Hallo @Kerzenschein,
Einen dichten und atmosphärisch dichten Text präsentierst du. Sehr eindringlich und gekonnt. Ich kann nicht sagen, dass ich mir meiner Interpretation sicher bin, gleichzeitig glaube ich, dass es auch nicht im Einzelnen darauf ankommt, was zwischen den beiden geschehen ist oder geschieht. Sondern um das Gefühl, das aufkommt, wenn ich Zeuge dieser Abendessensszene bin. Und diese Szene halte ich für gelungen.
(Ich habe jetzt noch keine Interpretationen gelesen, falls in den Kommentaren oben solche sein sollten).
Einige Stellen habe ich kopiert:
Sie stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Doch sie sah nichts, auch nicht ihr eigenes Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelte. Stattdessen fühlte sie, fühlte die pulsierenden Stellen an ihrem Körper.
Ein starker Einstieg, ich war sofort drin und gespannt. (Nach meinem Geschmack könnte das 'stattdessen' weg, aber es ändert nicht
viel: ... in der Scheibe spiegelte; sie fühlte die pulsierenden Stellen ...).
Nach deinen ersten Sätzen -- so erging es mir -- fand ich diesen Satz sofort 'bedrohlich'. Ohne genau sagen zu können, warum. Aber das ist es, was ich meinte: Die Stimmung dringt durch. So würde sie das nicht sagen in der Lage, wenn es etwas Alltägliches oder Schönes wäre, was sie erwartet. Was deine nächsten Sätze zementieren:
Sie hörte, wie er die Haustür wieder schloss, seinen Aktenkoffer auf den Boden stellte; das Rascheln des Sakkos, das er an den Garderobenhaken hängte.
Die scharfe Wahrnehmung aller Kleinigkeiten, sogar der Raschelgeräusche des Sakkos -- verraten ihre Anspannung, wenn nicht Angst. Das wäre andernfalls nicht wert, wahrgenommen oder beschrieben zu werden. Ausgezeichnet gemacht.
Sie hielt den Atem an – das Aftershave eine Tortur, er sollte nicht merken, wie ihr Körper reagierte.
Hier gefallen mir Details in der Formulierung nicht ganz, aber inhaltlich passt es genau. (Ich würde statt Aftershave -- Rasierwasser schreiben; den zweiten Teil des Satzen hätte ich auch anders formuliert, aber wohl Geschmackssache und tut auch nicht viel zur Sache. Es gibt mehrere Stellen, an den 'Feilarbeit' noch Positives für die Geschichte bewirken könnten).
Seine schlanken Hände waren sauber, der Rand seines Tellers auch.
Diese Beiläufigkeit, mit der etwas Gravierendes dem 'Normalen' hinzugefügt wird: sehr gelungen. Da ist unter den Fassaden -- den sauberen Händen -- gewaltig etwas in Unordnung. Eine psychische Deviation, Zwanghaftigkeit? Als darunter liegendes Problem, zumindest als Trigger?
Das Klirren der Gläser klang so kalt wie ihr Körper sich anfühlte.
Die kalt klirrenden Gläser 'machen' wieder mit wenig Aufwand deutlich Stimmung. (Und wieder hätte ich den zweiten Teil anders geschrieben, weil die Gläser für sich stehend stärker sind, nach meinem Geschmack).
Sie sah über seinen Körper hinweg zum Fenster, in dessen Scheibe sich ihr Gesicht spiegelte.
Die kleine Abweichung ist: 'über seinen Körper', denn eigentlich würde sie sagen: 'über
ihn hinweg'. Dann kommt die Klammer, jetzt sieht sie ihr Gesicht. Gefällt mir gut.
Er hatte geschworen, es würde nie wieder passieren. Doch sie hatte sich dasselbe geschworen. Sie war die Stärkere, vollendete an ihm das, was er an ihr begonnen hatte.
Sie sah über seinen Körper hinweg zum Fenster, in dessen Scheibe sich ihr Gesicht spiegelte.
Eine gute Schlusssequenz. Allein der farbige Teil hat mich etwas rausgebracht aus dem Block. Das mit der Sache, dass sie die Stärkere ist, das würde ich auf jeden Fall streichen; das wäre auch machbar, denn das ist impliziert durch das Folgende. Das mit der 'Vollendung' habe ich allerdings auch nicht einordnen können. Stark wäre es auch, wenn der ganzen orange-farbene Satz weg wär:
Er hatte geschworen, es würde nie wieder passieren. Doch sie hatte sich dasselbe geschworen. Sie sah über seinen Körper hinweg zum Fenster, in dessen Scheibe sich ihr Gesicht spiegelte.
Oder doch?
Er hatte geschworen, es würde nie wieder passieren. Doch sie hatte sich dasselbe geschworen und vollendete an ihm das, was er an ihr begonnen hatte.
Sie sah über seinen Körper hinweg zum Fenster, in dessen Scheibe sich ihr Gesicht spiegelte.
Danke dir, schöner Text, regt die eigene Fantasie an, die Gefühle, der auslöst, sind der Kern.
Gruß von Flac
Jetzt habe ich noch gestöbert in den anderen Anmerkungen:
Stärker wäre die Aussage noch, wenn "er ihr seine Krustentierallergie gestanden hatte, als ob sie daran schuld gewesen wäre."
Das ist an sich eine gute Idee und würde auch gut zu seinem Charakter passen. Nur verliert dann das kursive
daran seine Bedeutung, mit dem ich angedeutet habe, dass er an ´dem anderen´ schuld ist. Oder kommt das nicht durch? Mal sehen, wie ich das löse.
Ich habe an der Stelle auch kurz gestutzt, aber es ist beim zweiten Blick genau richtig, wie es da steht, denn es geht um DARAN, das du auch kursiv gesetzt hast -- ist somit der Verweis auf das andere, viel Gewichtigere, daher kannst du das so lassen wie es ist, denke ich.
Vor dem Hintergrund der Situation finde ich ihn auch psychologisch nicht plausibel. Der Mann weiß, was er getan hat, und da es sich hier offensichtlich um kultiviert-reflektierte Menschen handelt, wird er wissen, dass er seine Tat nicht so einfach überschminken kann mit Süßholzraspelei ("Schatz") und Alltäglichkeit.
Das ist ein Irrtum. Das ist nicht unbedingt der Fall. Es wird nach Gewalttätigkeiten sehr häufig 'Alles ist doch normal' gespielt; ich könnte da einige Geschichten erzählen. Manche glauben das auch tatsächlich. Dass sie mit besonders viel Freundlichkeit ihr 'Konto wieder aus dem Dispo holen'. Auß0erdem gehe ich davon aus, dass das 'Ereignis' nicht zum ersten Mal auftrat, sondern bereits mehrfach, vielleicht regelmäßig; dann müsste der Diamantring aber vielleicht durch was weniger Teures ersetzt werden. Außer der ist die 'Sammel-Belohnung für ein Zehner-Packet'.
Sie hörte, wie er die Haustür wieder schloss, wie er seinen Aktenkoffer auf den Boden stellte, das Sakko an den Garderobenhaken hängte.
Du vermeidest so "
wie" - "
wieder" - "
wie". Hört man das Aufhängen des Sakkos? Vielleicht das Klappern der Autoschlüssel auf der Ablage?
Da stimme ich auch nicht zu. Gerade das Explizite,
wie er die Tür schließt,
wie er seinen Koffer stellt -- macht hier den Ton perfekt; stelle mir vor, das vorzulesen, und da wäre dieses 'wie' die treibende Silbe im Rhythmus. Und auch, dass sie etwas hört, was man normalerweise nicht hört, das Rascheln des Sakkos, wie das Fallen der Stecknagel -- zeigt an, wie sehr ihre Sinne angespannt sind. Daher finde gerade das ausgezeichnet
In alten Zeiten galt und war das Eigentum – etwa in der Anzahl des Viehs, das einem „gehörte“ - als „Schatz“ bezeichnet und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass dem Patriarchen das angetraute Weib mit darunter geriet, wiewohl die Frau des Hauses gegenüber dem niederen Personal die „Herrin“ wurde.
Ich kannte einen Despoten, der seine Frau sogar, während er sie niedermachte, noch 'Schatzi' nannte. Das hörte sich so an: "Schatzi, du blööööde Kuh, gleich fängst du eine, wenn du nicht die Klappe hältst."