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Schreibstube

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Schreibstube

Die Zigarette im Aschenbecher ließ ihren Rauch in unregelmäßigen Schlangenlinien empor steigen. Es war eine ungewöhnlich lange Zigarette. Die Luft roch süßlich. Elia schenkte sich eine frische Tasse Kaffee ein. Er goss etwas Milch nach, bis das Getränk die gewünschte Färbung zeigte. Er beobachtete wie der Rauch der Zigarette und die Dampfwolke des heißen Kaffees sich zu einer großen Schwade vereinigten. Elia saß in seinem Arbeitszimmer. Der Laptop war geöffnet und eingeschaltet und Elia starrte auf den Bildschirm. Dieser zeigte eine leere Fläche. Er musste sie füllen. Und zwar mit Buchstaben und Satzzeichen .Elia legte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Langsam muss mir mal etwas einfallen. Nur ein kleiner Gedanke. Nur ein kleiner Satz genügt, um eine Geschichte zum Leben zu erwecken“, dachte er. Er nahm die sehr lange Zigarette. Sie glühte nicht mehr. Sie wurde wieder angezündet. Lange hielt Elia den Rauch in seiner Lunge. Danach nahm er einen Schluck Kaffee. „Die beste Kombination: Rauchen und Kaffee trinken“, dachte er und stierte wieder auf den Bildschirm. Schon längst müsste ein Satz niedergeschrieben sein. Ab und zu setzte er an und tippte ein, zwei Sätze, die er aber nach erneutem lesen sofort wieder löschte. Elia rauchte weiter und trank weiter Kaffee. Manchmal hatte er gute Ideen, verwarf diese aber, wenn er merkte dass einige Logiklöcher nicht so einfach zu stopfen waren. Elia schaute sich in seinem Arbeitszimmer um. Er drehte die Musik etwas lauter. Aber keine inspirierenden Gedanken, kein noch so kleiner Impuls für eine Geschichte wollte ihm einfallen. Mittlerweile hatte er die erste Tasse Kaffee ausgetrunken. Sie schmeckte herrlich. Der Rauch glitt wie Watte in seine Bronchien. Und für fünf Minuten versank Elia Lafiama in eine Art Schwebezustand. Er hielt sich immer noch krampfhaft an sein Vorhaben, den ersten Satz seiner Geschichte zu finden. Dieser eine Satz mit der jede gute Geschichte anfängt. Wenn man ihn liest, und man dem Rhythmus der geschriebenen Worte verfällt, möchte man sofort den zweiten lesen. Dann den dritten und so weiter. Bis man komplett von der Geschichte verschlungen wird. Nur muss ihm dieser Satz erst einfallen. Er kniff seine Augen fest zusammen, presste die Lider mit aller Gewalt aufeinander. Nichts. Kein einziger brauchbarer Gedanke.

Er versuchte sich an etwas zu erinnern. Nur was . Wenn er es wüsste, wäre es dann ein Anfang für eine Geschichte? „ Musik, ich brauche andere Musik, etwas Instrumentales, sodass mich die Worte des Gesanges nicht irritieren und ich mich nur auf die Schwingungen besinnen kann.“ dachte er und suchte in seinem riesigen Fundus aus Soundtrack Alben, die Richtige aus. Nach einer halben Stunde waberte der Klang beruhigend durch sein kleines Arbeitszimmer. Das versetzte ihn in Stimmung. Aber es war noch nicht die richtige. Elia trank einen Schluck, behielt in kurz im Mund und überlegte ob er ihn hinunterschlucken sollte, denn der Kaffee war nur noch lauwarm. Er mochte ihn richtig heiß. Lauwarmer Kaffee hinterließ immer einen garstigen Geschmack in seinem Mund. Er goss heißen nach. Nun war der Geschmack wider annehmbar und schrie förmlich nach dem Genuss einer Zigarette. Einer konischen natürlich. Er nahm die Knospe aus seinem Vorratsdöschen. Als er den Inhalt inspizierte bemerkte er dass er wohl bald seinen Dealer kontaktieren müsste. Das nervte ihn. Das war immer der Zeitpunkt in dem er überlegte ob er nicht auf Mohitos umsteigen soll. Ernest Hemingways Inspiration und Lebenselixier. Da käme man legal zu seinem Rausch. Aber er rauchte lieber und trank dabei Kaffee oder Tee. Ungesüßt mit einem Schuss Milch. Elia legte sich ein Blättchen zurecht. Dann vermischte er etwas Tabak mit einer klein geraspelten Blüte feinstem Marihuana. Northern Wood Oxygen Haze- übler Stoff. Sofort nahm man, in der kleinen Kammer die er Schreibstube nannte, den lieblichen Geruch des Deliriums wahr. Aus einer Visitenkarte schnitt er ein kleines Stück heraus und rollte daraus einen Filter. Das Bauvorhaben konnte starten. Die Arbeit an dem Gerät dauerte noch kein halbe Minute. Elia hielt eine vorzüglich gebaute Hanfzigarette in seinen Händen. Und er setzte alle Hoffnung in sie. Sie hatte ihm schon ein paarmal geholfen die Muse ausfindig zu machen.

Um genau zu sein - erst zweimal. Und ein Mal kam eine recht passable Geschichte dabei rum. Er zündete den Joint an und begann in tiefen Zügen zu inhalieren. Die Musik war warm und der Rhythmus trieb ihn unentwegt weiter. Weiter hinaus in Sphären die er noch nicht kannte, und wenn er sie doch irgendwie kannte, verrannte er sich in den Erinnerungen, sodass er immer wieder zu dem Entschluss kam, es doch noch nicht zu kennen. Er schaute kurz auf die Uhr. Seit zwei Stunden saß er nun schon da und hatte immer noch keinen einzigen Satz geschrieben. Das machte ihn langsam mürbe, denn er zweifelte an sich und seinem Vorhaben. Neun Monate ging das schon so. Jeden Abend das gleiche Ritual. Kaffee kochen, Rauchutensilien zusammen suchen, hoch gehen, Strom anschalten, Laptop hochfahren, Kaffee ausschenken, Joint rauchen, auf den Laptop starren, warten das die Muse kommt, Musik anschalten, trinken, rauchen ,starren, rauchen, warten. Elia liebte und hasste diesen Kreislauf. Denn er wusste, dass irgendwann die eine Geschichte, und das Abenteuer sie zu schreiben, auf ihn wartete. Er bräuchte sie dann nur noch abzuholen. Der Joint zeigte die gewünschte Wirkung. Alles schien von einer warmen Aura überzogen, alles war so elegant weichgezeichnet. Elia fand es gut. Nur blieb die Muse fern. Auch wusste er nicht in was für einer Gestalt sie erscheinen würde, wenn sie sich überhaupt zeigt. Er erinnerte sich an die erste Begegnung. Das ist jetzt fast ein Jahr her, als er so wie heute in seinem Arbeitszimmer saß, massig Marihuana konsumiert hatte, und eine Geschichte schreiben musste. Sie saß schnaufend da, und schaute ihn nur an. „Wer bist du?“ fragte Elia in den Raum.

„Pass gut auf, mein Freund, ich bin Charlie und bin so etwas wie eine Muse. Ja, Arschloch. du siehst richtig, ich bin ein kleiner dicker Gnom und verdammt hässlich. Soll ich mal einen fahren lassen. Riecht bestimmt besser als den Scheiß den du dir gerade reinziehst, du Spacken.“

Verwundert schaute Elia sich um und sah den kleine dicken Mann mit spärlichem Haar auf seinem Bücherregal hocken. Seine schmalen Lippen offenbarten ein hämisches Grinsen, das Elia ängstigte, gleichzeitig aber auch faszinierte. Der kleine Mann sah ein bisschen aus wie die Zwergenversion von Alfred Hitchcock, nur etwas garstiger. Er wirkte als würde er jeden Moment einen cholerischen Anfall bekommen.

„Schau mich bloß nicht so an. Du weißt genau was ich will, und ich weiß was du willst. Stimmt`s? Natürlich, Mr. Schriftsteller, du weißt es. Es liegt doch auf der Hand. Denk doch mal nach. Es geschieht genau vor deinen Augen “, sagte Charlie. Die Stimme fuhr Elia bis ins Mark und spielte dort auf seinen Nerven Klavier. Charlies durchdringender Blick hypnotisierte Elia. Sabber lief dem Gnom aus dem Mundwinkel, während er Elia zu verstehen gab, welche Geschichte er für den Wettbewerb schreiben sollte. Zwei Tage benötigte er für die Geschichte. Martin, sein Freund, Lektor und schärfster Kritiker, brauchte ewig zum Korrekturlesen. Doch ohne ihn wäre die Geschichte wahrscheinlich nie so weit gekommen. Er leistete einen recht passablen Job, denn sie schaffte es ins Finale. Das zweite Mal zeigte sich Charlie in einer weit aus reizenderen Erscheinung. Diesmal war die Muse weiblich und alles war genau dort wo es sein sollte. Mit anderen Worten, sie war nahezu perfekt. Dann machte sie den Mund auf, und ihre Stimme klang wie die von Chip und Chap. So konnte er sie nicht ernst nehmen ohne laut zu lachen. Das mögen sie aber gar nicht, wenn man sie auslacht. Jedenfalls nachdem Elia aufgehört hatte, sich über die Stimme lustig zu machen, war sie nicht mehr bei ihm. Elia hatte ein schlechtes Gewissen und Angst. Angst davor, die Muse mit seinem Gelächter für immer verscheucht zu haben. Er machte sich Sorgen. Wird er sie jemals wieder sehen. Und so wartete Elia LAfiama jeden Abend bei Kaffee und Joint auf ihre Rückkehr. „Vielleicht sollte ich einfach mal das Rauchen lassen. Mal probieren, einfach clean zu schreiben. Würde sie das milde stimmen? Oder soll ich weiter warten, warten bis die Buchstaben sich von alleine zu Wörtern und Sätze formen. “dachte er und schloss abermals seine Augen.

Vor seinem geistigen Ich zogen Bilder seiner Helden vorbei. Menschen die er für ihre Fähigkeit zu Schreiben schätzte. Allen voran Michael Ende, den er als Kind schon verehrte, und dessen Unendliche Geschichte für ihn das Maß aller Dinge ist, was Phantasie Geschichten anging. Michael Ende ritt auf einem Löwen mit flammender Mähne und hielt eine Schildkröte in der Hand. Dicht gefolgt vom Meister der kurzen und klaren Sätze. Ein Whiskey saufender Ernest Hemingway. William Faulkner ließ sich von seinem Pferd durch die Prärie geleiten. Lässig, wie einst Terence Hill, lag er auf einer Pritsche und kaute einen Grashalm. Gustav Schwab spielte mit Prometheus Schach um dessen Leber, während J. D Sallinger mit roter Jagdmütze eine Nutte für ihre Dienste bezahlte. Mr. Hawthorne und Mr. Poe kamen gemeinsam aus dem Garten des Bösen und amüsierten sich köstlich über Rowald Dahl`s Lammkeule. „ Dort wär ich auch gerne. Dort würde ich bestimmt eine gute Geschichte finden. Wie kommt man dort hin, wo solche Geschichten lauern und die Muse Küsse verteilt“, dachte er und erschrak als es plötzlich an seiner Tür hämmerte und pochte. Elia war alleine. Es gab niemanden, der an seine Tür hätte klopfen können.

Halluziniere ich? War das Kraut eventuell doch zu stark. Er stand auf um nachzusehen. Als Elia die Tür öffnete standen nichts und niemand davor. Der leichte Schein seiner Schreibtischlampe warf seinen Schatten nach draußen. Er fühlte eine Angst die er seit Kindertagen nicht mehr spürte. Die Angst vor der Dunkelheit und was in ihr lauern könnte. Er schloss die Tür, und wollte sich gerade wieder setzten, als er bemerkte dass schon jemand auf seinem Stuhl saß. Als er die Gestalt sah wusste Elia sofort wer da an seiner Gehirntür geklopft hatte. „ Weißt du eigentlich wie lange ich schon auf dich warte?“ sagte Elia, „ Ich dachte schon du kommst nie wieder, ich werde nicht lachen. Ich werde nur zuhören. Versprochen. Danke das du heute in dieser Gestallt bei mir erschienen bist.“ Charlie erhob sich von dem Stuhl und sah Elia ins Gesicht. Ihre blauen Augen schienen ein Lied zu singen. Er schaute tief hinein und verlor sich in dem Glanz ihres Blickes. Er fühlte sich wieder wie ein 14jähriger Junge der von seinem Schwarm angesprochen wurde. Totale Paralyse. Und dann passierte es, Elia Lafiama setzte sich wie in Trance an seinen Computer, und lauschte der Stimme die ihm eine Geschichte zu erzählen schien. Immer wieder drehte er sich zu ihr um. Er labte sich an ihrer Schönheit. Elia würde sie gerne berühren. Doch das ging nicht. Er musste zuhören und schreiben. Er tippte Wort für Wort. Solange die Muse Küsse verteilt sollte man sie lassen. Elia genoss jede Silbe, jeden Buchstaben, jeden Satz der aus ihrem Mund kam. Er überlegte nicht. Er schrieb; hackte die Wörter in die Tastatur. Er trank Kaffee und rauchte. Die Muse wurde redseliger und vertrauter. Sie stand jetzt dicht neben ihm und hauchte ihm die Worte direkt ins Ohr. Elia konnte sie riechen. Sie roch verdammt gut. Er schaute sie an. Engelsgleich war ihr Gesicht. Sie hatte blonde Haare, und die längsten und schönsten Wimpern die er je gesehen hatte. Sie trug ein leichtes weißes Kleid. Elia konnte den Ansatz ihrer Brüste sehen. Er wollte etwas zu ihr sagen. Doch sie war von der einen auf die andere Sekunde verschwunden. Ungläubig schaute er sich um. Nichts. Stille.

Die Musik war aus, und die Lampe konnte er auch ausschalten, denn die Morgensonne streichelte bereits sein Fenster. Rot und warm. Elia schaute auf seinen Laptop um das Werk seiner Arbeit zu sehen .Er sah die hunderte Wörter, sah die Absätze, die einen beruhigende Rhythmus auf ihn hatten, die Kommata, die er hoffentlich alle richtig gesetzt hatte (eines der Kriterien, die sein geschätzter Lektor immer bemängelte). Er schaute auf die Uhr. „ 6. 23 Uhr. Zeit um sich eine frische Kanne Kaffee zu kochen“, dachte er und ging nach unten in die Küche. Zufrieden mit dem was passiert war, verspürte er keinerlei Müdigkeit. Die Spannung auf das was er die ganze Nacht geschrieben hatte, ließ das Adrenalin in seinem Körper rotieren. Elia war hellwach und bereit. Er freute sich aufs Lesen. „Was ihm die Muse wohl so alles zugeflüstert hat? “, überlegte er kurz, denn er wusste nicht das Geringste von dem, was er die ganze Nacht fabriziert hatte. Er suchte nach den Schokoladenkeksen. Und während er seinen Schrank durchsuchte, stellte er sich bereits den Geschmack der Kekse in Kombination mit frischem Kaffee vor. Er fand die Packung. Sie knisterte und zeigte das, was in ihr steckte. Kekse mit dicken Schokoladensplittern drin. Elia klemmte die Schachtel unter den Arm, nahm die Milch und den Kaffee , öffnete geschickt die Tür, und ging nach oben. Auf den letzten Stufen hörte er ein ihm bekanntes Geräusch. Er kannte es genau. TickTick, Tick TickTick, Tack, TickTickTick, TickTick, Tack. Als würde er Buchstaben in seinen Laptop hämmern. Nur wurde das Ticken immer hektischer und schneller. Schneller und schneller. Elia stellte die Sachen auf der obersten Stufe ab und rannte panisch auf seine Tür zu. Er riss sie auf. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er sah, wer der Verursacher der Geräusche war.

Auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch, saß ein kleiner dicker Mann. Mit hämischen Grinsen und einer Verrücktheit in den Augen, drückte er seinen rechten Zeigefinger immer wieder auf die Löschtaste. Sein ganzer Körper zuckte während er immer schneller drückte. Alle Buchstaben verschwanden, Sätze lösten sich in Luft auf, die Seiten wurden weniger. Elia stockte der Atem. Musste er doch mit ansehen, wie seine ganze Arbeit dahin schmolz. Er schnappte noch ein paar Fragmente auf, ehe dieser garstige, krumplige kleine Mann alles markierte und, Schwups, nichts mehr vorhanden war. „ Wieso hast du das getan, wie so nur!“ schrie Elia. Er stand immer noch im Türrahmen und schaute ungläubig auf den Bildschirm. Der Mann stierte ihn nur an. Die Lippen wackelten dabei unrhythmisch auf und ab. Elia glaubte der Gnom fängt gleich an zu weinen. Dann packte ihn der Mann am Kragen und zog ihn ganz dicht an sich. Elia sah die verfaulten Zähne, und als der Gnom zu sprechen begann roch er seinen Atem. Nur war dieser nicht faul und eklig, wie es zu erwarten wäre. Elia kannte den Geruch. Es war der gleiche Geruch den die Muse vergangene Nacht in seinem Zimmer versprühte. „ Wieso schreist du mich an? Niemand schreit mich an. Und nun schau.“ flüsterte der Mann. Er lockerte den Griff. Elia dachte er würde ihn loslassen. Doch als Elia den richtigen Abstand erreicht hatte, schlug der kleine, alte Mann mit aller Kraft ihm ins Gesicht. Nichts . Stille.

Ein langer Speichelfaden hing aus seinem halb geöffneten Mund. Als Elia Lafiama erwachte saß er vor seinem Laptop und drückte den Finger auf die Löschtaste. Auf dem Bildschirm flackerte ein kleiner schwarzer Balken auf. Hektisch und schnell. Es war 6. 23 Uhr. Elia schaltete das Licht aus, denn die Morgensonne streichelte bereits sein Fenster. Zeit für eine frische Kanne Kaffee.

 
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Hallo @Johannes Altfeldt ,

ein Text für geduldige Leser über jemanden, der versucht eine Geschichte zu schreiben.

Da kann ich den Kaffeegeruch und Zigarettenqualm fast schon real wahrnehmen. Und es geht weiter mit anderen Getränken und Rauschmitteln ... die Moral der Geschichte könnte dann sein, dass er es vielleicht besser ohne Alkohol und Drogen versucht hätte :)

Sprachlich ist mir zwar das ein oder andere aufgefallen, aber ich finde es insgesamt gut geschrieben. Ich schreibe selbst nur als Hobby, aber wenn jemand finanziell davon abhängig ist und entsprechend immer weiter Ideen haben muss ... wer weiß, was da alles so passieren kann. Plötzlich erscheint die Muse als dicker Gnom ...

Ich lese sonst eher Geschichten, in denen ein wenig mehr passiert, aber für das, was du erzählen wolltest, finde ich es gut gelungen. Noch einige Details aus dem ersten Absatz:

Die Zigarette im Aschenbecher ließ ihren Rauch in unregelmäßigen Schlangenlinien empor steigen.
Zu der Art des Textes passt der Satz m.E. gut, dennoch:
Die Zigarette macht dies ja nicht selbst/aktiv, da würde ich noch mal überlegen, den Satz im Passiv zu schreiben.

Elia schenkte sich eine frische Tasse Kaffee ein. Er goss etwas Milch nach, bis das Getränk die gewünschte Färbung zeigte. Er beobachtete wie der Rauch der Zigarette und die Dampfwolke des heißen Kaffees sich zu einer großen Schwade vereinigten. Elia saß in seinem Arbeitszimmer.
Beim Satzbeginn variieren, würde ich auch insgesamt im Text mal prüfen;
Komma nach "beobachtete"

Der Laptop war geöffnet und eingeschaltet und Elia starrte auf den Bildschirm.
Ebenfalls würde ich allgemein prüfen, welche Informationen tatsächlich notwendig sind. Ein Vorschlag für diesen Satz:
"Elia starrte auf den Bildschirm des eingeschalteten Laptops."
(das Wort "eingeschalteten" könntest du ggf. auch noch weglassen)

Und zwar mit Buchstaben und Satzzeichen .Elia legte
Das Leerzeichen kommt hinter den Punkt.

Elia legte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
lehnte ; hinterm

Schon längst müsste ein Satz niedergeschrieben sein.
Auch hier nur als Denkanstoß: Warum im Passiv formuliert?

Ab und zu setzte er an und tippte ein, zwei Sätze, die er aber nach erneutem lesen sofort wieder löschte.
Lesen ; "sofort" würde ich streichen, die schreibst ja vorher schon, wann er dies macht

Manchmal hatte er gute Ideen, verwarf diese aber, wenn er merkte dass einige Logiklöcher nicht so einfach zu stopfen waren.
Komma nach "merkte" ;
die Zeichensetzung (Kommata) wäre das Nächste, das du m.E. grundsätzlich prüfen solltest

Mittlerweile hatte er die erste Tasse Kaffee ausgetrunken. Sie schmeckte herrlich. Der Rauch glitt wie Watte in seine Bronchien.
Das passt hier inhaltlich nicht, da du in den beiden Sätzen zuvor vom Kaffee geschrieben hast.

Wenn man ihn liest, und man dem Rhythmus der geschriebenen Worte verfällt, möchte man sofort den zweiten lesen.
Kein Komma nach "liest" ; das zweite "man" streichen

(im zweiten Absatz)

Nun war der Geschmack wider annehmbar und schrie förmlich nach dem Genuss einer Zigarette.
wieder

Weiter habe ich nicht protokolliert, aber reicht ja auch erst mal ...

Soweit meine Eindrücke, viele Grüße,
Rob

 
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@Rob F
Moin Rob,
Danke für die tollen Anmerkungen. Das mit den Kommata ist ein mir bekanntes Problem. Ich gelobe Besserung. Ich weiß da sind noch mehr Baustellen um die ich mich kümmern muss. Deswegen bin ich hier. Ich danke dir dass du dich mit meiner Geschichte befasst hast, und hoffe es war nicht allzu schlimm.;)
Grüße auch von mir
Johannes

 
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Die Zigarette im Aschenbecher ließ ihren Rauch in unregelmäßigen Schlangenlinien empor steigen.

Hat die ein eigenes Bewußtsein, die Zigarette? So liest es sich. So, als ob die das mit dem Rauch einfach jeder Zeit ändern könnte. Unpräzise Sprache direkt im ersten Satz.

Die Zigarette im Aschenbecher ließ ihren Rauch in unregelmäßigen Schlangenlinien empor steigen. Es war eine ungewöhnlich lange Zigarette. Die Luft roch süßlich. Elia schenkte sich eine frische Tasse Kaffee ein. Er goss etwas Milch nach, bis das Getränk die gewünschte Färbung zeigte. Er beobachtete wie der Rauch der Zigarette und die Dampfwolke des heißen Kaffees sich zu einer großen Schwade vereinigten.
Der ganze erste Absatz ist sehr umständlich formuliert. Warum muss ich wissen, dass die Zigarette ungewöhnlich lang ist? Oder ist es doch ein Joint und soll nur nicht so genannt werden? Und auch die Luft riecht nicht süßlich, denn es ist ja gewissermaßen der Rauch, der süßlich riecht oder eher duftet? Was tun diese Sätze für die Geschichte? Nicht so viel, oder?
Elia saß in seinem Arbeitszimmer. Der Laptop war geöffnet und eingeschaltet und Elia starrte auf den Bildschirm.
Der Laptop ist aufgeklappt. Geöffnet wäre der, wenn du den aufschraubst.
Dieser zeigte eine leere Fläche.
Der zeigt keine leere Fläche, da sind doch sicher Icons etc. Dann wäre es der Startbildschirm. Oder es ist ein leeres Dokument, wie bei Word oder so. Du willst hier etwas zeigen, kein Fortschritt, Prokastination, aber dann muss die Sprache einfach präziser sein.
Manchmal hatte er gute Ideen, verwarf diese aber, wenn er merkte dass einige Logiklöcher nicht so einfach zu stopfen waren.
Ist eine gute Idee, aber wie toll wäre das, wenn du uns das zeigst? Wenn du deinen Elia die Sätze tatsächlich tippen lässt, sie in der Geschichte auftauchen und er sie beiläufig kommentiert - nee, geht nicht, weil so und so, und nee, das ist auch blöd.

Der Rauch glitt wie Watte in seine Bronchien
Dann würde er ersticken. Watte verstopft ja alles. Das Bild passt nicht.
„Wer bist du?“ fragte Elia in den Raum.
Da ist die Perspektive falsch. Es ist PQP. Vorvergangengeit, bereits vollendet, weil es in deinem Text schon alles passiert ist.
„Pass gut auf, mein Freund, ich bin Charlie und bin so etwas wie eine Muse. Ja, Arschloch. du siehst richtig, ich bin ein kleiner dicker Gnom und verdammt hässlich. Soll ich mal einen fahren lassen. Riecht bestimmt besser als den Scheiß den du dir gerade reinziehst, du Spacken.“
Nee, das klingt albern. Soll das albern sein? Das klingt so wie der zehnte laue Aufguss eines Kiffer-Kicher-Textes. Hast du doch gar nicht nötig, oder?
William Faulkner ließ sich von seinem Pferd durch die Prärie geleiten. Lässig, wie einst Terence Hill, lag er auf einer Pritsche und kaute einen Grashalm.
Faulkner und Terence Hill in einem Satz bzw Vergleich ... hardcore as fuck.

J. D Sallinger

Salinger

Rowald Dahl
Roald Dahl
Elia schaltete das Licht aus, denn die Morgensonne streichelte bereits sein Fenster. Zeit für eine frische Kanne Kaffee.
Und dann war alles ein Traum im Rausch.

Naja. Das ist so ein typischer Kiffertext. Kann man machen. Der hat wenig Höhen und Tiefen. Du musst nicht das Rad neu erfinden, aber schon ein wenig raffinierter rangehen. Hier sucht ein Typ die Muse, aber was genau ist das? Ein alter Gnom? Mir fehlt da Wesentliches - Atmo, aber auch ein gewisser skurriler Witz. Hier ist der Humor irgendwie eher platt. Der müsste etwas englischer sein, für mich jetzt jedenfalls. Mit diesem Konstrukt - Texte, die nicht passen, und gleichzeitiger Erlangung der Muse, da kann man was draus machen, aber eher auf so eine postmodernen Meta-Ebene. Dein Erzähler müsste fraktaler erzählen, das müsste auch breiter und tiefer werden, weil du im Grunde dich hier nur in der Gedankenwelt des Protagonisten befindest, und da muss es abgehen. Die Sätze, die er schreibt, könnten ihm zum Beispiel als Symbol erscheinen, sie stehen dann für die von dir genannten Autoren, aber dann schaltet sich die Ratio ein und er erkennt, warum und aus welchen Gründen das nicht funktioniert. Prämisse: Du musst als Autor deine eigene Sprache finden. Sind so meine Gedanken. Dranbleiben.

Gruss, Jimmy

 
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Neun Normseiten zu je 60 Zeichen je Zeile unter der guten alten Type der Schreibmaschine, courier 12 pt., und 30 Zeilen je Seite sind wahrlich für ein Zweitwerk „relativ“ mächtig,

lieber Johannes,

und dem Titel nach dachte ich zunächst an das amtliche Büro/Zimmer einer Kaserne, wobei die Parallelität zwischen dem bürokratischen und dem schöpferischen Zimmer Welten auseinanderliegt.

Es kommt noch ein Zweites hinzu – denn wie jeder Mensch anders ist als ein anderer, so sind es auch die kreativen Verhaltensweisen. Bei Kleist enwickelte sich der Gedanke (mehr ist es ja am Anfang nicht, was hernach zu Papier gebracht oder ausgesprochen wird) beim Reden, bei mir – sogar in einem Erstlingswerk dargestellt – beim Laufen, wobei ähnlich wie in der Schreibstube Dein Held zu Konsumgewohnheiten zur Beflügelung greift (tatsächlich steht momentan eine Tasse Kaffee neben mir, wenn ich später am Tag an den Bildschirm gehe, wird es eher keiner sein …).

„Laufen“ lässt sich nun verallgemeinern zur Bewegung, die beim handschriftlichen Produkt auf einem Stück Papier gänzlich anders ist als die „mechanischen“ Einschläge auf der Tastatur.

Bemerkenswert finde ich die Namenswahl, „Elia“ (hebr.), als erhoffte sich Elias Schöpfer – eben Du oder auf jeden Fall Dein Antiheld – göttliche Inspiration. Gestärkt wird der Eindruck, dass der Name ständig fällt, obwohl wir doch schon zu Anfang wissen, wer da sitzt, raucht und Kaffee trinkt.

Aber der Name eines Propheten des 9. Jh.vor unserer Zeitrechnung, als das Reich Davids schon wieder geteilt war und der Prophet schon vor kommendem Unheil warnte und die babylonische Gefangenschaft noch satte zehn Generationen entfernt war.

Dann fällt mir die Flut an Informationen zu Dingen auf, die keine weitere oder überhaupt eine Roll in einer „kurzen“ Geschichte spielen. Wie bereits zu Anfang

Es war eine ungewöhnlich lange Zigarette.
Einem Nichtraucher sind alle Zigaretten zu lang und an sich deutet der „süßliche Duft“ hernach schon einiges an, dass es keine genormte Zigarette ist.

Oder hier

Elia schenkte sich eine frische Tasse Kaffee ein.
Mach ich auch i. d. R., nennenswert wäre evtl., wenn er sich kalten Kaffee einschenkte … was mich schon zu Anfang vermuten lässt, dass Du Beschreibungsliteratur bevorzugst - und

Elia saß in seinem Arbeitszimmer.
kommt auch nicht sonderlich überraschend usw., bis der Hausname genannt wird

Und für fünf Minuten versank Elia Lafiama in eine Art Schwebezustand.
Was näherungsweise „die Flamme“ bedeuten mag – aber leider zündet da nix bei mir. Zu lang, zu umständlich, zu viel Beschreibung, finde ich. Überleg bei jedem Wort, das Dir in den Sinn kommt, ob es für das zu schildernde Geschehen (ob im Kopf oder real, Jacke wie Hose) auf dem Papier (oder Bildschirm) notwendig ist. Ich denke, dass Du das alleine schaffst - und damit erst einmal ein

herzliches Willkommen hierorts!

Friedel

 
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Hallo @Johannes Altfeldt ,

schön, dass du ins Forum gekommen bist. Also auch von mir ein herzlich Willkommen. Leb dich ein, mach mit; das ist eine tolle Schreibwerkstatt, viele Profis und talentierte Hobbyschreiber. Du kannst hier viel lernen und deine Texte gewinnen hier an Schliff. Ich schreibe dir aber nicht nur wegen des Willkommensgrußes.

Das Folgende soll nicht meckerig rüberkommen. Ich wollte dir das eigentlich als PN schreiben, aber es gibt hier auch Mitlesende, für die das unter Umständen ebenso relevant ist.
Wir sind hier eine Autorengemeinschaft und klar gibt es da auch so etwas wie (zum Teil geschriebene, zum Teil ungeschriebene) Regeln im Umgang miteinander, mit unseren Texten und auch mit dem Kommentieren und Kommentiertwerden.
Was ich dir mitgeben will: Erstens reagieren viele Leute hier (zurecht) allergisch darauf, wenn sie sich hinsetzen, sich eine Stunde Zeit nehmen, um deine Story zu lesen UND zu kommentieren und dann kriegen sie ein "@Name_xyz Vielen Dank. Interessant, was du schreibst." und das wars dann. In der Regel sollte die Antwort auf einen Kommentar dem Umfang des Kommentares entsprechen und deutlich erkennbar werden lassen, dass du dich mit vielen Punkten wirklich auseinandergesetzt hast; vielleicht auch das ein oder andere am Text änderst oder begründest, warum deine Version die bessere ist oder du einfach daran hängst. Das ist grob das, was wir Textarbeit nennen und es ist das Kernstück dessen, was die Autoren hier betreiben und für die meisten der Grund, weshalb sie hier sind. Ich würde dir daher empfehlen, deine Antwort-Kommentare ordentlich auszubauen und dich richtig damit auseinanderzusetzen, was dir geschrieben wurde. Du kannst das über die 'bearbeiten'-Funktion hinzufügen.

Das zweite: Wir leben hier vom Austausch; es ist ein Geben und Nehmen. Die zweite Sache, die hier ziemlich schnell (und ebenfalls zurecht) auf Widerstand stößt – gerade bei Neulingen – ist wenn jemand nur eigene Stories postet und selbst nicht in einem angemessenen Verhältnis kommentiert. Wirklich gerne gesehen, ist der umgekehrte Fall: Wenn jemand, der dazustößt, sich hier erstmal einfindet, schaut, in welchen Rubriken hier was gepostet wird, wie die Formatierung funktioniert, solche Basics halt. Dann ist es schön, wenn erst einmal ein paar Kommentare geschrieben werden und Stories und DANN kann man seinen Einstand posten. Man muss sich da nicht sklavisch dran halten und kann natürlich auch erstmal eine Story posten. Wie gesagt: Es geht hier auch um Geben und Nehmen (oder umgekehrt :Pfeif: ).

Gruß
Carlo

 

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