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Salome oder das Träumen

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23.03.2017
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Salome oder das Träumen

"Träumst du manchmal?“, hast du mich einmal gefragt. Meine Salome mit dem langen, gelockten Haar, den kirschroten Lippen und den kleinen Fältchen um die Augen, die deinem Gesicht immer den Eindruck eines Lächelns verliehen.

„Ob ich träume? Nein, ich glaube nicht sehr oft und wenn, dann erinnere ich mich nicht“, war meine Antwort. Damals schien mir das nicht weiter wichtig. Manche Menschen träumen, andere nicht. Du hast dich ein wenig aufgerichtet und mich ernst angesehen. Ich glaube, du wolltest etwas sagen, doch der richtige Augenblick ist ohne Worte vorbeigezogen und du konntest ihm nur ein Lächeln hinterherschicken. Ein wehmütiges Lächeln, das ich nicht verstanden habe. Heute weiß ich, wie wichtig deine Frage war, und ich wünschte, du könntest mich im Traum besuchen. Ich stelle mir dich dort lebhafter vor. Lebendiger als die lange verschütteten, schwach gewordenen und immer weiter verblassenden Bruchstücke meiner Gedankenbilder, die alles sind, was mir von dir geblieben ist.

Wie lange ist es her, dass ich zuletzt an dich gedacht habe? Du bist Teil einer vergangenen Welt. Teil eines früheren Selbst, das mir längst fremd geworden ist. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich so lange nicht an dich gedacht habe. Wir verändern uns, werden unweigerlich zu anderen, und die Beziehungen, die wir zurücklassen, gehören nicht mehr uns. Sie gehören dem Gewesenen. So ist es auch mit dir gewesen, Salome. Ich habe dich unter zahlreichen Schichten eines sich auf den Trümmern des Vergangenen immer wieder erneuernden Ichs vergraben. So tief, dass ich irgendwann vergessen musste, dass die Bahn deines Lebens sich für einen Augenblick mit meiner überschnitten hat, beide einen kurzen Teil der Strecke gemeinsam gelaufen sind. Eben weil dies der Lauf der Dinge ist. Das möchte ich glauben, auch wenn ich weiß, dass es gelogen ist.

„Ich träume fast jede Nacht. Meine Träume sind mir zu Freunden geworden“, hast du damals zu mir gesagt. Konnten die Träume, die kommen mussten, dir jemals zu Freunden werden? Haben sie dein Leid gelindert oder hat das, was du im Traum erlebtest, es nur verdoppelt? Haben die schwarz gekleideten Henker mit dem Totenkopf am Revers dich auch in der Nacht besucht? Sie zu einem Abbild deines Tages werden lassen?
Habe ich dich manchmal an diesem Ort der Verzweiflung besucht, meine Salome? Konnte ich wenigstens im Schlaf ein treuer Freund sein? Oder habe ich dich dort ebenso gemieden, wie ich es in den Wochen getan habe, bevor sie dich holten?
Vielleicht ist das der Grund, warum ich dich vergessen musste, aus Angst, auch in deinen Träumen versagt zu haben, widerstandslos beiseite gedrängt von denen, die dich mir genommen haben. Es sähe mir ähnlich.

Wir können uns nicht aussuchen, wer uns in unseren Träumen besucht. Wäre es da nicht gnädiger, zu sein wie ich es bin. Jede Nacht in ein traumloses Dunkel zu gleiten. Ich ertappe mich dabei, dass ich mir vorstelle, du wärst mir gleich geworden. Hättest deine Freunde und damit auch mich hinter dir gelassen. Uns eingetauscht gegen Nächte ohne Bilder und Erinnerungen. Dann wäre es leichter geworden. Das möchte ich glauben. Aber bringe ich dich damit nicht auch noch um die letzte Erleichterung, die letzte Fluchtmöglichkeit aus der Hölle, in die dich dein Los verbannt hat?

Einer Hölle, von der ich mir später einredete, nichts geahnt zu haben. Die Wahrheit ist, dass ich, wie so viele andere, nichts davon wissen wollte. Ich habe mir eingeredet, man brächte dich einfach fort an einen anderen Ort. An einen, an dem du alt werden kannst. In der Nacht umgeben von deinen Freunden.

Nur ich, der Feigling ohne Traum, bleibe zurück. Klammere mich an verblassende Bilder und warte auf das traumlose Dunkel.

 

Hallo Hinterbänkler,

zunächst einmal entschuldige, dass meine Antwort so lange auf sich warten lassen hat. Ich war in letzter Zeit nicht mehr hier und habe deinen Beitrag eben erst gesehen.

Das du dich extra angemeldet hast um meinen Text zu kommentieren ist ein wunderbares Kompliment, vielen Dank dafür! Ich habe mich nach einiger Überlegung dazu entschlossen den Text in seiner kurzen, konzentrierten Form zu belassen. Soll er doch ruhig ein wenig offener und rätselhafter bleiben und so dem Leser ein wenig Raum bieten seine Phantasie schweifen zu lassen.

Beste Grüße und ein schönes Wochenende!

Blumenberg

 

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