Was ist neu

Rodeon

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Rodeon

Scheiße, ist das kalt. Ist das Rodeon da vorne? Ich will rauchen, aber hab kein Feuer. Meine Hände sind rot, taub und aufgequollen. Um halb fünf hab ich wieder Schicht. Wieso hat mich Rodeon achtzehn Mal angerufen? Ich hab auch meinen Schal und die Mütze vergessen. Ständig vergesse ich alles. Rodeon kenne ich seit der Ersten. Ich hab so einen scheiß verfickt fest sitzenden Husten. Meine Nikes und meine Hose sind so hässlich. Seit Mom gestorben ist, sitze ich noch mehr in der Kreide. Hätte nie gedacht, dass Beerdigungen so teuer sind.
Rodeon sehe ich auf der anderen Seite der Brücke. Dieser scheiß kalte Wind. Ich mach meine Jacke nicht zu, wer weiß schon wieso. Ich hab neulich einen Liebesfilm gesehen und hab geheult. Ich hab so sehr geheult. Ich weiß noch, wie ich auf der Couch gesessen war, Vodka-Bull und Fluppe nach der Maloche, und beim Durchzappen auf diesen Film gestoßen bin. Ich hab keine Ahnung von Schauspielern, wie sie heißen und sowas. Mom kannte immer die Namen von jedem Schauspieler. Jeden Film, den wir im TV angezappt haben, hat sie gesagt: Das ist David Newman, der Film über den Agenten, der das junge Mädchen befreit. Immer sowas in der Art. Ich hab mir zehn Minuten von diesem Film angesehen, und plötzlich ist es in mir aufgestiegen, die Tränen; es ist so peinlich, so zu heulen. Ich hatte ganz vergessen, wie man sich fühlt, wenn man so heult. Wie man innerlich zusammenzuckt, immer wieder, wie sich da etwas zusammenzieht und die Tränen laufen. Komisch sowas, denk ich mir. Peinlich auch. Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Rodeon hat diese weiße Adidas-Trainingsjacke an. Viel zu kalt für diese Scheißnacht. Er geht gebückt, mit den Armen vor sich verschränkt. Sein eckiger Russenkopf kahl geschoren, die Wangen breit, die Augen schmal, von Kälte und Sibirien. Irgendwas ist anders.
„Alter“, sage ich, „was rufst du mich mitten in der Nacht an?“
Rodeon sagt nichts; bleibt nur vor mir stehen. Die weißen Wolken seines schnellen Atems. Das Knacken und Quietschen des verrosteten Metallgestells der Brücke, die in den Industrieteil des Hafens führt. Da fallen mir die dunklen Flecken auf seiner Jacke auf; das Blut an seinen Händen.
„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
„Wo ist deine Karre?“, frage ich.
Rodeon sieht mir einen Moment in die Augen, sagt nichts. „Darum geht‘s ja“, sagt er. „Um die Karre. Verdammt noch mal, um diese scheiß Karre.“
Einen Moment glaube ich, da etwas in ihm zu sehen, in seinem Blick, dem Ausdruck seines Gesichts; einen Moment glaube ich, dass auch in ihm Tränen aufsteigen, dass er gleich losheulen wird.
„Hast du mal Zigarette?“, fragt Rodeon.
„Ja“, sage ich, „aber kein Feuer.“
Rodeon greift in seine Jogginghose, hält mir die Flamme hin und ich stecke mir zwei Kippen in den Mund, bücke mich leicht und entflamme sie.
Ich gebe ihm die Kippe rüber. Er zieht – einmal, zweimal; blickt hoch in den Sternenhimmel, der wie eine Lichterkette über uns hängt; hinter uns die Stadt, die Lichter des blauen Hochhauses; die Industrie, die mich verschlungen hat, mich und meine Mutter; vielleicht auch meinen Vater, aber das ist schwer zu sagen. Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus; da geht er erst in die Knie, atmet tief ein und aus; hält sich die Hand mit der Kippe vors Gesicht, vor die Augen; dann bebt sein Oberkörper, er schluchzt.
„Du musst sagen, dass ich bei dir war“, sagt Rodeon, „die ganze Nacht. Dass ich bei dir war und diesen gottverdammten Wagen nicht gefahren hab. Dass wir bei dir gesoffen haben, aber nicht raus sind. Nicht rumgefahren sind.“ Er blickt auf zu mir, sein Gesicht so, wie ich es noch nie gesehen hab: aufgequollen, sein Blick glasig; vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab; vielleicht ist es das Gesicht, das man beim Weinen bekommt, das eines Kindes, ganz automatisch, vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
 
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Mahlzeit @zigga,

hm, warum ist in deinem Avatar-Bildchen eine AK-47? Hat das was mit Rodeon zu tun? Ich hoffe doch nicht. Ich kannte auch mal den einen oder anderen Rodeon. Ruckzuck ist man in was reingeschlittert. Aus Freundschaft oder weil es nun mal ein alter Schulkumpel ist. Und dann die Perspektiven. Offensichtlich nicht mehr sehr viele. Das Leben hat den Hammer geschwungen und gut getroffen. Ich kenne deinen Protagonisten. Er ist mir schon oft begegnet, und ich konnte ihm nicht helfen. Weil er sich vielleicht nicht helfen lassen wollte.

Hätte ihn doch bloß jemand gehalten, als er weinte. Hätte ihm doch bloß jemand vorgelebt, dass ein paar Tränen den Unterschied machen können zwischen Hoffnung und Vorhölle.

Eine komprimierte Trostlosigkeit. Da ist das mit dem Jungen am Ende der Schlussakkord, der die Sinnlosigkeit zementiert, das Leben überflüssig macht ... aber nicht das Gesetz.

Gerne gelesen.

Guads Nächdle
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Hey @zigga ,

schön, mal wieder was von dir zu lesen. Flash-Fiction, da habe ich einfach zugeschlagen (auch, wenn ich die Kommentare, inklusive deinen, noch immer schuldig bin, wenn ich auch viel zu meiner Verteidigung vorzubringen habe). Zu deinem Text. Ein schöner, kleiner Kinnhaken. Die Qualität stimmt wie immer. Du hast den um zwei morgens abgeschickt, was auch immer das zu bedeuten hat, aber irgendwie scheint es dir ja auf den Nägeln gebrannt zu haben.

verfickt fest

das hat einen guten Klang, diese zwei Wörter

Seit Mom gestorben ist, sitze ich noch mehr in der Kreide.

'Mom' klingt für mich immer komisch. Kann man da nicht Ma schreiben? :D Das ist keine Aufforderung, frage ich mich aber selbst. Auch das 'in der Kreide sitzen' fällt für mich persönlich aus der Authentizität (die das ja nicht zwangsläufig haben muss). Was ich tatsächlich an dieser Stelle kritisieren will, dass hier viel getellt wird. Und wie sich zeigt (oder ich es wahrnehme), ist das auch nicht besonders wichtig, dass er in der Kreide steht. Das würde ich die Mutter lieber anmahnen lassen oder so; so ein kleiner, mieser Seitenhieb oder etwas ähnliches (lese das gerade nochmal – also die Variante mit dem Seitenhieb funktioniert wohl eher nicht. Immerhin war das Geld ja für die Beerdigung. Das ist schon gut, weil es Sympathie erzeugt. Also verzichten würde ich darauf nicht. Aber ich würde empfehlen, das zu zeigen, anstatt ihn einfach behaupten zu lassen). So hat es ein bisschen was von diesem Selbstgespräch/Monolog, das in manchen Filmen zu Zwecken der Exposition geführt wird. Aber es erlaubt sich bei dem Erzähler auch zugegeben mehr als bei anderen. Er macht ja eine Geschichte daraus. Es ist eben nicht bloß Rollenprosa, auch wenn ich das erst im Sinn hatte.

Hätte nie gedacht, dass Beerdigungen so teuer sind.

Auch das hier.
Finde ich aber auf jeden Fall besser, als das andere.

Ich weiß noch, wie ich auf der Couch gesessen war, Vodka-Bull und Fluppe

gesessen war da wird es mit dem Dialekt plötzlich sehr explizit. Sprichst du da etwas Bestimmtes an?

Vodka-Bull und Fluppe. Das erste klingt für mich nicht so, als würde man das so verkürzen und Fluppe klingt für mich eher nach 70er- oder 80er-Jahre. Wolltest du das bzw. kennst du Orte (hast das selbst erlebt), an denen so gesprochen wurde?

und plötzlich ist es in mir aufgestiegen, die Tränen

hier verlässt du ja (absichtlich, nehme ich an) ein bisschen die Grammatik. Korrekt wäre ja eher '... sind sie in mir aufgestiegen, die Tränen.'
Das könnte so ein Zigga-Move sein :D, ist er das? Interessiert mich nur.
Aus meiner Perspektive sage ich, das bringt (wieder) Authentizität und kostet dafür sprachlichen Schliff. Weil sich dieser 'Deal', finde ich, die Waage hält, ist es interessant, dass du dich hier entscheidest, wie du es tust. Sagt ja auch etwas aus.

Sein eckiger Russenkopf kahl geschoren, die Wangen breit, die Augen schmal, von Kälte und Sibirien

Hier spielst du für mein Empfinden mit dem Feuer. Das ist derselbe Deal, nur ein kleines bisschen anders. Authentizität gegen inhaltlichen Schliff. Da hätte ich mich auf jeden Fall für die Inhaltlichkeit entschieden. Weil 'Russenkopf' und 'schmal, von Kälte und Sibirien', da macht er es sich mit der Charakterisierung zu einfach, finde ich.

da geht er erst in die Knie, atmet tief ein und aus; hält sich die Hand mit der Kippe vors Gesicht, vor die Augen; dann bebt sein Oberkörper, er schluchzt.
Ich gebe ihm die Kippe rüber. Er zieht – einmal, zweimal; blickt hoch in den Sternenhimmel, der wie eine Lichterkette über uns hängt

das sind zwei sehr schöne Stellen. Ist wirklich toll, wie du diese Gestik einfängst. Etwas super Schweres, was sich bei dir völlig natürlich anfühlt (und das, obwohl es so eine tränenreiche Stelle ist, wo ja ganz viel passiert).

„Du musst sagen, dass ich bei dir war“, sagt Rodeon, „die ganze Nacht. Dass ich bei dir war und diesen gottverdammten Wagen nicht gefahren hab.

Schöner Twist. Da wird dieses 'Warum' hinter den Tränen sofort greifbar. Da ist Schuld und Angst, vor allem Angst, richtige Fegefeuer-Angst.

r blickt auf zu mir, sein Gesicht so, wie ich es noch nie gesehen hab: aufgequollen, sein Blick glasig; vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab; vielleicht ist es das Gesicht, das man beim Weinen bekommt, das eines Kindes, ganz automatisch, vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.

Das in diesem Sinne. Sehr gut gemacht, finde ich.

„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.

Und hier noch so ein witziger oder wieder erstaunlicher Zigga-Move(?). Nämlich warum du nicht schreibst: "Dass ich diesen gottverdammten Jungen nicht umgefahren hab", sondern das 'nicht' so ungelenk an den Anfang stellst. 'Katalektisch' wäre mein Argument (das Wort habe ich zufällig gelernt, aber ich finde, es beschreibt ein Phänomen, wo ein besseres Wort fehlt!). Dass du, wie es in Gedichten gemacht wird, im letzten Satz eine Unregelmäßigkeit einbaust, die den Rhythmus stört und dadurch eine Art Schlusspunkt markiert. Vielleicht sehe ich ja auch Gespenster. Falls ja, dann ändere es lieber :D :D

Ein schönes, kleines Teil!
Beste Grüße
Carlo
 
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Hallo @zigga
geil, mal wieder etwas von Dir zu lesen :) Und der Text gefällt mir grundsätzlich gut, wobei ich das Gefühl habe, dass er eine in Rollenprosatexten sehr häufig auftauchende Ungenauigkeit beinhaltet. Ich bin zugegebenermaßen etwas neurotisch was Erzählstimmen betrifft und glaube nicht mal wirklich daran, dass die Maßstäbe, die ich quasi automatisch an Texte lege, zwangsweise solche sind, denen ein guter, sehr guter oder auch perfekter Text gerecht werden würde – oder anders: Ich bin mir nicht sicher, ob meine Maßstäbe wirklich mit der Qualität eines Textes zusammenhängen oder, ob sie einfach nur ein paar meiner Lekto- Neuro- Idiosynkrasien widerspiegeln.
So, genug Relativierungen. Ein bisschen Inhalt (denn viel ist es gar nicht) wäre schon fein:
Ich hab so einen scheiß verfickt fest sitzenden Husten. Meine Nikes und meine Hose sind so hässlich. Seit Mom gestorben ist, sitze ich noch mehr in der Kreide. Hätte nie gedacht, dass Beerdigungen so teuer sind.
Tief in der Rolle. Sprache ist sehr stark am Erzähler orientiert. Kurze Sätze, Slang, mentale Tangenten.
Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Ich möchte behaupten, dass die wenigsten Fünfundzwanzigjährigen sich als Fünfundzwanzigjährige betrachten. Der Titel scheint mir eher aus Deinem Umriss, bzw. Deiner Idee der Figur zu kommen. Passender wären mMn. Dinge wie: "Mann", "Kerl", "Typ", "Erwachsener" usw.
Man identifiziert sich doch eher mit Lebensphasen, gesellschaftlichen Rollen usw. als mit Zahlen (wobei es hier Ausnahmen gibt! Kulturell aufgeladene Zahlen wie 18, 30, 40, 60 usw. sind Markierungen bestimmter Abschnitte und symbolisieren/verdichten diese häufig. 25 ist mMn. jedoch keine solche Zahl).
bücke mich leicht und entflamme sie.
Hier. Was zur Hölle? Der "Maloche", "verfickt fest sitzender Husten" Kerl "bückt sich leicht" und "entflammt" eine Zigarette? Ne, man, ne. Du soufflierst Deinem Erzähler hier Sätze einer Sprache, die mMn. nicht die seinige ist. Das ist btw. die "Ungenauigkeit", die ich meinte, haha. Der zündet ne Zigarette an, macht sie an, pafft sie an oder so.
blickt hoch in den Sternenhimmel, der wie eine Lichterkette über uns hängt; hinter uns die Stadt, die Lichter des blauen Hochhauses; die Industrie, die mich verschlungen hat, mich und meine Mutter; vielleicht auch meinen Vater, aber das ist schwer zu sagen.
Hier auch wieder. Er wird urplötzlich bildhaft u. metaphorisch (die Industrie, die verschlungene Mutter, der vllt. verschlungene Vater). Ist das wirklich noch der Erzähler, oder bist Du das, der dem Erzähler nicht zutraut auf so kleinem Raum größere Bedeutungsebenen zu eröffnen?
vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab; vielleicht ist es das Gesicht, das man beim Weinen bekommt, das eines Kindes, ganz automatisch, vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
Same. Die Sache an sich geht voll klar, ist sogar ganz cool, aber das "in uns drin", die "unendliche Traurigkeit", dies Wortreichtum, das ist doch der Herr Zigga, der uns zum Abschluss des Schauspiels kurz die Konstruktion erklärt!

Okok. Nörgelmann, nörgeln kann, aber wie gesagt: ich mag die Geschichte echt. Hab sie gerne gelesen, geht gut runter, berührt und für sich genommen mag ich auch beide (Erzähler spricht, Zigga spricht) Teile, aber das ist so ne Sache, also diese Handpuppifizierung der Rollenprosaerzähler, die mir direkt ins Auge springt. Und wie gesagt 2: Ich weiß gar nicht, ob das wirklich problematisch ist. Vielleicht ist diese Flexibilität der Erzählperspektive auch etwas Gutes und ich bin einfach halsstarrig oder etwas weiter auf der einen als der anderen Seite des Autismusspektrums situiert, haha. Genug gefaselt.

LG
Sisorus
 
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Hey @Morphin,

vielen Dank fürs Vorbeischauen, Lesen und Kommentieren!

hm, warum ist in deinem Avatar-Bildchen eine AK-47? Hat das was mit Rodeon zu tun? Ich hoffe doch nicht.
Nee, das hat damit nichts zu tun. ;) Aber mir gefiel die Ästhetik des Bildes

Ich kannte auch mal den einen oder anderen Rodeon. Ruckzuck ist man in was reingeschlittert. Aus Freundschaft oder weil es nun mal ein alter Schulkumpel ist. Und dann die Perspektiven. Offensichtlich nicht mehr sehr viele. Das Leben hat den Hammer geschwungen und gut getroffen. Ich kenne deinen Protagonisten. Er ist mir schon oft begegnet, und ich konnte ihm nicht helfen. Weil er sich vielleicht nicht helfen lassen wollte.
Schön, dass sich bei dir solche Assoziationen bilden, vielen Dank

Hätte ihn doch bloß jemand gehalten, als er weinte. Hätte ihm doch bloß jemand vorgelebt, dass ein paar Tränen den Unterschied machen können zwischen Hoffnung und Vorhölle.
Ja, wahrscheinlich ist das letzten Endes der einzige Ausweg aus so einer Misere. Aber zu dem Punkt muss man auch erst mal kommen, ich denke, so einfach ist das nicht für viele, sich überhaupt so weit für so eine Sache zu öffnen

Eine komprimierte Trostlosigkeit. Da ist das mit dem Jungen am Ende der Schlussakkord, der die Sinnlosigkeit zementiert, das Leben überflüssig macht ... aber nicht das Gesetz.

Gerne gelesen.
Sehe ich auch so, Gesetz ist das nicht. Vielen Dank fürs lesen und freut mich, dass du es mochtest!

Viele Grüße


Servus @Carlo Zwei!

Vielen Dank dir auch fürs Vorbeischauen, Lesen und Kommentieren! Hat mich sehr gefreut.

Gerade die Details, die du rausgepickt hast, haben mich sehr weitergebracht mit dem Text, denke ich.

'Mom' klingt für mich immer komisch. Kann man da nicht Ma schreiben? :D
Ich finde Mom glaube ich leider geil! :D Ma klingt im jetzigen Augenblick irgendwie entweder sehr kindlich oder ein bisschen "gewollt", meinem Empfinden nach zumindest, mir würde keiner wie den Prot einfallen, der seine Mutter Ma nennen würde? :/ Aber danke, ich notiere das auf jeden Fall und lasse das mal gären!

Auch das 'in der Kreide sitzen' fällt für mich persönlich aus der Authentizität
JA! Ja, da hast du richtig recht. Vielen Dank für die Anmerkung. Das ist wohl der Ausdruck, den ich am wenigsten im Text mag und der tatsächlich rausfällt. Ich bin grad am überlegen, was ich stattdessen schreiben soll und finde es ein wenig schwierig. Ich lass mir was einfallen!

Was ich tatsächlich an dieser Stelle kritisieren will, dass hier viel getellt wird. Und wie sich zeigt (oder ich es wahrnehme), ist das auch nicht besonders wichtig, dass er in der Kreide steht. Das würde ich die Mutter lieber anmahnen lassen oder so; so ein kleiner, mieser Seitenhieb oder etwas ähnliches (lese das gerade nochmal – also die Variante mit dem Seitenhieb funktioniert wohl eher nicht. Immerhin war das Geld ja für die Beerdigung. Das ist schon gut, weil es Sympathie erzeugt. Also verzichten würde ich darauf nicht. Aber ich würde empfehlen, das zu zeigen, anstatt ihn einfach behaupten zu lassen). So hat es ein bisschen was von diesem Selbstgespräch/Monolog, das in manchen Filmen zu Zwecken der Exposition geführt wird. Aber es erlaubt sich bei dem Erzähler auch zugegeben mehr als bei anderen. Er macht ja eine Geschichte daraus. Es ist eben nicht bloß Rollenprosa, auch wenn ich das erst im Sinn hatte.
Ja, das sind gute Gedanken, vielen Dank dafür! Ich bin mir nicht sicher, ob das Tell mich hier grundlegend stört, aber das ist notiert, ich muss mal ein wenig Zeit abwarten lassen, um das klarer zu sehen!

Vodka-Bull und Fluppe. Das erste klingt für mich nicht so, als würde man das so verkürzen und Fluppe klingt für mich eher nach 70er- oder 80er-Jahre. Wolltest du das bzw. kennst du Orte (hast das selbst erlebt), an denen so gesprochen wurde?
Ja, interessant! Ich hab noch mal nachgedacht, und Fluppe hab ich tatsächlich öfter mal gehört, auch von Leuten, die wie der Prot sein könnten. Es ist natürlich immer eine gewisse Ironie enthalten, wenn man Fluppe sagt, weil einem schon klar ist, dass das ein ungewöhnlicher, irgendwie komischer Begriff für Zigarette ist; ich muss auch das mal gären lassen! Kippe klingt halt sehr 0815, in Fluppe ist irgendwo dann auch ein wenig Charakter enthalten, ein wenig Prot

und plötzlich ist es in mir aufgestiegen, die Tränen

hier verlässt du ja (absichtlich, nehme ich an) ein bisschen die Grammatik. Korrekt wäre ja eher '... sind sie in mir aufgestiegen, die Tränen.'
Das könnte so ein Zigga-Move sein :D, ist er das? Interessiert mich nur.
Aus meiner Perspektive sage ich, das bringt (wieder) Authentizität und kostet dafür sprachlichen Schliff. Weil sich dieser 'Deal', finde ich, die Waage hält, ist es interessant, dass du dich hier entscheidest, wie du es tust. Sagt ja auch etwas aus.
Ist mir gar nicht aufgefallen, dieser Zigga-Move! Haha. Ja, das stimmt aber schon, manchmal nehme ich es, wenn Figuren sprechen, mit der Grammatik nicht so eng, ich finde das auch bei anderen Autoren gut, wenn sie versuchen, echte Sprache einzufangen, die Leute reden ja nicht wie der Duden. Ehrlich gesagt ist mir aber der grammatikalische Fehler nicht bewusst unterlaufen, ich fand das irgendwie passend und es klingt für mich gar nicht so falsch, haha, aber ja, das ist eine feine Beobachtung, sehr interessant, das auch mal aus anderen Augen zu sehen, wäre mir so nicht aufgefallen!

Sein eckiger Russenkopf kahl geschoren, die Wangen breit, die Augen schmal, von Kälte und Sibirien

Hier spielst du für mein Empfinden mit dem Feuer. Das ist derselbe Deal, nur ein kleines bisschen anders. Authentizität gegen inhaltlichen Schliff. Da hätte ich mich auf jeden Fall für die Inhaltlichkeit entschieden. Weil 'Russenkopf' und 'schmal, von Kälte und Sibirien', da macht er es sich mit der Charakterisierung zu einfach, finde ich.
Ja, darüber muss ich noch mal nachdenken! Auch "Sibirien", vllt. ist das zu hoch gestochen für den Erzähler, ich bin mir noch unsicher

das sind zwei sehr schöne Stellen. Ist wirklich toll, wie du diese Gestik einfängst. Etwas super Schweres, was sich bei dir völlig natürlich anfühlt (und das, obwohl es so eine tränenreiche Stelle ist, wo ja ganz viel passiert).
Danke!

„Du musst sagen, dass ich bei dir war“, sagt Rodeon, „die ganze Nacht. Dass ich bei dir war und diesen gottverdammten Wagen nicht gefahren hab.

Schöner Twist. Da wird dieses 'Warum' hinter den Tränen sofort greifbar. Da ist Schuld und Angst, vor allem Angst, richtige Fegefeuer-Angst.
Sehr schön!

Nämlich warum du nicht schreibst: "Dass ich diesen gottverdammten Jungen nicht umgefahren hab", sondern das 'nicht' so ungelenk an den Anfang stellst. 'Katalektisch' wäre mein Argument (das Wort habe ich zufällig gelernt, aber ich finde, es beschreibt ein Phänomen, wo ein besseres Wort fehlt!). Dass du, wie es in Gedichten gemacht wird, im letzten Satz eine Unregelmäßigkeit einbaust, die den Rhythmus stört und dadurch eine Art Schlusspunkt markiert. Vielleicht sehe ich ja auch Gespenster. Falls ja, dann ändere es lieber :D :D
Haha, ja da ist definitiv was dran! Ich hatte beim Schreiben das irgendwie so im Ohr, dass die Figur das so sagen würde! Ich verlasse mich da eher immer auf so ein Gefühl als auf korrekte Syntax, aber vielleicht liege ich auch falsch. Ich denke einfach, es ist ein größeres Lesevergnügen bzw. mich als Leser würde das nerven, wenn Figuren vom Gefühl her gar nicht wirklich so sprächen, wie sie es in Wirklichkeit tun würden

Du hast den um zwei morgens abgeschickt, was auch immer das zu bedeuten hat, aber irgendwie scheint es dir ja auf den Nägeln gebrannt zu haben.
Da musste ich echt lachen :D Ich bin eher Nacht- als Morgenmensch, und wenn es möglich ist, sitze ich sehr gerne nachts an Storys. Also, hat mich natürlich gereizt und gefreut, mal wieder was zu posten, aber hätte nicht gedacht, dass jemandem die Uhrzeit auffällt! :D

Ein schönes, kleines Teil!
Carlo, ich danke dir nochmals.


Hey @Sisorus!

Danke dir auch fürs Lesen und Kommentieren! :)

geil, mal wieder etwas von Dir zu lesen
Zurück: Geil, mal wieder was von dir zu lesen!

Und der Text gefällt mir grundsätzlich gut, wobei ich das Gefühl habe, dass er eine in Rollenprosatexten sehr häufig auftauchende Ungenauigkeit beinhaltet. Ich bin zugegebenermaßen etwas neurotisch was Erzählstimmen betrifft und glaube nicht mal wirklich daran, dass die Maßstäbe, die ich quasi automatisch an Texte lege, zwangsweise solche sind, denen ein guter, sehr guter oder auch perfekter Text gerecht werden würde – oder anders: Ich bin mir nicht sicher, ob meine Maßstäbe wirklich mit der Qualität eines Textes zusammenhängen oder, ob sie einfach nur ein paar meiner Lekto- Neuro- Idiosynkrasien widerspiegeln.
Jaaaa ... du hast schon recht! Das war ein wenig meine Furcht bei dem Text, oder eben das, wobei ich mir nicht sicher war, wie viel Authentizität muss in der Sprache sein, was kann die Figur sagen und denken und was nicht. Das Problem auf den Punkt gebracht: Einerseits mag ich eine rohe, echte Sprache, die eine solche Figur sprechen würde. Andererseits mag ich auch einfach mal gute Beschreibungen. Auf eine gewisse Weise denke ich mir auch, es gibt Leute, die leben so ein Leben, aber die können auch auf eine gewisse Weise die Dinge ein kleinwenig poetisch sehen. Menschen sind schlauer und vielschichtiger, als man oft annimmt. Schau dir z.B. die vielen Kids aus der "Unterschicht" an, die z.B. rappen oder Rapvideos auf Youtube laden, auch wenn sie nicht erfolgreich sind, ist da trotzdem eine Melodie und Poesie enthalten, die von ihnen kommt. So etwas dachte ich mir hier beim Prot: Wieso muss er einfältig und vorhersehbar sprechen, so wie man es sich denkt? Natürlich tut er das meistens. Aber wieso sollte er nicht auch ein wenig den Sternenhimmel mal wie eine Lichterkette sehen? Weißt du, wie ich meine? Also ich stehe absolut hinter deiner Kritik und den Punkten, die du zitiert und kommentiert hast, aber da ist auch dieser Gedanke in mir, dass hier und da eine Formulierung, die jetzt nicht nach Stanz-Arbeiter klingt, sondern von einem sensiblen Menschen kommt, eigentlich möglich ist. Der Prot ist ja jetzt auch kein Feingeist oder sonst was, sondern ein normaler Junge. Aber ja, das sind so meine Gedanken zu deinem Kommentar! Du siehst, er hat mich sehr angeregt und dafür mich ich mich bei dir bedanken :)

Ich hab so einen scheiß verfickt fest sitzenden Husten. Meine Nikes und meine Hose sind so hässlich. Seit Mom gestorben ist, sitze ich noch mehr in der Kreide. Hätte nie gedacht, dass Beerdigungen so teuer sind.
Tief in der Rolle. Sprache ist sehr stark am Erzähler orientiert. Kurze Sätze, Slang, mentale Tangenten.
Schön! In der Kreide sitzen fand ich letztendlich irgendwo nicht dem Duktus entsprechend, interessant, dass du das authentisch fandest!

Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Ich möchte behaupten, dass die wenigstens Fünfundzwanzigjährigen sich als Fünfundzwanzigjährige betrachten. Der Titel scheint mir eher aus Deinem Umriss, bzw. Deiner Idee der Figur zu kommen. Passender wären mMn. Dinge wie: "Mann", "Kerl", "Typ", "Erwachsener" usw.
Man identifiziert sich doch eher mit Lebensphasen, gesellschaftlichen Rollen usw. als mit Zahlen (wobei es hier Ausnahmen gibt! Kulturell aufgeladene Zahlen wie 18, 30, 40, 60 usw. sind Markierungen bestimmter Abschnitte und symbolisieren/verdichten diese häufig. 25 ist mMn. jedoch keine solche Zahl).
Da hast du recht. Da klingt ein wenig der Autor durch und auch Infodump. Werde ich ändern.

bücke mich leicht und entflamme sie.
Hier. Was zur Hölle? Der "Maloche", "verfickt fest sitzender Husten" Kerl "bückt sich leicht" und "entflammt" eine Zigarette? Ne, man, ne. Du soufflierst Deinem Erzähler hier Sätze einer Sprache, die mMn. nicht die seinige ist. Das ist btw. die "Ungenauigkeit", die ich meinte, haha. Der zündet ne Zigarette an, macht sie an, pafft sie an oder so.
Hahaha. Du hast recht. Danke für den Hinweis. Entflammen ist einfach so ein geiles Wort. Aber ja, ist notiert und ich muss mal drüber schlafen! Im Grunde hast du aber recht

vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab; vielleicht ist es das Gesicht, das man beim Weinen bekommt, das eines Kindes, ganz automatisch, vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
Same. Die Sache an sich geht voll klar, ist sogar ganz cool, aber das "in uns drin", die "unendliche Traurigkeit", dies Wortreichtum, das ist doch der Herr Zigga, der uns zum Abschluss des Schauspiels kurz die Konstruktion erklärt!
Jaaa ... hab den Text ja hochgeladen, um genau so eine Kritik zu bekommen! Also for real. Hab ja oben geschrieben, was ich mir dabei dachte, bei dieser Stelle bspw. Aber ja, im Grunde hast du recht. Irgendwie gefällt mir das, auch, dass der Junge kein absoluter Holzkopf ist, sondern er ist ja auch sensibel, jetzt nicht im Sinne von Schwach und immer Sensibelchen, aber da ist ja auch etwas an ihm, das er verleugnet, etwas Sensibles, was er zu unterdrücken versucht, wenn er sagt "es ist so peinlich, so zu heulen", (so zumindest war mein Gedanke beim Schreiben), und das auch hier und da zu einem "sensiblen Blick auf die Welt" führen könnte, wenn man seine Persönnlichkeit anblickt ... aber das ist sehr interessant und ich frage mich diese Frage oft, wenn ich eine solche Figur schreibe: Was geht, was kann? Was ist Klischee und ist es vllt. originell und authentisch, hier und da mal etwas sagen zu lassen, wo man denkt: Krass, ja, das ist kein Abziehbildchen von Malocher, wie man ihn sich vorstellt, da ist ein echter, fühlender junger Mensch dahinter?
Also vielen Dank für dein Feedback, es ist mir sehr viel wert! Ich werde mal über dein Gesagtes nachdenken und es ist auf jeden Fall notiert. Ich stimme dir im Grunde zu, aber ich bin noch nicht ganz hinter die Lösung dieser Thematik gestiegen.

Grazie!

Viele Grüße,
zigga
 
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Hi @zigga
ganz kurze Anmerkung noch.
In der Kreide sitzen fand ich letztendlich irgendwo nicht dem Duktus entsprechend, interessant, dass du das authentisch fandest!
Las ich als Sprache der Mutter und fand ich in dem Kontext dann irgendwie passend.

Und ja, ich kann Deinen Zwiespalt total nachvollziehen. Ich denke aber, es gibt eine einem solchen Erzähler eigene Poetik, die es hier zu entfalten gilt. Eventuell reicht da eine Umstrukturierung der Sätze schon. Lass mich meine Einleitung Lügen strafen und eine Ideenskizze bieten, hihi.
Ich gebe ihm die Kippe rüber. Er zieht – einmal, zweimal; blickt hoch in den Sternenhimmel, der wie eine Lichterkette über uns hängt; hinter uns die Stadt, die Lichter des blauen Hochhauses; die Industrie, die mich verschlungen hat, mich und meine Mutter; vielleicht auch meinen Vater, aber das ist schwer zu sagen. Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus; da geht er erst in die Knie, atmet tief ein und aus; hält sich die Hand mit der Kippe vors Gesicht, vor die Augen; dann bebt sein Oberkörper, er schluchzt.
„Du musst sagen, dass ich bei dir war“, sagt Rodeon, „die ganze Nacht. Dass ich bei dir war und diesen gottverdammten Wagen nicht gefahren hab. Dass wir bei dir gesoffen haben, aber nicht raus sind. Nicht rumgefahren sind.“ Er blickt auf zu mir, sein Gesicht so, wie ich es noch nie gesehen hab: aufgequollen, sein Blick glasig; vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab; vielleicht ist es das Gesicht, das man beim Weinen bekommt, das eines Kindes, ganz automatisch, vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
... blickt hoch in den Sternenhimmel, der in Lichterketten über uns hängt (Bla, ändert auch nix von Substanz, aber Hauptsache etwas ändern, gel :P?). Hinter uns ist das blaue Hochhaus. Dahinter, die Stadt, die Werke. Die Industriewerke in denen ich sitze. In denen Mom saß (Mutter zb für Mom tauschen wäre ein Schritt in die richtige Richtung, denke ich?). Bis zum Ende saß sie dort und vielleicht saß dort auch mein Vater (Distanz durch "Vater"), aber das ist doch sowieso scheißegal. Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus. Rodeons Beine knicken weg, als hätte man ihm von hinten die Kniescheiben rausgehauen. Er hält sich die Hand mit der Kippe vors Gesicht, vor die Augen. Sie zittert und zittert immer mehr, fast schlägt sie gegen die Stirn; dann wandert das Beben in den Kopf, den Nacken, den Oberkörper. Er schluchzt ...
... Er sieht zu mir hoch und sein Gesicht ist aufgequollen, sein Blick glasig; Heulgesicht, Schluchzgesicht, Angstgesicht, Kindsgesicht. Wer heult schon so?

Ja. Ne. Okay. Geil ist's nicht, haha. Ich glaube, ich bleibe lieber beim Kritisieren. So oder so, freut mich, dass Du etwas mit dem Kommentar anfangen konntest!

Frohes Neues unso!
 
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@Sisorus
In der Kreide sitzen fand ich letztendlich irgendwo nicht dem Duktus entsprechend, interessant, dass du das authentisch fandest!
Las ich als Sprache der Mutter und fand ich in dem Kontext dann irgendwie passend.
Ah, das stimmt. Das könnte sehr gut klappen.

Und ja, ich kann Deinen Zwiespalt total nachvollziehen. Ich denke aber, es gibt eine einem solchen Erzähler eigene Poetik, die es hier zu entfalten gilt. Eventuell reicht da eine Umstrukturierung der Sätze schon.
Das ist ein guter Punkt. Die eigene Poetik kann sich auch aus dem Erzähler entfalten. Ja, mal sehen. Ich bin vielleicht allgemein ein wenig am ausloten, welcher Duktus für so einen Prot passt. Deine Vorschläge sind auch gut in die Richtung. Grazie dafür.

... blickt hoch in den Sternenhimmel, der in Lichterketten über uns hängt (Bla, ändert auch nix von Substanz, aber Hauptsache etwas ändern, gel :P?). Hinter uns ist das blaue Hochhaus. Dahinter, die Stadt, die Werke. Die Industriewerke in denen ich sitze. In denen Mom saß (Mutter zb für Mom tauschen wäre ein Schritt in die richtige Richtung, denke ich?). Bis zum Ende saß sie dort und vielleicht saß dort auch mein Vater (Distanz durch "Vater"), aber das ist doch sowieso scheißegal. Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus. Rodeons Beine knicken weg, als hätte man ihm von hinten die Kniescheiben rausgehauen. Er hält sich die Hand mit der Kippe vors Gesicht, vor die Augen. Sie zittert und zitter immer mehr, fast schlägt er sie sich gegen die Stirn; dann wandert das Beben in den Kopf, den Nacken, den Oberkörper. Er schluchzt ...
... Er sieht zu mir hoch und sein Gesicht ist aufgequollen, sein Blick glasig; Heulgesicht, Schluchzgesicht, Angstgesicht, Kindsgesicht. Wer heult schon so?
Ja. Ne. Okay. Geil ist's nicht, haha.
Ja danke für die Vorschläge! Ich finde sie nicht schlecht. Ich schau jetzt mal über den Text und guck mal, was ich umsetzen und ändern kann. Einiges muss ich leider auf die lange Bank legen (stellen?), ich brauch da einfach ein wenig Zeit, um Abstand zum Text zu gewinnen. Aber danke auf jeden Fall für deine erneute Rückmeldung!

Beste Grüße
 
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Salü @zigga
Ist ja keine Bitte, eher ein Flehen, nein eine Aufforderung. Du mein bester Freund - du MUSST mir helfen.
Und schon bin ich Komplize deines Erzählers, wie würde ich mich entscheiden? Wie weit geht Freundschaft, dass man dafür kriminell (Falschaussage) wird? Hast du fein gemacht. Kommt natürlich drauf an, wie die Vergangenheit deines Erzählers aussieht, aber die Sprache und Gedanken zeichnen eher ein dunkles Bild, was am Ende beide Möglichkeiten offen lässt. Das hat mir gefallen, dieser offene Schlusspunkt. Darin liegt meiner Meinung auch die Stärke des Textes, du baust sie behutsam auf, die Tiefe des Abgrunds, in den sich Rodeon (im wahrsten Sinne) reinmanövriert hat.
Erst das Blut an Rodeon, Schlägerei? Dann, die scheiss Karre, aha - Unfall, liegt wohl im Graben oder so. Dann aber Personenschaden und Fahrerflucht - BAMM.
Ich kann mir deinen Erzähler gut vorstellen, etwas schusselig, aber empathisch, wie er seinem Kumpel aus der Patsche helfen will, ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Ihn dann antrifft, seinen mentalen Zusammenbruch erlebt und plötzlich glaubt, hinter Rodeons harte Fassade zu blicken, aber am Ende ...

zigga schrieb:
Scheiße, ist das kalt. Ist das Rodeon da vorne?
[...]
Rodeon sehe ich auf der anderen Seite der Brücke.
Das beisst sich mMn. Er vermutet ihn ja schon zu sehen, deshalb ist die zweite Erkenntnis nicht neu, hört sich aber so an.

zigga schrieb:
„Alter“, sage ich, „was rufst du mich mitten in der Nacht an?“
[...]
„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
Frag mich nicht warum, aber irgendwie stört mich die gleichförmige Anrede der beiden. Ich würde es bei einem eindringlicheren "Du musst mir helfen." belassen.

zigga schrieb:
[...]vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Erst lullst du den Leser ein, das Kind in uns allen, so unschuldig, fast das Opfer, und man beginnt schon Mitleid ... –BAMM – contraire: der gottverdammte Junge. Tja.

Prima Flash-Fiction.
Gruss dot
 
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Hi @zigga ,

deine Geschichte ist auch für mich ein gutes Beispiel, wie ein Flash Fiction-Text gestaltet werden kann.

Inhaltlich habe ich zwei Punkte, über die ich gestolpert bin:

Zum einen die Gedanken des Protagonisten, die beginnen mit dem Satz "Ich hab neulich einen Liebesfilm gesehen und hab geheult." Ich finde es zwar passend, dass es bei beiden Personen um die schwierigen Seiten des Lebens geht und damit auch um das Weinen. Das m.E., so wie du es hier beschreibst, irgendwann kommt, wenn man etwas zu lange verdrängt. Oder, wie im Fall von Rodeon, etwas schlimmes passiert ist. Aber ich kann an dieser Stelle nicht nachvollziehen, wie er gerade in diesem Moment auf den Liebesfilm kommt, den er gesehen hat und dass er deswegen (oder davon ausgelöst) weinen musste. Diese Stelle wirkt daher auf mich zu konstruiert, irgendwie nicht nachvollziehbar, wie er aus seinen vorherigen Gedanken nun darauf kommt.

Weiterhin sagt Rodeon gegen Ende nur, dass ihm der Prota ein Alibi geben soll. Das ist wahrscheinlich in dem Schock erstmal das Naheliegende, ich habe mich hier nur gefragt, was mit seinem Wagen ist? Rodeon sagt ja selbst, dass es um den Wagen geht. Er wird ja entsprechende Unfallspuren haben, also vielleicht zumindest ein Stichwort, dass sie auch den Wagen verstecken müssen oder reinigen, oder so ähnlich halt.

Insgesamt habe ich die Geschichte gerne gelesen, die Stimmung dieser nächtlichen Szene kommt gut rüber. Noch ein paar Details:

Wieso hat mich Rodeon achtzehn Mal angerufen?
Achtzehn Mal ... ? Hat er wirklich so fest geschlafen, dass er erst beim achtzehnten Anruf aufgewacht ist? Scheint mir etwas viel.

Ich mach meine Jacke nicht zu, wer weiß schon wieso.
Guter Satz, er zeigt m.E. auch grundsätzliche Gedanken des Protafonisten zum Leben:
"Wer weiß schon wieso?"

Mom kannte immer die Namen von jedem Schauspieler.
Ich würde "Mutter" statt "Mom" schreiben.

Ich hab mir zehn Minuten von diesem Film angesehen, und plötzlich ist es in mir aufgestiegen, die Tränen;
Kein Komma nach "angesehen", glaube ich ;
ggf. "sind sie" statt "ist es", aber wahrscheinlich wolltest du es genauso schreiben?

Rodeon sagt nichts; bleibt nur vor mir stehen. Die weißen Wolken seines schnellen Atems. Das Knacken und Quietschen des verrosteten Metallgestells der Brücke, die in den Industrieteil des Hafens führt.
Du beschreibst zwar alles deutlich, aber bei diesen beiden Sätze fehlt für mich etwas, auch wenn man es formal wahrscheinlich so schreiben kann. z.B. "Ich sehe die weißen Wolken ..." oder "... seines schnellen Atems hängen in der kalten Luft."

„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
„Wo ist deine Karre?“, frage ich.
An der Stelle kann ich nicht nachvollziehen, warum er als direkte Antwort nach seiner Karre fragt? Als Reaktion auf die Blutflecken auf der Jacke?

einen Moment glaube ich, dass auch in ihm Tränen aufsteigen, dass er gleich losheulen wird.
ggf. nur "losheult", du schreibst zuvor ja auch "aufsteigen". Beides sind Vermutungen, bei denen ich keinen Grund sehe, verschiedene Zeiten zu verwenden.

„Hast du mal Zigarette?“, frage Rodeon.
fragt

Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus;
"plötzlich" könntest du streichen, dass es plötzlich passiert, wird auch so deutlich

Viele Grüße!
Rob
 
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Meine Nikes und meine Hose sind so hässlich. Seit Mom gestorben ist, sitze ich noch mehr in der Kreide. Hätte nie gedacht, dass Beerdigungen so teuer sind.

Moin Zigga,

@Sisorus hat hier vieles schon vorweggenommen, was ich im Grunde auch so empfunden habe. Der Erzähler erzählt sich diese Details im Grunde selbst. Das ist, wie ich finde, überhaupt ein Riesenproblem, ich habe das genau so, regelmäßig, denn egal wie du die Ich-Perspektive benutzt, du kannst nie wirklich gegenwärtig erzählen, es ist immer schon auch Reflektion - du denkst über das Passierende nach, selektierst, urteilst, ordnest ein, alleine schon was du erzählen möchtest, passiert ja auf einer Art Meta-Ebene. Man könnte natürlich hingehen und sagen, ist sowieso Fiktion und egal, und GENAU das denke ich mir eben oft genug, es ist keine Dokumentation, sondern eine Geschichte, die bestenfalls Realismus simulieren soll, eine Art make-believe.

Ich hab neulich einen Liebesfilm gesehen und hab geheult. Ich hab so sehr geheult. Ich weiß noch, wie ich auf der Couch gesessen war, Vodka-Bull und Fluppe nach der Maloche, und beim Durchzappen auf diesen Film gestoßen bin.

Zum Beispiel hier: Warum erzählt er das ausgerechnet jetzt? Wie wahrscheinlich ist das? Mir ist klar, worauf du hinauswillst, das sind Details, die ein Milieu kennzeichnen, das ist auch eine gewisse Form der Charakterisierung, und es sagt auch etwas über den fehlenden Zugang zur eigenen Emotionalität aus - aber denkt er das (im Grunde sind das ja seine Gedanken, die er während er agiert, während er geht, denkt) gerade jetzt? Er weiß nicht, was mit Rodeon ist, er oder sie wird achtzehn Mal angerufen, mitten in der Nacht, quasi aus dem Schlaf geholt, denkt man dann über Filme nach, bzw wie man sich diese angesehen hat? Mir ist klar, dass auch die Mutter wichtig ist, aber ich glaube, auf diese Kürze hast du das gar nicht nötig, das so zu konstruieren. Du könntest das auch in einem Dialog mit Rodeon lösen, wo erstmal gar nicht klar wird, was der Erzähler will, er möchte das einfach nur loswerden, Rodeon will aber das Alibi von ihm, und dann entsteht so ein Coen-Brothers Moment, so eine gewisse Absurdität, weil beide ein wenig aneinander vorbeireden, sich aber tatsächlich offenbaren, weißt du, was ich meine?
„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
„Wo ist deine Karre?“, frage ich.
Auch hier in dem Dialog. Fragt er sofort nach der Karre? Ich komme da mitten in der Nacht an, es ist saukalt, treffen den auf irgendeiner Brücke, und dann frage ich sofort nach der Karre? Würde man nicht erstmal fragen: Hast du sie noch alle? Oder: Was ist denn los, bist du bescheuert, mich nachts rauszuklingeln, du weißt, ich hab Schicht? Dann auch die Frage, warum Roden nicht einfach zu dem Erzähler nach Hause geht? Wieso muss er ihn anrufen - Anrufe lassen sich doch zurückverfolgen, im schlimmsten Fall. Hier würde man doch eher versuchen, jede digitale Spur zu verwischen. Er klettert notfalls bei dem ins Zimmer und sagt, Alter, ich brauche eine Alibi von dir.
Er blickt auf zu mir, sein Gesicht so, wie ich es noch nie gesehen hab: aufgequollen, sein Blick glasig; vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab;
Das ist stark, der Rest, der folgt, ist schon ein wenig drüber, wie ich finde, das klingt sehr nach Autor. Ich würde da gar nicht argumentieren wollen, ob das in die Erzählersprache passt, also in den Erfahrungshorizont, das ist auch ein wenig ein Vorurteil, die Annahme, man kann nur hochpoetische Empfindungen haben, wenn man Literaturwissenschaften studiert hat, ich frage mich eher, ist es für den Text gut, sinnvoll und nötig? Und hier bekräftigt dieser Satz etwas - sie kenne sich lange, sie sind loyal, und wahrscheinlich wird der Erzähler ihm helfen. Der Rest wirkt dagegen ein wenig wie drangepappt, aber vielleicht lese auch nur ich da so?

„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Ich finde es schade, dass du ihn das so direkt sagen lässt. Rodeon könnte diese Sache, was passiert ist, wirklich erzählen, bzw es versuchen - drumherumreden, sich rausreden, er ist immer noch unter Adrenalin, hat Panik, da wirkt diese Aussage schon sehr kongruent, sehr in cold blood. Ich glaube, er müsste verwirrter, weniger reflektiert, zerrissener reagieren, etwas kopflos, dadurch verändert sich auch das Gefälle zwischen den Figuren, denn der Erzähler ist dann an der Reihe, der Figurendruck ist hoch, aber der Erzähler erhöht die Spannung noch mal, weil niemand weiß, wie er reagieren wird. Jetzt hast du im Grunde eine Anlage, die einen Schritt vorher aufhört, mit einem Cliffhanger. Ich glaube, stringenter wäre es, wenn der Erzähler sozusagen das letzte Wort hat - wenn er Rodeons Version gehört hat, wenn er ihm die Hand auf die Schulter legt und dann irgendetwas sagt oder tut, es muss ja keine Lösung angeboten werden, ein offenes Ende, nur liegt dann die Erzählung wieder in seinen Händen, er behält die Gewalt über die Situation, über das Erzählte. So wirkt es sehr abgerissen.

Jau, gerne gelesen, ist schön komprimiert, geradeaus, erinnert mich an Szenen aus Sidney Lumier Filmen, diese Heimlichkeit und Verschworenheit.

Gruss, Jimmy
 

AWM

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Servus @zigga
ich mag deine Geschichte und ich finde, dass du im ersten Absatz in aller Kürze gut zeigst, wie die Gedanken deines Protas rasen und springen und wie viel auf ihm lastet. Das gefällt mir gut. Du hast auch schöne Details drin z.B. mit der Zigarette und dem Feuer. Das zeigt für mich, wie sich beide ergänzen und füreinander da sind, sich auch spiegeln in ihren Lebensläufen und Problemen, sich aber gegenseitig nicht guttun (rauchen ist schlecht! :D). Dein Prota hilft seinem Kumpel, wodurch sich seine eigene Lage wahrscheinlich noch verschlimmert, weil er hilft eine Straftat zu vertuschen.
Noch zum Titel: Da würde ich einen anderen wählen. Der hat mich nicht scharf drauf gemacht, das zu lesen und passt für mich auch nicht ganz, weil es ja nicht vordergründig um Rodeon geht. Ich kannte diesen Namen auch nicht und habe gegoogled. Er ist selten aber eine besondere zur Geschichte passende Bedeutung trägt er nicht.
Scheiße, ist das kalt. Ist das Rodeon da vorne? Ich will rauchen, aber hab kein Feuer. Meine Hände sind rot, taub und aufgequollen. Um halb fünf hab ich wieder Schicht. Wieso hat mich Rodeon achtzehn Mal angerufen? Ich hab auch meinen Schal und die Mütze vergessen. Ständig vergesse ich alles. Rodeon kenne ich seit der Ersten. Ich hab so einen scheiß verfickt fest sitzenden Husten. Meine Nikes und meine Hose sind so hässlich. Seit Mom gestorben ist, sitze ich noch mehr in der Kreide. Hätte nie gedacht, dass Beerdigungen so teuer sind.
Was für mich hier aber aus der Rolle herausfällt, ist "Rodeon kenne ich seit der Ersten". Das hört sich für mich wie eine reine Info für den Leser an und nicht wie etwas, was deine Prota in dieser Situation denken würde.
Sitze ich noch mehr in der Kreide" ist mir auch zu umständlich und fällt aus dem Ton des Erzählers. Das ist so bisschen Altherrensprech. Bin ich noch abgebrannter oder sowas.
Ich weiß noch, wie ich auf der Couch gesessen war
saß
Jeden Film, den wir im TV angezappt haben, hat sie gesagt:
Grammatik.
es ist so peinlich, so zu heulen. Ich hatte ganz vergessen, wie man sich fühlt, wenn man so heult. Wie man innerlich zusammenzuckt, immer wieder, wie sich da etwas zusammenzieht und die Tränen laufen. Komisch sowas, denk ich mir. Peinlich auch. Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Gefällt mir nicht so gut. Da liest es sich, als hättest du es dir ein wenig zu einfach gemacht. Hier könntest du den Einschub mit irgendeiner Assoziation einleiten, die der Prota aus der Szene bezieht. Und dann würde ich hier auch mehr show machen. Nicht einfach sagen, es war peinlich (vor wem? Nur vor sich?). Er könnte irgendwie auf der Arbeit vor Kollegen in Tränen ausgebrochen sein und deshalb bei einem wichtigen Arbeitsschritt versagt haben, was sein Selbstverständnis in Frage stellt oder sowas.
Sein eckiger Russenkopf kahl geschoren, die Wangen breit, die Augen schmal, von Kälte und Sibirien. Irgendwas ist anders.
von Kälte und Sibirien" würde ich streichen. Finde das bisschen klischeehaft und außerdem habe ich die Story so gelesen, dass sie irgendwo in Deutschland spielt. Wenn er ihn also schon seit der Ersten kennt, passt es für mich nicht, dass die Kälte Sibiriens seine Physiognomie geformt hat. Er ist da ja nicht wirklich aufgewachsen.
einen Moment glaube ich, dass auch in ihm Tränen aufsteigen, dass er gleich losheulen wird.
Tränen aufsteigen" würde ich streichen. Dein Erzähler schwankt im Ton. Das ist mir zu verspielt, hier auch ein wenig schmalzig. Zumindest wirkt es auf mich so, vielleicht auch, weil der Rest eher hart und geradeheraus ist. "einen Moment sieht er aus, als ob er gleich losheult."
frage Rodeon.
fragte
„Hast du mal Zigarette?“, frage Rodeon.
„Ja“, sage ich, „aber kein Feuer.“
"mal" streichen. Das hört sich so nach Einkaufspassagen-Schnorrer an.
hält mir die Flamme hin und ich stecke mir zwei Kippen in den Mund, bücke mich leicht und entflamme sie.
Flamme --> entflammen. Er zündet sie sich an. Auch hier fällst du aus dem Erzählton.
der wie eine Lichterkette über uns hängt
Finde ich auch unpassend für den Erzähler in dieser Situation. Die sind gerade beide in einer Scheißsituation und da ist mir das zu poetisch, ohne dass es den Erzähler irgendwie charakterlich zeichnen würde. Da scheinst du als Autor durch. Ganz davon abgesehen gefällt mir das Bild nicht. Eine Lichterkette reiht Lichter aneinander und das passt für mich nicht zu einem Nachthimmel, bei dem die Sterne versprenkelt sind.
dann bebt sein Oberkörper, er schluchzt.
Würde ich auch beides streichen
dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
Hier finde ich die Aussage schwierig. Es geht dir doch eher darum, dass das Kind diese unendliche TRaurigkeit zulassen kann. Als junge Männer ist ihnen das peinlich. Hier liest es sich aber als ob dieses Kind und die unendliche Traurigkeit synonym wären. Ich denke nicht, dass du das so gemeint hast.
„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Ich würde diesen letzten Satz streichen und den Leser im Unklaren lassen, was genau passiert ist. Das würde für mich stärker wirken, weil das hier fast so ein wenig wie ein Twist am Ende präsentiert ist, aber das beinhaltet, was man sich eh denkt.

Gruß
AWM
 

MRG

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Moin @zigga,

ich habe deinen Text jetzt mehrfach gelesen und für mich funktioniert er irgendwie nicht so richtig. Ich habe überlegt, woran das liegt und bin auf folgende Gedanken gekommen. Hoffentlich bringt es dich weiter. Vorab möchte ich noch sagen, dass das richtig gut geschrieben ist. Die kleinen Details finde ich großartig und du triffst auch gut den Ton deines Ich-Erzählers.

Und genau bei dem Ich-Erzähler möchte ich auch ansetzen, denn das was mich an deinem Text stört, ist, dass er ja eigentlich nicht der Protagonist ist. Das ist eigentlich auch der Hauptkritikpunkt für mich. Du baust die Beziehung zwischen mir als Leser und deinem Ich-Erzähler auf. Dahingegen hatte ich zu Rodeon keine besondere emotionale Verbindung (im Vergleich zu deinem Ich-Erzähler). Ich versuche meinen Leseeindruck mal an diesen beiden Textstellen zu verdeutlichen:

Wie man innerlich zusammenzuckt, immer wieder, wie sich da etwas zusammenzieht und die Tränen laufen. Komisch sowas, denk ich mir. Peinlich auch. Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Hier fühle ich mich deinem Ich-Erzähler verbunden, du zeigst mir seine innere Welt. Das finde ich richtig stark. Dahingegen steht dann Rodeon:

Rodeon hat diese weiße Adidas-Trainingsjacke an. Viel zu kalt für diese Scheißnacht. Er geht gebückt, mit den Armen vor sich verschränkt. Sein eckiger Russenkopf kahl geschoren, die Wangen breit, die Augen schmal, von Kälte und Sibirien. Irgendwas ist anders.
Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus; da geht er erst in die Knie, atmet tief ein und aus; hält sich die Hand mit der Kippe vors Gesicht, vor die Augen; dann bebt sein Oberkörper, er schluchzt.
Du beschreibst ihn von außen, wie er aussieht und dein Ich-Erzähler merkt dass etwas nicht stimmt und er leidet. Allerdings kann ich als Leser nur begrenzt mit Rodeon mitfühlen. Es fehlen mir die Informationen über Rodeon und seine innere Welt. Als Leser weiß ich, dass sie sich seit der ersten Klasse kennen, aber so richtig mitfühlen kann ich mit Rodeon nicht wie ich das mit dem Ich-Erzähler tun kann.

Daher hat es mich gewundert, dass Rodeon dann ja eigentlich der tragische Held deiner Geschichte ist. Ich hätte mir gewünscht, dass du entweder den Fokus stärker auf Rodeon und sein Schicksal lenkst aus der Sicht des Ich-Erzählers oder eben doch deinen Erzähler das furchtbare Ereignis bzw. den Unfall erleben lässt.

So, das zu meinem subjektiven Leseeindruck, den wollte ich dir dalassen.

Wünsche dir eine erfolgreiche Restwoche.


Beste Grüße
MRG
 
Zuletzt bearbeitet:
Senior
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02.01.2011
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Hey @dotslash,

vielen Dank für Lesen und Kommentieren!

Ist ja keine Bitte, eher ein Flehen, nein eine Aufforderung. Du mein bester Freund - du MUSST mir helfen.
Und schon bin ich Komplize deines Erzählers, wie würde ich mich entscheiden? Wie weit geht Freundschaft, dass man dafür kriminell (Falschaussage) wird? Hast du fein gemacht. Kommt natürlich drauf an, wie die Vergangenheit deines Erzählers aussieht, aber die Sprache und Gedanken zeichnen eher ein dunkles Bild, was am Ende beide Möglichkeiten offen lässt. Das hat mir gefallen, dieser offene Schlusspunkt. Darin liegt meiner Meinung auch die Stärke des Textes, du baust sie behutsam auf, die Tiefe des Abgrunds, in den sich Rodeon (im wahrsten Sinne) reinmanövriert hat.
Erst das Blut an Rodeon, Schlägerei? Dann, die scheiss Karre, aha - Unfall, liegt wohl im Graben oder so. Dann aber Personenschaden und Fahrerflucht - BAMM.
Ja danke und freut mich, dass das für dich so geklappt hat!

Ich kann mir deinen Erzähler gut vorstellen, etwas schusselig, aber empathisch, wie er seinem Kumpel aus der Patsche helfen will, ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Ihn dann antrifft, seinen mentalen Zusammenbruch erlebt und plötzlich glaubt, hinter Rodeons harte Fassade zu blicken, aber am Ende ...
Schön!

zigga schrieb:
Scheiße, ist das kalt. Ist das Rodeon da vorne?
[...]
Rodeon sehe ich auf der anderen Seite der Brücke.
Das beisst sich mMn. Er vermutet ihn ja schon zu sehen, deshalb ist die zweite Erkenntnis nicht neu, hört sich aber so an.
Ja, du hast recht. Ursprünglich hieß die Geschichte "Auf der Brücke", da wäre das eindeutiger gewesen, glaube ich. Ich werde da noch mal drüber gehen, danke

„Alter“, sage ich, „was rufst du mich mitten in der Nacht an?“
[...]
„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
Frag mich nicht warum, aber irgendwie stört mich die gleichförmige Anrede der beiden. Ich würde es bei einem eindringlicheren "Du musst mir helfen." belassen.
:D Ja, muss mal drüber nachdenken. Ich finde, gerade unter Freunden bürgert sich nach einiger Zeit so ein gewisser Sprech ein, dass man ähnliche Floskeln verwendet

zigga schrieb:
[...]vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Erst lullst du den Leser ein, das Kind in uns allen, so unschuldig, fast das Opfer, und man beginnt schon Mitleid ... –BAMM – contraire: der gottverdammte Junge. Tja.
Geil!

Prima Flash-Fiction.
Super, das freut mich! Grüße an dich, dot


Hallo @Rob F,

deine Geschichte ist auch für mich ein gutes Beispiel, wie ein Flash Fiction-Text gestaltet werden kann.
Super, danke

Inhaltlich habe ich zwei Punkte, über die ich gestolpert bin:
Nur her damit :D

Zum einen die Gedanken des Protagonisten, die beginnen mit dem Satz "Ich hab neulich einen Liebesfilm gesehen und hab geheult." Ich finde es zwar passend, dass es bei beiden Personen um die schwierigen Seiten des Lebens geht und damit auch um das Weinen.
Das m.E., so wie du es hier beschreibst, irgendwann kommt, wenn man etwas zu lange verdrängt.
Das sehe ich auch so!
Oder, wie im Fall von Rodeon, etwas schlimmes passiert ist.
Auch das
Aber ich kann an dieser Stelle nicht nachvollziehen, wie er gerade in diesem Moment auf den Liebesfilm kommt, den er gesehen hat und dass er deswegen (oder davon ausgelöst) weinen musste. Diese Stelle wirkt daher auf mich zu konstruiert, irgendwie nicht nachvollziehbar, wie er aus seinen vorherigen Gedanken nun darauf kommt.
Weiß nicht, ja, einerseits kann ich das absolut nachvollziehen, dass das so wirken kann und habe daran nichts auszusetzen. Andererseits muss ich sagen, dass - vielleicht liegt das daran, dass das meine eigene Figur ist und sie praktisch aus meinen Gedanken entsprungen ist - ich die Gedankengänge durchaus nachvollziehen kann. So geht mir das auch manchmal, dass ich - oft auf eine gewisse Art unterbewusst, ich vergesse, wenn bspw. ein Auto hupt das sehr schnell wieder, über was ich gerade herumgeträumt hab - eben gerade beim Laufen oder Autofahren von A nach B draußen über irgendwelche Themen nachdenke. Aber natürlich, das ist natürlich eine Konstruktion, es hat natürlich einen Sinn, dass er das an der Stelle auch denkt, und wenn das zu offensichtlich oder fehlplatziert wirkt, ist es natürlich schlecht für den Text

Weiterhin sagt Rodeon gegen Ende nur, dass ihm der Prota ein Alibi geben soll. Das ist wahrscheinlich in dem Schock erstmal das Naheliegende, ich habe mich hier nur gefragt, was mit seinem Wagen ist? Rodeon sagt ja selbst, dass es um den Wagen geht. Er wird ja entsprechende Unfallspuren haben, also vielleicht zumindest ein Stichwort, dass sie auch den Wagen verstecken müssen oder reinigen, oder so ähnlich halt.
Jepp, aber das wissen wir natürlich nicht! Man darf auch nicht vergessen, ich meine das jetzt nicht böse oder abwertend, aber dass "Leute wie Rodeon" jetzt auch nicht die aller Hellsten sind, gerade nicht in solchen Situationen, dass da auch Dinge getan werden, die schlichtweg dumm sind, auch aus einer gewissen Verzweiflung und Nichteinschätzenkönnen heraus. So zumindest meine zwischenmenschliche Erfahrung

Insgesamt habe ich die Geschichte gerne gelesen, die Stimmung dieser nächtlichen Szene kommt gut rüber.
Cool!

Wieso hat mich Rodeon achtzehn Mal angerufen?
Achtzehn Mal ... ? Hat er wirklich so fest geschlafen, dass er erst beim achtzehnten Anruf aufgewacht ist? Scheint mir etwas viel.
Ja ok, vllt reduziere ich das ... aber wenn jemand jemanden GANZ dringend erreichen will, hatte ich auch schon mal achtzehn Anrufe auf dem Handy angezeigt. Halt ein Anruf jede Minute

Ich mach meine Jacke nicht zu, wer weiß schon wieso.
Guter Satz, er zeigt m.E. auch grundsätzliche Gedanken des Protafonisten zum Leben:
"Wer weiß schon wieso?"
Cool!

Mom kannte immer die Namen von jedem Schauspieler.
Ich würde "Mutter" statt "Mom" schreiben.
Hatten einige angemerkt! Ich brauch etwas Zeit for my decision!

„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
„Wo ist deine Karre?“, frage ich.
An der Stelle kann ich nicht nachvollziehen, warum er als direkte Antwort nach seiner Karre fragt? Als Reaktion auf die Blutflecken auf der Jacke?
Hatte auch Jimmy angemerkt. Ich verstehe den Punkt und ich brauch mal etwas Zeit, um mir darüber klar zu werden, ob das für mich passt oder nicht. Also danke für den Hinweis auf jeden Fall. Aber ich finde, in gewissen zwischenmenschlichen Konstellationen kann sowas schon vorkommen, wir wissen beispielsweise nichts weiter über die Figuren. Es muss halt natürlich sich anfühlen in einem Text. Ja, ist ein guter Punkt. Irgendwie gibt es aber eine Seite, die es plausibel hält in mir

zigga schrieb:
einen Moment glaube ich, dass auch in ihm Tränen aufsteigen, dass er gleich losheulen wird.
ggf. nur "losheult", du schreibst zuvor ja auch "aufsteigen". Beides sind Vermutungen, bei denen ich keinen Grund sehe, verschiedene Zeiten zu verwenden.
Ja, losheult könnte man schreiben

„Hast du mal Zigarette?“, frage Rodeon.
fragt
Ohje! Stimmt :D

Und da bricht es plötzlich aus ihm heraus;
"plötzlich" könntest du streichen, dass es plötzlich passiert, wird auch so deutlich
Du hast recht, werde ich ändern

Vielen Dank für deine wertvolle Rückmeldung!


Hey @jimmysalaryman,

dir vielen Dank fürs Lesen und Rückmelden! Hat mich wie immer sehr gefreut.

@Sisorus hat hier vieles schon vorweggenommen, was ich im Grunde auch so empfunden habe. Der Erzähler erzählt sich diese Details im Grunde selbst. Das ist, wie ich finde, überhaupt ein Riesenproblem, ich habe das genau so, regelmäßig, denn egal wie du die Ich-Perspektive benutzt, du kannst nie wirklich gegenwärtig erzählen, es ist immer schon auch Reflektion - du denkst über das Passierende nach, selektierst, urteilst, ordnest ein, alleine schon was du erzählen möchtest, passiert ja auf einer Art Meta-Ebene. Man könnte natürlich hingehen und sagen, ist sowieso Fiktion und egal, und GENAU das denke ich mir eben oft genug, es ist keine Dokumentation, sondern eine Geschichte, die bestenfalls Realismus simulieren soll, eine Art make-believe.
Kann ich nur alles unterschreiben. Ich hab ein wenig das Problem, dass wenn ich solche Dogmen verinnerliche extrem geblockt werde vom/beim Schreiben. Ich beginne, alles zu hinterfragen, und das treibt mich in den Wahnsinn. Ich denke, und das klingt jetzt wohl etwas banal, aber es muss sich richtig anfühlen für den Leser. Wenn ein Leser das liest und in der Fiktion verschwinden kann, auch wenn es meinetwegen, wenn man darüber nachdenkt, nie ganz an die Realität herankommen kann, passt ein Text in meinen Augen. Aber ja, das ist subjektiv. Wenn man das zu Ende denkt, was bleibt dann noch an Möglichkeit, Prosa zu schreiben? Selbst bei straighte in Rückschau und Vergangenheit erzählte Prosa kann man sich fragen: Wem wird hier überhaupt etwas erzählt? Wer erzählt das? Und wie realistisch ist das, dass jemand neun Stunden lang eine Geschichte erzählt? Aber ja, ich glaube, die Diskussion hierum wurde schon einige Male geführt hier im Forum. Aber ja, ich kann dir zustimmen.

Ich hab neulich einen Liebesfilm gesehen und hab geheult. Ich hab so sehr geheult. Ich weiß noch, wie ich auf der Couch gesessen war, Vodka-Bull und Fluppe nach der Maloche, und beim Durchzappen auf diesen Film gestoßen bin.

Zum Beispiel hier: Warum erzählt er das ausgerechnet jetzt? Wie wahrscheinlich ist das? Mir ist klar, worauf du hinauswillst, das sind Details, die ein Milieu kennzeichnen, das ist auch eine gewisse Form der Charakterisierung, und es sagt auch etwas über den fehlenden Zugang zur eigenen Emotionalität aus - aber denkt er das (im Grunde sind das ja seine Gedanken, die er während er agiert, während er geht, denkt) gerade jetzt? Er weiß nicht, was mit Rodeon ist, er oder sie wird achtzehn Mal angerufen, mitten in der Nacht, quasi aus dem Schlaf geholt, denkt man dann über Filme nach, bzw wie man sich diese angesehen hat? Mir ist klar, dass auch die Mutter wichtig ist, aber ich glaube, auf diese Kürze hast du das gar nicht nötig, das so zu konstruieren. Du könntest das auch in einem Dialog mit Rodeon lösen, wo erstmal gar nicht klar wird, was der Erzähler will, er möchte das einfach nur loswerden, Rodeon will aber das Alibi von ihm, und dann entsteht so ein Coen-Brothers Moment, so eine gewisse Absurdität, weil beide ein wenig aneinander vorbeireden, sich aber tatsächlich offenbaren, weißt du, was ich meine?
Ja, ist eine Möglichkeit. Ich finde das einen interessanten Blick auf die Story, ich muss das mal sinken lassen

„Alter“, sagt er, „du musst mir helfen.“
„Wo ist deine Karre?“, frage ich.
Auch hier in dem Dialog. Fragt er sofort nach der Karre? Ich komme da mitten in der Nacht an, es ist saukalt, treffen den auf irgendeiner Brücke, und dann frage ich sofort nach der Karre? Würde man nicht erstmal fragen: Hast du sie noch alle? Oder: Was ist denn los, bist du bescheuert, mich nachts rauszuklingeln, du weißt, ich hab Schicht? Dann auch die Frage, warum Roden nicht einfach zu dem Erzähler nach Hause geht? Wieso muss er ihn anrufen - Anrufe lassen sich doch zurückverfolgen, im schlimmsten Fall. Hier würde man doch eher versuchen, jede digitale Spur zu verwischen. Er klettert notfalls bei dem ins Zimmer und sagt, Alter, ich brauche eine Alibi von dir.
Ja, das sind gute Fragen! :D Ja, das kann schon schräg wirken, hast recht. Ich weiß nicht, das ist ja auch ein Schlagschatten, die Geschichte, und für mich wirkt das bzw. wirkte es beim Schreiben gar nicht so seltsam; ich meine das nicht verurteilend, aber Leute handeln auch in gerade Situationen wie diesen nicht immer straight und durchdacht und richtig, ich hab das erlebt, dass Leute richtig dumme und unlogische Dinge tun wie ein Auto im Graben liegen lassen und einfach los laufen und sich wo treffen wollen - so in die Richtung war das hier gedacht. Aber du hast recht mit den Punkten, vielen Dank dafür

„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Ich finde es schade, dass du ihn das so direkt sagen lässt. Rodeon könnte diese Sache, was passiert ist, wirklich erzählen, bzw es versuchen - drumherumreden, sich rausreden, er ist immer noch unter Adrenalin, hat Panik, da wirkt diese Aussage schon sehr kongruent, sehr in cold blood. Ich glaube, er müsste verwirrter, weniger reflektiert, zerrissener reagieren, etwas kopflos, dadurch verändert sich auch das Gefälle zwischen den Figuren, denn der Erzähler ist dann an der Reihe, der Figurendruck ist hoch, aber der Erzähler erhöht die Spannung noch mal, weil niemand weiß, wie er reagieren wird. Jetzt hast du im Grunde eine Anlage, die einen Schritt vorher aufhört, mit einem Cliffhanger. Ich glaube, stringenter wäre es, wenn der Erzähler sozusagen das letzte Wort hat - wenn er Rodeons Version gehört hat, wenn er ihm die Hand auf die Schulter legt und dann irgendetwas sagt oder tut, es muss ja keine Lösung angeboten werden, ein offenes Ende, nur liegt dann die Erzählung wieder in seinen Händen, er behält die Gewalt über die Situation, über das Erzählte. So wirkt es sehr abgerissen.
Das ist eine gute Idee. Ich muss mal etwas Zeit den Jordan hinunter fließen lassen und mich dann wieder an das Teil setzen.

Jau, gerne gelesen, ist schön komprimiert, geradeaus, erinnert mich an Szenen aus Sidney Lumier Filmen, diese Heimlichkeit und Verschworenheit.
Nice, danke dir!

Viele Grüße gehen raus


Hallo @AWM,

ich mag deine Geschichte und ich finde, dass du im ersten Absatz in aller Kürze gut zeigst, wie die Gedanken deines Protas rasen und springen und wie viel auf ihm lastet. Das gefällt mir gut. Du hast auch schöne Details drin z.B. mit der Zigarette und dem Feuer. Das zeigt für mich, wie sich beide ergänzen und füreinander da sind, sich auch spiegeln in ihren Lebensläufen und Problemen, sich aber gegenseitig nicht guttun (rauchen ist schlecht! :D). Dein Prota hilft seinem Kumpel, wodurch sich seine eigene Lage wahrscheinlich noch verschlimmert, weil er hilft eine Straftat zu vertuschen.
Gut!

Noch zum Titel: Da würde ich einen anderen wählen. Der hat mich nicht scharf drauf gemacht, das zu lesen und passt für mich auch nicht ganz, weil es ja nicht vordergründig um Rodeon geht. Ich kannte diesen Namen auch nicht und habe gegoogled. Er ist selten aber eine besondere zur Geschichte passende Bedeutung trägt er nicht.
Ja, den Titel noch mal anzupassen ist ne Gute Idee. Ich werd mal drüber nachdenken, was da in Frage kommen könnte. Gerade hab ich keine passende Idee

Was für mich hier aber aus der Rolle herausfällt, ist "Rodeon kenne ich seit der Ersten". Das hört sich für mich wie eine reine Info für den Leser an und nicht wie etwas, was deine Prota in dieser Situation denken würde.
Sitze ich noch mehr in der Kreide" ist mir auch zu umständlich und fällt aus dem Ton des Erzählers. Das ist so bisschen Altherrensprech. Bin ich noch abgebrannter oder sowas.
Ok! Danke für die Einschätzung. Ich muss mal sehen, was ich aus dem Teil mache. Die einen sagen so, die anderen so, ich bin mir noch unsicher

Ich weiß noch, wie ich auf der Couch gesessen war
saß
Ist halt auch die Frage: Fällt so eine perfekte Vergangenheitsform dann nicht aus dem Duktus?

Jeden Film, den wir im TV angezappt haben, hat sie gesagt:
Grammatik.
Selbe hier

es ist so peinlich, so zu heulen. Ich hatte ganz vergessen, wie man sich fühlt, wenn man so heult. Wie man innerlich zusammenzuckt, immer wieder, wie sich da etwas zusammenzieht und die Tränen laufen. Komisch sowas, denk ich mir. Peinlich auch. Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Gefällt mir nicht so gut. Da liest es sich, als hättest du es dir ein wenig zu einfach gemacht. Hier könntest du den Einschub mit irgendeiner Assoziation einleiten, die der Prota aus der Szene bezieht. Und dann würde ich hier auch mehr show machen. Nicht einfach sagen, es war peinlich (vor wem? Nur vor sich?). Er könnte irgendwie auf der Arbeit vor Kollegen in Tränen ausgebrochen sein und deshalb bei einem wichtigen Arbeitsschritt versagt haben, was sein Selbstverständnis in Frage stellt oder sowas.
Das ist eine gute Idee. I will think about it

Sein eckiger Russenkopf kahl geschoren, die Wangen breit, die Augen schmal, von Kälte und Sibirien. Irgendwas ist anders.
von Kälte und Sibirien" würde ich streichen. Finde das bisschen klischeehaft und außerdem habe ich die Story so gelesen, dass sie irgendwo in Deutschland spielt. Wenn er ihn also schon seit der Ersten kennt, passt es für mich nicht, dass die Kälte Sibiriens seine Physiognomie geformt hat. Er ist da ja nicht wirklich aufgewachsen.
Ja, hast Recht, das klingt auch irgendwie zu Elitär mit Sibirien

einen Moment glaube ich, dass auch in ihm Tränen aufsteigen, dass er gleich losheulen wird.
Tränen aufsteigen" würde ich streichen. Dein Erzähler schwankt im Ton. Das ist mir zu verspielt, hier auch ein wenig schmalzig. Zumindest wirkt es auf mich so, vielleicht auch, weil der Rest eher hart und geradeheraus ist. "einen Moment sieht er aus, als ob er gleich losheult."
Ist ein guter Vorschlag

„Hast du mal Zigarette?“, frage Rodeon.
„Ja“, sage ich, „aber kein Feuer.“
"mal" streichen. Das hört sich so nach Einkaufspassagen-Schnorrer an.
Passt doch eigentlich zur Figur

hält mir die Flamme hin und ich stecke mir zwei Kippen in den Mund, bücke mich leicht und entflamme sie.
Flamme --> entflammen. Er zündet sie sich an. Auch hier fällst du aus dem Erzählton.
Yes

der wie eine Lichterkette über uns hängt
Finde ich auch unpassend für den Erzähler in dieser Situation. Die sind gerade beide in einer Scheißsituation und da ist mir das zu poetisch, ohne dass es den Erzähler irgendwie charakterlich zeichnen würde. Da scheinst du als Autor durch. Ganz davon abgesehen gefällt mir das Bild nicht. Eine Lichterkette reiht Lichter aneinander und das passt für mich nicht zu einem Nachthimmel, bei dem die Sterne versprenkelt sind.
Ja, das ist wieder ein wenig heikel für den Duktus, bin ich dabei. Lichterkette: gibt ja auch Lichterketten, wo die Lampen im nicht immer gleichen Abstand zueinander sind. Sowas dachte ich mir, wenn man sie um den Weihnachtsbaum wickelt. Eine schlechte Metapher wäre aber vllt auch wieder passend zum Erzähl-Duktus, irgendwie, oder? :D

dann bebt sein Oberkörper, er schluchzt.
Würde ich auch beides streichen
Ja, bin mir unsicher

dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
Hier finde ich die Aussage schwierig. Es geht dir doch eher darum, dass das Kind diese unendliche TRaurigkeit zulassen kann. Als junge Männer ist ihnen das peinlich. Hier liest es sich aber als ob dieses Kind und die unendliche Traurigkeit synonym wären. Ich denke nicht, dass du das so gemeint hast.
Ne, ich hab das so gemeint wie du es zuerst beschreibst

„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Ich würde diesen letzten Satz streichen und den Leser im Unklaren lassen, was genau passiert ist. Das würde für mich stärker wirken, weil das hier fast so ein wenig wie ein Twist am Ende präsentiert ist, aber das beinhaltet, was man sich eh denkt.
Ist ein interessanter Vorschlag, geht in Jimmys Richtung. Danke für die Info, ich muss das Teil mal setzen lassen und schaue dann mal, wie ich was umbastle!

Vielen Dank für den Kommentar.


Moin @MRG,

ich habe deinen Text jetzt mehrfach gelesen und für mich funktioniert er irgendwie nicht so richtig. Ich habe überlegt, woran das liegt und bin auf folgende Gedanken gekommen.
Ja schade! :D

Vorab möchte ich noch sagen, dass das richtig gut geschrieben ist. Die kleinen Details finde ich großartig und du triffst auch gut den Ton deines Ich-Erzählers.
Super, danke

Und genau bei dem Ich-Erzähler möchte ich auch ansetzen, denn das was mich an deinem Text stört, ist, dass er ja eigentlich nicht der Protagonist ist. Das ist eigentlich auch der Hauptkritikpunkt für mich. Du baust die Beziehung zwischen mir als Leser und deinem Ich-Erzähler auf. Dahingegen hatte ich zu Rodeon keine besondere emotionale Verbindung (im Vergleich zu deinem Ich-Erzähler).
Ja, ich verstehe, was du meinst. Ist ein interessanter Punkt, der noch nicht aufgegriffen wurde. Dir ist letztendlich Rodeon etwas zu blass. Kann ich gut verstehen. Ich hatte mal ein wenig mehr über Rodeon im Text, aber hab dann gekürzt und gestrafft. Ist er wirklich der Mittelpunkt der Geschichte? Ich denke, es geht hier auch um den Erzähler, um etwas, in das er hineingerissen wird, ein moralisches Dilemma vielleicht irgendwo - zumindest ist das meine Hoffnung

Du beschreibst ihn von außen, wie er aussieht und dein Ich-Erzähler merkt dass etwas nicht stimmt und er leidet. Allerdings kann ich als Leser nur begrenzt mit Rodeon mitfühlen. Es fehlen mir die Informationen über Rodeon und seine innere Welt. Als Leser weiß ich, dass sie sich seit der ersten Klasse kennen, aber so richtig mitfühlen kann ich mit Rodeon nicht wie ich das mit dem Ich-Erzähler tun kann.
Ja, das hast du schon recht! Vielleicht baue ich Rodeon noch ein wenig mehr aus, ich kann das schon nachvollziehen, wie du das meinst @MRG!

Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren, @MRG!


Beste Grüße
zigga
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
07.09.2014
Beiträge
813
Hallo @zigga,
was mir zuerst auffiel war eine Ähnlichkeit im Sprachduktus zu deiner letzten Geschichte "La dottrino ..." Und da fand ich die Sprache so prägnant, dass ich richtig Mühe hatte, jetzt auf jungen Mann zu wechseln. Das kann aber an mir liegen, dass ich da so unflexibel bin. Das ist eine ganz kurze Szene und ich nehme als Eindruck vor allem die Zerbrechlichkeit des Protagonisten mit. Habe die ganze Zeit das Gefühl, dass von diesem Rodeon Gefahr droht. Tut sie auch, aber anders, als ich gedacht habe.
Rodeon sehe ich auf der anderen Seite der Brücke.
Finde ich ein bisschen umständlich. Auch behäbig, dafür, dass er ja vorher so dringend wartet. "Da drüben ist er ja." oder so etwas fände ich natürlicher.
Ich mach meine Jacke nicht zu, wer weiß schon wieso.
Da geht bei mir ja ein ganzes Kopfkino los. Kleine Jungs und ihre offenen Jacken. Logisch betrachtet macht er sie entweder nicht zu, weil er ein Mann ist, dann bräuchte es den zweiten Teil nicht. Oder, weil er die Kälte nicht spürt, das stimmt aber nicht, dann wäre auch der erste Teil überflüssig. Irgendwie denke ich aber dabei auch daran, dass seine Mutter tot ist, obwohl er ja aus dem Alter raus ist, wo sie ihm die Jacke zumacht. Aber es macht ihn eben auf eine Art unbehütet. Also eigentlich mag ich den Satz, finde ihn aber nicht so ganz logisch.
Ich hatte ganz vergessen, wie man sich fühlt, wenn man so heult. Wie man innerlich zusammenzuckt, immer wieder, wie sich da etwas zusammenzieht und die Tränen laufen. Komisch sowas, denk ich mir. Peinlich auch. Welcher Fünfundzwanzigjährige heult schon so?
Tolle Beschreibung.
vielleicht ist es das Gesicht, das er als Kind hatte, auf dem Schulhof, als ich ihn das erste Mal gesehen hab; vielleicht ist es das Gesicht, das man beim Weinen bekommt, das eines Kindes, ganz automatisch, vielleicht ist das irgendwo in uns drin, dieses Gesicht, dieses Kind, diese unendliche Traurigkeit.
Hier ist er seinem Freund sehr nah und er ist ja auch da mitten in der Nacht gekommen. Da bereitest du eigentlich so etwas vor, dass man ihm hinterher zutraut, dass er für den Freund lügen wird.
„Dass ich nicht diesen gottverdammten Jungen umgefahren hab“, sagt Rodeon.
Das kam schon. Den letzten Satz finde ich auch problematisch. Das ist so auf Pointe, alle gucken erschrocken und der Vorhang geht zu.

Lässt mich fröstelnd zurück. Gut gemacht, @zigga.

Liebe Grüße von Chutney
 

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