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So rot wie Blut, so weiß wie Schnee
Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Julia denke. Die Erinnerung an dieses hübsche, freundliche Mädchen ist noch lange nicht verblasst. Auch heute, während ich im Garten in der Hängematte liege, in die blauen Himmelsflecken schaue, die durch das Blättergeflecht des alten Olivenbaums hindurch scheinen, sehe ich sie wieder vor mir. Ihr freundliches Gesicht mit den leuchtenden braunen Augen, in denen sich ständig ihr Lächeln zu spiegeln schien, ihre schlanke Gestalt. Ich höre ihr Lachen, so als ob sie auch heute vor dem Haus mit Dennis, ihrem Freund, meinem Sohn Dani und dessen Freundin Tischtennis spielte, wie so oft in der Vergangenheit. Ich sehe die vier auf unserem blauen Sofa liegen, Julia in Dennis’ Armen, bis zur Nasenspitze in die flauschige Tigerfelldecke gekuschelt, während sie einen Film anschauen.
Mit dem Fuß gegen den Baumstamm tretend, versetze ich die Hängematte in sanfte Schaukelbewegungen und schließe die Augen.
Wie jeden Mittag holte ich auch an diesem Tag meinen Sohn vom Schulbus ab. Da Julia nur ein paar Straßen von uns entfernt wohnte, brachte ich sie ab und zu nach Hause, so wie auch an besagtem Tag.
“Dennis und ich wollen nachher zum Sportplatz fahren, kommst du mit?”, fragte sie meinen Sohn.
“Würde ich gerne, aber ich muss lernen, wir schreiben morgen einen Geschichtstest”, antwortete Dani.
“Schade, na ja, vielleicht überlegst du es dir noch anders. Kannst ja anrufen.”
Ich öffne die Augen. Eine leise Brise ist aufgekommen und die silbrig glänzenden Blätter des Olivenbaumes bewegen sich raschelnd im Wind.
Der Anruf kam abends, als ich schon im Bett lag und mir eine Quizshow im Fernsehen anschaute. Es war Dennis’ Cousin. "Julia ... Dennis", stammelte er. "Sie ... sie hatten einen Unfall." Ein kalter Schauer überzog meinen Körper. Was war passiert? Ging es ihnen gut? Wo waren sie jetzt? Unfähig, die erforderliche Fragen zu stellen, wartete ich stumm auf die nächsten Worte.
"Sie sind im Krankenhaus."
Aufatmen. Sie lebten also noch.
"Dennis wurde am Knie operiert. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Aber Julia", mein Gesprächspartner machte eine Pause. "Julia hat es schwer erwischt. Sie liegt im Koma."
Obwohl ich nicht dabei gewesen bin, habe ich die schreckliche Szene klar vor meinen Augen. Ich sehe die beiden auf Dennis Mofa die Straße hinunterfahren, vielleicht ein wenig zu schnell. Ich sehe die Verschlussriemen von Julias Helm offen an ihrem Hals herunterbaumeln. Ein roter Mercedes kommt ihnen entgegen, er wird langsamer, will nach links abbiegen, befindet sich schon zur Hälfte auf der Gegenfahrbahn. Der Fahrer, ein älterer Mann, sieht zwar das herannahende Mofa, denkt aber offensichtlich, es noch schaffen zu können, bevor es ihn erreicht hat. Von oben nähert sich Dennis, sieht das Auto auf seiner eigenen Straßenhälfte, versucht abzubremsen. Ein ohrenbetäubender Knall – Metall scheppert. Wie in Zeitlupe sehe ich Julia zuerst über das Mofa, danach über das Auto fliegen, sehe den Helm, der ihr vom Kopf rutscht, den Schuh, den sie im Flug verliert, höre das hässliche Geräusch, als ihr ungeschützter Kopf auf dem Straßenboden aufschlägt und dann noch einmal gegen eine Mauer knallt. Ich sehe ihren auf der Seite liegenden gekrümmten Körper, die dunklen, glatten Haare, die wie ein Schleier ihr Gesicht bedecken. Ich sehe Dennis, dessen linkes Bein unter das Auto gerutscht ist, höre seine Schreie. “Julia, Julia, geht’s dir gut? Sag doch was.” Ich sehe den Mann, der aus dem Mercedes steigt, kurz schaut, wieder einsteigt, den Rückwärtsgang einlegt und sein Fahrzeug schnell, bevor irgendjemand die Unfallstelle erreicht, an die Seite fährt, auf die “richtige” Seite.
Zwei Schwalben nähern sich, lassen sich auf einem Ast des Olivenbaums nieder. Ich beobachte sie ein Weilchen, bevor sie sich wieder gemeinsam in die Lüfte erheben und davonfliegen.
Drei Tage lang kämpften die Ärzte um Julia, die nur noch von Maschinen am Leben erhalten wurde. Sie hatte schwerste Hirnquetschungen und eine Verletzung der Wirbelsäule erlitten, durch die sie, sollte sie je wieder aus dem Koma erwachen, für immer querschnittsgelähmt sein würde. Drei Tage, in denen wir die Hoffnung nicht aufgaben. Drei Tage Umarmungen und Mutzusprechung, drei Tage, in denen wir bei jedem Klingeln des Telefons zusammenzuckten, drei Tage Leben in Form einer Zickzacklinie auf dem Monitor der Herz-Lungenmaschine. Drei Tage, bis die durchgezogene Linie zeigte: Julia hatte den Kampf verloren.
Tränen schießen mir in die Augen. Ich muss an Julias Mutter denken. Sie wird ihre Tochter nie wieder in die Arme schließen können, nicht erleben, wie diese erwachsen geworden und ihren Weg gegangen wäre. Was für ein Gefühl muss es für eine Mutter sein, zu wissen, dass man sein eigenes Kind überlebt. Das kann nicht richtig sein, das ist gegen die Natur! Wie würde ich mich jetzt fühlen, wenn es mein Sohn oder meine Tochter gewesen wäre? Bei dem Gedanken daran, dass Julia Dani an besagtem Tag gefragt hatte, ob er nicht mitkommen wollte, wird mir ganz schlecht. Vielleicht wäre er dann als Erster gefahren. Vielleicht wäre ich es jetzt, die um ihr Kind trauerte.
Wir besuchten Dennis im Krankenhaus. Noch wusste er nicht, dass Julia tot war. Ständig waren Freunde an seinem Bett versammelt. Das Lachen und die Gespräche der Jungs - ein Stückchen Normalität in der angespannten, ungewissen Situation. Einen Tag nachdem Julia im Krankenhaus gestorben war, wurde sie in das nahegelegene Thanatorium gebracht, wo alle ihre Verwandten und Freunde noch einmal von ihr Abschied nehmen konnten.
Wie Schneewittchen lag sie hinter einer Glasscheibe im offenen Sarg. Wunderschön zurechtgemacht, die geschminkten Lippen so rot wie Blut, die gepuderte Haut so weiß wie Schnee, das Haar, das so in ihre Stirn gezogen war, dass man nichts von den hässlichen Wunden sah, so schwarz wie Ebenholz. Sie sah so friedlich aus, wie eine schlafende Prinzessin. In ihren gefalteten Händen hielt sie das kleine rote Plüschherz, das Dennis ihr einmal geschenkt hatte und auf dem: “te quiero” – ich liebe dich - stand. Arm in Arm stand ich mit meinem Sohn vor der Glasscheibe, streichelte seinen Arm. Ich wusste, dass dies kein wirklicher Trost war, doch er sollte spüren, dass ich für ihn da war. Stumm blickte er auf seine Freundin, während er sich seiner Tränen nicht schämte. Nicht nur Julias Anblick brach mir an jenem Tag das Herz, sondern auch die vielen weinenden Gesichter ihrer Freunde, Kinder sozusagen, die es nicht verdient hatten, solch einen Kummer zu erleiden.
Ich reiße eine Olive von einem Ast ab und werfe sie mit Kraft zu Boden. Meine Traurigkeit hat sich in Wut verwandelt, Wut auf den Fahrer des Unglücksautos und Wut auch auf Julia und Dennis. War Dennis eventuell zu schnell gefahren? Warum hatte Julia ihren Helm nicht geschlossen gehabt? Wenn sie ihn nicht wärend ihres Sturzes verloren hätte, wäre sie jetzt vielleicht noch am Leben. Hätte sich jedoch der Mercedesfahrer nicht auf der falschen Strassenseite befunden, wäre der Unfall erst gar nicht passiert. Der Standpunkt des Fahrzeugs zum Zeitpunkt des Zusammenpralls war im Nachhinein auf Grund der Kratzer, die sich am Auto befanden, genau rekonstruiert worden, obwohl der Fahrer hartnäckig versucht hatte, alles zu vertuschen, indem er sein Fahrzeug sofort zur Seite gefahren und Dennis beschuldigt hatte, auf der falschen Seite gefahren zu sein. Er hatte sich weder nach dem Befinden des Mädchens erkundigt, als Julia noch lebte, noch der Mutter bis heute das Beileid zum Tod ihrer Tochter ausgesprochen.
Ein vorwitziger Sonnenstrahl findet seinen Weg durch das dichte Blätterdach des Olivenbaumes und ich spüre seine angenehme Wärme in meinem Gesicht.
Die Beerdigung fand am folgenden Tag statt. Dennis wusste mittlerweile, dass seine Freundin gestorben war. Seine Eltern und ein Psychologe des Krankenhauses hatte mit ihm gesprochen.
Am Tag der Beerdigung goss es in Strömen. Wenn ich es mir recht überlege, hatte es bis dahin seit dem Tag ihres Todes nicht mehr aufgehört zu regnen. Eine Menschenmenge war bereits auf dem Platz vor der Kirche versammelt, um dem toten Mädchen die letzte Ehre zu erweisen, als ich dort ankam. Am Morgen hatten mein Sohn und seine Freunde beschlossen, dass sie den Sarg durch die Hauptstraße des Ortes bis in die Kirche tragen wollten. Da stand ich und fürchtete mich vor dem mir bevorstehenden Anblick: Mein Sohn als Sargträger seiner besten Freundin. Für einen kurzen Moment wurde ich abgelenkt, ich hatte Dennis und seine Familie unter den Wartenden vor dem Kirchportal entdeckt. Der Junge saß in einem Rollstuhl, seine Beine waren mit einer Wolldecke zugedeckt. Apathisch schaute er vor sich hin. Sicherlich hatte man ihn mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt, damit er diesen schlimmsten Tag seines Lebens überstehen würde. Ich sah, wie Julias Eltern auf Dennis zugingen und ihn umarmten – ein Lichtblick in diesem unendlichen Dunkel.
Und dann näherte sich der Trauerzug. Dani und fünf seiner Freunde trugen den weißen Sarg auf ihren Schultern. Mit ernsten Gesichtern blickten sie nach vorne – sie waren über Nacht erwachsen geworden. Ich glaube, es gab nicht ein Auge, das während der Messe trocken blieb, besonders nicht, als der Pfarrer am Ende verkündete, dass Julias Eltern zugestimmt hatten, drei Organe ihrer Tochter zur Spende freizugeben. Ihr Herz war bereits erfolgreich verpflanzt worden. Ein schöner Gedanke, dass Julias Herz irgendwo im Körper eines anderen Kindes weiterschlägt. So bleibt etwas von ihr erhalten.
Es ist kühl geworden. Ich erhebe mich aus der Hängematte und betrachte den Himmel, auf dem die bereits hinter dem Horizont verschwundene Sonne ein orange-rotes Farbenschauspiel hinterlassen hat.
Morgen beginnt der Prozess. Egal, wie das Ergebnis ausfällt, es wird uns Julias Lachen nicht zurückbringen.
