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Sommernachtsreise

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06.02.2002
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Sommernachtsreise

Sommernachtsreise


Ich klebe an der Schwüle dieser schweren Nacht wie ein schwitzendes Insekt auf unsichtbarem Klebepapier, sollte so etwas denn überhaupt möglich sein.
Und nervigen Fliegen gleich umschwirren meine Gedanken anstatt einer Glühbirne wohl tiefere Erleuchtung, wobei ihnen in ihrer Nähe allesamt das Verglühen vorherbestimmt ist wie einem Wolframfaden.

Was soll ich noch mehr Worte verlieren über dieses unruhige Umhergewälze von einem Ende der Matratze zum anderen?
Statt Morpheus begegne ich Sisyphus. Wir unterhalten uns kurz über eben dieses Umherwälzen und die Entfremdung des Menschen zu seiner Arbeit, dann muss er weiter.

Da die meine anderen Göttern versprochen, nasche ich noch kurz von Prometheus´ Leber und ziehe frischgestärkt von dannen.
Eigentlich wäre die Geschichte schon längst erzählt, freilich fehlt ihr noch an Länge, und so führt mein steiniger Weg weiter durch mitternächtlichen Gedankenschutt talabwärts.

Ich drücke meinen Kopf tiefer in das Kissen hinein und finde in dessen Tiefen statt Erholung Metaphern, die mich heulend umschwirren, ich solle sie mitnehmen. Also bepacke ich mein Gedächtnis so weit ich kann und muss doch einen Großteil zurücklassen – tut mir leid, Freunde, aber ich bin bereits überladen.

Ärgerlich stößt der Mann im Kopf meine Augenlieder auf, gleich Fensterläden in einer Art Puppenhaus. Während er seinen Zorn über die gestörte Nachtruhe, in die Dunkelheit starrend, verrauchen lässt, nähert sich eine weitere lose Ansammlung sinnvoller Überlegungen ihrem baldigen, traumhaften Ende.
Soviel Zähigkeit die Zeit mir auch durch den monotonen Puls meines Quarzweckers entgegen zu schleudern vermochte, letztendlich werde ich triumphal einziehen in die wohlverdienten Traumwelten, denn ich entriss ihr in Minutenschnelle eine nette kleine Geschichte; da vermag mich auch die Nacht hitzig zu drücken, als gäbe es kein Morgen.

Wenigstens einigen meiner Gedankenfliegen ist mehr als ein Lebenstag beschert.
Es werde Licht, ich fixiere sie nachtblau auf Papier.

Sollten noch Fragen bestehen, so sei darauf hingewiesen, dass ich nun einmal ab und zu vermag, statt in prometheischem Fackelschein auf Knopfdruck Metaphern vor ewiger Dunkelheit zu erretten.
Und Sisyphus ganz bestimmt auch einmal müde wird.

 

Hallo Para,
wirklich ein seltsamer Text, der mir aber auf Grund seiner tollen, bildhaften Sprache sehr gut gefallen hat.
Besonders den ersten Satz finde ich absolut stark.
Allerdings kann ich mit dem Titel nicht soviel anfangen:
Sommernachtsreiche - Reiche, in Bezug auf die Reiche der Götter?
Oder sollte es heissen: Sommernachtsreise?
Eine kleine Sache ist mir noch aufgefallen:

Da meine anderen Göttern versprochen, nasche ich noch kurz von...

Müsste es hier nicht heissen: Da meinen anderen Göttern...

Auf jeden Fall ein Text, den man auch zwei oder dreimal lesen kann.

LG
Blanca

 

Hallo Blanca,
vielen Dank für´s Kommentieren.
Du hast eigentlich Recht, eine Änderung des Titels würde auch den Zusatz "Chronik einer zwanzigminütigen Reise" überflüssig machen. Ist gebongt.
Zu deiner zweiten Bemerkung muss jedoch leider sagen, dass die vorgeschlagene Verbesserung falsch ist. "Meine" bezieht sich auf die Leber, daher feminine Endung.
Viele Grüße,
...para

 

Ein Text, den man nicht zwei- oder dreimal lesen kann, sondern lesen sollte, um die wunderbare Sprache der Metaphern tief in sich eindringen zu lassen, verzweifelt hoffend, eine ebenso wundervolle Wortkonstruktion eines Tages selbst hervorbringen zu können!

Aragorn

 

Hi Paranova,

jetzt, wo Du es sagst, und ich den Satz noch mal gelesen habe, da hast Du natürlich Recht. :bonk:

LG
Blanca

 

Hallo Paranova,

danke für deinen Tipp, mir diese Geschichte ans Herz zu legen. ;)
Hat sich gelohnt! Schöne Umschreibung einer schlaflosen und doch geträumten Nacht mit der Fähigkeit des Protagonisten aufzuwachen und die Dinge niederzuschreiben.
So erlebe ich den Text inhaltlich.
Sprachlich hat es Freude bereitet deinen Wortbildungen zu folgen und ihre Bedeutung und den Sinngehalt zu entschlüsseln.
Am besten hat mir diese Formulierung gefallen, weil sie so stimmig insich ist und so deutlich macht, was teils nachts passiert:

"...und so führt mein steiniger Weg weiter durch mitternächtlichen Gedankenschutt talabwärts..."

Ich denke, ohne, dass ich hier wissenschaftliche Erkenntisse vorhabe zu beschreiben, dass unser Schlaf und die dazugehörigen Traumphasen dazu gedacht sind, unsere abertausenden Tageseindrücke zu sortieren und den Gedankenschutt abzuwerfen und besonders eindrucksvolle Erlebnisse des Tages nochmals in Form eines fulminanten Fantasietheaterstücks Revue passieren zu lassen. Das beschreibt dein Protagonist auf's Deutlichste.

Lieben Gruß
lakita

 

Die eigentliche Grundidee, die Handlung etc finde ich ganz wundervoll- vor allem, das die Geschichte bei diesem Thema lesbar und interessant ist, finde ich bewundernswert.

Auch die meisten deiner Metaphern haben mir gefallen. Ein Gegenbeispiel: Ein schwitzendes Insekt auf durchsichtigem Klebeband; und dann die Frage, ob das denn möglich ist (was genau, ist ja nicht eindutig bestimmt)?; Nun, Insekten können nicht schwitzen, aber im Rahmen einerMetapher nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu fragen, fidne ich ziemlich unnütz und störend. Hast du jau auch sonst nicht gemacht. Auch das Bild an sich gefällt mir nicht besonders (um jetzt hier mal subjektiv zu bleiben).

Sehr lustig: Sisyphos und die Entfremdung von der Arbeit... Ein Witz für Politik- und Lateinlehrer?
Ehrlich, ich finde den Gedanken klasse.

Dein Satz mit der Leber ist grammatikalisch natürlich richtig. Trotzdem hätte dir dein Deutschlehrer höchstwahrscheinlich einen Stilfehler gegeben. Ich würde empfehlen:
"Da DIE meine anderne Göttern versprochen,.."

Bedeutet das eigentlich, das du dich im Rahmen deser Geschichte als Gott ansiehst (was ja Sinn geben würde - der Herr der Bilder)? Hat das eine Auswirkung auf deine Beziehung zu den geringeren mythologischen Figuren? Steht da ein tieferer Gedanke hinter?

Der vierte Absatz (sowohl von oben, als auch von unten) gefällt mir am besten- er liest sich irgendwie sehr schön (ich musste den gleich dreimal hintereinander lesen irgendwie) und die Bilder sind so deutlich und einleuchtend.

"Licht an, jetzt werden sie fixiert, denn nachtblaue Tinte klebt gut sichtbar auf Papier. " - Diese Bilder klingen in meinen Ohren bemüht.

All-Apologies

 

Hallo Aragon, Lakita und all-apologies!
Vielen Dank für eure Mühe.

Bei dem ersten Satz, lieber all-apo, bleibe ich, denn das ist reine Geschmackssache, meines Erachtens (siehe: Blanca).
Warum sollte man die Metaphern nicht hinterfragen, wo man doch auch die ganze Zeit über darauf hinweist, dass es eine Geschichte ist, die man erzählt?

Um deinen Deutschlehrer zu beruhigen, habe ich ihm das besagt "die" geweiht und im Tempel meines Herzens eine Kerze für ihn angezündet ;)!
Zuerst entstand der gewisse Doppelbezug des "meine" auf sowohl Arbeit als auch Leber zufällig, so ehrloch muss man sein, aber ich finde, er geht schon in Ordnung, oder?

Nein, ein Gottgedanke steht da nicht hinter, selbiger bewahre! So überheblich bin ich dann doch nicht. Wusste auch gar nicht, dass man das so sehen kann, natürlich kommt Prometheus schlecht weg, aber andererseits hat er mich im Deutschunterricht genügend gequält und es kommt nirgends klar rüber, dass die beiden wirklich als "geringer" angesehen werden.

Schön, dass dir der vierte Absatz so gefallen hat, das höre ich natürlich sehr gerne.

Zu dem "konstruiert wirkenden" Satz: Da hast irgendwie Recht, das tut er, ich finde ihn auch nicht schön. Grundgedanke war es, den Anfangssatz im Kontrast zwischen "unsichtbar" und "gut sichtbar", "schwere Nacht" und "Licht an", bzw. den Gemeinsamkeiten "Klebepapier" und "klebt an Papier" sowie "Nacht" und "nachtblau" abzuschließen.
Ich sehe ein, dass er deshalb reichlich dumm klingt, und habe ihn geändert, ohne völlig zufrieden mit dem nachfolger zu sein.

Vile lieber Grüße euch allen,
...para

 

Die korrigierte Version finde ich gut.

Ausserdem möchte ich meine Kritik nocheinmall ein wenig relativieren: deine Geschichte ist dabei schlechter weggekommen, als ich beabsichtigt hatte.
Aber das sie sehr gut ist, weißt du ja schon.

 

Hallo Paranova,

Dein Protagonist wälzt sich zwischen Traum und Realität, so bilden seine Gedankeneindrücke ein Kaleidoskop von Metaphern. Ein Sommernachtstraum ist das ja nicht... aber die destruktiven Kräfte der Schlaflosigkeit werden in schöpferische des Schreibens umgewandelt.

Was hälst Du von folgenden Änderungsvorschlägen?

Glühen vorherbestimmt ist, wie einem ...

Wenigstens einige meiner Gedankenfliegen

Ich nasche noch kurz von P`s. Leber, da meine anderen Göttern ...

dass ich nun einmal ab und zu vermag - was? (dass ich das XY nur ab und zu vermag ?).

Alles Gute,

tschüß... Woltochinon

 

Hallo mein Lieblings-Woltochinon! :lol:
Herzlichen Dank für´s Lesen und die Änderungsvorschläge.


"Glühen vorherbestimmt ist, wie einem ..."
Komma ist hier vielleicht möglich, widerspricht aber meinem Sprachempfinden.

"Wenigstens einige meiner Gedankenfliegen"
Jupp, das nehm ich.

"Ich nasche noch kurz von P`s. Leber, da meine anderen Göttern ..."
Gut möglich, aber nötig?

"dass ich nun einmal ab und zu vermag - was? (dass ich das XY nur ab und zu vermag ?)."

Sollten noch Fragen bestehen, so sei darauf hingewiesen, dass ich nun einmal ab und zu vermag, (...) auf Knopfdruck Metaphern vor ewiger Dunkelheit zu erretten.

Viele Grüße,
...para

 

Und noch'n feines Häppchen,

...para.

Wir schlecht schlafenden, dann Dauermüden oder Kurzschläfer haben's mit'n Mythen. Das ist keine >Sommernachtsreise<, sondern ein Sommernachtsalptraum: Insekten, flieg(h?)ende Gedanken, statt Morpheus Sisyphos, der von seiner Arbeit abgehalten wird, der Titan Prometheus wird von Dir angenagt. Nach einem bekannten Bestseller wächst die Leber mit ihren Aufgaben, was hier widerlegt wird. Der ironische Schlenker >Eigentlich wäre die Geschichte schon längst erzählt, freilich fehlt ihr noch an Länge, und so führt mein steiniger Weg weiter durch mitternächtlichen Gedankenschutt talabwärts<, doch eigentlich wär alles wert, zitiert zu werden. >Was soll ich noch mehr Worte verlieren über dieses unruhige Umhergewälze von einem Ende der Matratze zum anderen?<, womit Du ein feines Schlusswort für diesen Beitrag lieferst.

Gruß

Friedel

 

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