafte Hand. So rein, dass sie beinahe das Licht reflektiert und mich damit blendet. Ich hasse sie.
Und immer noch ist sie auf mich gerichtet. Ich will, dass du aufhörst.
Wer bist du?
Verlangend kommt mir deine Hand immer näher...tut sie das? Oder scheint es mir nur so? Was verlangst du?
Ich blicke an mir entlang, wie ich hier liege. Ich trage nur meine Kleidung , habe ansonsten nichts bei mir. Und doch bleibst du dort stehen, blickst auf mich hinab. Glaubst du denn du wärst etwas Besseres?
Ich hebe meine Hand. Sie ist schmutzig. Eigentlich ist sie wunderschön, doch auch sie hasse ich.
Zu lange schon muss ich sie ertragen, ganz allein. Alleine starre ich sie an, versuche sie zu waschen, kratze mir die Haut vom Fleisch, doch sie bleibt dunkel, schwarz und dreckig.
Willst du mich verhöhnen? Macht es dir Spaß, zu sehen wie ich verzweifle?
Ich sehe wie dein Mund sich zu einem lächeln formt, wie er beginnt, sich zu bewegen. Doch ich höre nichts. Und doch weiß ich was du sagst, was du bezwecken willst. Du verachtest mich, doch ist das nichts gegen meinen Hass gegenüber dich, gegenüber deiner Hand, gegenüber deiner Reinheit.
Aber ich kann nichts sagen, weiß nicht warum, doch ich kann es nicht. Wie eine Barriere hält mich etwas davon ab zu sagen was du für mich bist, für was ich dich halte. Ein Monster.
Du bist ein verachtenswertes Wesen. Du freust dich, wenn ich leide, leidest, wenn ich mich freue. Wieso? Das ist unerheblich. Du hast dich entschieden für deinen Weg.
Aber wieso gehst du ihn nicht entlang, sondern unterbrichst deinen Lauf um an meinem Bett halt zu machen?!
Deine Hand kommt mir immer näher. Sie bedrängt mich.
Je näher du mir kommst, desto klarer wird mir, dass deine gesamte Gestalt nichts als Ekel in mir hervorruft. Du bist perfekt. Du bist ekelhaft.
Es reicht.
Ich stoße dich weg. Ich sage nichts, es ist nicht nötig. Du sollst nur gehen.
Dein Lächeln ist verschwunden. Verständnislosigkeit ersetzt es. Wie kannst du nicht verstehen, dass du mir schadest?! Wie kannst du nur so arrogant sein?
Ich drehe mich um, liege nun auf der Seite und wende dir den Rücken zu. Erneut spüre ich, dass du etwas sagen willst, doch wieder kann ich nichts verstehen.
Ich blicke in die Schwärze, sie ist alles was ich sehen will. Einzig das Reine, das Licht, das von dir auszugehen scheint stört meine Idylle.
Langsam wird meine Welt wieder so, wie ich sie liebe. So, wie ich sie hasse. Dein Weiß verschwindet. Du gehst und lässt mich allein. Endlich.
Doch wenn ich nun in die Schwärze blicke weiß ich nicht mehr was ich tun soll. Plötzlich sehne ich mich nach dem, was ich gerade erst verstieß. Vorsichtig drehe ich mich leicht zurück, dahin, wo du noch gerade standest. Aber ich sehe nichts als Schwärze.
Du wirst nicht wieder kommen.
Vielleicht tust du es doch...einmal...zwei Mal...doch dann wirst du gehen. Und du wirst nicht wieder kommen.
Niemand tut das.
Ich nähere mich dir an, wie ich es schon so oft versucht habe. Ich rede leise auf dich ein, flüstere dir beruhigende Worte zu. Alles ist in Ordnung, niemand wird dir etwas tun.
Immer noch liegst du lethargisch dort und starrst mehr durch mich hindurch, als dass du mich ansiehst.
Vorsichtig reiche ich dir die Hand. Aufmunternd lächle ich dir zu und ermuntere dich, sie zu ergreifen. Meine Hand und deine Chance.
Wie ich dich so ansehe bemerke ich, wie sehr du dich vernachlässigst. Äußerlich erscheinst du rein, hast kaum einen Makel an deiner Kleidung, deinem Gesicht und deinem Körper.
Doch dieser Schein trügt. Dein Innerstes zeigt, dass du Hilfe brauchst und verlangst. Du schreist danach, nach jemandem der dir hilft, dich zu erheben und stehen zu bleiben. Auch während des heftigsten Sturms deinen Beinen vertrauen zu können und ihm zu trotzen.
Zu oft bist du gestürzt und musstest dich selbst wieder auf die Füße kämpfen, zu oft versuchtest du, allein zu bestehen.
Du hofftest, dass jemand kommen und dich halten würde wenn du zu stürzen drohtest. Lange Zeit dachtest du, dass dies irgendwann geschehen würde.
Doch als du fielst, wieder und wieder, lief jeder nur vorbei. Gelegentlich half dir jemand auf die Füße. Aus Mitleid oder weil er sich selbst etwas davon versprach. Doch beim nächsten Sturm würde dieser Jemand nicht wiederkommen.
Nun liegst du schon seit langer Zeit und wartest nicht mehr darauf, dass jemand kommt. Du hast dich damit abgefunden, am Boden zu liegen, bist nicht mehr an Hilfe interessiert.
Doch ich bin anders.
Immernoch strecke ich dir meine Hand entgegen und lächle dich aufmunternd an.
Doch wieder stößt du mich weg, wie du es so oft schon getan hast, drehst dich um und schweigst.
Heute wirst du nicht mehr stehen. Ich wende mich ab und gehe. Alles in mir wehrt sich dagegen, doch heute kann ich nichts mehr tun.
Morgen werde ich wieder kommen. So lange, bis du mich siehst, mir zuhörst und verstehst.

