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Sandelholzduft
Als Tobias die Augen aufschlug, fühlte er sich gerädert. Ein Hammerschlag gegen seine Schläfen - kurz darauf noch einer und noch einer. Im Zweivierteltakt tanzte der Hammer auf seinem Kopf. Er konnte sich nicht dagegen wehren, die Schläge wurden nicht weniger. Angst ergriff ihn - ruckartig schlug er die Augen auf, sie suchten den, der ihm das antat. Doch auch als die Dunkelheit wich, als sein Blick klarer wurde, sah er niemanden. Nur die Wanduhr, welche gnadenlos tickte. Wie gelähmt lag er da und starrte an die dunkelblaue Zimmerdecke. Er versuchte seinen Oberkörper aufzurichten und blickte mit halboffenem Mund um sich. Das cremefarbene, fremde Kissen roch nach Whiskey. Er saß auf einem breiten Doppelbett mit schwarzem Metallgestell - und er war nicht alleine. Mit noch verschwommenem Blick versuchte er die Person zu erkennen, die neben ihm lag. Langes, pechschwarzes Haar hing über ihr Gesicht, welches er auf einen Schlag wiedererkannte. Ebenso kamen ihm der gestrige Abend und die Nacht, die er mit Alisah verbracht hatte, wieder in den Kopf. Zu viel getrunken, dachte er. Nicht jedoch genug um vergessen zu haben, was passiert war. Alles kehrte in sein Bewusstsein zurück. Sie hatten gefeiert, getanzt, miteinander geschlafen.
Als würde er sie nicht kennen und sich wundern neben wem er hier aufgewacht war, musterte
er sie. Nur unterschwellig bemerkte er, dass auch sie inzwischen erwacht war und sich die Decke halb vom Körper gestrichen hatte. Durch ein laszives Räkeln befreite sie sich gänzlich von ihr, sodass er ihren nackten Körper betrachten konnte. Die zimtfarbene Haut. Die schmalen Schultern und den schlanken Bauch mit zwei auffälligen Muttermalen links vom Nabel. Ihre Brüste mit den über den dunklen Höfen liegenden Haarsträhnen. Nachdem er ihren Körper mit seinen Blicken zu genüge durchlöchert hatte, trafen sie auf Alisahs vom Restlidschatten verschmiertes Gesicht und fielen schließlich auf ihre rehbraunen Augen, als sie diese aufschlug. Sie presste ihre Arme in die Matratze und stemmte sich auf. Er dachte an Marie. Sie hatte nur ein Muttermal.
Dann kehrte sie zurück, dieselbe Spannung wie gestern Nacht. Derselbe Geruch, der Geruch des Abenteuers. Süßer Wasserpfeifenrauch, welcher ihr noch immer anheftete, pikanter Schweiß und der sinnlich-würzige Sandelholzduft ihres schweren Parfums ergaben zusammen einen Cocktail, welcher das Sausen in seinem wieder aufleben ließ. Je mehr er sie jedoch ansah, desto mehr fürchtete er sie als Archetyp der Versuchung, geliebtes Ungeheuer, versteckt hinter so unschuldigen Rehaugen – und doch nur ein unvollkommener Mensch wie er auch. Viel zu hastig sprang er aus dem Bett, ihm wurde schwarz vor Augen, und er knickte ein. Ihn überfiel der Gedanke der Flucht. Er musste schlucken. Die Unsicherheit war kaum zu übersehen. Sie schaute ihn herausfordernd an, strich sich dabei durch das Haar und berührte ebenso lässig wie bewusst ihre nackte Schulter. Ein tiefer Atemzug ließ ihren Brustkorb anheben, er wurde nervös und biss sich auf die Unterlippe. „Ich geh dann mal“, stammelte er und suchte mit hastigen Blicken seine Jeans. Sie zog die Augenbrauen zusammen, seufzte. Strafend knurrte er sie an: „Du weißt es ganz genau.“ Sie hob die äußeren Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln und schwieg. Als er mit bebenden Fingern versuchte den Gürtel seiner Jeans zu schließen und hastig sein T-Shirt überzog, erhob auch sie sich schließlich aus dem Bett.
Wie eine Nymphe stand sie vor ihm und streckte sich. Sie zog seinen Blick auf eine magnetische Art wieder auf sich. Vereinzelte Lichtfühler, welche durch die Jalousie drangen verdeutlichten ihre Konturen, umspielten ihre Brüste und ließen sie noch gefährlicher erscheinen. Ihre glasigen Augen glühten unheilvoll und brachen zunehmend seinen Widerstand. Für eine Umarmung war es nicht der richtige Moment. Sie näherte sich ihm tastend, wie eine Katze auf Raubzügen. Als die Distanz kleiner, der Duft des Abenteuers immer stärker wurde, das Glühen in ihren Augen beständig blieb, sammelte er seine letzten Kräfte. Er versuchte sie sanft von sich wegzudrücken. Er scheiterte und wendete mehr Kraft auf, doch es war zu spät, es war um ihn geschehen und er saß in der Falle.
Etwa zwanzig Minuten später schloss Tobias die Wohnungstür endgültig hinter sich. Würde er in einen Spiegel schauen müssen, wäre dies die reinste Folter. Krachend stürmte er die hölzernen Treppenstufen hinunter, umfasste mit schwitzenden Händen den Metallgriff der Haustür. Er war kalt. Ein kurzer Moment der Verharrung, ein letzter Blick nach oben, ins dunkle Treppenhaus, in dem es nach Knoblauch roch, dann öffnete er die Tür und verließ den Altbau.
Beißend kalter Wind peitschte dicke Regentropfen in sein Gesicht. Typisches Januarwetter: Grau und dunkel, egal zu welcher Tageszeit. Mal mehr, mal weniger, aber hell wurde es nie wirklich. Früher verbrachte er solche Tage meist mit Marie im Bett, unter der Decke, beim Lernen oder mit einer heißen Tasse Tee, kuschelnd, rumalbernd. Das waren die Zeiten, in denen nicht jede Diskonacht nur deshalb Spaß machte, weil man vergessen konnte. Zeiten, in denen er keinen Alkohol brauchte. Zeiten, in denen Sex noch was mit Liebe zu tun hatte und in denen Liebe sich noch warm anfühlte. Nach kürzester Zeit war seine Jeans durchnässt und er war allein. Frierend stellte seinen MP3-Player lauter. Wütend auf den letzten Abend, wütend auf Alisah und ihre nahezu klischeehafte, orientalische Verführungsgewalt, wütend auf den Alkohol, wütend auf das Wetter und natürlich wütend auf sich selbst geriet er ins Laufen, rannte immer schneller vor seinen Fehlern davon.
Haltestelle Niedersachsenring. Nur mit Glück konnte er die Straßenbahn der Linie zwei noch erwischen. Der Tag war noch recht jung, etwa viertel nach neun, wie ein flüchtiger Blick auf die Uhr an der Bahnstation verriet. Keuchend suchte er nach einem Sitzplatz, wurde neben einem nach Essig riechenden, älteren Mann fündig und ließ sich erschöpft niedersinken.
Sein Elektrolytenhaushalt spielte verrückt, sein Magen donnerte und sein gesamter Körper zitterte. Marie, wo bist du nur? Ihm war, als fehlte ihm der Boden unter den Füßen.
Er sah in das gegenüberliegende Fenster. Sein Spiegelbild wirkte wie jemand, den Tobias nicht kannte. Seine dunklen Haare hingen ihm nass und strähnig ins Gesicht. Seine Haut war blass, seine Augen von großen, dunklen Ringen auf eine Art und Weise untermalt, als würden sie versuchen, seine Augen zu Boden zu ziehen. Tadelnd blickte er auf die leblose Gestalt im Fenster. Die Gestalt sah aus wie eine Halbleiche, ein Toter der noch atmete. Er war versucht, sich vor diesen Jemand zu stellen und ihm einen Vortrag zu halten, was er alles falsch machen würde. Warum lässt du das nicht mit den Fluchtversuchen? Warum akzeptierst du nicht einmal die Dinge, wie sie sind und warum zum Teufel machst du nicht das Beste draus? Warum musstest du deine Freundin betrügen? Warum bist du nicht zufrieden? Verschwinde, dachte Tobias. Ich kann dich nicht mehr sehen.
Danke!
Ich kann mir nicht helfen, aber das kapier ich nicht.
Das ist jetzt schon unfreiwillig komisch. Das klingt als wären die Brüste zwischen den Muttermalen.