- Anmerkungen zum Text
Diese Story knüpft lose an "Uuk, Ed und die stinkende Schluckerin" an, sollte aber eigenständig funktionieren.
Sqcsch, Ed und der Quadrunt
Ed ließ seinen Blick über Altheas Körper schweifen. Ihre blassblaue Haut glänzte im matten Licht der Kabinenbeleuchtung vor Schweiß.
„Es ist sicher unangenehm für die Kunden, wenn ich anfange zu schwitzen“, sagte sie.
„Das macht mir nichts aus.“
Ihre Essspalte, die sie ihm zu Gefallen rot geschminkt hatte, verzog sich zu etwas, das einem irdischen Lächeln nahekam.
„Du bist anders“, sagte sie. Ihre Hand glitt über seine Brust. „Neulich war wieder einer hier, vom Mars-Konsortium. Laut und grob. Leer.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du bist nicht leer.“
Ed wusste es besser, doch er erwiderte nichts. Solche Sätze waren nur Teil des Spiels. Bei ihr klangen sie weniger einstudiert.
„Ich werde es dir sagen, weil ich dich mag“, flüsterte Althea.
„Was?“
„Wo du den Quadrunten finden kannst.“
Ed richtete sich auf. „Der Quadrunt“, wiederholte er leise. Nicht zum ersten Mal hörte er dieses Wort. All die Jahre hatte er Informationen darüber angehäuft, während andere die Karriereleiter nach oben kletterten, Freundschaften knüpften, Familien gründeten. Es hieß, der Quadrunt sei ein Tor und die Pilzleute hindurchgegangen, als sie verschwanden. Wohin? Ohlssen, der fast alles über die Artefakte der Pilzleute wusste, behauptete, er sei ein Schlüssel. Wofür? Gerüchte und Legenden. Nichts davon ergab einen Sinn. Vielleicht war das der Grund, warum er nicht aufhören konnte zu suchen. Es hatte damit angefangen, dass er vor vielen Jahren den ersten vollständig erhaltenen Pilzturm entdeckt hatte.
„Wo?“, fragte er.
„Er ist auf Soran. Im Pilzturm in der verlassenen Stadt. “ Sie küsste ihn.
„Ich muss gehen“, sagte Ed.
„Welches Ziel?“, modulierte das Sqcsch-Kollektiv, während einer seiner Fortsetze über Eds Kopfhaut glitt.
Es fühlte sich kalt und glibberig an.
„Nach Soran. Wir holen den Quadrunten.“
„Der Quadrunt – das ist nur ein Gerücht. Und auf Soran gibt es Stelzen.“
Ed verzog das Gesicht. „Ihr seid gut im Motivieren.“
„Wir sind gut im Überleben.“
Ed schwieg einen Moment. „Ich fliege trotzdem“, sagte er dann.
„Dann fliegen wir mit.“
Kurz darauf lag Ed in der Solekammer und wartete darauf, dass der Hyperraumsprung einsetzte. An das Gefühl des Umgestülptseins hatte er sich nie ganz gewöhnen können und die monotone Computerstimme machte es nicht besser. Sie leierte den Countdown herunter. Nach der letzten Zahl wurde Eds Inneres nach außen gestülpt.
Am Rand des Waldes blieb Ed stehen. Vor ihm lag die Stadt der Pilzleute. Zerfallene Mauern, aufgerissene Straßen, scheinbar sinnlose pyramidale Strukturen, verbunden mit Kegeln und Zylindern und im Zentrum der pilzartige Turm. Im rötlichen Licht des übergroßen Mondes wirkte die Stadt fremd und kalt.
„Wie sind die Thann-Werte?“, fragte Sqcsch über das Com.
Die Thann-Werte. Daran hatte er nicht mehr gedacht. Eds Geist hatte eine seltsame Benommenheit erfasst und für einen Moment war ihm so, als wartete zwischen den Ruinen etwas auf ihn – voller Ungeduld. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf und zerrte das Analysemodul aus der Brusttasche seines Anzugs. Die Anzeige schwankte, pegelte sich dann auf ein niedriges Niveau ein.
„Normal. Melde mich wieder in …“, er blickte auf seine Uhr, „… dreißig Minuten.“
Er schaltete das Com aus. Jetzt hatte er sogar das Gefühl, als zöge ihn etwas in die Stadt. Der Quadrunt? Ohlssen zufolge sandte der Quadrunt Strahlen im Thann-Feld aus, deren Wirkung bisher noch niemand am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte.
Er trat aus dem Wald und rannte quer über ein felsiges Plateau auf die Stadt zu.
„Phuiitt, Phuiiit...“
Das eigenartige Pfeifen ließ Ed zusammenzucken. Er duckte sich. Eine Stelze musste in der Nähe sein. Irgendwie war es ihr gelungen, seine Spur aufzunehmen. Ob die kurze Com-Verbindung zum Schiff schon gereicht hatte? Ein Fehler. Noch einer, und es wäre der letzte. Für einen Moment fragte er sich, ob das nicht besser wäre. Kein Suchen mehr, kein „Fast“. Er biss die Zähne zusammen und huschte an der Seite einer Ruine entlang. In der Dunkelheit war die Mauer linker Hand nur zu erahnen. Das Leuchtzifferblatt seiner Uhr zeigte 00:10 Uhr an. Noch zwanzig Minuten bis zum vereinbarten Meldezeitpunkt.
Als er die Gestalt bemerkte, erstarrte er mitten im Laufen. Dort, nahe einer halb zerfallenen Mauer, kaum dreihundert Meter rechts sah er die Stelze. Sechs lange Beine, nicht dicker als ein Strich, zitterten und sahen merkwürdig künstlich aus mit ihrem scharfen, genau rechtwinkligen Knick auf etwa zwei Dritteln ihrer Höhe. Sie trugen einen stabförmigen Körper, ungefähr zwei Meter lang, mit einem kugelförmigen Kopf an einem Ende, der mit großen Facettenaugen und einem nadelartigen Rüssel – ihrem Stechrüssel – ausgestattet war. Fächerförmige Antennen vibrierten. Ed wusste, dass sie nach elektromagnetischen Schwingungen suchten. Der biologische Teil seines Hirns barg kein Risiko, seine Impulse hatten eine viel zu geringe Intensität – außer für Sqcsch, aber das Analysemodul – er schaltete es ab.
Er zog die Steal aus dem Halfter. Die Statusanzeige blinkte rot.
Fast hätte Ed laut geflucht, obwohl das wahrscheinlich auch schon egal war. Er steckte die nutzlose Waffe wieder zurück. Die Stelze hatte den Kopf erhoben und machte erneut „Phuiitt, Phuiiit...“ Dann stieß sie eine Reihe summender Laute aus.
Das Alarmsignal?
Noch könnte er zum Transporter zurückkehren. Stelzen griffen nie einzeln an.
Sein Blick fiel auf den Pilzturm vor ihm. Die dunkle Öffnung in Bodenhöhe war eine Einladung. „Geh nicht in den Pilzturm“ – Ohlssens Stimme. Hier draußen – vielleicht der Tod, dort drinnen – vielleicht auch, vielleicht etwas anderes. Es gab kein Zurück. Diesmal nicht.
Als Ed das Innere des Pilzturms betrat, war er plötzlich von grünen Lumineszenzen umgeben, einer Art schimmerndem Nebel, der ihn einhüllte, als wolle er ihn in Besitz nehmen. Er verlor den Boden unter den Füßen. Während er nach oben gezogen wurde, bemühte er sich, in dem Nebel, der ihn umgab, etwas zu erkennen. Ringsumher nur glatte weiße Wände und in regelmäßigen Abständen kreisrunde dunkle Öffnungen.
Unvermittelt hörte die Bewegung auf. Der Nebel um ihn herum lichtete sich und er starrte ein in allen Regenbogenfarben funkelndes Prisma an. Er streckte die Hand danach aus.
Vorsichtig balancierte das Sqcsch-Kollektiv den Raumer mit den Steuerdüsen aus und setzte ihn auf das Plateau.
Der vereinbarte Termin war verstrichen, ohne dass Ed sich gemeldet hatte.
Nervös ließ Sqcsch seine Fühler kreisen, während es auf den Monitoren das Ruinenfeld betrachtete.
„Ed, melde dich?“, sandte es in das Com, zum hundertsten Mal. Stille.
„Nicht gut“, modulierte es, ließ einen Teil seiner Masse über das Analysepaneel für das Thann-Feld gleiten – und erstarrte. Die Werte sprengten die Skala und selbst eine Nachjustierung half nichts. Zwischen den Thann-Spitzen nahm es noch etwas wahr – eine bekannte elektromagnetische Signatur, nur um etwa das Tausendfache verstärkt. Eds Signatur. Sqcsch ließ die Signale durch MIKE mit der Stadt abgleichen und sein Verdacht wurde bestätigt. Der Pilzturm hatte sich in einen Sender von Thann-Wellen verwandelt. Und Eds Signatur mittendrin.
„Einzelwesenfehler“, modulierte Sqcsch. Es starrte auf den Monitor.
Wenig später öffnete sich die Außenluke und Sqcschs im Mondlicht silbrig glänzender Leib ergoss sich daraus auf die felsige Oberfläche. So schnell es konnte, glitt es in das Ruinenfeld. Die gewesene Stadt lebte, das spürte Sqcsch, als es durch die Gassen glitt, hin zu dem Pilzturm. Unsichtbare, aber für Sqcsch deutlich wahrnehmbare Schwingungen bildeten ein Muster.
Auf dem Platz vor dem Pilzturm war weit und breit keine Stelze zu sehen. Es hieß, sie vertrugen die Thann-Wellen nicht. Offenbar stimmte das.
Die schwarze Öffnung am Fuß des Turmes lud es ein, doch genau dieser Einladung war auch Ed gefolgt. Sqcsch glitt in die Öffnung hinein und sofort umfing es grünliches Schimmern. Gleichzeitig raste ein Schock durch seinen Körper. Die Schwingungen des Thann-Feldes – alle Mitglieder des Kollektivs spürten, wie sie davon durchdrungen wurden.
Als es nach oben sah, schwebte dort ein regloser Körper mit ausgestreckten Armen, eingehüllt in grünen Nebel. Die Augen hatte Ed weit geöffnet, doch sein Blick war leer. Um ihn herum pulsierte grüner Nebel in schnellem Rhythmus, als wäre Ed der Taktgeber dafür, doch in seiner rechten Hand hielt Ed keinen Taktstock, sondern ein in allen Regenbogenfarben schillerndes Prisma.
„Einzelwesenfehler“, modulierte Sqcsch erneut. Es kroch an der Wand nach oben, während der Nebel um es herum waberte, dichter wurde, sich zurückzog. Sqcsch hatte das Gefühl, dass dieses Zeugs es nicht mochte. Sqcsch mochte es auch nicht. Als es auf gleicher Höhe mit Ed war, bildete es einen dünnen Fortsatz und berührte Eds Kopf.
Da waren Bilder, die Sqcschs Verstand spotteten. Farbstrudel, steingraue Ovale, schnurgerade Linien im Nichts.
Sqcsch zog mit aller Kraft.
Als Ed wieder etwas wahrnehmen konnte, drehte er sich in einem Strudel aus Farben.
Blasen stiegen in seinem Verstand auf, blubberten an der Oberfläche, formten ovale Gebilde, deren Steingrau sich in sein Hirn fressen wollte.
Eine Stimme sagte etwas. Kalt und stählern klang sie.
Sie sagte: „Heute ist mir der beste Beweis.“
Stille.
Jemand – er selbst? – antwortete: „Die roten Meisen lispeln es auch.“
Weg, nur weg von dieser steinernen Sinnlosigkeit. Der Strudel drehte sich schneller und schneller, verschluckte ihn und spie ihn aus. Gleichzeitig und nacheinander. Nacheinander und gleichzeitig. Die Begriffe verloren ihren Sinn, weil die Zeit ihren Sinn verlor.
Linien zogen sich endlos hin. Parallel zueinander.
Ed versuchte zu denken, der Gedanke kam zustande, aber er gehörte ihm nicht mehr, hatte ihm nie gehört.
Ed setzte zum Sprechen an. Sein Satz zerfiel, noch bevor er ausgesprochen war, in Laute ohne Halt, oder würde in sie zerfallen sein, während er vorgehabt hatte, den Satz zu sprechen.
Die Linien verdichteten sich, formten allmählich das Netz, welches sie längst gewesen waren. Um ihn? Nein! Um Ed.
Etwas richtete sich auf ihn, hatte sich schon lange auf ihn gerichtet, würde sich für immer auf ihn richten. Kein Blick, kein Wille. Dieses Etwas enthielt ihn bereits, so wie es ein Teil von ihm war.
„Ed!“ Die Stimme klang anders, wie das Summen vieler Bienen. „Hör auf, Linien zu zählen!“
Ed stürzte.
Als Ed die Augen öffnete, war die Welt wieder klein. Das monotone Summen des Schiffs drohte ihn einzulullen und er kämpfte gegen die Müdigkeit an. Da war ein kaltes, glibbriges Gefühl auf seiner Kopfhaut.
„Ich habe hier Ausschläge auf der Thann-Skala. Alles in Ordnung bei dir?“, kommunizierte das Sqcsch-Kollektiv.
Ed schwieg. Er suchte in seinem Inneren. Nach einem Gefühl, nach Bedeutung. Da war nichts, oder nicht mehr viel.
„Ich glaube … ich wäre geblieben.“ Ed schloss die Augen. Dann sagte er etwas, mit dem Sqcsch nicht gerechnet hätte.
Er sagte: „Danke, Sqcsch.“