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Ruf die Polizei

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03.07.2004
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Ruf die Polizei

"Ruf die Polizei." Frau Liesegangs Stimme ist im Speisesaal deutlich zu hören. Fünfzehn Bewohner sitzen am Frühstückstisch, trinken ihren Morgenkaffee und essen ihre Brötchen. Jetzt schauen alle aufmerksam. Was ist geschehen?

"Die ist jetzt noch nicht da", sagt Schwester Ursula. "Aber sofort anrufen." Frau Liesegang lässt nicht locker. "Keine Sorge, wir rufen ganz sicher an." Frau Liesegang redet weiter: "Ich brauch die Polizei." Einigen Mitbewohnern dämmert es, dass gar nicht die Polizei gemeint ist. Und als eine Stunde nach dem Frühstück der Hausarzt zu Frau Liesegang kommt, ist klar, wen sie gerufen hat.

Frau Liesegang hat vor einem Monat ihren neunundachtzigsten Geburtstag gefeiert. Bis dahin ist sie mit ihrem Rollator durch das Heim gefahren. Aber ihr Gleichgewichtssinn wird immer schwächer und bei einem Sturz hat sie sich den rechten Oberarm geprellt. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl und muss von einer Schwester gefahren werden, denn einhändig kann man einen Rollstuhl nicht bewegen.

Leicht vornübergebeugt sitzt sie in ihrem Rollstuhl. Sauber angezogen mit farbenfrohen Kleidern, die kurzen grauen Haar sorgfältig frisiert. Auch wenn sie schwach erscheint, sie hat immer noch eine laute Stimme und winkt mit dem Zeigefinger die Schwestern ebenso heran wie früher ihre Kinder. Bei willensstarken Personen wie Frau Liesegang können schnell Konflikte entstehen. Sie hat kein Verständnis dafür, dass auch andere Bewohner Betreuung und Unterstützung benötigen. Wenn sie mit dem Finger winkt, hat sofort eine Schwester zu springen und alle anderen haben zu warten.

"Jetzt ist Abendbrotzeit. Sie müssen bitte warten, bis alle ihr Essen haben." Frau Liesegang sitzt zwei Minuten still beleidigt in ihrem Rollstuhl. Eine zweite Schwester kommt in den Speisesaal. Sofort winkt ihr Frau Liesegang: "Komm mal her!" "Bitte gedulden Sie sich noch." Die letzten Teller werden verteilt. "Komm jetzt her!" Frau Liesegang wird etwas lauter. "Sie sind jetzt noch nicht dran. Haben Sie ihre Tabletten genommen?" O Wunder, Frau Liesegang schweigt, bis eine Schwester sie in ihrem Rollstuhl zum Zimmer fährt und ins Bett legt.

Mir wird wieder einmal deutlich, weshalb ich gerne in diesem Heim lebe. Die Schwestern sind freundlich und geduldig. Sie haben jeden Bewohner im Blick, wissen um die Eigenheiten und Besonderheiten und sind den ganzen Tag fröhlich. Bei diesen Gedanken fällt mir ein Vorkommnis ein, das mich erschreckt hat, weshalb ich es wohl schnell vergessen habe.

Frau Liesegang wird nach dem Arztbesuch in den Essraum geschoben. Noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Mittagessen. Sie sitzt an ihrem Platz. Eine weitere Bewohnerin und ich sind auch schon im Speisesaal. Es ist still. Dann fängt Frau Liesegang an, zu reden: "Lieber Gott, bitte, bitte, ich will nicht sterben."

Ich bin geschockt. Ich habe noch nicht gehört, dass ein Bewohner Ängste vor dem Tod geäußert hat. Die meisten Bewohner unseres Heims befinden sich in der letzten Phase ihres irdischen Lebens. Tod und Sterben ist hier alltäglich. Und doch wird nicht über das Ende des Lebens gesprochen. Und Gott? Das Heim ist christlich geprägt, aber von Gott wird eigentlich nur in den Gottesdienstübertragungen im Fernsehen geredet.

Das Sterben eines Bewohners wird von den anderen kaum bemerkt, solange keine Komplikationen auftreten. Ohne Vorwarnung verweigert ein Bewohner das Essen. Meistens bleibt er im Bett liegen und will nicht mehr aufstehen. Die Schwestern wissen dann, es geht zu Ende. Dieser Mensch ist am Ende seines Lebens und am Ende seines Lebenswillens angekommen. Dann bleibt nur, ihn ziehen zu lassen und dabei zu unterstützen. So wird den meisten Bewohnern ein friedlicher Tod ermöglicht: "Requiescat in pace."

 

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