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Schreibblock.ade
Schreibblock.ade
Martin hat gerade die Wohnung verlassen, doch schon jetzt scheint sich der Sauerstoff im Raum zu verdreifachen und wie von selbst in meine Lungen zu strömen. Alles wird eine Spur heller, freundlicher.
Auf seinem Teller sieht es wüst aus. Den sündhaft teuren Rotbarsch verunstalten zahllose Gabeleinstiche, die Butterkartoffeln sind größtenteils zerquetscht, und der Feldsalat ist bei seiner Besteckaktion vom Teller geflogen.
Ich stelle mir vor, ein Foto von diesem Stilleben zu machen, in sein Zimmer zu gehen, und es Martin auf den Schreibtisch zu knallen.
„Hier, du Spinner,“ könnte ich brüllen, „sieh dir das Gematsche genau an! So wie auf deinem Teller sieht es nämlich auch in deinem Kopf aus: Krudes Durcheinander, keine einzige eigene IDEE, nur selbstmitleidiges, aufgeblasenes Nichts!“
Herr des Himmels, würde mir das gut tun!
Ich mache das natürlich auf keinen Fall, so bin ich einfach nicht erzogen. Es ist einer meiner überschaubaren Nachteile, dass ich nur in meinem Kopf ausrasten kann. Im Alltag steuert mich die Vernunft, und, ehrlich gesagt, mein unausrottbares Harmoniebedürfnis! Ich halte es schlecht aus, wenn jemand böse auf mich ist. Es dauert auch sehr lange, bis ich wirklich sauer auf jemanden bin, da meine Empathie mir meist erlaubt, die Beweggründe meines Gegenüber zu verstehen. Britta nennt das respektlos Helfersyndrom, doch mir scheint diese Sichtweise verkürzt. Sie meint auch, mich könne jeder ausnehmen, wenn er nur schnell genug merkt, dass mein Krisenpaket, „Verständnisvolles Zuhören und Trösten“, zum Nulltarif zu haben ist.
Gut, Britta kennt mich seit fast zwanzig Jahren, sie hat sicher nicht völlig Unrecht.
Ich stehe auf und räume den Tisch ab.
Vom Küchenfenster aus sehe ich Martin. Mit hochgezogenen Schultern, beide Hände in den Hosentaschen, stapft er mit wirren, ungekämmten Haaren, in seiner schmuddeligsten Jeans die Strasse entlang, eine Schneise der Anklage und der Frustration schlagend.
Er schaut nicht auf, nimmt nichts um sich herum wahr, dabei denke ich, Schriftsteller sollten genau das tun, und Martin will doch nichts lieber, als ein Schriftsteller sein.
Er entfernt sich, und als ich nur noch einen Punkt am Ende der Strasse sehe, frage ich mich, wann ich begonnen habe, ihn zu verachten.
Ich kratze den Rotbarsch vom Teller, einen Fuß auf dem Pedal des Abfalleimers. Als der Fisch in den Plastiksack klatscht, werde ich wieder wütend.
Verdammt, drei Jahre habe ich ihm jede Unterstützung gegeben, finanziell, ideell und überhaupt…, ich war einfach immer für ihn da. Weil ich an sein Talent geglaubt habe, völlig unkritisch, ohne Wenn und Aber. Mit offenen Armen habe ich ihn aufgenommen.
So, weg ist der Fisch! Zwanzig Euro im Abfall, der Eiweißschub für das Schriftstellergehirn. Ach, Scheiß drauf!
Es geht zu Ende mit Martin und mir, so einfach ist das. Ich habe aufgehört, an ihn zu glauben. Keine Lust mehr, seine Muse zu spielen.
Britta sagt, Martin lebe in der Illusion, seinen Zufallserfolg von vor vier Jahren wiederholen zu können.
Ich habe mich immer gegen das Zufallselement gewehrt; Martin muss doch Talent haben, wenn sein Jugendroman über zehntausend Mal verkauft wird!
Britta meint, er habe einfach den Nerv der Zeit getroffen: Schulmassaker in Amiland und bei uns, da kommt es doch prima daher, wenn ein engagierter Lehrer einen Roman über das Spannungsfeld zwischen Schülern und Lehrern schreibt.
Der Titel „In der letzten Reihe“ war ja auch ansprechend, und Martin hat die story glaubhaft erzählt.
Mein Gott, er ist doch Deutschlehrer! Ich sehe vor mir, wie Britta die Augen verdreht und mit ihrer Zigarette einen Schlenker in der Luft macht. Du hättest seiner Beurlaubung nicht so blauäugig zustimmen sollen, du Schaf! Britta drückt rasch die Zigarette aus und wirft sich die Tasche über die Schulter. Weg ist sie.
Ich schüttele den Kopf, doch die alten Bilder lassen sich nicht verdrängen. Britta hat sich nicht geirrt, obwohl ich es mir gewünscht habe. Das ist schon ein Jahr her.
Alle Versuche, ein weiteres Buch zu schreiben, sind jämmerlich gescheitert. Martin hatte unzählige „bombensichere, erste Sätze“ zu „aufrüttelnden Geschichten“ in seinem PC gespeichert, doch danach war die Luft einfach raus. Kein Verlag hat sich für seine Entwürfe interessiert, und ich habe nicht begriffen, dass seine Eitelkeit größer war als sein Talent.
Sein Leiden war echt, daran habe ich nie gezweifelt. Ganze Tage und halbe Nächte saß er vor dem Bildschirm, zwischendurch tigerte er in der Wohnung umher, reckte sich und stützte seinen schmerzenden Rücken mit beiden Händen. Ich saß Gott weiß wie oft auf der Couch, traute mich nicht ins Bett zu gehen, weil ich dachte, Martin käme sich dann verlassen vor, abgewertet, er könnte denken, ich hätte ihn schon aufgegeben. Dabei redete er nie mit mir.
Britta sagt, ich sei immer eine gute Zuschauerin für seine Inszenierungen gewesen, doch das wollte ich nie hören. Bis ich mir eines Tages selber so vorkam.
Ich bin dann eine Stunde eher ins Bett gegangen als in den Wochen davor.
Er hat es gar nicht gemerkt.
Ich habe aufgehört, ihn nach seinen Texten zu fragen.
Er hat nichts erzählt.
Ich fing an, darauf zu warten, dass er mich nach meinem Tag in der Schule fragt. Vergebens.
Mein Schweigen machte sein Desinteresse an meinem Leben deutlich. Da gab es nichts mehr zu verdrängen, nichts mehr zu beschönigen.
Britta hat das prophezeit.
Doch die Sache mit dem Essen heute, die bringt das Fass echt zum Überlaufen. Wenn er nach Hause kommt, werde ich Klartext reden. Schluss machen.
Ich koche mir einen Kaffee und fühle mich frei und stark.
Ein letzter, verzweifelter Versuch, seine Dauerblockade zu lösen, war nun auch gescheitert. Vor ein paar Wochen war Martin nach stundenlangem Luftlöcherstarren auf die Idee gekommen, dass es vielleicht am PC liegen könnte.
Der hemmt seine Kreativität. Martin ging los und kaufte sich karierte Schreibblöcke, teure Kugelschreiber, Bleistifte und einen Montblancfüller.
Ich hoffte mal wieder, fand das Ganze auch ein wenig romantisch. Britta habe ich nichts erzählt, keine Ahnung, warum nicht.
Zwei Tage später lag der Boden in seinem Arbeitszimmer voller zerknüllter Blätter. Schweißgeruch und zerknüllte Blätter.
Wie immer, kein Wort darüber , kein Gespräch zwischen uns. Wenn er sich doch nur ein einziges Mal geöffnet hätte, vielleicht wäre da noch was zu machen gewesen. Aber so…ne, auf keinen Fall.
Ich schlendere mit der Kaffeetasse rüber in sein Zimmer. Himmel, alles ist total aufgeräumt! Auf dem Schreibtisch liegt sein Block. Zuoberst eine eng beschriebene Seite. Ich setze mich, neugierig, angespannt. Hat er doch einen neuen Anfang gefunden?
Meine Liebe, nun unterstützt Du mich schon so lange, immer noch, obwohl Du an meiner Talentlosigkeit nicht mehr zweifelst. Sicher hat Britta Dir längst gesagt, dass mein Erfolg ein Zufall war, ich denke mittlerweile ähnlich. Du hast mein Interesse an Deinem Alltag vermisst, bist abends viel zu lange aufgeblieben, weil Du dachtest, Dein Rückzug käme einem Werturteil gleich, doch der gescheiterte Versuch mit dem Block hat Dir den Rest gegeben, nicht wahr? Seit wann verachtest Du mich? Verstehst Du, dass ich einfach nicht wusste, was ich hätte sagen können? Meine Verzweiflung war so riesig, ich habe keine Worte gefunden. Meine Scham ist fast unerträglich. Deshalb habe ich einen Entschluss gefasst: Ich gehe zurück in den Schuldienst. Vielleicht klappt es mit dem Schreiben, wenn ich mich nicht mehr so sehr darauf fixiere. Hast Du den teuren Rotbarsch weggeworfen? Ich mochte noch nie so gerne Fisch, doch Dir zuliebe hätte ich ihn natürlich essen können. Wenn ich nachher…
Ich klappe das Blatt hoch und sehe, das die folgende Seite noch bis zur Hälfte beschrieben ist. Am unteren Rand prangt ein Herz, mit rotem Filzer ausgemalt.
Behutsam lege ich den Block zurück, trinke meinen Kaffee in kleinen Schlucken und drehe mich auf Martins Schreibtischstuhl im Kreis. Während die Wände an mir vorbeifliegen, sehe ich im Geist schon die neuen Tapeten. Ich stoppe erst, als mir schwindelig wird, dann stehe ich auf und wuchte seinen Koffer vom Schrank.
Schön ist, dass ich das auch mit Lob tun kann. Mich hat die Geschichte amüsiert, wenn sie auch tragisch ist. Die Reflexionspassagen mögen etwas lang sein für einen so kurzen Text, zu lang sind sie aber nicht. Außerdem entfaltet sich grad da so ein locker fluffiger und ironischer Erzählton:

), die Frau sieht alles ein und trotzdem bleibt sie bei ihm. Die Hoffnung stirbt zuletzt!