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Serie "Seelenruhig" aus "Lehrgefäß"

Beitritt
14.02.2026
Beiträge
12

"Seelenruhig" aus "Lehrgefäß"

Seelenruhig

1982 - Herbst - Grafenstein Ost
Martha Proph, geborene Schvartz, geboren am 12.01.1961 in Bad Berken, wohnhaft in Grafenstein Ost
Promoviert an der Universität zu Freiborg, Fachrichtung Sonderpädagogik, Schwerpunkt Geografie und Mathematik (6 Semester)

Er ist ganz ruhig. Er schläft, wie ein kleiner Engel. So unschuldig sieht er aus. Wie im Märchen. Nein, das ist keins von diesen Märchen, bestimmt nicht. Diese Märchen fand ich immer abschreckend. Es soll doch schön werden. Ich hab es allen bewiesen. Das hätten sie mir nicht zugetraut. Zugegeben, es war kein geplantes Kind, aber es besiegelt unsere Zukunft. Wir werden es schön haben, wir drei. Ich und meine Männer.
Martha musste kichern. Es war morgens und es sollte ein typischer Herbsttag werden. Jetzt war es merklich kühl. Sie schob den Kinderwagen mit sanftem Griff vorwärts, das hintere linke Rad quietschte alle paar Meter. Sie bog mit dem kleinen Kain, gut eingepackt im Kinderwagen, in die Straße ein, in der sich der Kindergarten befand, an dem sie oder Karl ihren Sohn jeden Wochentag frühs ablieferten und am Nachmittag wieder abholten. So sollte es auch heute wieder ablaufen. Sie verabschiedete sich von der Kindergärtnerin und verließ den Kindergarten ohne den Kinderwagen, wie jeden Morgen.
Während sie nun in Richtung Innenstadt ging, dachte sie über vieles nach. Martha war nur einen Meter achtundfünfzig groß und fand keine eleganten Schuhe in den Schuhgeschäften ihrer finanziellen Klasse und auch sonst nirgends. Sie trug Schuhe für Jugendliche, aber sie sah es zu diesem Zeitpunkt als passend für ihren Beruf als Lehrerin an. Ich muss mit der Zeit gehen. Ich bin eine moderne Frau. Und ich bin auch eine gute Beraterin. Ich muss niemandem etwas beweisen in der Schule. Und sie hatte ja auch keine andere Wahl. Ihre gerade geschnittene schulterlange Frisur trug sie in diesen Jahren schwarz gefärbt. Der Ehering an ihrem Ringfinger glänzte schlicht und golden. Die noch frische Heirat war bald gefolgt auf die plötzliche Geburt des ersten Kindes. Es war ein Sohn. Und ihr Ehemann, Karl, wartete zuhause auf sie, vermutlich beschäftigt mit seiner Abschlussarbeit, die er derzeit für sein Studium schrieb. Er war ein sehr großer und starker Mann, sehr intelligent, ein wenig schweigsam, hatte blaue Augen und schwarzes Haar. Sie sah, wenn sie träumte, einen Gladiator in ihm. Sein Sohn im Kinderwagen hatte nun die Augenfarbe von ihr: braun mit grünen Sprenkeln. Die Haarfarbe des Kleinen war nun ebenfalls braun, wie ihre natürliche Haarfarbe, nur etwas dunkler. Sie lächelte und träumte bereits von einem weiteren Kind. Vielleicht würde es eine Tochter werden. Sie hoffte darauf. Ein Sohn UND eine Tochter, das wäre perfekt. Gleichberechtigung bei guten Voraussetzungen, eine perfekte, moderne Familie. Alle würden mich bewundern. Das hätten sie mir nicht zugetraut. Ich war doch immer die Kleine. Auch wenn ich die älteste Schwester war. Auch wenn ich mich in verschiedenen Gruppen engagierte. Sogar als Leiterin. Wenn ich auch noch eine Tochter habe, können sie nichts mehr sagen. Dann ist es mir egal, dass sie mich die Kleine nannten. Mein erstgeborener Sohn, und dann eine Tochter.
Heute war Einkaufstag, Martha wollte in der Stadt nach neuen Schuhen schauen, die ihren Anforderungen genügten. Vermutlich würde sie wieder in der Jugendabteilung etwas finden. Auch Kinderkleidung war wieder nötig und diverse Besorgungen für den Haushalt. Das konnte den ganzen Tag dauern. Also nichts wie los!
Es begann ein wenig zu regnen. Es würde den ganzen Tag leicht regnen und der Himmel würde permanent von einer hellgrauen Wolkendecke verhangen sein, während sie durch die Geschäfte der Stadt streifte. Als es zu dämmern begann, war sie mit drei vollen Einkaufstüten wieder auf den Rückweg nach hause. Sie hatte die Straßenbahn für fünf Stationen genommen. Im Waggon war es stickig, aber die dampfenden Passagiere unterhielten sich heute nicht. Sie schaute aus dem Wagenfenster dem vorbeifließenden Strom der Fußgänger und Häuserfassaden zu. Ihr Gesicht war nass vom Regen, aber sie hatte sich heute sowieso nicht geschminkt. Sie mochte es lieber, Wind, Regen und Sonne direkt auf ihrer Haut zu spüren. In der Universität trug sie nur ein sehr dezentes Makeup. Das würde sie im Beruf dann auch so handhaben. Da kam die Durchsage für ihre Haltestelle. Sie stieg mit ihren Einkäufen aus dem Waggon und ging schwitzend die letzten hundert Meter bis zu ihrer Familienwohnung des mehrstöckigen Hauses, dessen Fassade nicht mehr neu war. Es war nun bereits neunzehn Uhr durch und es dunkelte merklich. Ihr Schlüssel schloss die Haustür auf und sie verschwand nach drinnen. Nachdem sie mit dem Einkauf die Wohnungstür passierte und ihre Jacke geöffnet hatte, trat sie sich in dem schmalen Flur noch schnell die Füße ab und ging mit einer der Einkaufstaschen direkt in Kains leeres Zimmer. Die anderen zwei Tüten ließ sie im Flur stehen, der dadurch nun nahezu nicht mehr begehbar war. Sie schaltete das Deckenlicht ein und wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers den Schweiß und den Regen aus dem Gesicht. Die neu erworbene Kinderkleidung war praktisch und warm, für den Winter genau das Richtige. Sie räumte die neuen Sachen sorgsam gefaltet in den Schrank neben dem Gitterbett. Aus dem Nebenraum kam ihr Mann Karl auf sie zu.
“Hi, Schatz! Wie war es draußen?” empfing er sie mit einem spöttischen Augenzwinkern. In Kains Zimmer war es warm und die Deckenleuchte brannte gelblich durch das strukturierte Glas.
“Schön war’s. Ich hab neue Anziehsachen für ihn bekommen. In ein paar Monaten brauchen wir ein richtiges Bett für ihn, er wird langsam zu groß. Wenn er nächstes Jahr Geburtstag hat, schenken wir ihm am besten ein neues Bett.”
“Ja. Kein Problem.” Karl lächelte. Er hatte ausschließlich in der Küche geraucht, welche nur ein kleines Fenster hatte, so, wie es vereinbart war. Der Geruch war weitestgehend verflogen und sie bemerkte es sowieso nicht. Sie legte das letzte Kleidungsstück in den Schrank auf einen Stapel und schloss die Schranktür.
Martha würde bald anfangen als Lehrerin für Lernbehinderte zu arbeiten. Aktuell aber stand ihr Sohn im Mittelpunkt. Da sowohl sie als auch Karl studierten, sah sie eine erfolgreiche Zukunft für ihren Sohn. Und auch das zweite Kind würde intellektuell glänzen. Da gab es gar keinen Zweifel. All zu lange würde sie nicht warten wollen mit dem nächsten Kind. Während sie nun in der Küche den Abendbrottisch deckte, summte sie leise ein Volkslied aus dem Mittelalter. Sie war Singegruppenleiterin in der FDJ gewesen und kannte hunderte Volkslieder aus verschiedensten Kulturen. Ab und zu spielte sie auch auf ihrer Gitarre, was Kain und auch Karl immer sehr gefiel.
Ihre regennasse Jacke hing an der Garderobe und ihre Schuhe hatte sie zum Trocknen auf die Fußmatte gestellt. Auf dem Tisch lagen bereits auf Tellern Brot, Wurst- und Käsescheiben, ein Stück Butter, frische, ganze Tomaten und die Schüssel Paprikasalat mit Mais vom Vortag. Das Teewasser auf dem Herd kochte noch nicht ganz. Sie legte die zwei Messer ordentlich an die Seite der Brettchen und stellte Karls Lieblingstasse und ihre jeweils an die obere rechte Ecke. Der Kinderstuhl stand leer an der Fensterseite. Martha legte seinen bunten Plastikteller davor auf den Tisch und seinen kleinen Plastiklöffel daneben. Der Wasserkessel begann zu pfeifen. Da plötzlich fiel es ihr auf: Der Kinderstuhl steht dort leer, wie auch sein Bett in seinem Zimmer. Keine Spur vom Kinderwagen. Wo ist mein Sohn?
Sie hatte vergessen, ihn im Kindergarten abzuholen. Tausend Gedanken rasten gleichzeitig durch ihren Kopf. Mist! Es wird schon dunkel! Mutterseelenallein ist er! Ich bin eine schlechte Mutter! Er kann nur noch im Kindergarten sein. HOFFENTLICH! Dort muss er noch sein. Wo kann er sonst sein? So ein Mist! Großer Mist! Sie drehte sich in Richtung der Küchentür und rief mit nervöser Stimme:
“Karl, ich habe Kain nicht abgeholt!”
Karl kam schnell in die Küche. Sein Blick war besorgt und fragend. “Was? Oh, scheiße.”
“Ja. Ich fahr noch mal rüber zum Kindergarten. Da muss er noch sein. Wo könnte er denn sonst sein?! Mist!” Ihr Gefühlschaos lies ihre Stimme sehr dünn und hoch werden. Karl schaute sichtlich entgeistert zu ihr herüber.
“Ja, mach das. Ich warte hier, falls…” Sagte er. Nach einem Moment der Überlegung fügte er noch hinzu: “Es wird schon nichts passiert sein. Ganz ruhig.”
“So ein Mist!” Sie nahm ihre Jacke vom Haken, die von außen noch immer klamm war, zog diese und ihre Turnschuhe in Windseile an, nahm ihre Schlüssel vom Schlüsselbrett und ihr Portemonnaie und verließ die Wohnung. Um diese Zeit fuhren noch Straßenbahnen. Sie musste vier unendliche Minuten an der Haltestelle warten. Immer wieder schaute sie sich suchend um, als könne sie ihren Sohn hier irgendwo an der Haltestelle finden. Dann kam die Bahn. Sie stieg ein. Wo ist mein Kind? Was, wenn…Nein. Ruhig bleiben. Er kann nur dort sein. Oder… Nein. Wo sonst kann er sein? Kann er mit jemand anderem… Nein. Kann er bei einer… Vielleicht. Oder auch nicht. Wo ist mein Kind? Sie schaute auf die Uhr. Ihre Nervosität nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, während sie die drei Stationen fuhr, um dann in einer Nebenstraße des Kindergartens auszusteigen und hastig die zweihundertfünfzig Meter bis zum Haupteingang des Kindergartens zu absolvieren. Es war bereits dunkel und die Straßenlaternen brannten.
Am Kindergarten angekommen war alles verriegelt und das Licht im Gebäude brannte nicht. Mist! Großer Mist! Was mache ich denn jetzt? Wo ist mein Kind? Irgendwo muss ein Hinweis sein… Ihr Blick durchforstete die Glasfassade. An der Innenseite der Glastür des Haupteingangs waren einige Schilder mit Klebestreifen angebracht. Martha überflog diese eilig. Dann fand sie den gesuchten Hinweis:


- In dringenden Fällen -


Leiterin des Fachpersonals:

Luise Marie Schmidt
Johann-Wolfgang-von-Goethestraße 14
37401 Grafenstein Ost

Das war die Privatadresse der Kindergartenleiterin. Da muss er sein. Martha kannte die Straße, es war nur etwa einen Kilometer von hier entfernt. Schnurstracks eilte sie los. Es hatte aufgehört zu regnen. Sie bewältigte die Strecke in gerade mal acht Minuten. Wo ist Hausnummer vierzehn, hier ist siebzehn, da fünfzehn, dort drüben muss es sein. Ja, da ist es. Sie erreichte die Tür des Gebäudes und starrte auf die Klingelschilder. Schmidt, da ist es. Sie drückte den weißen Plastikknopf neben dem Familiennamen. Gleich parterre, das ist gut, nur noch einen ganz kurzen Moment. Gleich geschafft. Schwer atmend starrte sie wartend die Haustür an.
Jemand betätigte den Türöffner, das erlösende laute Summen ertönte. Martha stemmte sich gegen die große Haustür und betrat den Hausflur. Eine Wohnungstür war geöffnet, aus der ein Lichtschein fiel. Frau Luise Marie Schmidt stand im Türrahmen dieser Wohnung im Schein des hinter ihr brennenden Flurlichts wie eine engelsgleiche Erscheinung in Hausschuhen.
“Entschuldigung, schönen guten Abend, ich bin die Mutter von Kain Proph. Ich hab ihn heute vergessen, aus dem Kindergarten abzuholen. Ich hab das eben erst bemerkt und bin gleich hergekommen. Das ist mir auch noch nie passiert.”
Frau Schmidt hörte es mit leicht offen stehendem Mund an.
“Oh, was? Ja, guten Abend. Ich weiß jetzt auch nicht, wo der ist.”
“Sie haben ihn nicht mitgenommen?”
“Nein, hier ist er nicht.”
“Hat ihn vielleicht eine andere Kindergärtnerin mitgenommen?”
“Nein, nicht dass ich wüsste. Das ist ja seltsam. Meiner Ansicht nach war da kein Kind mehr. Niemand hat etwas in der Hinsicht gesagt.”
“Hmmpf. Was mache ich denn jetzt? Ich suche mein Kind!”
“Warten Sie kurz, ich gehe mit Ihnen zusammen noch mal hin, vielleicht ist da irgendwas. Da muss ja irgendwas sein.”
“Ja. DANKE!”
Die beunruhigte Frau Schmidt zog eilig Jacke und Schuhe an, nahm ihren großen Schlüsselbund und schloss ihre Wohnungstür. Die beiden Frauen machten sich sogleich auf den Weg zurück zum Kindergarten und nach weiteren acht Minuten erreichten sie das von innen immer noch dunkle Gebäude. Frau Schmidt holte ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche und schloss den Haupteingang auf. Als sie durch die großen Glastüren mit den Hinweisschildern schritten, war alles mucksmäuschenstill. Kein Lebenszeichen von ihrem Sohn. Auch keine Spur vom Kinderwagen, was die ganze Sache noch dramatischer machte.
Er muss hier irgendwo sein. Aber was, wenn nicht? Wo sonst? Nein, er muss hier irgendwo sein. Sie hätte am liebsten nach ihm gerufen, aber was hätte das schon geholfen. Martha fühlte sich zunehmend hilflos, doch ihre Anspannung ließ sie das nicht einen Moment akzeptieren. Frau Schmidt schaltete nacheinander in allen Räumen das Licht an, doch nach wie vor fehlte von dem Kind und dem Kinderwagen jede Spur, keines von beiden war irgendwo zu finden. Die Kindergärtnerin beschloss, noch auf der Veranda im Außenbereich nachzusehen, auch wenn sie sich das nicht vorstellen konnte. Sie schloss die Tür zum Außenbereich auf, betätigte den Lichtschalter für Außen und trat auf die Veranda. Die Temperatur hier draußen musste jetzt gefühlt nur noch etwa fünf Grad Celsius betragen.
“Ah! Ich glaub’s ja nicht!” rief sie plötzlich aus.
“Haben Sie ihn gefunden?” Martha folgte Frau Schmidt auf die Veranda. Dort erblickte sie gleich den Kinderwagen, mit angezogenen Bremsen und verhüllt vom durchsichtigen Regenschutz, mitten auf den Steinfliesen stehend.
“Da ist er! Hah! Gefunden!”
Sie eilte hin um sich völlig zu vergewissern. Tatsächlich – im Kinderwagen schlief der kleine Kain seelenruhig und warm eingepackt und war völlig wohlauf. Erleichtert seufzte sie ein paar Mal deutlich hörbar und ließ nun alle Anspannung von sich abfallen. Auch Frau Schmidt lächelte erleichtert.
“Jetzt ist mir aber ein Stein vom Herzen gefallen. Danke, Frau Schmidt.”
“Ja, ist schon in Ordnung. Das war ja nun auch unser Fehler. Aber so etwas ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht passiert!”
“Hm. Wird nicht wieder vorkommen. Das passiert mir nicht noch einmal.”
Und nach einem Moment des Sinnierens sagte Martha:
“Danke nochmal für alles! Wir gehen jetzt nach hause. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend!”
“Haben Sie noch einen schönen Abend! Tschüß, bis morgen!” Frau Luise Marie Schmidt lächelte nun sichtlich ergriffen ob der Situation und deren Ausgang. Sie hielt Frau Proph noch die Tür auf und diese schob den Kinderwagen mit dem schlafenden Kain auf die Straße. Den Weg nach hause würde sie nun zu Fuß gehen müssen, da um diese Zeit hier keine Straßenbahn mehr fuhr. Aber das machte ihr jetzt nichts aus. Es waren ja auch nur zweieinhalb Kilometer. Das war ein Klacks im Vergleich zu der Aufregung der letzten Stunde. Niemand würde sie jetzt noch trennen. Erleichtert seufzte sie nochmal bei dem Gedanken daran, dass sie ihren Sohn wiedergefunden hatte und ging mit ihm beruhigt die Straße entlang. Sie blickte zum Nachthimmel. Es war gerade Neumond, die schmale Sichel wirkte so zerbrechlich wie ein junger Baum, der leicht brechen kann, wenn man ihn nicht schützt und pflegt. Und er hat von all dem nichts mitbekommen! Der Kleine hat sein erstes Abenteuer im Schlaf überstanden. Ich hab ihn gerettet. Und er hat überhaupt nichts mitbekommen. Das hätten sie mir nicht zugetraut.

 

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