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So rot wie Blut, so weiß wie Schnee

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25.03.2003
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So rot wie Blut, so weiß wie Schnee

Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Julia denke. Die Erinnerung an dieses hübsche, freundliche Mädchen ist noch lange nicht verblasst. Auch heute, während ich im Garten in der Hängematte liege, in die blauen Himmelsflecken schaue, die durch das Blättergeflecht des alten Olivenbaums hindurch scheinen, sehe ich sie wieder vor mir. Ihr freundliches Gesicht mit den leuchtenden braunen Augen, in denen sich ständig ihr Lächeln zu spiegeln schien, ihre schlanke Gestalt. Ich höre ihr Lachen, so als ob sie auch heute vor dem Haus mit Dennis, ihrem Freund, meinem Sohn Dani und dessen Freundin Tischtennis spielte, wie so oft in der Vergangenheit. Ich sehe die vier auf unserem blauen Sofa liegen, Julia in Dennis’ Armen, bis zur Nasenspitze in die flauschige Tigerfelldecke gekuschelt, während sie einen Film anschauen.

Mit dem Fuß gegen den Baumstamm tretend, versetze ich die Hängematte in sanfte Schaukelbewegungen und schließe die Augen.

Wie jeden Mittag holte ich auch an diesem Tag meinen Sohn vom Schulbus ab. Da Julia nur ein paar Straßen von uns entfernt wohnte, brachte ich sie ab und zu nach Hause, so wie auch an besagtem Tag.
“Dennis und ich wollen nachher zum Sportplatz fahren, kommst du mit?”, fragte sie meinen Sohn.
“Würde ich gerne, aber ich muss lernen, wir schreiben morgen einen Geschichtstest”, antwortete Dani.
“Schade, na ja, vielleicht überlegst du es dir noch anders. Kannst ja anrufen.”

Ich öffne die Augen. Eine leise Brise ist aufgekommen und die silbrig glänzenden Blätter des Olivenbaumes bewegen sich raschelnd im Wind.

Der Anruf kam abends, als ich schon im Bett lag und mir eine Quizshow im Fernsehen anschaute. Es war Dennis’ Cousin. "Julia ... Dennis", stammelte er. "Sie ... sie hatten einen Unfall." Ein kalter Schauer überzog meinen Körper. Was war passiert? Ging es ihnen gut? Wo waren sie jetzt? Unfähig, die erforderliche Fragen zu stellen, wartete ich stumm auf die nächsten Worte.
"Sie sind im Krankenhaus."
Aufatmen. Sie lebten also noch.
"Dennis wurde am Knie operiert. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Aber Julia", mein Gesprächspartner machte eine Pause. "Julia hat es schwer erwischt. Sie liegt im Koma."

Obwohl ich nicht dabei gewesen bin, habe ich die schreckliche Szene klar vor meinen Augen. Ich sehe die beiden auf Dennis Mofa die Straße hinunterfahren, vielleicht ein wenig zu schnell. Ich sehe die Verschlussriemen von Julias Helm offen an ihrem Hals herunterbaumeln. Ein roter Mercedes kommt ihnen entgegen, er wird langsamer, will nach links abbiegen, befindet sich schon zur Hälfte auf der Gegenfahrbahn. Der Fahrer, ein älterer Mann, sieht zwar das herannahende Mofa, denkt aber offensichtlich, es noch schaffen zu können, bevor es ihn erreicht hat. Von oben nähert sich Dennis, sieht das Auto auf seiner eigenen Straßenhälfte, versucht abzubremsen. Ein ohrenbetäubender Knall – Metall scheppert. Wie in Zeitlupe sehe ich Julia zuerst über das Mofa, danach über das Auto fliegen, sehe den Helm, der ihr vom Kopf rutscht, den Schuh, den sie im Flug verliert, höre das hässliche Geräusch, als ihr ungeschützter Kopf auf dem Straßenboden aufschlägt und dann noch einmal gegen eine Mauer knallt. Ich sehe ihren auf der Seite liegenden gekrümmten Körper, die dunklen, glatten Haare, die wie ein Schleier ihr Gesicht bedecken. Ich sehe Dennis, dessen linkes Bein unter das Auto gerutscht ist, höre seine Schreie. “Julia, Julia, geht’s dir gut? Sag doch was.” Ich sehe den Mann, der aus dem Mercedes steigt, kurz schaut, wieder einsteigt, den Rückwärtsgang einlegt und sein Fahrzeug schnell, bevor irgendjemand die Unfallstelle erreicht, an die Seite fährt, auf die “richtige” Seite.

Zwei Schwalben nähern sich, lassen sich auf einem Ast des Olivenbaums nieder. Ich beobachte sie ein Weilchen, bevor sie sich wieder gemeinsam in die Lüfte erheben und davonfliegen.

Drei Tage lang kämpften die Ärzte um Julia, die nur noch von Maschinen am Leben erhalten wurde. Sie hatte schwerste Hirnquetschungen und eine Verletzung der Wirbelsäule erlitten, durch die sie, sollte sie je wieder aus dem Koma erwachen, für immer querschnittsgelähmt sein würde. Drei Tage, in denen wir die Hoffnung nicht aufgaben. Drei Tage Umarmungen und Mutzusprechung, drei Tage, in denen wir bei jedem Klingeln des Telefons zusammenzuckten, drei Tage Leben in Form einer Zickzacklinie auf dem Monitor der Herz-Lungenmaschine. Drei Tage, bis die durchgezogene Linie zeigte: Julia hatte den Kampf verloren.

Tränen schießen mir in die Augen. Ich muss an Julias Mutter denken. Sie wird ihre Tochter nie wieder in die Arme schließen können, nicht erleben, wie diese erwachsen geworden und ihren Weg gegangen wäre. Was für ein Gefühl muss es für eine Mutter sein, zu wissen, dass man sein eigenes Kind überlebt. Das kann nicht richtig sein, das ist gegen die Natur! Wie würde ich mich jetzt fühlen, wenn es mein Sohn oder meine Tochter gewesen wäre? Bei dem Gedanken daran, dass Julia Dani an besagtem Tag gefragt hatte, ob er nicht mitkommen wollte, wird mir ganz schlecht. Vielleicht wäre er dann als Erster gefahren. Vielleicht wäre ich es jetzt, die um ihr Kind trauerte.

Wir besuchten Dennis im Krankenhaus. Noch wusste er nicht, dass Julia tot war. Ständig waren Freunde an seinem Bett versammelt. Das Lachen und die Gespräche der Jungs - ein Stückchen Normalität in der angespannten, ungewissen Situation. Einen Tag nachdem Julia im Krankenhaus gestorben war, wurde sie in das nahegelegene Thanatorium gebracht, wo alle ihre Verwandten und Freunde noch einmal von ihr Abschied nehmen konnten.
Wie Schneewittchen lag sie hinter einer Glasscheibe im offenen Sarg. Wunderschön zurechtgemacht, die geschminkten Lippen so rot wie Blut, die gepuderte Haut so weiß wie Schnee, das Haar, das so in ihre Stirn gezogen war, dass man nichts von den hässlichen Wunden sah, so schwarz wie Ebenholz. Sie sah so friedlich aus, wie eine schlafende Prinzessin. In ihren gefalteten Händen hielt sie das kleine rote Plüschherz, das Dennis ihr einmal geschenkt hatte und auf dem: “te quiero” – ich liebe dich - stand. Arm in Arm stand ich mit meinem Sohn vor der Glasscheibe, streichelte seinen Arm. Ich wusste, dass dies kein wirklicher Trost war, doch er sollte spüren, dass ich für ihn da war. Stumm blickte er auf seine Freundin, während er sich seiner Tränen nicht schämte. Nicht nur Julias Anblick brach mir an jenem Tag das Herz, sondern auch die vielen weinenden Gesichter ihrer Freunde, Kinder sozusagen, die es nicht verdient hatten, solch einen Kummer zu erleiden.

Ich reiße eine Olive von einem Ast ab und werfe sie mit Kraft zu Boden. Meine Traurigkeit hat sich in Wut verwandelt, Wut auf den Fahrer des Unglücksautos und Wut auch auf Julia und Dennis. War Dennis eventuell zu schnell gefahren? Warum hatte Julia ihren Helm nicht geschlossen gehabt? Wenn sie ihn nicht wärend ihres Sturzes verloren hätte, wäre sie jetzt vielleicht noch am Leben. Hätte sich jedoch der Mercedesfahrer nicht auf der falschen Strassenseite befunden, wäre der Unfall erst gar nicht passiert. Der Standpunkt des Fahrzeugs zum Zeitpunkt des Zusammenpralls war im Nachhinein auf Grund der Kratzer, die sich am Auto befanden, genau rekonstruiert worden, obwohl der Fahrer hartnäckig versucht hatte, alles zu vertuschen, indem er sein Fahrzeug sofort zur Seite gefahren und Dennis beschuldigt hatte, auf der falschen Seite gefahren zu sein. Er hatte sich weder nach dem Befinden des Mädchens erkundigt, als Julia noch lebte, noch der Mutter bis heute das Beileid zum Tod ihrer Tochter ausgesprochen.

Ein vorwitziger Sonnenstrahl findet seinen Weg durch das dichte Blätterdach des Olivenbaumes und ich spüre seine angenehme Wärme in meinem Gesicht.

Die Beerdigung fand am folgenden Tag statt. Dennis wusste mittlerweile, dass seine Freundin gestorben war. Seine Eltern und ein Psychologe des Krankenhauses hatte mit ihm gesprochen.
Am Tag der Beerdigung goss es in Strömen. Wenn ich es mir recht überlege, hatte es bis dahin seit dem Tag ihres Todes nicht mehr aufgehört zu regnen. Eine Menschenmenge war bereits auf dem Platz vor der Kirche versammelt, um dem toten Mädchen die letzte Ehre zu erweisen, als ich dort ankam. Am Morgen hatten mein Sohn und seine Freunde beschlossen, dass sie den Sarg durch die Hauptstraße des Ortes bis in die Kirche tragen wollten. Da stand ich und fürchtete mich vor dem mir bevorstehenden Anblick: Mein Sohn als Sargträger seiner besten Freundin. Für einen kurzen Moment wurde ich abgelenkt, ich hatte Dennis und seine Familie unter den Wartenden vor dem Kirchportal entdeckt. Der Junge saß in einem Rollstuhl, seine Beine waren mit einer Wolldecke zugedeckt. Apathisch schaute er vor sich hin. Sicherlich hatte man ihn mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt, damit er diesen schlimmsten Tag seines Lebens überstehen würde. Ich sah, wie Julias Eltern auf Dennis zugingen und ihn umarmten – ein Lichtblick in diesem unendlichen Dunkel.
Und dann näherte sich der Trauerzug. Dani und fünf seiner Freunde trugen den weißen Sarg auf ihren Schultern. Mit ernsten Gesichtern blickten sie nach vorne – sie waren über Nacht erwachsen geworden. Ich glaube, es gab nicht ein Auge, das während der Messe trocken blieb, besonders nicht, als der Pfarrer am Ende verkündete, dass Julias Eltern zugestimmt hatten, drei Organe ihrer Tochter zur Spende freizugeben. Ihr Herz war bereits erfolgreich verpflanzt worden. Ein schöner Gedanke, dass Julias Herz irgendwo im Körper eines anderen Kindes weiterschlägt. So bleibt etwas von ihr erhalten.

Es ist kühl geworden. Ich erhebe mich aus der Hängematte und betrachte den Himmel, auf dem die bereits hinter dem Horizont verschwundene Sonne ein orange-rotes Farbenschauspiel hinterlassen hat.
Morgen beginnt der Prozess. Egal, wie das Ergebnis ausfällt, es wird uns Julias Lachen nicht zurückbringen.

 

Hallo Blanca!

Wow! Die Geschichte ist echt gut. Nicht nur, dass man sich sofort einfühlen kann, vom tragischen Tod eines Mädchens erfährt und durch die etwas eintönige, aber doch interessante Erzählweise das Gefühl der stumpfen Trauer gut vermittelt bekommt. Du hast es auch geschafft, den Leser langsam aber schlüssig zum Höhepunkt der Geschichte zu führen, sodass die Spannung bis zuletzt erhalten bleibt. Auch die Sichtweise eines guten Bekannten gefällt mir, das wahrt die Realität der Geschichte.

Wow, wirklich super!

Glitonea

 

Hallo Blanca,

Habe deine kg jetzt zweimal gelesen. Nun - gleich gerade heraus: Was mich an deiner Geschichte gestört hat ist dieser monotone klang. Das, was du erzählst ist schrecklich, keine Frage. Aber nach meinem Empfinden verspielst du die Intensität durch deine narrative Erzählweise. Irgendwie liest sich das ganze wie ein Kochbuch, um mal einen überspitzten Vergleich anzuführen. Es wird erzählt was am Anfang benötigt wird, wie man die Zutaten zusammenmixt (ohne dass es spritzt) und was am Ende dabei heraus kommen soll. Das ist schlicht nicht spannend und damit auch nicht ergreifend.
Was hier also in meinen Augen fehlt ist die Lebendigkeit.
Ich denke Dialoge würden hier einiges an Kraft entfalten können. Am einzigen Dialog, den du in die Geschichte gebaut hast, ist sehr gut zu veranschaulichen, was an der gesamten Geshcichte nicht stimmt. Er ist schlichtweg langweilig.

“Dennis und ich wollen nachher zum Sportplatz fahren, kommst du mit?”, fragte sie meinen Sohn.
“Würde ich gerne, aber ich muss lernen, wir schreiben morgen einen Geschichtstest”, antwortete Dani.
“Schade, na ja, vielleicht überlegst du es dir noch anders. Kannst ja anrufen.” Wir waren mittlerweile vor Julias Haus angekommen und verabschiedeten das Mädchen.
Klingt wie:
"möchtest du einen Toast?"
"nein, ich habe gerade keinen Hunger"
"Ach so, naja, wenn du dich anders entscheidest: ich mache dir gerne eins"

Natürlich kann man mit einem solch trivialen Gesprächsfetzen auch etwas ausdrücken. Zum Beispiel in deiner Geschichte die scheinbare Belanglosigkeit von Momenten, die sich im Nachhhinein als etwas außergewöhnliches herausstellen (da ja "letzten Worte"/ letzte Begegnung)
Das funktioniert aber nur, wenn man diese "Belanglosigkeit" in den entsprechenden Rahmen einbettet, so dass diese auch als solche zu erkennen ist. In der Form, wie du es hier anbringst, spiegelt der Dialog lediglich den Grundtenor der kg wider. Alles plätschert so dahin.

Vielleicht kann dir meine Meinung helfen. Ich würde es zumindest schade finden, wenn du diese kg einfach so stehen lassen würdest, denn da schlummert deutliches Potenzial für mehr drinnen :)

nur auf die schnelle ein Vertipperli:

der ihr von Kopf rutscht
vom

grüßlichst
weltenläufer

 

Hallo Glitonia,
danke für's Lesen. Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Sie ist leider nicht erfunden. Es hat sich alles so abgespielt. Ich war damals sehr betroffen. Nun ist etwas Zeit vergangen und ich habe versucht, das Ganze aufzuarbeiten, indem ich die Geschichte geschrieben habe.

Hallo Weltenläufer,
auch dir Danke für`s Lesen.
Also, wie ein Kochbuch sollte das Ganze nun wirklich nicht rüberkommen. Du lässt mich gerade ganz schön ratlos zurück.
Die Geschichte ist aus meiner Sicht erzählt, (wie bereits oben erwähnt, ist es nicht erfunden, sondern ist wirklich passiert). Ich weiss nicht, aber irgendwie wüsste ich nicht, wie ich hier Dialoge reinbringen sollte. Es sind doch im Grunde genommen meine Gedanken und Gefühle. Hm. Der eine Dialog ist natürlich belanglos. Er könnte auch ganz wegfallen. Muss ich mir alles noch mal durch den Kopf gehen lassen. Mal sehen, ob noch mehr deiner Meinung sind.

Lg an euch beide
Blanca

 

Hallo Blanca,

es ist immer wieder schön, ab und zu von dir zu lesen.
Die Geschichte könnte für mein Gefühl intensiver sein, oft schilderst du, ohne dich anzunähern selbst über den Sohn wie ein Sozialarbeiter (Dani nahm das Ganze sehr mit). Das glaube ich sofort, aber wie drückt er es aus, wie drückt es sich im Leben aus? Verkriecht er sich in sein Zimmer, wir er stiller? Zerbricht seine eigene Beziehung daran?
Manchmal erzählst du zu viel, dadurch stimmt das emotionale Timing für mein Gefühl nicht.
Um zu verdeutlichen, was ich meine, habe ich in den Details mal ein paar Beispiele gesammelt, wirklich nur Beispiele, denn letztlich musst du die Geschichte ja in deinem Stil erzählen und dir nicht meinen überpfropfen lassen.

Meine Gedanken wandern zurück zu jenem Tag im März.
Durch den Tempuswechsel und den Absatz ist es ausreichend eingeleitet und braucht nicht extra einen Satz dafür.
Wie jeden Mittag holte ich auch an diesem Tag meinen Sohn vom Schulbus ab.
Warum, die scheinen doch alt genug zu sein. Oder ist die Strecke noch so weit? So wirkt es auf einmal als hätte man es mit viel kleineren Kindern zu tun als solchen, die schon Paare bilden und sich in Decken kuschelnd umarmen.
Wir waren mittlerweile vor Julias Haus angekommen und verabschiedeten das Mädchen. Wie hätten wir wissen können, dass es das letzte Mal war, dass wir die beiden Grübchen in ihrem Gesicht sahen, die sich jedesmal, wenn sie lachte, auf ihren Wangen bildeten.
Du kündigst an,d ass etwas passieren wird, das ist auch in Ordnung, hier ist es mir aber zu viel, auch wegen des folgenden Absatzes, der es ja noch mal deutlich macht.
Es war Dennis’ Cousin, der uns mitteilte, dass Julia und Dennis am Nachmittag einen Unfall gehabt hatten und beide im Krankenhaus lagen. Dennis war bereits am Knie operiert worden. Julia hatte es weit aus schlimmer getroffen, sie lag im Koma.
Diesen Anruf könntest du in wörtlicher Rede wiedergeben. Beispiel:
Es war Dennis Cousin: "Julia ... Dennis", stammelte er. "Sie hatten einen Unfall."
Sprachlosigkeit fraß sich in stummen Fragen durch die Leitung. Was war passiert, ging es ihnen gut, wo waren sie jetzt?
"Sie sind im Krankenhaus."
Aufatmen. Beide leben noch.
"Dennis wurde am Knie operiert. Julia liegt im Koma."

So wird auch deutlich, dass es Julia schlimmer erwischt hat, ohne dass du es wertend schreiben musst.
Ich sehe, wie die beiden auf Dennis Mofa die Straße hinunterfahren
verdichteter, eindringlicher
Drei Tage lang kämpften die Ärzte um Julia, die nur noch von Maschinen am Leben erhalten wurde.
Hier könntest du subjektiver die Erlebnisse beschreiben. Drei Tage Hoffen, während die Ärzte um Julias Leben kämpften, drei Tage, in denen ich Dani trösten, Mut zuprechen musste, ohne zu wissen, wie. Drei Tage Leben in Zickzacklinien auf dem Monitor der Herz-Lungenmaschine, drei Tage, bis die durchgezogene Linie zeigte: Julia hatte den Kampf verloren. Sie lebte nicht mehr! Ist bei verlorenem Kampf ohnehin klar.

Die Geschichte ist eindeutig besser, als meine Kritik es vermuten lässt, der narrative Stil ist durchaus flüssig, die Frage ist nur, ob er auch der idealste für das, was du erzählen möchtest, ist.

Lieben Gruß
sim

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Sim,
danke für deine wie immer konstruktive Kritik. Ich sehe schon, die Geschichte schreit nach Überarbeitung. Auf jeden Fall ist mir durch deine Beispiele klarer geworden, was du und auch weltenläufer gemeint habt.
Deinen Vorschlag bezüglich des Anrufs von Dennis Cousin würde ich gerne wort -wörtlich übernehmen, wenn du nichts dagegen hast, er gefällt mir super gut. Werde jetzt gleich die Geschichte noch mal durchgehen.
Bezüglich des vom- Bus- Abholens - die Strecke bis zu unserem Haus ist zu weit zum Laufen. :)
LG
Blanca

 

Hallo Blanca,

die Stelle kannst du gern wort-wörtlich übernehmen. Zu der Zeit, die Julia im Koma liegt, fallen mir noch einige Fragen ein. Wie haben dein Sohn und du diese Zeit verbracht, wie war die Konzentration bei der Arbeit, ist dein Sohn zur Schule gegangen oder lieber zu Hause geblieben, hat er Ablenkung gesucht und besonders viel gelernt oder gerade das Gegenteil? Der Gedanke daran ist, dass diese drei Tage plastisch erlebt werden, obwohl man nebenbei einkaufen, kochen oder sonstwas machen muss. Diese berühmte "weitergehen" des Lebens, das gerade in solchen Fall besonders mies klingt, aber gleichzeitig vielleicht auch Halt bedeuten kann. Wenn ich dich richtig verstanden habe, war es ja dein Anspruch, die Geschichte aus deiner Sicht zu erzählen. In solchen Fragen findet die statt. :)

Lieben Gruß
sim

 

Hallo Sim,
hab schon mal etwas Überarbeitungsarbeit geleistet. Vielleicht schaust du noch mal drüber. Deine Meinung, wie es jetzt rüberkommt, würde mich sehr interessieren.
Deine anderen Fragen finde ich auch sehr interessant. Mein Sohn ist schon ganz normal zur Schule gegangen. Aber er war ziemlich ruhig in der Zeit. Er und Dennis sind in der gleichen Fussballmannschaft. Julia war soetwas wie ein Masskottchen für die Jungs. Sie war bei jedem Spiel dabei. Während der drei Tage, in denen Julia noch im Koma lag, hatte sie ein Spiel. Sie haben sich T-shirts drucken lassen, auf denen "Animo Julia und Dennis" stand, was so viel wie: " Nur Mut, Kopf hoch!" bedeutet. Die hatten sie dann bei dem Spiel an. Es war zudem ein wichtiges Pokal-Spiel, was sie dann leider verloren haben. Sie hatten natürlich ihre Gedanken woanders. Wir haben in der anschliessenden Zeit oft über Julia gesprochen. Ich fand es wichtig, dass mein Sohn seinen Kummer nicht in sich hineingefressen hat. Es war auf jeden Fall eine Sch...zeit, vor allem weil Julia wirklich so ein super nettes Mädchen war. Da fragt man sich doch echt, warum? Was hat das für einen Sinn?
Ich weiss es echt nicht.

Sim, ich wünsche dir noch einen schönen Tag,
LG
Blanca

 

Hallo Blanca!

Einen tragischen Inhalt möglichst wahrheitsgetreu zu erzählen: das macht noch keine interessante Geschichte. Du schaffst es nicht, die sicher sehr traurige Geschichte aus der Banalität zu heben. Es bleibt alles ein wenig an der Oberfläche: Die Rollen der Guten und der Bösen sind klar verteilt, sogar die Natur steht auf der Seite der Guten, kündigt am Ende mit einem flammenden Himmel den Tag der Gerechtigkeit an, und vorher stellen schon die Blätter des Olivenbaums die Frage nach dem Sinn eines derartigen Unfalls. Im 19.Jh. war es vielleicht noch zulässig, der Natur diese Rolle einer Richterin (als Handlangerin Gottes) zuzuweisen, heutzutage geht das nicht mehr. Es ist reaktionär. Die Natur schert sich einen Dreck um derartige Tragödien, ja, sie lässt noch viel Schlimmeres zu.

Der Tod des Mädchens wird von deiner Ich-Erzählerin beklagt, aber eigentlich erfahre ich nichts über sie, außer dass sie hübsch und nett ist, was sicher auf sehr viele 13jährige zutrifft. Wie war ihre Persönlichkeit? Wo gab es da Brüche? Ihr Leben und das ihrer Familie und Freunde wird, nicht zuletzt auch, da sich alle offensichtlich nach ihrem Tod tadellos und sozial richtig verhalten, als perfekt dargestellt, nur der Unglücksfahrer verhält sich falsch. Gab es da keine Konflikte, Vorwürfe, Zusammenbrüche, falsches Verhalten von seiten der Freunde, weil sie mit dem Tod nicht fertig wurden, oder besonders gelungenes Verhalten? Es gibt keine Szene, in der ich das "Salz" der Tragödie spüre, die drei Tage im Koma und die Zeit danach werden mir hier nur zusammenfassend berichtet. Über alles wird ein Schleier einer poetisch verklärten Traurigkeit gelegt: Die Ich-Erzählerin erzählt aus der Perspektive unter dem Olivenbaum, in dem die Schwalben schnäbeln und die kleine Tote sieht wie Schneewittchen aus. (Auch hier gilt das Diktum Poes: Nichts ist poetischer als der Tod einer schönen Frau).

Das ist eben das Problem von wahren Geschichten: Man will niemandem mehr damit weh tun, man kehrt Dinge unter den Teppich, man verklärt, indem man es "schön" erzählt, aber das ist zu wenig, um sie lesenswert zu machen.

Fehler:

so als ob sie auch heute vor dem Haus mit Dennis, ihrem Freund, meinem Sohn Dani und dessen Freundin Tischtennis spielt
Konjunktiv: spielte
Ich öffne die Augen. Eine leise Brise ist aufgekommen und die silbrig glänzenden Blätter des Olivenbaumes bewegen sich raschelnd im Wind. Es ist als ob sie mir etwas zuflüstern. Angestrengt lausche ich. Warum? Warum nur sie?, glaube ich zu verstehen.
Nein, bitte nicht, Blätter eine Botschaft rascheln lassen - das ist ziemlich abgelutscht. (siehe oben)
in die Lüfte erheben und davon fliegen
zusammen: davonfliegen
Tänen schießen mir in die Augen.
Tränen
Vielleicht wäre er dann als erster gefahren
groß: Erster
Apatisch schaute er vor
apathisch

Gruß
Andrea

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Andrea,
Danke für's Lesen. Leider hat dir die Geschichte nicht gefallen, da kann man nichts machen. Ich denke, es ist schwierig, wenn man über Vorfälle, beziehungsweise Personen schreibt, die man selbst erlebt, bzw. gekannt hat. Da vergisst man wohl, dass Fremde, die die Geschichte lesen, ja im Grunde genommen gar nichts darüber wissen. Ich gebe dir Recht, über Julia als Person, über ihren Charakter oder wie du fragtest, ob es irgendwo Brüche gab wird nicht soviel gesagt. Aber das war mir ehrlich gesagt auch nicht so wichtig. Ich habe meine persönlichen Gedanken über den Tod eines jungen Mädchens, das meiner Familie sehr nahe stand, niedergeschrieben, vielleicht in den Augen der einen gelungen und in den Augen der anderen nicht gelungen.
Danke für das Aufzeigen der Fehler. Werde sie gleich verbessern.

Viele Grüsse
Blanca

 

Hallo Geronemo,
danke für's Lesen und deine treffenden Worte. Ich würde die von dir erwähnte Geschichte sehr gerne lesen. Vielleicht kannst du sie mir per PM schicken.
Das mit der Person am anderen Ende der Leitung, da gebe ich dir Recht, das klingt sehr sachlich. Das werde ich abändern, ebenso das Wort Thanatorium.

LG
Blanca

 

Hallo!

Deine Geschichte fand ich gut. Der etwas monotone Sprachstil passt auch - für mich.

Eines hat mich allerdings ziemlich gestört:
diese unterschwelligen Schuldzuweisungen.
Natürlich, es ist gut, wenn man jemanden hat, dem man das ganze unterschieben kann. Es erleichtert den Umgang mit solch schrecklichen Dingen. Insofern passt das ganz gut in den Kontext. Trotzdem habe ich mich von diesen Passagen richtiggehend gestört gefühlt. Meine Güte, der alte Mann wollte eben abbiegen und hat sich verschätzt. Wir wissen, zumindest in dieser Geschichte, nicht, ob er einfach ein rücksichtsloses Arschloch war, das einen Zusammenstoß in Kauf genommen hatte, oder was ihn sonst so handeln hat lassen. Ja, er hat sein Auto dann zur Seite gefahren; vielleicht weil er Angst vor möglichen Konsequenzen hatte, vielleicht weil er umsichtig handeln wollte, um nicht noch weitere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Ein solcher Unfall bringt alle Beteiligten total durcheinander und lässt sie unvernünftig handeln. Könnte auf Vorsatz gewesen sein, ich weiß schon.
die beiden sind auf dem Moped (vermutlich) zu schnell unterwegs (was schwer sein dürfte, wenn es sich nicht um eine dreißiger Zone oder eine DDR-Marke handelt, denn nur diese gingen 60 kmh, alle anderen maximal 50. Entsprechend müsse das Moped frisiert gewesen sein, außer sie sind einen steilen Berg hinunter gefahren.), das Mädchen hatte den Helm nicht gesichert und sie begegnen einem (vielleicht) rücksichtslosen Autofahrer. Damit sollte man als Mopedfahrer immer rechnen, eventuell sogar dran gewöhnt sein.
was ich damit sagen will: Beide haben Fehler gemacht. Das macht es nicht besser, das hilft niemandem weiter, aber es ist ungerecht, jemanden die Schuld zuzuschieben, nur weil er das dickere Fahrzeug hatte. Ich sage das absichtlich etwas provokativ, weil man es meines Erachtens als Betroffener sowieso nichts objektiv sehen kann. Du wendest einen Trick an und beschreibst den Unfallhergang, wie ihn sich die Erzählerin vorstellt. Damit bleibst du ungenau und provozierst eine Reaktion beim Leser. Mir scheint, du wolltest den Leser denken lassen »dieser Scheißautofahrer ist schuld an dem ganzen« und da fühle ich mich manipuliert.
Die Schuld-Frage ist wahnsinnig komplex und auch das hin-und hergerissen sein in diesen Gefühlen umfasst ein weites Feld. Das ebenfalls unüberschaubare Feld der Trauer und des Verlustes verdient meiner Meinung nach die mehr oder weniger ungeteilte Aufmerksamkeit, so dass mit der vorliegende Text ein wenig unentschlossen erscheint. Vielleicht möchte er zu viel.
du merkst sicher, meine Kritik fällt selbst etwas unentschlossen aus. Das lässt sich noch steigern: du bringst die emotionale Achterbahnfahrt der Beteiligten gut herüber. Wer ist in solchen Momenten schon gerecht.

Georg

 

Hallo Georg,
danke für deinen Kommentar.
Tja, die Schuldzuweisung. Ich muss dir Recht geben, im Grunde genommen sind wahrscheinlich beide Parteien nicht ganz unschuldig. Aber wenn du demjenigen, der dadurch sein Leben verlor, sehr nahe stehst, ist es so unheimlich schwer allem objektiv gegenüberzustehen. Und die Geschichte ist ja aus meiner Sicht erzählt, spiegelt also meine eigenen Gefühle und Gedanken darüber wieder. Was mich nur so geärgert hat ist, dass der Fahrer so abgebrüht gehandelt hat. Der Unfall ist passiert, der Typ steigt aus, kümmert sich in keinster Weise um die Verletzten, sondern fährt sofort sein Auto auf die rechte Seite und fängt an, die Mofateile beiseite zu räumen. Dies haben sowohl der verletzte Junge, als auch ein Lastwagenfahrer, der direkt nach dem Knall ankam, ausgesagt. Okay, ich verstehe, dass der Fahrer vielleicht Angst hatte, weil ja immer wieder Horrorstories erzählt werden, wenn man in Spanien ein Kind anfährt. Er hatte wahrscheinlich Angst, ins Gefängnis zu kommen. Aber er hat ja auch danach in keinster Weise irgendein Mitgefühl gezeigt, sich weder nach dem Mädchen erkundigt, als sie noch im Krankenhaus lag, noch danach der Mutter das Beileid ausgesprochen, als Julia tot war.
Die erste Gerichtsverhandlung hat übrigens mittlerweile stattgefunden. Es sieht nicht gut für den Fahrer aus.

LG
Blanca

 

Hallo Blanca!

Mir gefällt deine Geschichte gut, auch diese Stelle:

Ich öffne die Augen. Eine leise Brise ist aufgekommen und die silbrig glänzenden Blätter des Olivenbaumes bewegen sich raschelnd im Wind. Es ist, als ob sie mir etwas zuflüstern. Angestrengt lausche ich. Warum? Warum nur sie?, glaube ich zu verstehen.

Archetypisch, das heißt angeboren, ist die Vorstellung, dass die Seele eines verstorbenen Menschen ein Wind oder Hauch ist. "Jemand haucht seine Seele aus" sagt man von einem Sterbenden. Und nicht zufällig ist griechisch anem-os "Wind" verwandt mit lateinisch anim-a "Seele". Auch die Doppelbedeutung von griechisch pneuma "Seele" und "Wind(hauch)" rührt von dieser archetypischen Vorstellung her.

Der Windhauch, der den Olivenbaum zum Rascheln bringt und sich dadurch der Ich-Erzählerin vernehmbar macht, könnte Julias Seele sein, die Danis Mutter irgendetwas sagen will und ja auch bohrendes Nachdenken bei ihr auslöst. Ein durchaus poetisches und organisch in deine Geschichte passendes Bild!

Grüße gerthans

 

Hallo Gerthans,
danke für die interessante Interpretation. Gefällt mir gut der Gedanke.
Apropro Seele der Verstorbenen. Ob du es glaubst oder nicht. Am Tag, als Julia gestorben ist, hat ihr Freund in seinem Krankenzimmer, sowie seine Mutter und seine Grossmutter zu Hause (dort wo Julia sehr oft war) ihren Geruch wahrgenommen. Die Grossmutter erzählte mir nachher, dass sie sogar ihre Lippen auf ihrer Wange gespürt hat. Ich denke, man muss ein bisschen an soetwas glauben, aber ich hatte trotzdem Gänsehaut, als sie es mir erzählt haben.

LG
Blanca

 

Hallo Geronemo!

Mein PC hat gestreikt, deswegen konnte ich nicht gleich antworten ...

Wo hab ich gesagt, dass es nicht legitim wäre, Naturerscheinungen als Ausdruck für seelische Stimmungen zu verwenden? Ich hab auch nirgends gesagt, dass man jetzt überhaupt keine Naturbeschreibungen mehr einbeziehen dürfet.

Aber wenn man, wie hier die Ich-Erzählerin, die Natur als letzte, ontologische, Instanz an der Seite zu haben scheint im Kampf gegen das Böse (der Mercedesfahrer), so scheint mir das bedenklich. Es ist reaktionär zu glauben, dass die Natur oder Gott für irgendjemanden Partei ergreift oder für Gerechtigkeit sorgt. Wenn Soldaten, egal welcher Armee in den Kampf ziehen, und davor den Segen Gottes erbitten, oder wenn amerikanische Politiker mit der Formel "so wahr mir Gott helfe" schwören, dann scheint mir das aus der gleichen Ideologie zu stammen. Denn wer die Natur oder Gott auf seiner Seite hat, der scheint im Besitz der Wahrheit zu sein, und egal, was er tut, er tut das Richtige. Aber NIEMAND hat die Wahrheit immer ganz auf seiner Seite.

Gruß
Andrea

 

Hallo Blanca :)

Textzeug:

Auch heute, während ich im Garten in der Hängematte liege, in die blauen Flecken des Himmels schaue, die durch das Blättergeflecht des alten Olivenbaums hindurch scheinen, sehe ich sie wieder vor mir.

Dieses Bild hat mich irritiert, weil ich den Himmel als Ganzes verstehe,auch wenn durch das Blätterdach nur blaue Flecken zu sehen sind.

Auch heute, während ich im Garten in der Hängematte liege, in die blauen Himmelsflecken schaue, die durch das Blättergeflecht des alten Olivenbaums hindurch scheinen, sehe ich sie wieder vor mir


Ein vorwitziger Sonnenstrahl findet seinen Weg durch das dichte Blätterdach des Olivenbaumes und ich spüre seine angenehme Wärme in meinem Gesicht.

Wenn ich es mir recht überlege, hatte es seit dem Tag ihres Todes nicht mehr aufgehört zu regnen.

Das widerspricht sich inhaltlich.


Ich glaube, es gab nicht ein Auge, das während der Messe trocken blieb, besonders nicht, als der Pfarrer am Ende verkündete, dass Julias Eltern fünf Organe ihrer Tochter gespendet hatten, und dass ihr Herz bereits erfolgreich verpflanzt worden war.

Die Eltern können nur spenden was ihnen gehört und die Organe gehörten der Toten
Es gibt einen Ausdruck für die Organspende, der zwar nüchtern klingt, aber sich in meinen Ohren richtiger anhört. Ist es so, dass man bestimmen darf wieviel und welche Organe zur Spende entnommen werden dürfen?????

fünf (die????) Organe ihrer Tochter zur Spende freigegeben hatten

Schön wieder von dir gelesen zu haben :)


Lieben Gruß
Goldene Dame

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Blanca,

beim Lesen hatte ich lange Probleme, den Ich-Erzähler richtig einzuordnen.

Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Julia denke. [...] Ihr freundliches Gesicht mit den leuchtenden braunen Augen, in denen sich ständig ihr Lächeln zu spiegeln schien, ihre schlanke Gestalt, schon gut entwickelt, obwohl sie erst dreizehn war. Ich höre ihr Lachen, so als ob sie auch heute vor dem Haus mit Dennis, ihrem Freund, meinem Sohn Dani und dessen Freundin Tischtennis spielte, wie so oft in der Vergangenheit.
Für mich war dieser Erzähler eindeutig ein Mann, der ein Auge auf Julia hatte.
Vielleicht nur durch das: schon gut entwickelt bedingt?

Ich sehe die vier auf meinem blauen Sofa liegen,
Warum meinem Sofa? Hat die Erzählerin (eine Frau, wie sich erst viel später herausstellt) ein eigenes Sofa und ein Familiensofa, da sie doch als Mutter von Dani von umserem Sofa sprechen sollte?
Solche Details verwirren.

Obwohl ich nicht dabei gewesen bin, habe ich die schreckliche Szene klar vor meinen Augen. Ich sehe die beiden auf Dennis Mofa die Straße hinunterfahren, vielleicht ein wenig zu schnell. Ich sehe die Verschlussriemen von Julias Helm offen an ihrem Hals herunterbaumeln. Ein roter Mercedes kommt ihnen entgegen, er wird langsamer, will nach links abbiegen, befindet sich schon zur Hälfte auf der Gegenfahrbahn. Der Fahrer, ein älterer Mann, sieht zwar das herannahende Mofa, denkt aber offensichtlich, es noch schaffen zu können, bevor es ihn erreicht hat. Von oben nähert sich Dennis, sieht das Auto auf seiner eigenen Straßenhälfte, versucht abzubremsen. Ein ohrenbetäubender Knall – Metall scheppert. Wie in Zeitlupe sehe ich Julia zuerst über das Mofa, danach über das Auto fliegen, sehe den Helm, der ihr vom Kopf rutscht, den Schuh, den sie im Flug verliert, höre das hässliche Geräusch, als ihr ungeschützter Kopf auf dem Straßenboden aufschlägt und dann noch einmal gegen eine Mauer knallt. Ich sehe ihren auf der Seite liegenden gekrümmten Körper, die dunklen, glatten Haare, die wie ein Schleier ihr Gesicht bedecken. Ich sehe Dennis, dessen linkes Bein unter das Auto gerutscht ist, höre seine Schreie. “Julia, Julia, geht’s dir gut? Sag doch was.” Ich sehe den Mann, der aus dem Mercedes steigt, kurz schaut, wieder einsteigt, den Rückwärtsgang einlegt und sein Fahrzeug schnell, bevor irgendjemand die Unfallstelle erreicht, an die Seite fährt, auf die “richtige” Seite.
viel zuviel sehe
und dann drei Vergehen von den jungen Mofafahrern, die mich denken lassen: selber schuld- 1. zu schnell 2. Helm nicht gesichert 3. zu zweit auf dem Mofa

Bei der eingeforderten Gerechtigkeit (obwohl sie mitschuldig sind) zum Ende vom Text kann ich dann nur den Kopf schütteln. Julia wird dadurch nicht lebendig und der Autofahrer wird das auf eine andere Art in seinem Leben büßen müssen - die Ich-Erzählerin versinkt in (Selbst)-Mitleid und ich kann sie dadurch noch weniger ernstnehmen.


Drei Tage lang kämpften die Ärzte um Julia, die nur noch von Maschinen am Leben erhalten wurde. Sie hatte schwerste Hirnquetschungen und eine Verletzung der Wirbelsäule erlitten, durch die sie, sollte sie je wieder aus dem Koma erwachen, für immer querschnittsgelähmt sein würde. Drei Tage, in denen wir die Hoffnung nicht aufgaben. Drei Tage Umarmungen und Mutzusprechung, drei Tage, in denen wir bei jedem Klingeln des Telefons zusammenzuckten, drei Tage Leben in Form einer Zickzacklinie auf dem Monitor der Herz-Lungenmaschine. Drei Tage, bis die durchgezogene Linie zeigte: Julia hatte den Kampf verloren.
Die vielen Wiederholungen von drei Tage lassen in mir eine gewollte Theatralik aufkommen.

Wir besuchten Dennis im Krankenhaus. Noch wusste er nicht, dass Julia tot war.
und:
Die Beerdigung fand am folgenden Tag statt. Dennis wusste mittlerweile, dass seine Freundin gestorben war. Ein Psychologe des Krankenhauses hatte mit ihm gesprochen.
Also das verstehe ich nun gar nicht. Hat Dennis keine Eltern, die ihm das sagen können? Wieso kann man so ein Thema nicht als Bestandteil des Lebens betrachten und normal damit umgehen?


Ein wichtiges Thema schneidest du mit dieser KG an, dass durch die berichtende Erzählweise für mich an Gewicht verliert.

Auch finde ich, wie anfangs schon erwähnt, deinen Einstieg sehr umständlich, das hängt auch mit der Stellung der Ich-Erzählerin zusammen. Ich denke, dass ist auch mein Hauptproblem, dass mich diese Perspektive nicht richtig an das Geschen heranläßt. Die Mutter eines anderen Kindes sinniert darüber, wie gemein doch die Welt zu der anderen Familie ist. Gibt es eigentlich keine Väter, die Probleme damit haben, mal so am Rande bemerkt? Die tauchen immer nur als Eltern auf, die Mütter viel öfter auch alleine.

Das alles hört sich nun sehr negativ an. Die Grundidee finde ich ansprechend, nur habe ich mit mit der Erzählerin meine Probleme :).


Liebe Grüße
bernadette

 

Hallo Goldene Dame,
Schön, dass du meine Geschichte gelesen hast.

Himmelsflecken hört sich in der Tat besser an als Flecken des Himmels.

Bezüglich der Sonnenstrahlen und des Regens:
Das hast du falsch verstanden.
Es hatte seit dem Unfall bis zum Tag ihrer Beerdigung nur gerregnet (und das ist wirklich so gewesen!). Die Geschichte wird jedoch viel später rückwirkend erzählt.

Bezüglich der Organspende: Ich sollte vielleicht besser schreiben: Die Eltern haben einer Organspende zugestimmt, anstelle von: Die Eltern haben 5 Organe ihrer Tochter gespendet. Welche das genau waren, kann ich dir jetzt auch nicht mehr genau sagen. Ich denke ich werde es in der Geschichte in 3 umändern, die Zahl tut ja auch nichts zur Sache, sondern die Tatsache, dass Eltern diese Entscheidung getroffen haben. Ich weiss noch, dass die ersten Gedanken meines Sohnes waren: Oh Gott, jetzt ist Julia leergeräumt, sie ist nur noch eine leere Hülle.

Hallo Bernadette,
auch dir vielen Dank für deine Kritik.

Den Satz mit dem gut entwickelt werde ich rausnehmen. Du hast Recht, dass könnte falsch aufgenommen werden.

Bezüglich des Sofas gebe ich dir ebenfalls Recht: unser Sofa klingt besser.
Zu deinen anderen Punkten:
Ich kann nur immer wieder sagen, dass diese Geschichte meine persönlichen Gefühle widerspiegelt. Ich persönlich empfinde eben so und bin deshalb sehr wahrscheinlich auch nicht objektiv genug. Ich habe eben eine Wut auf den Autofahrer.(habe bereits in einer vorherigen Kritik erläutert warum das so ist) Ich bin in diesem Fall kein Aussenstehender, der das ganze nüchtern betrachtet, sondern gefühlsmässig betroffen gewesen, weil mir das Mädchen sehr ans Herz gewachsen war und ich auch mit meinem Sohn gelitten habe, für den Julia so etwas wie eine Schwester gewesen ist.
Deswegen kommt die eine oder andere Formulierung vielleicht in den Augen Aussenstehender kitschig rüber.
Ich weiss auch nicht, wahrscheinlich hätte ich die Geschichte gar nicht hier reinstellen sollen, eben weil ich nicht objektiv genug an die Sache rangehen konnte.

Lg an euch beide
Blanca

P.S. Noch mal zum Thema Natur, was AndreaH angesprochen hat:
"Aber wenn man, wie hier die Ich-Erzählerin, die Natur als letzte, ontologische, Instanz an der Seite zu haben scheint im Kampf gegen das Böse (der Mercedesfahrer), so scheint mir das bedenklich."

So krass sollte das bestimmt nicht rüberkommen. Die Natur: Olivenbaum, Himmel, Blätter usw, war lediglich als Rahmen für die Geschichte gedacht.

 

Hallo,
habe nochmal ein paar Sachen abgeändert, zwecks der Schuldzuweißung und den Schluss etwas abgeändert.

LG
Blanca

 

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