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somewhere over the rainbow

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11.01.2010
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somewhere over the rainbow

Schweiß auf meinen Handflächen, meine Atmung wie nach einem hundert-Meter-Sprint, ihre Hand zum Greifen nah, meine Kehle wie zugeschnürt und trocken wie ein leeres Flussbett. Ich muss sie berühren, will ihre Haut spüren. Langsam und tief atmen, ermahne ich mich. Wir sind am Boden, beide, hocken nebeneinander mit dem Rücken zur Wand, kühler Beton. Ob sie mein Herz klopfen hört? Der Akku in meinem Smartphone ist noch nicht ganz leer. Immer wenn ich hier unten im Keller sitze, stecke ich mein Headset an. Dann das unverkennbare Ukulele-Intro, gefolgt von diesem sanften und langgezogenen uh-uh-uh … somewhere over the rainbow…

Es ist das einzige Lied auf meinem Smartphone. Ohne Internet kein Streaming, kein Radio, nichts. Ich spiele es in Dauerschleife. Solange bis der Hagel vorbei ist und wir wieder raus dürfen. Oftmals mehrere Stunden. Vorsichtig rücke ich näher zu ihr, nehme den funktionierenden Lautsprecherknopf aus meinem rechten Ohr, halte ihn ihr mit fragend hochgezogenen Augenbrauen vors Gesicht. Sie sieht mich an und sofort drohe ich, in ihren dunklen Manga-Augen zu versinken. Das warme Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielt, lässt mich endgültig dahinschmelzen.

Where troubles melt like lemon drops…

Ich neige meinen Kopf nach rechts, näher zu ihr und stecke ihr den vom Regenbogen trällernden Knopf ins Ohr. Schon als ich dabei ihr Ohrläppchen berühre, ist es, als ob mein ganzer Körper von einem Schwall wohliger Hitze geflutet wird. In unseren Gehörgängen klimpert nun die hawaiianische Ukulele. Sie lächelt. Wir scheinen tatsächlich diesem regenbogenlosen Jetzt und Hier ein wenig entfliehen zu können. Way up high, and the dreams that you dream of…

Meine Finger wagen nun endlich, die ihren zu berühren. Sie weichen nicht zurück, bewegen sich sogar den meinen entgegen, streicheln einander. Ihr Kopf lehnt sich an meinen. Ich drücke ihre Hand. Mein Puls gleicht jetzt dem Flügelschlag eines Kolibris. Wie lange hält mein Herz das aus? Aber ich atme tief und ruhig wie ein schlafendes Baby.

Dreams really do come true…

Vor ein paar Tagen, bei einem der letzten Hagel, habe ich sie das erste Mal gesehen. Mitten in der hektischen Menge, die sich zu uns nach unten drängte, war sie plötzlich da, wie die hell leuchtende Venus am dämmernden Abendhimmel. Niemand schien bei ihr zu sein, obwohl sie von einem Menschenknäuel umringt war. Unendliche Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, Spuren von Panik und Todesangst. Ihr langes schwarzes Haar klebte auf ihrer Stirn und in ihrem Gesicht. Sie war wunderschön. Staub auf ihrer sonnengebräunten Haut, blutige Kratzer an ihren Unterschenkeln. Ich habe sie nicht gesucht. Man sucht alles Mögliche an solchen Orten und in solchen Zeiten, nur keine Liebe. Aber ich habe sie dennoch gefunden. Oder hat sie mich gefunden? Als sie mir nur einige Meter gegenübersaß, auf dem rissigen Betonboden, ihre Arme um die angezogenen Beine geklammert und einen Hauch von Sicherheit um sich spürte, trafen sich unsere Blicke zum ersten Mal. Ganz kurz nur, aber einen winzigen Moment länger als üblich.

Ich war außer Stande, sie anzusprechen und hätte ohnehin keinen sinnvollen Satz zustande gebracht. Sie würde beim nächsten Hagel wieder hier sein. Da war ich mir sicher. Wo sonst? Der Wunsch sie endlich wieder zu sehen, war so groß, dass ich das irre Pfeifen der auf die Stadt herunterprasselnden Unheilbringer gefolgt von diesem erbarmungslos lauten Trommeln beinah herbeigesehnt habe. Dass dies früher oder später so kommen würde, war nicht nur mir klar. Wir haben das alles schon so oft erlebt. Todesangst und Panik wurden unsere täglichen Begleiter, sind zur Routine geworden. Und die Routine hat mit der Zeit der Angst den Schrecken genommen. Die Sehnsucht ihr nahe zu sein, war größer als jene nach Ruhe, Geborgenheit oder einem von Stille durchtränkten Himmel. Als ich vorhin in den Keller hetzte, begleitet vom Hämmern der Einschläge, sah ich sie bereits dort sitzen. Sie hat es geschafft. Ich weiß nicht, wo sie die Tage zwischen den Hageln verbracht hatte und wie sie es geschafft hat zu überleben. Jetzt hocke ich neben ihr, ganz nah.

Someday I’ll wish upon a star…

Während die friedvolle Melodie in einem Ohr säuselt und versucht, uns aus diesem Keller zu träumen, hält uns im anderen Ohr das Schluchzen der Kinder und das Jammern der verwitweten Mütter in diesem völlig überfüllten, nach Fäkalien stinkenden Schutzbunker gefangen. Draußen trommeln die Bomben im Rhythmus eines Heavy-Metal-Songs. Hier unten im Bunker besingt Israel die Schönheit der Welt wieder und wieder: what a wonderful world. Und ich kann sie tatsächlich sehen, die wundervolle Welt, weil sich unsere Hände ineinander verschlingen, sich ganz fest verschränken und Schmetterlinge in meinem Bauch flattern wie auf einer Frühlingsblumenwiese.

Bluebirds fly…

Behutsam, so dass ihr die Musik nicht verloren geht, legt sie sich seitlich auf den Boden, kauert sich zusammen wie ein Fötus im Mutterleib. Dabei zieht sie mich zu sich und ich kuschle mich von hinten an sie, lege ihr meine Wärme und Liebe wie einen Mantel um ihren zerbrechlichen Körper. Glückshormone überfluten meine Blutbahnen, machen mich zu einem Junkie, der nicht genug davon bekommen kann.

And the dreams that you dare to dream…

Die Frau, deren Namen ich nicht kenne und deren Stimme ich noch nie gehört habe, aber mit der ich zum vermutlich fünfundzwanzigsten Mal von diesem Regenbogen träume, ist mir so nah wie ein Mensch einem nur nah sein kann. Ich beobachte mich dabei, wie ich sie unablässig streichle. Von ihrem Hals abwärts über ihren Nacken verfolgen meine Finger die Topographie ihres Körpers. Über die samtweiche Haut ihrer Schulter, entlang ihres Armes wo ich sanft über ein Tattoo gleite. David, 2.2.2018 und Samuel, 3.9.2019 lese ich und verdränge die grausamen Vorstellungen in meinem Kopf vom Verbleib ihrer beiden Söhne. Als ich ihre Hand erreiche, greift sie fest danach, will sie nicht mehr loslassen. Luka, hauche ich ihr ins headsetlose Ohr. Ich sehe sie lächeln. Anna, haucht sie zurück, schließt ihre Augen und erfährt die Gnade eines hoffentlich alptraumlosen Schlafes.

Wann es genau aufgehört hat, kann ich nicht sagen. Irgendwann wurde es ruhig draußen, kein Trommeln mehr. Dann stiegen die ersten wieder nach oben, um sich in ihre Verschläge, Zelte und Häuser - oder was davon noch übrig war - zu verkriechen. Anna schien den Schlaf aufzuholen, der ihr in der letzten Zeit geraubt wurde. Wir sind die letzten, die den schützenden Bunker wieder verlassen. Nach einem Bombenhagel schmeckt die Luft immer nach Metall, riecht nach schwefeligem Rauch. Irgendetwas brennt immer irgendwo.

Warmer Sommerregen prasselt auf die zerbombte Stadt, ergießt sich über Mauern, die keine Mauern mehr sind. Über den Schutt und über verbrannte Erinnerungen. Vergeblich versucht das Wasser, das geschehene Unheil aus den Straßen zu spülen. Unter unseren Füßen schmatzt der Schlamm, durchnässte Fetzen kleben an unseren ausgemergelten Körpern.

Als sich die fetten, grauen Wolken zurückziehen und die Sonne dazwischen durchbricht, tüncht sie den Himmel über der Stadt in warme Goldtöne. Ein zarter Regenbogen spannt sich über die Ruinen der Stadt und zaubert ein müdes Lächeln auf unsere Gesichter. Für einen Atemzug scheint die Welt stillzustehen.

Dann das Grollen. Tief. Dumpf. Näherkommend. Die Umrisse der Kampfflugzeuge lösen sich aus dem bunten Himmel. Ein grotesker Widerspruch, ein Hohn auf alles, was Hoffnung heißt.

„Anna, wir müssen zurück in den Bunker“, sage ich, doch meine Stimme klingt fremd, wie durch Watte. Sie sieht mich an. Kein Zittern mehr in ihrem Blick. Nur Ruhe. Eine Ruhe, die mir Angst macht. Sie drückt meine Hand. Ein letzter, warmer Druck. Dann macht sie einen Schritt nach vorne, hebt das Gesicht in den Regen und summt leise, fast unhörbar …

somewhere over the rainbow…

Und in diesem Moment weiß ich, dass sie nicht mehr fliehen will. Und dass ich ihr trotzdem folgen werde.

 

Hallo @Luigi,
dein Text ist wirklich wunderschön, die Atmoshpäre die du malst ist praktisch spürbar. Und auch die Idee, das Lied "im Hintergrund weiterspielen zu lassen" und immer wieder in den Text einzugliedern habe ich so noch nicht gesehen, ist aber sehr interessant und hier auch toll gelungen. Ich habe eigentlich nur ein paar Oberflächliche Fragen, inhaltlich gefällt es mir sehr

in ihren dunklen Manga-Augen zu versinken.
Ich habe irgendwie das Gefühl, die Manga Augen stechen hier zu stark raus. Ginge nicht auch "Katzen-Augen" oder "Reh-Augen" oder so etwas?
Warmer Sommerregen prasselt auf die zerbombte Stadt, ergießt sich über Mauern, die keine Mauern mehr sind.
Ein schöner Satz, ich glaube aber, das zweite "Mauern" kannst du dir sparen, dann ließt es sich flüssiger.
Die Umrisse der Kampfflugzeuge lösen sich aus dem bunten Himmel. Ein grotesker Widerspruch, ein Hohn auf alles, was Hoffnung heißt.
Das ist mein Lieblingssatz aus dem gesamten Text, er fängt so wunderschön die Absurdheit von allem auf, die Verzweiflung, das Lied, einfach alles🤩
Und in diesem Moment weiß ich, dass sie nicht mehr fliehen will. Und dass ich ihr trotzdem folgen werde.
"Trotzdem" passt hier so irgendwie nicht. Entweder musst du sagen, dass er ihr folgt, trotz der Gefahr oder sowas, oder du sagst sowas wie das er ihr sofort/liebesblind/..., du verstehst schon.

Wie gesagt, ein wirklich schöner Text an den ich jetzt immer denken werde, wenn ich "Somewhere over the rainbow" hören werde.
LG Finn

 

Hallo Finn,
vielen Dank für deinen Kommentar, freut mich dass dir meine Story gefällt. Danke auch für die Inputs, werde ich einarbeiten.
LG
Helmut

 

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