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Spätes Glück

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07.10.2020
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Spätes Glück

Das Café war das älteste der Stadt. Es lag am ehemaligen Marktplatz, umgeben von historischen Fachwerkbauten aus der Hugenottenzeit und zusammen mit einem alten Gemüseladen und einer Pizzeria, die eigentlich so gar nicht in dieses historische Aussehen passten, durchbrach es die alten Stadtmauern, die den Platz mit dem Brunnen umgaben. In den vergangenen Jahren waren dieses Café und der Platz immer mehr zu einem beliebten Treffpunkt des Viertels, eines der Ältesten der Stadt, geworden. Die meisten Bewohner kannten sich, weil sie hier geboren und aufgewachsen waren.
Karlheinz Hanke, Kalle genannt, hatte das Café von seinen Eltern übernommen und nach und nach renoviert und modernisiert. Schließlich hatte er es zu einem kleinen Restaurant umgebaut. In dieser Zeit lernte er Gerda kennen, sie war mit ihren Eltern erst kürzlich aus der Stadt in das Viertel gezogen.
Manchmal kam sie mit ihren Eltern zum Nachmittagskaffee und so kamen sie ins Gespräch. Nach einiger Zeit entdeckten sie ihre Sympathie zueinander und wurden schließlich ein Paar. Anfangs waren Gerdas Eltern gegen diese Beziehung, aber nicht weil Kalle ihnen nicht sympathisch war, sondern sie dachten eher, dass so ein Restaurant ja viel Arbeit machen würde und es nicht viel Freizeit gab. Auch Kalles Mutter konnte sich nicht vorstellen, dass Gerda, wie sie, stundenlang in der Küche stehen würde. Kalle war es ja von Jugend auf gewöhnt und das Café lag ihm wirklich am Herzen. Spätestens, wenn den Mädchen klar wurde, wieviel Zeit das Restaurant kostete, endeten die bisherigen Beziehungen. So hatte Kalle es aufgegeben, engere Beziehungen einzugehen.
Bei Gerda hatte Kalle aber von Anfang an das Gefühl, dass es mit ihr anders sei. Als Kalle ihr eines Tages beim Kaffee von den Befürchtungen seiner Mutter erzählte, sah sie ihn an, stand auf und ging in die Küche, wo Kalles Mutter gerade die Vorbereitungen für ein Abendessen traf. Es hatte sich eine Gruppe für eine Familienfeier angemeldet. Ohne zu zögern band Gerda sich eine Schürze um und putzte das Gemüse. Zurückhaltend begann die Mutter mit ihr zu sprechen, erklärte, was als Nächstes zu machen sei und gab Anordnungen, die Gerda bereitwillig ausführte, während Kalle ungeduldig wartete, dass Gerda zurückkam.
Schließlich stand er auf um nachzuschauen, was sich tat. Als er Gerda gerade beim Namen rufen wollte, hörte er die beiden Frauen, wie sie sich unbefangen unterhielten und ja, er hörte seine Mutter herzlich lachen. Er erinnerte sich nicht, wann seine Mutter das letzte Mal so aufgeräumt und offen mit jemandem geplaudert hatte. Meist blieb sie im hinteren Bereich des Restaurants und überließ ihrem Mann und Kalle die Bedienung der Gäste.
Mit der Zeit wurde es zur Normalität, unter der Woche kam Gerda nach der Arbeit und ging direkt nach hinten in die Küche, schnell sah sie, welche Arbeiten anstanden. So ergab es sich, dass Kalles Mutter fragte, ob sie am kommenden Wochenende Zeit hätte, es hätten sich zahlreiche Personen sowohl zum Mittagessen als auch zum Kaffee und Abendessen angemeldet. Abwartend schaute sie Gerda an. Gerda antwortete mit einem “Natürlich, ich dachte es wäre Ihnen schon klar geworden, dass Kochen meine Leidenschaft ist und ich sehr gerne helfe. Außerdem habe ich viel von Ihnen gelernt und hoffe, noch mehr zu lernen.” “Eigentlich habe ich es mir gedacht aber ich meine, Fragen ist doch besser und”, sie machte eine Pause, “wir könnten uns doch duzen, da arbeitet es sich noch besser.” “Herzlich gern”, Gerda drehte sich um “und nun an die Arbeit.”
Es stellte sich heraus, dass sie, trotz ihrer jungen Jahre, eine ausgezeichnete Köchin war, und das Restaurant ging sehr gut. Vor allem an den Markttagen hatten sie sehr viele Gäste. Das sprach sich schnell herum.
Ein Jahr nachdem Kalle und Gerda sich verlobt hatten, heirateten sie. Gerda ließ es sich nicht nehmen, bei den Vorbereitungen zu helfen und selbst mit Hand anzulegen. Lachend meinte Kalle: “Aber zur Hochzeit nimmst du dir schon frei, oder?”
Gerda konnte nicht nur sehr gut kochen, sondern verfügte außerdem über ein hervorragendes Organisationstalent und war zudem auch sehr kreativ, so kamen auch immer öfter Gäste aus der Umgebung, um ihre Familienfeiern oder andere Feste bei Ihnen abzuhalten.
Als sie dann aber nach kurzer Ehe bei der Geburt ihres Sohnes, der auch nur einige Stunden lebte, starb, ging es ein wenig abwärts. Kalle hatte sich zurückgezogen und so führten die Eltern wieder eine Zeitlang das Restaurant. Wegen ihres Alters hielten sie es, außer an den Markttagen, nur stundenweise geöffnet. Mit der Zeit blieben daher die Gäste aus und Kalle entschied sich, wieder die Geschäfte in die Hand zu nehmen. Als er dann wieder das Restaurant bewirtete, nannte er es zur Erinnerung an seine Frau in “Gerda” um, was bei seinen Gästen einstimmig Gefallen fand.
In der ersten Zeit half ihm Luisa, eine langjährige Freundin und die Frau seines besten Freundes und Stammgastes, Johann. Luisa und Kalle kannten sich seit der Schulzeit und waren auch eine Zeitlang zusammen.
Zunächst kam sie jeweils vormittags und half bei der Vorbereitung des Mittagsmenüs und dann am späten Nachmittag zur Kaffeezeit und blieb, bis die letzten Gäste gegangen waren. Ihr Mann Johann, kam meistens etwas später nach, spielte mit seinen Freunden Karten und ging dann mit Luisa zusammen nach Hause.
Kalle konnte oder wollte keine Feiern mehr ausrichten, und als dann Luisa ihr erstes Kind bekam, nahm Kalle nur noch ab und zu kleinere Feste an, doch mit der Zeit trafen sich fast nur noch die Bewohner des Viertels zum Kartenspielen oder um Neuigkeiten auszutauschen.
Eines Nachmittags war Peter, einer der Stammgäste, völlig aufgewühlt und fassungslos mit der Nachricht ins Café gekommen, dass Johann wegen eines Schlaganfalls ins Unfallkrankenhaus gebracht worden war und im Sterben läge. Was sich aber gottseidank nicht bewahrheitete, später erfuhr man dann, dass er zwar überlebt hatte aber linksseitig gelähmt war.
Als Johann nach einigen Wochen entlassen wurde, war er mit der Welt im Allgemeinen und mit seiner Frau Luisa im Besonderen, unzufrieden. Er konnte sich nur noch durch Zeichen, unartikulierten Worten und Ausbrüchen mitteilen.
Luisa war schon immer gerne auf den Platz gekommen, sie setzte sich auf eine der Bänke, die den Platz umgaben: im Sommer im Schatten unter den Erlen, im Winter in die Sonne. Sie las oder unterhielt sich mit den anderen Besuchern.
Jetzt, nach der Entlassung ihres Mannes, zog sie es vor, sich etwas abseits zu setzen, um mitleidige Blicke und neugierige Fragen zu vermeiden. Sie blieb eine Weile dort, bis ihr Mann Johann, der neben ihr im Rollstuhl saß, sie wissen ließ, dass er müde war und nach Hause wollte.
Johann, eigentlich ein umgänglicher Typ, war früher immer makellos gekleidet, in seiner Vicuña-Hose und seiner Tweedjacke mit Ellbogenflicken sah er wie ein echter Landherr aus. Man schätzte ihn, weil er sehr gut und anschaulich erzählen und man mit ihm über alles sprechen konnte. Johann war viel gereist und hatte daher viel gesehen. Er sprach es zwar nie aus, aber es war deutlich, dass ihm das Viertel ein wenig zu eng war.
Nur wenn er beim Skat den Trumpf verlor, stand er auf, stieß seinen Stuhl beiseite, warf die Karten auf den Tisch und beleidigte die Mitspieler, besonders den armen Peter, seinen Nachbarn, den einzigen unter den Gästen, der zum Schluss noch bereit war, mit ihm zusammen zu spielen.
Nach seinem Ausbruch verließ er dann meist grußlos die Bar und schlug die Tür hinter sich zu. Zu Hause mussten dann auch Luisa und die Kinder seine Wut ertragen und manchmal, so hörte man, sollte er sogar die Hände gegen sie erhoben haben.
Sobald Luisa mit ihrem Mann auf dem Platz erschien, ging Kalle auf das Paar zu und fragte: "Wie geht es dir heute, Johann? Soll ich euch etwas bringen? Der Mann antwortete mit einem Grunzen und Luisa übersetzte: "Heute ist es nicht schön", was bedeutete, dass es kein guter Tag war. Dann kehrte Kalle zurück zu seinen Gästen ins Café.
Ihm und auch den anderen Bekannten, fiel auf, wie sehr sich Luisa verändert hatte. Sie wirkte eingeschüchtert, traurig, ja teilnahmslos und vermittelte den Eindruck, dass sie mit niemandem reden wollte und auch die Kinder kamen immer seltener zu Besuch.
Ein paar Jahre waren vergangen, niemand erinnerte sich mehr so genau. Peter kam eines Morgens verstört mit der Nachricht ins Café, dass Johann in der Nacht verstorben sei. Da er in unmittelbarer Nachbarschaft von Luisa und Johann wohnte, hatte er alles mitbekommen. "Was für eine Befreiung für diese arme Frau!", fügte er bitter hinzu. "Zuletzt wurde er durch die Krankheit immer unverträglicher."
"Oh ja, es muss nicht einfach gewesen sein, sich um ihn zu kümmern.", bestätigten die Zuhörenden, trotz eines gewissen Bedauerns.
„Weil er nicht sprechen konnte und wenn er etwas wollte, machte er sich durch diese Schreie verständlich und Luisa bemühte sich verzweifelt, ihm seine Wünsche zu erfüllen.”
"Ja, aber was sollte sie denn sonst tun, die arme Frau?", fragte Kalle, “die Kinder kamen ja nur noch selten und helfen konnten sie ja auch nicht.”
"Ah! Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte ich ihn ins Pflegeheim gebracht”, gab Peter sarkastisch zurück und sah sich suchend nach Bestätigung um. Die meisten unter den Gästen waren seiner Meinung.
Luisa verließ für lange Zeit nicht das Haus. Peter behauptete, sie sei zu Hause geblieben, um zu trauern, weil sie Johann trotz allem geliebt hatte, was für ihn unverständlich war.
Dann, nach ein paar Wochen, erschien Luisa unerwartet .
Kalle nahm gerade eine Bestellung auf, als sie in die Bar trat und grüßte. Kalle erwiderte den Gruß und wandte sich wieder seinem Gast zu. Er hielt plötzlich inne und drehte sich noch einmal erstaunt um, er traute seinen Augen nicht.
“War das Luisa?”, fragte er sich. Sie hatte sich verändert, eine schöne elegante Dame, gepflegte Haare, bekleidet mit einer modernen weißen Hose und eleganter Bluse, hüftlanger Jacke und modernen Schuhe anstatt der üblichen einfachen Kleidung, die sie trug, wenn sie mit Johann auf den Platz kam. Kalle näherte sich ihr, als sie sich an einen der Tische im Freien setzte.
Sie hatte sich früher eher unauffällig gekleidet, weil Johann auch schon vor seinem Schlaganfall eifersüchtig war und es nicht gerne sah, wenn Luisa von den anderen Gästen angesprochen wurde. Er scheute sich nicht, ihr dann auch vor allen Anwesenden eine Szene zu machen.
«Guten Morgen, Luisa, was für eine Überraschung!”, gab er seinem Erstaunen Ausdruck. “Wie geht's? Du siehst gut aus."
"Eigentlich geht es mir gut, danke", antwortete sie, senkte die Augen und errötete ein wenig.
“Es ist schön, dich wiederzusehen! Was kann ich dir bringen?"
"Einen Cappuccino und ein Brioche, bitte."
Einige Minuten später kam Kalle mit der Bestellung zurück, "Hier, bitte!", und stellte alles auf den Tisch und fragte, ob er sich einen Moment zu ihr setzen könne. Es gab nur einige Gäste, die er aber schon alle bedient hatte.
“Der Johann hat mir so leid getan”, begann er zögernd, “gut, er war schon eine Weile krank, aber er war nicht alt. Wie alt war er?"
Luisa schaute ihn an, eigentlich wollte sie nicht über das Vergangene sprechen aber Kalle war nun mal ein alter Bekannter und Kalle und sie hatten ja oft Zeit in der Bar verbracht. Vor allem Johann beim Kartenspielen.
"Fünfundsiebzig", antwortete sie trocken.
"Eh! Er hätte noch ein bisschen länger weitermachen können “, seufzte Kalle
"Nein, um Himmels willen!", rief Luisa aus und bereute sofort diesen Ausbruch. Sie trank den Cappuccino, bezahlte, stand auf und ging. Kalle sah ihr nachdenklich hinterher, wie musste sie gelitten haben?.
Auch in den folgenden Tage wiederholte Luisa den Besuch im Café, bestellte sich immer das Gleiche: Cappuccino, ein Croissant und führte ein Gespräch mit Kalle, der nun nach und nach alles über Luisa und ihre letzten Jahre mit Johann erfuhr.
Luisa war mit ihren fast siebzig Jahren wieder zu einer attraktiven Frau geworden. Es war, als hätte sie die letzten Jahre einfach abgeschüttelt. Zwar hatte diese Zeit Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen aber es war offensichtlich, dass sie entschieden mehr Wert auf ihr Äußeres legte, als früher.
Sie erzählte auch von ihren zwei Enkelkindern im Alter von zehn und elf Jahren, die sie nur dreimal gesehen hatte, weil die Kinder weit entfernt lebten. Demnächst würde sie sie besuchen.
in letzter Zeit hatten sie sich nicht mehr so häufig gesehen; erstens wohnten sie weit weg und zweitens wegen Johann. Sie konnten es nicht ertragen, wie er ihre Mutter behandelte. Sicher tat ihnen ihr Vater und Opa leid aber auch ihre Mutter. Einige Male hatten sie ihre Mutter versucht zu überreden, ihn in ein Pflegeheim zu bringen, was Luisa immer entschieden ablehnte. Sie sah es nun mal einfach als ihre Pflicht an, sich um ihren Mann zu kümmern. Luisa entgegnete ihnen immer wieder, umgekehrt würde Johann sie ja auch nicht abschieben, wie sie es nannte. Was ihre Kinder aber immer vehement bezweifelten.
Schließlich fanden sich ihre Kinder damit ab und schränkten die Besuche ein und riefen nur noch an, um zu erfahren wie es ihren Eltern ginge.
Ein paar Mal besuchten Luisa und Johann die Kindern einige Tage, wenn der Wunsch sie zu sehen in Luisa übermächtig wurde. Natürlich nahm sie auch Johann mit aber das war sehr anstrengend und Luisa, die sehr feinfühlig war, verstand, dass es für die Kinder erträglicher sei, sich auf die Telefonanrufe zu beschränken.
Was Johann betraf, gefiel ihm die Stadt, in der die Kinder wohnten und er machte deutlich, dass er öfter und länger bei seinen Kindern verweilen wollte. Luisa begründete es ihm einfühlend damit, dass die Wohnung für so viele Personen doch ein wenig eng sei, schließlich waren sie zu sechst.
„Ich habe ihn geliebt, auch wenn er in letzter Zeit so griesgrämig war. Das kann man ja auch verstehen, einer der so viel gereist und aktiv war. Auf einmal in einem Rollstuhl zu sitzen, sich nicht mehr richtig verständlich machen zu können, war für ihn doppelt schwer zu ertragen. Na ja, jetzt hat er seinen Frieden gefunden, ehrlich gesagt, manchmal war es mir schon Zuviel und ich habe es fast nicht mehr aushalten können “, fügte sie mit leiser Stimme hinzu.
«Luisa, sag das nicht aber ich kann dich verstehen. Ich bin sicher, du vermisst Johann ».
"Ja, schon. Natürlich musste ich mich an die Stille gewöhnen , ich wusste gar nicht mehr wie das ist, wenn niemand immerzu nach einem verlangt, vor Schmerzen schreit und stöhnt, sich nicht verständlich machen kann. Anfangs schämte ich mich, dass ich mir jetzt diesen Luxus gönne, jeden Morgen in Ruhe Kaffee zu trinken und mit dir sprechen zu können. Trotzdem gehen meine Gedanken oft zu Johann und ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wäre er nicht krank geworden. Wir wollten noch reisen, die Kinder besuchen und noch einige Jahre gemeinsam verbringen.”
Kalle merkte, dass sie etwas unruhig, ja verlegen wurde. “Luisa, was ist? Hast du Probleme? Wenn du reden möchtest, ich höre dir zu.”
Luisa sah ihn unsicher an, sie schien zu überlegen, ob sie sich ihm tatsächlich anvertrauen konnte.
Sie nahm allen ihren Mut zusammen und mit zittriger Stimme brach es aus ihr heraus: “In letzter Zeit habe ich viel über die Vergangenheit nachgedacht, ich hatte ja genug Zeit dazu. Immer öfter kam mir ein Mann in den Sinn, den ich seit langem kenne und der auch einsam ist.”
Kalle schaute sie überrascht an: "Wer ist es? Kenne ich ihn? Ist es jemand von hier?"
Luisa schaute ihn fest an und dachte, jetzt oder nie. "Sicher, du bist es!" Sie hielt den Atem an, wie würde Kalle reagieren?
Kalle stand ruckartig auf und ging an die Bar, schaute sich verlegen um und tat so, als würde er etwas nehmen. Das hätte er nicht erwartet. Was sollte er darauf antworten?
Sicher, er kannte Luisa seit Jahren, die meiste Zeit aber eben als Ehefrau seines Freundes. Luisa war eine gute Ehefrau und Mutter, hilfsbereit und im Viertel schätzte man sie. Auch während sie ihren Mann so aufopfernd pflegte, half sie, wenn sie gebraucht wurde.
Kalle hatte nach dem so frühen Tod seiner Frau immer mal Bekanntschaften aber irgendwie konnte er sich nicht entscheiden, noch einmal zu heiraten. Er widmete sich ganz seinem Café und seinen Gästen. Er fühlte sich auch nicht einsam, wenn er abends in seine Wohnung ging, er wohnte über dem Café, war er sehr müde und eigentlich froh, dass er alleine war.
Nachdenklich ließ er die letzten Jahre an sich vorüberziehen. Lange bevor er Gerda kennenlernte, war er mit Luisa zusammen gewesen. Sie gingen in die gleiche Schule, unternahmen viel gemeinsam und hatten die gleichen Freunde, alle aus dem Viertel. Erst nach der Schule verloren sie sich aus den Augen. Kalles Eltern wollten, dass er das Café übernahm und Luisa fand eine Arbeitsstelle in der Stadt, einem angesagten Modegeschäft. Manchmal trafen sie sich noch auf dem Platz, doch hatte jetzt jeder seinen eigenen Freundeskreis und so sahen sich sich meist nur noch zufällig. Erst nachdem Luisa und Johann geheiratet hatten, erneuerten sie ihre Freundschaft, die jetzt auch die beiden Ehepartner einbezog.
Kalle drehte sich um und sah Luisa sinnend an. “Was erwartete sie von ihm?”, frug er sich. “Welche Antwort?”, Kalle war ziemlich verstört. Langsam ging er zum Tisch zurück, an dem Luisa saß und ihren Kaffee trank, der musste doch in der Zwischenzeit kalt geworden sein, dachte Kalle und nahm einen frischen Kaffee mit. Er stellte die Tasse vor sie hin und räusperte sich: “Luisa, du hast mich ganz schön aus der Fassung gebracht mit deiner Erklärung.”
Sie schaute ihm direkt in die Augen, “ich erwarte nicht, dass du mir sofort eine Antwort gibst. Ich musste nur eben an die vergangenen Jahre denken. Erinnerst du dich, als Johann damals mit seinen Eltern und Geschwistern hier in das Viertel gezogen war, er wurde schnell zum Mittelpunkt. Weißt du noch, wie er von seinen Reisen erzählte? Wie er sich kleidete und wie gewandt er war? Und als mir dann bewusst wurde, dass er vor allem mir seine Aufmerksamkeit gönnte, fühlte ich mich geehrt.
Eines Tages, ich kam etwas früher von der Arbeit nach Hause, hörte ich seine Stimme im Wohnzimmer. Er unterhielt sich lebhaft mit meinen Eltern. Ich ging hinein, neugierig, was denn Johann von meinen Eltern wollte. Meine Mutter nahm mich in die Arme und flüsterte mir ins Ohr: “Meine Liebe, Johann hat um deine Hand angehalten.” Ich erstarrte, ungläubig schaute ich Johann an, damit hatte ich nicht gerechnet.
In den nächsten Tagen machten meine Eltern schon Pläne. Anfangs wehrte ich mich dagegen, sagte ihnen, dass ich doch mit dir zusammen sei aber davon wollten sie nichts hören. Schließlich gab ich den Widerstand auf. Ich sehe noch heute dein Gesicht vor mir, als ich es dir sagte. Enttäuscht, traurig und verletzt. Wenn du nur den Mut gehabt hättest, dagegen zu kämpfen. Dein Verhalten verstand ich dann so, dass es vielleicht doch nicht die große Liebe war.
Einige Zeit später hörte ich dann, dass du dich mit Gerda, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, verlobt hattest. Ich dachte, “gut, wenigstens hat er das auch überstanden. Hoffentlich wird er glücklich.”
“Im Gegensatz zu deiner Hochzeit war meine sehr pompös”, erinnerte sie ihn “Fast war dein Restaurant zu klein für alle Gäste. Und du hattest ja nur im engsten Familienkreis geheiratet.”
Luisa hielt inne, was war ihr nur eingefallen, nicht einmal mit Johann hatte sie so offen über sich gesprochen. Unsicher schaute sie Kalle an, würde er jetzt den Umgang mit ihr abbrechen? Konnte sie nun nicht mehr so unbefangen ihren Kaffee trinken und ihre Gespräche mit ihm genießen?
Scheinbar suchte Kalle nach einer Antwort, er räusperte sich mehrmals und sagte dann stockend: “Ja, Luisa, du hast recht. Das hat mich damals sehr verletzt und traurig gemacht. In den Tagen zuvor hatte ich meinen Eltern schon mitgeteilt, dass ich dich fragen würde, ob du mich heiraten möchtest. Meine Eltern hatten einige Bedenken wegen des Cafés. Sie meinten, ob du das alles aushalten würdest, die vielen Stunden im Café, die Vorbereitungen, hinterher das Aufräumen und wenn dann noch Kinder kämen, sie sprachen ja aus Erfahrung. Aber ich war mir sicher, dass du die Richtige warst. Und dann das! Es war nicht leicht, meine Eltern, besonders meine Mutter waren überzeugt, dass du nur einen Ausweg gesucht hast, mich zu verlassen, außerdem könne dir Johann ja etwas bieten, wie sie bitter sagte. Vielleicht hätten wir beide damals doch um unser Glück kämpfen sollen, trotz des Widerstandes unserer Eltern. Aber was vorbei ist, ist vorbei. Belassen wir's dabei.”
Luisa nahm seine Hand, schaute ihn an und erwiderte leise: “Ja, Vergangenes kann man nicht ändern aber jetzt sind wir beide frei. Überleg es dir, ich kann warten.”
Für eine Weile saßen sie Hand in Hand still am Tisch, sahen sich nur an. Plötzlich fragte sie: “Gibt es eigentlich noch das kleine Tanzcafé in der Stadt, wo wir samstags immer hingegangen sind?”
Kalle blickte auf, "Gott! Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich bin immer hier". Weißt du, Gerda und ich hatten ja keine Zeit zum Ausgehen. Meine Eltern haben sich nach unserer Hochzeit zurückgezogen und uns alles überlassen. Nur ab und zu halfen sie aus, wenn es hoch her ging. Aber ansonsten kamen sie nur noch auf einen Kaffee vorbei.
“Was sagst du, könnten wir eines Abends zusammen gehen? ", Luisa schaute ihn fragend an.
Sie versucht es wirklich, dachte Kalle, erstaunt darüber, dass diese Worte von einer Frau stammten, die seit einem Jahr Witwe war, und dass sie an ihn gerichtet waren, der Jahre nach dem Tod seiner Frau immer noch allein war. Hatte sie tatsächlich die Gefühle für ihn bewahrt?
"Ich weiß nicht. Ich bin nicht so sehr einer, der tanzen geht. Ich werde darüber nachdenken.”
Luisa hatte bezahlt und ging: “Bis morgen.”
Kalle blieb nachdenklich zurück. Natürlich war sie sehr attraktiv: Sie sah trotz ihres Alters gut aus und die Gespräch mit ihr waren immer brillant sie erinnerte sich an Episoden, die er schon lange vergessen hatte. Es wäre nichts Falsches daran, mit ihr tanzen zu gehen, aber wenn sie jemanden traf, wusste sie, wie er sich rechtfertigen würde? Und was wäre im Dorf gesagt worden? Sie war so kurze Zeit Witwe gewesen! Und er war so lange allein gewesen!
„Hey, Kalle, tröstest du die Witwe?“ Seine Kunden hätten sich über ihn lustig gemacht. Oder: “Hast du dich endlich entschieden, wieder zu heiraten?! Du hättest dir aber eine Jüngere wählen können.”
Am nächsten Morgen wartete er gespannt darauf, dass Luisa kam.
"Für ein paar Tage, Kalle, wirst du mich nicht sehen", verkündete sie einige Wochen später eines Morgens.
Er sah sie fragend an.
„Ich mache eine Kreuzfahrt. Eine Woche".
"Ach ja, und wohin soll's gehen? “


“Ins Mittelmeer, Griechenland”, dass war schon immer mein Traum. Johann hatte mir davon erzählt.”
„Und mit wem gehst du?“, erlaubte er sich zu fragen und fühlte ein bisschen Eifersucht aufkommen.
"Ich habe nur für mich gebucht Was sagst du, könntest du auch kommen?”
"ICH? Und was mache ich mit dem Café? Wem überlasse ich es? Ich müsste es schließen "
"Hast du denn niemanden, der dich für ein paar Tage ersetzen könnte? "
“Das kommt jetzt so plötzlich, ich brauche Zeit zum Überlegen.”
«Und? Du wirst sehen, nach unserer Rückkehr werden alle Kunden wieder da sein. Sie werden neugierig darauf sein, was du zu erzählen hast.”
Aber Kalle konnte sich nicht entscheiden. In den folgenden Tagen war er ungewöhnlich still und der herzliche Empfang, mit dem er normalerweise seine Kunden bediente, fehlte. Er hatte sich in einen weniger herzlichen Menschen verwandelt und es schien, dass er der mit seinem Kopf ganz woanders war.
“Er ist verzweifelt, weil Luisa alleine eine Kreuzfahrt macht!”, meinte Peter ironisch. Kalle wurde bis zu seinem schütteren Haar rot.
Endlich war die Woche vorbei. Kalle hatte es kaum erwarten können, dass Luisa zurückkam. Er hatte es sich reiflich überlegt und beschlossen, ihr zu sagen, dass er mit ihr tanzen gehen würde, dass er sie mitnehmen würde, wohin sie wollte und dass er mit ihr zusammen sein wollte.
Er sah sie schon von Weitem. Er stand hinter der Theke und versuchte, Gleichgültigkeit vorzutäuschen. Er folgte ihr mit den Augen, als sie den Platz überquerte. Sie sah noch attraktiver aus und sichtlich erholt. Er war genauso aufgeregt wie damals, als er seine verstorbene Frau gebeten hatte, ihn zu heiraten, er war so nervös , dass er den älteren grauen, gebräunten Herrn, der ihr folgte, nicht einmal bemerkte.
Er räusperte sich: “Oh Luisa, willkommen zurück! Hast du deine Ferien gut verbracht? Du siehst sehr gut und erholt aus "
"Oh ja, sehr gut, danke! Ich habe dir viel zu erzählen."
Der Herr hatte sich mit ihr an den Tisch gesetzt. Kalle fragte sich, wer er sei. Er wandte sich an Luisa, “Was kann ich dir bringen?”
"Das Übliche, Kalle” sie machte eine Pause, “für zwei, bitte!"
Kalle hielt in seiner Bewegung inne, ungläubig schaute er von Luisa zu diesem Unbekannten am Tisch. Dieser schmunzelte und Kalle verstand. Er nahm die Bestellung auf und ging zum Tresen.
“Nein, nicht schon wieder! Diesmal nicht, dachte er kämpferisch.” Während er das Kaffeekännchen, die Kaffeetassen, den Zucker, das Milchkännchen und die die Croissants auf ein Tablett stellte, beobachtete er die beiden aus den Augenwinkeln. Irgendwie war etwas Vertrautes zwischen ihnen, als ob sie sich schon länger kannten. Er schüttelte den Kopf, Eifersucht stieg in ihm auf. Langsam ging er auf den Tisch zu und servierte.
Er wollte zurück an den Tresen, drehte sich aber um und sagte: “Luisa, ich muss dich sprechen. Allein”, dabei sah er den Unbekannten provozierend an.
“Ja, morgen früh beim Kaffee, wenn es dir recht ist. Jetzt muss ich erst einmal meine Koffer auspacken und mich ein bisschen ausruhen.” Der Unbekannte zahlte für beide und erhob sich ebenfalls. “Ja dann, bis morgen also.” Ohne weitere Worte gingen sie weg, Kalle schaute ihnen nach, bis sie an der Ecke zu Luisas Wohnung aus seinem Blickfeld verschwanden.
Die wenigen Gäste, die sich im Café und draußen an den Tischen befanden, hatten diese Szene interessiert mitverfolgt. Peter, der den Gemütszustand seines Freundes am besten kannte, weil er ihm davon erzählt hatte, stand auf und ging zu Kalle in die kleine Küche hinter dem Tresen. “Du wirst doch nicht auch dieses Mal kampflos aufgeben, oder?”, raunzte er ihn an. Kalle verneinte, schüttelte energisch den Kopf, “diesmal nicht, auf keinen Fall.”
Die Zeit verging kaum, als gegen Abend keine Gäste mehr da waren, entschloss sich Kalle zu schließen. Er räumte auf und wollte zur Wohnung hinauf. Er ging nochmal kurz hinaus, es war ein milder Abend und so entschloss er sich, durch das Viertel zu laufen. Sinnend ging er seinen Weg, dann stand er auf einmal vor Luisas Haus. Im ersten Moment wollte er klingeln, ließ es dann aber. Es gab kein Licht, vielleicht schlief sie schon? Allein?, ging es ihm durch den Kopf, oder war sie bei ihm oder er bei ihr? Wieder fühlte er, wie am Vormittag, diese Eifersucht aufsteigen.
Du bist doch kein junger Bursche mehr, der eifersüchtig seiner Freundin hinterherspioniert, hörte er seine innere Stimme, schuld bist du ja selber. Er kehrte zurück zu seiner Wohnung und stieg hinauf.
Er erwachte nach einem unruhigen Schlaf, in dem er von der Vergangenheit geträumt hatte. Zum Schluss hatte er geträumt, dass Luisa mit diesem Unbekannten in seinem Restaurant die Hochzeit feierte. Davon wurde er wach. Müde und unausgeschlafen frühstückte er und ging dann hinunter, um das Café aufzuschließen. Er wollte gerade die Zeitungen und die Milch hereinholen, als Luisa mit langsamen Schritten, den Platz überquerte. Es hatte den Anschein, als wollte sie dem Gespräch mit Kalle ausweichen. Sie sah noch besser aus als gestern Vormittag. Lächelnd kam sie auf ihn zu, “Guten Morgen, du siehst aber nicht gerade ausgeschlafen aus. Fehlt dir etwas?”, grüßte sie Kalle freundlich.
“Komm, wir gehen hinein. Was ich dir sagen möchte, braucht keine Zuhörer.”
Er nahm sie beim Arm und führte sie ins Café. Sie setzten sich an einem Tisch nahe beim Fenster, so dass man sehen konnte, wenn Gäste kamen.
“Möchtest du dein Frühstück wie immer?”, fragte er in einem Unterton, als wenn er eigentlich fragen wollte, kommt “Er” auch?
“Ja, bitte, wie immer. Ich habe es auf der Reise sehr vermisst”, ohne auf die unausgesprochene Frage einzugehen hinzufügend : “Und nicht nur das.”
Kalle servierte und fing unvermittelt an: “Ich habe viel nachgedacht, über uns, die Vergangenheit und die Zukunft. Ich konnte es gar nicht erwarten, dass du zurückkommst. Dann wieder der Schock, wie damals. Ich hätte mich ohrfeigen können. Peter hat mir sehr den Kopf gewaschen. Er wäre doch bereit gewesen, für eine Woche das Café zu übernehmen.” “Wenn du sie diesmal wieder laufen lässt, verlierst du nicht nur sie, sondern auch einen Freund”, fuhr er mich aufgebracht an.
Gestern Abend bin ich dann noch ein bisschen durch die Gassen gelaufen und habe nachgedacht. Natürlich fragte ich mich, wer dieser Mann sei, der dich begleitete. “Na ja, das wirst du mir jetzt sagen,...wenn du möchtest?” Das er lange vor ihrem Haus gestanden hatte, verschwieg er aber.
Luisa lachte, erst leise und vergnügt, dann immer lauter und froher. “Sag mal, hast du ihn wirklich nicht erkannt. Das gibt's doch nicht. Er war doch mal einer deiner besten Freunde. Es ist Harald, mein ältester Bruder. Nachdem du dich nicht entscheiden konntest, mit mir auf Kreuzfahrt zu gehen, habe ich ihn gefragt, ob er mich begleiten würde. Zum ersten Mal auf eine so große Reise zu gehen, habe ich mich dann doch nicht getraut. Harald hat vor einigen Monaten seine Frau verloren und so dachte ich, dass es auch für ihn eine willkommene Abwechslung sei.
Ich habe ihn überredet, mit hierher zu kommen, um zu sehen, wie du reagierst. Außerdem wollte er mal wieder unser Viertel sehen. Er übernachtet in dem kleinen Hotel in der Nähe der Burg. “Heute Nachmittag kommt er her und wir werden dann am Abend gemeinsam zum Tanz gehen, du bist doch einverstanden? Du musst einverstanden sein.”, fragte sie mit strahlendem Blick.
Kalle sah sie verlegen an, sie hatte verstanden, dass er eifersüchtig war. Er kam sich vor wie ein dummer Schuljungen und gab zu, dass er Harald tatsächlich nicht erkannt hatte, vielleicht auch, weil ihn die Eifersucht blind gemacht hatte.
“Ja, natürlich bin ich einverstanden, wann treffen wir uns denn?” Kalle atmete tief durch, also es gab keinen Gegner mit dem er um Luisa kämpfen musste. “Gottseidank”, ging es ihm durch den Kopf.
Harald kam dann zum Kaffee und kurz danach traf auch Luisa ein. Wieder machte sie einen eleganten Eindruck. Kalle, ganz Kavalier, erhob sich und begleitete Luisa zum Tisch. Harald begann das Gespräch: “Also, du hast mich wirklich nicht erkannt. Ich konnte es gar nicht glauben, nachdem wir so eng befreundet waren und so viel gemeinsam unternommen haben. Erinnerst du dich, wie oft wir von unseren Eltern ermahnt wurden, weil wir manchmal ganz schön über die Stränge schlugen? Das meiste bekam ich ja ab, weil ich der Ältere von uns beiden war.”
Sie redeten und lachten und schwelgten in Erinnerungen bis zum Abendessen. Kalle hatte schon etwas vorbereitet. Als es Zeit wurde, in die Stadt zu fahren, halfen sie ihm beim Aufräumen und fuhren dann mit Kalles Auto zum Tanzlokal.
Am nächsten Morgen trafen sie sich beim Frühstück. Harald platzte mit einer Neuigkeit heraus: “Wisst ihr was? Ich habe soeben mit meinen Kindern telefoniert und ihnen mitgeteilt, dass ich noch einige Tage hier mit euch verbringen möchte. Es wartet ja sonst keiner mehr auf mich”, es klang etwas traurig.
“Das hast du gut gemacht, sonst würden sich deine Kinder ja Sorgen machen. Uns tust damit aber einen großen Gefallen. Wir werden die Orte besuchen, an denen wir unsere Jugend verbrachten und viel Spaß haben. Kalle, du sagst ja gar nichts? Du bist doch einverstanden, oder? Heute Mittag fragen wir Peter, ob er für einige Nachmittagsstunden das Café betreut, ja?”
So verbrachten sie eine Woche, in der sie sich wieder in die Jugendzeit zurückversetzt fühlten. Am letzten Abend ihres Zusammenseins lud Kalle alle Freunde ein, mit ihnen zu essen. Es war fast im Morgengrauen, als Harald sagte, jetzt müsse er aber ins Bett, um noch ein paar Stunden zu schlafen, sein Zug ginge gegen Mittag und er wollte nicht im Abteil einschlafen, er sei ja nicht mehr der Jüngste.
Sie verabschiedeten sich und wünschten sich ein baldiges Wiedersehen. Auch Luisa erhob sich und sagte, dass sie morgen vorbei käme, um beim Aufräumen zu helfen, nachdem sie Harald zum Bahnhof gebracht hätten.
Auf dem Nachhauseweg entschied sich Luisa. Sie würde Kalle vorschlagen, zusammenzuziehen. Schließlich waren beide frei und mussten niemandem Rechenschaft ablegen. Außerdem dachte sie, die meisten ihrer Freunde und Bekannten waren sowieso davon überzeugt, dass es soweit kommen würde und erwarteten es schon mehr oder weniger und damit käme auch die Gerüchteküche zum Schweigen.
Am nächsten Morgen holte Kalle Luisa vor ihrer Haustür ab und sie fuhren dann zum Hotel. Harald saß bereits auf der Terrasse und trank noch einen Kaffee. Seine Koffer hatte er in der Hotelhalle abgestellt. Sie setzten sich noch einige Minuten zu ihm und plauderten noch ein wenig.
Dann wurde es Zeit, Kalle lud die Koffer ein und lachend fuhren sie los. Sie waren eine halbe Stunde vor Abfahrt am Bahnhof, Harald kaufte sich am Kiosk noch einige Zeitschriften und dann gingen sie gemeinsam zum Bahnsteig. Pünktlich fuhr der Zug ein, Luisa und Kalle begleiteten ihn bis zum Abteil und verabschiedeten sich noch einmal herzlich.
Harald umarmte seine Schwester und zu Kalle gewandt sagte er augenzwinkernd: “Ich habe das Gefühl, diesmal wird nicht so viel Zeit vergehen, bis wir uns wiedersehen. Was meinst du?”
Kalle erwiderte prompt: “Aus Fehlern lernt man.” Luisa antwortete lachend: “Hoffentlich!”
Sie stiegen aus und winkten, bis der Zug aus der Station herausgefahren war. Hand in Hand gingen sie zum Auto. Sie waren glücklich und hofften, noch eine lange Zeit miteinander zu verbringen.
 
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29.12.2013
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Hallo @Gisa Grünert,

und zuallererst herzlich willokmmen hier!
Ich hadere schon seit ein paar Tagen, ob ich hier kommentiere oder nicht, aber da bisher gar kein Kommentar hier kommt, mache ich mal den Anfang. Warum habe ich das überlegt: weil ich Dir leider nur einen halben Leseeindruck hinterlassen kann, denn ich habe den Text nur am Anfang gelesen, und dann den Rest nur noch überflogen.

Das Café war das älteste der Stadt.
Der erste Satz ist oft symptomatisch für den Text und entscheidet oft, ob man als Leser den Text zuende liest, oder nicht. Hier dachte ich, ob das Café der Protagonist Deiner Geschichte ist.

Es lag am ehemaligen Marktplatz, ...
Karlheinz Hanke, Kalle genannt, hatte das Café von seinen Eltern übernommen und nach und nach renoviert und modernisiert.
Die Beschreibungen sind ganz schön. Allerdings bekomme ich im ersten Absatz keine Hinweis, wo die Reise hingeht, es baut sich keine Spannung auf, ich werde nicht neugierig. Da ist ein Café. Ja - das stand ja schon im ersten Satz.

Schließlich hatte er es zu einem kleinen Restaurant umgebaut.
uff! Da bekomme ich eine Schilderung eines Cafés und nu isses plötzlich gar keins, sondern ein Restaurant. Und das sofort, nachdem der Protagonist eingeführt wird. Ärgerlich - für mich als Leser.
In dieser Zeit lernte er Gerda kennen, ...
Gerda hat mich weiterlesen lassen ;)

Als sie dann aber nach kurzer Ehe bei der Geburt ihres Sohnes, der auch nur einige Stunden lebte, starb, ging es ein wenig abwärts.
Diesen Satz fand ich grandios! Ehrlich! Der komt sowas von trocken rüber, und berichtet soo viel. Ich musste den Satz sofort zweimal Lesen, weil er so überraschend daherkam. Da kommt solch eine Katrastpophe über den Protagonisten, und Du bemerkst beiläufig - "es ging ein wenig abwärts". Wirklich toll.
Leider ist das auch der Satz, der mich dazu gebracht hat den Text nicht zuende zu lesen.
Wahrscheinlich aus zwei Gründen:
Erstens: ich mochte Gerda. Mehr als Kalle. viel mehr. Für mich war sie viel mehr Protagonist als Kalle. Und ich hatte kein Interesse mir nochmal einen Kennenlerngeschichte berichten zu lassen, bei der ich vielleicht die Frau dann nicht leiden kann.
Zweitens: Der Satz passt nicht in den Erzähstil, da er so sarkastisch ist. Das brachte mich raus.

mein Fazit: Du schreibst sehr "berichtend". Das hat etwas von "Nachrichten". Damit kann man kaum eine Verbindung zu den Personen der Geschichte aufbauen. Vielleicht hast Du schonmal von "Show, don't tell" gehört. Allerdings denke ich, dass Dir der berichtende Teil mehr liegt. Vielleicht findest Du bei "Kindern" oder einem "älterem" Publikum da mehr Anerkennung. Für mich war dieser Stil sehr langatmig, um nicht langweilig zu sagen.
Aber vielleicht bin ich auch nicht Deine Zielgruppe, da ich Romantischen Werken eher aus dem Weg gehe.

Insofern: Nimm aus meinem Kommentar, was Dir sinnvoll erscheint und lass das andere weg ;)

viele Grüße
pantoholli

PS: Noch ein Hinweis: Bei Perspektiv-Wechseln, was ein Sprecherwechsel bei direkter Rede ist, sollte ein Zeilenumbruch gesetzt werden, dann kann der Leser den Dialog besser verfolgen.
z.B. hier:
Gerda antwortete mit einem “Natürlich, ich dachte es wäre Ihnen schon klar geworden, dass Kochen meine Leidenschaft ist und ich sehr gerne helfe. Außerdem habe ich viel von Ihnen gelernt und hoffe, noch mehr zu lernen.”[Zeilenwechsel]
“Eigentlich habe ich es mir gedacht aber ich meine, Fragen ist doch besser und”, sie machte eine Pause, “wir könnten uns doch duzen, da arbeitet es sich noch besser.”[Zeilenwechsel]
“Herzlich gern”, Gerda drehte sich um: “und nun an die Arbeit.”
 
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Liebe @Gisa Grünert

ich habe einen Teil deiner Geschichte gelesen.
Leider ist das übelst TELL. Hast du dich schon mal mit der Thematik show und tell beschäftigt?

Das Café war das älteste der Stadt. Es lag am ehemaligen Marktplatz, umgeben von historischen Fachwerkbauten aus der Hugenottenzeit und zusammen mit einem alten Gemüseladen und einer Pizzeria, die eigentlich so gar nicht in dieses historische Aussehen passten, durchbrach es die alten Stadtmauern, die den Platz mit dem Brunnen umgaben. In den vergangenen Jahren waren dieses Café und der Platz immer mehr zu einem beliebten Treffpunkt des Viertels, eines der Ältesten der Stadt, geworden.

Wortwiederholung

Manchmal kam sie mit ihren Eltern zum Nachmittagskaffee und so kamen sie ins Gespräch.

Wortwiederholung

Als Kalle ihr eines Tages beim Kaffee von den Befürchtungen seiner Mutter erzählte, sah sie ihn an, stand auf und ging in die Küche, wo Kalles Mutter gerade die Vorbereitungen für ein Abendessen traf.

Warum tell? Du könntest lebendige Dialoge entstehen lassen? So hätte der Leser eine Chance, eine Beziehung zu den Protagonisten entstehen zu lassen.

Zurückhaltend begann die Mutter mit ihr zu sprechen, erklärte, was als Nächstes zu machen sei und gab Anordnungen, die Gerda bereitwillig ausführte, während Kalle ungeduldig wartete, dass Gerda zurückkam.

Auch hier besser ein Dialog. Lass den Leser mitfühlen.

Als sie dann aber nach kurzer Ehe bei der Geburt ihres Sohnes, der auch nur einige Stunden lebte, starb, ging es ein wenig abwärts.

Hier hab ich die Geschichte dann abgebrochen.
Du erzählst in einem Satz etwas derart Dramatisches. Und dennoch können beim Leser keine Emotionen entstehen.

Ich kann Dir nur den Tipp geben, Dich mit show und tell zu beschäftigen und den Text dann noch einmal zu überarbeiten.

Ganz liebe Grüße und einen guten Wochenstart,
Silvita
 
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Fast 19 Normseiten - die Seite zu 60 Zeichen unter courier 12 pt., der Type der guten alten Schreibmaschine, und die Seite zu 30 Zeilen - bei einem Debut zeigt Mut und Willen, etwas erzählen zu wollen oder besser, erzählen zu müssen - so mein erster Eindruck, wenns in mir „(auto)biografisch“ ruft,

liebe @Gisa Grünert

und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts,
und es ist an sich keine Frage, dass „Kurzgeschichte“ sich weniger auf die Länge einer Erzählung als auf ihren Inhalt bezieht.

Warum wähle ich statt „Geschichte“ das Wort „Erzählung“?

Das Wort „Geschichte“ (ahd. gisciht) ist vom Verb „geschehen“ (ahd. giskehan) abgeleitet und meint zunächst „Begebenheit / Ereignis /Geschehnis“, um bereits im mhd. die Folge(n) des Ereignisses einzubeziehen und so im 15. Jh. in seiner Bedeutung auch die Erzählung und/oder den Bericht über dieses Geschehen einzubeziehen und „historia“ wird und sich spaltet in die wissenschaftliche und biografische Geschichtsschreibung, Journalismus und Fiktion, wie es hierorts zumeist "geschieht". . Juristisch ist selbst „nichts“ zu tun, erwas zu unterlassen ein Geschehen und da hab ich meine Bedenken, weil Du Dich bisher nicht auf die Arbeiten meine zwo Vorredner eingelassen hast - und einen Text zu besprechen ist mindest so aufwändig, wie eine "kurze" Geschichte zu schreiben.

Für alle Formen „historischen“ Erzählens – selbst für die (Auto-)Biografie gilt, dass es eine Annäherung bleibt, ein Bild, dass sich der/die Autor/in von der/den Person/en, dem/den Ereignis/sen macht, von denen er/sie erzählt.

Die „Kurzgeschichte“ leitet sich von der “shortstory“ ab und “short“ bedeutet mehr als „kurz“ und kann selbst den Kurzschluss meinen.

Es gibt bis heute keine allgemeingültige Definition der "Kurzgeschichte", aber es haben sich nach den Vorbildern in der shortstory und der Kriegsheimkehrer (wie Böll zB) einige Kriterien herausgeschält, die für eine "Kurzgeschichte" gelten sollen wie Konflikt und Wendepunkt, ein (relativ) abrupter Einstieg usw. Kriterien findestu hierorts. Was aber Kurzgeschichte sicherlich nicht ist, geschieht in Deiner Einleitung - die, das sag ich ohne Ironie - sehr schön beschreibt, aber den Rahmen jeder Kurzgeschichte sprengen wird. Sie wirkt auf mich wie die Einleitung zu einer Biografie oder einem(autobiografischen Roman, der sich Zeit lässt und selbst das Stuckwerk an Gebäuden ausbreiten kann. Bölls "Wanderer kommst du nach Spa..." zB beschreibt nicht die Schule oder das Klassenzimmer, sondern setzt sofort dort vor Ort ein.

Wie dem auch wird - eine Reaktion Deinerseits wäre schön ...

Auf wiederlesen

Friedel
 

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