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Supercut

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05.07.2020
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Anmerkungen zum Text

Vielleicht der Hinweis, dass der Fokus dieses Textes eher auf der Perspektive und auf dem Versuch liegt, einen möglichst gehetzten Sog zu erzeugen. Weniger auf dem Aufbau einer komplexen Handlung. Der Titel ist dahingehend Programm. Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch die Handlung und die vorhandenen Klischees kritisiert werden dürfen!

Supercut

Du hast dein Handy in der Hand und siehst dir einen Bareknuckle-Supercut an. Aber du siehst nicht richtig hin. Mit deinen Gedanken bist du woanders. Deine Nase läuft. Deine Beine kannst du nicht stillhalten und weil du gerade erst eine Line gezogen hast, schiebst du Kiefer. Du zündest dir eine Zigarette an und auf dem Bildschirm drischt ein Mann mit zugeschwollenem Auge seinem russischen Gegner die rechte Gerade ins Gesicht. Er setzt nach, aber weil er zu stürmisch ist, kann der andere ihn auskontern. Er weicht aus, schlägt in der Bewegung einen Haken und trifft. Dann will er es zu Ende bringen, der Kommentator schreit Voiceover durch den Lautsprecher deines Handys und du schaltest ab, weil du das Gefühl hast, dass dir sonst der Kopf zerspringt.
Von der Straße kannst du Autolärm hören. Irgendjemand hupt, irgendjemand schreit und du stehst auf und läufst durch die Wohnung. Du denkst an deinen Cousin. Vor einer Stunde ist er bei dir aufgetaucht. Er war nervös und hat ununterbrochen geredet. Dann hat er dir einen Rucksack in die Hand gedrückt.
„Der muss hierbleiben, bis ich was geregelt hab“, hat er gesagt, und dir war es egal, weil das nun mal so läuft. Zusammen habt ihr was gezogen, dann ist er abgehauen. Natürlich hast du reingeschaut und da wusstest du, dass er wirklich Scheiße gebaut haben muss. Seitdem versuchst du, dich abzulenken oder dir einzureden, dass schon alles gut werden wird, aber nichts ist gut.

Es klingelt. Du ahnst, dass sie deinen Cousin am Arsch haben und dich wahrscheinlich auch. Trotzdem gehst du zur Tür. Die Kette ist vorgeschoben. Du öffnest einen Spalt und sagst den Typen, dass sie sich verpissen sollen, aber bevor du auch nur einen Schritt machen kannst, haben die schon die Tür eingetreten und du liegst auf dem Boden. Schnell greifst du nach der aufgebohrten Schreckschuss. Du zielst auf die beiden und stehst auf. Du schreist etwas, sie bleiben stehen und heben die Hände. Du weißt: Gibst du ihnen eine Chance, nur eine einzige, stechen sie dich ab oder schlagen dich zum Krüppel. Du musst weg, mit beiden kämpfen kannst du nicht. Schießen kannst du auch nicht, sonst ruft irgendwer im Haus die Bullen und Knast ist keine Option. Du weißt, dass die falschen Leute da das Sagen haben, und wenn du reinmusst, kannst du dich gleich selbst in deiner Zelle an einem Bettlaken aufhängen.
Du bemerkst, dass du einen der beiden Männer schon mal gesehen hast, und weil du nicht blöde bist, erkennst du, dass dein Cousin euch richtig reingeritten hat.
Du sagst: „Mach eine Bewegung, und ich baller dir in deine Fresse“, deine Stimme überschlägt sich, du greifst nach dem Rucksack und gehst an den beiden vorbei in den Hausflur.
„Ihr habt die Falschen angefickt, Kleiner“, sagt einer der Männer und grinst dich an.
Schnell gehst du den Flur entlang und rennst die Treppenstufen herunter. Aus einem Türspalt blicken dich große Kinderaugen an und du steckst hastig die Waffe weg. Du hörst, wie sie dir auf der Treppe hinterherkommen, aber was willst du machen? Im Erdgeschoss gehst du an zerschlagenen Briefkästen vorbei und trittst nach draußen. Auf der Straße liegt Schneematsch, natürlich hast du keine Schuhe an, hast keine Jacke dabei – wie auch? Nicht mal dein Handy hast du mitgenommen. Du rennst und deine weißen Sportsocken sind sofort klitschnass und eiskalt. Du rempelst jemanden an, er schreit dir hinterher, aber du rennst weiter, immer weiter, und die kalte Luft brennt dir in der Lunge. Wenn du Glück hast, kannst du vielleicht in die Bahn springen, denkst du. Aber wenn du Pech hast, kommt keine und dann kriegen sie dich. Du biegst um die Ecke und du schaffst es gerade noch, durch die sich schließende Tür. Du drängst dich zwischen eine Frau mit Kopftuch und einen Alten, der dich mit gelben Augen anschaut und nach Alkohol stinkt. Du siehst, wie sie neben der Bahn herrennen, stehenbleiben und einer zu telefonieren beginnt. Du ringst nach Luft, musst husten und jetzt merkst du, wie es in deinem Kopf pocht und dass dir kotzübel ist.

„Was willst du hier? Verschwinde!“, sagt Mesut, als du in den Laden kommst, und dir wird klar, dass schon der halbe Kiez Bescheid weiß.
„Gib mir wenigstens ein paar Schuhe und ne Jacke“, sagst du und zeigst ihm deine nassen Socken. Er schüttelt den Kopf und schaut dich traurig an. Dann winkt er dich heran. Ihr geht hinter der Theke durch eine kleine Tür ins Lager. Laptops, billiger Schmuck, Handyhüllen, Parfum, alles Mögliche liegt hier herum. Alles Schrott. Die Luft ist abgestanden und es riecht süßlich. Es passt zu dem ganzen Plastikscheiß, der nichts aushält, der sofort kaputtgeht, so wie alles hier kaputtgeht, weil alles fake und verrottet und falsch ist, in dieser dreckigen Stadt.
„Wie groß?“, fragt Mesut und kramt zwischen Kartons herum.
„43“, sagst du, und er hält dir einen Schuhkarton hin. Du holst ein Paar Sneaker heraus, ziehst deine nassen Socken aus und schlüpfst in die Schuhe.
„Jacke hab ich keine für dich“, sagt er.
„Gib mir eine Zigarette“, sagst du, und er hält dir seine Schachtel hin.
„Was habt ihr euch gedacht?“ Er schüttelt den Kopf. „In deren Laden? Ehrlich Junge, hab euch nicht für so blöde gehalten.“
Langsam fügt sich ein Bild zusammen.
„Haust du ab?“, fragt er und hält dir ein Feuerzeug hin. Italien, denkst du. In Livorno kennst du ein paar Leute. Da kommst du unter, da haben die nichts zu melden. Und wenn sie doch kommen, dann fickst du sie.
„Rotterdam“, sagst du und Mesut nickt.
„Halt dich unten, Junge.“
Die Türglocke klingelt, du zuckst und greifst nach deiner Waffe, aber es ist nur ein Junkie, der hereintorkelt. Er kann sich kaum auf seinen durchhängenden, stelzenartigen Beinen halten, und der einzige Grund, warum er noch steht, sind die zwei Krücken, auf die er seinen ausgemergelten Körper stützt. Seine Wangen sind eingefallen, seine Haut wie dünnes Papier. Er lallt etwas, kann die Augen nicht offenhalten, dann verliert er sein Gleichgewicht, schwankt und stürzt gegen ein Regal mit Spirituosen. Es klirrt, als ein paar Flaschen umfallen und zwei oder drei auf dem Boden zerspringen. Sofort riecht es nach Alkohol.
„Hey!“, schreit Mesut ihn an. „Sieh zu, dass du rauskommst, mann!“ Er geht auf den Mann zu und in dem Moment greifst du nach Mesuts Jacke, die hinter der Kasse liegt. Du gehst an ihnen vorbei zur Tür und schon bist du draußen und kalte Luft weht dir entgegen. Du drehst dich noch einmal um und kannst sehen, dass Mesut schon das Handy am Ohr hat.

Du musst von der Straße runter, das weißt du. Zurück zur Wohnung kannst du nicht, deinen Kumpels traust du nicht, deinen Cousin haben sie. Du musst raus aus der Stadt. Du hast kein Auto, fahren kannst du sowieso nicht. Du könntest den Zug nehmen, aber du hast Schiss, dass die Bullen dich routinemäßig am Bahnhof rausziehen, so wie du aussiehst. Außerdem warten deren Jungs vielleicht schon am Gleis auf dich. Aber du hast keine Wahl – irgendwas musst du machen.
Dir ist kalt und Hunger hast du auch. In der Jackentasche findest du zwanzig Euro. An einem Kiosk kaufst du dir eine Packung Erdnüsse, einen Schokoriegel und eine Dose Red Bull. Der Verkäufer sieht mit toten Augen an dir vorbei auf die Straße, während er deine Sachen in eine Plastiktüte packt. An einem Stehtisch neben der Theke stehen drei Alkies, trinken Bier aus Dosen und schreien sich an. Du gehst weiter, beißt in deinen Schokoriegel und hinter dir hörst du, wie das Geschrei der drei Besoffenen lauter wird. Eine Flasche zerschellt auf der Straße.

Um zum Bahnhof zu kommen, musst du durch die Unterführung zur U-8. Fünf Typen kommen dir entgegen. Kurze Haare, schwarze Jacken, Bierflaschen in den Händen. Sie zeigen in deine Richtung. Kurz siehst du einem von ihnen in die Augen, blickst schnell zur Seite, aber es ist zu spät.
„Hast du ein Problem, Kanacke?“, ruft er dir zu. Du gehst weiter, machst dich so breit unter der Jacke, wie es geht. Sie folgen dir und du spürst, wie sie aufholen. Du willst schon losrennen, da siehst du im Augenwinkel eine Bewegung. Du drehst dich noch, aber er trifft deine Seite. Du fällst, merkst, wie sie auf dich einschlagen und treten und für eine Sekunde weißt du nichts mehr. Dann ein anderer Schmerz, ein Brennen und Stechen springt dich an wie ein wildes Tier. Deine Seite - irgendetwas hat dich erwischt und dir bleibt die Luft weg. Ohne zu wissen, was du tust, greifst du in die Jackentasche, zielst mit der Waffe in die Richtung der Männer und drückst ab. Zwei oder drei Mal schießt du, genau weißt du es nicht, und der Lärm ist so unglaublich laut, hallt von den Wänden wieder und brandet über dich, wie eine Welle. Du kriechst ein Stück, versuchst aufzustehen, aber deine Beine geben nach und du fällst. Du versuchst es noch einmal, richtest dich schwankend auf, drehst dich um und siehst, dass nur noch einer von den Typen da ist. Die anderen müssen abgehauen sein. Er steht an die Wand gelehnt und schaut dich aus riesigen, angsterfüllten Augen an. Du steckst die Waffe ein, hastest weiter den Gang entlang.
Du weißt, dass du dich um deine Verletzung kümmern musst. Du beißt die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, vor den Schmerzen, die in Wellen kommen, pochend, von Mal zu Mal stärker werdend, und du bist nicht sicher, ob du es wirst aushalten können. Die Leute schauen dich an, sehen den Schweiß, der dir auf der Stirn steht, und du fragst dich, ob sie dich kennen. Warum sonst glotzen sie dich denn alle an, zeigen auf dich, schauen dir hinterher und tuscheln? Von irgendwo hörst du Sirenen. Dann fährt eine Bahn am Gleis ein und Hunderte Männer mit blau-weißen Schals steigen aus und rufen Parolen. Stadtderby. Du hast sogar auf das Spiel gewettet, erinnerst du dich. Damals, in einem anderen Leben. Du drängst dich an den Fans vorbei in die Bahn.

Zwei Stationen weiter steigst du aus. Vor den Toiletten bei Burger King sitzt ein schwarzer Mann auf einem Stuhl. Er trägt Badeschlappen und auf einem Teller liegen ein paar Centmünzen. Du nickst ihm zu, murmelst, dass du ihm gleich was geben wirst, wenn du wieder rauskommst, ganz bestimmt wirst du ihm was geben; aber, sagst du, erst einmal musst du dich ausruhen, nur für einen kurzen Moment, musst dich hinsetzen und ausruhen. Deine linke Seite ist nass, dir ist kalt und du merkst, dass deine Finger klebrig sind und voll Blut. Der Mann ruft dir etwas hinterher, aber du gehst weiter, gehst zum Waschbecken, drückst auf den Wasserhahn, wäschst Blut von deinen zitternden Fingern und fragst dich, wie du die lange Fahrt mit dem Zug schaffen sollst. Du öffnest eine der Kabinen, schließt hinter dir ab und lässt dich auf die Klobrille fallen. Den Rucksack hast du immer noch an, er drückt gegen deinen Rücken. Du willst sitzen, nur für einen kurzen Moment, willst du dich hinsetzen. Gleich wirst du wieder aufstehen. Du schließt deine Augen und denkst an Livorno, an den Hafen und das Meer.

 

Hallo @Habentus ,

sehr schöne Geschichte. Ich mag deinen "unaufgeregten" Stil für eigentlich hektische Szenen. Jedenfalls konnte mich die Geschichte von Anfang bis zum Schluss fesseln.
Aber ... auch ich habe Kritikpunkte und dafür bist du hier. :D

erst eine Line gezogen hast, schiebst du Kiefer
Mit dem Ausdruck "Kiefer schieben" kann ich leider nichts anfangen. Ich bin auch inzwischen zu alt um mit dem "ziehen von Lines" anzufangen um es zu testen, was das sein könnte.
dreckigen Stadt.
Wie groß?“, fragt Mesut und kramt zwischen Kartons herum.
43“, sagst du, und er hält dir einen Schuhkarton hin
"Wie groß?" Anführungszeichen. "43"

Sofort riecht es nach Alkohol in der Luft.
In der Luft würde ich streichen. Oder umformulieren: der Gestank von Alkohol erfüllt die Luft.

„Hey!“, schreit Mesut ihn an. „Sieh zu, dass du rauskommst, man!“
Hier bin ich unsicher, aber würde Mann statt man nehmen. Und es vielleicht auch an den Satzanfang setzen.

Ansonsten hatte ich wenig konkretes auszusetzen. Diese sich ständig wiederholenden Satzanfänge "Du sagst, du siehst, du hörst usw." stören mich ein wenig, aber haben auch irgendwie etwas meditatives. Als würde der Protagonist sich selbst die Geschichte erzählen.
Auch greifst du sehr tief in die Klischee Kiste. Kleinkrimineller nimmt Drogen, sieht sich ständig irgendwelche MMA oder halblegale Kämpfe an, hat immer eine Waffe bei sich. Beklaut auch seinen Kumpel, der ihm einerseits hilft, aber andererseits sofort verpfeift. Die Stadt ist voller Alkoholiker und Junkies, gegessen wird am Kiosk, einmal in die Augen gucken reicht um eine Horde Rechtsradikaler zum Angriff zu reizen und an der Bahnhofstoilette sitzt ein Schwarzer. Als das von dir gezeichnete "Stadtbild" ist auch nicht prickelnd. ;)

Aber ... die Geschichte fesselt. Ist zwar nicht mein Genre, aber wenn du dieses Tempo einen ganzen Roman durchhältst, kaufe ich das Buch.
Sehr gern gelesen.
Schöne Grüße
Tsunami

 

Moin @Habentus, mir ist nach kommentieren (um mich vorm Schreiben zu drücken)
Also musst Du und dein ungewöhnlicher Text dran glauben ...

Supercut
so ganz kriege ich den Titelzusammenhang nicht zu fassen. Ja, er guckt sowas am Anfang, aber dann? Wahrscheinlich drückt das auch mein Problem mit dem Text aus - was möchtest Du erzählen? Ne, ist nicht frech gemeint, es ist ein spannender Ablauf, aber ich sehe, vielleicht auch auf Grund der ungewöhnlichen Perspektive, einfach keine Entwicklung.

Du hast dein Handy in der Hand und siehst dir einen Bareknuckle-Supercut an. Aber du siehst nicht richtig hin. Mit deinen Gedanken bist du woanders.
So fühle ich mich hier am Anfang - irgendwie nicht voll dabei. Mag natürlich auch an der mir so völlig fremden Welt liegen, daher würde ich wohl auch gerne mehr wissen wollen, mehr, als mir die Rennerei bietet.

weil du gerade erst eine Line gezogen hast, schiebst du Kiefer.
Ja, da stehe ich genau wie mein Vorkommentator auf dem Schlauch, konnte auch online nichts finden. Kieferbewegung auf Grund der Droge?
Macht aber eigentlich nichts!

Du denkst an deinen Cousin. Vor einer Stunde ist er bei dir aufgetaucht. Er war nervös und hat ununterbrochen geredet. Dann hat er dir einen Rucksack in die Hand gedrückt.
Hier baust Du gut Spannung auf.

Du öffnest einen Spalt und sagst den Typen, dass sie sich verpissen sollen, aber bevor du auch nur einen Schritt machen kannst, haben die schon die Tür eingetreten und du liegst auf dem Boden.
Das ist so eine Stelle, wo mich die Perspektive nicht zufriedenstellt, es wirkt so berichtend.

Du weißt, dass die falschen Leute da das Sagen haben, und wenn du reinmusst, kannst du dich gleich selbst in deiner Zelle an einem Bettlaken aufhängen.
Ab und an gehst Du ja dennoch in seinen Kopf.
Also versteh mich nicht falsch, das zieht durch, Du baust Tempo auf. ich folge wirklich durch fast den ganzen Text.
Ich frage mich wahrscheinlich die ganze Zeit, warum Du diesen Erzählstil gewählt hast?

Du rempelst jemanden an, er schreit dir hinterher, aber du rennst weiter, immer weiter, und die kalte Luft brennt dir in der Lunge. Wenn du Glück hast, kannst du vielleicht in die Bahn springen, denkst du. Aber wenn du Pech hast, kommt keine und dann kriegen sie dich. Du biegst um die Ecke und du schaffst es gerade noch, durch die sich schließende Tür. Du drängst dich zwischen eine Frau mit Kopftuch und einen Alten, der dich mit gelben Augen anschaut und nach Alkohol stinkt.
Da sind viele gute Stellen, ich mag Deine Sprache - klar, sauber, ruhig.

Wie groß?“, fragt Mesut und kramt zwischen Kartons herum.
43“, sagst du, und er hält dir einen Schuhkarton hin. Du holst ein Paar Sneaker heraus, ziehst deine nassen Socken aus und schlüpfst in die Schuhe.
„Jacke hab ich keine für dich“, sagt er.
„Gib mir eine Zigarette“, sagst du, und er hält dir seine Schachtel hin.
„Was habt ihr euch gedacht?“ Er schüttelt den Kopf. „In deren Laden? Ehrlich Junge, hab euch nicht für so blöde gehalten.“
Die Szene bei seinem Freund macht für mich nur Länge, brauchst Du sie?

Du öffnest eine der Klokabinen, schließt hinter dir ab und lässt dich auf die Klobrille fallen. Den Rucksack hast du immer noch an, er drückt gegen deinen Rücken. Du willst sitzen, nur für einen kurzen Moment, willst du dich hinsetzen. Gleich wirst du wieder aufstehen. Du schließt deine Augen und denkst an Livorno, an den Hafen und das Meer.
Tja? Wie gesagt, ich frage mich jetzt - warum habe ich das gelesen? Es ist nett! Aber ...
Ach sorry, irgendwie war wohl einfach meine Erwartungshaltung zu hoch.
Auf alle Fälle schön, das Du geschrieben hast, nur das bringt uns weiter. Und ja, ich möchte gerne wissen, warum Du diese Erzählweise gewählt hast.
Viele Grüße
greenwitch

 

Aber ... auch ich habe Kritikpunkte und dafür bist du hier
Absolut! Her damit @Tsunami :)

Mit dem Ausdruck "Kiefer schieben"
Ja, ist ja auch bei @greenwitch als Frage aufgetaucht. Ich kenne das als einen umgangssprachlichen Ausdruck dafür, dass eine Person Speed oder Pepp konsumiert hat und dann unkontrolliert beginnt, zu kauen bzw. die Kiefermuskulatur zu bewegen. Viele nehmen deshalb zur Kompensation einen Kaugummi.

In der Luft würde ich streichen. Oder umformulieren: der Gestank von Alkohol erfüllt die Luft.
Stimmt!

Auch greifst du sehr tief in die Klischee Kiste.
Die Stadt ist voller Alkoholiker und Junkies, gegessen wird am Kiosk, einmal in die Augen gucken reicht um eine Horde Rechtsradikaler zum Angriff zu reizen und an der Bahnhofstoilette sitzt ein Schwarzer. Als das von dir gezeichnete "Stadtbild" ist auch nicht prickelnd
Absolut, da ist viel Klischee dabei. Das kann man dem Text sicherlich zu Recht vorwerfen! Vielleicht habe ich es auch übertrieben, mag sein.
Dass dem Protagonisten in seiner Situation aber jetzt nicht die schönen Dinge begegnen (bzw. er die nicht im Fokus hat) und er sich ja auch nicht in den Vierteln bewegt, in denen das gut betuchte Lehrer-Ehepaar mit Hund und zwei Kindern lebt, ist ja auch irgendwie klar. Ich kenne das schon so, dass es in manchen Vierteln eben oft knallt und Drogen, Alkohol und Junkies zum Bild dazugehören. Erschwerend kommt hinzu, dass die Rechten ja auch wieder präsenter in manchen Gebieten werden. Und damit meine ich nicht die Rechten, die es immer schon gab und die sich bürgerlich geben, sondern die Oldschool-Skins, die äußerlich an die 90er und frühen 2000er erinnern, die Leute angreifen und die eine Zeit lang fast vollständig verschwunden schienen (zumindest in der Fläche). Ist leider wirklich eine ganz unangenehme Zeit, in der wir uns da bewegen.

Genre, aber wenn du dieses Tempo einen ganzen Roman durchhältst, kaufe ich das Buch.
Danke! Allerdings denke ich, dass sich dieser Stil nicht länger als wenige Seiten durchhalten lässt (wenn überhaupt), ohne zu ermüden. Das stößt ja hier schon deutlich an seine Grenzen. Aber trotzdem danke für das Kompliment!

Danke für deinen Kommentar und beste Grüße
Habentus

Hallo @greenwitch! Freut mich, dich unter meinem Text zu finden (harte Kritik hin oder her)!

so ganz kriege ich den Titelzusammenhang nicht zu fassen. Ja, er guckt sowas am Anfang, aber dann?
Tja, da kam ich mir natürlich superschlau vor und dachte, der Titel passe perfekt. Und jetzt sowas! Erklärung: Der ganze Text liest sich ja schon gehetzt und da fehlt ja auch charakterliche Entwicklung.
Ich dachte, dass sich das wie eines dieser bescheuerten Supercut-Videos liest. Die ja auch so zusammengeschnitten sind, dass sie nur die actiongeladenen Szenen zeigen (und den Kontext des Geschehens mehr oder weniger außen vor lassen). So dachte ich, ist ja auch der Text aufgebaut. Ebene vor allem schnell und auf Eskalation hin ausgerichtet.
Ganz grundsätzlich hätte ich den Text vielleicht weniger bei flash fiction als viel mehr bei experimentell einstellen sollen, denn das ist er im Grunde. Ein Experiment, was die Erzählperspektive und was die schnelle Abfolge angeht.

Wahrscheinlich drückt das auch mein Problem mit dem Text aus - was möchtest Du erzählen?
Er möchte von einem ziemlich schlecht gelaufenen Tag im Leben eines Kleinkriminellen erzählen, der mit Gewalt im alltäglichen Leben konfrontiert ist und aufgrund einer bestimmten Entwicklung gezwungen ist, abzuhauen.
Aber stimmt, sonderlich komplex ist das jetzt nicht geraten. Mir ging es mehr um das Durchhalten der Perspektive und des Tons. Auch der Versuch, den Stress und das Getriebene rüberzubringen, stand im Vordergrund.
Aber ich sehe ein, warum der Text dann im Hinblick auf deine Leseerwartung nur scheitern kann.

a, da stehe ich genau wie mein Vorkommentator auf dem Schlauch, konnte auch online nichts finden. Kieferbewegung auf Grund der Droge?
Habe ich oben erklärt.

Ab und an gehst Du ja dennoch in seinen Kopf.
Also versteh mich nicht falsch, das zieht durch, Du baust Tempo auf. ich folge wirklich durch fast den ganzen Text.
Aber das mache ich doch schon den ganzen Text über, nicht nur an bestimmten Stellen. Die Gedankenwelt ist ja nichts, was dem Erzähler verborgen bleibt. Das Ende wäre so sonst ja auch nicht möglich.

Die Szene bei seinem Freund macht für mich nur Länge, brauchst Du sie?
Doch die braucht es schon!
Erst mal aus Handlungssicht: Er braucht Schuhe und eine Jacke.
Aus Informationssicht: Es wird angedeutet, dass der Cousin einen Laden der falschen Leute überfallen hat - die ganze Entwicklung nimmt hier ihren Beginn.
Dann, um zu zeigen, was er vorhat: Er will nach Livorno abhauen.
Und letztlich: Um zu zeigen, dass er niemandem trauen kann: Er lügt und sagt, dass er nach Rotterdam geht, und beim Verlassen des Ladens wird er sehr wahrscheinlich direkt durch den Anruf Mesuts verpfiffen.

Tja? Wie gesagt, ich frage mich jetzt - warum habe ich das gelesen? Es ist nett! Aber ...
Ach sorry, irgendwie war wohl einfach meine Erwartungshaltung zu hoch.
Autsch! Aber ich verstehe deinen Punkt. Ich hätte es mehr als Experiment kennzeichnen sollen und weniger als Text, der jetzt durch eine komplexe Handlung punktet. Andererseits habe ich die Kategorie schon auch als Fläche für eher solche Texte gesehen. Vielleicht liege ich damit auch falsch?

So oder so: Danke für deinen Kommentar!
Beste Grüße
Habentus

 

Moin @Habentus - ich nochmal!
Lieben Dank, dass Du mir nicht bös bist, ich hatte aber auch keine Lust auf nur "lieb sein", bringt uns ja alle nicht weiter.

Der ganze Text liest sich ja schon gehetzt und da fehlt ja auch charakterliche Entwicklung.
Ich dachte, dass sich das wie eines dieser bescheuerten Supercut-Videos liest.
Den Punkt mit dem Titel kannst Du dann gerne meinem begrenzten Wissen zuschreiben - ich kenne sowas nicht, hatte ganz kurz gegoogelt, aber mir fehlt da der Zugang. Ich glaube, das passt dann schon.

Ein Experiment, was die Erzählperspektive und was die schnelle Abfolge angeht.
Ah! Ja, die Info hätte ich gerne gehabt. Ich persönlich hätte das in den Infopunkt oben rechts geschrieben, bin aber auch nicht ganz sicher, was richtiger wäre. Denn auch Experiment klingt richtig ...

Mir ging es mehr um das Durchhalten der Perspektive und des Tons. Auch der Versuch, den Stress und das Getriebene rüberzubringen, stand im Vordergrund.
Und das hast Du richtig gut gemacht, da hatte ich nur ganz wenig zu meckern.

Autsch! Aber ich verstehe deinen Punkt. Ich hätte es mehr als Experiment kennzeichnen sollen und weniger als Text, der jetzt durch eine komplexe Handlung punktet.
Also nimm meine Kritik mal als eine halbe :thumbsup:

Wir lesen uns

 

Hallo Habentus,

man kann schon sagen, dass dieser Text einer gewissen Qualität entspricht, die man bei Habentus-Geschichten erwartet.

Du bemerkst, dass du einen der beiden Männer schon mal gesehen hast, und weil du nicht blöde bist, erkennst du, dass dein Cousin euch richtig reingeritten hat.
Da habe ich 'dich' erwartet. Im Moment hat der Cousin mit der Situation nur indirekt zu tun.

Aus einem Türspalt blicken dich große Kinderaugen an und du steckst hastig die Waffe weg.
Die Szene kommt mir so abgegriffen vor, wahrscheinlich habe ich sie schon in verschiedenen Filmen gesehen (hastig geschlossene Türen, hinter den Omas, Frauen mit Baby usw. verschwinden).


„Hey!“, schreit Mesut ihn an. „Sieh zu, dass du rauskommst, mann!“
Mann

Vor einer Stunde ist er bei dir aufgetaucht. Er war nervös und hat ununterbrochen geredet. Dann hat er dir einen Rucksack in die Hand gedrückt.
Guter Start für einen Spannungsbogen.

Auf der Straße liegt Schneematsch, natürlich hast du keine Schuhe an, hast keine Jacke dabei – wie auch?
Prima Idee - so wird Realitätsnähe erzeugt, der Fliehende wird fast schon einer hilflosen Lächerlichkeit preisgegeben!


Zwischendurch waren mir die Ausführungen zu lang, zumal sie sich sehr in Inhalt, Rhythmus und Sprache gleichen.
Wenn ich den Text ohne dieses Kapitel lese, funktioniert er auch:

Du musst von der Straße runter,

Die Leute schauen dich an, sehen den Schweiß, der dir auf der Stirn steht, und du fragst dich, ob sie dich kennen.
Auch dieser Abschnitt war mir nicht so wichtig.
Ja, jetzt habe ich etwas geschrieben, was ich selbst nicht gern höre. Wenn man an Sätzen feilt, nach Worten sucht - dann kommt da einer und meint, dass es für ihn nicht so wichtig war. Vielleicht habe ich etwas übersehen, vielleicht trifft 'kill your Darlings' zu. Bin gespannt auf deine Entscheidung.

Ein treffend erzählter Text, dieser leicht verächtliche Tonfall, der durch die Erzählperspektive ermöglicht wird (dachte erst: Warum nimmt er keinen Ich-Erzähler, da gibt es mehr Möglichkeiten Betroffenheit zu schildern - so ist es aber interessanter ... Gut, dass du etwas 'wagst'!).

Der verlorene Protagonist, in einer verlorenen Umgebung - da ist Klischee-Alarm angesagt. Aber in diesem Fall kann ich durch die distanzierte Beschreibung das Beschriebene als fiktive Realität anerkennen (schließlich gibt es solche Lebenswelten).

Mit dem Schluss kann ich leben, etwas Überraschenderes würde den Text 'veredeln'. Überraschungen scheinen inzwischen leichter in der Politik zu gelingen, als in der Fiktion - ach, wäre es nur umgekehrt!

L G,

Woltochinon

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Habentus,

Ich wage mal einen Gegenbesuch. Für mich ist das keine alltägliche Erzählperspektive, die du gewählt hast


Du hast dein Handy in der Hand und siehst dir einen Bareknuckle-Supercut an. Aber du siehst nicht richtig hin. Mit deinen Gedanken bist du woanders.
„Du siehst dir etwas an“, klingt nach aufmerksamem Schauen, während „du siehst nicht richtig hin“ sagt, dass deine Aufmerksamkeit woanders ist.
Natürlich hast du reingeschaut und da wusstest du, dass er wirklich Scheiße gebaut haben muss
So, jetzt hast du mich. Ich will wissen, was in diesem Rucksack drin ist.
Seitdem versuchst du, dich abzulenken oder dir einzureden, dass schon alles gut werden wird, aber nichts ist gut.
Das irritiert, mich: Wie kann er „einreden, dass alles gut wird“, wenn er doch weiß, dass nichts gut ist?
Schnell greifst du nach der aufgebohrten Schreckschuss
Er liegt auf dem Boden. Wo hat er die Waffe her?

Du zielst auf die beiden und stehst auf
Kann man auf zwei gleichzeitig zielen und aufstehen?
Du schreist etwas, sie bleiben stehen und heben die Hände
Ich dachte, die stehen noch an der Tür!
Du weißt, dass die falschen Leute da das Sagen haben, und wenn du reinmusst, kannst du dich gleich selbst in deiner Zelle an einem Bettlaken aufhängen.
Ich bin wieder irritiert: Wer sollte ihn denn in der Zelle aufhängen – außer er selbst? Das klingt, als gäbe es eine Alternative.

passt zu dem ganzen Plastikscheiß, der nichts aushält, der sofort kaputtgeht, so wie alles hier kaputtgeht, weil alles fake und verrottet und falsch ist, in dieser dreckigen Stadt
Echt verrottet?
Haust du ab?“, fragt er und hält dir ein Feuerzeug hin. Italien, denkst du. In Livorno kennst du ein paar Leute. Da kommst du unter, da haben die nichts zu melden.
Zeilenumbruch

Sieh zu, dass du rauskommst, mann
Mann
Er geht auf den Mann zu und in dem Moment greifst du nach Mesuts Jacke, die hinter der Kasse liegt.
Der Satz vermischt zwei Handelnde.
Besser: Er geht auf den Mann zu. In dem Moment greifst du nach Mesuts Jacke, die hinter der Kasse liegt.
deinen Kumpels traust du nicht, deinen Cousin haben sie.
Habe ich etwas überlesen? Woher weißt du, dass sie deinen Cousin haben?
Der Verkäufer sieht mit toten Augen an dir vorbei auf die Straße, während er deine Sachen in eine Plastiktüte packt
Warum beschreibst du diese toten Augen nicht mit einer anderen, weniger abgedroschenen Metapher
Vor den Toiletten bei Burger King sitzt ein schwarzer Mann auf einem Stuhl
Kannst du das schwarz nicht weglassen?
Deine linke Seite ist nass, dir ist kalt und du merkst, dass deine Finger klebrig sind und voll Blut.
Tatsächlich schaffte er es, so verletzt und blutend, bis auf die Toilette zu gelangen, ohne dass ihn jemand ansprach?
Die Erzählform in der zweiten Person fand ich interessant. Weniger gut gefallen haben mir jedoch die vielen Klischees und der Plot, der an typische Krimis erinnert.

Mit freundlichen Grüßen
CoK

Liebe Grüße
CoK

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Habentus

War ein paar Monate weg und dachte mir, um selbst wieder bisschen zurück ins Schreiben zu finden, lasse ich Dir mal einen Kommentar da. Als erstes ein paar Gedanken zum Titel: Ich dachte zuerst, es handle sich dabei um eine Art Frisur (wahrscheinlich wegen Buzzcut), nach dem Lesen des ersten Satzes war es dann klar. Wie schon jemand vor mir habe ich jedoch nicht verstanden, was der Titel mit der Geschichte zu tun hat. Da das mit diesen Bareknuckle-Supercut Videos direkt zu Beginn erwähnt wird, dachte ich, dass wird irgendwann noch wichtig. Auf den Stil des Texts selbst konnte ich 'Supercut' jetzt nicht beziehen ohne deine Erklärung gelesen zu haben.

Die gewählte Perspektive finde ich gelungen, weil man sozusagen mittendrin ist statt nur dabei, der knappe, präzise Stil trägt dazu bei. Es gibt ein paar wenige Ausreisser, die ich unten markiert habe. Der Vibe ist schön hektisch und dreckig, das hat mir gut gefallen, jedoch finde ich, der Text übertreibt teilweise etwas, es wurde so ähnlich bereits erwähnt, es gibt keinerlei Kontraste, alle sind irgendwie versifft oder heruntergekommen: Der Protagonist, die Leute in der Bahn, die Schläger, die ihn zusammenhauen, Mesuts Laden und dieser Obdachlose, der da reinkommt, der Schwarze vor dem Burger King etc. Weil der Text das brechstangenartig zelebriert, verliert er dadurch für mich an Schlagkraft (so paradox das auch klingen mag in Kombination mit einer Brechstange!). Vielleicht wäre weniger mehr. Sonst zerfasert das irgendwann in eine Art Elends-Parodie. Beispiel: Wieso müssen diese rechtsextremen Schläger in der Unterführung auf ihn warten, warum dieses weitere Fass aufmachen? Ich mochte die Action, aber spätestens an der Stelle bekam die Flash Fiction für mich etwas von einer Aufzählung oder Abhandlung. Im Sinne von: Was kann ich noch in ein so kurzes Format quetschen, wie wird es noch roher und brutaler? Ich hoffe, Du kannst nachvollziehen, was ich damit meine.

Deine Beine kannst du nicht stillhalten und weil du gerade erst eine Line gezogen hast, schiebst du Kiefer.
Den Ausdruck 'Kiefer schieben' habe ich so noch nicht gehört, habe aber schnell verstanden, dass er wohl wegen dem Kokainkonsum mit dem Kiefer mahlt.

Es klingelt. Du ahnst, dass sie deinen Cousin am Arsch haben und dich wahrscheinlich auch. Trotzdem gehst du zur Tür. Die Kette ist vorgeschoben. Du öffnest einen Spalt und sagst den Typen, dass sie sich verpissen sollen, aber bevor du auch nur einen Schritt machen kannst, haben die schon die Tür eingetreten und du liegst auf dem Boden.
Hier haderte ich zum ersten Mal etwas. Ich habe mich gefragt, warum er überhaupt öffnet, er weiss ja, das was schiefgelaufen ist, dass jemand vorbeikommen und ihn fertigmachen könnte? Vielleicht gibt ihm das Kokain Selbstbewusstsein oder führt zu einer Selbstüberschätzung, aber er lässt sich zu schnell überrumpeln, finde ich, zumindest müsste er vor dem Öffnen der Tür schon die aufgebohrte Schreckschuss mit dem Finger am Abzug parat haben. Später ist er ja auch noch genug geistesgegenwärtig:
Du könntest den Zug nehmen, aber du hast Schiss, dass die Bullen dich routinemäßig am Bahnhof rausziehen, so wie du aussiehst.

Schießen kannst du auch nicht, sonst ruft irgendwer im Haus die Bullen und Knast ist keine Option. Du weißt, dass die falschen Leute da das Sagen haben, und wenn du reinmusst, kannst du dich gleich selbst in deiner Zelle an einem Bettlaken aufhängen.
Versteht sich von selbst, das Knast für ihn keine Option ist ;-) Würde es streichen und vielleicht den zweiten Satz leicht anpassen. Schießen kannst du auch nicht, sonst ruft irgendwer im Haus die Bullen. Du weißt, dass wenn du einsitzen musst, du dich gleich selbst in deiner Zelle an einem Bettlaken aufhängen kannst.

Du bemerkst, dass du einen der beiden Männer schon mal gesehen hast, und weil du nicht blöde bist, erkennst du, dass dein Cousin euch richtig reingeritten hat.
Das liest sich für mich so ein wenig selbst veräppelnd, finde es für sich genommen nicht schlecht, aber es passt weniger zu dem sonst harten Ton der Geschichte. Direkter fände ich es besser: Du bemerkst, dass du einen der beiden Männer schon mal gesehen hast und erkennst, dass dein Cousin euch richtig reingeritten hat.

Laptops, billiger Schmuck, Handyhüllen, Parfum, alles Mögliche liegt hier herum. Alles Schrott. Die Luft ist abgestanden und es riecht süßlich. Es passt zu dem ganzen Plastikscheiß, der nichts aushält, der sofort kaputtgeht, so wie alles hier kaputtgeht, weil alles fake und verrottet und falsch ist, in dieser dreckigen Stadt.
Behauptungen wie 'das ist alles Schrott' oder das 'alles fake und verrottet und falsch ist' muss der Text meiner Meinung nach nicht so direkt benennen, es ist auch ohne das völlig klar, wie der Protagonist die Dinge sieht.

„Was habt ihr euch gedacht?“ Er schüttelt den Kopf. „In deren Laden? Ehrlich Junge, hab euch nicht für so blöde gehalten.“
Ich würde das kürzer halten, weil eh nicht genau klar wird, was geschehen ist oder was sich in der Tasche befindet (Geld, Drogen, vielleicht Schmuck oder Waffen?). Es lenkt meiner Meinung nach nur ab.

„Haust du ab?“, fragt er und hält dir ein Feuerzeug hin. Italien, denkst du. In Livorno kennst du ein paar Leute. Da kommst du unter, da haben die nichts zu melden. Und wenn sie doch kommen, dann fickst du sie.
„Rotterdam“, sagst du und Mesut nickt.
„Halt dich unten, Junge.“
Liest man Mesuts Dialog isoliert, finde ich, ist er klischeehaft, wie so aus einem x-beliebigen Gangster- oder Bankräuberstreifen.

Er kann sich kaum auf seinen durchhängenden, stelzenartigen Beinen halten, und der einzige Grund, warum er noch steht, sind die zwei Krücken, auf die er seinen ausgemergelten Körper stützt.
Eigentlich, so wie es sich für mich liest, kann er sich ja gar nicht mehr auf den Beinen halten, oder? Dazu hat er ja die Krücken. Seine Beine hängen durch. Ausserdem ist das auch eine geballte Ladung Tristesse, die etwas überladen wirkt. Leicht kürzer fände ich daher bereits besser: Der einzige Grund, warum er sich auf seinen stelzenartigen Beinen halten kann, sind die zwei Krücken, auf die er seinen ausgemergelten Körper stützt.

Er lallt etwas, kann die Augen nicht offenhalten, dann verliert er sein Gleichgewicht, schwankt und stürzt gegen ein Regal mit Spirituosen. Es klirrt, als ein paar Flaschen umfallen und zwei oder drei auf dem Boden zerspringen. Sofort riecht es nach Alkohol.
Hier auch so ein Beispiel: Da kommt nicht nur ein völlig heruntergekommener Obdachloser rein, nein, er muss natürlich auch noch vor aller Augen zusammenbrechen und das halbe Regal mit sich reissen. Wie gesagt, an solchen Stellen bröckelt die Fassade des Texts für mich, klar ist die Szene für sich genommen 'realistisch', aber es häuft sich hier eben doch sehr, der Text will mir die Verwahrlosung zu stark aufdrängen. Mit mehr Abstand zwischen den Szenen wäre das sicher etwas anderes, aber so geht es Schlag auf Schlag, die Story erschlägt sich sozusagen fast etwas selbst dadurch.

„Hey!“, schreit Mesut ihn an. „Sieh zu, dass du rauskommst, mann!“ Er geht auf den Mann zu und in dem Moment greifst du nach Mesuts Jacke, die hinter der Kasse liegt.
Ich würd das 'Mann' im Dialog opfern, weil im nächsten Satz dasselbe Wort vorkommt. Dadurch verliert der Dialog nichts.

Der Verkäufer sieht mit toten Augen an dir vorbei auf die Straße, während er deine Sachen in eine Plastiktüte packt. An einem Stehtisch neben der Theke stehen drei Alkies, trinken Bier aus Dosen und schreien sich an. Du gehst weiter, beißt in deinen Schokoriegel und hinter dir hörst du, wie das Geschrei der drei Besoffenen lauter wird. Eine Flasche zerschellt auf der Straße.
Natürlich hat der Verkäufer tote Augen, selbstverständlich stehen da Alkis rum, die sich anschreien, auch hier tritt der Text meiner Meinung nach zu stark nach, es wirkt einfach zu übertrieben irgendwann, diese aufgezeigte Welt wird zu einer Art Parodie ihrer selbst.

Du versuchst es noch einmal, richtest dich schwankend auf, drehst dich um und siehst, dass nur noch einer von den Typen da ist. Die anderen müssen abgehauen sein. Er steht an die Wand gelehnt und schaut dich aus riesigen, angsterfüllten Augen an.
Weg damit, es ist naheliegend, erklärend, und bremst aus.

Du steckst die Waffe ein, hastest weiter den Gang entlang.
Hier war ich kurz verwirrt wegen des Gangs, aber zuvor steht, er befindet sich in einer Unterführung. Und ja, irgendwie passt es ja auch wie die Faust aufs Auge, dass die Schläger in einer Unterführung auf ihn warten (Klischee)!

Du weißt, dass du dich um deine Verletzung kümmern musst. Du beißt die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, vor den Schmerzen[,] die in Wellen kommen, pochend, von Mal zu Mal stärker werdend, und du bist nicht sicher, ob du es wirst aushalten können.
Ginge etwas direkter, finde ich, mit etwas mehr Momentum: Du beißt die Zähne zusammen, vor Schmerzen die in Wellen kommen, von Mal zu Mal stärker, und du bist nicht sicher, ob du es wirst aushalten können.

Die Leute schauen dich an, sehen den Schweiß, der dir auf der Stirn steht, und du fragst dich, ob sie dich kennen. Warum sonst glotzen sie dich denn alle an, zeigen auf dich, schauen dir hinterher und tuscheln?
Die Szene fügt nicht wirklich etwas hinzu, sie liest sich auch klischeehaft, die Passanten, die alle auf den durchgeknallten Penner zeigen, weiss nicht, wie schon zuvor gesagt, es grenzt an eine Parodie, ich würde versuchen den harten Kern und den Ton der Story konsequenter zu halten.

Dann fährt eine Bahn am Gleis ein und Hunderte Männer mit blau-weißen Schals steigen aus und rufen Parolen. Stadtderby. Du hast sogar auf das Spiel gewettet, erinnerst du dich. Damals, in einem anderen Leben. Du drängst dich an den Fans vorbei in die Bahn.
Auch hier: Klar muss grade noch Stadtderby sein :D Aber irgendwie gefiel es mir dann doch, wie er sich da durch die Fanmeute kämpfen muss! Aber ich schlage vor, nimm doch diese klischeehafte Überzeichnung 'Damals, in einem anderen Leben' raus.

Du nickst ihm zu, murmelst, dass du ihm gleich was geben wirst, wenn du wieder rauskommst, ganz bestimmt wirst du ihm was geben;
Hier stutzte ich: Wieso? Wieso sollte der Protagonist ihm in dieser Situation etwas geben? Weil mir der Text an der Stelle aufzeigen will, dass er auch 'eine gute Seite' hat, Empathie oder Hilfsbereitschaft? Es hat sich für mich jedenfalls an der Stelle nicht richtig in den Text gefügt.

Deine linke Seite ist nass, dir ist kalt und du merkst, dass deine Finger klebrig sind und voll Blut.
Naheliegend, es wird sowieso klar, wenn er sich das Blut von den Händen wäscht.

Du schließt deine Augen und denkst an Livorno, an den Hafen und das Meer.
Ja, dieses Ziel von ihm, Livorno, Verstrickung mit der Mafia, das darf natürlich auch nicht fehlen, ich denke, Du brauchst es hier am Ende, um dann in seinem (wahrscheinlichen) Tod doch noch eine Art Kontrast zu schaffen: Der Hafen und das Meer. Diese hellen Bilder, aber man durchschaut das, finde ich, es wirkt beinahe billig, zumindest aufgesetzt.

Ja, ich bin so durch den Text gehetzt, passt voll gut zu diesem Koks-Vibe, zumindest wie ich ihn mir als Nicht-Kokser vorstelle, das schiebt richtig an. Eine sorgfältige Entschlackungskur täte dem Text in meinen Augen aber gut.

Beste Grüsse,
d-m

p.s.: Nachträglichen Glückwunsch zum Challenge-Sieg. Konnte selbst nicht mitmachen, habe aber immer mal wieder gelesen. Deine Story war auch mein Favorit!

 

Also @Habentus, es ist schon sehr viel geschrieben worden zu deiner Geschichte, ich lass dir was zur Perspektive da. Wenn ich dich richtig verstanden habe, ging es dir dabei nicht um den Plot, sondern um die extreme Erzählsicht. Diese permanente Du-Ansprache ist unglaublich schwer durchzuziehen. Das liegt zum einen daran, dass viele Leser das überhaupt nicht mögen, permanent adressiert zu werden, zum anderen ist das sehr schwer, die eigentliche Geschichte mit dieser "Krücke" zu vermitteln, ohne dass es aufgesetzt oder gar künstlich wirkt. Bis auf einige wenige Stellen ist es dir so gut gelungen, dass ich die permanente Anlaberei vergessen konnte, bzw. die nicht mehr ganz so krass im Vordergrund stand. Die Ansiedelung im Drogenmilieu kommt dem schon auch entgegen, das hast du gut gewählt, denn in vielen anderen Settings würde das Distanzlose, das diese Perspektive auch mit sich bringt, überhaupt nicht funktionieren. Das mal so als Rückmeldung. Peace, l2f

 

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