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Sand

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03.09.2024
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Sand

Auf dem Weg zum Supermarkt fällt es ihm auf. Überall auf der Straße ist Sand, in manchen Ecken vom Wind zu kleinen Dünen aufgetürmt. Es knirscht bei jedem Schritt. Nicht so schlimm wie das Granulat, das sie im Winter verstreuen, aber deutlich hör- und spürbar. Er weiß nicht, woher der Sand kommt, er weiß nur, dass die Stadt wieder nichts unternimmt. Die Stadt ist dysfunktional geworden, schon lange. Nicht funktionierende Rolltreppen im Hauptbahnhof, Baustellen überall, Löcher in den Straßen, die Wurzeln der Bäume schieben die Gehwegplatten zu Stolperfallen auf dem Bürgersteig empor. Keiner macht was. Letzte Woche ist er gestürzt, die Hand tut immer noch weh. Und jetzt der Sand. Bevor er das Lebensmittelgeschäft betritt, streift er seine Schuhsohlen kräftig auf der Fußmatte ab. Er braucht nicht viel. Joghurt, Milch, eine Hühnersuppe. Butter ist wieder bezahlbar. An der Kasse knirscht es unter seinen Schuhen.
„Ganz schön sandig hier“, sagt er beim Bezahlen.
Die Kassiererin nickt. „Ja, ja, sehr windig, soll noch schlimmer werden am Wochenende.“
Er steckt seine Einkäufe in den Beutel. Draußen ist der Wind stärker geworden, die Stofftasche pendelt unruhig hin und her, schlägt immer wieder gegen sein Bein. Und überall Sand. Er kneift die Augen zusammen und stemmt sich gegen die Böen. Zuhause kommt er kaum durch die Haustür, ein richtiger Berg türmt sich davor. Bevor er die Wohnung betritt, zieht er die Schuhe aus und dreht sie um. Feiner Sand rieselt heraus. Er schlägt die Sohlen gegeneinander, um die letzten Körner herauszubekommen, erst dann tritt er ein. Räumt Milch, Butter und Joghurt in den Kühlschrank, holt den Topf aus dem Schrank, befüllt ihn mit Wasser und stellt den Herd an. Als das Wasser zu brodeln beginnt, schneidet er die Tüte auf. Hühnersuppe mit Nudeln für einen Euro und neununddreißig Cent. Der Inhalt raschelt leicht, aber es klingt eigenartig. Als er hineinsieht, ist da nur Sand. Eine Weile steht er fassungslos vor der Herdzeile, schaltet die Kochplatte aus. An guten Tagen hat er ruhige Hände, verschüttet nur selten etwas, jetzt zittern sie. Er lässt sich nicht alles bieten, das geht entschieden zu weit. Er packt die aufgerissene Tüte in seinen Beutel, zieht die Jacke an und macht sich auf den Weg durch den stürmischen Abend, stolpert über eine hochgedrückte Gehwegplatte, fängt sich noch rechtzeitig. Mit zusammengepressten Lippen und tränenden Augen kämpft er sich zum Supermarkt. Ein Angestellter räumt den Gemüsestand in den Innenbereich, seine Schürze umflattert ihn.
„Sie haben mir das hier verkauft“, sagt er zu dem Grünbekittelten und zieht die Tütensuppe aus dem Beutel. Er zittert so stark, dass der Sturm ihm die Tüte aus der Hand reißt. Der Angestellte schiebt die letzte Auslage in den Laden, sieht ihn nur flüchtig an.
„Morgen wieder ab acht“, sagt er. „Wir schließen jetzt.“
Der Mann zieht die Glasschiebetüren zusammen, verriegelt sie und verschwindet im Inneren des Marktes. Das Licht wird ausgeschaltet.
Eine Weile steht er vor dem verschlossenen Laden. Der Sandsturm zerrt an ihm, macht ihn fast blind. Auf dem Rückweg stolpert er, diesmal fängt er sich nicht. Er fällt so unvermittelt, dass er seine Arme nicht nach vorn strecken kann, um den Sturz abzufedern. Aber er fällt nicht auf den Boden, sondern hindurch. Es gibt keinen Halt, er fällt ins Nichts, fällt und fällt, hört nicht auf zu fallen. Es raubt ihm den Atem. Er will schreien, bringt keinen Ton heraus. Sein Mund ist voller Sand, der Körper verkrampft. Er hat panische Angst vor dem Aufprall. Die Hände greifen ins Leere, nur feine Körner rieseln durch die Finger. Dann lässt er los.

 

Hallo @Jaylow!

Habe deinen Text nun zum dritten Mal gelesen und noch immer fällt es mir schwer, darin eine Geschichte zu entdecken. Womöglich liegt es an all dem Sand, der mir die Sicht versperrt. :lol: Deshalb von mir an dieser Stelle nur ein einzelnes Wort zum Leseeindruck: seltsam.

Dennoch möchte ich auf ein paar Dinge hinweisen, die mir beim Lesen aufgefallen sind.

Überall auf der Straße ist Sand, in manchen Ecken vom Wind zu kleinen Dünen aufgetürmt.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass der Sand überall ist. Selbst im Geschäft. Für mich entsteht der Eindruck, dass das schon seit Tagen oder sogar länger so geht, somit finde ich es eher unpassend, dass er das Bemerken des Sandes zunächst nur auf die Straße bezieht. Auch gehen für mich Ecken und Straße nicht recht zusammen, und der Begriff Düne erscheint mir hier auch nicht passend.

Bevor er das Lebensmittelgeschäft betritt, streift er seine Schuhsohlen kräftig auf der Fußmatte ab.
Bei Abstreifen denke ich eher an Matsch o.Ä.
Würde man Sand nicht eher abklopfen?

Draußen ist der Wind stärker geworden, die Stofftasche pendelt unruhig hin und her, schlägt immer wieder gegen sein Bein.
Hin und her pendeln sagt doch schon alles, oder?

Räumt Milch, Butter und Joghurt in den Kühlschrank, holt den Topf aus dem Schrank, befüllt ihn mit Wasser und stellt den Herd an.
einen Topf
Hat er nur den einen oder handelt es sich dabei um einen ganz speziellen, sollte das vorher erwähnt sein.

Eine Weile steht er fassungslos vor der Herdzeile, schaltet die Kochplatte aus.
Was ist eine Herdzeile? Ist der Herd nicht ein Teil der Küchenzeile? Und fassungslos bedeutet für mich, dass er für den Moment nicht rational denken kann, daher fände ich es passender, würde er das Wasser überkochen lassen.

Er packt die aufgerissene Tüte in seinen Beutel, zieht die Jacke an und macht sich auf den Weg durch den stürmischen Abend. Er stolpert über eine hochgedrückte Gehwegplatte, fängt sich noch rechtzeitig.
Unnötig langer Satz, würde ich teilen.

Ja, alles sehr kleinteilig bis kleinkariert. :hmm: Wollte dir aber wenigstens etwas dalassen, da mir zum Inhalt noch immer nichts einfallen will.

Beste Grüße,
Sammis

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Jaylow

Ein Text, scheinbar genau nach meinem Geschmack. Die Stimmung, die er erzeugt, ist deutlich bei mir angekommen, ich mag die Atmosphäre. Der Charakter der handelnden Person bleibt blass, aber ich denke, dein Fokus lag eher dabei, eben diese Stimmung zu transportieren: Schleichender Zerfall, Endzeitstimmung, Lethargie, ein letztes leises und trotziges Aufbäumen vor dem endgültigen Untergang, dem Aufgeben. All das, so finde ich, ist in deinem Text angelegt und das hat mir gefallen. Ich habe aber auch ein bisschen Kritik mitgebracht, vor allem mit dem Ende hadere ich etwas.

Nicht so schlimm wie das Granulat, das sie im Winter verstreuen, aber deutlich hör- und spürbar.
Ich würde bei 'hörbar' bleiben. Wieso sollte das Granulat für ihn spürbar sein? Beim Sand verstehe ich es, aber nicht beim Granulat, das dringt doch nicht so leicht in die Kleidung ein.

Er weiß nicht, woher der Sand kommt, er weiß nur, dass die Stadt wieder nichts unternimmt. Die Stadt ist dysfunktional geworden, schon lange. Nicht funktionierende Rolltreppen im Hauptbahnhof, Baustellen überall, Löcher in den Straßen, die Wurzeln der Bäume schieben die Gehwegplatten zu Stolperfallen auf dem Bürgersteig empor. Keiner macht was. Letzte Woche ist er gestürzt, die Hand tut immer noch weh. Und jetzt der Sand. Bevor er das Lebensmittelgeschäft betritt, streift er seine Schuhsohlen kräftig auf der Fußmatte ab.
Die unterstrichenen Sätze würde ich löschen (und gegebenenfalls danach die Übergänge etwas anpassen, fliessender machen). Sie erklären, was der Rest zeigt. Sie wirken wie Anker, die der Autor für sich selbst in den Text gestellt hat, wie ein Atemholen für die nächsten (Stimmung-)Bilder, die ich als Leser längst ohne sie sehe. Vielleicht wäre eine Gegenargumentation, dass die handelnde Person durch diese lakonischen Sätze innerlich den Verfall verurteilt, ihn allen anderen in die Schuhe schiebt, aber so wie ich sie aus dem Text lese, scheint sie längst über solche Gedanken hinweg.

Joghurt, Milch, eine Hühnersuppe. Butter ist wieder bezahlbar.
Durch den Satz 'Butter ist wieder bezahlbar' mache ich mir Überlegungen, die der Text danach nicht liefert bzw. die ins Leere laufen, weil nicht wirklich mehr dazu kommt, ausser einer ähnlichen Preisnotiz bei der Suppe. Ob ich Dir raten würde, ihn einfach zu streichen, da bin ich mir diesmal aber nicht ganz sicher, denn eigentlich charakterisiert er auch die Person, er zeigt sie als jemanden, dessen Welt klein geworden ist. Andererseits leistet das der Text aber bereits und diese eher analytische Ebene, die hier angesprochen wird, sticht mir zu stark aus der Atmosphäre, leitet mich für mein Empfinden in die falsche Richtung. Vielleicht wäre es folglich auch eine Option, an solchen Stellen leicht beizufüttern, um das deutlicher zu machen, aber so ist es mir fast beides gleichzeitig: Zu viel und zu wenig.

Er steckt seine Einkäufe in den Beutel. Draußen ist der Wind stärker geworden, die Stofftasche pendelt unruhig hin und her, schlägt immer wieder gegen sein Bein. Und überall Sand. Er kneift die Augen zusammen und stemmt sich gegen die Böen. Zuhause kommt er kaum durch die Haustür, ein richtiger Berg türmt sich davor. Bevor er die Wohnung betritt, zieht er die Schuhe aus und dreht sie um. Feiner Sand rieselt heraus. Er schlägt die Sohlen gegeneinander, um die letzten Körner herauszubekommen, erst dann tritt er ein.
Hier empfinde ich ähnlich wie schon beim zweiten Zitat weiter oben: Der Abschnitt würde auch ohne die unterstrichenen Sätze funktionieren, denke ich. Zudem finde ich, durch das gefühlt sehr oft wiederholte Wort 'Sand', würde es dem Text gar nicht schlecht tun, wenn Du ihn diesbezüglich etwas entschlackst. Klar, Sand ist das Thema, aber allein durch die Bilder wird er lebendig und erfahrbar genug. Ich mag die Stimmung!

Räumt Milch, Butter und Joghurt in den Kühlschrank, holt den Topf aus dem Schrank, befüllt ihn mit Wasser und stellt den Herd an. Als das Wasser zu brodeln beginnt, schneidet er die Tüte auf. Hühnersuppe mit Nudeln für einen Euro und neununddreißig Cent. Der Inhalt raschelt leicht, aber es klingt eigenartig. Als er hineinsieht, ist da nur Sand.
Hier flacht der Text bzw. seine Spannung für mich merkbar ab. Wie er die Lebensmittel in den Kühlschrank räumt und sein Essen zubereitet, zeigt die Alltäglichkeit, ist mir aber etwas zu langatmig beschrieben. Ich würde es leicht kürzen. Bspw. ist der Preis für die Nudeln wichtig? Sowas hattest Du schon bei der Butter. Der letzte Satz hingegen gefällt mir wieder sehr gut, aber seine Wirkung würde nicht spürbar geschwächt, wenn Du vorher etwas weniger breit erzählst, glaube ich.

Er packt die aufgerissene Tüte in seinen Beutel, zieht die Jacke an und macht sich auf den Weg durch den stürmischen Abend, stolpert über eine hochgedrückte Gehwegplatte, fängt sich noch rechtzeitig. Mit zusammengepressten Lippen und tränenden Augen kämpft er sich zum Supermarkt.
Du schreibst hier zwar von einem stürmischen Abend, aber ich hätte es begrüsst, hier neben den vor Sand tränenden Augen noch etwas mehr zur Sturmkulisse mitzukriegen (bspw. akustisch, in die Richtung kommt da auch später gar nichts, bisschen mehr die Sinne ansprechen, wie schmeckt Sand auf der Zunge/im Mund?).

Er fällt so unvermittelt, dass er seine Arme nicht nach vorn strecken kann, um den Sturz abzufedern.
Der einzige Satz, der auf mich etwas schwerfällig wirkt. Dies vor allem wegen der Konstruktion. Zum Beispiel Er fällt so unvermittelt, dass er den Sturz nicht mehr abfedern kann würde das Bild mit den Armen nach vorne strecken bereits enthalten.

Aber er fällt nicht auf den Boden, sondern hindurch. Es gibt keinen Halt, er fällt ins Nichts, fällt und fällt, hört nicht auf zu fallen. Es raubt ihm den Atem. Er will schreien, bringt keinen Ton heraus. Sein Mund ist voller Sand, der Körper verkrampft. Er hat panische Angst vor dem Aufprall. Die Hände greifen ins Leere, nur feine Körner rieseln durch die Finger. Dann lässt er los.
Das Ende wirkt dann auf mich leider etwas willkürlich. Ich kann mir sein Fallen durch den Boden nicht richtig vorstellen, bzw. zu wenig herleiten, wieso versinkt er z.B. nicht in Treibsand? Der Text zeigt den Sand, Ablagerungen und Verwehungen, darauf folgt dann plötzlich Bodenlosigkeit? Für mich ist das eine andere Bildlogik. Ich könnte den Schluss auch so lesen, dass er den Halt verliert, sozusagen vor den Umständen kapituliert, aber dann finde ich die Metapher des ins Bodenlose fallens auch ein wenig zu vertraut, und auch zu ausführlich. Also will sagen, das Ende ist so ein wenig unbefriedigend für mich.

Dies meine Eindrücke, ich habe den Text wie schon gesagt sehr gerne gelesen.

Beste Grüsse,
d-m

 

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