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Sühne
Es fing bereits an zu dämmern, die Dunkelheit legte sich langsam wie eine riesige schwarze Decke über den gesamten Platz. Für einen Herbstabend war die Temperatur sehr angenehm. Trotz des leichten Nieselregens war der Jahrmarkt an diesem Abend gut besucht.
Obwohl Rocky in eine Großfamilie mit sechs Kindern aufgewachsen war, er war der Älteste, machte ihm der Lärm zu schaffen. Es war nicht die eintönige Musik, die aus dem Karussellhäuschen neben ihm unaufhörlich in seinem Kopf eindrang oder die permanenten nach Kundschaft geifernden Durchsagen des Losverkäufers, nein, es waren die Kinderstimmen, die den Lärmpegel auf eine für ihn unerträgliche Stärke stiegen ließen. Die Kinder liefen, die Erschöpft wirkenden Eltern ignorierend, mit Zuckerwatte, Eiscreme und Lakritze über den Rummel, zeigten hysterisch mit ihren kleinen Fingern auf die verschiedenen Attraktionen oder schrieen sich auf dem Karussellpferd Schwachsinnigkeiten zu. „Eine Flut“ sagte er leise zu sich, „die müsste jetzt über den Platz fegen und ihn vom ganzen Geschrei und der Zuckerwatte und Lakritze sauber spülen, dann würde mein Kopf nicht mehr so dröhnen.“ Das Fatale an der Sache war, dass er diese Kinder für sein Vorhaben brauchte. Er brauchte das laute Geschrei, die Menge, die Anonymität, um nach getaner Arbeit abzutauchen.
Man sah Michael Keggen, von seinen Bekannten aufgrund seines boxerischen Talents Rocky genannt, gar nicht an, dass er auf die Vierzig zuging. Sein Äußeres hatte er sich durch viel Sport redlich erarbeitet: breite Schultern, muskulöse Arme und ein schiefer Blick bei 1,90m Körpergröße ließen seine Gegner das Blut in den Adern gefrieren. Er neigte seit früher Kindheit zur Gewalttätigkeit, heute verdiente er seine Brötchen damit.
Den Plan, den er sich ausgedacht hatte, nochmals im Kopf durchspielend, begab er sich in Richtung seines Opfers.
Der Kopf des Opfers, ein gerade mal 15-jähriges Mädchen, gekleidet in dunkelblauen Jeans, einem gelben T-Shirt mit chinesischem Schriftzug und weißen Nike-Turnschuhen, war widernatürlich nach hinten verdreht und hing schlaff zwischen den Schulterblättern herunter. Der Köper wies ein Duztend Kratzspuren und Aufschürfungen auf, der weiße Slip war ihr gewaltsam in den Mund geschoben worden. Die Tasche wurde unachtsam beiseite geworfen, wobei die Sportbekleidung über mehrere Meter verteilt auf dem schmutzigen Asphalt der Gasse lag, in der die grausame Tat verübt worden war.
Nachdem sich das Mädchen mehrere Stunden verspätet hatte, hatte sich sein besorgter Vater auf die Suche gemacht, da der Weg zur Volleyballhalle, wo es jeden Mittwochabend trainierte, nur wenige hundert Meter vom Elternhaus entfernt lag. In der kleinen Gasse hinter dem verlassenen Restaurant unweit der Sporthalle war er dann fündig geworden.
„Schausteller“ sagte er mit unüberhörbarer Verachtung in der Stimme, „ein Haufen hässlicher, stinkender Diebe!“ Schon öfters hatte er mit Menschen diesen Schlages zu tun gehabt und jedes Mal verabscheute er sie umso mehr. In seinen Augen waren sie minderwertige Menschen, mit ihren schmutzig weißen Unterhemden, den schmalzigen Haaren, den fetten Bäuchen und dem unverständlichen Akzent. Er strich sich über die einzige Narbe auf seinem Gesicht, die von einem Fausthieb eines groß gewachsenen Schaustellerjungen stammte, dem er in der Schule sein Taschengeld nicht geben wollte. An diesem Abend würde er seine Schuld endlich begleichen können und dabei auch noch kräftig absahnen.
„Schanze“, ertönte die niedergeschlagene Stimme am Ende der Leitung.
„Hauptkommissar Meier, hallo Herr Schanze. Ich habe leider schlechte Neuigkeiten. Wir mussten heute den Tatverdächtigen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Es deutet zwar vieles darauf hin, dass er der Täter ist, leider haben wir nicht genügend stichhaltige Beweise gegen ihn. Er hatte die Tat wahrscheinlich genau geplant, hatte den richtigen Zeitpunkt abgepasst und seine Spuren sorgfältig beseitigt. Auch der DNA-Test konnte ihn nicht überführen. Wir werden aber nicht aufgeben, wir kriegen ihn, das verspreche ich Ihnen!“
Der Kommissar hatte mit Entsetzen, Trauer oder zumindest Wut gerechnet, nicht jedoch mit „Danke für Ihren Anruf!“, dann das Freizeichen.
Schanze starrte mit ausdruckloser Miene mehrere Minuten auf das Telefon und wählte schließlich eine Nummer, die er seit dem Mord an seiner Tochter schon mehrere Male wählen wollte. „Hallo Rocky…“
Theo Schanze war ein untersetzter, fröhlicher, aber listiger Mann in den Vierzigern. Er und Rocky hatten für einige Monate die Zelle geteilt und sich auf Anhieb gut verstanden. Der Kleine, wie ihn Rocky nannte, hatte sich in Steuerhinterziehungsgeschichten verwickelt, die ihn sowohl seine Bäckerei als auch seine Ehe gekostet hatten, ganz zu schweigen von den sieben Monaten Knastaufenthalt. Der Kleine hatte stets ein paar lustige Worte auf den Lippen, trieb die Wärter mit seinen flapsigen Bemerkungen zur Weißglut, was ihm viele Sympathiepunkte bei den Mithäftlingen einbrachte.
An dem Tag, an dem Schanze Rocky den Auftrag erteilte, seine Tochter zu rächen, war von seiner Heiterkeit keine Spur mehr übrig. Er hatte etwas diabolisch Böses in seinen Augen, das sogar Rocky einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ.
Rocky stand jetzt etwa zwanzig Metern von dem Stand seines potentiellen Opfers entfernt, hielt sich aber interesseheuchelnd in einem Schuppen, der mit Plüschtieren vollgestopft war, auf, um nicht sonderlich aufzufallen.
Der Mörder des Mädchens stand nun vor ihm, als wäre nichts geschehen und las in einem Männermagazin. In Natura sah er noch ungepflegter aus, als auf dem Foto, das Rocky von Schanze bekommen hatte: übergewichtig, gekleidet in einem fleckigen Unterhemd und Jeanshosen, die fleischigen Arme tätowiert, die Haare zurück geschleimt.
„Hey, Schätzchen, willste nu watt kaufen, oder nur der Teddybärdame über deinem Kopf zwischen die Beine schnuppern?“ Die Besitzerin des Plüschtierstandes, eine ungepflegete, ältere Frau, hatte ihn bemerkt.
„Na na na, warum denn so giftig? Sind dir etwa die Batterien für dein Dildo ausgegangen, oder schmeckt es dir nicht, dass die Mülltonne draußen mehr Ausstrahlung hat als du?“ entgenete Rocky.
„Wenn du nichts kaufen tust, dann verschwinde, sonst ruf ich gleich Gino und er tut dir das Gesicht einschlagen!“
Gerne hätte er jetzt auf Gino gewartet, während er dieser Frau immer wieder ins Gesicht gespuckt hätte, konnte sich aber kein Aufsehen zu diesem Zeitpunkt erlauben, was das Scheitern seines Plans zur Folge hätte.
„Nee, lass gut sein. Mehr Gestank kann ich nicht mehr ertragen!“ Mit diesen Worten verließ er den Stand und ließ eine vor Wut kochende Schaustellerin zurück.
„Die Bullen können mir nicht helfen. Sie haben dieses Monster nach einigen Tagen frei gelassen. Ich werde nicht dabei zu gucken, wie er frei rum läuft, ich will dass er stirbt. Es ist mir sehr wichtig, dass er einen qualvollen und langen Tod hat. Das hier ist mein letztes Geld, das sollte dich für deine Bemühungen entschädigen.“
Schanze holte einen Umschlag mit Geldscheinen aus seiner Tasche und überreichte diesen Rocky. 10.000,- Euro und ein Foto von dem Mörder.
„Wo finde ich ihn?“
„Nächste Woche wird er mit seiner Sippschaft in dem Kaff Waldhausen sein. Das ist die beste Gelegenheit.“
„Bist du sicher, dass du das willst? Die Bullen können sich sicher denken, wer hinter allem steckt.“
„Seitdem mich meine Frau verlassen hat und ich die Bäckerei verloren hatte, war Susi der einzige Mensch, der meinem Leben einen Sinn gegen hat. Dieses Schwein hat sie mir weggenommen, einfach so. Wenn das alles vorbei ist, werden mich die Bullen nicht finden. Niemand wird mich mehr finden!“
Rockys Sinne waren geschärft, sein Puls ging schneller. Er hatte alles vorbereitet und jetzt konnte er sich ans Werk machen.
Zunächst musste er die Aufmerksamkeit der Menge in eine andere Richtung lenken.
Er holte aus seiner Tasche ein kleines quadratisches Elektrogerät heraus, worauf sich ein Knopf befand und betätigte diesen. Es gab in einigen hundert Meter Entfernung eine Explosion. Von seinem Standpunkt aus war nur zu sehen, dass ein kleiner, unbenutzter Schuppen in Flammen aufging. Die Leute liefen wild umher, bis die Panik sich in Neugier wandelte und sie schaulustig in die Richtung des Feuers liefen.
Diesen Tumult machte sich Rocky zu Nutze und sprintete zum Stand seines potentiellen Opfers. Er stellte sich daneben und wartete, bis der Schausteller ausstieg, um seine Neugier zu befriedigen und sich in Richtung des Brandes zu begeben.
Einige Augenblicke später war es soweit. Nachdem er anscheinend seine Tageseinnahmen in einer Truhe in Sicherheit gebracht hatte, ging die Tür auf und der dicke tätowierte Mörder des Mädchens trat hinaus.
Rocky, der einen Becher Kaffee in der Hand hielt, taumelte auf ihn zu und kippte ihm, einen Betrunkenen spielend, das heiße Getränk über die Hose.
„Heeeeyyyy, du versoffenes Stück Scheisse, ich klatsch dich gleich an die Wand und piss dir auf den Kopf! Guck dir nur meine Hose an“, sagte der Schausteller und blickte den Schaden überprüfend nach unten. Rocky sah seine Chance kommen. In dem Augenblick, in dem er wieder seinen Kopf hob, traf ihn Rocky mit einem brachialen Faustschlag direkt auf dem Kinn. Er sackte augenblicklich zusammen und fiel zu Boden. Mit einem geübten Griff packte in Rocky über seine Schulter und setzte sich zu seinem etwa 30 Metern entfernt parkenden Auto in Bewegung. Die ganze Aktion dauerte nur wenige Sekunden und blieb von der schaulustigen Menge absolut unbemerkt. Rocky gelangte zu seinem Wagen, der auf einem menschenverlassenen und dunklen Parkplatz stand, warf den bewusstlosen Körper in den Kofferraum, knebelte ihn hastig fest und fuhr davon.
Aus dem Nieseln war inzwischen ein Gewitter geworden. Das Plätschern der Regentropfen war deutlich auf dem Dach des verlassenen Restaurants zu vernehmen. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde es draußen ganz hell, woraufhin ein gewaltiges Donnern das leise Plätschern übertönte. Der Schausteller öffnete langsam seine Augen. Er sah sich um und bemerkte dann, dass er nackt auf einem Stuhl saß, die Hände auf den Rücken gebunden, die Füße an die Stuhlbeine gefesselt. Rocky sah die Panik in seinen Augen.
„Na, hast du schöne Träume gehabt?“
„Wer zum Geier biste? Was willste Pisser von mir?
„Schau dich mal um. Erkennst du diesen Ort, genauer gesagt, die Gasse hinter diesem Laden?“
Der Mann schaute sich einige Minuten um und erkannte offenbar, dass er sich in dem leerstehenden Restaurant befand, wo er sich versteckt hatte und auf das Mädchen gelauert hatte. Jetzt dämmerte es ihm, warum er hier war.
„Was haste denn mit der kleinen Muschi zu tun, he? Denkste, du kannst mir Angst machen, nur weil du mich hier bringen tust? Lass mich frei du feige Sau, dann tu ich’s dir zeigen!“ Er rüttelte wild an seinen Fesseln, konnte sich aber nicht befreien.
Rocky nährte sich ihm und versetzte ihm mehrere Schläge auf den Körper, so dass er nach Luft schnappend das Gesicht vor Schmerz verzog „Ihr wisst einfach nicht, wann ihr das Maul halten müsst.“ sagte Rocky wütend.
„Die Bullen schnappen dich, du Hurensohn.“ fing der Schausteller wieder an zu provozieren, nachdem er sich von den Schlägen erholt hatte. „Glaubste, du kommst einfach davon, wenn du mich entführst und hierher verschleppen tust? Du kriegst einige Jahre aufgebrummt und kommst in die Zelle. Da tun meine Jungs auf deinen Arsch warten. Jede Nacht werden se mit dir Spaß haben!“ Der Schausteller zeigte immer noch keine Angst.
„Da ist was Wahres dran, die Bullen werden einen Schuldigen suchen. Ich mach mir meine Finger an so einem Scheißhaufen wie dir nicht schmutzig. Meine Arbeit ist getan, ich hau ab“
„Ich wusste, dass du ne feige Ratte bist und nicht den Mumm hast, mich anzupacken. Lass mich jetzt frei, hast dich doch lange genug an meinem nackten Schwanz augegeilt, du Ficker. Lass mich frei, oder glaubste, ich würde zu den Bullen gehen und alles gestehen, nur weil du mich die ganze Nacht hier alleine und gefesselt zurück lässt, du Penner?“
„Die Nacht wirst du mit Sicherheit hier verbringen, aber alleine wirst du nicht sein. Ich habe einen Spezialisten dabei!“ sagte Rocky mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
In diesem Moment tauchte aus der Dunkelheit eine weitere Gestalt auf. Der Kopf war durch eine Kapuze verhüllt und sie trug eine Tasche mit sich. Wenige Meter vor dem gefesselten blieb sie stehen und leerte den Inhalt der Tasche auf den Boden aus. Zum Vorschein kamen verschiedene Messersorten, ein kleiner Brenner, Nadeln in verschiedenen Längen und Variationen, Knüppel, diverse Skalpelle, eine Säge und eine Pistole. Die Gestalt deutete Rocky mit einer Kopfbewegung in Richtung Ausgang, worauf hin sich dieser zum Ausgang begab und davon fuhr. Er hat seine Arbeit getan und was dem Schausteller für Qualen bevor standen, wäre sogar für ihn zu viel gewesen.
Schanze nahm die Kapuze ab und griff zum Skalpell. „Ich hoffe du hast Hunger. Du wirst nämlich als Erstes deinen Penis fressen!“