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Sandelholzduft

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09.03.2008
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Sandelholzduft

Als Tobias die Augen aufschlug, fühlte er sich gerädert. Ein Hammerschlag gegen seine Schläfen - kurz darauf noch einer und noch einer. Im Zweivierteltakt tanzte der Hammer auf seinem Kopf. Er konnte sich nicht dagegen wehren, die Schläge wurden nicht weniger. Angst ergriff ihn - ruckartig schlug er die Augen auf, sie suchten den, der ihm das antat. Doch auch als die Dunkelheit wich, als sein Blick klarer wurde, sah er niemanden. Nur die Wanduhr, welche gnadenlos tickte. Wie gelähmt lag er da und starrte an die dunkelblaue Zimmerdecke. Er versuchte seinen Oberkörper aufzurichten und blickte mit halboffenem Mund um sich. Das cremefarbene, fremde Kissen roch nach Whiskey. Er saß auf einem breiten Doppelbett mit schwarzem Metallgestell - und er war nicht alleine. Mit noch verschwommenem Blick versuchte er die Person zu erkennen, die neben ihm lag. Langes, pechschwarzes Haar hing über ihr Gesicht, welches er auf einen Schlag wiedererkannte. Ebenso kamen ihm der gestrige Abend und die Nacht, die er mit Alisah verbracht hatte, wieder in den Kopf. Zu viel getrunken, dachte er. Nicht jedoch genug um vergessen zu haben, was passiert war. Alles kehrte in sein Bewusstsein zurück. Sie hatten gefeiert, getanzt, miteinander geschlafen.

Als würde er sie nicht kennen und sich wundern neben wem er hier aufgewacht war, musterte
er sie. Nur unterschwellig bemerkte er, dass auch sie inzwischen erwacht war und sich die Decke halb vom Körper gestrichen hatte. Durch ein laszives Räkeln befreite sie sich gänzlich von ihr, sodass er ihren nackten Körper betrachten konnte. Die zimtfarbene Haut. Die schmalen Schultern und den schlanken Bauch mit zwei auffälligen Muttermalen links vom Nabel. Ihre Brüste mit den über den dunklen Höfen liegenden Haarsträhnen. Nachdem er ihren Körper mit seinen Blicken zu genüge durchlöchert hatte, trafen sie auf Alisahs vom Restlidschatten verschmiertes Gesicht und fielen schließlich auf ihre rehbraunen Augen, als sie diese aufschlug. Sie presste ihre Arme in die Matratze und stemmte sich auf. Er dachte an Marie. Sie hatte nur ein Muttermal.
Dann kehrte sie zurück, dieselbe Spannung wie gestern Nacht. Derselbe Geruch, der Geruch des Abenteuers. Süßer Wasserpfeifenrauch, welcher ihr noch immer anheftete, pikanter Schweiß und der sinnlich-würzige Sandelholzduft ihres schweren Parfums ergaben zusammen einen Cocktail, welcher das Sausen in seinem wieder aufleben ließ. Je mehr er sie jedoch ansah, desto mehr fürchtete er sie als Archetyp der Versuchung, geliebtes Ungeheuer, versteckt hinter so unschuldigen Rehaugen – und doch nur ein unvollkommener Mensch wie er auch. Viel zu hastig sprang er aus dem Bett, ihm wurde schwarz vor Augen, und er knickte ein. Ihn überfiel der Gedanke der Flucht. Er musste schlucken. Die Unsicherheit war kaum zu übersehen. Sie schaute ihn herausfordernd an, strich sich dabei durch das Haar und berührte ebenso lässig wie bewusst ihre nackte Schulter. Ein tiefer Atemzug ließ ihren Brustkorb anheben, er wurde nervös und biss sich auf die Unterlippe. „Ich geh dann mal“, stammelte er und suchte mit hastigen Blicken seine Jeans. Sie zog die Augenbrauen zusammen, seufzte. Strafend knurrte er sie an: „Du weißt es ganz genau.“ Sie hob die äußeren Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln und schwieg. Als er mit bebenden Fingern versuchte den Gürtel seiner Jeans zu schließen und hastig sein T-Shirt überzog, erhob auch sie sich schließlich aus dem Bett.
Wie eine Nymphe stand sie vor ihm und streckte sich. Sie zog seinen Blick auf eine magnetische Art wieder auf sich. Vereinzelte Lichtfühler, welche durch die Jalousie drangen verdeutlichten ihre Konturen, umspielten ihre Brüste und ließen sie noch gefährlicher erscheinen. Ihre glasigen Augen glühten unheilvoll und brachen zunehmend seinen Widerstand. Für eine Umarmung war es nicht der richtige Moment. Sie näherte sich ihm tastend, wie eine Katze auf Raubzügen. Als die Distanz kleiner, der Duft des Abenteuers immer stärker wurde, das Glühen in ihren Augen beständig blieb, sammelte er seine letzten Kräfte. Er versuchte sie sanft von sich wegzudrücken. Er scheiterte und wendete mehr Kraft auf, doch es war zu spät, es war um ihn geschehen und er saß in der Falle.

Etwa zwanzig Minuten später schloss Tobias die Wohnungstür endgültig hinter sich. Würde er in einen Spiegel schauen müssen, wäre dies die reinste Folter. Krachend stürmte er die hölzernen Treppenstufen hinunter, umfasste mit schwitzenden Händen den Metallgriff der Haustür. Er war kalt. Ein kurzer Moment der Verharrung, ein letzter Blick nach oben, ins dunkle Treppenhaus, in dem es nach Knoblauch roch, dann öffnete er die Tür und verließ den Altbau.
Beißend kalter Wind peitschte dicke Regentropfen in sein Gesicht. Typisches Januarwetter: Grau und dunkel, egal zu welcher Tageszeit. Mal mehr, mal weniger, aber hell wurde es nie wirklich. Früher verbrachte er solche Tage meist mit Marie im Bett, unter der Decke, beim Lernen oder mit einer heißen Tasse Tee, kuschelnd, rumalbernd. Das waren die Zeiten, in denen nicht jede Diskonacht nur deshalb Spaß machte, weil man vergessen konnte. Zeiten, in denen er keinen Alkohol brauchte. Zeiten, in denen Sex noch was mit Liebe zu tun hatte und in denen Liebe sich noch warm anfühlte. Nach kürzester Zeit war seine Jeans durchnässt und er war allein. Frierend stellte seinen MP3-Player lauter. Wütend auf den letzten Abend, wütend auf Alisah und ihre nahezu klischeehafte, orientalische Verführungsgewalt, wütend auf den Alkohol, wütend auf das Wetter und natürlich wütend auf sich selbst geriet er ins Laufen, rannte immer schneller vor seinen Fehlern davon.
Haltestelle Niedersachsenring. Nur mit Glück konnte er die Straßenbahn der Linie zwei noch erwischen. Der Tag war noch recht jung, etwa viertel nach neun, wie ein flüchtiger Blick auf die Uhr an der Bahnstation verriet. Keuchend suchte er nach einem Sitzplatz, wurde neben einem nach Essig riechenden, älteren Mann fündig und ließ sich erschöpft niedersinken.
Sein Elektrolytenhaushalt spielte verrückt, sein Magen donnerte und sein gesamter Körper zitterte. Marie, wo bist du nur? Ihm war, als fehlte ihm der Boden unter den Füßen.

Er sah in das gegenüberliegende Fenster. Sein Spiegelbild wirkte wie jemand, den Tobias nicht kannte. Seine dunklen Haare hingen ihm nass und strähnig ins Gesicht. Seine Haut war blass, seine Augen von großen, dunklen Ringen auf eine Art und Weise untermalt, als würden sie versuchen, seine Augen zu Boden zu ziehen. Tadelnd blickte er auf die leblose Gestalt im Fenster. Die Gestalt sah aus wie eine Halbleiche, ein Toter der noch atmete. Er war versucht, sich vor diesen Jemand zu stellen und ihm einen Vortrag zu halten, was er alles falsch machen würde. Warum lässt du das nicht mit den Fluchtversuchen? Warum akzeptierst du nicht einmal die Dinge, wie sie sind und warum zum Teufel machst du nicht das Beste draus? Warum musstest du deine Freundin betrügen? Warum bist du nicht zufrieden? Verschwinde, dachte Tobias. Ich kann dich nicht mehr sehen.

 

Hallo Rian,

erstmal herzlich willkommen auf kg.de (immer wenn ich das schreibe, fuehle ich mich etwas unbefugt).

In Deiner Geschichte geht es um ein recht alltaegliches Thema: Sex ohne Liebe macht nicht so recht gluecklich, offenbar selbst junge Maenner nicht. Grundsaetzlich habe ich kein Problem mit oftbearbeiteten Themen zu denen dieses morgens neben dem one-night stand Aufwachen ja gehoert und ich finde es auch wohltuend, dass es nicht so pseudo-cool "wieder ne Alte gefickt, die mir morgens egal ist" daherkommt. Allerdings kommt mir der Schreibstil insgesamt doch arg holprig vor.
So kam es fuer mich nicht besonders unerwartet, dass der Hammer, der auf seinem Kopf tanzt, gar nicht echt ist. Morgendliche Hammerschleage nach einer Zechtour sind als Metapher nicht eben neu (passt allerdings dazu, dass er sich ebenso gewoehnlich "wie geraedert" fuehlt), das wird auch nicht besser, wenn man das Bild zu einem "merkwuerdigen Szenario" auswalzt.

Jetzt muss ich auch mal ganz streng fragen:

langes, pechschwarzes Haar hing über das weibliche Gesicht des Menschen neben ihm, welches ihm auf einen Schlag wieder bekannt war.
"Das weibliche Gesicht des Menschen"? Klingt das gut fuer Dich?

Alles rückte in sein Bewusstsein zurück.
Auch wenn etwas zurueck rueckt wuerde ich zum Umformulieren raten.

Er musterte die geborene Israelin ausgiebig,
Was ist wohl eine "geborene Israelin"? Jemand der besonders gut darin ist, israelisch zu sein? Du meinst wohl eher "gebuertige Isralin", wobei ich nicht sicher bin, ob einem sowas fruehmorgens durch den Kopf geht, aber ich schaetze, Du brauchst das noch um spaeter das uralte Klischee der orientalischen Verfuehrerin abzufackeln.

Er bemerkte nur unterschwellig, dass auch sie inzwischen erwacht war und sich die Decke halb vom Körper gestrichen hatte. Erst durch ihr laszives Räkeln, welches sie gänzlich von der weißen Decke befreite, wurde seine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt.
Abgesehen das es bei "unterschwellig" etwas holpert, sehe ich hier einen Widerspruch: Warum wird erst jetzt seine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt, wenn er sie doch schon vorher betrachtet?

Sie presste ihre Arme in die Kaltschaummatratze und richtete sich auf.
Die Kaltschaummatratze gefaellt mir gradios. Allerdings auch hier wieder ein logisches Problem: Du hast einen personalen Erzaehler. Woher soll der wissen, dass das eine Kaltschaummatratze ist, es sei denn, er arbeitet bei Concord. Aber nein, dafuer kennt er sich auch zu gut mit Massivholztreppen aus.

Es ist noch ne Menge anderes drin: authentische Rehaugen; kippende Koepfe (obwohl ich das selbst, aber in anderem Zusammenhang, mal geschrieben habe); das Faeustetrommeln an der Brust, was eher als Abwehr- denn als Annaeherungsversuch erscheint; Ringe, die Augen zu Boden ziehen; die etwas ungelenke Loesung der Selbstreflexion am Schluss, aber ich muss jetzt was essen gehen.

Ich hab schon viele schlechtere Geschichten hier gelesen, aber insgesamt wuerde ich mir doch etwas mehr Aufmerksamkeit fuer stilistische Details wuenschen, zumal wenn das Thema selbst nicht neu ist.
Aber vielleicht (wahrscheinlich) sehen das andere Leser ganz anders.
Auf jeden Fall noch einen schoenen Abend wuenscht
feirefiz

 

Hey feirefiz,

erstmal vielen Dank für die genaue Analyse. Ich geb dir in den meisten Punkten recht, allerdings geht es in dieser Geschichte an sich auch stark um das typische Thema der Unzufriedenheit in der Rolle, in die man reingequetscht wird. Ich hab gehofft, dass das besser erkennbar ist, da mir einige Leser das (leider nicht hier) schon bestätigten. Ich erkenne meine eigene Schwäche vor allem bei den etwas eingeschüchtert wirkenden, etwas zu zahlreichen Adjektiven. Hast schon recht, aber es war auch mein absolutes Debut. Werde mich deiner Verbesserungsvorschläge gleich annehmen ;) Danke!

 

Hallo Rian!

Ich fang gleich mal mit Textkram an:

Angst ergriff ihn - Ruckartig schlug er
ruckartig
Das Szenario klärte sich auf: Der Hammer existierte nur in seinem Kopf
An sich finde ich den Einstieg mit der Hammer-Metapher ganz gut, ist zwar klassisch aber warum nicht. Allerdings kann ich es als Leser nicht leiden, wenn ich schneller begreife als der Protagonist selbst. Ich lese gerade ein furchtbares Buch, da geht das die ganze Zeit so, das hier ist eine Kurzgeschichte und da ist es nicht ganz so nervig weil kürzer, allerdings würde ich das hier reduzieren. Er wacht auf, hat Kopfschmerzen (der Hammer), schlägt die Augen auf, sieht die Uhr, fertig. Dass das kein Hammer ist, ist jedem klar.
Sie war dunkelblau und sie wurde immer dunkler.
Klingt sehr komisch.
Die Decke, die ihn bedeckte, war nicht seine.
Das auch. Ist wie: Der Tropfen tropft. Du machst es dir ganz allgemein in der Geschichte sehr schwer mit den Formulierungen, vieles davon könntest du ohne weiteres anders ausdrücken.
Langes, pechschwarzes Haar hing über das weibliche Gesicht neben ihm,
Das weibliche Gesicht. Ehm, feirefiz sagte das ja auch schon, die Formulierung ist wirklich nicht gut. Es ist schon jedem klar, dass da eine Frau liegt.
die er mit Alisah verbracht hat, nachdem er wohl zu viel getrunken hatte.
hatte. Allerdings hast du dann diese Wortdoppelung da drin, aber dass der Abend feuchtfröhlich abgelaufen ist, kannst du sicherlich auch noch reinmogeln.
Sie feierten, tanzten, schliefen miteinander.
Tempus: Sie hatten gefeiert, getanzt, miteinander geschlafen.
Das tat er auch, obgleich er es genau wusste.
:confused: Ich kann mir nicht helfen, aber das kapier ich nicht.
mit zwei auffälligen Muttermalen links vom Nabel, dazwischen ihre Brüste
:D Das ist jetzt schon unfreiwillig komisch. Das klingt als wären die Brüste zwischen den Muttermalen.
welcher das Sausen in seinem Kopf noch mehr verstärkte. Je mehr er sie jedoch ansah, desto mehr fürchtete er sie,
Das erste mehr kannst du dir sparen. Und das zweite: Heißt es nicht Je länger er sie ansah ... ?
Sie näherte sich ihm tastend, den Blick in sein unsicheres Gesicht.
??
Etwa zwanzig Minuten später schloss Tobias die Wohnungstür endgültig hinter sich. Würde er in einen Spiegel schauen müssen, wäre dies in diesem Moment die reinste Folter für ihn.
Tempus stimmt nicht. Und es geht doch auch einfacher: Der Blick in einen Spiegel wäre jetzt für ihn die reinste Folter gewesen.
Vergessensfindung
Coole Wortschöpfung. Ich hab leider keine Ahnung was das heißen soll. ;)
rannte immer schneller davon von seinen Fehlern.
Man rennt vor seinen Fehlern davon.
Weniger Geschwindigkeit hätte nicht gereicht, um die silberne Straßenbahn der Linie 2 zu erwischen.
Schon wieder so ein Formulierungsmonster. ;) Ich hab manchmal das Gefühl, dass du was ausdrücken willst, aber nicht weißt wie, und ich den Gedankensprüngen einfach nicht folgen kann. Also, ich kombiniere mal: Er hat die Bahn noch erreicht? Warum schreibst du das nicht einfach? ;)
Es laufe doch schon alles gut in seinem Leben.
Als Schlusssatz ist das bisschen dürftig. Der muss einfach sitzen.

Tja, was soll ich sagen. Du hast wirklich einen eigenartigen Stil. Ich meine das gar nicht bösartig, weil ich hab wirklich schon Schlechteres gelesen. Ich fand die Geschichte also grundsätzlich gar nicht so übel, dafür dass es deine erste ist, allemal.
Aber deine Formulierungen sind teilweise arg staksig und unbeholfen. Du musst echt nochmal notfalls jeden einzelnen Satz anschauen und dich fragen: 1. Brauche ich den überhaupt? (Weil die Geschichte wirklich zu lang ist dafür, was sie erzählt. Kurzgeschichten schreiben heißt verknappen.) 2. Wie kann ich das einfacher formulieren?
Da sind oftmals so unnötige Details drin, die du ohne weiteres rausnehmen kannst. So kann man sich auch leichter auf die Protagonisten konzentrieren. Achja noch was: Wortwiederholungen hast du auch einige drin (am Anfang z.B., da kommt mindestens 5 Mal das Wort Decke vor).

Das war jetzt sehr viel Kritik, aber ich hoffe du kannst was draus machen. Ich denke mal, das kriegst du auch noch viel besser hin. Viel Spaß noch im Forum!

Liebe Grüße,
apfelstrudel

 

So, hab mich nochmal an die Geschichte gesetzt, viele eigene Schwächen erkannt und hoffentlich einiges verbessern können! Freue mich, ihr euch nochmal die Zeit nehmen würdet, euch die Geschichte vorzunehmen...tue mich ehrlich gesagt mit dem sitzenden letzten Satz noch ziemlich schwer...habt ihr da irgendwelche Tipps?

 

Hallo Rian,

deine Geschichte ist für mein Empfinden von Adenauermoral durchtränkt. Gut, die Zeiten von "make love, not war" sind auch vorbei und heute kämpfen wir eher um einen Kompromiss zwischen der Verlässlichkeit, die wir in Beziehungen suchen und der Lust, die wir außerhalb suchen. Dabei geht es aber eben nicht um eine moralische Frage, sondern darum, dem Partner nicht weh zu tun. Es geht nicht mehr um Treue, um dem Besitzdenken Genüge zu tun, sondern um Treue aus der Erkenntnis heraus, dass offene Beziehungen uns genauso überfordern wie der Zwang zur Monogamie. Das ist ein spannendes Feld, dem du mE nicht gerecht wirst, wenn du dich auf die rein moralische Frage mit einer fertigen Antwort im Kopf konzentrierst. Tobias verachtet sein Tun, auch wenn er es nicht lassen kann, man hat nicht das Gefühl, dass er wirklich reflektiert, dass er sich wirklich im Spiegel ansieht. Die Versuchung sucht er in den bösen Frauen, denen er erliegt, nicht in seinem Vermögen oder Unvermögen. Dabei hat er katholische Wertvorstellungen im Kopf, nach denen er sein Handeln beurteilt und die er nicht infrage stellt. Vor allem aber denkt er an "Marie", von der wir nicht wissen, ob er mit der noch zusammen ist. Allgemein wissen wir von Marie nichts. Selbst die Gedanken über Untreue richten sich nicht an sie, sondern nur an die bestehende Moral, dass man eben nicht untreu ist. Warum, woher dieser Maßstab kommt, ob Marie ihn überhaupt teilt, das alles bleibt im Dunklen. Tobias' Scheitern an den eigenen Moralvorstellungen wird dadurch von mir als Leser nicht so tief erlebt, wie es sein könnte.
Details:

Durch ein laszives Räkeln befreite sie sich gänzlich von ihr, sodass er ihren nackten Körper betrachten konnte.
Durch die Perspektiv- und Bezugswechsel undeutlich. Es geht ja um die Frau, die Decke und das, was Tobias sieht. Deutlicher wäre es, schriebest du: Nur unterschwellig bemerkte er, dass auch sie inzwischen erwacht war und sich die Decke halb vom Körper gestrichen hatte. Durch ein laszives Räkeln befreite sie sich gänzlich davon (vermeidet die Häufung femininer Personalpronomen), sodass Tobias (Namensnennung, weil der Bezug wieder zu seiner Perspektive wechselt) ihren ganzen Körper betrachten konnte.
Ihre Brüste mit den über den dunklen Höfen liegenden Haarsträhnen.
das erste "den" kannst du streichen.
Nachdem er ihren Körper mit seinen Blicken zu genüge durchlöchert hatte, trafen sie auf Alisahs vom Restlidschatten verschmiertes Gesicht und fielen schließlich auf ihre rehbraunen Augen, als sie diese aufschlug.
na, die Blicke sind ja keine Gewehrkugeln und nach "durchlöchern" liest sich auch die vorangegangene Beschreibung nicht, das empfinde ich als Ausdruck also eher unpassend. Auch hier ist der Perpektivwechsel eher ungeschickt, wenn er denn aber sein muss, heißt es "trafen diese" statt "trafen sie"
welcher das Sausen in seinem wieder aufleben ließ.
in seinem Kopf oder in seinem Schwanz?
Ihn überfiel der Gedanke der Flucht.
Wenn du es so schreibst, hatte die Flucht einen Gedanken, der Tobias überfiel. Ihn aber überfiel der Gedanke an Flucht
Ein tiefer Atemzug ließ ihren Brustkorb anheben, er wurde nervös und biss sich auf die Unterlippe.
Wenn so, dann "ließ ihren Brustkorb sich anheben", weniger umständlich wäre natürlich "hob ihren Brustkorb an" - und auch hier schaffst du Verwirrung in den Perspektiven, denn dem Bezug nach ist es der Atem, der sich jetzt nervös auf die Unterlippe beißt.
Ihre glasigen Augen glühten unheilvoll
Von glasigen Augen spricht man eher bei ausdrucksolsen Augen oder bei Menschen, die krank sind.
Früher verbrachte er solche Tage meist mit Marie im Bett
Tempus - hatte ... verbracht (da Rückblick aus der Vergangenheit in eine vollendete Vergangenheit)
Der Tag war noch recht jung, etwa viertel nach neun, wie ein flüchtiger Blick auf die Uhr an der Bahnstation verriet.
Das machst du häufiger, dass du die Information, woher Tobias seine Information hat, anhängst. Mal ist es in Ordnung, hier war so der Punkt, an dem ich mich fragte, ob du sie nicht auch mal in den Satz einbauen könntest, etwa: Ein flüchtiger Blick auf die Uhr der Bahnstation verriet: Der Tag war noch recht jung.
seine Augen von großen, dunklen Ringen auf eine Art und Weise untermalt, als würden sie versuchen, seine Augen zu Boden zu ziehen.
so würden die Augen selbst versuchen, die Augen zu Boden zu ziehen.

Lieben Gruß
sim

 

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