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Schlechtes Gewissen
Schlechtes Gewissen
Lustlos blickte ich auf den Fahrplan, der mir zeigte, dass es noch drei Minuten dauern würde, bis mein Bus kam. Da hörte ich etwas. Scheinbar stritt jemand vor dem Eingang des hinter mir gelegenen Bahnhofs.
Schon nach kurzer Zeit hatten sich die Stimmen hochgeschaukelt…
Nein, eine Stimme hatte sich hochgeschaukelt, denn es war nur eine Stimme, die ich schreien hörte. Ich drehte mich um und sah einen großen Mann in dunkler Jacke, der auf einen anderen, am Boden liegenden Menschen blickte. Als der Mann zum Tritt ausholte, drehte ich mich um und hörte nur noch ein leises Stöhnen.
Ich wartete auf den Bus, blickte auf die Uhr. Zwei Minuten. Sollen sich doch die Anderen drum kümmern. Vielleicht ist es ja nur ein Spaß. Ja, ganz sicher…obwohl…
Mitten in einer erneuten Drehbewegung stoppte ich und blickte doch wieder nach vorne, konnte aber nicht verhindern, einen weiteren Tritt zu hören.
Ich bin doch nicht blöd, dachte ich, leg mich mit dem großen Kerl an!
Das können schön die anderen machen…
Was wäre, wenn ich der Typ am Boden wäre, was, wenn ich Hilfe brauchen würde und die Menschen an mir vorbei…
Ich blickte auf die Uhr. Noch eine Minute.
Ich summte eine Melodie, um die Schreie nicht…
Ich summte eine Melodie. Einfach so, ohne Hintergedanken, glaube ich.
Da kam mein Bus.
Ich stieg ein und hörte nichts mehr vom Streit hinter mir.
Als der Bus losfuhr, holte ich mein Handy heraus, guckte tief versunken aufs Display und sah nicht, was draußen geschah. Wieso auch, da war ja nichts.
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